Nr. 109 vierter Blatt
Samrtsg, 11. Mai 1929
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhchen)
Oer Gießener Voranschlag für 1929.
I.
Dor einigen Tagen hat die Stadtverwaltung den Mitgliedern des Stadtrates den Haushaltsvoranschlag für dasRechn ung 3- fahr 1 929 mit einer erläuternden Denkschrift zugehen lassen. Diese Denkschrift, tn der die Stapt- Verwaltung auf einige besonders wichtige Gesichtspunkte für die Beurteilung des neuen Voranschlags näher eingeht, haben wir rn unserer Vr 104 vom vorigen Samstag im Wortlaut ad- neörudt. Der Voranschlag ist — um zunächst einmal eine bemerkenswerte Neuerung hervor- zuheben — in anderer Gruppierung als bisher erschienen. Während die Voranschläge bis einschließlich 1928 in den beiden Abteilungen „Be- triebsrechnung" und „Vermögensrechnung" je eine Aeihe von Titeln in althergebrachter Reihenfolge ohne engere Sachgruppierung aufzählten, sind in dem neuen Voranschlag die sachlich zusammengehörenden Verwaltungsgebiete auch etatmäßig in sich gegliedert aufgeführt. Durch diese Neugruppierung nach dem Gesichtspunkt der sachlichen Zusammengehörigkeit ist die liebersicht über den Haushaltsplan gegenüber dem früheren Zustand wesentlich verbessert worden. Der Stadtverwaltung und der Dienststelle, die diese vorteilhafte Neuerung in dem Haushaltsplan durch- geführt haben, gebührt die Anerkennung aller, die sich mit dem umfangreichen Buche befassen müsseii.
3n der Betriebsrechnung schließt der neue Voranschlag mit 5 647 444,38 Mk., gegen 5 103260,45 Mk. im Vorjahre, in der Vermögensrechnung mit 3 020 567,19 Mk„ gegen 2 034 758,68 Mk. im Jahre 1928, ab. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahre beziffert sich demnach ‘ in der Betriebsrechnung auf 544 183,93 Mk., in der Vermögensrechnung auf 985 808,51 Mk. Es ist erfreulich, daß trotz dieser Steigerungen der Voranschlag diesmal ausgeglichen wurde, im Gegensatz zum Vorjahre, wo ein Fehlbetrag verblieb.
Naturgemäß richten sich bei der Betrachtung des Voranschlages die Blicke zunächst nicht nur auf die Haupt-Zuschußbetriebe, sondern auch auf das wichtigste Einnahmekapitel, die Steuer- Veranschlagung. Hier finden wir in dem Kapitel „Finanzverwaltung" verzeichnet: die Biersteuer mit 55 000 (im Vorjahre 50 000) Mk., den Anteil an der Neichs-Einkommen- und Körperschaftssteuer mit 597 035 (515 035) Mk., den Anteil an der Reichs-Hrnsahsteucr mit 134 160 (101 685) Mk., die Grunderwerbsteuer mit 50000 (50 000) Mt., die Vergnügungssteuer mit 60 000 (50 000) Mk., die WertMiwachssteuer mit 30 000 (30 000) Mt., die Hundesteuer mit 25000 (26500) Mark, die Filialsteuer mit 8500 (7000) Mk., die Grund-, Gewerbe- und städtische Sondersleuer vorn bebauten Grundbesitz mit 1 530 000 (1 297 000) Marki von diesen letztgenannten Steuern entfallen voranschlagsgemäß im einzelnen: auf die Grundsteuer von bebauten Grundstücken und Cßon» Plätzen 329 000 (325 000) Mk.. auf die Grund- steuer von land- und forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzten Grundstücken 73 030 (73 000) Mk., auf die Gewerbesteuer vom Anlage- uni) Betriebskapital 183 000 (125 000) Mk.. auf die Gewerbesteuer vom Ertrag 215 000 (146 000) Mk., auf die Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz 730 000 (730 000) Mk. Während die beiden Grundsteuerarten in ihrer Gesamtsumme nur um 4000 Mk. von 398 000 Mk. im Jahre 1928 auf 402 000 Mk. im neuen Jahre gesteigert wurden, macht die Erhöhung bei den beiden Gewerbesteuerarten gegenüber dem Vorjahre 127 000 Mk. aus (1928 Gesamtsumme beider Steuerarten 271 000 Mk.. 1923 dagegen 398 000 Mk.). Die Stadtverwaltung weist in ihrer Denkschrift zum Voranschlag 1929, die wir am vorigen Samstag veröffentlichten, zur Erklärung dieser großen Spanne nachdrücklich darauf hin, daß die Stadt- verordneten-Versammlung bei der vorjährigen Beschlußfassung über den Voranschlag für 1928 die auf Erzielung größerer Einnahmen gerichteten
Anträge der Stadtverwaltung abgelehnt und einen wesentlich niedrigeren Betrag festgesetzt hat, wodurch sowohl bei der Grundsteuer (Einnahmeausfall von rund 100 000 Mk.), wie auch bei der Gewerbesteuer (Minderertrag von rund 68 000 Mk.) erhebliche Ausfälle an Einnahmen entstanden sind. Die jetzt von der Verwaltung vorgeschlagenen Ausschlagssätze für die Gewerbesteuer entsprächen denjenigen des hessischen Staates. Die Steuerausschlagssähe für die Gewerbesteuer seien in den letzten Jahren in Gießen wesentlich niedriger gewesen, als in den übrigen größeren Städten des Landes. Bleibe die Stadt Gießen in ihren Steuersätzen auch künftig hinter den anderen Städten wesentlich zurück, so würden ihr zur Erfüllung ihrer Ausgaben weniger Mittel zur Verfügung stehen wie den übrigen Städten. Die notwendige Folge davon werde fein, daß Gießen auch in der Entwicklung hinter den übrigen hessischen Städten zurückbleiben werde. Dem Stadtrat liege ob. soweit nicht gesetzliche Verpflichtungen vorliegen, den Voranschlag in Einnahme und Ausgabe nach freiem Ermessen festzustellen. Er müsse dieser Aufgabe gerecht werden mit dem festen Willen völliger Ausgleichung des Voranschlages und Bereitstellung derjenigen Mittel, die zur gesunden Weiterentwicklung der Stadt Gießen erforderlich seien. Das sind sehr ernste Worte die die Stadtverwaltung an den Stadtrat richtet. Wir sind überzeugt, daß sie von den Stadtratsmitgliedern in ihrem ganzen Ernst und in ihrer starken Bedeutung erkannt und gewürdigt werden. Trotz alledem werden aber die Stadtratsfrak-
tionen — was übrigens natürlich auch die Stadtverwaltung schon getan haben wird — noch andere Gesichtspunkte beachten müssen: nämlich die Wirtschaftskraft der Steuerzahler und die Auswirkung einer weiteren Steuerbelastung unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Darüber darf selbstverständlich nicht übersehen werden, daß die gesunde Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens Opfer erforderlich macht, die sicherlich auch von allen Bürgern im Interesse des gemeinsamen Ganzen gern gebracht werden. Diese Faktoren miteinander in Einklang zu bringen dergestalt, daß ein nach allen Richtungen hin vertretbares Ergebnis herauskommt, ist eine außerordentlich schwierige Aufgabe, die an die Stadtratsfrak- lionen, aber auch an jedes einzelne Stadtratsmitglied ernsteste Anforderungen stellt. An kann sich hierbei nicht darum handeln, von vornherein den Anträgen der Stadtverwaltung ein glattes Rein entgegenzustellen, man wird auch zu überlegen haben, ob nach der anderen Seite hin eine uneingeschränkte Zustimmung am Platze ist, es wird ferner zu erwägen fein, ob nicht durch irgendeinen Mittelweg an dieser oder jener Stelle des Voranschlags das für beide Teile annehmbare Resultat erzielt wird. Jedoch muß immer als oberster Gesichtspunkt maßgebend bleiben, daß ein Fehlbetrag im Haushalt unter allen Umständen vermieden wird. Möchten die Beratungen im Finanzausschuß und in den Fraktionen über das Steuerbukett der Verwaltung, so schwierig sie auch sein mögen, ein gutes Ergebnis für I die Verwaltung wie auch für die Steuerzahler | zeitigen! _________________________
Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts setzte auf dem Gebiet des Kirchen- gesangs in Hessen eine Bewegung ein, die ihre Wurzel in dem Predigerseminar in Friedberg hatte. Dort begeisterte der musikalisch hochgebil- bete Direktor Schwabe die Kandidaten für die liturgische und musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes, und neben ihm führte sie der tüchtige Seminarmusiklehrer T h u r n in das Verständnis für die alte Kirchenmusik und die Schönheit des rhythmischen Chorals ein. Von diesem Teil der praktisch-theologischen Ausbildung wurden zwei Kandidaten, Karl Sell, später Professor der Kirchengeschichte in Bonn und Georg Schlosser, der nachmalige Pfarrer und Geh. Kirchenrat in Gießen, derart erfaßt, daß in ihnen der Gedanke reifte, auch im Hessenland Kirch e n g e s a n g v e r e i n e zu gründen. Als beide ins Amt getreten waren, kam dazu eine starke Anregung aus Schwaben, wo man bereits begonnen hatte, Kirchengesangvereine zu gründen. Hier war es der feinsinnige Pfarrer Heinrich Adolf K ö st l i n in Friedrichshafen am Bodensee, der die Führung in dieser neuen Bewegung übernommen hatte. In unserem Land waren da und dort schon Kirchengesangvereine entstanden: sie schlossen sich zu Weihnachten 1878 zu einem Landeskirchengesangverein zusammen. Ilm diese Zeit begann auch die Gründung des Gießener Vereins, die von dem jungen Pfarrer Schlosser, seit 1873 Pfarrvikar und seit 1877 zweiter Pfarrer in Gießen, zwar schon längst in Aussicht genommen, aber noch nicht zur Ausführung gekommen war, weil es — an einem Dirigenten fehlte! Es war selbstverständlich, daß Schlosser, voll Begeisterung für die heilige Tonkunst, alles daran setzte, die in Friedberg und von Schwaben empfangenen Anregungen auch hier in Gießen in die Tat umzusehen. Da fügte es sich, daß er in dem nach hier übergesiedelten Pfarrer i. R. Dr. Haupt einen gleichgesinnten, warmherzigen Freund der Kirchengesangvereinssache fand, der sich bereit erklärte, die musikalische Leitung zu übernehmen. Damit war der Gießener Kirchengesangverein eigentlich gegründet; die formelle Konstituierung erfolgte aber erst am 1. Mai 1879.
In der kleinen Schar, die sich im Anfang des Jahres 1879 in der Wohnung des Herrn Dr. Haupt zu den Hebungen einfanb, lebte viel Begeisterung für die allerdings noch recht bescheidene Tätigkeit: die musikalische Ausgestaltung der von Pfarrer Schlosser in der kleinen Hospital- kirche am Seltersweg eingeführten Passions - gottesdienste. Pfarrer Dr. Haupt hatte hierfür besondere liturgische Formen geschaffen. Der Raum in der Kirche, der die Sänger aufnahm, die Emporbühne, war trotz der kleinen Schar völlig unzureichend, die Beleuchtung mehr wie mangelhaft. Kleine Küchenlämpchen, die an der Wand aufgehängt waren, spendeten dürftig Licht. Da es an Einnahmen fehlte, um Roten zu kaufen, muhte man sich mit geschriebenen Blättchen behelfen. Aber so klein der Verein noch war und so bescheiden seine Mittel waren, um so größer war der Eifer und die Begeisterung von Sänger und Dirigent. Der Verein gedieh und nahm an Mi gliedern zu, der (Raum,bei Pfarrer Dr. Haupt genügte nicht mehr für die Hebungen, da stellte die 'Stadtverwaltung ein Schulzimmer in der alten Realschule (jetzige alte Bürgermeisterei) entgegenkommenderweise zur Verfügung. Spätere Probelokale waren die kleine Aula der Hniversität am Brand, ein Lehrsaal im Gymnasium, dann der Gesangsaal des Realgymnasiums, bis der Verein endlich (seit 1907) eine gesicherte Heimat im Iohannessaal fand.
Im Frühjahr 1880 legte Dr. Haupt fein Amt als Dirigent nieder. Der Verein bezeigte ihm feine Dankbarkeit durch Ernennung zum Ehrenmitglied. Am 6. Januar 1890 ging der 85jährige Greis zur ewigen Ruhe heim. In der Geschichte des Vereins wird er fortleben als der Mann, der dem Verein die feste Richtung, die Gemeinde durch die heilige Tonkunst zu erbauen, gegeben und unverlierbar eingeprägt hat. Während einer kurzen Zwischenzeit übernahm das sehr musikalische Vorstandsmitglied Bezirksstrafrichter K u 11 m a n n die Einübung der Gesänge für das Landeskirchengesangsfest in Friedberg. Dann wurde Kantor Steiner für die Leitung des Vereins gewonnen. Als tüchtiger Musiker mit seinem Gehör führte er den Verein mit großem Eifer zu höheren Leistungen. Ein schweres
50 3aW Gießener Krchengesangverem
Don Professor Or. Weimar.
Leiden nötigte Herrn Steiner, 1887 von seinem Pc<ten zurückzutreten. In rascher Folge wechselten nun in den nächsten Jahren die Dirigenten. Gedacht sei des unvergeßlichen, frühvollendeten Dr. Walther. 1887 1888, Dr. Hans Ha hm, 1888 1890, Dr. Stollbrock, 1890 1892, Otto ®örl ad). 1892 1896. dann wieder 1897/1899; zwischendurch halsen aus: Pros. Dr. Bal den- s p e r g c r und Geh. Kirchenrat Pros. D. Köstlin.
Mit der Jahrhundertwende beginnt ein neuer Abschnitt in der Vereinsgeschichte. Der Nachfolger des Hniversitätsmufitdirettors Zeichner, Prof. Gustav T r a u t in a n n , fand sich dank der Bemühungen des Prof. Köstlin nach einigem Zögern trotz aller Bedenken wegen seiner Heber- lastung bereit, die Leitung des Vereins zu übernehmen. Was das für den Verein, für die ganze Kirchenvereinsfache bedeutete, ist so lebendig in aller Erinnerung, daß sich weitere Worte erübrigen. Am 25. November 1924 konnte er das 25jährige Jubiläum seiner Dirigententätigkeit begehen, das der Verein durch einen Familienabend feierte, bei dem altbewährte Mitglieder in großer Zahl sich um den Jubilar versammelten. Mit seinem Heimgang am 13. August 1926 traf den Verein der schwerste Sd)lag, den er bis dahin erlitten hatte. In tiefster Dankbarkeit wird der Verein des trefflichen Mannes immer gedenken, schützte er doch in seinem Leiter nicht nur den Musiker und Künstler, sondern auch den edlen Menschen und vornehmen Charakter. Einen nicht minder schmerzlichen Verlust hatte der Verein einige Wochen vorher zu beklagen; am.9. Juni verschied zu Frankfurt a. M., wohin er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt übergeftedelt war. im 81. Lebensjahr der Gründer und langjährige Vorsitzende unseres Vereins, Geh. Kirchenrat 1). Schlosser. 36 Jahre hat er von der Gründung ab an der Spitze des Vereins gestanden; er war die Seele des Vereins, den er gern als sein liebstes Kind bezeichnete. Bei seinem Wegzug von Gießen 1915 wurde er in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um den Verein zum Ehrenvorsitzenden ernannt. In großer Verehrung wird dieser ausgezeichnete, für die herrliche Kirchenmusik begeisternde Führer dem Verein allezeit als leuchtendes Vorbild vor Augen stehen. Sein ungemindertes Interesse an seiner Schöpfung bekundete er dadurch, daß er in feinem letzten Lebensjahr eine Geschichte des Vereins schrieb und in Druck gab. An feine Stelle trat der Verfasser dieser Zeilen. Den verwaisten Dirigentenposten verwalteten mit viel Liebe und Hingabe nacheinander sind, theol. Knodt, Studienassessor Dr. Roller und Lehrer und Organist Habicht, bis im April 1927 die musikalische Leitung wieder inseste Hande gelegt werden konnte. In Herrn Lehrer L i n d e n st r u t h hat der Verein einen musikalisch fein empfindenden, für die musica sacra verständnisvollen Führer gewonnen, der die Arbeit des Vereins in altgewohnter Weise zielbewußt sortführt.
Von Anfang an erblickte der Verein seine Hauptaufgabe darin, im Gottesdienst mitzuwirken, den evangelischen Gemeindegesang zu heben und die Andacht anzuregen und zu vertiefen. Zum anderen wollte er durch Veranstaltung von besonderen Aufführungen der Gemeinde auserlesene Stücke edler Kirchenmusik bieten. Der Schwerpunkt muß bei einem Kirchenchor natürlich im ersten Teil liegen. Bewußt und mit Erfolg hat sich der Verein immer dieser Aufgabe gewidmet; es ist das zwar eine musikalisch bescheidene, aber vom Standpunkt des religiösen Lebens aus angesehen eine hochwichtige Aufgabe. Die Gottesdienste liturgisch reicher als sonst auszugestalten, dazu boten sich im Kirchenjahr zwei Gelegenheiten: die Abendgottesdienste am Karfreitag und am 2. Weihnachtsfeiertag. Reben diesen gottesdienstlichen Leistungen des Vereins standen die selbständigen Ausführungen, die keine streng gottesdienstliche Form trugen. So wagte sich der Verein an die Passionen von Schütz, sogar mit kleinem Orchester, an Kantaten von Bach und Oratorien wie das wundervou. ?eih- * nachtsoratorium von Heinrich von Herzogenberg.
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