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Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 10. April 1929.
Oer Lehrling.
□tun sind sie wieder eingezogen, die Lehrlinge, in die Werkstätten, in die Schreibstuben, in die Arbeitssäle. Die Konfirmation war ein Festtag für sie, und zugleich ein Abschiednehmen von der Kinderzeit, dre kaum viel von Pflichten unb Aufgaben wußte. Jetzt auf einmal aber stehen Pflichten und Aufgaben vor ihnen, ja, die jungen Leute stehen schon mitten darin. Zunächst sind sie noch gering, nur weniges legt man ihnen auf, erst richtig hineinwachsen sollen sie und vertraut werden mit ihrem neuen Lebenskreise. Aber fast jeder Tag bringt mehr davon, gibt ein wenig an Lasten zu, nimmt aber weniger weg, als er gibt. Und nicht lange, so werden sie genau soviel Bürden auf sich haben, wie wir sie tragen.
Es wäre verfehlt, diese Ueberlegungen zu weichlicher Rücksichtnahme zu benutzen, wie man das in früherer Zeit dem Kinde gegenüber oft getan hat, ohne damit dem Kinde zu nützen, und wie es wohl auch heute noch da und dort geschieht. Es gwt Lehrherren, die mit eiserner Zucht die jungen Leute festhalten und sie zu tüchtigen Arbeitern und ordentlichen Menschen heranbilden. Und es gibt andere, die weicher anfassen, gütig und vornehm auch den Lernenden gegenübertreten und gleiche Erfolge haben. Beide Lehrherren können jedoch ebensogut auch herbe Mißerfolge haben. Niemand kann dafür bürgen, daß die eine oder die andere Methode die richtige ist, und selbst wenn man sein Verhalten von Fall zu Fall einstellte, wenn man trachtete, den Lernenden in feiner Seelenverfassung $u erkennen und den Derben derb, den Zarten welch anfahte, auch hier kann noch der Irrtum die Hand im Spiel haben. In dem jungen Manne, der eine rauhe Außenseite zeigt, kann eine fein empfindende Seele sein, und in dem anderen sich ein brutaler Mensch verbergen, der nur auf die geeignete Gelegenheit wartet, hervorzubrechen. Wir wissen so wenig von den Anlagen und der Seelenverfassung des Nächsten, daß man nicht bescheiden genug sein kann, wenn man nicht Fehler begehen und Unrecht tun will.
Wie also? Nicht einmal allgemeine Worte lassen sich darüber sagen. Da ist einer, der im weiten Rund als brutal verrufen ist. Sein eigener Sohn war Lehrling bei ihm, und es ging sehr ost heiß her. Man hätte annehmen können, ja annehmen müssen, daß der Junge in die Fuh- tapfen des Vaters gerät. Nach der Lehrzeit verlieh er das väterliche Geschäft nach einem fürchterlichen Auftritt, suchte sich in der Fremde das Brot und hat sich dort zur Freude aller, die chn kennen, entwickelt und bewährt, ist ein tüchtiger, ruhiger, vornehmer Mensch geworden. Man könnte aber auch für das Gegenteil genau so gut Beispiele anführen und wird aus eigenem Menschen verwandte Entwicklungen finden. Das wenig gute Beispiel kann abschreckend wirken, es kann aber auch zur Gewohnheit werden. Und allzuleichte Zügel lassen leicht über die Stränge schlagen und den richtigen Weg verlieren.
Es ist wie überall: Der goldene Mittelweg wird am ehesten vorzuziehen fein. Auf ihm kann man wohl am besten zu der Gewißheit kommen, seine Pflicht erfüllt zu haben. Wenn trotzdem noch manches am Erfolg zu wünschen übrig bleibt — das ist dann Sache dessen selbst, der sich heranbilden will: in seine Hand ist es gegeben, zu einem tüchtigen Menschen zu werden oder ein Stümper zu bleiben. $.
Zum Schuhe
der elektrischen Starkstromanlagen.
Das Kreisamt Gießen bringt im neuesten Amtsverkündigungsblatt die Bestimmungen der Polizeiverordnung zum Schutze der elektrischen Stark st romanlagen in Erinnerung. Danach ist hinsichtlich sämtlicher elektrischer Starkstromleitungen (Hochspannungs- und Niederspannungsleitungen) und Einrichtungen für Unbefugte verboten:
a) die auf öffentlichen Wegen, dem Dahn- und Strahengebiet, sowie auf Privateigentum angebrachten Leitungsdrähie unmittelbar oder mit Gegenständen irgendwelcher Art zu berühren:
b) Handlungen vorzunehmen, die eine Zerstörung oder Beschädigung der Leitungsmaste, Drähte. Isolatoren oder von sonstigem Zubehör der Leitungsanlagen, insbesondere der Schutz-, Stütz- oder Verankerungseinrichtungen, zur Folge haben können:
c) die zur Verhütung von Unfällen angebrachten
Hr Gatte und beider Seimwett von Alfons Meier-Äraun, Basel
In der Schule, als Bub, war er ein Tunichtgut, der Willibald. War irgend etwas Verzwicktes los, so war es sicher der Willibald. Und dennoch, jeder hatte ihn gern, mußte ihn gern haben. Selbst jene, die ihn fürchteten, bte Angsthasen. Las ich einen Räuber-Schmock: in irgend etwas glich der Held immer unserm Willibald. Mir schien es wenigstens so. Oder hatte Willibald von jedem Helden etwas? — Rach unseren Flegeljahren, da kam eme ernstere Zeit, für uns und für Willibald. Erne Zell der Arbeit. Er ochste von uns allen am mersten. Etwa mit Mühe, Fleiß, Geduld? Rern, Gottbewahre! Fleiß, den kannte er fern Leben nicht, den brauchte er gar nicht. Er war mehr Hrrn als Mensch. Die Probleme hingen ihm an wie Kletten und er klebte sich an sre. Sem Hrrn quetschte und knetete nur so den Stoff bis auf den Kern, bis er bemeistert ward. Dann sprudelte sein Geist schon neue eigene Ideen. Und je mehr der sprudelte, um so nachlässiger wurde unser Freund in seinem Aeuhern. Erst sahen wir dem zu und sonnten uns bloß an feinem Können, Lachen. Er lachte immer, wenn er dachte. Und weil er immer dachte, lachte er auch immer. Sein ganzes Schaffen war nur ein Lachen. Doch später, fern von Muttern, nein, das wurde doch zu stark. Wie sah der Bursche aus? Essen, Schlafen, Kleiden, alles Nebensache. „Hdr, Willibald ..meinte dieser und jener feiner Freunde. Doch sie kamen alle schief an. Willi- bald läßt sich nicht stören mit solchen Kleinigkeiten. Da wurde er grob. Und er kann's sein, wenn man sein Sinnen stört mit rein äußerlichem Kram. Ich hab's erfahren, als er den letzten Knopf verlor an seiner Weste. — ^<9 meinte es doch gut mit ihm. — Und wie sah die aus? Sechs Semester hat sie ihm treu gedient als einzige, ohne mütterliche Sorge von
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WarnungSzeichen zu zerstören oder zu beschädigen oder sonstwie für ihren Zweck ungeeignet zu machen:
d) im Bereiche der Leitungsanlage Drachen aufsteigen zu lassen, Leitungsmaste zu erklettern, Transformatorenstationen zu beschädigen oder zu betreten oder Handlungen zu unternehmen, durch die Menschen und Tiere mit den Leitungen unmittelbar oder mittelbar in Verbindung gebracht werden können:
e) Kurzschließungen der in den Hausinstallationsanlagen zum Schuhe gegen Brandgefahr angebrachten Sicherungen oder andere Handlungen vorzunehmen, durch die der Zweck dieser Sicherungseinrichtungen unwirksam gemacht wird, oder die Benutzung derartiger un- vorschriftsmäßiger Sicherungseinrichtungen-, f) an den Hausanschluhleitungen, insbesondere an den Hausanschlußsicherungen (Panzersicherungen) und Zählern außer der Auswechslung von Glühlampen und durchgebrannten Installationssicherungen Handlungen irgendwelcher Art vorzunehmen oder die an den Zählern und Hausanschluhsicherungen angebrachten Plomben zu entfernen.
Das Verbot der Berührung der Leitungsanlagen erstreckt sich auch auf umgestürzte, herabgefallene oder herabhängende Teile der Leitungen.
Die Haus-und Grundstücksbesitzer, Unternehmer und Handwerker sind verpflichtet, von allen Handlungen und Arbeiten, durch die Menschen oder Gegenstände mit den Leitungen in mittel- oder unmittelbare Berührung kommen oder die Leitungen beschädigt werden können, z. B. Dach- und Verputzarbeiten, Aufstellen von Leitern und Gerüsten an Häusern, Graben von Löchern in unmittelbarer Nähe von Leitungsmasten, Fällen von Bäumen in der Nähe von Leitungen oder dgl. dem Elektrizitätswerk (der elektrischen Heber- landanlage) unmittelbar oder durch dessen in Frage kommenden Bau- und Detriebsbureaus vor Ausführung der Arbeiten so rechtzeitig schrist- liche Anzeige zu erstatten, daß die zur Verhütung von Betriebsstörungen oder Unfällen erforderlichen Vorkehrungen und Anordnungen des Elektrizitätswerkes noch getroffen und die notwendigen Anweisungen erteilt werden können.
Nur die ausdrücklich von den zuständigen Elektrizitätsverteilungsunternehmungen ermächtigten Personen dürfen im Anschluß an die Leitungsnetze der betreffenden Unternehmungen elektrische Licht- und Kraftanlagen ausführen, verändern oder ausbessern.
Soweit die Leitungen in Kabeln unterirdisch geführt werden, sind Arbeiten am Straßenkörper, die eine größere Tiese als 60 Zentimeter erreichen, gleichfalls nur nach vorhergehender rechtzeitiger Benachrichtigung des Elektrizitätswerkes zulässig.
Zuwiderhandlungen werden, soweit nicht auf Grund anderer Strafbestimmungen eine härtere Strafe verwirkt ist, mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark, im Unvermögensfalle mit Haft bestraft.
Oie Gießener Oberrealschule im Schuljahr 1928/29.
Im Anschluß an unseren gestrigen Artikel über Gießener Schulberichte tragen wir heute aus dem gestern nachmittag bei uns eingelaufenen Bericht der Gießener Oberrealschule noch folgendes nach: Das Schuljahr 1928/29 brachte der Oberrealschule in 26 Klassen 743 Schüler. Von diesen Schülern waren nach den Feststellungen vom 15. Mai v. I. 348 von Gießen, 202 aus dem übrigen Hessen, 102 aus iy™t übrigen Deutschland und einer aus dem Auslande. Je Reifeprüfung bestanden im Berichtsjahre insgesamt 66 Schüler, wovon 7 auf die außerordentliche Reifeprüfung im Herbst 1928, die übrigen auf die ordentliche Reifeprüfung im Februar 1929 entfallen. Der ungeteilte Unterricht hat sich auch in diesem Schuljahre bewährt und wird beibehalten. Um den auswärtigen Schülern das rechtzeitige Eintreffen im Unterricht zu ermöglichen, werden sie morgens durch die Post in mehreren Omnibuskraftwagen vorn Bahnhof zur Schule gefahren. Das Milchfrühstück wurde stark in Anspruch genommen und wird für die Schüler wärmstens empfohlen. Die sportliche Betätigung der Schule war unter Leitung einiger Lehrer sehr rege; häufig fanden — zum größten Teil erfolgreich — Wettkämpfe mit anderen Schulen, sowie Sportvereinen statt. Die Spartätigkeit einer großen Anzahl von Schülern wurde durch Vermittlung der Schule weiter ausgeübt. Als Austauschschüler verbrachte der Unterprimaner Mohr vier Wochen in Frankreich. Andere standen im Briefwechsel mit französischen Schülern. Die Einrichtung wird von Studienrot Schoen verwaltet. An der Pfingstfahrt des Vereins für das Deutschtum im
Auslands beteiligten sich drei Lehrer und 22 Schüler. Der Jahresbericht kann erfreulicherweise eine Anzahl von Stiftungen für die chemische Sammlung und für die Bibliothek der Schule mit herzlichen Dankes- roorten verzeichnen. Neuerdings gibt die Direktion der Schule ein Schulblatt heraus, das die Aufgabe hat, ein innigeres Verhältnis zwischen der Schule und den Ellern der Schüler zu schaffen und nach außen hin die Zusammengehörigkeit beider zum Ausdruck zu bringen, außerdem ober auch Mittel zu gegenseitiger Anregung und zur Aussprache in allgemeinen Fragen zu sein.
Osteriermin und Siellenmarkt für Kaufleute.
Der Ostertermin hat den Stellenmarkt durch die auf einige Zehntausende zu schätzende Zahl auslernender Kaufmannslehrlinge stark beeinflußt. Viele dieser Auslernenden versuchen ihren Arbeitgeber zu wechseln, um andere Betriebe kennen zu lernen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten veranlaßten außerdem eine ganze Reihe von Betrieben, den Auslernenden eine Weiterbeschäftigung aufzukündigen. Aber auch sonst ist die Zahl der Kündigungen und Entlassungen von jüngeren und älteren kaufmännischen Angestellten, aus verschiedenen Gründen, größer gewesen, als in früheren Monaten, besonders in der Textil-, Rahrungs- und Genuhmittel-Jndustrie und im Großhandel, also in den Geschäftszweigen, die durch die große allgemeine Arbeitslosigkeit im vergangenen strengen Winter am ehesten einen Rückgang im Absatz zu verzeichnen hatten. Gebietlich gesehen war die Entwicklung der Stellen- marltslage für Kaufmannsgehilfen, wie auch für fast alle anderen Berufe nach den Beobachtungen der kaufmännischen Stellenvermittlung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen - Verbandes am ungünstigsten in Schlesien, Freistaat Sachsen, Provinz Brandenburg und Provinz Sachsen.
Das Stellenangebot ist von der Gestaltung der Verhältnisse nicht unbeeinflußt geblieben, obgleich der Rückgang in der Zahl der angebotenen offenen Posten nicht bedeutend ist. Auch hier sind es wieder Textil-, Nahrungsund Genußmittel-Industrie, die die schlechtesten Unterkommensaussichten boten. Auch der Einzelhandel zeigte, trotz der Osterzeit, im März nur einen geringen Bedarf an Verkaufskräften. Gut waren die Aussichten im Versicherungsgewerbe. Dos Baugewerbe hatte, trotz Aenderung der Witterungsverhältnisse, keinen größeren Bedarf. Verlangt wurden im März ganz überwiegend junge Kräfte. Für ältere Stellensuchende boten sich, außer einigen qualifizierten Posten, im allgemeinen nur Deschäftigungsmöglichkeiten in Aus- hilfsstellungen.
Die weitere Entwicklung des kaufmännischen Stellenmarktes dürfte sich voraussichtlich durch die Wiederaufnahme der Arbeiten in den Saisonberufen in der nächsten Zeit wieder etwäs hoffnungsvoller gestalten. Recht günstig ist der Stellenmarkt nach wie vor für junge tüchtige Stenotypisten, ferner für Buchhalter in den neuzeitlichen Buchhaltungssystemen, und in einzelnen Branchen auch für Verkäufer.
Am Lehrstellenmarkt blieben nach den Schulentlassungen zahlreiche Lehrstellen unbesetzt. Wenn auch vereinzelt Vermittlungsmöglichkeiten durch Schüler, die in den gewünschten Berufen nicht unterkommen konnten und nunmehr Kaufmannslehrling werden wollen, noch gegeben sind, so ist trotzdem damit zu rechnen, daß die bisher nicht gedeckte Nachfrage zum größten Teil unbefriedigt bleiben wird. In Anbetracht der noch immer zahlreichen stellenlosen kaufmännischen Angestellten liegt hierin indessen keine Gefahr.
Äon der Kriegsgräberfürsorge.
Der überaus strenge Winter dieses Jahres ist auch auf die Bauarbeiten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf den deutschen Kriegerfriedhöfen im Ausland nicht ohne Einfluß geblieben. Größere Instandsetzungsarbeiten konnten nicht vorgenommen werden. Nunmehr setzen sie mit voller Kraft wieder ein. Soweit es aber irgend möglich war, haben die Vertrauensleute des Volksbundes den Wunsch der Angehörigen, gerade am Volkstrauertag das Grab Sines teuren Toten in fremder Erde mit einem Kranz oder Blumenstrauß zu schmücken, erfüllt. Zahlreiche Angehörige haben die Möglichkeit, am Volks- trauertag an den fernen Gräbern durch Vermittlung des Dolksbundes einen Kranz niederlegen zu lassen, dankbar ergriffen. Auch die gewaltigen Sammelgräber, in denen Tausende und Abertausende deutsche Soldaten als unbekannte Tote ruhen, entbehrten nicht eines Grußes aus der Heimat Der Aufruf des Volksbundes, zur Schmückung der Sammelgräber am Volkstrauer
tag beizukragen, ist nicht ungehört verhallt. 9n großer Zahl gingen die Spenden ein, so dah außer den vom Dolksmund selbst auf den Sammelgräbern niedergelegten Kränzen mit Widmungsschleifen weitere in großer Zahl niedergelegt werden konnten. „ So zeugten denn viels Gräber in fremden Ländern von der treuen Liebe der Heimat zu unseren unvergessenen Toten.
Talen für Donnerstag, 11. April.
Sonnenaufgang 5.15 Uhr, Sonnenuntergang 18.49 Uhr. — Mondaufgang 6.04 Uhr, Monduntergang 21.11 Uhr.
1806: der Dichter Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Auersperg) in Laibach geboren; — 1825: der Sozialist Ferdinand Lassalle in Breslau geboren.
Vorrwtizerr.
— Tageskalender für Mittwo <y, Stadttheater: „Oktobertag", 20 bis 22 Uhr. —• 117er: Monatsversammlung, 8 Uhr, bei Kamerad (Sied, Hammstraße. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das gottlose Mädchen." — Astoria- Lichtspiele: „Das Feldgericht von Gorlice."
— Stadttheater Gießen. Aus dein Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Dis heutige Georg-Kaiser-Premiere unter der Spielleitung von Intendant Dr. P r a s ch beginnt unt 20 Uhr. - - Das Neue Operettentheater Franko furt gastiert am Freitag, 12. April, mit „Der Mikado". Diese Operette von Gilbert, die in der eigenartigen Neuinszenierung mit den größten Beifall des Operettenspielplans gehabt hat, wird mit dieser Vorstellung das letztemal gegeben. — Für den erkrankten Professor Salzer steht ant
für die Tagesnummer des Gießener Anzeigers werden zweckmäßig am Nachmittag vorher aufgegeben. Nach 9 Uhr vormittags kann die Aufnahme der Anzeigen auch in Ausnahmefällen nicht gewährleistet werden!
VERLAS DES GIESSENER ANZEIGERS
Sonntag, 14. April, „Der Mustergatte" Doit Avery Hopwood auf dem Spielplan. Dieses englische, stark zündende Lustspiel wird als Fremdenvorstellung das letztemal gegeben. — Dienstag, 16. April, findet die erste Wiederholung von Georg Kaisers „Oktobertag" statt.
— Gin Alpen-Film, der von dem Schweizer Volk und seinen wunderbaren Bergen berichtet, wird von morgen ab im Lichts pielhaus Bahnhof st raße gezeigt werden. Die Filmvorführung erfährt noch eine Bereicherung durch Tanz- und Gesangseinlagen eines Schuhplattler- unb Gesangstrios. Näheres in der heutigen Anzeige.
** Straßensperren. Wegen Ausführung von Kanalisationsarbeiten wird die Provinzial- straßen-Ortsburchfahrt Annerod im Zuge der Straße Gießen—Annerod—Steinbach in der Hau- feuer Straße in Annerod von heute ab für Lastfuhrwerke gesperrt. Die Umleitung erfolgt von Kilometer 6,8 der Straße Gießen—Grünberg über Annerod nach Steinbach. Ferner wird wegen Ausführung von Bauarbeiten am 11. und 12. April die Provinzialstratze Mücke-- Freien- feen für jeglichen Verkehr gesperrt (Umleitung über Grünberg—Laubach), weiter von morgen ab, ebenfalls für jeglichen Verkehr, dis Provin- zialstrahe Sedenbach—Schadenbäch (Umleitung über Homberg oder Rüddingshausen).
** Von d e r B ez i r k s s p a r k a s s e G i e ß e n. Wie uns die Direktion der Bezirkssparkasse Gießen mitteilt, haben Ende Mürz d. I. die reinen Spareinlagen erstmalig den Betrag von zehn Millionen Reichsmark überschritten. Einschließlich der Giroeinlagen betragen nunmehr die Gesamteinlagen über zwölf Millionen Reichsmark. Der Ucberschuß der Einzahlungen über die Rückzahlungen betrug Ende März etwa 160 000 Reichsmark. Damit haben die Spareinlagen bei der hiesigen Sparkasse die Hälfte der Vorkriegseinlagen überschritten.
** Dienstjubiläum. Am 11. April sind 25 Jahre verflossen, feit der Lehrer Otto (Brüne- bäum an der Goetheschule sich im Schuldienst unserer Stadt befindet.
irgend einem Nächsten. Von andern Kleidungsstücken gar nicht zu reden, denn wo Willibald lässig war, da war er's durch und durch. Gnad' Gott der Frau, der Willibald bescheret wird!
Na, das alles liegt nun schon viele Jahre zurück. Mir tauchte es nur jetzt gerade blitzschnell wieder auf, weil ich in der Eberhardstraße einen Herrn sah. Mit einem runden Kopf, grab wie der Willibalds. Und auch mit diesem gleichen Lachen. Nur war Willibald viel kleiner, unscheinbarer, mit einem Wort, ganz anders. Mir ist's, ich säh ihn heute noch vor mir. Da fiel mir dann auch dieser und jener meiner Freunde ein. Fünf Jahre sind es her. Und heute den ersten Tag zurück von meinen Wanderjahren. Kein Wunder, dah ich bald emsig kramte in unserm Fernsprechbuch nach all den vertrauten Namen. — Ach, hier der Theodor! Offenbar im väterlichen Geschäft, jetzt Hartwig & Sohn. Dann H.......Willibald, Dr. dies und Dr. jenes.
— Das ist unser Willibald. Das muß Willibald sein. Ich hing im Nu am Apparat. Zwei Worte hin und her. Dann richtig kam's zurück: „Ach, du, FederfuchsI" Es folgten noch einige Glossen und auf morgen abend, bei ihm zu Hause an der Rotebühlstraße.
Hei, wie freut ich mich! Meinen schönsten Anzug wollt ich zu diesem Wiedersehen.....Nein.
Halt! — So Paß ich nicht zu Willibald. Ich holte dann einen allen abgetragenen hervor und ging hin, geladen mit Spannung und voll Erwarten.
Ich stapfte hinauf die Rotebühlstraße, als ob ein Sturmwind mir von vorne in die Hosen fegte. — Wie sieht er jetzt wohl aus, der Willibald? Wenn ich ihn wiedersehe, seinen schiefen Schlips werde ich ihm zurecht rücken, die Weste in Ordnung knöpfen, wie ich damals immer tat. Dann einen Klapps auf seine Schulter. So, Freund, nun laß mal besehen!
Er wohnt wohl in einem jener kleinen Häuser? — Hier Nummer ..... Nein. — Das wäre also
dort drüben, dort, das hellere Haus. Was? Das ! große schöne? Laß mich doch sehen, was da steht. Nur eine Glocke? Dr. W. H. Sonst nichts. Hätt ich nur einen andern Anzug angezogen. — Aber hier kann doch sicher Willibald nicht wohnen? — Die Nummer stimmt. — Na, läuten wir einmal. Aha, jetzt kommt er die Treppe herunter, ich hör es deutlich. — Die Tür geht auf. Ich hinein, strahlend .......Ah! ---“ Halt, ein
Dienstmädchen, — und wie zierlich.
„Ach verzeih' — wohnt hier Wittib.....Din
ich recht zu Herrn Dr. H.?"
„Ja gewiß, mein Herr. Herr Doktor erwartet Sie. Hier gleich eine Treppe."
Mädchen, schwarz gekleidet, mit weißer Schürze? .....Treppe mit Teppichen? — und ich in diesem alten Anzug! Nein, da kann Willibald sicher nicht.....Hier oben, dieser Dorraum, bequeme
Polstersessel. — — — Stimmung herrlich ... fürstl...... Eine Tür geht auf im Halbdunkel.
Eine große Herrengestall, würdevoll, ruhig, elegant ... Ich hab's doch gewußt, das kann Willibald nicht .... Jetzt knipst er ein zweites Licht an. Da steht er,----der Herr von gestern, — von der Eberhardstraße.----Ein
wahrer, ... ein ... ein Casanova! — Jetzt blickt er mich an, lacht, tritt auf mich zu, — rückt mir den Schlips zurecht. — und knöpft meine Weste besser. Jetzt einen Klapps auf meine Schulter. „Ha, du, Federfuchs! Sei mir herzlich, noch herzlicher willkommen. Ach. für solchen Empfang gibt's keine Worte. Da komm, gib mir noch deine zweite Hand!"
Ich stand und staunte. Staunte und stand. Stand ich auch richtig? Einmal einen halben Schritt links, bann einen halben Schritt rechts. Doch ich stand. Gr stieß mich förmlich in fein Zimmer.---Ach!--Verflixt, mein
Anzug! Rasch einen Blick an ihm hinunter. Meine Füße standen noch. Aber jetzt auf einem schönen weichen Teppich. Und darauf paßten sie gar
nicht. Die andern Füße, neben meinen, die staken in schönen Schuhen. Diese paßten auf den Teppich. Ich paßte nicht in den ganzen Raum. Ich, in meinem verflixten Anzug. — Diese Farben in dem Raume, Wände, Vorhänge, Teppich! Die Linien der Möbel und der Wandbekleidung, welcher ruhige Wohlllang! Ich stand immer npch. Von einem Fuß auf den andern, stand ich.
„Aber so setz dich doch endlich, Freund. Federfuchs. Du stehst, als ob die Luft hier dir den Atem raubte!"
Was ich darauf sagte, ob es einfältig war oder dumm. Ich weis; es gar nicht mehr. Ich war nur froh, daß er sprach. Ein Eisklumpen in meiner Seele fing an aufzutauen. Sein gesundes Lachen, das von ehemals, das warme, tat mir wieder wohl. Ich wärmte mich daran. Mählich gewann ich wieder Macht über meine Sinne. Auf eine Weile vergaß ich meinen Anzug sogar. Nach und nach rückten Willibalds Hülle, Teppich, Raum und seine Stimmung fern und ferner. Unb schließlich sprach das Herz nur zu dem Herzen. So ging ich denn aus mir heraus: „Willibald? Bist du es wirklich, Willibald?" Brühwarm erzählte ich, daß ich mich absichtlich so schäbig gekleidet hatte, um zu ihm zu passen, „Wie haben wir uns abgemüht mit dir damals. Weißt du es noch? Alles umsonst. Und jetzt! Sag mir, woran liegt die Wandlung?"
Doch Willibald lachte nur, toll, bann gütig, warm unb wieder unbändig. Er packte meine beiden Hände unb sah mir tief in die Augen. „Freund, guter, — weit gereifter —. Wir leben doch in zwei Wellen! Du hast wohl eine erst gesehen?"
„Zwei Welten, was meinst du damit?"(•)
(*) Diese Erzählung, deren Anfang Sie hier eben lasen, plauder! geistreich über Wohnen. Sie ist gewürzt mit wildern, gewidmet Liebhabern schönen Wohnens. Wer seine Anschrift und den Namen dieser Zeitung auf eine Postkarte schreibt und sie sendet an Ealubras werke A.«G., Grenzach 43 (Sabcn), dem wird die ganze Erzählung, hübsch geheftet, kostenfrei verehrt.


