Nr. (09 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Samstag, U. Mai (929
Spionage-Zentrale Druffel.
Welches Ausmaß Fanatismus und Haß zu erreichen vermögen, hat die deutsche Armee während des Krieges in Belgien wohl zur Genüge erfahren. Aber nicht allein im offenen Widerstand der Bevölkerung kam jene grenzenlose Leidenschaft zum Ausdruck. Weit verhängnisvoller und gefährlicher für unsere Truppen war sie bei der bis ins kleinste organisierten Spionage. Was die Belgier hier geleistet hoben, grenzt an das Unglaubliche. Die Tatsachen sind jetzt nach Aufzeichnungen von Geheimagenten, die während des Krieges an der Westfront arbeiteten, von Heinrich Binder in seinem soeben bei der Hanseatischen Verlags- Anstalt, Hamburg 36, erschienenen Buche „Spionage-Zentrale Brüssel" (3,60 RM.) zusammengestellt worden. Mit Genehmigung des Verlages brir en wir nachstehend einen kurzen Abschnitt über die Meisterspionin Gabriele Petit, die schließlich von den Deutschen ergriffen und standrechtlich erschossen wurde.
„Gabriele Petit war ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit. Als der Krieg ausbrach, war sie 21 Jahre alt und verlobt.
Sie trat dem „Fämiliengrus" (belgische Spionage- organisotion) bei. Fand Anleitung durch Edith Ca- vcll. Als diese dann mit 35 Mitgliedern der Organisation verraten und gerichtet wurde, ging Gabriele Petit zur Nachrichtenspionage über.
Weil sie ost in Männerkleidung reifte, trug sie ihr Haar ganz kurz geschnitten.
Da die Spionin später bei ihrer Vernehmung kurz vor dem Erschießen jede Auskunft verweigerte, ist bis heute noch nicht festgestellt, ob sie auch identisch ist mit dem anderen geheimnisvollen Leutnant, der auch an der Aisne und bei Arras gesichtet und signalisiert worden ist.
Alle Anzeichen ober sprechen dafür, daß Gabriele es war, die so weit an der Front herumkam und nicht, wie man auch annimmt, Alice Dubois, die Meisterspionin, mit der sie Hand in Hand Frontspionage trieb.
Ein Heer von Detektiven hatte man auf ihre Spur gesetzt. Endlich gelang es, sie zu fangen.
Wie ein wilder Roman verlief ihr Leben.
Es wird in den kühnsten Schilderungen phantasie- reicher Autoren keine solchen ateinberaubenden Szenen geben, wie sie Gabriele Petit oft erlebt hat.
In Lille übernachtete sie stets in einem großen Hotel in der Nähe des Bahnhofs, in dem nur Offiziere wohnen durften. Nachts wurde das Hotel einmal von zwei Geheimpolizisten, denen ein Offizier beigegeben war, kontrolliert.
Das Zimmer, in dem sie sich befand, wurde wie durch ein Wunder übergangen.
Und das kam so:
Die Kontrolle war schon im Nebenzimmer. Sie hörte, wie der dort schlafende Offizier nach seinem Ausweis gefragt wurde.
Sie sprang aus dem Bett und warf den grauen Militärmantel über. Denn im Nachtanzug hätte man sie erkannt.
Die Sekunden wurden zur Ewigkeit.
Fußtritte kamen. Kamen und gingen an ihrer Tür vorüber ...
Vorsichtig öffnete sie nach einer Weile die Zimmer- tür. Ein Zufall hatte gewaltet. Hatte der Spionin für dieses Mal das Leben gerettet. Der Hausdiener hotte ihre Schuhe zum Putzen geholt, während die andere Reihe von Stiefeln und Schuhen noch vor den Türen stand ...
Wenn sie ,non England zurückkam, wohin sie mehrere mal fuhr, ruhte sie sich immer ein paar Wochen aus und verkaufte in den Lokalen in Brüssel Zeitungen.
Sie suchte nur solche Lokale auf, in denen deutsche Offiziere verkehrten. Sie verfolgte damit den Zweck, sich in der Sprache zu vervollkommnen und sich die Manieren der Offiziere anzueignen.
Hunderte von deutschen Offizieren werden sich er- innern an die hübsche Verkäuferin, die so gut deutsch
Gießener Giadttheaier.
Haatz-Bcrkow-Gastspiel.
Dor drei Jahren haben wir Haah-Ber- k o w hier in Gießen mit seiner Truppe zuletzt gesehen. Jetzt sieht man ihn wieder mit den gleichen Spielen wie damals, und wieder steht man zuletzt unter dem gleichen und eigentlich unvergleichlichen Eindruck wie damals bei der ersten Begegnung.
Das liegt zunächst daran, daß hier eine zwar ganz primitive Schauspielerei am Werke ist, die gemeinhin mit den einfachsten und sparsamsten Mitteln sich kundgibt, ohne Damen, ohne Eitelkeit, ohne ein anderes Ziel als dies, ihrer Sache zu dienen,' in der Truppe ist aber irgendwie noch ein Stück der jahrhundertalten Erbschaft und Lieberlieferung jener ersten wandernden Komödianten in Deutschland erhalten und lebendig geblieben, mit denen recht eigentlich das moderne Schauspielerwesen sich begründete.
Das Eigentümliche und Besondere an diesen Spielen ist nun nicht, daß sie auf sehr alte Dorlagen zurückgehen, daß sie Szene, Bild und Dorstellungen des Mittelalters wieder vor uns und für uns lebendig machen.... sondern daß diese mittelalterlichen Dinge eben nicht nur dein Mittel- alter, sondern allen Zeiten, frühen und späten und gegenwärtigen, gleichmäßig angehören. Daß sie, mit anderen Worten, zeitlos und von allgemeiner menschlicher Gültigkeit sind.
Mag uns das Märchen nur ein Märchen sein, mögen die Worte Weltschöpfung, Paradies und Sündenfall nur noch blasse Worte sein: der Tod ,ouch uns und unfetnt nüchtern aufgeklärten 3ahrhunbctt noch immer mehr als ein Begriff, nod) immer eine große, geheimnisvolle und unbesiegbare Dotwendigkeit. Dies geht uns nicht literarisch, sondern sehr menschlich an, einen jeden unter unä, of>nc Ausnahme und Unterschied. Es gibt Wohl fein gewaltigeres und gegenwärtigeres Thema für das zeitlose Spiel auf der Bühne als die ewig gleiche und ewig wandelbare, ganz schlichte imd menschlich ganz vertraute Fabel vom Tode. '
Der .Totentanz" ist die große und sehr originale Leistung der Truppe. Er ist geschaffen nach Bilöerszenen und Drucken des 15. Jahrhunderts (in Basel und Lübeck) von Haaß-
sprach, und die zuletzt immer lustig behauptete, sie sei Berlinerin ...
Als ein Jahr um war und die deutschen Behörden ihren Namen bei den Spionageberichten öfter wiederkehrend fanden, legte sie diesen Namen ab und besorgte sich Ausweispapiere auf den Namen Helene Legrand.
Ihr deutscher Militärpaß lautete auf den Namen eines Leutnants d. R. Walter Henning. Bei ihrer späteren Verhaftung verweigerte sie die Auskunft darüber, wie sie zu diesem Paß gekommen war.
In Brüssel, in der Schouwburgstraat 68 (Rue du th^atre) hatte der Leutnant Henning zwei Zimmer. Eins für den Leutnant, das andere für feine Geliebte. Diese war sie selber ...
Das Leutnantszimmer trug militärischen Charakter. Auf dem Tisch lagen Karten, auf dem Schreibtisch standen die Photographien der deutschen Heerführer und das Bild der hübschen Geliebten — der Gabriele Petit.
Sie hatte sich auf einem Divan photographieren lassen, über den ein echtes Tigerfell gebreitet lag. Neben diesem Bild stand die Photographie des Leutnants Henning. Daß beide Bilder denselben Körper in anderer Hülle bargen, wurde erst später bei der Haussuchung und Verhandlung offenbar ...
In der ersten Zeit, als sie die Rolle eines Leutnants vor dem großen Spiegel in ihrem Zimmer ein- ftubiertc, den Gang kopierte und vor allem den Gruß übte, der ihr große Schwierigkeiten bereitete, hatte sie es mit zäher Energie so weit gebracht, daß sie sich zum erstenmal hinauswagte.
Sie fuhr über Gent nach Lille und wieher zurück.
Auf der Rückfahrt saß ein Hauptmann mit ihr im Abteil. Sie hatte den Kopf mit einem kunstgerechten Verband verbunden, und der ältere Kamerad wollte ihr in Brüssel behilflich sein. Sie lehnte es ab.
Der Hauptmann wich indessen nicht von ihrer Seite, so daß sie sich schon entdeckt wähnte.
Im Hotel Anspach, wohin der Hauptmann sie begleitete, gelang es ihr, allerdings unter Zurücklassung ihres Militärmantels, durch eine Seitentür zu fliehen und ihrer Wohnung zuzueilen.
Sie kam erregt zu Hause an.
Ihre Vertraute, bei der sie wohnte, eilte herbei, um ihr beim Umkleiden behilflich zu sein. Sie erzählte ihr ihr aufregendes Erlebnis, und währenddessen wurde die Uniform und die mit W. H. gezeichnete Wäsche abgelegt.
Unbekleidet huschte sie ins Nebenzimmer, und, sich auf der Schwelle noch einmal umsehend, gab sie der Wirtin Anweisung, die Uniform in dem großen Kleiderschrank zu verbergen und beide Türen zu verschließen.
Das Verbandszeug mußte verbrannt werden.
Gabriele machte schnell Toilette. Zuerst griff sie nach der Perücke, denn bei einer Ueberrumpeiung wäre ihr der Haarschnitt mit dem vorschriftsmäßigen linken Scheitel zum Verräter geworden.
Jetzt kam die Vertraute, deren Küche nach der Straße lag, wieder herein: totenblaß.
„Auf der Straße gehen zwei Zivilisten auf und ab und betrachten andauernd unseren Hauseingang.
Sie mußte fort. Nicht in Uniform. Denn wahrscheinlich waren die beiden da unten Beauftragte, die der Hauptmann von vorhin gesä)ickt hatte!
Zehn Minuten später verließ ein Brüsseler elegantes Modepüppchen das Haus.
Gabriele Petit ging mit leichten Schritten an den beiden Zivilisten vorüber und prägte sich ihre Gesichter scharf ein.
Dann ging sie auf Umwegen zu ihrer anderen Wohnung, zu ihrer Tante in die Chaussee d'Anvers Nr. 61, wo sie unter dem Namen Helene Legrand bekannt ist.
Frau Segar kannte das Geheimnis ihrer Nichte nicht, obwohl sie es so recht nicht begreifen konnte, daß Gabriele zum Verkauf von Zeitungen ein mit Flicken besetztes altes Mousselinkleidchen anlegte ...
Gegen sechs Uhr abends betrat das deutsch- sprechende Zeitungsmädchen das Hotel Anspach. Einen grünlich schimmernden Schal hatte es um die Derkow und wird mit Musik nach italienischen und deutschen Meistern instrumentiert. Wort und Weise, Gebärde und Tanz fügen sich in diesem Zeigen zu einer oft hinreißenden Einheit des Stils und zu einer erschütternden Sinnbildlichkeit des Geschehens zusammen.
Ureinfoche Dramatik aus Rede und Gegenrede, Melodie und Tanzschritt erzwingt eine grandiose Wirkung: hier wird wirklich minutenlang Zeit und Gegenwart vergessen, wird ein Stück Mittelalter über Jahrhunderte hinweg vor uns lebendig: Figuren, Gesten, Gesichter oft wie aus einem gotischen Wandfries, einem Holz- schnitt, einem Bilde von. Holbein oder Dürer herausgehoben.
Dach dem Prolog der drei Engel vom fünferlei Tode zieht der Totentanzreigen herein, in Gestalt der mittelalterlichen Revue, angeführt vom Tode als Dortänzer und Flötenbläser: König und Edelfrau, Arzt und Wucherin, Dauer und Landsknecht, schöne Maid und kranke Maid, Klosterbruder und Mutter mit dem Kinde, alle miteinander im Gleichmaß einer ganz einfachen und ganz eindringlich-ernsten Schrittweise.
Dann hebt der Einzelreigen und Abtanz an, überwältigend in seiner Eintönigkeit zugleich und doch immer wechselnden Szenerie und Tanzform. Dielstimmig klingt die Weise des Todes: als eine prachtvoll taktfeste, reisige Marschmelodie für den Landsknecht, als ein breitspurig-einfältigerDörPer- tanz für den Bauern, als ein zartes höfisches Menuett für die Edelfrau, als ein leises, inniges Wiegenlied für Mutter und Kind. Lind alles zu Anfang und zu Ende mächtig zusammengefaßt in den gnadenlosen Refrain, in dem alle Melodie chorisch einmündet und zusammenklingt.
Als Chorführer steht groß, beherrschend und vergeistigt die Gestalt des Todes über dem Reigen: Seelengeleitor und Dor-Richter des jüngsten Gerichtes, Wegbereiter und Tröster, Kavalier und Kamerad, Würger und Freund...
Dor dem Totentanz verblaßt alles übrige, was Haaß-Beikow mit seinen Spielen bringt. Als einen märchenhaft-heiteren Auftakt sah man am Dachmittag „Die zertanzten Schuhe": „ein Spiel schlicht und getreu nach dem Märchen der Gebrüder Grimm in Handlung und Reim gebracht von Max Gümbel-Seiling unter Benutzung eines alten Johannisreigens vom Rhein." Hier blieb doch vielfach die Primitivität von Spiel und Gebärde in der Llnwirklichkeit der Fabel
schmalen Schultern gelegt. In der Linken hielt sie einige Exemplare des „Belgischen Kurier" sowie einige illustrierte Zeitungen.
Gabriele ging von Tisch zu Tisch, um ihre Zeitungen anzubieten. Sie ging durch die Tür des Hoteleingangs hinaus und streifte dabei ihren vor zwei Stunden zurückgelaffenen Mantel, der an einem mittleren Pfeiler noch an der gleichen Stelle hing.
Im Hoteleingang, an der Treppe, standen zwei Männer, die das Restaurant beobachteten. Es waren, man sieht es meistens, Geheimpolizisten.
Gabriele begab sich nun in andere, von deutschen Offizieren gern besuchte Lokale.
Eine Stunde später besuchte sie mit dem Rest ihrer Zeitungen wieder das Hotel Anspach.
Der Mantel hing nicht mehr dort. Sie ging hinaus.
In diesem Augenblick traten der Hauptmann und die beiden Geheimpolizisten, von denen einer den Mantel über dem 2(rm trug, in das Hotel und fragten den Portier, ob kein Offizier nach seinem vergessenen Mantel gefragt habe. Für die Spionin war das ein untrügliches Zeichen, daß sie in der Leut- nantsuniform verfolgt wurde, und daß sie die Verkleidung als deutscher Offizier vorerst vermeiden mußte."
Von Borodin bis Bauer.
Oie großen Abenteurer des Fernen Ostens.
Don Dr. Franz Herbach.
In den Seuchenbaracken des Hospitals von Schanghai hat jetzt das Leben eines Mannes ein Ende gefunden, der mehr als einmal in die Geschicke Deutschlands eingegriffen hat. O b e r st Bauer, der Freund Ludendorffs und Kampfgenosse Kapps, war plötzlich aus Deutschland verschwunden, hat im Südosten Europas gearbeitet und ist schließlich in China aufgetaucht: über die letzte Tätigkeit des deutschen Generalstabsoffiziers, die er als Berater Tschiangkaischeks ausgeübt hat, ist freilich in Europa wenig bekannt geworden, und die Oeffentlichkeit war sehr überrascht, als man vor einigen Wochen erfuhr, daß Oberst Bauer an Typhus erkrankt und in das Krankenhaus von Schanghai eingeliefert worden fei. Dort hat er sich die Pocken geholt, die fein Leben in ganz kurzer Zeit zerstörten. Damit hat eine der abenteuerlichsten Laufbahnen ihr dramatisches Ende gefunden. Der deutsche Offizier, der nicht nur als militärischer, sondern hauptsächlich — als wirtschaftlicher Berater der chinesischen Regierung tätig war, stand noch im besten Mannesalter. Schon verhältnismäßig früh, im Jahre 1905, wurde der junge Offizier in den Großen Generalstab berufen. Schon vor dem Krieg — von 1908 bis 1912 — arbeitete er mit Ludendorff zusammen, und bei Ausbruch des Krieges kam Bauer in die Oberste Heeresleitung, in der er bis zu Ludendorffs Rücktritt blieb. Sein Fehler war es, daß er sich nicht auf militärische Arbeiten beschränkte, sondern danach strebte, in die Weltpolitik einzugreifen und in einem Maße für die weltpolitischen Dinge bestimmend zu werden, das seine Kräfte weit überstieg.
Oberst Bauer hat feinen Vorgesetzten, den General Ludendorff, rückhaltlos bewundert und es sich stets versagt, in irgendeiner Beziehung an diesem Mann Kritik zu üben. Ob der Oberst die führende Rolle, die er im März 1920 unter der Herrschaft Kapps spielte, aus eigenem Antrieb übernommen hat, oder ob er dazu von anderer Seite inspiriert wurde, wird wohl niemals festzustellen sein. So falsch diese Politik gewesen ist, so sicher ist es aber auch, daß Oberst Bauer zu seinem verhängnisvollen Eingreifen in die inneren Verhältnisse Deutschlands damals aus ehrlichem Patriotismus getrieben wurde, der leider durch ganz falsche Vorstellungen über die Wünsche und die Zusammensetzung des deutschen Volkes merkwürdige Irrwege einschlug. Als der Kapp-Putsch fehlschlug, ging Bauer nach Oe st erreich, wo er gemeinsam mit dem in letzter Zeit häufig genannten Hauptmann Pabst Verbindung mit rechtsradikalen Kreisen fand. Verschiedene politische Anschläge, die er von dort aus durchzuführen versuchte, mißglückten. Immer mehr trat der politische Dilettantismus des Obersten zutage, immer stärker entwickelte er sich aus einem fähigen Soldaten zu einem phantasie- vollen Abenteurer, dessen ehrliche Gesinnung aber niemals in Frage gestellt werden darf. Bald entwarf Oberst Bauer Pläne zur Zertrümmerung der Tschechoslowakei, bald spielte er mit dem Gedanken, ein autonomes Süddeutschland zu schaffen. Als er von dem chinesischen Marschall Tschiangkai-
stecken, und das Ensemble verschmolz nicht allenthalben zu der großen und straffen Einheit, zu der es der „Totentanz" innerlich verbindet.
*
Am Abend sah man dann zuvörderst das von Schröer mitgeteilte Preßburger „Para deis- spiel" (Spiel vom Sündenfall, aus Oberufer bei Prehburg in Ungarn, vom 14. Jahrhundert). Hier erscheinen und sprechen nach gemeinsamen Einzug und Umzug auf der Szene mit Gesang: der Herre Gott, der Teufel, der Erzengel Gabriel, Adam und Eva, Engel und Kumpaney, welche singt „dich loben wir schon im höchsten Thron". Es begibt sich, in sließendem Wechsel zwischen Erzählung, Chorgesang und Pantomime die biblische Legende von der Erschaffung der ersten Menschen, vom Sündensall und der Austreibung aus dem Paradiese. Doch wird das Hohngelächter der Hölle zuletzt versöhnlich und tröstlich übertönt von der christlichen Stimme des Glaubens an Auferstehung und himmlische Gnade. ..
Stark bleibt und nachhallend der Eindruck der Spiele: am tiefsten bewahrt man sich die mächtige Melodie des Tatentanzes. Ihr kann sich niemand entziehen, und jedermann wird die leidenschaftliche Hiugegebenheit und den großen Gegenstand im Spiel dieser wandernden Komödianten empfunden haben. Der Leitung des Theaters und des Goethe-Bundes ist dafür zu danken, daß sie auch für dieses Jahr wieder em Gastspiel der Haaß- Berkow-Truppe in Gießen zustandegebracht haben. Dr. Th.
Momentaufnahmen.
Don peng.
Im Gewühl der Hauptstraße, gerade in der belebtesten Stunde, plötzlich eine Begegnung: im raschen Aneinandervorbeigehen treffen sich die Blicke eines Herrn und einer Dame — noch keine Sekunde, und schon erstarren die Gesichter, wenden sich jäh ab, und hastiger werden die Schritte: eine Begegnung von zwei Menschen, die sich nie mehr begegnen wollten — eine Begegnung, bei der es jeden wieder durchzuckt, was einmal gewesen und bann zu Ende war und unwiederbringlich — eine Begegnung, bei der jeder denkt: Weg, nur weg! — und schon sind sie auch aneinander vorüber.
Aber der Herr hat einen Hund bei sich, einen schönen Airedale, das Fell hellbraun und liebens- würdig struppig, und auch der Hund hat die Dame
s ch e k aufgefordert wurde, n a d/ China zu kommen, folgte er diesem Rus gern, weil er hoffte, nun endlich feine großen Kenntnisse verwerten und in China ein weites Arbeitsgebiet finden zu können. Er nahm wohl auch an, daß es ihm gelingen würde, Einfluß auf die chinesische Außenpolitik zu gewinnen. Der Tod hat ihm wohl eine neue schwere Enttäuschung erspart, denn die Entwicklung hat bewiesen, daß fid) China politisch nicht mehr von Europäern bevormunden lassen will.
Wäre Oberst Bauer ein Jahr früher nach China gegangen, hätte er dort vielleicht einen alten Bekannten gesunden, mit dem er früher schon einmal zusammen gearbeitet hat. Ob ihm diese Begegnung angenehm gewesen wäre, ist freilich sehr fraglich. denn Trebitsch-Lin- c o l n, der noch vor einigen Jahren der Berater des Generals Wupeifu gewesen ist, erfreut sich in der ganzen Welt eines sehr zweifelhaften Rufes. Beiden Männern, Bauer und Trebitsch, ist eigentlich nur die Freude am Abenteuer gemeinsam, während zwischen der Charakterstärke des deutschen Offiziers und dein Geschäftssinn des Weltenwanderers Trebitsch eine unüberbrückbare Kluft besteht. In einem ungarischen Dorf geboren, verließ Trebitsch bald seine Heimat, ließ sich in Budapest nieder, bis ihm dort der Boden wegen merkwürdiger Geschäfte zu heiß wurde, arbeitete in Amerika als Schuhputzer und Kellner. bis er den Posten eines anglikanischen Priesters für einträglicher hielt, begnügte sich aber nicht mit dem einmaligen Kirchenübertritt, sondern wechselte die Religion nach Bedarf. Schließlich ließ er sich in England nieder, wo er 1912 sogar ins Unterhaus gewählt wurde. Seltsame Wechselgeschäfte machten seiner parlamentarischen Laufbahn ein rasches Ende. Bald tauchte Tre- bitsch-Lincoln wieder in Amerika auf, wurde aber an England ausgeliefert, dort ins Gefängnis gesteckt und bei Ausbruch des Krieges als Spion verwendet, dann aber ausgewiesen, weil man glaubte, er lasse sich auch von der deutschen Ge- genspionage bezahlen. Dach Kriegsende kam Trebitsch nach Deutschland, wo er in rechtsradikalen Kreisen Oberst Bauer kennenlernte, mit dem er gemeinsam den Kapp-Putsch vorbereitete. Als der Staatsstreich mißlungen war, floh er nach Bayern, dann nach Ungarn und tauchte einige Zeit später in China auf, wo er sich überraschend schnell zum Ratgeber Wupeifus aufschwang. Reue Betrügereien brachten ihn um diesen Posten, er zog sich in ein Buddhistenkloster zurück und ist allmählich den europäischen Beobachtern aus dem Gesichtskreis entschwunden. Man munkelt, er arbeite schon wieder mit einem anderen chinesischen General zusammen.
Das unruhige, von Wirren zerrissene China wirkt auf die Abenteurer aller Länder eine ungeheure Anziehungskraft aus. Der englische Offizier Frank Sutton kam nach dem Fernen Osten, um an der Mündung des Amur nach Gold zu suchen, wurde durch die Bolschewisten vertrieben, die in ihm einen englischen Spion sahen, »■■■■■■UnaBnuiins. .. IUI «ifna—rm— wiedererkannt, als sie an ihm vorüberstreifte. Mit einem Freudenlaut fährt er auf — und als der Herr rasch ausschreitet, so rasch wie es das Gewühl zu- läßt, da reißt der Hund sich los, rennt der früheren I Herrin nach und springt in grenzenloser Freude an ihr hoch. Denn das Tier in seinem zeitlosen Dasein weiß ja nichts von vorzeitigem Ende, weiß nicht, daß Freude nicht Freude bleibt und daß Glück oft nur ein Augenblick ist.
„Geh, Prinz, geh doch —" sagt die Dame gepreßt lind streichelt ihn noch — aber mit seltsam unge schickten Bewegungen. „Geh, Prinz, geh —" und da pfeift auch schon sein Herr.
Hoch oben im vierten Stock werden Fensterge- p u tz t. Das junge Dienstmädchen steht auf dem schmalen Fensterblech, hält fid) mit einer Hand fest und schwebt so gut zwanzig Meter über dem Stra- ßenpflaster. Sie reibt und putzt mit Leidenschaft, und sie hat es nicht leicht mit der Arbeit, denn die Fenster sind nicht eine große Glasfläche, sondern durch weiße Holzrahmen in lauter kleine Vierecke zerlegt. So putzt sie denn die kleinen Vierecke. Den Zuschauer schwindelt — ein Mensch ist in Gefahr! Sie aber putzt die kleinen Vierecke ganz unbekümmert, und jedesmal, ehe sie mit einem neuen be- flinnt, spiegelt sie erst ihr Köpfchen ein ganz klein bißchen in der blinden Scheibe, spiegelt sie ihr junges Köpfchen — gut zwanzig Meter über dem Straßen - Pflaster, in der einen Hand das Putztuch lind mit der anderen so gerade noch am Fensterkreuz.
Eine Parterrewohnung. Die Fenster stehen auf, ich kann hineinsehen. Da sitzen drei Leute — ein Mann mit Frau und Schwiegermutter. Die beiden Frauen haben die Radio Hörer am Kopf, der Mann hat bloß eine Zigarre im Munde. Die beiden Frauen haben jenen dummfeierlichen Gesichtsaiis- druck, den man durch langes, angestrengtes Hören bekommt, und sind unbeweglid). Auch der Mann rührt sich kaum. „So ist es nun", denke ich. „Der Brotverdiener hat auch noch das Radio anschaffen müssen — nun darf er noch nicht einmal mithören!" Aber mit einem Male sehe ich: er sieht ja ganz glück- lid) aus! Und nun begreife ich die Situation: Er genießt die Ruhe — endlich sind die beiden Frauen einmal zum Schweigen gebracht. Er genießt die Ruhe auch als Bild — wie die beiden Frauen nun schon eine Stunde lautlos dasitzen, nur um von dem Radio- vortrag nichts zu verlieren. Sie sind glücklich, weil sie hören Dürfen; er ist glücklich, weil er nichts zu hören braucht.


