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Samstag, 12. Oktober 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 240 Drittes Blatt

Lugend und Hochschule.

M und neue Pädagogik.

Von Prof. Dr. <5. Lunge.

Dor 120 Jahren, als französische Soldaten unser Land besetzt hielten, da war es Fichte, dec die Erneuerung Preußens vorbereitete. Er hielt seineReden an die Deutsche Ration", worin er vor allem eine andere Erziehung for­derte. Auch heute nach dem großen Kriege ist das Gefühl allgemein, daß wir unsere An­sichten über Bildung und Erziehung ändern müssen, und zwar herrscht dies Gefühl nicht nur bei den besiegten, sondern auch bei den Sieger- Völkern. Ein Zeichen sind die großen pädagogl- schen Weltkongresse, von denen erst kürzlich wieder zwei stattgefunden haben: der eine in der Schweiz in Genf, der andere im dänischen Helsingör. Wenn hier wie dort Engländer und Amerikaner, Inder und Chinesen zusammenge- kommen sind, dann waren allerdings ihre Sor­gen nicht immer die unsrigen. und vieles, was auf diesen Kongressen verhandelt wurde, ift für uns ichwer verständlich oder von geringer Be­deutung. Immerhin mag es gut sein, wenn wir einmal fragen, worauf denn die neue Pädagogik eigentlich hinaus will, ob sich denn aus ihren Lehren nicht einiges entiiehmen läßt, was für unsere alltäglichen Verhältnisse paßt.

Die alte Pädagogik hielt es mit dem Grund­satz, den Reuters Onkel Bräsig über die Kalt­wasserbehandlung aufstellte:Alles was schlecht schmeckt, was dem Menschen eklig ist und wovor er einen Grugel hat, das ist gesund für den menschlichen Leib". Z. B. ein Kind sitzt nicht gern lange still; also müßte es stillsihen lernen, und es galt als ein großer Segen der Schule, daß es dazu angehaltcn wurde. Ein Kind hat auch eine andere Sprache als die Erwachsenen. Es kommt ihm ausmir" undmich" nicht an, überhaupt sind ihm alle Regeln der Sprache höchst gleichgültig. Also, sagte man. muh es diese Regeln lernen, und Lehrer und Lehrerin müssen ihm die Fehler mit roter Tinte und anderen Mitteln austreiben.

Man wird zugeben, daß die alte Pädagogik nicht immer viel erreicht hat. Ein gesundes Kind entwickelt seine Sprache von selbst, während es heranwächst. Es wird ohne viel Rachhilfe schließ­lich richtig deutsch sprechen, vorausgesetzt, daß die Eltern es tun. Wenn es aber hieran fehlt, dann mag sich der Lehrer noch so sehr be­mühen, es wird die Fehler nie ablegen. Ein gesundes Kind kann und darf auch nicht lange stillsihen; wenn ein Kind sich dauernd ruhig verhält, ohne dazu gezwungen zu sein, dann ist cs krank. Die Ratur hat es nun einmal so einge­richtet, daß in den Iahren des Wachstums der Bewegungstrieb am stärksten ist. Man rechnet sogar die Bewegung zu denWachstumsreizen", d. h. man meint, daß ohne starke Bewegung das Wachstum nicht recht vonstatten geht. Daß die Unruhe der Kinder den Erwachsenen manch­mal aus die Rerven fällt, wollen wir nicht bezweifeln und es ist durchaus begreiflich, wenn die Eltern froh darüber sind, daß die Schule da« Kindbeschäftigt", nämlich viele Stunden an die Schulbank oder an die Schularbeiten fesselt. Die moderne Ansicht ist ebenfalls, daß Kinder beschäftigt werden müssen, nur sollen sie nicht so viel stillsitzen. In diesem Punkte sind nun viele heutige Schulen schon sortschritt- licher als die Eltern. Der alte Sih- und Lern- unterricht der Schule ist doch schon vielfach in eine zweckmäßigere Lehrform umgewan'.elt wor­den, die eben dem Verlangen des Kindes, sich zu bewegen und alle Sinne zu gebrauchen, besser entspricht. Das Lesenlernen geschieht oft auf die Weise, daß das Kind mit ausgeschnittenen Buch- staben hantiert, beim Rechnen werden kleine Klötze oder Kugeln benutzt. Der botanische Unter­richt wird soviel wie möglich ins Freie ver­legt, und oft sieht man das schöne Bild, wie Kinder unter Leitung des Lehrers im Garten arbeiten. Ein großer Fortschritt ist auch der, daß in den oberen vier Iahrgängen der Volks­schule vielfach zwei Stunden Werkarbeit in der Woche eingerichtet sind. Hier werden die Schüler mit mancherlei praktischer Tätigkeit, vor­wiegend mit Papp- und Tischlerarbeiten, be-

schästigt. Leider fehlen nur für diese neuzeit­lichen Ünterrichtsforrnen ost die Räume. In Zukunft wird es damit besser werden. Bel der Reueinrichtung von Volksschulen in Preußen soll künftig immer ein Raum für Werkunterricht und eine Küche für den hauswirtschaftlichen Unter­richt vorgesehen werden, ebenso Einrichtungen für den Unterricht im Freien, nämlich eine Rasenfläche, bewegliche Sitze, ein Sandkasten usw. Hoffen wir, daß es auf diefem Wege weitergeht.

Auch in der höheren Schule könnten in allem naturwissenschaftlichen Unterricht die Kinder reichlich zu eigner Handarbeit herangezogen wer­den. Aber es ist wohl vielfach die Meinung, daß dies mit demwissenschaftlichen Geist" der höheren Schule nicht recht vereinbar sei. In dem sprach­lichen Unterricht, der fast die Hälfte der ganzen Schulzeit einnimmt, ist ja eine körperliche Be­tätigung der Schüler kaum durchzuführen. Run liehe sich dieser sehr Wohl einschränken, wenn man mehr auf die Beherrschung der Sprache abzielte, also auf das Sprechen und Lesen in der frem­den Sprache. Die Schule hat für die Erlernung einer fremden Sprache in der Regel einige tausend Unterrichtsstunden angeseht, für das Lateinische auf dem Gymnasium z. D. über 2000 Stunden, für die erste Fremdsprache auf den Realanstal­ten, fast 2000 Stunden und dazu muß man noch ebensoviele Stunden für häusliche Arbeit rech­nen. Dagegen wird nach einer der neueren Me­thoden eine fremde Sprache in einigen hundert Stunden erlernt Die Schule könnte ihren Sprach­unterricht und ihren ganzen Lehrgang abkürzen,

wenn sie von der Meinung ablassen wollte, daß das Sprachenlernen eine besondere, geheimnis­volle Wirkung auf Geist und Charakter ausübe, die sogenannte formale Bildung. /Alan kommt dabei ungefähr auf die oben angeführten Reuter-Worte:Alles was dem Menschen eklig ist, wovon er keinen Sinn einsieht, und wovor er ein Grauen hat. das ist gesund für den mensch­lichen Geist." Es hat eben keinen Wert, in alt­herkömmlicher Weise Grammatik und Sprach­zergliederung oder künstliche mathematische Buch­stabenrechnungen als Selbstzweck, d. h. wegen der abfallenden formalen Bildung zu betreiben, son­dern man sollte dafür Schüler und Schülerinnen mit Dingen beschäftigen, nach denen sie verlangen und die sie später brauchen können; geistige Schulung gibt es dabei auch.

So haben sich denn auch Psychologen und Pä­dagogen in allen Ländern schon gegen den unseli­gen Glauben an formale Bildung ausgesprochen, genannt sei nur der Amerikaner William I a m e s und der englische Schulmann S l e i g h t. Rach den Lehren der neueren Pädagogik seht echtes geistiges Wachstum vor allem Freudig­keit und Lust zur Sache voraus und eine volle Entwicklung der Persönlichkeit wird überhaupt nicht durch Lernen in der Schule, sondern nur durch praktische Teilnahme am Leben erreicht. Goethe hat das auf feine Art ausgesprochen:

6aa ich. wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet

Rur das Leben den Mann, und wenig bedeuten die Worte."

Das künftige Studium der Technik

Von Mar Fischer.

Als Band 10 derAbhandlungen und Berichte über technisches Schulwesen" ist kürzlich der Be­richt über die Hochschultagung in Dresden vom 29 Rovernber 1928 erschienen. Er enthält die Vorträge von Professor Dr.-Ing. R ä g el über Lehraufgaben der technischen Hochschule", von Professor Dr.-Ing. ehrenhalber M a t s ch o ß über Entwicklungsrichtungen an ausländischen Hoch­schulen", von Professor Dr.-Ing. P r o b st über Die Rotwendigkeit der planmäßigen Behandlung der Grenzgebiete an den technischen Hochschulen", von Professor Dr.-Ing. Zenneck überDas Prüfungswesen an den technischen Hochschulen", von Professor Dr.-Ing. He i d e b r o e k über Das Konstruieren als systematisches Lehrgebiet und von Professor Dr.-Ing. R e u m a n n über Forschung und Lehre, Hochschule und Forschungs­institut". , , _. « ,

Hieran schließt sich die ausführliche Wiedergabe der an die Gesamtheit der Vorträge anschließen­den Erörterung, in der auch hervorragende Män­ner der Industrie zu Wort tarnen. Zum Schluß wird eine Zusammenstellung der Ergebnisse ge­geben, für die Geheimer Daurat Dr.-Ing. ehren­halber de T h i e r r y, Geheimer Daurat Dr.-Ing. ehrenhalber L i p p a r t und Dr.-Ing. ehrenhalber K ö 11 g e n zeichnen. Diese Ergebnisse sind für die künftige Gestaltung des Studiums der Technik so wichtig, daß sie hier wenigstens im Auszug wiedergegeben werden sollen:

1. Die Technik hat in allen ihren Zweigen eine unübersehbare Fülle von Anwendungsmög­lichkeiten gefunden, deren Zahl und Mannigfal­tigkeit stetig steigt. Die Erziehung des Ingenieurs kann nur an wenigen Beispielen aus dieser Fülle durchgeführt werden, da das Studium auf keinen Fall verlängert werden darf. Gleichzeitig muh auf die begrenzte geistige Aufnahmefähigkeit der Studierenden Rückficht genommen werden, die es erforderlich erscheinen läßt, die Zahl von 30 Dorlesungs» und Pflichtübungsstunden in der Woche als obere zulässige Grenze zu betrachten. Aufgabe der technischen Hochschule ist es, die lehrhaften Beispiele auszuwählen, an deren Hand die Grundlehren technischen Schaffens möglichst vorteilhaft übermittelt werden können. Der gesamte Unterricht auf technischen Gebieten muh 6em Streben nach Wirtschaftlichkeit Rech­nung tragen, das alles technische Schaffen be­herrscht. ___

2. Für den Wirkungsgrad des Studiums an den technischen Hochschulen ist die Vorbildung der Studierenden auf den höheren Schulen von großer Bedeutung. Die technischen Hochschulen müssen hierauf Einfluß nehmen, indem sie die schon an einigen technischen Hochschulen eingeführte oder eingeleitete Ausbildung der Lehramtskandidaten der Mathematik und der Raturwissenschaften übernehmen. Die auf den technischen Hochschulen ausgebildeten Lehrer werden besonders geeignet fein, auf den höheren Schulen das Verständnis für die Stellung der Technik im Bilde der heu­tigen Kultur zu übermitteln; sie werden aber auch die Schwierigkeiten des technischen Studiums kennengelernt haben und dadurch ungeeignete Schüler davon abhalten können.

3. Eine weitere sehr wichtige Voraussetzung für gute Lehrerfolge ist die Verminderung des übergroßen Andranges Studierender zu vielen Lehrfächern und die rechtzeitige Ausmerzung un­geeigneter, unter dem erforderlichen Durchschnitt begabter Studierender aus dem Fachstudium. Es erscheint zur Zeit nicht angängig, die Zahl der Studierenden durch Zwangsmahnahmen Be­grenzung ihrer Zahl, Aufnahmeprüfungen usw. zu beschränken. Dagegen besteht in der scharfen Handhabung der Vorprüfungen eine wirksame Möglichkeit hierfür. Es ist notwendig und richtig, den Studierenden schon dort nicht erst im weiteren Verlauf des Fachstudiums zu einer Rachprüfung seiner Berufswahl zu zwingen. Die Wichtigkeit der grundlegenden Fächer, wie sie etwa mit der Vorprüfung abschlietzen, mutz den Studierenden immer wieder zum Bewußtsein ge­bracht werden. Dersäumnisfe aus den ersten Se­mestern können unter Tim ständen im späteren Studium und im Leben nicht wieder eingebracht werden und bedeuten dann einen bleibenden Ver­lust. Äe Anforderungen, die von außen her an die Lebensführung der Studenten in den An­fangssemestern gestellt werden (Sport, Verbin­dungswesen usw.), müssen mit dieser Rotwendig­keit in Einklang gebracht werden.

4. Wegen des starken Andranges zum Studium ist ferner die Schaffung einer genügenden Anzahl entsprechend besoldeter Assistentenstelle eine drin­gende Forderung. Sie soll die notwendige stän­dige Fühlungnahme zwischen Lehrern und Schü­lern erleichtern aber nicht etwa ersetzen.

5. Die innerhalb der reichsdeutschen technischen Hochschulen zum Teil schon bestehende Freizügig­keit ist auszubauen. Ein ilebergang an eine an­dere technische Hochschule soll ohne Zeitverlust in der Regel am Ende eines Studienjahres, unter allen Umständen nach der Vorprüfung möglich ein. Die Freizügigkeit mit den ausländischen, in erster Linie mit den deutsch-österreichischen technischen Hochschulen ist anzustreben.

Diesen Richtlinien kann man nur von ganzem Herzen zustimmen, besagen sie doch nichts anderes als das, daß man dem zukünftigen Ingenieur auf der Hochschule die Grundlagen geben muß, auf denen fußend er sich mit dem gesunden Men- chenverstand in die Sonderausgaben hineinfinden muß und kann, die ihm der Beruf stellt. Es kommt nun alles darauf an, daß die wertvollen Ergebnisse der Tagung allen Widerständen zum Trotz, wie sie sich aus dem natürlichen Be­harren im Hergebrachten leicht ergeben können in die Wirklichkeit itfngefetjt werden, denn nur wenn dies geschieht, können wir im Wett­bewerb der Völker auf die Dauer bestehen.

Was kann man studieren?

Studienziele und Studiendauer.

Von Erich Brandt.

In dem großen Heer der Abiturienten, die zu Be­ginn jedes neuen Semesters unsere Hochschulen be­stürmen, finden sich immer wieder viele, die in der Wahl ihres Studienfaches noch unfchlüfsia sind. Da- bei wissen die meisten gar nicht, wie viele Studien- Möglichkeiten ihnen offenstehen, und in welchen Rich­tungen sie sich, ihren besonderen Fähigkeiten und Wünschen entsprechend, spezialisieren können. Es sei daher hier versucht, die Mehrzahl dieser Möglich­keiten zu zeigen. Wegen der engeren Berufswahl wird es jedoch in Anbetracht der aussichtslosen Ucberfüllung vieler Studiengebiete unbedingt not­wendig sein, vorher den Rat einer akademischen Auskunftstelle ober Berufsberatung einzuholen.

Betrachten wir zuerst die U n i v e r s i t ä t e n , die zwar nur vier Fakultäten umfassen, was jedoch nicht ausschließt. daß man an ihnen unzählige Fachstudien betreiben kann. Die erste Fakultät ist die evangelische oder katholische Theologie, deren Studium etwa acht Semester dauert. Danach kommt die Medizin, der die Zahnheilkunde und Pharmazie angegliedert ist. Das medizinische Studium dauert elf, das zahnärzt­liche sieben, das pharmazeutische nur vier Semester, wobei jedoch der angehende Apotheker vorher drei Jahre lang praktisch tätig gewesen sein muß. Als Spezialgebiete der Medizin kommen u. a. in Frage: Innere Medizin, Kinderheilkunde, Psychiatrie, Chi- rurgie, Frauenheilkunde, Augenheilkunde, Hals-, Rasen- und Ohrenheilkunde, Haut- und Geschlechts- krankheiten.

In der juristischen Fakultät ist der Studiengang bis zur Referendarprüfung, die man nach sechs bis acht Semestern ablegt, einheitlich. Dann folgt nach weiteren drei praktischen Jahren das Gerichts- ober Negierungsassessorenexamen, bas einem die Berufe des Richters, Staatsanwalts oder höheren Dermal- tungsbeamten erschließt. Außerdem kann man sich nach der Asscssorprüfung als Rechtsanwalt nieder­lasten.

Am zahlreichsten sind die Studienfächer in der philosophischen Fakultät. Hier ist jedoch das häufigste Studienziel das des Studienrats, ein Studium, das in acht Semestern zur Referendar-, und in vier weiteren zur Assessorprüfung führt. Als Fächer hat man die Wahl zwischen Germanistik, alten und neuen Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Ge­schichte, Geographie, Kunstgeschichte, Musikwissen­schaft und Leibesübungen. Desgleichen kann man Philosophie, Mathematik, Physik, Chemie und die anderen Fächer auch mit dem Ziele des Doktor­examens studieren. Weiterhin seien die Wirtschafts­wissenschaften genannt, in denen man es in sechs Semestern bis zum Diplom-Volkswirt und in acht zum Doktor bringen kann. Andere Studienfächer sind die Anthropologie, Archäologie und die Theater­wissenschaften sowie alle bedeutenden Sprachen der Erde.

Aehnlich wie die Universitäten umfassen auch die Technischen Hochschulen vier Fakultäten, nämlich: Allgemeine Wissenschaft, Bauwesen, Ma­

Oie Phantasie des spielenden Kindes.

Von Professor Karl Bühler.

Die Phantasie des Kindes ist ein Thema, das Eltern und Erzieher gleichermaßen in­teressieren dürfte. Wir entnehmen die nach­stehenden Ausführungen Prof. Bühlers auf­schlußreichemAbriß der geistigen Entwick­lung des Kindes". (16.25. Tausend. Geb. 1,80 Mark. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig.)

Wenn wir Erwachsenen uns ziellos dem Spiele der Vorstellungen hingeben, wachträumen, wie man zu sagen pflegt, oder wenn wir Pläne schmieden, Luftschlösser bauen, so geschieht das in der Regel bei vollständiger Körperruhe oder bei rein automatischer Tätigkeit, wobei sich die Sinnespforten entweder ganz schließen oder doch keine Eindrücke liefern, die den Vorstellungsablauf dirigieren. Den Frauen ver­gangener Zeiten war der Strickstrumpf der beste Reisegefährte im Reiche der Phantasie. Beim klei­nen Kinde liegen die Verhältnisse noch wesenllich anders, das Kind braucht Anstöße von außen, weil sonst die Fäden bald abreißen und der Vorstellungs- Mechanismus zur Ruhe kommt, das Kind braucht Sinneseindrücke und körperliche Be­tätig u n g als Anregung seiner spontanen P h a n- tafietätigfeit und findet beides im Spiele, z. B. im Puppenspiele ober wenn es selbst einen Zylinderhut aufsetzt, den Stock in die Hand nimmt und einen Erwachsenen nachahmt, «olche Spiele heißen nach dem psychologisch betrachtet wichtigsten Faktor, der in ihnen enthalten ist, 3JJ usions- spiele, es handelt sich um das Phänomen der Scheindeutungen. Das Kind tut so, als ob es selbst ein Erwachsener wäre, es spielt wie der Schauspieler eine Rolle, es tut ferner so, als war« ein Stückchen Holz sein liebes Pflegekind, ms be­treut werden muß, oder der umgelegte Stuhl eine Droschke, die man hoch vom Kutschersitz lenkt, d. h. es legt anderen, hier sind es leblose Dinge, sonst

lebenden Tieren oder Menschen, seinen Spielkame­raden, eine Rolle bei und verlangt, daß sie durch- gefichrt wird.

Die Illusionsspiele des Kindes beruhen auf Nach­ahm u n g. Es gibt eigentlich nur ein einziges, von vornherein durch den Instinkt einigermaßen fest umrissenes Jllusionsspiel im Kinderleben, das ist das Pflege- oder Puppenspiel, welches vornehm­lich von Mädchen geübt wird; sonst findet alles, was in der Familie passiert, später auch das, wo­von das Kind erzählen hört, einen Widerhall m sei­nen Spielen. Die Bedeutung dieserdramatischen Nachahmungsspiele", wie man sie genannt hat, für die geistige Entwicklung ist nicht gering zu veran­schlagen. Das Kind eignet sich durch sie nicht etwa nur äußerlich die Manieren der Erwachsenen an, sondern sicherlich hält auch ein gut Teil der Affekte und Stimmungen, der Stellungnahme zu den Dm- aen und der Behandlung von Dingen und Men­schen der Sympathien und Antipathien durch diese Pforte Einzug in die Kindesseele. Denn das Kind ist mit ganzer Seele dabei; in Affekte und Stim­mungen, die es den Erwachsenen zunächst vielleicht nur oberflächlich abgesehen, lebt es sich hinein, wenn sie zur Rolle gehören, geradeso wie es seine eigenen Zustände wieder in fremde Personen und Dinge einfühlt. Damit verträgt sich nun aber, wie die täg­liche Erfahrung lehrt, die Tatsache, daß es trotz leb­haften inneren Mitmachens nur sehr selten zu einer wirklichen Verwechslung der Spielwirklichkeit mit der Lebenswirklichkeit beim Kinde kommt. Die Scheindeutungen sind keine Falschdeutungen, d. i. keine Illusionen im pathologischen Sinne des Wor­tes. Denn so energisch ein Kind auch von Mitspie­lern und Zuschauern verlangen mag, daß sie die Fiktionen mitmachen, z. B. das Stückchen Holz eben­falls wie ein Pflegekind behandeln und den umge- stülpten Stuhl nicht Stuhl, sondern Droschke nen- nen, so würde der kleine Spieler doch sehr er­schrecken, wenn die Puppe, auf die er gerade be­ruhigend einredet, einmal wirklich zu meinen an* finge, also allgemein gesagt, wenn irgendein Spiel- I ding die ihm angedichteten und anbefohlenen Be- | wegungen einmal wirklich ausführen sollte.. Wo em

verborgener Mechanismus solche Bewegungen oder gar Laute unerwartet erzeugt, da zieht sich das Kind tatsächlich, von panischem Schrecken erfaßt, zurück. Auch genügt meist eine einfache Interessenablenkung dazu, daß z. B. das Stück Holz, welches eben noch ein geliebtes Kind beim Spielebedeutete", vorn Kinde selbst als das, was es wirklich ist, behandelt, etwa ins Feuer gelegt wird. Echte Falschdeuttmgen hätten ganz andere Konsequenzen. Die Verhältnisse liegen demnach in vieler Hinsicht ähnlich wie bei der ästhetischen Illusion des Erwachsenen, der Illu- ion im Theater, beim Lesen einer Dichtung oder >cm Versunkensein in ein Bildwerk, d. h., auch dem piekenden Kinde bleibt trotz aller Hingabe im Hin­tergrund des Bewußtseins die richtige Orientierung zur Lebenswirklichkeit gewahrt, und es steht ihm auch in dem Zustande völliger Versenkung die Mög­lichkeit jederzeit offen, den Zauberschleier der Illu­sion von den Dingen sofort zu entfernen durch einen einfachen Akt der Besinnung. Wo dem einmal an­ders fein sollte, fangen die Dinge an, pathologisch zu werden.

Es gibt viele treffliche Beobachtungen und liebe­volle Schilderungen der Kinderspiele, aber die psy­chologische Analyse, vor allem die der Scheindeu­tungen, weist noch empfindliche Lücken auf. Wir wissen z. B. nicht mit Sicherheit zu sagen, wie es eigentlich mit den Vorstellungen beim Spielen bestellt ist. Ein Ereignis, von dem der klein« Spieler plaudert, mag manchmal recht lebhaft vor seinem inneren Auge stehen, auf keinen Fall ist aber dieses Dorstellungsspiel etwa mit den Träu­men zu vergleichen. Denn im Traume wird alles Vorgestellte zur Wirklichkeit. So ist es, wie ich schon angedeutet fyab«, beim Spiele nicht, es wäre psycho­logisch kaum auszudenken, was entstehen müßte, wenn um die wirklich wahrgenommenen Dinge herum eine Welt greifbarer Vorstellungsgebilde gaukeln würde, der Verwechslungen wäre kein Ende. Selbst trenn, wenn das Kind seine Manipulationen an gar nicht vorhandenen Dingen vornimmt, z. B. ein buchstäbliches Nichts auf dem Arm wie seine Puppe einschläfert und streichelt oder als Kaufmann Münzen auf den Tisch zählt, ohne irgend etwas in

den Fingern zu halten, selbst dann ist es fraglich, ob da mehr an Vorstellungen vorhanden ist, als jene schattenhaft flüchtigen Gebilde, die auch ein Er­wachsener in ähnlichen Situationen erlebt. Wäre es wie in der Hypnose und im Traum, so müßte das Kind auch wie dort überwältigt werden von den eingebildeten Dingen, während die Erfahrung lehrt, daß es sie im Spiele souverän beherrscht. Das Kind läßt sich im Spiele von der Eisenbahn überfahren oder steigt in den Raubtierzwinger, beileibe nicht so, wie wenn ihm das im Traume passieren würde. Kurz, ich glaube, daß es im großen und ganzen mit der Leibhaftigkeit der Vorstellungen im Spiele nicht gar so weit her sein wird. Doch sei ausdrücklich bemerkt, daß es entscheidende Beweise für oder gegen diese Ansicht nicht gibt.

Eine andere unentschiedene Frage ist die, wie das Kind überhaupt zu Scheindeutungen kommt. Bio­logisch glauben wir die Dinge einigermaßen zu ver­stehen, es liegt die Fortbildung einer schon im Spiele der Tiere vorkommenden Einrichtung, sozu­sagen eine Uebernahme der Scheintätigkeiten spielen­der Tiere ins Bewußte, ins Vorstellungsleben vor. Allein damit sind die psychologischen Faktoren, auf denen diese Einrichtung beruht, noch nid)t bestimmt oder wenigstens noch nicht hinreichend geklärt. Wenn ein Kind z. B. im Bilderbuch blättert, so nimmt es ebenfalls Deutungen vor: das ist ein Mann, das ist eine Kuh, der macht dies, der macht jenes. Das sind aber Ernstdeutungen. Und wenn das zweite Fragealter mit den gehäuften Warumfragen kommt, so will das Kind ebenfalls ernstgemeinte Ausdeutungen der Dinge und Ereignisse hören. Die kleinen Spielerzählungen des Kindes dagegen mit ihren Scheindeutungen werden schon von dem Er- Sider nicht ernst gemeint, d. h. sie tragen nicht ythen-, sondern Märchencharakter. Es wäre recht wertvoll, genauer zu wissen, was beim Kinde früher ist oder vorsichtiger gesagt, ob und wie die beiden zusammenhängen. In der Völkerpsychologie streitet man nämlich noch darüber, was früher, ur­sprünglicher, primitiver ist, das Märchen oder der Naturmythus, oder wie sonst beide zueinander stehen.