Aus der Provinzialhauptstadt.
Dreh en, den 11. November 1929.
Ein Wort an die DersammlungS- und Festbesucher.
Mit dem Einzug des Winters kommt die Zeit der Dereinsfestlichkeiten und »Versammlungen. Vorstände und Ausschüsse arbeiten Tage und Wochen vorher eifrig an der Ausarbeitung der Tagesordnungen und Vortragsfolgen, „um die Veranstaltungen so angenehm wie möglich zu gestalten". Die Mitwirkenden droben an ihren Rollen und Vorträgen, die ihnen die Lhormeister und Spielleiter im Schweiße ihres Angesichts einzutrichtern versuchen, damit ja alles klappt. 3n Anzeigen und Programmen ist zu lesen: „Anfang .Punkt' so und so viel Uhr." Der Abend naht und der Saal erglänzt im hellsten Kerzenstrahle. Am Vorstands- und Chrentische sitzen einige Herren: (etwa für den „reservierten" Tisch vorgesehene Damen sollen noch kommen), schauen nach dem Saaleingang und mustern die in großen oder kleinen Abständen eintretenden besonders Pünktlichen, die das erste akademische Viertel einzuhalten sich bemüht haben. Etwa nach Schluß des zweiten akademischen Viertels oder günstigenfalls in dessen M.tte, verkünden Geigen, Trompeten und Flöten, daß es „losgehen" konnte, wenn die Zahl der gekippten und leeren Stühle kleiner wäre. Dieser Wunsch erfüllt sich aber oft erst im dritten akademischen Viertel, im Verlauf dessen noch einmal geblasen und gegeigt wird. 3n der Erwartung, daß vielleicht die Herren Hinz und Kunz mit ihren Gattinnen, Töchtern und Schwiegersöhnen noch erscheinen könnten, kann endlich nach der in das vierte akademische Viertel hineinreichenden Pause mit dem „Programm begonnen werden". —
3a: Das Programm! Rach verschiedenen Sitzungen des Festkomitees wächst es sich zur Länge eines ostfriesischen Kuhschwanzes aus, denn „Er" will mit komischen Vorträgen druff und „Sie" durchaus die beste Rolle in dem neuesten Theaterstück „Der zerplatzte Worschtkessel" mimen. Wenn nicht, dann Austritt aus dem Verein und der Kladderadatsch ist fertig. Also: Vor der Kuhschwanzquaste rasch noch ein Glied eingefügt, und für Unterhaltung der Gäste ist bestens gesorgt — auf dem Papier. 3n der Praxis äft es meist anders, denn man hat gewöhnlich nicht mit der verlängerten Sooße, die in Form von Ansprachen serviert wird, gerechnet: Die Entfernung der Quaste von der Schwanzwurzel wird größer, je nach der Zahl der „Geladenen": der Zeiger an der Uhr rutscht weiter und die 3ünglinge und 3ungfrauen rutschen ebenfalls auf ihren Stühlen, denn jedes bor- uni) nicht vorbereitete „Gebabbel" geht auf Kosten der Tanzbeinbesiher und -besiherinnen. Wenn nun außerdem der Gesangverein „Schönste Stimmen" so schön gesungen hat, daß „heraus- gebeifallt" wird, dann ist es um die Vortrags- und Redekunst der auf dem Programm „Hinten- stehenden" geschehen, das „Leben in der Vude" seht die Gehörgänge der „sehr geehrten Anwesenden" außer Tätigkeit. Mit acht akademischen Vierteln Verspätung kann schließlich der Tanz beginnen, die Florstrümpfe und Lackstiefel in die ihren gebührende Erscheinung treten. Die schon
lange bedenklich gähnenden Alten aber können „Die Platt" putzen.
Den Vesuchern ernsteren Zwecken dienenden Versammlungen kann ebenfalls nicht dringend genug pünktliches Erscheinen empfohlen werden. Man bekrittelt nur zu gern das Wirken der Vorstände, läßt sie aber gewöhnlich recht lange vor leeren Stühlen fitzen, bis die vielen Hinzes und Kunzes in der Saalpforte sich endlich zeigen. Die Leidtragenden für das Zuspätkommen der anderen sind die Pünktlichen: sie werden wegen ihres pünktlichen Erscheinens, durch das sie doch ihr 3nteresse an der Sache bekunden, geradezu bestraft. Es sei allen Versammlungsleitern deshalb angeraten, ohne Rücksicht auf die „später noch anwesend Gewordenen", pünktlich in die Tagesordnung einzutreten, das wirkt erzieherisch. Denn
Pünktlichkeit ist eine Tugend
Don dem Alter und der 3ugend. E.
Gemeinsames Verwaltungsgebäude der Ortskrankenkassen.
Die Vorstände der Gießener Ortskrankenkassen hielten gestern vormittag im Staffenlofal der Allgemeinen Ortskrankenkasse Gießen (Stadt) eine gemeinsame Sitzung zwecks Besprechung der Frage der Errichtung eines gemeinsamen Verwaltungsgebäudes ab. In den Verhandlungen kam zum Ausdruck, daß die räumlichen Verhältnisse bei beiden Kassen unhaltbar seien und daß diese Mißstände sowohl den Versicherten, wie auch den Angestellten gegenüber nicht länger verantwortet werden könnten. Anderseits wurde auch anerkannt, daß die derzeitige wirtschaftliche Notlage zur größten Sparsamkeit zwinge. Aus diesen Erwägungen heraus sei der Gedanke aufgetaucht, durch die Errichtung eines gemeinsamen Verwaltungsgebäudes die Baukosten für die einzelne Kaffe auf ein Mindestmaß zu beschränken, ohne dabei die Selbständigkeit der beiden Kassen in irgendeiner Weise anzutasten. In dem o^meinsamen Verwaltungsgebäude, bei dessen Bau größte Sparsamkeit obwalten solle, will man zunächst nur die für die beiden Kassen erforderlichen Verwaltungsräume schaffen. Nach sehr einhender Aussvrache, an der sich zahlreiche Vertreter beider Kassen beteiligten, wurde von beiden Vorständen einstimmig (vorbehaltlich her Genehmigung durch die zuständigen Organe) der Errichtung eines nemeinschiftlichen Verwaltungsgebäudes zuqcstimmt. Zur Erledigung der erforderlichen Vorarbeiten wurde eine aus Vertretern beider Kassen bestehende Kommission gewählt.
^oritofhctt.
— Tageskalender für Montag. Bewegung für religiöse Erneuerung: „Das Abendmahl in Vergangenheit und Zukunft", 20.15 Uhr, Univer- sitätshörsaal 41. — Naturheilverein Gießen: Vortrag „Die Heilung der Tuberkulose und die Tuber» kulosebehandlunq nach Dr. Gerson und Professor Sauerbruch", 20 Uhr, Kaufm Vereinshaus. — Arbeitsamt: Vorträge betr. Berufsberatung, 19.30 Uhr, im Goethe-Schulhaus (Westanlage). — F. G. F.: Monatsversammlung. 20 30 Uhr, im Schipkapaß. — Lichtspielhaus, Bahnhofftr.: „Narkose". — Astoria- Lichtspiele: „Der Rächer der Grenze" und „Das Findelkind von Singapore".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: 3n der morgigen Ausführung ..Robert Guis^ard" und ..Demetrius"
ist bas ganze Schauspielpersonal beschäftigt. Die Spielleitung hat 3nte.ibant Sr. Prasch. Die Bühnenbilder sind von Karl Löffler entworfen und in den Werkstätten des Theaters her- gestellt. 3n Kleists Werk spielt Peter Fassot die Titelrol.e es wirken ferner mit die Herren Arzdorf, Dommisch, Haefer, Heitzig, Hais. Hub, Linkmann, Tannert, CDold, Zingel, die Damen Fuhrmann Jüngling. Die Dollsszenen werden von der Gießener Studentenschaft dargestellt, unterstützt von Solisten les Schauspiel-Ensembles. Den Demetrius spielt Ed. W e s e n e r , Maina: Trude Heß, Marsa: Liselotte Fuhrmann, Sa- pieha: Franz Arzdorf, Erzbischof von Gnesen: Hais, Ooowalsky: Tannert. und das übrige Solo- personal. Die Vorstellung beginnt um 19.30 llfjr. Beleuchtung: Keim, Kostüme: Huber.
— »H ö ch st l e i st u n g.“ lieber dieses Thema finden in der Volkshochschule am Dienstag, 12., 19. und 26. Rovember. drei Vorträge statt. Prof. Dr. HuntemüUer wird den ersten Vortrag halten über „Körperliche, besonders sportliche Höchstleistungen auf Grund von Unter» suchungen bei den letzten olympischen Spielen". Den zweiten Vortrag über „Sinn und Unsinn in der beruflichen Höchstleistung" hat Herr Martens, Leiter der Dildunasabteilung des Deutschnationalen Handlungsgeyilien-Verbandes, übernommen. Der dritte Vortrag von Prof. Dr. Messer behandelt „Höchstleistung des Menschen als Persönlichkeit". Die Vorträge finden in der Universität statt. (Siehe Anzeige vom Samstag.)
— Eine öfsentliche Wählerversammlung des Mietervereins findet am morgigen Dienstagabend im Katholischen Vereinshaus statt. (Sie^e Anzeige vom Samstag.)
Eine demokratische Wählerversammlung wird im heutigen Anzeigenteil auf Mittwochabend einberufen. (Näheres in der Anzeige.)
Frühlingsboten im Herb st Wald. Wer gestern den herbstlichen Dergwerkswald aufsuchte, konnte sich an Veilchen erfreuen, die jetzt erblüht sind. Auch Himbeeren, an diesjährigen Trieben schön ausgereift und voll köstlichen Aromas, konnten jetzt noch geer. t.t werden.
** Evang.-kirchliche Personalie. Dem Pfarrer Ludwig Q( a u m a n n zu Pohl-Göns wurde die evangelische Pfarrstelle zu Ilbeshausen, Dekanat Lauterbach, übertragen.
** Schulpersonalien. Ernannt wurden der Lehrer Otto Rötter zu Bobenbausen II, Kreis Schotten, zum Lehrer an der Volksschule zu Watzenborn-Steinberg, Kreis Gießen, der Lehrer Eugen Zimmer zu Watzenborn-Steinberg, Kreis Gießen, zum Lehrer an der Volkshochschule zu Babenhausen II, Kreis Schotten, beide vom Tage des Dienstantritts ab.
•* Tödlicher Verkehrsunfall. Am Samstag zwischen 16 und 17 Uhr ereignete sich in der Frankfurter Straße zwischen Gießen und Klein-Linden in der Nähe der Gastwirtschaft „Zur Linde" ein Derkehrsunfall, dem leider ein Menschenleben zum Opfer fiel. An jener Stvaßenstelle wollte der 40 Jahre alte verheiratete E'.senbahnarbeiter Eduard Moebus aus Griedel bei Duhbach die Frankfurter Straße überqueren. 3m gleichen Augenblick kam ein Automobil herangefahren, dessen Lenker Signal gab, worauf Moebus zunächst stehenbl'.eb, dann
aber plötzlich weiterging und dabei gegen Me rechte Seite des Kraftwagens stieß. Hierdurch wurde er zur Seite geschleudert und erlitt einen schweren Schädelbruch. Der bedauernswerte Mann wurde sofort der Chirurgischen Klinik zugeführt, wo er kurz nach seiner Einlieferung verstarb.
** Etaatsehrung für Gesangvereine. Dei 50-, 75- und 100jährigem Verein-» bestehen kann den Gesangvereinen eine Ehrengabe seitens des Hessischen Staates zuerkannt werden. Der Verein hat beim Hessischen Ministerium für Kultus und Vildungswesen die Ehrung selbst zu beantragen. Der Antrag muß unbedingt 6 Wochen vor dem 3ubiläum gestellt fein. Der Hessische Sängerbund wird vor Vergebung der Staatsehrung gehört.
** R i ch t i g st e l l u n g. In unserer Notiz „Dom kommenden Christentum" in Nr. 263 vom 8. November hat sich ein bedauerlicher, sinnentstellender Druckfehler eingeschlichcn. Es muß dort auf der zweiten Seite des zweiten Blattes in Spalte 2 in der 16. Zeile von oben anstatt „abhängig von Staat" usw. richtig hießen „u n abhängig von Staat" usw.
Rundfunkprogramm.
Dienstag, 12. November.
13.30 bis 14.30: Schallplatten-Konzert: Kammer-Musik. 15.15 bis 15.45: Stunde der 3ugenb: Der Mikrobenjäger: „Pasteur und der tolle Hund", Vortrag von Dr. Höfer. Für Kinder vom 12. 3ahre ab. 16 bis 17.45: Konzert des Rundfunkorchesters. 18: Von Kassel: „Westfälische Wasserburgen und Kirchen", Vortrag von Dr. Heinrich Lern ery, Köln. 18.20: Von Kassel: Zehn Minuten D.alog aus i em Alltagsleben: „Wie mache ich mein Testament?" 18.30: Funkhochschule. Abt. Gesundhe.tswissenschast. Vortrag. 18.50: Französische Literaturproben. 19.05: Französischer Sprachunterricht. 19.30: Don Stuttgart: 3m Wiener Wurste.'prater. Eine heitere Hör- b'ilberreif e von Erich Fortner. 20.30: Von Stuttgart: Zeitgenössische Musik. 22 bis 22.30: Von Stuttgart: „Bei uns zu Lande", Martini. 23.15: Tanzmusik.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschloffen.
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CIGARETTEN
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vorn, positiven.
Im modernen Kampf ums Leben ist mir das Rauchen von Cigaretten ausgeglichener Cj es chmacks- wirkung der beste Helfer.
Ich bin um soviel selbstsicherer und zielbewusster, wenn ich eine Cigarette rauche, sodass diese zu meinem freuen Begleiter geworden ist.
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