Nr. 83 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Mittwoch. 10. April (929
Aus der Wett des Ulms.
HoHwood und Moskau.
Von Sultan Stein, i.
SS vollzieht sich ein Umbau in Hollywood. Ein namhafter amerikanischer Filmmann, der kürzlich in Berlin weilte, sagte mir: „Es ist nun einmal so:... der Film ist ein Gericht, das sehr viel Würze verbraucht: man mutz immer neue hineintun, damit der Dissen nicht fad wird..
Ms der Film aus dem Dorstadtkinv ins Zentrum der Grotzstädte drang und immer luxuriösere Spielpaläste für sich in Anspruch nahm, muhte mit dem bisherigen Produktionsprogramm aufgeräumt werden. Die Erzeugung der Prärie- und Kriminalfilme wurde auf ein Minimum eingeschränkt. Man griff zu bekannten historischen Stoffen. Die Riesenmahe waren das Äeue. Dem Draufgängertum des Emporkömmlings, der doch der Film damals war, erschienen die Pyramiden nicht pyramidal genug. Das Publikum sollte geblendet werden, was war geeigneter dafür als Monumentalsilme.
Das schaulustige Publikum verschlang aber schnell diese Riesendimensionen und wurde ihrer schliehlich müde, und aus dem Zaubertopf kamen neue, appetitanregende Spezialitäten hervor. 3m Gegensatz zum Historisch-Monumentalen stellte man sich auf Modernes um, — allerlei Geheimnisse, 'Abgründe und Höhen des modernen Grotz- stadllebens, atemraubende Karrieren schöner, armer Mädchen: vom Dallettgirl zur Revuediva, vom Mannequin zum Filmstar, wurden zum Thema. Dazwischen warf man ein paar herbe Kräuter in den Hexenkessel und brachte das Donnergetöse des Krieges auf die Leinwand.
Es war die Zeit, als Europa im Vankeeland grohe Mode wurde, und man mischte die amerikanischen Cocktails „Europe-likc“. Hollywood engagierte europäische, namentlich deutsche Regisseure und Stars. Der Amerika-Film europäisiere sich, hieh es. Von den europäischen Stars und Re- gisseuren wurden die einen bald, die anderen etwas später in die Heimat Hurückexpebiert, nachdem ihnen die ,kmrope-liIce"-Essenzcn ein wenig abgezapft worden, um dem amerikanischen Film neue Geschmacknuancen zu verleihen.
Aus Rußland drang immer erregendere Kunde von den ganz ungewöhnlichen Filmschöpfungen der Moskauer, die sich auch bald den Weg in die Lichtspielhäuser Europas bahnen sollten. Ihnen hieh es mit den so interessanten russischen Stoffen zuvorzukommen. Man baute alfo Mütterchen Rußland in Hollywood auf, ließ die endlose Atelier-Steppe mit Schnee bestreuen, so daß die galoppierende Trojka ausgleiten muhte und der schönen Insassin nichts übrig blieb, als den Wölfen in den Rachen oder einem bezaubernden Gardeoffizier in die Arme zu fallen. Die Amerikaner blieben sich auch in den Russenfilmen treu. Da muhte der melancholisch-blasse, junge Revolutionär, der bereits an die Wand und vor zwölf Gewehrläufe gestellt war, in letzter Sekunde von einer gnädigen Vorsehung gerettet werden, weil — sein Herz heiß für die schöne Fürstin schlug... And siehe da: in den Armen liegen sich beide... ?um Zaren bringt man die Wundermär und elbst er fühlt ein menschliches Rühren... Happy end! —
Das glückliche Ende... Lieber all die Hm» Peilungen im amerckanischen Film hinweg erhielt sich das happy end allein als sein Grundprinzip. Es entspricht ganz der sentimental-optimistischen Geistesversassung des Amerikaners. Der amerikanische Film sollte nie etwas anderes sein als ein leichtes Amüsement mit ein wenig Gruseln, Rer-
venkihel und Spannung. Die Handlung muhte also auf ein glückliches Ende hinauslaufen.
Llm so mehr mutet das, was sich heute in Hollh- wood vollzieht, als eine Revolution an. Hollywood scheint sich vom bisher heiligsten Grundprinzip abzuwenden und sich auf ein unhappy end umzustellen. Das happy-end-Rezept hatte eine Schablone erzeugt, die mit der Zeit die Spannung lockern muhte. Der Zuschauer konnte sich schon im zweiten Akt vorstellen, was bestimmt im achten eintraf. Dem muhte abgeholfen werden. Es muhte ein Wechsel der Grundstimmung erfolgen, wie wir ihn schon in den neuesten Filmen bemerken können. Sturmwolken über Hollywood! Der azurne Horizont dieser Märchenstadt verdüstert sich — zumindest im Atelier...
II.
Was war entscheidend für die Abkehr vom bisherigen Optimismus im amerikanischen Film? Zweifellos der starke Eindruck, den die Russenfilme, die letzthin am Reuyorker Broadway erschienen sind, hinterließen. Das amerikanische Publikum lieh sich von dem strengen Ernst, dem Realismus, der ergreifenden Stimmung dieser Filme hinreihen.
Die amerikanischen Filmproduzenten versuchen nun natürlich etliche von den dramatischen Effekten der Russen sich zu eigen zu machen.
Die Russenfilme sind auf eine bestimmte Wirkung bedacht. Die oft ganz grohe künstlerische Leistung ist keinesfalls Selbstzweck. Sie ist ein
Mittel, den Zuschauer zu fesseln, ihn in Atem zu halten. Der Ausklang ist meist tragisch — um so nachhaltiger die Wirkung.
Diese Beobachtung, aber zunächst die Erfolge der Russenfilme bewirkten die Umstellung der Film-Weltanschauung der Amerikaner und ihren Liebergang zum unhappy end — zum Tragischen.
Das Allermerkwüroigste ist nun, dah eben die Russen, die mit ihrem Ernst und ihrer Strenge die Amerikaner „infizierten", und denStimmungs- umschwung der Amerikaner inspirierten, — selber sich heute vom Tragischen abwenden und dem happy end in ihren Ulmen zuneigen. Die Amerikaner werden ernst, die Russen werden heiter! Ein psychologisch beachtenswerter Wendepunkt dieser zwei so verschiedenen Filmarten. 3n Moskau hatte man dem Film zunächst eine Propagandamission auferlegt. Dann erfolgte eine Zweiteilung der Produktion: für das Inland und für das Ausland. Llnd heute erfahren wir, dah von den für das kommende Jahr zur Verfilmung gelangenden Manuskripten die Propagandaszenarien ausgeschaltet sind. Zudem noch die Wendung zum happy end. Also auch im Russenfilm eine Wandlung?
Die Amerikaner gehen zur Moll-Tonart, die Russen zur Dur-Tonart über. Das Filmantlih Amerikas verzieht sich düster. Das Filmantlitz Ruhlands wird hell und heiter. Llnd das Filmantlih Deutschlands? Es wird lang — und länger.
Oer Film, der alle Sprachen spricht.
Eine neue amerikanische Erfindung.
Von Michael Geyer.
Nun haben wir es, Gott sei Dank, wieder einmal glücklich geschafft. Die Filmgewaltigen der ganzen Erde können endlich ruhig schlafen, der Sorgen, wie man sprechende Filme auch in- Ländern anderer Zunge unterbringen könne, sind sie enthoben.
Natürlich ist es ein Amerikaner, der dieses Problem gelöst hat. Und die Lösung ist so kindlich einfach, —- man muß sich eigentlich wundern, daß in unserem alten Europa noch niemand darauf gekommen ist. So kindlich einfach — ich weiß nur nicht, ob man mehr Betonung auf „einfach" oder auf „kindlich" legen soll.
Seit der Erfindung des Tonfilms beschäftigt dieses Problem die Filmindustrie. Wie kann man einen sprechenden Film, der, sagen wir, in Amerika aufgenommen wurde, auch in Ländern ab- seßen, in denen nicht Englisch gesprochen wird? Die Lösung, das gesprochene Wort einfach fortfallen zu lassen und in diesen Ländern den Film stumm, wie bisher, vorzuführen, stößt auf erhebliche Schwierigkeiten. Es liegt natürlich im Wesen des Sprechfilms, gewisse Vorgänge, die im stummen Film bildlich angedeutet 'werden, hier unmittelbar durch das Wort verständlich zu machen. Läßt man nun die Sprache fort, so wird das Verstehen der Vorgänge, wenn nicht ganz unmöglich gemacht, so doch zweifellos sehr erschwert. Stellen wir uns vor, daß wir in einem schalldicht abgeschlossenen Kasten säßen und von dort aus eine Theatervorstellung mitansehen sollten — ich glaube kaum, daß wir an diesen stummen Vorgängen allzuviel Genuß haben würden.
Mit Zwischentiteln, die das gesprochene Wort ersetzen sollen, ist erst recht nichts anzufangen. Das führt zu den Uranfängen des Kinos zurück: kein Mensch würde sich heute noch jenen derartigen „Lesefilm" ansehen.
»«««« fU ■! MIIMI UMUMI ..........
Trotzdem hat sich die amerikanische Filmindustrie zu mehr als siebzig Prozent auf den Tonfilm umgestellt. Das englische Sprachgebiet ist immerhin groß genug, um eine derartige Produktion zu recht- fertigen, wenn auch das „große Geschäft" wie bis» her nicht ganz dabei herauskommen dürfte.
Was sollen aber Länder wie Deutschland, Schweden, Rußland beginnen, deren hochentwickelte Filmindustrie natürlich auf den Export angewiesen ist?
Seit Jahr und Tag wird in aller Welt krampfhaft daran gearbeitet, dieses Dilemma zu überwinden. Man verfiel auf den Ausweg, „Geräusch- filme" zu drehen, in denen das Wort nur eine Nebenrolle spielt, das Schwergewicht auf der Wiedergabe von Musik und Geräuschen liegt. Das ist jedoch nichts als ein Surrogat, bestenfalls ein Ersatz der alten Kinobegleitmusik.
Vielleicht wäre nichts mehr anderes übriggeblie- ben, als die Erlernung des Esperanto von allen Kinobesuchern der Welt zu verlangen. Dem sind wir noch gerade so entgangen — dank jener Erfindung eines amerikanischen Ingenieurs, die es ermöglicht, Sprechfilme in jeder Sprache der Welt herzustellen, ohne daß es nötig märe, die Bild- ausnahmen zu wiederholen.
Wie das Verfahren technisch im einzelnen aussieht, weiß man noch genau. Im Prinzip beruht es darauf, daß nicht die Worte des Schauspielers, den man im Bilde sprechen sieht, aufgenommen werden. Vielmehr sind es besondere sprachlich geschulte Kräfte, die von einer anderen Stelle aus den Text zu den Mundbewegungen des Gefilmten auf den Tonbildstreifen sprechen. Durch ein besonderes Verfahren wird dabei ein absoluter Synchronismus erzielt, d. h. eine völlige Uebereinstimmung
Bärenjagd.
Ein Film-Erlebniö.
Von Karl Sander.
Der Verfasser, der als Aufnahmeleiter an mehr als 180 Filmen mitgearbeitet hat, erzählt hier aus seinen reichen ©rmnerun* gen diese kleine unterhaltende Geschichte. Es sind nun ungefähr zehn Jahre her, da drehten wir einen Film, in dem ein Bär eine Rolle spielte, schliehlich sollte das Tier durch die Kugel eines Hauptdarstellers in einem Walde getötet werden. Ich war damals noch ein ganz junger Hilfsregisseur und bekam von dem Re- giffeur eines Tages kurzerhand den Auftrag, zum nächsten Tage einen Bären zu besorgen, er dürfe aber nicht mehr als 400 Mk. kosten und dafür muffe man noch die Erlaubnis haben, ihn zu erschießen. Da war nun guter Rat teuer. Der Zoologische Garten, wo ich zuerst anfragte, wollte keinen Bären verkaufen, am allerwenigsten für den genannten Preis. Schließlich gelang es mir, auf einem Vorstadtrummel einen dressierten Bären aufzutreiben und da es schon ein recht altes Tier war, erklärte sich fern Besitzer auch mit dem Preis von 400 Mk. einverstanden.
Das Schwierigste kam aber nun erst nach. Auf Grund einer Polizeiverordnung, die wohl noch aus der Zeit des Alten Fritz stammte. Durfte eine Erschießung nur durch eme Amtsperson vorgenommen werden. Ich suchte also den zuständigen Revierförster, der ja eine Amtsperson war, auf und fragte ihn, ob er bereit fei, gegen ein Honorar von 50 Mk. einen Bären zu erschießen. 3n diesem Falle hatte der Hauptdarsteller den Schuß eben nur zu markieren und alles ging somit in Ordnung. Der Förster horte mich erst ruhig an und dann sagte er ganz trocken.
Ach so ich soll wohl den Daren erschießen, den Sie' mir da aufbinben wollen." Es war nichts zu machen, der gute Mann wollte nicht begreifen, dah es mir bitter ernft war mit meinem Angebot, kein Wunder übrigens denn damals wurde ja noch nicht annähernd so piel gefilmt, wie heute. Er ließ mich ^eden und nickte nur immer mit geheuchelter Ernsthaftigkeit, wie man es wohl mit einem armen Irren macht, dem man nicht zu widersprechen wagt; er schien mich tatsächlich für einen solchen zu halten. Schließlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, als dadurch, daß ich ihm eine beliebig hohe Wette anbot. Er wettete dann auch lachend nut nur um die 50 Mk., die er für das Erschießen bekommen sollte, im übrigen behandelte er mich aber immer noch wie einen Dlödsirpiigen.
Arn nächsten Tag war er dann auch, spaßeshalber, wie er meinte, zur festgesetzten Zeit an der verabredeten Stelle. Ich war bereits dort, um mit dem Regisseur die Einzelheiten der Aufnahme durchzusprechen, aber das Lastauto mit dem Bären hatte sich etwas verspätet: das bestärke den guten Forster natürlich in seinem Glauben, daß das alles Humbug sei. Als Dann aber Das Lastauto tatsächlich anfam unD die große Kiste, in Der Der Bär transportiert wurDe, vor ihm stanD, machte er Augen, Die ich mein Lebtag nicht vergessen werbe. Jetzt schien er hn ersten Augenblick allen Ernstes zu benfen, baß er selbst nicht mehr ganz richtig im Kopf sei. Die Filmaufnahme wurde bann programmgemäß gebreht unb ber Bär erschossen. Schimpfend zahlte der Förster von feinem Honorar die verlorene Wette: nochmal Dürfen ihm aber Filmleute nicht kommen.
Oer rasende Filmdichier.
Aus dem Papierkorb eines Dramaturgen.
Das Drängen zum Film zeigt sich nicht nur in Der Llnzahl von jungen Menschen, Die als Darsteller ihr Glück versuchen wollen, sondern noch stärker in Den Manuskriptenhaufen, Die Die großen Filmfirmen erhalten. Der Dramaturg Der „Ufa", Martin V r o s k a u e r, Der im neuesten Heft von „Scherls Magazin" allerlei Ergötzliches aus seinem Papierkorb mitteilt, erzählt, Daß Das Dramaturgische Bureau der Ufa 1927 etwa 5000 Handschriften erhielt, die alle unbrauchbar waren: „Da kamen Frachtbriefe und Speisekarten mit vollgekritzelter Rückseite, Da kamen Tagebücher und in Wachstuch gebundene Schulhefte, hundertseitige Abhandlungen, mit blaßem Kopierstift geschrieben, und Pakete bis zu 20 Pfund (10 Akte je zwei Pfund)." Der Inhalt entsprach dem wunderlichen Aussehen. Aus ber erstaunlichen Dlütenlese des Mitgeteilten seien hier einige Proben angegeben. Schon Die Titel lassen auf Furchtbares schließen, wenn z. B. ein Film in einem Vorspiel und sechs großen Akten heißt: „Ihr Wille reitet das Glück zum Tot." Beliebt sind Titel wie „Das süße Gift der Liebe" oder „Zweimal vom Tode errettet“. Einer weiblichen Feder entstammt Der packende Titel: „Mein Mann (soziale Fäulnis) aus meinem eigenen Leben". Vielversprechend ist auch „Vom Hungertuch ein Freudenkleid gewebt" oder der Film eines Schuhmachers aus Rordhausen, der „Oh, wär' ich nie geboren" heißt unb bei dem es sich nach der Angabe des Verfassers „um ein sehr ergreifendes Stück handelt und wechseln die Szenen zu immer mitleidender werdender Schicksalsschläge eines jungen Menschen". Eine Film
idee, die ein Herr Fritz Meyer aus Karlsruhe anbietet, lautet also: „Robert lernt bei Familienfeste ein Mädchen namens Ernestine kennen. Dieselbe war ein lustiges, aber unerfahrenes Ding, das noch Die Unschuld hatte. Ernestine wollte im nächsten Jahr den Freund ihres Vaters heiraten. Rur um den Luxus wegen. Ernestine wurde von Marga (Roberts Geliebte) aufgeklärt, unb sie sprachen über das Thema, mit Dem sich junge Mädchen gern befassen. Eine dunkle Wolke der Eifersucht schob sich langsam zwischen Marga und Ernestine hindurch."
Sehr ergreifend ist auch Der Inhalt eines Filmtextes mit dem schönen Titel: „Wenn Mütterlein im Grabe ruht, oder Die vom Vater Verstoßenen",, dessen Eingang lautet: „@in reicher Fabrikbefitzerssohn heiratet nach Einwilligung Der Eltern ein armes Blumenmädchen. Rach langer glücklicher Che schenkte er seiner Frau ein Zwillingspaar, Junge unb Mäbchen, bei ber Geburt starb bie werdende Mutter unb die Kinder wurde dem Tode entrissen. Die Jahre vergingen, die Kinder waren fünf Jahre alt, da lernte der Vater eine Tänzerin kennen. Ihm wurde Der Boden unter den Füßen locker und Sie rüsteten zur Amerikareise." Die Kinder werden dann in ganz verschiedenen Kreisen aufgezogen, das Mädel von einer reichen Same, ber Junge von einer armen Händlerin: sie fernen sich als Erwachsene kennen, verloben sich heimlich, „unter großem Prunk naht Der Hochzeitstag", da wird im letzten Mome.it ihre Verwandtschaft aufge» klärt: „Um ihr Leben ein Ende zu machen, begingen sie Selbstmord, so endete das tragische Schicksal eines vom Vater verstoßenen Zwillingspaares." In einem „furbelrei'cn Drehbuch" „Haß und Liebe" findet sich die folgende Spielanweisung: „Sie eilt zum Fenster, um bie Gedanken auf eine andere Bahn zu bringen. Geht wieder fort von diesem, schreitet einige Male durchs Zimmer, nimmt bald dies, bald das in die Hand, wobei sie mit dem Unterleib lässig steht und mit den Gedanken nicht bei der Sache ist." Ratürlich wollen alle Filmdichter Geld. Aber glücklicherweise ist selten einer so anspruchsvoll wie der Verfasser eines Prachttextes, den er vorsichtshalber erst nach Vertragsabschluß vorlegen will. Er fordert ganz einfach: „Bedingung: Die interessierte Firma stellt mir in ber Stabt ihres Sitzes eine standesgemäße Wohnung für acht Personen mit einem Verkehrswagen und dessen Bedienung zur Benutzung — (für die Dauer ber Arbeiten). Als Gehalt wird mir bie Summe von 10 000 Reichsmark pro Monat ausgezahlt. Für bas Werk selbst erhalte ich bie Summe von fünf Millionen Reichsmark, welche zu a/& nach Her- I stellung des Films, Der Rest nach Ablauf eines
zwischen Wort unb Bild. Damit wäre auch ba« Problem gelöst, wie in Zukunft beliebte Filmstars, die aber nur Schauspieler unb keine Sprecher sind, verwandt werden können.
Soweit wäre alles ganz gut unb schön. Nun kommt aber bas Phantastische: der Erfinder behauptet nämlich, baß man bie gleichen Mundbewegungen, bie man im Bilbe sieht, mit verschiedenartigen Texten versehen kann. Wenn also der Schauspieler auf der Leinewanb die Mundbewegunaen von „Iloveyou" macht, ertönt als Text dazu: „Ich liebe dich" ober „Je vous aime". Es sei nebensächlich und überhaupt kaum zu bemerken, — sagt der Erfinder — daß die verschiedenen opradjen auch verschiedene Bewegungen der Sprechorgane voraus- setzen. Es ist also wohl auch irrelevant, daß der Engländer einen anderen Kieferbau, Der Franzose eine andere Gaumenbilbung hat als z. B. der Deutsche. Dann dürfte es wohl auch keine Rollo spielen, daß das Satzgefüge in jeder Sprache ein anderes ist, das z. B. im Deutschen sich viele Dingo nur mit Hilfe von Nebensätzen ausdrücken lassen, bie im Französischen mit einem einzigen Wort bezeichnet werden, daß also die Länge ber Sätze von gleicher Bedeutung nicht in allen Sprachen die gleicye ist. Natürlich ist es wohl auch nebensächlich, daß der Deutsck)e im allgemeinen langsamer zu sprechen pflegt, als der Franzose.
Ehrlich gestanden, dann lerne ich schon lieber! Esperanto. Es ist eben eine echt amerikanische Erfindung, aber so kindlich einfach liegen die Dingo wohl doch nicht. Ich fürchte sehr, der sprechende Film wird auch auf diesem Wege nicht recht weiterkommen.
Stimmung! Stimmung!
Wie der Filmregisseur arbeitet.
Der neue große Filmerfolg, Den Iannings gemeinsam mit seinem Regisseur Lubitsch errungen hat, ist ber „Patrio t" nach Dem bekannten Stück von Alfred Reumann, ber Den Tod Des Zaren Paul l. behandelt. Der Zar wird von Iannings bargeftellt. In diesem Meisterwerk historischer Filmkunst hat Lubitsch Großartiges geleistet, unb es ist interessant, aus seinen Aufzeichnungen, Die in der „Comocd;a“ mitgeteilt werden, einiges Darüber zu erfahren, wie ihm bie Gestaltung ber wirksamsten Szenen gelungen ist. Lieber die Art. wie bie Ermorbungs- szene vorbereitet und gebreht würbe, erzählt er: „Ich werbe zum Mörder. Ich werde den Zar toten. Der Gedanke flattert in meinem Kopf wie eine böse Fliege. Ich muh dazu dieselben Menschen und denselben Mann wiederfinden, diese kalte Winternacht. eine graue und unheimliche Rächt. Ich habe auf meinem Schreibtisch 100 dicke Dokumente, die die Einzelheiten des geschichtlichen Vorganges enthalten. Alles ist für die Ausstattung festgelegt, aber ich finde nicht die „Stimmung" des Dramas. Ich habe Iannings gebeten, die Zarenunisorm anzulegen und zu mir zu kommen. In dem Bureau, in dem ich bin, habe ich eine ungewisse Beleuchtung ber» gestellt. Ich will ihn nicht im vollen Licht feben, ich würde ihn wiedererkennen. In dem Halbschatten hoffe ich, „den andern" zu finden, den, den ich suche. Iannings tritt ein. „Du errätst, warum ich dich hergebeten habe?" sage ich zu ihm. „Ja," erwiderter mir. ..um von ihm zu sprechen.* „Rein, damit du mir von dir selbst sprichst, von Paul I.“ Ich sehe an dem Aufleuchten seiner Augen, daß er mich verstanden hat. Er spricht langsam, und mit schwerer Stimme erzählt er mir seinen Tod. Ost unterbreche ich ihn wegen einer Einzelheit: ich will alles ganz genau wißen.
Jahres zu bezahlen ist." Dafür vc> sprechen aber auch manche dieser Filmgenies das Blaue vom Himmel herunter. So z. B: „Rachdem die Ufa diesen außergewöhnlichen Sensazionellen Film der Menschheit übergeben haben wird, da muß so-- fort das Rheinland geräumt werden und zwar unter dem Druck der öffentlichen Meinung, tpelcho entstanden ist, durch die wahrme Sonnenstrahlen dieses Werkes, welches alle Menschenherzen erwärmen tut, von Rordpvhl b. z. Südpohl." fb.
Tanz im Film.
Von Lya Mara.
Warum wird im Film so gern und ost getanzt?
Tanz ist Die reine Kunst Der Bewegung — und Film die Kunst der reinen Sichtbarkeit. Und sichtbar ist vor allem — das Bewegte.
Dabei ist das Problem, den Tanz im Film mög* lichft vollkommen darzustellen, noch lange nicht restlos gelost. Aber wir sind nahe daran. Manchmal gelingt cs schon ganz so, wie wir es wollen.
Jeder einzelne Tanz im Film ist für mich eine Aufgabe, die unendliche Mühe und Arbeit bedeutet. Ich "bin von der Tanzbühne her unter die Jupiterlampen gekommen, — man wird also dieses mein besonderes Interesse verstehen.
Bei Tanzaufnahmen kommt es vor allem auf die richtige Geschwindigkeit bei der Aufnahme und bet der Projektion an, — mehr noch, als bei jedem anderen Filmbild. Bei normaler Aufnahmegeschwindigkeit muß der Tanz etwa auf die Hälfte feines Tempos reduziert werden. Und dazu gehört eine enorme Sicherheit und Beherrschung der Technik. Man muß sozusagen „in Wirklichkeit Zeitlupe spielen". Mit der Zeitlupe lägt sich nämlich nicht immer etwas anfangen, vor allem, weil der Schwung tänzerischer Bewegungen in Widerspruch zu der künstlichen Verlangsamung steht. Es kommt dann zu den ungewollt komischen Wirkungen, die alle Kinobesucher kennen.
Zn meinen beiden Desu-Filmen „Das tanzende Wien" unb „Die Kaiserin" habe ich große Tanz- und Ballettszenen zu spielen. Welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind, mag man daraus entnehmen, daß für die Aufnahmen einer solchen einzigen BaUettszene bis zu dreißig volle Arbeitstage in Anspruch genommen werden müssen.
Nichts ist unbarmherziger als die Linse. Sie verrät alles, jede kleinste Bewegung, jedes Zucken wird registriert. Deshalb mich alles bis zum letzten i-Tüpfelchen klappen, muß viel genauer kjappen, als im trügerischen Schein der Bühne. Wieder einmal ein Beweis gegen die vielverbreitete grundfalsche Ansicht, im Film sei alles mir Täuschung, leicht unb mühelos heroorgerufene Illusion.


