Die neue Straßenbahnfrage.
Es ist bedauerlich, daß sich die Bürgerschaft unserer Stadt nach dem wiederholten Scheitern der Straßenbahnverhandlungen mit Wieseck wiederum mit einer unerfreulichen Straßenbahn- srage beschäftigen muhu Diesmal handelt es sich um die vom Polizeiamt bei der Stadtverwaltung vorgeschlagene Stillegung eine r S t r a - ßenbahn st recke zwischen dem Marktplatz und dem Bahnhof. Die Fragestellung in dieser Angelegenheit ist in dem Schreiben des Polizeiamtes an die Stadt auf die Stilllegung der Straßenbahnlinie rm Seltersweg zugespiht: allerdings steht für den Eventualfall auch die Stillegung der Bahnhofstraßen-Linie zur Erwägung. Der Ver- kehrs-Derein und die Bereinigung der Selters- wegbewvhner haben sich, wie gestern berichtet, am Donnerstagabend in einer Versammlung im Hotel ..Prinz Carl" auf Ersuchen der Stadtverwaltung mit di.ser Angelegenheit beschäftigt. Beide Vereine sind dabei in völliger äleberem- stimmung zu dem Ergebnis gekommen, daß . mit größtem Nachdruck nicht nur gegendie Stilllegung der Straßenbahn durch den Seltersweg, sondern auch gegen die Einstellung des Straßenbahnverkehrs durch die Bahnhofstraße Stellung zu nehmen ist. Eine einstimmig angenommene Entschließung in diesem Sinne soll der Stadtverwal.ung a s Willensäußerung der Vereine zur Kenntnis gebracht werden.
Es unterliegt keinem Zwtt el, daß diese Stellungnahme der beiden Vereine ganz in Sinne der Bürgerschaft liegt. Man muß es als ein Ding der ^Unmöglichkeit bezeichnen, der Bevölkerung unserer Stadt und den Besuchern von auswärts das Verkehrsmittel der Straßenbahn zwischen dem Stadtzentrum und dem Bahnhof auch nur auf einer Teilstrecke nehmen zu wollen. Menn in dem Schreiben des Polizeiamtes an die Stadt d:r Gedanke zum Ausdruck gebracht wird, daß bei einer Stillegung der Straßenbahn durch den Scltersweg dessen Bestimmung als Einbahnstraße aufgehoben werden könnte, sv werden dabei doch gewichtige Tatsachen übersehen. Zunächst ist daraus hinzuwcifen, daß die Frage der Straßenbahn im Seltersweg nicht nur die Anwohner des Sellerswegs allein an geht. Hierbei kommen auch dir Anwohner der Mäusburg, des Kreuzvlatzrs. drs Neuen Wegs, der Gollhe- straße, der unteren Frankfurter Strafe, der Aliie-SLraße und dir Interessenten am Fährverkehr nach dem Klinikviertel in Betracht, deren Interesse an der Aufrechterhaltung des Stra- ßenbahnverkrhrs durch den Sel.erswe^ cb nfalls sorgsam zu beachten ist. Weiter darf richt vergessen werden, daß die Straßenbahn das Verkehrsmittel der breitesten De - volkerungsschichten darste lt. während das Personenauto, dem durch den Fortfall der Ein- bahnstraße-Regelung der Weg durch den Sel- tersweg nach beiden Richtungen freigemacht werden soll, nur dem Fährverkehr eines verhältnismäßig kleinen Personen reifes dient. Wollte man dos Vol.s-Verkehrsmittel ausschließen zugunsten der Fahrzeuge eines wesentlich Heitreren Personenkreises, so bedeutete das, den Geschäften im Seltersweg und den Anwohnern der benachbarten Straßen empfindlichen Schaden zufügen; denn es ist doch Har, daß die Fahrgäste der Straßenbahn möglichst nahe an den Platz ihrer Besorgungen heranzufahren wünschen, im Dehinde- rungssalle aber sich von der erzwungenen vorzeitigen Aussteigestelle aus auf die anderen Straßen verteilen Ebenso unbestre t'ar steht die Tatsache fest, daß die Bewohner der Se'tenstraßen des Seltersweges, der Frankfurter Straße usw. begründeten Anspruch daraus erheben können, mit Hilfe der Straßenbahn möglichst nahe an ihre Wohnungen befördert zu werden. Wenn man schließlich noch einen Vergleich zwischen den Gefahrenmomenten beim Straß e.iba nve kehr und bei dem ungehinderten Autofahren im Seltersweg zieht, so wird man ohne weiteres zugeben müssen, daß von der Elektrischen eine viel geringere Gefährdung der Fußgänger im Seltersweg zu erwarten ist, als von einem möglicherweise in beiden Richtungen freigegebenen Autoverkehr.
In dem Schreiben des Polizeiamtes an die Stadt wird ferner zum Ausdruck gebracht, durch die Stillegung einer Straßenbahnlinie zwischen Marktplatz und Bahnhofstraße würden „für den Betrieb der elektrischen Straßenbahn keinerlei R a ch t e i l e" eintreten. Die Richtigkeit dieser Behauptung möchten wir ebenfalls anzweifeln. Jetzt ist es schon so, daß die Straßenbahn,
wenn einem der Wagen vor der Rase fortfähri, in den meisten Fällen den Fahrgast verliert, weil man in der etwaigen Wartezeit bis zur Ankunft des nächsten Wagens — sofern man nicht eine lange Strecke zu fahren beabsichtigt — seinen Weg bis zum Ziel schneller zu Fuß zurücklegen und das Fahrgeld sparen kann. Wurden durch eine Stillegung weite Devölkerungslreise gezwungen werden, zum An- bzw. Abmarsch von der Straßenbahn erst noch große Wegstrecken zurückzulegen, so hätte dies mit Sicherheit einen erheblichen Rückgang der Frequenz zur Folge. Der Einnahmeausfall für den Etat der Straßenbahn würde dann im Verlaufe eines Jahres einen Umfang annehmen, der sicherlich recht einschneidend zu spüren wäre. Wenn wir auch den Betriebszuschuß der Stadt für die Straßenbahn mit rund 25 000 Mk. für 1928 nicht so tragisch nehmen — weil es sich hierbei infolge einer tocit über dem Selbstkostenpreis liegenden Strompreisberechnung für die Elektrische mehr um einen rein buchmäßigen, als um einen wi.ilichen Zuschuß handelt —, so werden wir doch sehr bedenklich, wenn wir uns Plänen gegenübersehen, die mit Sicherheit einen recht ansehnlichen Cinnahmeausfall infolge stark verringerter Frequenz erwarten lassen. Bei diesen Ueberlegungen können wir nicht mit Stillschweigen an dem in der Donnerstagverfammlung von Privatier W o h l rn u t h und Friseurmeister Koch behaupteten Stratzcnbahnftillcgungsvor- schlag des Oberbürgermeisters Dr. Keller und des Beigeordneten Dr. Hamm vorübergehen. Wir können uns nicht gut denken, daß die beiden Herren der Stadtverwaltung wirllich in vollem Ernst einen derartigen Vorschlag, der zum Rach- tell eines großen Teiles der Gesamtbevölkerung und zum Schaden eines städtischen Betriebs- Unternehmens sich auswirken würde, gemacht haben können. Anderseits läßt aber die Bestimmtheit, mit der diese Behauptung von den beiden genannten Versammlungsrednern aufgestellt wurde, nur schwer auf ein Mißverständnis schließen. Mit uns wird es deshalb wohl die gesamte Bürgerschaft begrüßen, wenn die Stadtverwaltung baldmöglichst erklären würde, ob jene Vorschläge wirklich so ernst gemeint, waren, tote sie von den Herren des Siebener-Ausschusses des Selterstoegvereins aufgefatzt wurden, bzw. welche Stellungnahme die Stadtverwaltung zu dieser außerordenl'ich wichtigenAngeleg nheit überhaupt einnimmt. Wenn man fich vor Augen hält, daß der kommende Haush l sscrsch ag ein: we en llch stär
kere Belastung der Bürgerschaft als bisher bringen wird, so muß man doch sagen, daß mit allen Kräften alles vermieden werden muh. was geeignet wäre, bei städtischen Unternehmungen Einnahmeausfälle aus kommen zu lassen bzw. diese zu vergrößern und damit eine Steigerung der steuerlichen Inanspruchnahme der Bürgerschaft herbeizuführen. .
Schließlich darf man bei dieser Angelegenheit auch nicht unberücksichtigt lassen, daß hier für die Frage des Ausbaues der Straßenbahn sehr viel auf dem Spiele steht. Grundlegende Entscheidungen in der Kommunalpolitik erfolgen ja bekanntlich nicht nur für wenige Monate oder für einige Jahre, sondern in der Regel für mehrere Jahrzehnte. Innerhalb eines solchen Zeitraumes — vielleicht schon im ersten Jahrzehnt — werden wir aber doch mit Sicherheit zu erwarten haben, daß die oberhessische Bahn aus dem Weichbild der Stadt hinausverlcgt und damit der Weg für die direkte Straßenbak.nver- bindung zwischen dem Stadtzentrum und K ein- Linden, vielleicht sogar noch nach weiteren Orten in südlicher Rechtung frei wird. Wer möchte die Verantwortung dafür übernehmen, daß durch die Beseit gung d:r Straßenbahn im SelterSweg einer starken Zukun'tsmiiglichleit jetzt schon — unnötigerweise! — Schwiertgiei en bereitet würden? Die hoffentlich schon in Kürze kommende städtische Autoomnibusverbindt'ng ist doch nur der Vorläu'er der elektrischen Straßenbahn nach unserem südlichen Vorort!
Wie man diese Frage also auch betrachten mag, immer wieder wird man zu dem Ergebnis kommen, daß einerseits De Argumente für die Stillegung des Straßenbahnbetr eös im Seltersweg — und das gilt auch für die Dahnhofstraße- Linie! — nur schwach fundiert sind, daß anderseits aber die Beweisführung für die Notwendigkeit der ungeminderten Beibehaltung des Stratzenbahnver- kehrs auf beiden Linien in allen wirt- scha'tlichen und verkehröpoliti chen Tat'achen. wie auch vom Standpunkt des städtischen Haushalts aus die stärkste Stütze findet. Das Polizeiamt wird gut tun, wenn es diesen Vorschlag an die Stadtverwaltung angesichts der Sachlage kurzerhand zurückzieht und die AngelLgen^eit für immer zu den Akten legt. Sollte das nicht der Fall sein, so erhofft die Bürgerschaft von der E adtverwa t ng und der Stadt erorinll n- Versammlung, daß beide einmütig gegen diesen Plan sich ausfprechcn.
Tagung des Hessischen Landbundes
WSN. Darmstadt, 11. Ian. Heute nachmittag fand unter großem Andrang des Publikums die Landesversammlung des Hessischen Landbundes statt. Die Führer der Landbundbewegung in Hessen waren vollzählig erschienen, ebenso sämtliche Abgeordneten des Landbundes im Landtag, sowie die Reichstagäabgeordneten Hepp und Dorsch. Rach dem Einmarsch der Iunglandbundbanner, die sich um die Bühne gruppierten, eröffnete der Vorsitzende der hei schen Landbundfrak ion Dr. p. Helmolt (Niederwöllstadt) die Versammlung und begrüßte namentlich den Präsidenten des Reichslandbundes Hepp, den Reichstags» abgeordncten Dorsch, die Vertreter dec Land- wirtschastskammern, der Hess scheu Raifse.scn- Genossenschaften, der Rheinischen Bauern chaft usw. In seinen Dcgrützungswor.en erinnerte er daran, daß durch die Gründung der Christlich- naticnalen Bauernpartei die Bezi Hungen zu der rheinhefsischen Bauernschaft eine große Vertiefung erfahren Hütten.
Nachdem dem Vorstand des Landbundes Entlastung über den Rechnungs- und Geschäftsbericht erteilt worden war, ergriff
LandtagsabgMdMer Slaser-Aordhetm das Wort zu seinem Referat: „Die hessische Politik". Er gab einen Uebcrblicf über die parlamentarische Tat gkeit des Landbundes bei den ver- absch edeten Steuergesetzen, wo leider die meisten Anträge aus der Bauernschaft der Ablehnung verfallen seien. Er gab dann die Gründe des Land- bundes für die Ablehnung der Besoldungsvorlage, des Stellenplanes, des Kirchensteuergcsetzes und einiger anderer Vorlagen der Versammlung bekannt. Der Entwurf des neuen Gemeindebeamtengesetzes werde wahrscheinlich eine Verminderung des gemeindlichen Selbstverwallungsrechts mit sich bringen. Der Generalkulturplan für den Vogelsberg werde auch finanzielle Lasten in sich schließen. Der Redner erklärte über das Spar-
gutachten des Reichssparkommisfars, daß dieses für den Landbund keine Bedeutung haben würde, wenn es nicht im Original vorgelegt werde. Eine bestellte Sache fei bedeutungslos. Er wandte sich vor allem gegen die hohe Realbe - lastung der Landwirtschaft in Hessen. Die landw.rßchaftsfeindliche Wirtschaftspolitik bei Reich und Ländern sei ein Verbrechen an der deutschen Bevölkerung. Der Redner griff dann den hessischen Arbeits- und Wirtschaftsminister Korell heftig an wegen einer Veröffentlichung in der Zeitung der Freien Rheinhessischen Bauernschaft. Der Minister habe, als Abg. Glaser mit einer Kommission um eine Unterredung nachgesucht habe, von ihm verlangt, daß er feine Acußerungen zurücknehme oder berichtige. Der Redner erklärte, er habe seine Behauptung, daß bei der Verteilung von Geldspenden für die Hagelgeschädigten die Angehörigen der Freien Bauernschaft benachteiligt worden seien, im Landtag beweisen können. Der Minister habe aber verlangt, daß er sich in dieser Richtung nicht groß äußern solle. Der Minister habe bie Unterredung verweigert, bis der Abg. Glaser seinem Verlangen nachgekommen sei. Der Landtagsabgeordnete Gußmann, den der Minister am kommenden Tage mit der Kommission empfangen wollte, habe sich mit feinen (Glasers) Ausführungen identisch erklärt. Der Redner erklärte, er müße schärfste Verwahrung dagegen einlegen, daß der Min.ster glaube, daß er den Abgeordneten im Beisein von Berufskollegen demutiaen könnte, oder wenn er glaube, daß er einen Abgeordneten der Landwirtschaft gegen den andern ausspielen könne. Der Minister könne bei seiner Kampsesweise und feiner Stellung zu den landwirtschaftlichen Forderungen kein Vertrauen des Landbundes verlangen. Allgemein gab der Redner der Auffassung Ausdruck, daß die Landbevölkerung von der derzeitigen Reichsund Landesregierung nicht viel zu erwarten habe. Wenn der gegenwärtige Zustand anhalte, treibe man sicher auf eine zweite Revolution hin, die namentlich der Bauernstand, der sonst immer der
ruhigste Stand der Bevölkerung gewesen sei, nicht roün|d)e. Schließlich verlangte der Abgeordnete, daß man zu einem Käuferstreik übetgehen müsse, wobei ihm die Versammlung spontan Beifall spen- bete, um die übrigen Wirtschastsverbände zu ver- anlassen, auf die Notlage der Landwirtschaft Rücksicht zu nehmen. Der Redner forderte, Neubauten und Reparaturen an den Gebäuden nur im alleräußersten Notfall vorzunehmen, künstliche Dünge- und Futtermittel sollten nur im äußersten Falle beschafft werden. Man solle den Verbrauch möglichst auf ein Drittel des seitherigen einschränken. Alle übrigen Einkäufe sollten nur im äußersten Notfall erfolgen. Außerdem verlangte er, daß die übrigen landwirtschaftlichen Organisationen zur Unter- stützung aufgerufen werden sollten. Auf die Aufforderung des Redners versprach die Versammlung mit erhobener Rechten, wenn es so weit komme, diese gewerkschaftlichen Kampfmittel anzuwenden, wie sie auch von der Sozialdemokratie angewandt würden.
Hierauf sprach in einer großangelegten dreistündigen Rede der Präsident des Reichslandbundes
Reichstagsabgeordneter Hepp über das Thema „Des Bauern Kampf um sein Rech t". Nachdem er die gesamte wirtschaftliche Lage Deutschlands umrissen und auf die bevorstehenden Reparationsauseinandersetzungen hingewiesen hatte, verlangte er, dc.ß die deutsche Regierung nur eine Reparationslösung annehmen dürfe, die der d e u t- schenWirtschaftslagebiszumletzten Rechnung trage. Wenn die deutsche Reichsregierung wieder rmfalle, dann mäs.'e aus dem Volk spontan der Widerstand aufgenommcn werden. Der Redner ging dann auf die Krise der Parlamente, der deutschen Parteien und des ganzen wirtschaftlichen Ausbaues in seinen Übersteigerungen und Üeberhitzi ngen ein. Er erklärte, die Gründung der Chriftlichnatio- nalen Bauern- und Landvolkpartei sei ein letzter Versuch der Bauernschaft und enthalte die Ablehnung des heutigen Staats und seiner traurigen Erscheinungen. Sie erstrebe für Deutschland eine berufsständische Vertretung des Volkes. Der Redner ging dann auf die Maßnahmen der Preuhenkasse und die nach seiner Ansicht dahinterstehende Politik ein. Er erklärte,, daß neben der Selbsthilfe der Landwirt- schäft durch genossenschaftliche Maßnahmen die S t a a t s h i l f e kommen müsse. Man verlange aber keine staatliche Fürsorge, sondern Maßnahmen, die der Staat allein vornehmen könne, nämlich eine Aenderung unserer Zoll- und Handelsvertragspolitik. Ter Zcll- schuh würde nur insoweit gefordert, daß die deutsche Erzeugung gegen die ausländische Schleuderkonkurrenz geschützt werde und ihr eine angemessene Rente sichergestellt sei. Der Redner ging dann auf den Handelsvertrag mit Polen, das Zusatzabkommen mit Jugoslawien usw. näher ein. Er erhob die bekannten Steuersordcrungen auf dem Gebiete der Realsteuern und wandte sich gegen einige der neuen Steuerforderungen des Reichsfinanzministers H i l f e r d i n g. Er forderte, daß das Reich die Rentenbank-Grund- schuldzinsen übernehmen solle und erklärte, der von dem Vorredner angeregte Käuferstreik brauche gar nicht organisiert zu werden, da dieser leider zwangsläufig kommen müsse und zum Teil notgedrungen schon eingesetzt habe. An der Gegenseite liege es jetzt, zu bestimmen, ob es dadurch zum wirtschastlichen Chaos kommen solle.
Der Rede folgte lebhafter Beifall. In der anschließenden Aussprache, an der sich Tlt- bürgermeister M ö r l e r (Ockstadt, O.-H.), Reichstagsabgeordneter Dorsch. Oekonomierat M o s - fei (Marienborn), der Vorsitzende der Steten Rheinhessischen Bauernvereine, Landtagsabgeord- neter Dr. Müller, Muhl (Dudenhosen), Schmidt (Steinheim, O.-H.» und Fenchel jr. (Ober-Hörgern, O.°H.) beteiligten, wurde von allen Rednern Einmütigkeit in dem schweren Wirtschaftskampf der Landwirtschaft gefordert. Einstimmige Annahme fand folgende
Entschließung:
Die zur Landesversammlung des Hessischen Landbundes in Darmstadt erschienenen hessichen Bauern stellen fest, daß sich die Lage der hessischen Landwirtschaft weiter verschlechtert hat. Die Ursache des fortdauernden Niedergangs liegt außer in der üleberspannung der Steuern und sozialen Lasten in der vollkommen unzulänglichen Preisentwicklung aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Alle Titten, Vorstelluirgen, Mahnungen und Forderungen sind bei der Verblendung der Parla-
Lach« Vaiarr»!
Roman von 3- Schnewer-Foerstl.
Urbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
3. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Er will mich forthaben, durchfuhr es Diebow. Aber mein Lieber, da wird nichts daraus. Erst will ich Gewißheit haben, ob meine Vermutung richtig ist. Laut sagte er vollkommen gleichgültig: „Ich habe keine Lust jetzt! Lind außerdem wird auch nicht sonderlich viel zu sehen sein, in dem Dunkel. Morgen früh kann ich ja dann mit dir hinaufgehen. Hast du soviel Platz, daß du mich über Nacht behalten kannst? Bett brauche ich keines. Nur ein bißchen von deinem Stroh und deiner Decke, wenn du mir abläht. Ich lege mich einfach neben dich. Eine Nacht wird es schon zu machen sein: du und ich auf einer Klappe."
Hettingens Herzschlag vertagte volllommen. Ein Gefühl, als würge ihn jemand, ließ ihm das Blut bis zum Halse steigen.
Es gab keinen Ausweg mehr!
lieber der Dank lag das Fenster und neben diesem die Türe, vor der sie sahen, Maria konnte die Hütte nicht verlassen, ohne gesehen zu werden.
Er mußte die Hand heben, um die feuchtkalten Tropfen, die auf seiner Stirne perlten, wegzu- wifchen. Was er auch Diebow sagen würde, er würde ihm doch nie und nimmer glauben, sondern nur das andere annehmen, das Marias Weibesehre mit einem Schlage vernichtete.
„Willst du schlafen gehen?" frug Kurt, und Hettingen glaubte, einen leisen Argwohn aus dessen Stimme zu hören.
„Weshalb?"
«Weil du so schweigsam bist und —" er unterbrach sich plötzlich. „Du blutest ja! Warum sagst du nichts davon. Du mußt dich irgendwo verletzt haben."
Hettingens Augen glichen starren Punkten, die völlig unbeweglich standen. Er sah nach den
weißen Ausschlägen seines Hemdes, an dem große I dunkle Flecken sichtbar waren. Unwillkürlich legte | er die Hand über das Gesicht, fühlte, wie die Schramme brannte, und begann wieder ruhiger zu werden. „Ich bin vorher beim Abstieg gegen einen Steinblock getorkelt. Aber es hat schon aus- geblutet"
Diebow neigte sich dicht gegen seine Wange. Das stimmte! Da hatte er nicht gelogen!
Wie die Worte sich weiter schlappten!
Wie Wasser, die man zwang, ihren Weg bergauf zu nehmen. Mir zersprengt es das Gehirn, dachte Hettingen.
Und dann kam es!
Diebow erhob sich unvermittett und streckte in herzhaftem Gähnen die Arme in das Dunkel. „Ich glaube, es ist Zeit, mein Lieber! Du kannst ja noch ein bißchen sitzenbleiben, wenn du willst! Ich werd es schon nicht machen wie der Igel, daß ich dir allen Platz wegnehme. Ich lege mich ganz dicht gegen die Verschalung. Morgen bist du doch der erste, der herausschlüpft. Kann man sich ruhig bei dir örinnen ausziehen? Gibt es keinerlei Ungeziefer?“
„Nein! — Gedulde dich noch einen Augenblick, Kurt, ich will nur erst das Stroh noch etwas aufrütteln."
„Gar nicht nötig, mein Lieber!" Diebow hatte bereits die Türe geöffnet und trat über die Schwelle.
Gelbweiß leuchtete die primitive Lagerstelle in dem matten Dämmerlichte, das von draußen her« einkam. Kiste auf Kiste türmte sich hoch. Es gab nicht eine einzige Ecke, die frei gewesen wäre.
„Ich habe ihm unrecht getan," war das erste, das Diebow abbittend dachte. Der schmale Dier- ecksraum war vollkommen leer. Keine Menschenseele war darin zu entdecken. Und ein Verbergen gab es nicht.
Hettingens Gesicht leuchtete wie das Dttoh. das ohne irgendwelchen Eindruck zu zeigen, auf den harten Brettern tag. Sein Kopf hämmerte,
„Kannst du nicht ein wenig Licht machen?" frug Diebow ärgerlich. Er war gegen eine der
Kisten gerannt und hatte sich das Schienbein blau gestoßen.
„Wenn dir eine Taschenlampe genügt, Kurt! — Streichholz möchte ich keines anzünd«r. Es ist lauter Pulver in den Kosten."
„Donnerwetter noch einmal, das ist aber ungemütlich!" entfuhr es Dieaow. „Und da traust du dir zu schlafen? So mitten drinnen? — Mensch, wenn das nun plötzlich einmal losgeht!“
„Dann fliege auch nur ich allein in die Luft," kam es getanen, obwohl Hettingens Gedanken sich im Kreise drehten.
Wo war Maria? Ein Entrinnen war unmöglich gewesen! Ein Verbergen ebensowenig. Die Kisten waren alle voll. Keine einzige teere darunter, in die ein Mensch sich hätte hineinv.rkriechen können.
Wie fein Blut fjämmene! Wissen, wo sie war!
Er sah nach dem Dache, aber da hinaus konnte sie ihren Weg unnröglich genommen haben. Es zeigte nicht die geringste Lücke, und die Sparren waren alle fest mit Latten übernagelt.
Diebow hatte sich mittlerweile seiner Kleider entledigt und schlüpfte mit einem zufriedenen Lachen unter die Decke. „Kommst du, Joachim?"
„3m Augenblick, mein Lieberi" Hetlingen nahm nur die Joppe ab, kroch zu dem jungen Manne unter das Stroh und horchte auf das hastende Klopfen seines Herzens.
Wissen, wo sie war!
Diebows Stimme Liang neben ihm auf: „Weißt du, Achim, daß ich noch eben vorher einen ganz abscheulichen Verdacht gegen dich g .tragen habe?"
„Verdacht?" Hettingen ließ den Kopf hilflos zurücksinken und schloß schwindelbesallen die Augen. „Wessen hast du mich verdächtigt?"
„Ich habe gemeint — du hättest eine Frau bet dir!"
„Kurt!"
Die Bretter unter Hettingen ächzten, so jäh hatte er sich herumgeworfen.
„Ditte, trag mir's nicht nach Achim —" bettelte der junge Mann. „Ich hab d<es ja nun ehrlich gestanden. Aber schuld bist du selbst. — Du warft derart verstört, als ich kam, und schlugst mir obendrein noch die Türe vor der Nase zu! —
über sein ..... ---- _
seine Wange. „Joachim, du bist doch nicht mehr achtzehn! — Du --"
Das tut man doch nicht, wenn man guten Gewissens ist und nichts zu verbergen hat."
„Was sollte ich denn zu verbergen haben?" fragte Hettingen resigniert.
„Gott, was verbirgt man denn des Nachts? — Doch nur ein Weib, mit dem man nicht legitim getraut ist!"
„Ich danke dir für deine Ehrlichkeit! Nun weiß ich doch wenigstens, wie hoch du mich einfchätzst." Es klang hochmütig abweisend und verletzt zu-
„Ich möchte dich bitten, das Thema fallenzulassen," gebot dieser schroff.
Wenn Diaria gezwungen war, das alles mit anzuhören!
Er fühlte, wie das Blut ihm bis an die Schläfen brannte.
„Warum bist du so kratzbürstig heute?" schalt Diebow belustigt. „Dars ich fragen, wer das schöne blonde Mädel ist, das im Bellevue wohnt und vor dem du immer so tief den Hut ziehst, wic vor einer Prinzessin?"
„Interessiert dich das?"
„Unmenschlich!"
„Sie war meine Braut!"
„Aaaah? — War? — Joachim?"
„2a!"
„Und du hast ihr den Laufpaß gegeben!“
„Nein! — Sie mit!“
„Nicht möglich!" Diebows Lachen flog durch die Hütte. „Die muh ja glattweg verrückt gewesen sein I“
„Weshalb? — Sie hat nur zur rechten Zru eingesehen, daß mit ein 2m armen Teufel nt<pt gut Suppe zu essen ist. — Was sollte sie ih< Geld einem Bankrotteur in die Hand.' fpi 'len. — Heute stände sie möglicherw.ise vor dem Nichts, wenn das Schicksal sie nicht davor be- ivahrt hätte, mir Frau fein zu müssen!"
(Fortsetzung folgt) >
gleich.
Diebow hob sich aus dem Sttoh, neigte sich über sein Gesicht und legte die öttme eng an


