Nr. 2(4 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Donnerstag 12. September 1929
Deutschland und der russischchinesische Konflikt.
Deutschland hat bekanntlich die Wahrnehmung der diplomatischen Interessen sowohl Rußlands als Chinas übernommen. Diese Aufgabe, so ehrenvoll sie an sich ist, stellt selbstverständlich in ihren Einzelheiten sehr große Anforderungen an die deutschen diplomatischen Vertreter und man kann ohne Frage feststellen, daß unsere diplomatische Vertretung sowohl in Rußland als in China ihr Aeußerstes getan hat, um die Aufgabe nach Maßgabe zu erfüllen. Nun handelt es sich aber bei diesen beiden Staaten um zwei Mächte, deren Auseinandersetzungen schon einen recht ernsten, beinahe kriegerischen Charakter annehmen. Aus diesem Grunde sind die Verhältnisse der jeweiligen Staatsbürger in dem anderen Lande keine einfachen, und ein diplomatischer Vertreter wird dabei ost in eine Lage ver- setzt werden, in der eine Entscheidung für ihn, da er doch dabei immer neutral sein muß, recht schwer, ja manchmal sogar unmöglich ist. Nun hat das russische Außenkommissariat der deutschen Botschaft in Moskau eine Note überreicht, die in ihrem Tone außerordentlich auffallend ist. Gewiß kann man es verstehen, daß die russischen Sorgen um ihre in China lebenden Staatsbürger groß sind, und daß die Erregung über gewisse Uebergriffe seitens der chinesischen Behörden immer größer wird. Anstatt aber zunächst einmal dafür zu danken, daß die deutschen Diplomaten in China die Hohe verantwortungsvoll« Aufgabe überhaupt übernommen haben, ergeht sich die russische Note in Vorwürfen, die, wie aus der deutschen Antwort ersichtlich wird, nicht einmal berechtigt sind.
Die deutsche Antwort hat deshalb den Ton der Zurückweisung annehmen müssen. Andererseits gesteht die deutsche Regierung gern zu, daß sie im Rahmen des Möglichen nichts unversucht lassen wolle, um die Erfüllung der angetragenen Aufgaben auch zufriedenstellend zu erstreben. Um die Bedeutung dieser Zusage in ihrem ganzen Umfange zu begreifen, muß man sich aber vergegenwärtigen, daß in dem russisch-chinesischen Konflikt auf beiden Seiten Situationen anzufinden sind, die zumindest nicht mehr ganz den westlichen Kulturbegriffen entsprechen. Wenn Rußland heute Repressalien androht, so mutet dies schon etwas mittelalterlich an, um so mehr, als doch sowohl Rußland als auch China den Kelloggpakt unterzeichnet haben und somit genügend Mittel hätten, um ohne mittelalterliche Werkzeuge und Methoden zu einer Beilegung des Konfliktes in befriedigender Weise oder zumindest in gerechter Weise zu gelangen. Deutschland hat sich von Anfang an bemüht, mit Verständnis in voller Zurückhaltung die Entwicklung im fernen Osten zu verfolgen. Auch in der Zukunft wird Deutschland in gleicher Weise verfahren. Und gerade weil es die diplomatischen Interessen beider verfehdeter Staaten vertritt, wird und kann es nur diese Haltung einnehmen. Man sieht, daß die beiden Staaten bis jetzt wenigstens noch recht weit davon entfernt sind, die neuzeitliche Methode der Schiedsgerichtssprechung einzuleiten. Der deutsch-russische Notenwechsel zeigt aber, wie notwendig es ist, zu dieser Methode zu gelangen, und man darf nur erwarten, daß die beiden sich streitenden Mächte endlich dazu übergehen, den vernünftigen Weg des Rechtes einzuschlagen, der allerdings mit mittelalterlichen Gebräuchen nichts anzufangen weiß. Erst dann wird es den deutschen Diplomaten in diesen beiden Staaten auch möglich sein, allen Anforderungen gerecht zu werden, weil eben dann das Recht selber im Vordergrund steht.
Englands Kohlenoffensive.
Von unserem O-Korrespondenten.
London, September 1929.
Die Zusammenschlußbswegung im englischen Bergbau hat in den letzten Wochen nicht unerhebliche Fortschritte gemacht. Offenbar ist die Drohung der Regierung Macdonald, für jeden Kohlendistrikt Zwangssyndikate zu schaffen, nicht ohne Eindruck
Bier Gektflaschen.
Von Alfred Richard Meyer.
Als ich mich vor vier Wochen von jenem freundlichen alten uckermärkischen Landwirt verabschiedete, der mir die kleine Waldparzelle am Liedersee verkauft hatte, sagte jener: „Ra aus Wiedersehen bei der Vermessung! Sie werden rechtzeitig vom Landmesser aus Eberswalde geladen werden. Und vergessen Sie die — Sektflaschen nicht, die zu jeder Vermessung notwendig sind! Viere müssen es mindestens sein!"
Ich nickte stumm und hütete mich wohl, zu fragen: wozu denn bei solch einer Vermessung, die ich ja noch nie in meinem Leben mitgemacht hatte, ausgerechnet Sektflaschen gebraucht würden: ich wollte mir keine Blöße geben, daß ich dos nicht wußte. Ein Grundstückskauf mußte ja wohl betrunken werden — davon hatte ich ja schon gehört. Aber war so etwas in diesen nicht leichten Zeiten nicht auch mit Hellem Bier abzumachen? Mußte es unbedingt Sekt sein?
Das fragte mich denn meine Frau auch und sie fügte hinzu: „Der Bauer will dich leimen — paß' nur auf!"
Lind da fielen mir all die Momente meines Lebens ein, in denen ich tatsächlich Parzival, der reine Tor, gewesen war und unschuldig auf jeden Leim kroch — angefangen mit jenem Mensurhuhn, das ich, als junger Marburger Fuchs, dem Auftrage meines Fuchsmajors gemäß, zur ersten M.n ur von einem Ockershausener Bauern, der es schon in einem Käfig bereit» stehen hatte, abholte, für den Fall, daß mir die Ra'e abgehauen würde — welch fleischigen Gegenstand dann schleunigst ein Stück aus der lebendigen Hühnerbrust ersehen sollte. Wieder stand das große Gelächier ob meiner damaligen Gutgläubigkeit mit in den Ohren. Sollte sich nun so etwas noch einmal in meinen alten Tagen am schönen Mcberfee wiederholen?
Lumpen lassen wollte ich mich jedenfalls nicht: und so stieg ich am Vorabend des Vermessungstages in den Keller, in dem gottlob richtig noch vier Flaschen Gelt lagen, eigentlich für besondere Familienfeste bestimmt. Aber — bedeutete so ein Grundstückskauf nicht auch ein Familienfest? Also! Mit dieser Beruhigung packte ich die vier Flaschen in meine Handtasche. Dadrinnen mochten sie getrost bleiben, wenn es sich hernach doch um einen Leim handeln sollte; auf die Frage,
geblieben. Es wird jedenfalls bekannt, daß di« Grubenbesitzer entschlossen fein sollen, nicht erst den Vorstoß der Regierung abzuwarten, sondern gleich einen Schritt weiterzugehen und ein für den gesamten britischen Bergbau zuständiges Kohlenverkaufskontor zu schaffen. Aufgabe der angestrebten Exportoereinigung soll es sein, die englischen Kohlenverkäufer davon abzuhalten, sich auf den ausländischen Märkten gegenseitig zu unterbieten, wie das heut« noch immer der Fall ist. Es sollen also nach außen hin Einheitspreise zur Geltung kommen, wohlgemerkt aber Preise, die den Absatz britischer Kohle unter allen Umständen sicherstellen. Das bedingt natürlich nach innen einen Ausgleich der entstehenden Verluste, der etwa in der Weise vorgenommen werden soll, daß die gutgehenden bergbaulichen Betriebe von ihrem beim Jnlandsabsatz erzielten Gewinn Teilbeträge den notleidenden Zechen zur Verfügung stellen, damit sie aus dem Produktionsprozeß nicht auszuscheiden brauchen. Zn diesem Punkte decken sich also die Absichten der Labour-Regierung mit denen der Verfechter des Exportgemeinschaftsgedankens innerhalb des Bergbaus. Die einen wollen die Betriebe, die anderen die Arbeiterschaft vor der Erwerbslosigkeit retten. Da die Labour-Regierung sich noch im Haag sehr stark für den Bergbau eingesetzt hat, besteht Grund zu der Vermutung, daß die Bildung einer Derkaufsvereinigung im besten Einvernehmen mit dem Londoner Kabinett durchgeführt werden wird.
In Deutschland ist diese Bewegung fast immer im Rahmen einer früher oder später kommenden Kohlenverständigung betrachtet und beurteilt, von dssr auch im Haag wieder sehr viel geredet wurde. Davon kann aber zunächst gar keine Rede sein. Die Engländer wollen ihre alten Absatzgebiete zurückerobern bzw. die Arbeitslosigkeit im Bergbau gänzlich beseitigen. Das bedeutet Kampf gegen die .sich immer mächtiger ausdehnende polnische Kohle, Kampf gegen die holländische, belgische und nicht zuletzt die R u h r k o h l e , die den Engländern schon seit jeher ein Dorn im Auge war. Englands Position ist schon jetzt sehr günstig. Di« Exportgruben arbeiten infolge der Arbeitszeitverlängerung, Lohnkürzung, Steuerleichterung und Frachtermäßigung ohne jeden Verlust, während bisher durchschnittlich im Jahr zweihundert Millionen Goldmark beim Verkauf noch zugesetzt wurden. Von der deutschen Kohle kann das gleiche nicht behauptet werden. Wie sich der Kampf auf dem Weltkohlenmarkt zwischen den Engländern und dem Ruhrsyndikat abwickeln wird, bleibt abzuwarten. Fest steht aber schon heute, daß di« britischen Grubenherren nur dann erst ernstlich für eine Kohlenverständigung zu haben sein werden, wenn sie wieder allein oder überwiegend den Markt beherrschen. Eine Periode harter Kämpfe steht also auch für den deutschen Bergbau bevor. Kann er nicht durchhalten, dann wird die schon durch das italienisch-englische Abkommen angebahnte Umschichtung sich in verschärftem Tempo vollziehen: auch die letzte englische Grube wird wieder voll arbeiten und nirgends wird es mehr erwerbslose englische Bergarbeiter geben, während umgekehrt auf deutscher Seite ein neuer Stillegungsprozeß mit neuen Entlassungen zu erwarten ist. Das ist di« Kehrseite der britischen Zusammenschlußbewegung.
Das größte Dolksvermögen der Welt.
Wenn man in den Statistiken nachblättert, um einen Lieberblick über die Höhe der Vermögen der einzelnen Völker zu gewinnen, so muh man eine sehr seltsame und interessante Feststellung machen: Man erfährt nämlich zu seinem Erstaunen, daß das Indianervolk das reichste der Welt ist. Bestätigt wird diese Feststellung durch eine Aufstelllung, die das Snöianerbureau in Washington soeben über die Lage der amerikanischen Indianerstämme herausgegeben hat. Es wird dort festgestellt, daß das Vermögen der Indianer bei einer Zahl von 350 000 Seelen etwa fünfzehn Milli-
was ich denn in der Tasche habe, würde ich schlicht antworten: „Mein Frühstück!"
Eine knappe Stunde Eisenbahnfahrt, eine halbe Stunde Postauto, eine Viertelstunde Weges zu Fuß — und ich war auf meiner Waldparzelle angelangt. Der Landmesser hatte schon verschiedene rot- und weihgestreifte hohe Stangen in die Erde gesteckt, studierte die Karte des Grundbuches genau, prüfte mit dem Bandmaß die Entfernungen nach. Lind da war auch schon der Landwirt mit seinem Sohn, der Gemeindevorsteher und verschiedene Äachbarn und die Gehilfen des Landmessers. „So spät?" begrüßte mich der Bauer und stellte mich den übrigen Herren vor. „Wir sind schon seit über einer Stunde stramm an der Arbeit. Lind — haben Sie auch nicht die Sektflaschen vergessen? Wir haben auch welche mitgebracht. Acht Stück brauchen wir nämlich mindestens."
Ich tat so, wie wenn ich die Frage überhörte, und nickte nur stumm. Natürlich, wenn so viele Menschen an der Vermessung teilnahmen, würden acht Flaschen kaum reichen, daß ein jeder einen tüchtigen Schluck abbekäme! Darüber war hinterher immer noch zu reden. Aber daß die uckermärkischen Bauern bei einer solchen Gelegenheit Sekt zu trinken pflegten, — das schien mir denn
eine etwas üppige Tradition zu sein, so sehr ich sonst im Leben mit alten Traditionen gewih gern einverstanden bin.
Die Vermessung ging schneller, als ich dachte: was gewiß daran lag, daß der Landmesser nicht wie ich einst im Abiturientenexamen in der Mathematik eine dicke Vier davongetragen haben mochte. Auch heute hätte ich bestimmt an der Berechnung dieses aus verschiedenen Dreiecken und Trapezen zusammengesetzten Flächenmaßes eine ganze Woche zu tun gehabt, damit doch schließlich nur ein falsches Resultat herausgekommen wäre.
„So — wo sind nun die Sektflaschen?" fragte jetzt der Landmesser.
Da es sich also doch anscheinend nicht um einen Leim handelte, ging ich daran, meine Handtasche zu öffnen und das Verlangte hervorzukramen.
Erstaunte Augen blickten mich von allen Seiten an.
Lachen prustete mir entgegen.
War ich doch auf einen Leim hereingefallen? Ich hätte mich ohrfeigen können!
„25ber — die find ja gefüllt!" warf mir der Landmesser, sichtlich enttäuscht, vor. Merkwürdig — in anderen Situationen macht man einer Sekt-
aröen Dollar beträgt, und daß das Durchschnittsvermögen jedes einzelnen mit etwa 43 000 Dollar zu veranschlagen ist. Freilich ist es nicht so, daß restlos alle Indianer wohlhabend sind. Insbesondere in den großen Städren Reuyork, San Franzisko, Chikago, gibt es Tausend« von Indianern, die in außerordentlich kümmerlichen Verhältnissen leben. Trotzdem wird behauptet, daß über 70 Prozent der lebenden Indianer unter den wohlhabendsten wirtschaftlichen Lebensbedingungen stehen.
Der Wohlstand des Indianervolkes beruht in der Hauptsache auf seinen Reservatrechten aus großen amerikanischen Petroleumquellen. Vor etwa 70 bis 80 Jahren, als der Vernichtungskrieg der Weißen gegen die Indianer begann, und zum Siege der weißen Rasse führte, wurden die indianischen Lirein- wohner auf bestimmte, völlig unfruchtbare Gebiete deportiert, wo sie unter ständiger Kontrolle der amerikanischen Regierung gehalten wurden. Man nahm damals an, daß die Indianer nach spätestens einem Jahrhundert vollkommen ausgestorben sein würden. Diese Annahme hat sich jedoch nicht bewahrheitet und mit der Entdeckung der Petroleumfelder in den unfruchtbaren Gebieten, auf die man die Indianer gebracht hatte, setzte der Beginn ihres Wohlstandes ein. Es stellte sich heraus, daß in den
Reservationen der Indianer sich C. eichsten Petroleum quellen, die überhaupt gefunden wurden, befanden. Die öden und unfruchtbaren Länder bekamen also bald unschätzbaren Wert. Die Rechtsverhältnisse Amerikas, die sich inzwischen konsolidiert hatten, ließen es nicht zu, die Indianer erneut zu vertreiben, es muhten ihnen vielmehr sehr beträchtliche Entschädigungen bezahlt werden, um die Petroleumfelder auszu- toerten. Diese Entschädigungen haben dann zu dem Wohlstand der Indianer geführt, und so ist es zu erklären, daß zugleich mit den amerikanischen Petroleummagnaten die Indianerstämme, die Gesamteigentümer der Reservationen, zu Multimillionären geworden sind, und weiterhin alljährlich riesige Summen verdienen. Allerdings können die Indianer nicht selbständig über ihr Vermögen verfügen, es steht vielmehr unter Vormundschaft des Washingtoner Indianerbureaus, das die Gelder verwaltet und alljährlich nach einem bestimmten Schlüssel die zu verzehrenden Summen überweist. Die Aufstellung des Indianerbureaus zeigt übrigens auch noch die bemerkenswerte Feststellung, daß die vielfach geäußerte Ansicht, die Indianer seien eine aus - sterbende Rasse, irrig ist. Ihre Geburtenziffer ist ausfallender Weise höher als bei den weihen Amerikanern.
Weitlauf um 25 Millionen Mark.
Enthüllungen über herrenlose Gelder. — Das Erbe des Zaren? Ein Sensationsprozeß.
Von Or. Alexander von Andreewsky.
Zum erstenmal äußert sich hier ein ehemaliger hoher russischer Staatsbeamter aus genauer persönlicher Kenntnis zu der viel erörterten und jetzt vor der Entscheidung stehenden Angelegenheit der Zarengelder im Ausland.
Amerikanischen Zeitungen' zufolge steht in Reu- York ein Sensationsprozeh um das sogenannte Auslandvermögen derZaren- f amilie unmittelbar bevor. Es handelt sich um eine Summe von sechs Millionen Dollars, die in der National City Bank deponiert sein sollen. Diese Summe, die durch Zinsen sehr angewachsen ist, beanspruchen der Großfürst Kyrill, die Großfürstinnen Olga und Xenia, Schwestern des letzten Zaren, sowie Frau Tschaikowsky, die immer noch behauptet, die Zarentochter Anastasia zu sein. Aber nicht nur diese Mitglieder der Zarenfamilie, sondern auch Kerenski und die Sowjetregierung wollen Ansprüche geltend machen. Run klingen die Meldungen über das Vorhandensein eines Zarenvermögens in Amerika einigermaßen phantastisch. Es ist anzunehmen, daß es sich nicht um Gelder des Zaren, sondern um Beträge der zarischen Regierung handelt — und das ist natürlich ein wesentlicher Unterschied. Auch die Gegner des Großfürsten Kyrill geben zu, daß dieser „Selbstherrscher aller Reußen" ein Genie genannt werden kann, wenn es sich um die Erschließung immer neuer Geldquellen handelt; daß der Groh- fürst sich jetzt dazu versteigt, Ansprüche auf die in einer amerikanischen Bank deponierten Gelder zu erheben, ändert aber nichts an der Tatsache, dah der Streit um die Geldbeträge entbrannt ist, die niemals dem Zaren persönlich gehört haben.
Die recht beträchtlichen Vermögen der russischen Regierung im Ausland« haben ihre interessante Geschichte. Als im Sommer 1915 die russischen Heere unter dem Druck Mackensens aus Galizien zurücksluten mußten, das vom dem Großfürsten Rikolai Rikolajewitsch bereits in ein russisches Gouvernement verwandelt worden war, erlitt der Rubelkurs an den neutralen Börsen eine starke Erschütterung. Der damalige Finanzminister Bark suchte nach einem Mittel,
di« ins Schwanken geratene russische Währung zu stützen und entsandte eine Kommission von Sachverständigen nach London, um dort über die Ausnahme einer Valutaanleihe zu verhandeln. Mit Pässen neutraler Geschäftsleute versehen, begaben sich russische Unterhändler über Bergen nach London, wo nach langwierigen Verhandlungen ein Dalutaabkommen zwischen England und Rußland zustande kam. Das englische Schatzamt stellte der russischen Regierung je nach Bedarf größere Summen von Devisen aller Länder zur Verfügung: als Deckung sollte russisches Gold in Archangelsk auf englische Schiffe verladen werden. Gleichzeitig verlangte die englisch« Regierung aber als Gegenleistung russische Verstärkungen für die damals an der Westfront stark bedrängten Alliierten. Zwei Regimenter bester russischer Truppen wurden über Sibirien nach Wladiwostok entsandt und von dort an der asiatischen Küste entlang über den Suezkanal nach Frankreich verschisst, wo sie bis auf den letzten Mann auf gerieben wurden.
In Petersburg wurde im Kriegsministerium eine „Kommission für Devisen-Verteilung" organisiert, deren Mitglied ich gewesen bin. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde General Michelson ernannt, ein ehemaliger russischer Militärattache in Berlin, der wegen Spionageverdacht nach einer peinlichen Affäre sein Amt verlassen mußte. Der freie Handel mit Devisen wurde in Rußland streng verboten, und jeder, der Devisen brauchte, mußte sich an die Kommission wenden, die bald alle Hände voll zu tun hatte. Wie Pilz« schossen Munitionsfabriken aus der Erde, die ihre im Ausland bestellten Maschineneinrichtungen mit Devisen zu bezahlen hatten. Unter dem Deckmantel der Vaterlandsverteidigung entwickelte sich bald eine wüste Devisenspekulation, denn die durch die Kommission erworbenen Devisen wurden unter der Hand zu weit höheren Kursen weiterverkauft. Die Kommission selbst gab das englische Pfund, das an den „schwarzen Börsen" mit 25 Rubeln bezahlt wurde, zum amtlichen Vorkriegskurs von 10 Rubeln ab. Sogar ein ehemaliger Heldentenor der Petersburger Hofoper erschien eines
flasche doch mit nichten das zum Vorwurf, daß sie einen sprudelnden Inhalt hat! „Gefüllte Flaschen habe ich noch nie unter die Grenzsteine eingegraben!“
Der Landwirt hatte inzwischen seine vier leeren Sektflaschen aus einem Gebüsch geholt. Ihm schien das Problem gar nicht so schwer zu lösen. „Ja, da müssen wir eben wohl die Flaschen schnell austrinken I" meinte er bieder und überzählte schnell die Häupter der Versammlung, wieviel denn wohl auf den einzelnen Mann komme. Ra. da brauchte sich schließlich niemand zu überheben! Was unserem Mittagsappetit auch nicht allzu gut bekommen wäre. Das Ganze würde eine Angelegenheit von ein paar Minuten fein, das Oeffnen der Flaschen mit einbegriffen.
Lind also geschah denn der Trunk auch, den der Wunsch: „Auf gute Rachbarschaft!" bekräftigte. Ein Gehilfe des Landmessers murrte noch etwas in feinen gar nicht vorhandenen Bart, daß er ja eigentlich Antialkoholiker sei, aber uneigentlich ...
Wie bei einem Begräbnis, einem ganz feierlichen. war es, dah meine Sektflaschen eingegraben wurden — an jeder Ecke des Grundstücks eine; die des Dauern aber hatten den Zugang sw eg zu meinem Grundstück zu bestimmen. Lind oben auf die verkehrt herum stehenden Flaschen kamen dann die schweren Grenzsteine. Lind da fiel mir aus fernen Iuristentagen der famose Paragraph 919 des Bürgerlichen Gesetzbuches ein: „Wenn ein Grenzzeichen verrückt geworden ist..Hoffentlich bewahrten hier die Flaschen vor solch bösem Schicksal, daß jemand in die nächste Grenzzeichen-Irrenanstalt einmal abtransportiert werden mußte!
Run, da wir Gäste des wackeren Landwirts sind und dessen Gattin unwahrscheinlich große Schweinekoteletten auf den Tisch trägt, dazu Kümpe mit Erbsen und Karotten und Kartoffeln, die schwere Anstrengung der Vermessung in uns wieder wett zu machen, müssen meine Gedanken zu den vielen tausend Sektflaschen in norddeutscher Erde gehen, von denen kein Mensch etwas weiß. Welche Bevorzugung gegenüber ihren meisten Kollegen, die von lachenden Menschen schnell ausgetrunken worden und für die ein Lumpensammler hernach kaum gern einen Groschen gibt! Ihr anderen, Erwählten, habt noch eine andere, dauerndere Bestimmung, Grenzen, genaueste, unter der Erde für Besitz und Eigentum, aufrecht wie Grenadiere — freilich auf dem Kopfe stehend — zu sein, zumal für den Fall, „wenn ein
Grenzzeichen verrückt geworden ist", um nochmals dieses mustergültige Juristendeutsch zu gebrauchen, dessen Verfasser kaum aus seiner Anonymität heraustreten wird! Gerade, weil Ihr, vielleicht für Jahrhunderte, noch dazu mit leerem Magen, auf dem Kopf stehen müßt, der dunklen Erde durch alle Jahreszeiten anvertraut, im Geheimen Dienende seid, wozu Euch gewiß nicht bei der Schöpfung die Verpflichtung wurde — grüße ich Euch, zolle ich Euch meine Anerkennung! Menschen mag es geben, denen ähnliches Schicksal im Leben ward — von denen auch niemand etwas weiß! Doch — doch — da muß ich an jenen und diesen plötzlich denken; und da ist es mir, wie wenn jener und dieser, leer getrunken, auf dem Kopf stehend, Pflichten zu erfüllen habe, deren Sinn uns unbekannt ist. Traurig kann man eigentlich bei solchem philosophischen Rachdenken werden. Da hat aber der Hausherr schon eine Flasche seines selbstbereiteten Obstweines aufgemacht und unsere Gläser gefüllt: „Auf gute Rachbarschaft!" Lind freudig tun wir ihm Bescheid - ich, als einer, der nun zu ihnen gehört, als Bürger und Grundbesitzer.
Lochschulnachrichten.
Der mit Titel, Rang und akademischen Rechten eines ordentlichen Professors ausgestattete a. o. Professor der Mathematik an der Universität Erlangen, Dr. Wolfgan-- Krull, ist vom 1.Oktober d. I. an zum etatsmäßigen ordentlichen Professor ebenda ernannt worden. Der aus Baden-Baden gebürtige Mathematiker, Schüler von A.Loewy (Freiburg i. B.) und E. Noether (Göttingen), begann seine akademische Laufbahn im Jahre 1922 als Privatdozent für reine Mathematik in Freiburg i. B. Dort erhielt er später die Amtsbezeichnung außerordentlicher Professor und Übernahm im Herbst 1928 den Lehrstuhl der Mathematik in Erlangen als Nachfolger von Professor Radon. Eine Berufung nach Rostock als Nachfolger von Professor Staude hat Dr. Krull abgelehnt. Sein Spezialgebiet ist Arithmetik und Algebra. — Dem planmäßigen außerordentlichen Professor für Geburtshilfe und ambulatorische Klinik in der tierärztlichen Fakultät der Universität München, Dipl'mlandwirt Dr. med. vef. Anton Otto Stoß sind vom 1. Januar 1930 an Titel, Rang und akademische Rechte eines ordentlichen Professors verliehen worden. Er ist als Verfasser einer langen Reihe von Arbeiten aus seinem Spezialgebiet bekannt geworden.


