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Nr. 291 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Donnerstag, 12. Dezember (929

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Industrie- und Handelskammer Gießen.

lieber die Verhandlungen in der jüngsten Sitzung der Industrie- und Handels­kammer Gtehen wird uns berichtet:

Der Vorsitzende bringt zur Kenntnis der Ver­sammlung eine Statistik über Wechselproteste, Offenbarungseide, Pfändungen und Zahlungsbe­fehle, welche ein erschütterndes Bild von der täglich zunehmenden Rot der deut­schen Wirtschaft darstellt. Dieser Rot, von welcher auch älteste und solideste Firmen nicht verschont bleiben, könne nur durch ein rasches und entschiedenes Handels der Reichs- und Län­derregierungen in der Richtung einer grund­legenden Aenderung unseres gesam- tenVerwaltungs- und Steuersystems entgegengewirkt werden. Diese schon seit Jahren von den amtlichen Verufsvertretungen geforderte und auch von den leitenden Regierungsstellen zu­gesagten Reformen lassen jedoch noch immer auf sich warten.

Der zur Vorlage gebrachte Voranschlag der Handelslehranstalt für 1930/31 wird genehmigt.

Die Kammer erklärt ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit bei der geplanten Einrichtung von akademischen Kursen für Kaufleute und Gewerbetreibende.

Der Deutsche Landwirtschaftsrat hat bei der Industrie» und Handelskammer Frank­furt a. M. eine Verbindungsstelle einge­richtet. Die Kammer wird in dem bei dieser Stelle eingesetzten Ausschuß, der eine enge Zu­sammenarbeit zwischen Landwirtschafts- und Han­delskammern herbeiführen soll, durch ihr Mitglied Leopold Mayer vertreten sein.

Es ist die Herausgabe von Vierteljahrs­berichten über die jeweilige Wirtschaftslage durch die hessischen Kammern In Gemeinschaft mit dem Verband der hessen-nassauischen In­dustrie- und Handelskammern in Anregung ge­bracht worden. Die Kammer kann eine dringende Rotwendigkeit für eine solche Einrichtung nicht anerkennen.

Von den maßgebenden Regierungsstellen wird die Wiedereinführung der Gemeinde» getränkesteuern ernstlich erwogen. Die hes­sischen Industrie- und Handelskammern haben den Deutschen Industrie- und Handelstag ge­beten, sich gegen derartige Bestrebungen zu wen­den, da die Gründe, welche seinerzeit zur Wieder­aufhebung dieser Steuern führten, auch heute noch in vollem Umfang Gültigkeit haben.

Mit einem Antrag der Handelskammer Bramr- schweig, welcher dahin geht, die deutsche Schrift allmählich durch die Lateinschrift zu ersehen, konnten sich die hessischen Kammern nicht einverstanden erklären. Sie werden im Gegenteil warm für die Erhaltung der deutschen Schrift eintreten, damit deutsches Kulturgut nicht ver­loren geht.

In einer Sitzung des Stenographenprüfungs- amtes der hessischen Industrie- und Handels­kammern wurde beschlossen, von der Einführung einer Maschinenschreiberprüfung zu­nächst abzusehen. Für die Geschäfts st eno- graphenprüfungen ist die Einführung einer Vorprüfung in 120 Silben beschlossen worden.

Ein Antrag des Verbandes deutscher Bücher­revisoren, der dahin geht, in erster Linie ver­eidigte Bücherrevisoren als Per­sonen des praktischen Geschäfts­lebens zu Konkursverwaltern zu bestellen, wurde seitens der hessischen In­

dustrie» und Handelskammern beim Justizmini­sterium befürwortet.

Eine Eingabe des Allgemeinen Deutschen Auto­mobilclub E. D., welche die Aufenthalts­steuer für ausländische Kraftfahr- z e ug e aufgehoben sehen will in der Annahme, daß das Ausland zum Ausgleich die gleiche Verfügung trifft, ist dem Deutschen Jndustrie- und Handelstag zur weiteren Verfolgung über­geben worden.

Der Hessische Industrie- und Hanöelskammer- tag hat sich mit der Frage einer Zwangs- Haftpflichtversicherung für Kraft­fahrzeughalter befaßt und ist zu dem Er­gebnis gekommen, daß bei der starken Ausdeh­nung des Autoverkehrs eine solche nur befür­wortet werden kann. Im Falle ihres Zustande­kommens müsse jedoch dem Automobil in der gleichen Weise gesetzlicher Schuh gewährt werden, wie der Eisenbahn. Außerdem sei Vorsorge zu treffen, daß die bereits von einzelnen Berufs» genofsenschaften auf freier Grundlage getroffenen Sondereinrichtungen bestehen bleiben könnten.

Der Hessische Industrie- und Handelskammer» tag hat durch die sämtlichen hessischen Zeitungen einen Artikel veröffentlicht, der sich an Vereine und dergleichen mit der Bitte wendet, die An­forderungen an Firmen des Handels und der Industrie um unentgeltliche Stiftungen zu Festen und Veranstaltungen einzu­schränken, oder ganz zu unterlassen. Diese An­forderungen, deren Gewährung die Geschäftsleute nicht glauben abschlagen zu dürfen, werden mit der Zeit zu einer unangenehmen Belästigung und finanziellen Belastung, die bei der heutigen Wirtschaftslage nicht mehr zu verantworten ist.

Eine Eingabe der Zigarrenhändler von Gießen an die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. be­faßt sich mit der Verkaufszeit der Zi» aarrenv er kauss stelle in der Bahn­hofshalle. Diese Verkaufsstelle ist durch die Verlegung der Sperre jedermann ohne Bahnsteig­karte zugänglich, wird aber trotzdem nach wie vor auch zu Zeiten offengehalten, in denen die ortsanfässigen Geschäftsleute ihre Läden geschlos­sen haben müssen. Da dies für die Zigarren­händler eine empfindliche Schädigung bedeutet, haben sie die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. gebeten, zu veranlassen, daß die außerhalb der Sperre liegende Verkaufsstelle die gesetzlichen Ladenschlutzzeiten einhalten muß. Es fei dies um so leichter möglich, als für den Bedarf der Reisenden innerhalb der Sperre und in den Wartesälen reichlich gesorgt ist. Die Kammer hat diese Eingabe bei der Reichsbahndirektion drin­gend befürwortet. Leider ist der Eingabe der Erfolg versagt geblieben; in Gemeinschaft mit dem Verein wird jedoch die Kammer ihre Be­mühungen in dieser Richtung fortsehen.

Die Kammer hat ans Anlaß eines bestimmten Falles das Krcisschulamt Gießen gebeten, in eine Prüfung der o.age einzutreten, wie die Unterrichtszeit in den ländlichen Mädchenfortbildungsschulen den Be­dürfnissen der Wirtschaft besser als bisher an- gepaht werden kann.

Der Vorort des hessischen Industrie- und Handelskammertags hat sich an die hessischen Reichstagsabgeordneten mit der Ditte gewandt, dem Gesetzentwurf über den 5-Hhr-Laben° schluß am Heiligen Abend die Zustim­mung zu versagen.

Bezüglich dec Festsetzung eines Mindest-Auf- schlages auf die Mindestpreise von Branntwein un dBr a n n t w ei ne r z e u g-

Das Erbe des Herrn von Anstetken.

ZRoman von Z. Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtsschutz durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

24 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er muhte die Augen abwenden, um nicht selbst schwach zu werden. Er begann ihr zu berichten:

Unter den Gästen von Mister Selthon war auch der Attache der österreichischen Botschaft in Wien. Von dem habe ich alles erfahren. Hans Peter war bereits seit zwei Tagen ab» fängig, als man nach ihm suchte. Jedenfalls at man auf Anstetten angenommen, er wäre, ohne Bescheid zu geben, verreist. Dann sickerte das Gerücht durch, daß beerensuchende Frauen frühmorgens auf einer Lichtung einen Mann gesehen hätten, der mit durchschossener Brust auf dem Rücken tag. Sie hätten sich vor Schrecken erst davongemacht und als sie später wieder Rachschau hielten, sei er verschwunden gewesen. Rur eine große Blutlache habe sich noch vorge» funden. Du mußt nicht so fürchterlich zittern, Kind. Durch irgendeinen Zufall wurde ermittelt, daß Oertzen am gleichen Morgen ebenfalls nach der Lichtung gegangen war. Wie sich die Sache in Wirklichkeit abgespielt hat, vermag natürlich nur er zu sagen."

Er ist hier."

In Ostende?"

Ja! Ich habe ihn gestern nachmittag gesehen."

Lötzen gab die Tochter freiIch gehe sofort und lasse mir von der Kurverwaltung seine Adresse herausschreiben. Dann haben wir Ge­wißheit." Ein mattes Hoffen trat in sein Ge­sicht. Er klingelte der Zofe und befahl ihr, bei der Herrin zu bleiben, bis er zurück wäre.

Schon nach einer halben Stunde erschien er wieder und Brunhilde las sofort aus seinen Zügen, daß der Gang zDecklos gewesen war. Laut vorliegender Tlbmeldung war Oertzen mit Gattin am Rachmittag abgereift, unbekannt wohin.

Der Mörder flüchtete vor den Händen der Gerechtigkeit.

Bernd sprang mit der Elastizität seiner sieb­zehn Jahre aus dem Bett und reckte die Arme. Er hatte wundervoll geschlafen und noch wun­dervoller geträumt Das Wasser stürzte aus den vernickelten Hähnen des Marrnorwascht sches und überschüttete ihm Gesicht und Racken mit köst­licher Frische.

So früh schon auf dem Damm, Großpapa?" Er griff nach dem Frottiertuch und massierte Kopf und Rücken.War s schön auf Mister Selthons Jacht? Sie soll ein ganzes Wunder­ding fein. Wartest du auf mich? Dann bitte gedulde dich noch fünf Minuten, ich bin gleich fertig!"

Ec streifte den Pyjama ab und schlüpfte in fein Beinkleid.Ist Mama schon wach?"

..Schon lange, Bernd. Aber sie ist sehr un­päßlich wegen der großen Sorge, die sie sich um Papa macht."

Hm Vater?" t

Ja, Kind. Sie hat Rachricht bekommen eine telephonische Rachricht, Bernd, daß er einen schweren Malariaan?ali hat und euer Heim­kommen dringend erwünscht ist."

Das Knabcng-sicht verblaßte.Großpapa! Die Wahrheit!"

Wie klar und rasch er kombiniert, urteilte Löhen. Aber vorläufig genügte das, was er ge­sagt hatte.Es ist so, mein Bub, w e ich dir berichtet habe. Schwere Malaria! Ein außer­ordentlich bcforgniserregender Anfall. Die Ma­ma packt bereits. Hm 9.45 Hhr geht der Expreß. Sie hat in diesen scheueren Stunden niemand als dich, Bernd. Ich bitte dich, ihr ein guter Sohn zu sein."

Bernd stand gegen die Wand gelehnt und schlang mit zitternden Fingern die Krawatte über dem bastseidenen Hemde.Wann können wir frühestens zu Hause sein?"

Roch heute abend mein Junge. Wir er­reichen in Brüssel das Flugzeug nach Köln und steigen dort in das nach Münzen über. Gegen acht Hhr sind wir in Wien. Die Mama Has bereits den Wagen telegraphisch an den Flugplatz bestellt."

Bernds schlanke Gestalt löste sich von der Wand und kam auf den General za:Groß­papa, wenn du mir nur aus Barmhe zigkeit etwas verschweigen willst, ich könnte dir die Lüge nie verzeihen."

Löhen wandte den Blick ab, die Augen des Knaben sahen ihm bis in die Seele, aber die Wahrheit, die er verlangte, durfte ihm nicht geoffenbart werden! Jetzt noch nicht. Sie würde ihn fürchterlich genug treffen, wenn er sie ein­mal erfuhr. Er mußte bei feiner Lüge bleiben.

Bernd fühlte, wie seine Knie steif waren, als er jetzt an der Seite des Großvaters zur Mutter hinüberging, ihrGuten Morgen" zu wünschen. Ihr Anblick machte - sein Herz auf­weinen. Wie über alles mußte sie den Vater lieben, daß innerhalb weniger Stunden diese bleiche, hohlwangige Frau aus ihr geworden war, weil sie sein Leben in Gefahr wußte.

Du mußt nicht so verzveifelt sein, Mama." Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie zärtlich.Wie viele Fieberanfälle hat

nissen im Kleinhandel haben sich die beteiligten Wirtschaftskreise im Rhein-Main-Gebiet unter der Führung der Handelskammer auf den Satz von 30 v. H. geeinigt.

Ohm-Lumdatal-Gängerbund.

'!' Mücke, 9.D.z Gestern f nb in Weife bachs Gastwirtfchaft der oiebjuhrige Dirigenten­tag des Ohm-Lumdatal-Sängerbun- d e s statt. Cs wurden zunächst organisato­rische Fragen besprochen, die hauptsächlich die ©aucintci.ung angingen. Alsdann wurde wieder einmal die immer wieder auftretende Frage der Vereinigungen zum Schuh bei geistigen Eigen­tums erörtert. Die Vereine finb in Sachen ber Chormusik unb -texte burch Beiträge an bie be- stehenben Körperschaften versichert, aber es machen fich in neuester Zeit Strömungen gelten!), bie auch bie etwa aufgeführten Theaterstücke unter

denselben Zwang stellen wollen. Daß durch alle diese Dinge den nicht sehr mit materiellen Mitteln gesegneten Vereinen große Schwierigkeiten und Geldopfer entstehen, läßt sich denken. Man muß zwar dem geistigen Eigentum Schuh zugestehen, aber die geforderten Beträge finb entschieden zu hoch, so baß sie ben Vereinen schwer werden. Zum Gauchormeister wurde einstimmig Lehrer Dönges, Merlau, gewählt. Das mit dem Wer­tungssingen verbundene nächste Dundesfest findet am 25. Mai 1930 in Freienseen statt. Weiterhin beteiligt sich der Bund an dem Fahnen­weihfest des Burg-Gemünder Vereins, bas am 6. unb 7. Juli 1930 abgehalten wird. Als Preisrichter für das Wertungsfingen wurde Mu­siklehrer Blaß bestimmt. Das vom Musilaus- fchuß erwählte Pflichtlied heißt:Mein Lied" von Führmann. In bezug auf das Wah'.lied wurde festgelegt, daß man ein Lied im Volkston als Wahllieb für das gegebene erachtet.

Hessische Vereiuigmg für Vmskmde.

Zahresiagung in Lauterbach.

(Von unserem Sonderberichterstatter.)

* Lauterbach, 8. Dezember.

Die hessische Vereinigung für Volkskunde hielt gestern unb Heu e hier ihre Jahrestagung ab, bie von Kreisschulrat Lorenh umsichtig vorbereitet war. Ober» studienrat Professor Keller (Friebberg), ber bie Veranstaltung für den am Erscheinen ver­hinderten Vorsitzenden ber Vereinigung, Ober- ftubienbireftor Dr. Faber, leitete, eröffnete mit herzlicher Begrüßung, die vor allem auch den Gästen galt. Die Tagesordnung umfaßte zwei wichtig: vol s'undliche Referate.

Zunächst sprach Lehrer Bernhard (Hei- mertshaufen) in mehr als einftünbigen, tief» schürfenben und fesselnden Ausiührungen über

Volksglaube".

An einführenden Gegenwartsb>eispi:len aus dem Kreise Alsfeld tonnte der Redner zeigen, daß ber seßhafte Mensch des Lanf.es im Gegen­satz zum Städter einen viel lebhafteren Glauben an eine übersinnliche Welt hake Der urwüchsige Bewohner verhält sich den übersinnlick e i Mäch­ten gegenüber nicht untätig; er bekämpft sie, wie das Beispiel des Hexentreibens in der Wal­purgisnacht zeigt, wo sie ihm Schaben bringen. Wirksam kann in bieser Abwehr berbösen Geister" auch das W o r t in der richtigen Anwen­dung sein, b. h. in ber Gestalt ber magischen Formeln, wie sie in den Segen- unb Zauber­büchern niebergeschrieben finb. Diese Gesahne- heste spielen heute noch eine gewisse Rolle, finb aber nicht leicht zu verschaffen, einmal weil sie durch ihr Alter familiär geheiligt finb, dann aber auch, weil ber Eigentümer nicht in den Ruf kommen mochte, als abergläubisch oder rück­ständig angesehen zu werden. Die Segen» und -Beschwörungsformeln haben ben Hrsprung in dem aniiien griechisch-römischen Glauben, im germa­nischen Heidentum, oder sie finb Heberreste wis­senschaftlicher Anschauungen früherer Zeit, kön­nen jedoch aus ber Gegenwart stamme:!. Rebner behanbelte eingehend die Segen, die er in ber Umgebung in über dreißigjähriger Arbeit ge­sammelt hat, unb er zeigte ben aufmerksamen Zuhörern, wie das Wort in befehlenbem Ton die bösen Geister bannt. Bezüglich der Wirkung der Formeln spielt bie Einbildung (Suggestion) des Hilfesuchenden eine große Rolle. Auch die äußere Form der Sprüche ist angetan, Tertrauen einzuslößen. Denn heilige Tarnen werden viel­

fach mit den Segen in Verbindung gebracht. Bei» fpiele veranschaulichten, daß Ge.e und Zauber­formel eng miteinander verwandt finb. Der Aber­glaube ist ein Ritus eines lebendigen Glaubens gewesen, ist bann aber herabgesunlfen zu einer Schale vH ne Kern. Es wirb deshalb Aberglauben geben, solange sich die Menschheit entwickelt. Für Leute, die mit dem Volke zu tun haben, ist es von großer Wichtigkeit, sich mit dem Aber­glauben, in dem immer als Unterton wahrer Glauben mitschwingt, zu beschäftigen, um schäd­liche Formen bekämpfen und falsche Meinungen durch richtige ersetzen zu können. Heute noch gilt, damit schloß der Redner, das Wort Ernst Moritz Arndts:Scheue dich nicht, das zu schonen, was viele Kluge Torheit und Aberglauben schelten!"

Rach lebhaftem Beifall dankte Prof. Keller dem Redner für die interessanten Darlegungen, bie eine Lebensarbeit darstellen, und nahm selbst in längeren Ausführungen Stellung zum Aber­glauben. Sein Vorschlag, bah Lehrer Bern­harb seinen Vortrag am Predigerseminar und an den Pädagogischen Akademien vor den zu­künftigen Seelsorgern und Erziehern des Land­volkes halten müsse, fand lebhafte Zustimmung.

Heber das in Hessen noch wenig bearbeitete Gebiet der

Volksbokanik

hielt Lehrer O h w a l b (Bab-Rauheim) ein ein- führenbes Referat. Rach einem anschaulichen! Heberblick über bas Arbeitsgebiet ber Volks­botanik regte ber Vortrag zur Sammelarbeit auf bem Gebiete an. Volkskundler unb Botaniker werben sich babei die Hand reichen unb zunächst gemeinsam einen Fragebogen ausarbeiten. In erster Linie gilt es, bie Voltsnamen ber Pflanzen zu sammeln, bie oft viel bildhafter finb, als die wissenschaftlichen Bezeichnungen. Dann aber muß bie Arbeit auch auf bie Zusammentrayung bes sonstigen voltsbotanischen Materials bedacht sein. Die Beziehungen der Pflanzen zum Kinderspiel, Fragen der Volksmedizin, die Stellung der Pflan­zen im Volksglauben, kirchliche und sonstige Bräuche sind zu beachten, und auch der kultur­historisch fo unteressanten Flora der alten Tauern­gärten und Friedhöfe verdient alle Aufmerksam­keit. Lehrer O ß w a l b führte zum Schluß seiner anregenden unb sehr beifällig aufgenommenen Ausführungen aus, baß, wie auf anberen Ge-

Papa nicht schon überstanden! Zuletzt den in Dardsch'.ling, der doch so schwer war, wie er mir damals schrieb. Wenn wir erst z i Hause finb, wirb es sicher halb wieder aufwärts mit ihm gehen. Vielleicht sehnt er sich auch nur so fehr nach uns. Ich mache mir nun doch Vor­würfe, daß ich nicht bei ihm geblieben bin.

Statt aller Antwort drückte Brunhilde das Gesicht gegen bie Schulier ihres Jungen und weinte, weinte in so qualvoll heißer Reue und Verzweiflung, daß Bernd bis zur Abfahrt keinen Schritt mehr von ihrer Seite wich.

Auf die Sekunde donnerte der Expreß aus der Halle des Bahnhofs.

Jedes Wort, das Bernd sprach, jagte Brun­hilde einen Schauder über den Rücken. Roch besaß sie die Liebe ihres Kindes! Roch legte sich sein Arm tröstend um ihre Schultern unb lehnten feine warmen Hände ihr gramverzerrtes Gesicht gegen das seine.

Mutter, ich kenne dich nicht mehr. Er ist doch nicht gestorben, Mutter! Dann würbe ich ja be­greifen, daß du so über die Maßen elend bist! Aber so sehen wir ihn doch heute abend. Wir teilen uns in seine Pflege, du unb ich. Ich habe noch acht Tage Ferien! Bis dahin muß er gesund fein!"

Brunhilde fand kein Wort. Sie schloß die Augen, um das Gesicht des Sohnes nicht mehr zu sehen, welches dem anderen so ähnlich war dem anderen, welches da irgendwo in die Erde verscharrt, verwesen unb verfaulen mußte.

Lotzen warf ab unb zu einen Blick zu ihr hinüber. Dann bog sich uye Leib zusammen unb ihre Finger tasteten nach denen des Knaben, ber noch ein letztes, allerleh'.esmal seine ganze Sohnesliebe an sie verschwendete.

Morgen war ihr auch diese verloren. Der General hatte eine Flasche weißen Bordeaux in das Abteil bringen lajen unb zwang sie ab und zu, ei,nen Schluck davon zu nehmen. Ein Zusammenbrechen ihrer Kraft im Flugzeug mutzte unter allen Umständen vermieden werden.

Köln tauch '.e, von Sonne überflutet, am Rande ber Riefenebene auf und rückte immer näher. Endlich stoppte bie Maschine. Die Zofe mit bem Gepäck blieb zurück. Rur einen kleinen Handkoffer nahm Bernd an fich unb bestieg mit Mutter unb Grotzvater bas Auto, welches sie nach bem Flughafen brachte.

Zehn Minuten später hob sich der Doppel­decker in eleganter Schraubenlinie in das Blau des Himmels unb nahm bie Richtung nach ©üb« osten. Wie ost hatte Bernb gewünscht, eine solche Reise machen zu bürsen. Run war fein Traum erfüllt, aber bie Freube war jäh burchschnitten unb nur das Sehnen blieb, ber Vogel möchte schneller fliegen, noch schneller, um bald bie

Türme Wiens aus tauchen zu sehen, die ihn ber Heimat näher brachten.

3n München nochmals eine kurze Ruhepause von einer Stunbe, bann nahm man in ben Kabinen Platz, um über Salzburg nach ber Kaiserstabt zu kommen. Brunhilb.s Augen starr­ten burch bie großen Fenster, in bas Gleißen ber Spätnachmittagssonne, wenn sie jetzt allein hier säße, würbe ihre Rot unb Qual schon in ben nächsten Minuten ein Enbe haben. Ein Sprung aus bieser Höhe von über tausend Meter unb sie würde in Atome zerschmettert sein. Es würde niemand mehr g:b:n, der ihr die Ruhe, nach der sie sich so maßlos sehnte, entreißen konnte.

Sie sah zu Bernd hinüber unb gewahrte den Ausdruck der Freude in seinem Gesicht. Die Ju­gend seiner siebzehn Jahre hoffte noch! Würde hoffen, bis bie Wahrheit mit ehernen Fäusten auf ihn einhieb. Ab:r noch lagen Stunden vor ihm, bis er bas > Gräßliche erfahren sollte.

Löhen griff ab unb zu nach ben Händen der Tochter unb nickte ermuntern!), richtete ben Blick auf den Enkel unb mahnte Brunhilbe mit ben Augen, sich tapfer zu zeigen.

Als der große Vogel über Wien kreiste, lag die Kaiserstabt in die sanfte Glut des unter- gehenden Tagesgestirns getaucht. Das Kreuz der Stephanekirche flimmerte wie gleißendes Gold. In breitem Bande schob die Donau ihre Wasser nach Osten. In eleganter Spirale lenkte ber Pilot ben Doppeldecker auf den Flugplatz unb zwang die surrenden Propeller zur Ruhe.

Zwischen Bernd unb bem Vater schreitend, ging Brunhilde in halber Bewußtlosigkeit zum Ausgang, sah den blauen Daimler warten unb mußte nach dem Arm des Generäls greifen, um nicht umzusinken.

Bernd stand schon neben dem Chauffeur.Wie geht es meinem Vater?"

Ratlos glitt dessen Blick nach bem General, der rasch auf ihn zukam.Ist eine Aenderung im Befinden meines Schwiegersohnes einge­treten?

Dieser hatte Blick und Frage sofort begriffen. Es ist immer das gleiche, Exzellenz."

Löhen hob die Tochter in ben Fonb unb legte ihr bie Decke über bie Knie.Komm, Bernb!" Er hielt den Schlag für den Enkel zurück und stieg als letzter ein. Fahren Sie lang­sam, befahl er so leise, datz nur ber Chauffeur es vernehmen konnte.

Drunhilbes Finger lagen ineinanbergcfrallt Ich kann nicht mehr!" Sie lehnte ben Kopf in die Ecke und riß Bernds Hände an sich.Vater ist nicht am Fieber krank------ er ist vermißt."

Hilde!" Lötzen hielt die Augen bet Tochter durch seinen zwingenden Blick in Dann.

Bernds Augen wurden groß unb starr.

(Fortsetzung folgt.)