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Hr. 240 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Samstag, 12. Oktober (929

Stresemanns Nachfolge

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoehsch, 0. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X

Obwohl wir nicht in Allem den Ausfüh­rungen unseres ständigen auhe,apolitischen Mitarbeiters folgen können, namentlich so­weit sie sich auf die Ostpolitik Stresemanns beziehen, die wir in anderem Lichte sehen, so halten wir den Aufsatz doch als eine Stimme vom gemäßigten Flügel der deutsch- nationalen Partei für äußerst beachtens­wert.

3n den Sielen ist, lange schon von schwerem Leiden heimgesucht, der Außenminister D r. Stresemann abberufen worden, in einer weltpolitischen Lage, in der sich die für die letz­ten Jahre seiner Amtsführung bezeichnende Er­starrung oder Stagnation loderte, durch das Zusammentreffen recht verschiedenartiger Mo­mente ein neuer Abschnitt beginnt oder beginnen soll.

Die Präsii entenwahl in den Vereinigten Staa­ten die englischen Wahlen die Ratifikation des französisch-amerikanischen Schuldenabkommens die Pari er Sachverständigenkonserenz zu dauernder Regelung der deutschen Tribute de­ren Verbindung mit den interalliierten Schulden die Haager Konferenz mit ihrem Anlauf zur Generalliquidation des Krieges" die Rhein­landräumung die Erledigung der in Genf im September 1928 aufgeworfenenKontrollfrage" es genügt, diese Schlagworte aneinanderzu­reihen zur Erklärung dessen, was wir mit dem Ausdruckneuer Abschnitt" meinen. Wir brau­chen dabei noch gar nicht darüber hinaus zu denken: an die praktisch ergebnis-, theoretisch keineswegs bedeutungslose letzte Völkerbunds­versammlung die russisch-chinesische Verwick­lung den Kelloggvakt, und zuletzt und vor allem an die Gespräche zwischen Hoover und Macdonald, an die Seeabrüstung und das neue englisch-amerikanische Verhältnis, dessen Anbah­nung ja am schärssten den Einschnitt der Zei­ten markiert. Mitten in diesen neuen Entwick­lungen endete das Leben des deutschen Außen­ministers!

Sechs Jahre hat er aktiv die deutsche Außen­politik bestimmt. Vis 1923 stand er in der Oppo­sition gegen Gedanken und Methoden, die die erste Hälfte der deutschen Außenpolitik im ersten Nachkriegsjahrzehnt leiteten. Sn den sechs Jah­ren arbeitete er immer mehr eine europäische Verständigungspolitik heraus, ^die praktisch na­mentlich. und wesentlich auf Tine deutsch- französische Verständigungspolitik hinauslief, in Verbindung mit England, in Anlehnung an England noch schärfer gefaßt: auch mit starker Hoffnung aus England. Strelemanns außenpolitische Gedanken gingen überwiegend nach dem Westen, nach Westeuropa. Lind in ihnen lebte stark die auf historischer Erinnerung gegründete Erwartung, daß England auch nach die'em Kriege seinem althistoritchen Axiom treu bleiben werde, der stärksten Macht des Festlandes (nunmehr Frank­reich) feind zu sein durch seine Flotte und durch die Verbindung mit den schwächeren Mächten des Kontinents. Auf öie-c Erwartung gründete sich Dr. Stresemanns Verhältnis zu Lord d'Aber- non, dem ersten Rachkriegsbot'chastsr Englands in Berlin, überhaupt zur englischen Politik. Es ist bekannt, wieviel davon in den Anregungen vom Februar 1923 mitwirkte, die dann nach Lo­carno führten. Dr. Stresemann mußte immer mehr sehen, daß diese Hoffnung auf England eine Illusion war. Weder das England Lloyd Georges noch das Chamberlains waren willens, waren namentlich fähig und stark genug, diese Linie wirklich zu halten. In diesen Jahren hat die englische Politik die deutsche mit freundlichen Worten gewiß, mit der Tat und entscheidendem Eingreifen niemals unterstützt.

Als Dr. Stresemann im Auswärtigen Amt von London die Locarno-Verträge zeichnete, hatte Chamberlain als einziges Bild das des eng­lischen Vertreters auf dem Wiener Kongreß, Lord Castlereagh, aufhängen lassen. Der

englische Minister wollte damit die Locarno- Derträger in ihrer Bedeutung dem Wiener Kon­greß, nach dem ja Europa über ein Menschen­alter in der Haupt'ache Ruhe hatte, gleichsehen. Chamberlain übertah dabei, daß das Wesentliche an Lord Castlereaghs Politik war, das was Chamberlain und die englische Politik bis 1929 nicht getan hat: den Unterlegenen im Völkerringen trotzdem um des Gleich» gcwichts und damit der wirklichen Befriedung willen als den Gleichberechtigten und unter souveränen Mächten G'.e.chstehenden wieder in die Vereinigung der Staaten einzusühren. Das Gleichgewicht in Europa ist noch nicht erreicht, als der Tod dem deutschen Außen­minister die Feder aus der Hand nahm, noch nicht die volle Befreiung von den unerträglichen Fes­seln und Vergewaltigungen des Versailler Dik­tats, und noch nicht eine Ordnung unter den Friedensverträgen, in der Staaten und Men­schen wirklich mit Vertrauen leben können. Wie­viel oder wie wenig die Stresemannsche Außen­politik dagegen erreicht habe, darum geht der Streit der Parteien. Vor dem kaum geschlossenen Grabe sprechen wir heule dazu nicht. Die äußeren Daten sind: der Abbruch des Ruhrkampfes 1923 der Dawesplan 1924 das Angebot eines Sicherheitsvaktes an Frankreich und die Lo­carnoverträge 1925 der Eintritt in den Völker­bund 1926 das Thoiry-Gesvräch 1926 der Beitritt zum Kelloggpakt 1928 die Haager Konferenz 1929.

In die'er Liste fehlt noch der Rapallo- Vertrag lag vor Stresemanns Ministerzeit der Berliner Vertrag mit Rußland, der 1926 unter ihm 'geschlossen wurde. Strese­mann hielt an der in Rapallo eingeschlagenen Linie fest und betonte stets, daß Deutschland zwischen Locarno und Rapallo seine Unab­hängigkeit und Neutralität wahren müsse. Ueber die damit bezeichnete Linie gingen seine Gedan­ken gegenüber Rußland nicht hinaus, wie über­haupt, in seiner Einstellung dem Westen Eu­ropas zugewendet, die östlichen Probleme seinen Intere'sen im Innern fremder waren. Mit Nord­amerika verbanden ihn als führenden Vor­sitzenden des deutsch-amerikanischen Wirtschafts­verbandes stärkende Fäden. Ueber Amerikas große Bedeutung für Deutschland war er sich durchaus klar. Er stand in engen Beziehungen zu dem sehr verständnisvollen Botschafter der Vereinigten Staaten, mit dem zusammen er in Heidelberg die akademische Würde eines Ehren­doktors empfing. Amerika wirklich einzuordnen in die Gedanken einer deutschen Außenpolitik, dazu ist er so recht nicht mehr gekommen. Auch wurde die Zeit dafür wirklich erst reif, als schon die ersten Schatten des Todes sich über sein Haupt senkten. Er schloß seine Arbeit mit der Konferenz im Haag und dann mit der Völkerbundsverlammlung in Genf, wo er in seiner letzten öffentlichen Rede Stellung nahm zu denPaneuropa-Gedanken", einer europäi­schen Gesamtverständigung, die er vor allem wirtschaftlich sah und vertrat, aber mit betonter Ablehnung jeder Spitze derartiger Be­strebungen gegen irgendein Land außerhalb Eu­ropas.

Im Nachruf auf Stresemann, dessen leiden­schaftlichen und glühenden deutschen Patriotis­mus niemand bestreiten kann, sagte dieDeutsche Tageszeitung" in sehr zutreffender Formulierung: Die deutsche Außenpolitik läuft in tief eingegra- bencr Furche, die jeden Richtungswechsel nach links oder rechts sehr erschwert. Sie war auch in hohem Maße auf Stresemann selbst zuge- schnitten. Das Erbe ist daher für keinen Nachfolger leicht. Niemand kann auch nun einmal bestehende Bindungen völlig außer Acht lassen." Den Kampf darum, der in seinen letzten Lebenswochen im Für und Wider des Boung- plans schon lebhaft begann, ob die Mehrheit im deutschen Volke für ober gegen die Fortsetzung dieser Politik sei, diesem Kampfe, in den er schon mit seinem alten Temperament einzugreisen begann, ist er durch einen plötzlichen Tod für immer entrückt worden.

Auf ein besonders und rein Persönliches sei der Blick noch gelenkt. Stresemann war ein großer Arbeiter, immer im Gang, un­gemein schnell fassend und die springenden Punkte

herausfühlend, vielseitig und wendig und fähig, schnell Neues sich zu assimilieren. Aber die Masse dessen, was er zu bewältigen hatte, überstieg die Kräfte auch eines völlig gesunden Mannes. Es ist selbstverständlich, daß, wer im politischen Kampf steht, darin Kraft und Nerven riskieren muß, und es ist ebenso selbstverständlich, daß an große Aufgaben Gesundheit und Leben auch ge­setzt werden müssen. Aber es ist nicht selbst­verständlich, daß die ganze Anlage und Me­thode, die bei uns die Arbeit solcher Männer bestimmt, die Konzentration, die wirklich in die Tiefe dringende Arbeit ungeheuer er­schwert und eine ilnfummc von Kraft und Zersplitterung oft nutzlos verbraucht.

Wer im politisch-parlamentarischen Leben steht, weiß, was wir darunter verstehen, und wie diese Art vor der Zeit auch die stärksten Kräfte verzehrt. Besonders dann, wenn, wie in diesem Falle, der Leiter der Außenpolitik in so hohem Maße als Parteiführer auch Exponent einer be­stimmten innerpolitischen Tendenz ist und zugleich darum kämpsen, sich damit fort­während beschäftigen muß. Natürlich sind etwa Briand und Chamberlain auch Glieder einet innerpolitischen Gruppierung, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie Stresemann es war. Beide und andere parlamentarische Außen­minister in anderen Ländern können daher ein ruhigeres Leben führen und, was wichtiger ist, sich erheblich stärker konzentrieren auf das doch wahrhaftig nicht einfache Gebiet der Außen­politik, und diese stets in ihrer Einheit sehen (wenn sie sonst dazu fähig sind). Der deutsche Leiter der Außenpolitik wurde und wird nach allen Seiten gerissen und ist immer in der Ge­fahr, in der Flut bet Besuche, Gespräche. Sitzun­gen. der Papierflut bet Zeitungen und Tele­gramme und vor allem dem Lärm des inner- politischen Streites unterzugehen. Jahrelang nun habe ich diele Verhältnisse im Ausland und bei uns beobachtet. Wie unendlich schwer ist es bei uns den zur Leitung berufenen Männern ge­macht, zu wirklicher Konzeption zu kommen und die politische Phantasie, auf Grund der umfas­sendsten und nüchternen Tatsachenverarbeitung, in Ruhe einmal wirklich schöpferisch spielen und ar­beiten zu lassen!

Dergleichen Gedanken ruft ein solcher Todes­fall wach, und sie leiten über zu der auf vielen Lippen schwebenden Frage: wer wird der

Nachfolger? Der Feinfühlige empfand es aI8 höchst peinlich, daß gleich nach dem Tode die Parteipre'se die Debatte darüber entfesselte und mit der Liebertragung der provisorischen Leitung des Auswärtigen Amtes an Dr. Curtius gleich auch ter Parteistreit anfing, noch ehe das Grab sich über dem Toten geschlossen hatte. Rein sachlich erheben sich aber auch gleich eine Reihe Fragen. Gewiß spricht man mit Recht von der tief eingegrabenen Furche" der heutigen deut­schen Außenpolitik. Gewiß steht Boungplan. zweite Haager Konferenz, Saarverhandlung und Saar­kampf ganz im Vordergrund. Ist das aber alles? Berühren Völkerbundspolitik, Abrüstungs­gespräche, russisch-chinesische Verwicklung, in der Deutschland die Wahrnehmung der Interessen beider übernommen hat. und dergleichen mehr Deutschland nicht auch? Kann ein Staat in der Lage des unseren eine provisorische Lei­tung der Außenpolitik ober eine Besetzung dieses Amtes nach den Parteiverhältnissen und der Parteiarithmetik sich leisten? Gehört denn nicht zur Leitung dieses Amtes auch einiger­maßen Sach - und Fachkenntnis? Gibt es unter den Fachdiplomaten niemand, der dieses Amt zu übernehmen fähig und kräftig genug wäre? ilnb wenn nein, wäre bas nicht ein nieber* schmetterndes Armutszeugnis für das Auswär­tige Amt und die Pflege des Nachwuchses? Läge es nicht erst recht nahe, wenn es richtig ist, daß nach der Haager Schluhkonferenz die inneren Fragen der Finanz- und Steuerreform und der Deichsreform die außenpolitischen Probleme in den Hintergrund drängen werden, das Aus­wärtige Amt den Parteifragen zu entziehen und der Parleieinflüsse dazu?

Sicher wird über diese Fragen in den nächsten Wochen von und unter den Parteien und unter den Ge'ichtspunkten der Parteiwünsche ausführ­lich gesprochen werden. Aber über diese Fragen muß auch vom Standpunkt der Außen- doli tik und dessen, was sie sachlich und sach­lich fordert, wenn die deutschen Interessen drau­ßen wirklich gewahrt werden sollen, gesprochen werden. Lind deshalb konnte auch die außen­politische Rundschau an ihnen nicht Vorbeigehen, nachdem die Macht des Todes dem deutschen Staat und Volk bie^e Fragen schneller gestellt hat als gedacht, schneller jedenfalls, gls bah eine Vorbereitung auf die Antworten schon genü­gend vorhanden wäre!

Gememdesmanzen und Finanzausgleich.

Don Dr. Paul Mombert, 0. ö. Professor der Staatswissenschaffen an der Universität Gießen.

1.

Seit der Stabilisierung der Währung sind die Finanzen der deutschen Stadtgemeinden unge­mein angespannt. Die Ausgaben finb in ganz beträchtlichem Llmsang angewachsen, während Ein­kommen und Vermögen als Steuerquellen im Gegensatz zu der Zeit vor dem Kriege ihnen nicht mehr im gleichen Maße zur Verfügung stehen. Die Steuerhoheit darüber steht dem Reiche zu und die Stadtgemeinden erhalten daraus be­stimmte Anteile, ohne jedoch bas Recht zu haben, dazu irgendwelche Zuschläge zu erheben. Ihr Bestreben geht dahin, dieses Recht wieder zu erhalten und bei dem Kampf um den endgültigen Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden, der sich bei uns in den nächsten Monaten abspielen wird, ist bestimmt damit zu rechnen, daß diese Forderung eine besonders große Rolle spielen wird. Sie findet ihre beson­dere Begründung darin, daß die Ausgaben der Städte in ganz besonders hohem Ausmaße ge­stiegen sind, und daß vor allem die Real- steuern bereits eine Höhe erreicht haben, die vielfach über das wirtschaftlich Tragbare hinaus­geht.

1. Die Ausgaben.

Schon vor dem Kriege konnte man bei allen öffentlichen Körperschaften und auch bei den Städten, beobachten, daß ihre Ausgaben viel rascher stiegen als die Dolkszahl. Es handelt sich hier um das sog. Gesetz des steigenden, öffentlichen Bedarfs. Diese Entwicklung hing einmal mit dem steigenden Wohlstand un­

seres Volkes zusammen, dann aber auch damit, daß unsere öffentliche Verwaltung und vor allem die Städte immer mehr neue Ausgaben in den allerverschiedensten Richtung übernehmen mußten. Rach dem Kriege hat jedoch diese Steigerung der Ausgaben bet den Städten in ganz beträcht­lichem Llmfang zugenommen. Die vor kurzem veröffentlichen Llntersuchungen des Statistischen Reichsamtes geben dafür das folgende Bild. Es betrug der reine Zuschuhbedarf der Gemeinden und Gemeindeverbände in den Jahren in Millionen

für

1913/14

1925/26

1. Allgemeine Verwaltung

215,4

402,5

2. Polizei

100,1

173,7

3. Wohlfahrtswesen

470,6

1762,0

4. Bildungswesen

613,8

821,2

5. Wirtschaft und Verkehr

329,1

534,1

6. Finanz- und Schuldenwesen

124,4

168,2

Zusammen

1853,4

3881,7

Selbst wenn man die Geldentwertung dabei mit etwa 50 Proz. in Rechnung seht, so ist in dem betrachteten Zeitraum noch eine ganz erhebliche Steigerung der Ausgaben eingetreten. Die Ta­belle zeigt deutlich, daß diese Steigerung in erster Linie auf dem Gebiete des Wohl­fahrtswesens stattgefunden hat und diese Beobachtung läßt sich so ziemlich in gleichen Weise in allen Städten machen. Betrachten wir einmal die Verhältnisse einer Großstadt, so ergibt sich für Breslau das folgende Bild: Es entfielen

Gießener Gtaditheater.

Ludwig Hirschfeld:

Tie Frau, die jeder sucht".

Sowas gefällt den Leuten: sowas sehen und hören sie zuuu gern. Es war ein Mordserfolg. Deisallsgeknatter nach allen drei Akten.

Rach dieser Feststellung bleibt dem Referenten eigentlich nicht mehr allzuviel zu sagen übrig. Denn das Theater (nicht nur unseres) lebt wieder einmal in einer kritischen Zeit: es wird wieder allenthalben darüber gesprochen. Lind es ist ja auch, leider, etwas daran, und es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken.

In kritischen Zeiten ist aber etwa ein gutes und wertvolles Stück, in das niemand hineingeht, und das keinen Erfolg hat, für die Katz. Da­gegen ist mit einem mäßigen Stück, wenn es gefällt (und es spricht sich herum, daß es ge­fallen Hat), wo nicht alles, so doch viel ge­wonnen. Dies ist ein Standpunkt, wie er den an« gedeuteten Zeitläuften entspricht, kein Stand­punkt für die Dauer, aber ein Standpunkt immerhin.

(Die ideale Forderung, für die bessere Zu­kunft und für die Dauer: das gute und wert­volle Stück, welches ein großes Publikum findet and Erfolg hat: wir sind optimistisch genug, daraus zu warten.)

Also: hier gibt es ein harmloses Lustspiel, drei Akte, mit ungenierten Abstechern in den erprobten Schwank, mit viel Oberfläche, mit em paar hübschen Schlagfertigkeiten, mit ein paar (zum Schluß) recht vernünftigen und ganz ernst­haften Bemerkungen, vor allen Dingen aber mit zeitgemäßem Spaß, mit der obligaten Ver­wechslung der Paare und der erst recht unver­meidlichen Doppelverlobung zum Schluß.

Vor allem aber: mit aufgehobenem Zeige­finger. Seht einmal her, ihr Zeitgenossen, so ist das junge Mädchen von heute, die moderne Jugend, die neue Sachlichkeit, der Backfisch von 1929: mit der Tennismeisterschaft und mit dem Brustschwimmen und mit der frechen Klappe und mit den schlechten Manieren, mit dem Aepfelchen zum Frühstück und mit dem Fünfzig­

kilo-Höchstgewicht, mit seiner unernsten und un- geistigenSelbständigkeit", die im entscheiden­den Augenblick ganz klitzeklein wird und am Ende doch von jedem, ach so altmodischen Ge- fühlchen überrumpelt wird.

Vor lauter Lllk und Karikatur und vor lauter fingerdicker Ironie wird natürlich an den Pro­blemen der jungen Generation (ernsthaften, die es wirklich gibt) glatt vorbeigeschossen. Die wahre moderne Jugend und dabei fällt der Autor gleich vor ehrlicher Begeisterung ins andere Extrem sitzt nämlich, wie es hier heißt, in den Fabriken und in den Bureaus und hinter der Schreibmaschine. (Obwohl das ja doch auch sehr viele tun, die nicht mehr jung sind, und von den Jungen wiederum viele nicht aus Welt­anschauung, sondern aus Notwendigkeit.)

*

Die Frau indessen, die jeder sucht, ist eine Mischung, eine zwischen den Generationen, zu­sammengesetzt aus gesunder Fortschrittlichkeit und gesunder Altmodischkeit. Prüfet beides und be­haltet das Beste: das ist die lobenswerte und liberale Tendenz, mit der einen dieses Stück ent­läßt.

Aber hier kam es ja minder auf die Moral an als auf die Situation; weniger aufs Lustspiel als auss Theaterstück. (§in bißchen Musik und ein bißchen Tanz und ein bißchen gedeckter Tisch, ein bißchen Verwechslung und ein bißchen Eifer­sucht und ein bißchen Liebe; ein bißchen aalglatter Dialog, ein bißchengroße Szene", ein bißchen Küsserei und ein klein bißchen Spannung man sieht ja schon von weitem, wie das ausgehen muß, ein paar gute Witze und drei Vorhänge gerade im rechten Augenblick. Das läuft alles sehr flink, sehr exakt und bei guter Laune im ganzen Hause unter der sauberen Epielführung von Peter F a f f0 11 ab.

«

Eine neue Schauspielerin stellte sich vor: Ma­rianne Mewes aus Bremen, Nachfolgerin von Alix Krahmer: es ist nach dieser Probe natürlich noch nicht abzusehen, in welchem Umfang sie den Rollenkreis ihrer Vorgängerin, die von der Naiven zur Salondame hinüberwechselte, wird

übernehmen können. Gestern lag der Nachdruck auf der Jugendlichkeit, die in fast allen Fächern" etwas für sich hat. Gute Figur, gute Stimme, frisches Spieltemperament; ein hübsches Debüt, mit dem man, beiderseits, zufrieden sein kann.

*

Peter Fass 0 11, als Vater Knie schon bekannt, sand sich auch in der leichteren Atmosphäre des Gesellschaftsstückes sympathisch zurecht, als älterer seriöser Liebhaber und Kavalier; die Spanne zwischen beiden Rollen ist immerhin nicht un­beträchtlich und läßt auf eine vielseitige An­wendbarkeit seiner darstellerischen Möglichkeiten schließen.

Die besten und dankbarsten Figuren dieses Lustspielabends stellten Maria Koch, Franz Arzdorf und Luise Schubert-Jüngling: weil sie sich, vergleichsweise, am ernsthaftesten, natürlichsten und menschlichsten zu benehmen und auszudrücken hatten.

Daß es ein großer Erfolg war, haben wir schon gesagt. Dr.Th.

Abschluß her Gießener Ferienkurse.

Die internen Veranstaltungen der Gießener Fe­rienkurse wurden gestern nachmittag mit einem Vortrage des Dramaturgen Dr. Ritter vom Stadttheater beschlossen. Das Thema lautete: GrabbesN a p 0 l e 0 n", eine bramatur« g i hch e Gestaltung. Der Vortragende begann mit einem Hinweis auf die gegenwärtige, nicht eben erfreuliche Situation des deutschen Theaters, auf feine mannigfachen Probleme und feine vornehm­sten Aufgaben. Was uns zur Zeit am dringendsten fehle, fei ein theatralisch inspiriertes Genie, das auf der Bühne nicht Ideen, sondern, unter Verzicht auf falsch verstandenen Naturalismus, wirkliches Leben vermittle. Der Redner stellte dann, anknüpfend an den Einleitungsvortrag von Prof. Vietor, feinen Helden vor, Christian Dietrich Grabbe, eine der merkwürdigsten Gestalten in der Geschichte der deut­schen Literatur und des deutschen Theaters. Sein SchauspielNapoleon^ ist eine zweifellos geniale Erfindung, aber ein dramaturgisches Ungetüm, des­sen Aufführung immer ein Experiment bedeutet. Von den modernen Bearbeitungen ist die des Berliner Staatstheaterintendanten Jestner besonders bekannt

geworden. Dr. Ritter entwickelte, im Gegensatz zu Heffner, eine eigene dramaturgische Gestaltung, die er, im Auszug, szenenweise rezitatorisch vortrug. Diese improvisierte Wiedergabe, bei der dem Redner seine schaufpielerische Schulung und Charakterisie­rungsgabe sehr zustatten kamen, gelang insofern ausgezeichnet, als den Hörern mit einfachsten Mit­teln ein Eindruck von der visionären Stimmung und der szenischen Atmosphäre des Schauspiels ver­mittelt wurde. Es war sehr schade, daß dem Vor­tragenden nicht mehr Zeit zur Verfügung stand und die Darstellung vorzeitig abgebrodjen werden mußte; zumal die dramaturgischen Kernprobleme in späteren Szenen liegen, die nicht mehr besprochen werden konnten. Immerhin war das Gebotene in­teressant und ein vielfach anregender Abschluß der Kurse.

Ehe man auseinanderging, richtete der Kurs­leiter Prof. Küster in einem kurzen Rückblick auf die Gesamtoeranstaltung freundliche Abschiedsworte an die Hörerschaft und gab dem Wunsche Ausdruck, es möchten alle Besucher mit reichem Gewinn und den besten Erinnerungen an Gießen und die Ferien­kurse heimkehren. Die Kursteilnehmer sagten der Leitung durch einen Sprecher aus ihrer Mitte für die bewiesene Fürsorge und Mühewaltung herz­lichen Dank, der am besten in eifriger Werbung für die Gießener Universität abgestattet werde.

Hochschulnacbnchten.

Der a. 0. Professor in der philosophischen Fakultät der Universität Kiel Dr. Hermann Zahn ist be­auftragt worden, in der genannten Fakultät die durch den Fortgang von Professor H. Geiger frei­gewordene Professur für Physik in Vorlesungen und Üebungen zu vertreten. Der Privatdozent in bet^ philosophischen Fakultät der Universität Kiel Dr. Willy T h e i l e r ist beauftragt worden, in der ge­nannten Fakultät die durch den Fortgang von Prof. Eduard Fraenkel freigewordene Professur für klas­sische Philologie in Vorlesungen und Üebungen zu vertreten. Der Privatdozent für Zoologie und ver­gleichende Anatomie an der M ü n ch e n e r Univer­sität Dr. Hermann E i d m a n-n hat einen Ruf auf die Professur der Zoologie an der Forstlichen Hoch­schule in H a n n M ü n d e n als Nachfolger von Professor L. Rhumbler erhalten und zum bevorstehen­den Wintersemester angenommen.