Ausgabe 
12.3.1929
 
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Nr. 60 Drittes Blatt_________________Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)____________Dienstag, 12. Mürz (929

Goldenes Feuerwehr-Jubiläum in Schotten.

Schotten, 11. März.

Am 9. März 1879 wurde auf dem Rathaus zu Schotten unter Mitwirkung der Stadt und des damaligen Bürgermeisters Fendt die Frei­willige FeuerwehrSchotten gegründet, der alsbald 107 Mitglieder beitraten. Immer hat in der obgclaufcncn Zelt die Wehr, getreu ihren hohen Idealen, im Kamps gegen feindliche Ele­mente ihre vollste Schuldigkeit getan, immer hat in der Wehr ein guter kameradschaftlicher Geist und wahrer Büraersinn geherrscht. Schotten ist stolzauf ferne Freiwillige Feuer­weh r.

Diese allgemeine Wertschätzung kam bei dem goldenen Jubiläum, das die Wehr am Samstag und Sonntag feierte, glänzend zur Gel­tung. Die Stadt war reich geflaggt, die ganze Bürgerschaft nahm aufrichtigen Anteil an dein Ehrentag. Samstag mittag sand Empfang der von auswärts cintresfenden Kameraden statt. Der Abend vereinigte die Kameraden in der fest­lich geschmückten Turnhalle. Aach einleitenden Musikstücken und einem gut gesprochenen Bar­spruch von Sri: Aullmann begrüßte der erste Kommandant Stang alle Gäste und Vertreter der Behörden: sein besonderer Gruß galt den noch lebenden fünf Gründern der Wehr (Ad. Hau. 2oh. H. A ü h l, Ioh. H. K r o m in . Konr. S ch l ö r b und H. Weih IV.). Ein ..Gut Wehr!" auf ein frohes Gelingen des Jubiläums beschloß die An­sprache. Der neue Kreisdirektor des Kreises Schotten. Dr. Sonn, überbrachte die Glückwünsche der Hess. Staatsregierung und des Kreises. Er sand treffliche Worte aus das Vaterland. Reg - Aat Dr. Helm reich nahm die Verteilung der ,Feuerwehrabzeichen und Auszeichnungen an die Gründer. 40- und 25jährige Mitglieder der Wehr vor. Der Männerchor de§ Gesangvereins, sowie dessen Doppelquartett trugen mehrere sehr an­sprechende Chöre vor, die Feuerwehrkapelle unter Leitung ihres tüchtigen Dirigenten Groth spielte gefällige Weisen. Die inhaltvolle Festrede hielt Bürgermeister M e n g c l, der der Wehr die Glückwünsche und den Dank der Stadtverwaltung oussprach. Den Gründern der Wehr überreichte er schöne Bilder des Rathauses. Gin besonderes Gedenken wurde den Heimgegangenen Mitgliedern und den Gefallenen geweiht, wehmutsvoll klang das Lied vom guten Kameraden. Passende lebende Bilder aus der ernsten Arbeit der Feuerwehr wurden vorgesührt. Eine Reihe Ansprachen folg­ten. die sämtlich Glückwünsche dem Jubilar über­brachten. so der frühere Kreisdirektor, Geh. Reg - Rat D o e ck m a n n , der Vorsitzende des Turn­vereins. Zeschky. der einen silbernen Pokal überreichte. Branddirektor Braubach. Gießen, namens des Provinzial-Feuerwehrverbandes. Kommandanten Wenzel. G eßen, für den Freiw. Feuerwehrverband des Kreises Gießen. K n i e - r i m für Kreis Alsfeld, die Gailsche Feuerwehr, Gießen, die Vereine Butzbach, Gießen, Aidda, Echzell, alle beglückwünschten aufs herzlichste die Wehr. Der Kommandant sprach für alle Ehrun­gen aufrichtigsten Dank aus. Gemeinsame Lieder wechselten mit Vorführungen des Turnvereins und sonstigen humoristischen Vorträgen. Alles in allem: eine sehr stimmungsvolle, würdige Feier.

Am Sonntagvormittaa trasen zahlreiche aus­wärtige Vereine mit ihren Musikkapellen ein. Ilm 11 Ahr fanden auf dem Platz vor der Kirche Paradeausstellung, eine Reihe von Vor­führungen, sowie ein interessanter großer Brandangriff statt. Die neue Motorspritze der Stadt bewährte sich besonders gut. Brand­direktor Braubach, Gießen, hielt die Kritik ab, Kreisdircktor Dr. Iann sprach ermahnende

Worte an die versammelten Wehren. Ein gro­ßer F e st z u p mit 5 Musikkapellen bewegte sich durch die geschmückte Stadt bi- zur Turnhalle. Hier fanden sich die vielen Feuerwehrleute zu gemütlichem Beisammensein ein. Konzert von 4 Kapellen, besonders der starken Schottencr Feuerwehrkapelle, unterhielt die Gäste bestens. Rach Begrüßung durch Kgmerad E e l l a r i u S überbrachte Oberrcgierungsrat Dr. Heß. Gie­ßen, die Glückwünsche der Provinzialdirektion und des Provinzialdirektors und endete mit einem freudigst aufgenommenen Hoch auf daS deutsche Vaterland. Echte Feuerweyrstimmung beherrschte die Festteilnehmer. Abends vereinigte sich die Bürgerschaft, besonders die Jugend, zu einem schön verlaufenen Ball.

Die Geschichte der Feuerwehr ist in einer für daS Jubiläum befondexs herauSgegebe- nen Festschrift festgchaltcn worden, die drei inter­essante Abschnitte enthält: ..Die Feuerwehr der Stadt Schotten in alten Zeiten" (Bürgermeister Menget. Schotten).Die Schottener Feuerwehr im ersten, zweiten und dritten Viertel de« vorigen Jahrhunderts" (Earl L i n ck . Schotten) und'Sie Freiwillige Feuerwehr Schotten von 18791929" (Ad. S p a m e r).

Auf da« Jubiläum. daS in jeder Hinsicht glanz­voll verlief. kann die Wehr mit berechtigtem Stolz zurückblickcn. Möge ihr eine glückliche Wei­terentwicklung beschieden seinl

Stirnen, Sport und Spiel.

97. Gautumtag Hessen D.T.

-o- Am Sonntagvormittag eröffnete der Erste Gauvertreter Arthur Pfeiffer (Wetzlar) zu Gießen den Gauturntag, die höchste entschei­dende Verwaltungsstelle im Gau Hessen. Die Ta­gung sand in der Turnhalle des Tv. 1846 statt und wurde von dem Vertreter deS gastlichen Vrudervereins. Anil>ersitätsbureaudirektor Erle (Gießen), mit herzlichen Worten begrüßt.

Mit einem begeistert aufgenommenen Gut Heil auf daS Vaterland und den deutschen Turn­gedanken, der die Welt durchzieht, leitete der (Saubertreter die Tagesordnung ein. Zu­nächst ehrte die Versammlung daS Andenken an die Verstorbenen, Pros. Dr. S ch m i d t (Bonn), der in jahrelanger Forscherarbeit den Betrieb der Leibesübungen auf wissenschaftliche Grundlagen zurückgesührt hat, den ausgezeich­neten mittelrheinischen Turner Fritz Engel (Wiesbaden) und auS dem Gau Hessen die ver­dienten Turner Heinrich Franke vom Tv. 1860 Bad-Aauheim und Karl Hermann Iöckel vom Tv. Grünberg.

Die Jahresberichte der Gauleitung und der verschiedenen Fachwarte lagen im Druck vor und standen zu allgemeiner Aussprache. Wir geben daraus einige Mitteilungen und Anregungen wieder. An neuen Vereinen sind, hinzugekommen: Akad. Tv. Rheinsranken (Gie-' ßen), die Tve. zu Echzell i. d. Wetterau, Gr.- Buseck, Kaichen, Wölfersheim, Crainfeld, Ufin­gen und T.- und Spv. der Christtan-Wirth- Schulc daselbst, Anspach und Fauerbach v. d. Höhe. Die Zahl aller Mitglieder ist auf 16 000, die der beitragspflichtigen auf 13 000 gestiegen. Im Gaubereich haben 27 Vereine eigene Turn­hallen und ebensoviele Vereine eigene Sp!el- und Turnplätze. Der Jahresbeitrag für die über­geordneten Verbände beträgt für jedes Mitglied über 14 Jahre 1,75 Mark, wovon die Deutsche Turnerschaft 85 Pf., der Mitlelrheinkreis 65 Pf. und der Gau 25 Pf. erhalten. Durch Vergleich mit anderen Gauen wird festgestellt, daß der Gau Hessen die niedrigste Umlage erhebt.

In eingehender Weise erläuterte der Gan­der t re t e r die mannigfachen Leistungen der Verbände und fördert zu eifriger Benutzung der für den einzelnen kostenlosen Lehrgänge, ins­besondere auch an der neuen Deutschen Turn­schule in Berlin auf. Der T v. 18 59 Aidda regte unter Zustimmung an, die Bestandserhe­bung der Gauvereine den Jahresberichten bei der Drucklegung anzuglievern. Für den Wett­kampfbetrieb will der Tv. Wetzlar eine wei­tere Ausgestaltung der Ausbildungsgelegenheiten für Kampfrichter. Oberturnwart Will gab eine umfassende Uebersicht Über die gegenwärtigen

Maßnahmen in den Bezirken, dem Gau und KreiS, und betonte, daß die Heranbildung geeig­neter Turner zu sachkundigen und gerechten Kampf- und Schiedsrichtern eine der vornehm­sten Ausgaben der technischen Leitung bleiben werde.

Die Daurechnung war von der Marburger Turnerschast geprüft worden und brachte dem Gaurechner W. Oertel (Aleder-Wölistadt) die beantragte Entlastung und den Dank der Ver­sammlung.

AlS Rechnungsprüfer für da« nächste Jahr wurden die Turnvereine Heuchelheim und Treis a. d. Lda. gewählt.

Aach der Genehmigung der Jahresberichte hat­ten die fällig gewordenen Wahlen folgen­des Ergebnis: Die seitherigen Mitglieder des Gauvorstandes, nämlich der 2. Gauvertreter K. Schneider (Butzbach), der Gauoberinrnwart W. Will (Dießen) und der Gauschriftführer K. Wenzel (Gießen) wurden unter lebhaftem Beifall wiedergewählt, ebenso vom Gautnrnaus- schuß der Gauwart für das Männerturnen, Mar­tin T e r t o r (Marburg): als Gausechtwart wurde neugewählt Karl Kühn, Turngemeinde Fried­berg, alS Gauivart für daS Volkstunien Karl K l i m m e r , Kloster Haina. Don der Wahl eines Gaujugendturn- und WanderwarteS wurde zunächst abgesehen, dafür aber daS Amt eines GauwarteS für da« Kinderturnen (bis aum 14. Lebensjahr) im Lause des JahreS in Aus­sicht genommen. Dazu gab Dr. med. Fritz Koch, Vorsitzender des Tv. 1859 Aidda, unter dank­barem Beifall der Versammlung wertvolle An­regungen, die er auS seiner Tätigkeit als Kin- deriurnwart seines Vereins in Verbindung mit der ärztlichen Durchdringung deS gesamten Stoff­gebiet« gewonnen hat: insbesondere bedarf das Verhältnis des jugendlichen Körpers zum Turn­gerät der größten Aufmerksamkeit.

Das Gaufest für 1 930 wurde dem Turn­verein Kirchhain übertragen, das Wetturnen der Frauenabteilungen findet in die­sem Jahre in Lich, im nächsten Jahre in Lau­terbach statt. An Stelle des Dergturnen« tritt dieses Jahr eine Gauwanderung am zwei­ten Psingstfeiertag nach K l o st e r Haina zur Weihe deS dortigen neuen, selbstgeschaffenen Turn- und Spielplatzes.

Als Abgeordnete zum Deutschen Turn- t a g anfangs Oktober zu Berlin wurden auS dem Gauvorstand bestimmt K. Schneider (Butzbach) und W. Will (Gießen), alS Stell­vertreter F. Bach (Grohen-Linden) und W. Oertel (Aieder-Wöllstadt).

Unter ehrenden Worten überreichte der Gau- tiertreter den Gau-Ehre nbrief an die be­währten Friedberger Turnersührer Georg Thie­

rolf und Karl Schuchmann, an Otto Kornder, Tv. Wetzlar, und Karl Rein­hardt. Tv. 1860 Bad-Aauheim.

Zum Schluß gab der Oberturnwart de fannt, daß an volkstümlichen Hebungen für die Bezirkswettkämpfe Stabhochsprung. Kugelstoßen. Weitsprung und Lauf, für da« Gausest Kugel­stoßen. Weitsprung und Hangeln bestimmt wor- den sind. Ferner wird ein Wettkamps im Kunst­turnen zwischen dem (Sau Hessen und dem Gau Frankfurt zum AuStraa kommen.

Mit dem Dank des Turner« Philipp Weiß, Vorfitzender deS Tv. 1860 Bad-Aauheim. und einem kräftigen Gut-Heil der Versammlung für die (Bauleitung fand die arbeitsreiche Tagung am Aachmittag ihr Ende.

V. f.».

Infolge de« plötzlich einsetzenden Tauwetter« war der Waldsportplatz am Sonntag nicht be­nutzbar. Die Spiele der Liga- und Liga- reserve Mannschaften mußten deshalb auf einem provisorisch hergerichteten Spielfeld auf dem Trieb au«getragen werden. Der Verlaus de« von Anfang bis Ende spannenden Tressen« brachte insofern eine große Ueberraschung, al« Burg während längerer Zeit überlegen war und sogar mit 3:1 in Führung lag. Aeben dem außerordentlich sorschen Tempo waren e« die fortgesetzt wechselnden Situationen, sowie die beiderseits zahlreich herausgearbeiteten Torchan­cen und nicht zuletzt die vielen Tore selbst, die dem Spiel einen besonderen Reiz verliehen. Anfang« war die Platzmannschaft auf Grund ihrer liesseren Technik leicht überlegen, und sie nahm den (Segnet anscheinend nicht gang ernst. Aachdem Gießen ein Tor erzielt hatte, glich Burg bald darauf au« und vermochte bl« zur Halbzeit eine mindesten« gleichwertige Partie zu erreichen. Aach der Pause, bei der da« Resultat 1:1 lautete, lieferte Burg ein Spiel, wie man e« von ihm nicht erwartet hatte. Es vereinigte Wucht und Dckznelligkeit mit recht gutem StellungSspiel, den Gießen wohl seine reifere Technik entgegenzustel­len wußte, jedoch nicht verhindern konnte, daß Burg bald mit 2:1, wenig später sogar 3:1 im Vorteil war. Aur ganz langsam kam auch die V.f.B.-Mannschaft auf und versuchte nun mit et­was mehr Eifer alS vorher, da« Versäumte nach­zuholen, waS ihm vorerst bei der aufmerksamen und sicheren Verteidigung der Gäste nicht so ohne weiteres gelang. Allmählich zeigte e« sich jedoch, daß die Gäste-Gls dem präziseren Kom­binationsspiel DießenS, zumal sie sich anfangs zu stark verausgabt hatte, nicht mehr gewachsen war. V.s.B. bewies, daß er mit feinen Kräften besser hausgehalten hatte und ging in bewun­dernswertem Endspurt zum Generalangriff über. So wenig man sich mit seiner anfänglich lauen Spielweise befreunden konnte, fo sehr imponierte die Mannschaft jetzt mit ihrer planvollen und erfolgreichen Zusammenarbeit. In einer knap­pen halben Stunde brachte sie e« fertig, fünf prächtige Tore zu erzielen, dem Burg nur noch ein« entgegensetzen konnte. Da« Dchlußergebni- lautete somit 6:4 für D.f.D.

Auch die Ligareserve brauchte längere Zeit, bis sie sich zurechtgefunden hatte. Dann aber zeigte fle sich dem Gegner weit überlegen und gewann verdient mit 8:2.

Die Dritte stand In Laubach auf völlig aufgeweichtem Platz der dortigen Zweiten Im letzten DerbandSsPiel gegenüber. Sie beendete die DerbandSspielserie ungeschlagen und schlug Laubach mit 4:2. Somit ist sie Meister der 1. Gruppe der Gauklasse 2.

TeuioniaLaubachl B.f.R.LichlL:r.

Am Sonntag trugen diese Mannschasten ihr Punktspiel auS. Man konnte dabei in Laubach ein Spiel sehen, daS sich trotz der schlechten

Nachdruck verboten.

4. Fortsetzung.

Oie Liebe derBrigitta Hollermann Vornan von Elisabeth 7ley. Copyrigl)t by Martin Feuchlwanger, Halle (Saale).

Man schritt zur Tafel.

Brigitta am Arm Doktor Fritz Bellmger«.

Sie litt es, daß er sich liebenswürdig zu ihr neigte und achtete nicht auf feine kleinen uner­laubten Zärtlichkeiten. Sie dachte ja immer nur an ihn, Hans-Jörg, der ihr fchräg gegenüber faß und dessen zärtliche Blicke sie mit unbe­schreiblichem GlückSgefühl erfüllten.

Wie glücklich sie war, von diesem stattlichen, schönen Mann geliebt zu werden!

Ganz beseligt schloß Brigitta Hollermann die Augen, und hörte kaum die Worte, die Bellinger zu ihr sprach. Sie vermochte ja kaum noch die Zeit zu erwarten, da ihr Vater allen An­wesenden ihr großes Glück verkünden wurde und sie sich offen zu dem Geliebten bekennen konnte. ,r _ , .

Sie sah wie Isa mit allen ihr zu Gebote stehenden Reizen Hans-Jörg ^bestricken suchte, und sah dessen abfällige«, spöttisches L<Aeln.

Das machte sie noch glücklicher. Der Kuh, von dem ihr Isa gesprochen hatte war sicher frei erfunden: fie brauchte nicht eifersüchtig zu fein.

Da, jetzt trafen sich wieder ihre Blicke und wie gebannt sah sie in die glücklich-leuchtenden Augen des geliebten Mannes.

Sie vermochte kaum einen Dissen zu elfen, zumal sie in allen Gesichtern der anwesenden Gäste die gleiche Spannung und ungeduldige Er­wartung deS großen Moments, des Elous des Abends, zu lesen glaubte.

Endlich war es so weit. . , .

Die gutgeschulte Dienerschaft servierte gerade den Aachtifch. Da beugte sich ihr Vater leicht über die Tafel und klopfte an sein Glas.

Aoch ein scheuer rascher Blick tras Hans- Jörg, der ihr lächelnd zunickte, dann schaute sie in atemloser Spannung mit rasendem Herzklopsen zu ihrem Vater hin.

Aber was hatte der alte Mann?

Zitterte nicht seine große, breite Gestalt, war er nicht totenbleich, und versuchte vergeblich Worte zu formen? .

Großer Gott, erregte ihn das Glück seines Kindes gar so sehr?

..Lieber, lieber Vater , murmelte sie. ihm ängst­lich zunickend. r._

Da sand Geheimrat Hollermann plötzlich feine Haltung wieder und sagte:

Liebe Freunde meines Hause- ich will mich kurz fassen, um Sie nicht zu lange mit der freudigen Aachricht, die ich Ihnen zu machen habe, auf die Folter zu fpannen. Kurzum, heute ist ein rechter Freudentag für mein Hau« und meine Familie, denn ich habe die Ehre, Ihnen, verehrte liebe Gäste, die Verlobung meiner älte­sten Tochter Brigitta mit meinem Assistenzarzt Doktor Fritz Bellinger bekanntzugeben."

Ein brausender Jubel erscholl an der großen festlich geschmückten Tafel, und erstickte den lauten Schreckensruf, den Brigitta Hollermann, fafsungs- los von dein soeben Gehörten, ausgestoßen hatte. Aber noch ehe sie zu Worte kam, fühlte fie sich von zwei Männerarmen brutal umschlungen, und zwei begehrliche Männerlippen suchten die ihren.

Brigitta lag halb ohnmächtig in den Armen Doktor Bellinger«, der sie jetzt lachend auf einen Stuhl gleiten lieh.

Aiemand ahnte die entsetzliche Tragik dieses Moments: alle kamen, um die' junge, bleiche Braut zu umarmen, und ihr Glück zu wünschen.

Aber noch einer war in fassungslosem Schmerz aufgesprungen, und stand nun mit irrem Blick auf die jubelnde, ausgelassene Gesellschaft starrend.

Es war Doktor Hons-Iörg Eggenbrecht, der dies alles nicht begreifen konnte, der sich vor- kam als habe man ihn aus einer sonnigen Höhe in einen entsetzlichen Abgrund geschleudert.

Run, Herr Doktor, wollen Sie meiner Schwe­ster nicht endlich auch Glück wünschen? Sie find bald der einzige, der es noch nicht getan hat!" riß ihn die höhnische Stimme Isa HollermannS auS seiner rasenden Verzweiflung.

Er starrte ihr in daS verschlagene, spöttisch- verzogene Gesicht, und der überlegene Hohn dieses Mädchens gab ihm endlich die Besinnung wieder.

Ja, man hatte ihn betrogen und ein heim­tückisches, gemeines Spiel mit ihm getrieben!

Weshalb sehen Sie nur so verstört au«? fragte Isa, die Erstaunte spielend.

Es ist nichts, gnädige- Fräulein", stammelte Eggenbrecht mit bleichen Lippen. .Ich bin nur einigermaßen erstaunt über die etwas plötzliche Verlobung."

Plötzlich? Aa, das kann ich nicht gerade fin­den. Die Verlobung ist doch fchon seit drei Wochen so gut wie perfekt, und die heutige Ge­sellschaft wurde eigens zur Veröffentlichung dieser Verlobung gegeben. Brigitta hatte es ja kaum noch erwarten können. Aber was ist Ihnen, Herr Doktor? Sie sehen ja ganz verfallen und elend ausl Gott im Himmel, Sie haben wohl Brigitta auch geliebt? 7la, daS ist natürlich Ihr persönliches Pech, und da kann ich Ihnen nicht helfen. Hebrigen«, trösten Sie sich. Brigitta hat sich stets lustig gemacht über Sie, und über Sie gespöttelt. Ja, einmal sagte sie sogar, daß

sie etwas darum geben würde, Sie noch einmal richtig in fie verliebt zu sehen, damit sie ein­mal recht herzlich über sie lachen könne."

Fräulein Isa, ist das wahr?" preßte Doktor Eggenbrecht, kaum seiner Sinne mächtig, fest ihr Handgelent umspannend, hervor, so daß Isa leise ausschrie.

Au, Sie tun mir ja Wehl" rief sie vorwurfs­voll.Was kann ich dafür, wenn Brigitta eine herzlose Kokette ist. Sie hat Ihnen wohl wahr­haftig schon den Kops verdreht? Das sieht ihr ähnlich."

Ein bitteres Hohnlachen war die Antwort de« jungen ArzteS: dann straffte flch seine Gestalt.

Totenbleich, aber mit ruhiger Hand ergriff er fein gefülltes Sektgla«, und ging festen Schrit­te« zu Brigitta Hollermann, die foeben von ihrer Mutter überschwenglich abgeküßt wurde und noch immer vergeblich versuchte, Protest gegen diese Verlobung einzulegen.

Al« sie sich endlich widerwillig aus dieser Um­armung befreite und hllsefuchend zu ihrem Vater eilen wollte, vertrat ihr HanS-Iörg Eggenbrecht den Weg.

Seine Augen blitzten in tödlichster Verachtung ihrem ängstlichen, hilfesuchenden Blick entgegen; dann neigte er den Sektkelch gegen den ihren und sagte:

Gnädiges Fräulein, meinen ergebensten Glück­wunsch. Mögen Sie das Glück so finden, wie Sie es verdient haben."

Brigitta vermochte nicht zu antworten. Aur ein dumpfer Wehlaut kam über ihre Lippen und da« Glas fiel ihr aus der Hand und zerschellte in tausend Splitter am Boden.

HanS-Iörg Eggenbrecht aber achtete nicht dar­auf. Gr hatte sich höhnisch auslachend abgewandt und den Saal verlassen.

So sah er nicht, daß Brigitta Hollermann be­wußtlos zusammengebrochen war.

Draußen im Vestibül ließ sich Doktor Eggen­brecht von dem alten Diener Wilhelm Hut und Mantel reichen.

Schon fort, Herr Doktor?" wagte der Alte zu fragen.

Eggenbrecht sah ihn verständnislos an und eilte davon. Plötzlich aber kehrte er wieder um, und sagte hastig:

Wenn man mich vermißt, so sagen Sie, daß ich eilig in die Klinik zu meinen Kranken gerufen wurde. Sie schließen mir am besten die Tur zum Park auf, damit ich gleich den Weg durch« Labo­ratorium nehmen kann, zu dem ich ja den Schlüssel habe."

Der Diener nickte und begleitete den jungen Arzt zur Hintertür, die er dann wieder sorgfältig abschloh.

WaS hatte der junge Doktor nur? Er sah wahrhaftig auS, al« wenn er nicht ganz recht bei

Sinnen wäre", murmelte er dabei kopfschüttelnd vor sich hin.

Inzwischen hatte man die junge Braut In einen kleinen Salon auf den Diwan gebettet.

Sie war noch immer ohnmächtig, und der Geheimrat stellte mit großer Sorge fest, daß die Ohnmacht feine« Kindes ungewöhnlich tief, sogar gefährlich war.

Seit zehn Minuten bemühte man sich umsonst, sie wieder In« Bewußtsein zurückzurusen.

Doktor Bellinger hatte sich zu der Gesellschaft zurückbegeben, um die erregten, erschrockenen Ge­müter wieder zu beruhigen. Man bestürmte ihn mit Fragen, woher diese Ohnmacht plötzlich ge­kommen fei.

Da« Glück, die übergroße Erregung," entgeg­nete Bellinger, vielsagend lächelnd die Achseln zuckend, während er den wahren Sachverhalt nur zu genau kannte. .

Widerspenstige kleine Kröte, dich mache ich schon kirre. Du sollst erfahren, wa« dein Vater geworden ist, bann wirst du mir parieren wie ein wohldrefsierteS Dchoßhündchen," murmelte er höhnisch lächelnd vor sich hin, und stürzte sein Gla« Sekt auf einen Zug hinab.

In dlefem Moment war efl, als wenn der Saal ringsum erzitterte und daS ganze Hau« In« Schwanken geriet; dann erfolgte ein ohrenbe­täubende- Krachen und Splittern.

Für einen Moment war alle« totenstill.

Aiemand der Gäste wagte sich vom Platz zu rühren.

Alle faben sich mit angstvollen, bleichen Ge­sichtern hllflo-, von entsetzlicher Furcht ge­peitscht, an.

Bellinger war der erste, der sich faßte.

Da« Laboratorium!" schrie er entsetzt, au einem Fenster stürzend, und die Portieren zurückzerrend.

Glasscherben fielen Ihm entgegen. Drüben aber, direkt am Anbau der Klinik, stieg gerade eine riesige Feuersäule empor.

Mit einem Sah war Beilinger au« dem Fen­ster gesprungen. Da stand auch der alte Geheim­rat, wie au« der Erde gewachsen, im Saal.

Meine Herrschaften.^ lallte er mit schwerer Zunge, nach der Feuersäule deutend,die Herren mögen mltfommenl Herrgott, meine armen Pa­tienten, eine Explosion! Helst mir sie rettenI" Er stürzte davon; ihm folgten hilfsbereit alle anwesenden Herren der Gesellschaft.

Da« Grauen blieb allein zurück. Die Damen hatten eilig die gefährliche Stätte verlassen, und waren nach Hause gefahren.

Frau Evelyn lag in hysterischen Weinkrämpfen in ihrem Boudoir, und Isa stand am Fenster, und starrte gebannt in die hochlodernde Glut de« LaboratoriumsgebäudeS, dessen Flammen schon gierig an dem Dach der Klinik leckten.

(Fortsetzung folgt.)