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Mittwoch, 9. ©Kober 1929
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berhchen)
Nr. 257 Zweites Blatt
®Wo7m*-®o£98frie9 Heimatvereinigung „Schiffenberg"
son <$. Mulden. Vorbildliche Arbeit im Dienste der Allgemeinheit.
Es zeigt sich bereits jetzt, bah es sich bei der Gründung der Heimatvereinigung „Sch i s sende rg" durchaus nicht, wie manche dachten und auch heute vielleicht noch denken, um spontan auswallenden Augenbickstatendrang vereinssreudiger „Gründer" handelte, sondern um wohlüberlegte Förderung und Unterstützung einer guten Sache. Und wenn auch bei der Tätigkeit der Bereinigung naturgemäß nicht weltbewegende Haupt- und Staatsaktionen in Frage kommen, so ist doch schon so manches geschehen und wird in nächster Zeit auch noch manches erfolgen, was ganz in den Zielen der Heimatvereinigung liegt und dartut. daß ihre Bestrebungen das Wohlwollen und die Unterstützung weitester Kreise verdienen.
So ist der wunderbare Blick auf den Schiffen berg von der „Theodors- r u h e" aus. der dem Wartburgblick von der „Hohen Sonne" ähnelt, durch Entfernung von störendem Geäst aus der Schneise freigelegt worden, und kann von der Dank aus jetzt ungestört genossen werden. Die Zugänge zum Schiffe n b e r g selbst sind verbessert und durch neues Geländer gesichert worden. Dieses Geländer wird noch über weitere bedenkliche Stellen geführt, und an einer besonders gefährlichen Stelle sollen überstehende spitze Steine entfernt bzw. geköpft werden. Die für die Wegrichtung in Frage kommenden Bäume wird man demnächst mit Leuchtfarbe bestreichen, was bei den jetzt merklich kürzer gewordenen Tagen gewiß dankbar begrüßt wird. Besonders wird man auch an dem steilen Abstieg nach dem Forstgarten zu die die Stusen flankierenden Bäume durch Leuchtfarbe kenntlich machen, damit die in der Dunkelheit Heimkehrenden gebotene Borsicht walten lassen. Auf der Terrasse hat die Heimatvereinigung rechts vom Eingang zum Hofe eine Tafel anbringen lassen, durch die sie zum Schutze un? seres schönen Waldes auffordert durch folgende Mahnung:
Der Wald ich unsers Schöpfers Gut.
uns anvertraut zu treuer Hut: zerstör' drum nicht mit frevler Hand.
was grünt und blüht im deutschen Landl
Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dah die Beschriftung der Tafel in dankenswerter Weise von der Firma Aauheimer gestiftet wurde. Aehnlichc Tafeln wird die Bereinigung auch an anderen geeigneten Stellen anbringen lassen, wie sie überhaupt an ihrem Teil dazu beitragen möchte, dah die Schönheiten unserer Umgebung nicht durch üble Gewohnheiten einzelner beeinträchtigt oder gar verschandelt werden. Der pracht- voll« Blick über Giehen und das L a h n t a l, der sogar manchem Einheimischen nicht bekannt ist, wird freigelegt, der Zugang zu ihm verbessert und durch eine Tafel gekennzeichnet werden. Außerdem wird man in Zukunft der Fassung von Quellen, Schaffung von weiteren schönen, staub- und lärmfreien Zugängen, von Durchblicken. Schutz- und Ruheplätzen besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Ein in aller Kürze auf dem Schiffenberg aufzulegendes Heimat - und Gästebuch wird den Freunden des Schiffenbergs Gelegenheit geben, ihre Aamen, sowie ernste und heitere, aber nur dezente „Geistesblitze" einzutragen. Im übrigen ist die Heimatvereinigung dankbar für jede zweckdienlich« Anregung, für jeden wohlgemeinten Rat und Wink, zu dessen Entgegennahme der Vorstand gern bereit ist.
Diese wenigen Ausführungen dürften zeigen, daß die Heimatvereinigung „Schiffenberg" sich bei ihren Bestrebungen nur von uneigennützigen und idealen Zielen leiten läßt. Es dürfte aber auch aus ihnen ersichtlich sein, daß sie bei dem geringen Jahresbeitrag von nur einer Mark diese Ziele nur erreichen kann, wenn sie von einer möglichst großen Gefolgschaft gestützt wird. Es ist daher zu hoffen und zu wünschen, daß immer weitere Kreise imferer Bevölkerung in Stadt und Land sich ihr anschließen: eine Einzeichnungsliste wird demGäste- I buch beigegeben werden.
Roch gar nicht lange ists her, da schien es. dah die Welt vor einer Beilegung des chinesisch- russischen Konflikts stehe. Doch am 31. August dieses Jahres teilte der stellvertretende Volkskommissar des Aeuheren. Litwinow, dem deutschen Botschafter in Moskau, von Dirksen, mit, daß die Rankingregierung sich mit den Bedingungen des Sowjet-Ultimatums einverstanden erklärt habe und dah demnächst eine Einigung zwischen der Sowjetunion und China auf folgender Grundlage bevorstehe: beiderseitige Freilassung der verhafteten Staatsangehörigen: beiderseitige Einstellung der feindlichen Propaganda; vor allem aber: Aenderung der nach dem Konflikt entstandenen Lage der Ostchinesischcn Dahn gemäß den Pekinger und Mukdener Abmachungen von 1924.
Eine solche Berhandlungsgrundlage für eine „unverzüglich zu ernennende" russisch-chinesische Konferenz stellte in der Tat — namentlich in dem zuletzt genannten, wichtigsten Punkt — einen Sieg des russischen Standpunktes dar. Denn während im Anfang des Konflikts die chinesische Diplomatie sich auf die Erklärung Karachans aus dem Jahre 1919 berief, in der namens der Sowjetunion ein Verzicht auf ungleiche Verträge und Privilegien, sowie die Rückgabe der Ost- chinesischen Dahn an das chinesische Volk in Aussicht gestellt wurde, enthalten die beiden von Litwinow genannten Verträge: sowohl das Abkommen mit Peking vom 31. Mai 1924 als das Abkommen mit Tschangtsolin vom 20. September 1924 die Destimmung, daß die Dahn gemeinschaftlich von China und Rußland verwaltet wird, sowie ferner den Vorbehalt des Rückkaufsrechts für China, wodurch aber implizite eben das Eigentumsrecht der Sowjetunion an der Bahn anerkannt wird. Hier liegt dec Kernpunkt des ganzen Konflikts, den Lloyd George in einer Betrachtung über die „Aussichten für den Weltfrieden" nicht ohne Witz folgendermaßen charakterisierte: „Selbst Kommunisten können unmöglich mit Gleichmut ansehen, wie die kommunistischen Grundsätze erbarmungslos gegen ihren eigenen Besitz angewandt werden. Die Chinesen, denen ein großer sardonischer Humor keineswegs ab- aeht, werden wahrscheinlich erkennen, daß sie den wcherz weit genug getrieben haben. Deshalb dürfte der Friede wiederhergestellt werden."
Wir sehen indessen heute, daß der „Scherz" weiter geht, und statt des Friedens einen dauernden und unfruchtbaren diplomatischen Stellungskrieg im Fernen Osten. Kaum eine Woche nach jener zuversichtlichen Erklärung über die bevorstehende Beilegung des Konflikts folgte (am 6. September) eine neue Erklärung Litwinows, in der Beschwerde über die Berzögerung der Antwort, ja den mangelnden Ernst der Rankinger Regierung geführt und die Annahme ausgesprochen wird, daß „Banking entweder selbst keine friedliche Beilegung des Streites haben will oder unter dem Einfluß einer anderen Macht, die den Sowjets feindlich gesinnt ist, handelt". Prompt wandte sich hierauf die Rankinger Regierung an die Bereinigten Staaten, England, Frankreich und Japan mit der Erklärung, sie sei bereit, das in ihren Händen be- sindliche Material über die kommunistische Propaganda im Fernen Osten dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten.
So unfruchtbar nun dieses ganze diplomatische Spiel ist, es dürste uns, bei näyerem Zusehen, den eigentlichen Grund dieser Anfruchtbarkeit
selbst enthüllen: China sucht bei seinem Streit mit der Sowjet-Anion Anlehnung an auswärtige Mächte, die Sowjet-Union aber will diesen Streit mit China allein austragen. Einen deutlichen Wink nach dieser Richtung hin enthält sowohl die oben hervorgehobene Wendung von dem geheimen Wühlen einer dritten, sowjetfeindlichen Macht, als auch die gleichzeitige Erklärung Litwinows, sich durch keine „falschen pazifistischen Manöver Rankings" irreführen lassen zu wollen. Wer ist nun, nach der Sowjet-Auffassung, jene feindliche Macht? Unwillkürlich denkt man hierbei zunächst an Japan, das in der Mandschurei starke eigene Interessen wahrzunehmen hat. Vom Beginn des Konflikts an behauptete denn auch die Sowjetpresse einstimmig, daß hinter der Ranking-Re- gierung, der jede eigene Initiative abgesprochen wird, eine fremde, imperialistische Macht, und zwar eben Japan, stehe. Dann aber, nachdem der amerikanische Staatssekretär Stimson, um die Autorität Kelloggs und der Vereinigten Staaten zu retten, seine, im Effekt freilich völlig platonische Vermittlungsaktion eingeleitet hat, ändert sich das Bild völlig. „Hinter der Ranking-Regie- rung", so schreibt die „Prawda" am 17. August, „steht das amerikanische Kapital", das in der Form einer geplanten Internationalisie
rung der Ostchinabahn ihre Amerikanisierung herbeizuführen suche und zu diesem Zweck auch Frankreichs Hilfe anstrebe, das bekanntlich seine finanziellen Ansprüche auf die ostchinesische Bahn nicht aufgegeben hat. Das Sowjetblatt knüpft damit an den bereits vom amerikanischen Staatssekretär Lansing gemachten Borschlag, die ostchinesische Dahn zu internationalisieren, um die Jnteressenkollision der Mächte in der Mandschurei zu entspannen, einen Vorschlag, der sowohl von Rußland als von Japan a b g e l e h n t worden war, was aber einen so mächtigen Vertreter des amerikanischen Kapitals, wie Lamont, den Sozius Pierpont Morgans, vor einigen Jahren nicht hinderte, Amerikas Interesse an den mandschurischen Dingen nochmals zu dokumentieren, und zwar durch den Vorschlag einer Anleihe für die süd-mandschurische Dahn.
Das Mißtrauen der Sowjet-Anion gegen eine etwaige Vermittlerrolle der Vereinigten Staaten findet aber noch eine besondere Rahrung in der Stellungnahme der amerikanischen Delegation, die kürzlich Rußland besucht hatte, und in die russischerseits die größten Hoffnungen gesetzt worden waren. Diese Hoffnungen sind nun arg enttäuscht, da die überwiegende Mehrheit der Delegation zu dem Ergebnis kam, daß „noch mindestens ein Jahrzehnt" vergehen müsse, ehe die
Liebe in Reiten.
Vornan von Hans Mitteweider. Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale).
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Don Herzen gern war Käthe bereit. Sie fuhr mit der Fremden, die auch das Fahrgeld für sie bezahlte, nach einer anderen Stadtgegend, und dort fliegen sie in einem Hause wieder viele Treppen hinauf in eine Dachstube, in der die Fremde daheim war.
Viel war auch nicht 'bann; aber an den Wanden hing doch allerlei Krimskrams, der dem Raume ein freundliches Aussehen gab, und die Bewohnerin machte nicht erst lange Worte, sondern kramte aus einer Kommode eine Weiße Bluse heraus und ein Tändelschürzchen und for- dorte Käthe auf, sich umzuziehen.
Schweigend und verwundert gehorchte Käthe.
„Es geht schon!" sagte die andere. „Ich will Ihnen beides borgen, bis Sie Geld verdient haben und sich selber etwas kaufen können. Run brauchen wir nur noch eine Rüsche ins Haar
- so! ilnb nun gucken Sie mal in das Ding hier, was sich Spiegel nennen läßt!"
Käthe gehorchte abermals.
„Ich sehe so blaß aus!" sagte sie.
„Das gibt sich schon, wenn Sie erst wieder richtig essen. And nun die Hauptsache. Haben Sie ßuff, Kellnerin zu werden? Ich bin nämlich eine und kann Ihnen eine Stellung in meinem Caf6 verschaffen. Meine Madame nimmt gern Mädchen, die noch nicht bedient haben, und was Sie lernen müssen, das lernt sich schnell — bloß natürlich — doch davon reden wir noch! Also, wie steht's? Geld verdienen Sie, schlafen und offen können Sie auch dort."
„Ach ja, Fräulein!"
„Jetzt kommt der große Moment!" unterbrach die andere sie. „Ich heiße mit meinem richtigen (Kamen Derta Krumbholz: aber den darf ich nicht führen, weil er nicht schnurrig genug ist, und so nenne ich mich Derty Kolz. Das klingt, nicht wahr? And nun wollen wir für Sie auch einen Romen suchen. Käthe? Ra ja, das geht — und nach dem anderen Ramen werden Sie nicht gleich gefragt werden. Da können Sie sich schon noch einen ausdenken. Also Sie wollen?"
Käthe nickte. Sie war ja so froh. Dloh Arbeit haben und etwas verdienen. Weiter wollte sie doch nichts. ,
And so kamen die beiden nach dem „Cafe Metropol", wo Derty die Reue einer wunderbar gekleideten, majestätischen Dame vorstellte, die sie scharf-prüfend ansah und endlich nickte.
„Meinetwegen, fangen Sie an! Aber das sage ich Ihnen gleich: wenn mir was nicht gefällt, bann fliegen Sie toieber! Derty mag Sie mit in
ihr Revier nehmen, damit Sie erst angelernt werden I"
Mit einem vornehmen Reigen des Hauptes entließ Madame die beiden, und nun betrat Käthe das Cafe, wo sie künftig als Servierdame wirken sollte, wie Derty das nannte.
Der Raum war elegant ausgestattet mit Marmortischchen, Pfüschsofas und bequemen Sesseln. Zwischen den Tischen waren Holzwände. Es waren auch Rischen da, und außer ihnen beiden noch vier Mädchen in Weißen Blusen, Weißen Schürz- chen und Spitzenhäubchen — Kolleginnen, denen Derty die Reue vorstellte, und die dieser sehr vornehm vorkamen.
Gäste waren noch nicht anwesend: aber sie kamen bald, meist ältere Herren, di« mit Interesse auf Käthe schauten und ihr allerhand Schmeicheleien sagten, namentlich wegen ihres schönen blonden Haares und ihrer blauen Augen: aber Käthe hörte das fast nicht. Sie stellte die Tabletts mit dem Kaffee- und Teegeschirr hin, rechnete zusammen und erbebte jedesmal, wenn sie sagen muhte:
„And zehn Prozent."
Dieses Geld gehörte ihr: denn Madame zahlte keinen Pfennig. Es dünkte ihr aber ungeheuer viel, und als sie zum Essen gerufen wurde und einen Aeberschlag machte, da besaß sie schon über fünf Mark.
Wenn das so fortging, dann hatte sie bald viel Geld beisammen, und das Essen war auch gut, die Arbeit nicht schwer.
Käthe war so von Herzen froh über diese Wendung ihres Schicksals, daß sie nicht wußte, wie sie Derty danken sollte: aber als sie dies sagte, lachte die Rote, und erwiderte dann:
„Rur nicht zu forsch mit die jungen Pferde!"
Je weiter der Tag vorschritt, desto mehr Gäste stellten sich ein, auch Pärchen, die in den Rischen Platz nahmen und meist erschrocken auseinander- fübten, wenn jemand an ihnen vorbeiging. Die Olkehrzahl waren jedoch Herren, und nun allerdings bekam Käthe manches zu hören, was ihr nicht gefiel. Es war ein Glück, daß sie den eigentlichen Sinn der Worte nicht verstand.
Manche wollten sie auch an sich ziehen: aber dann brauchte sie sich nicht loszureihen, denn immer tauchte zur rechten Zeit Derty auf. And wenn Käthe dann fortlief und sich zurückwandte, sah sie, dah die Freundin zu dem betreffenden Herrn sprach, dah dieser vielsagend nickte — und wenn sie schließlich kassierte, so bekam sie nicht bloh die Prozente, sondern viel mehr. Einet gab sogar eine Mark.
Ach, wat sie froh!
Aber sie wat auch todmüde, als sie abends mit Derty in die Schlafkammer hoch oben unter dem Dache ging. Sie konnte sich kaum aus- kleiden, und als sie sich ins Dett gelegt hatte, schlief sie auch schon.
Dafür erwachte sie, als die ersten Sonnenstrahlen in den Raum drangen. Sie war es so gewöhnt. Sie stand auch gleich auf und wusch sich.
Betty erwachte, gähnte herzhaft und fragte, was fie schon wollte.
„Wir brauchen doch erst um zehn Ahr unten zu fein!“ erklärte sie.
Das hatte Käthe ja nicht gewuht: aber sie war froh darüber.
„Dürfen wir ausgehen?" fragte fie.
„Natürlich, Kleine! Wo willst du denn hin?" „Zu meiner Wirtin und meine Sachen holen." „Ree, du, das lah lieber. Anfereins muh auher der Schlafgelegenheit hier eine feste Bleibe haben. Den Grund wirst du schon noch später erfahren", meinte Derty. „Gib ja deine Wohnung nicht auf. Die paar Mark Miete verdienst du leicht."
Käthe war zwar noch nicht überzeugt: aber sie hatte ja die ganze Woche bezahlt, und so verlieh sie den Raum und das Haus, fragte unten einen Schutzmann, welche Strahenbahn sie benutzen mühte, und fuhr zu der Frau Krause.
Diese machte sonderbare Augen, als Käthe in die Küche trat, und erwiderte kaum deren freundlichen Gruh. Dann sagte sie mürrisch:
„Wissen Sie, Fräulein, was Sie machen, das kümmert mich ja nicht. Meinetwegen können Sie alle Rächte drauhen bleiben. Ich möchte Ihnen bloß raten, nicht hier mit Streitigkeiten anzufangen. Herrenbesuch und so was gibt's bei der Krausen nicht."
„Ich habe doch eine Stellung. Frau Krause!" entgegnete Käthe, ohne den Sinn der Worte zu verstehen.
„So? Eine Stellung? Wo denn und als was denn?"
Käthe erklärte, und Frau Krause nickte.
„Gar nicht dumm", sagt« sie lobend. „Kellnerinnen verdienen viel Geld, und wenn sie gescheit sind, fangen sie sich auch einen Gimpel. Ra, denn man alles Glück, Fräulein! Sie wollen mir nun wohl kündigen? Aber den Zaster gebe ich nicht wieder 'raus!"
„Rein, Frau Krause, ich bleibe bei Ihnen wohnen. Ich wollte mir nur das wenige holen, mein Täschchen..."
„Ra, vielleicht kriegen Sie auch das andere wieder. Aber ich freue mich, dah Sie nun nicht gleich die Vornehme spielen, dah es Ihnen bei uns nicht zu ärmlich ist. Gehen Sie nur hinein! And wissen Sie was, Fräulein? Halten Sie sich gut! Werfen Sie sich nicht weg! Die Männer sind alle schlecht. Erst machen sie die schönsten Worte, und nachher — na, ich will nichts weiter sagen. Sie werdens schon selber merken. Immer die Hand von der Butter!"
Käthe schüttelte den Kopf. Diese Mahnungen erschienen ihr fonberbar. Sie wollte ihr Hand- täschchen nehmen und gehen. Da fiel ihr ein, dah
Sowjetregierung auheirpolitisch reif genug sein werde, für die Aufnahme ehrlicher offizieller Beziehungen zu den Bereinigten Staaten. Die meisten Mitglieder der Delegation waren vielmehr, nach ihrer eigenen Erklärung, davon überzeugt. dah die Russen auf politischem Gebiet nicht aufrichtig zu den Amerikanern waren, dah sie diese sogar „politisch einwickeln wollten". Dah nun auch auf der anderen Seite das Mih- trauen erwacht ist. ist um so natürlicher, als ja die Delegation in ihrer Erklärung ausdrücklich auch den chinesisch-russischen Konflikt berührt. Die Amerikaner seien durch die ..organisierte Stimmungsmache in der Sowiet-Anion gegen China" peinlich berührt gewesen, und diese Tatsache dürfte nach ihrer Aeberzeugung sehr dazu beitragen, dah eine Anerkennung der Sowjetregierung durch den Präsidenten Hoover gerade mitten während des chinesisch-russischen Konflikts zumindest übereilt wäre.
Ursprünglich mochte, angesichts des dringenden Angewiesenseins der beiden Länder, Chinas sowohl als Sowjetruhlands, auf die Finanzhilfe der Vereinigten Staaten, die Aussicht auf einen Erfolg der amerikanischen Vermittlung zwischen diesen beiden östlichen Groh- mächten bestanden haben. Heute, nach der amerikanischen Erklärung, sind die Hoffnungen auf eine derartige Hilfe für Rußland auf absehbare Zeit hinaus zunichte gemacht worden. Sie bestehen hingegen sehr wohl auf feiten Chinas, für dessen wirtschaftlichen Aufbau die Vereinigten Staaten, seit der Wiederherstellung der Zentralgewalt durch die Rankinger Regierung, wiederholt ein intensives Interesse bekundeten. Geradezu ostentativ hat China immer wieder, seit Ausbruch seines Konflikts mit Rußland, an die politische Hilfe Washingtons appelliert. Ran- king verfolgt also mit dieser Anbahnungspolitik einen doppelten Zweck: sich sowohl finanziell als politisch einen Bundesgenossen in feinem Kampfe um die Mandschurei zu sichern, bevor es zu einer entscheidenden Auseinandersetzung mit Rußland kommt. Darin liegt der Grund der gegenwärtigen Stagnation im Femen Osten. Darin aber auch, bei der oben geschilderten Einstellung der anderen Strafpartei, der Grund für die geringe Aussicht darauf, dah diese Stagnation sich in Bälde in eine friedlich« Regelung des Konflikts auflösen wird.,
Oberheffen.
Beisetzung des Notars Stahl in Bad-Nauheim.
^Bad-Rau heim, 7. Oft. Zu einer groben, eindrucksvollen Trauerkundgebung gestaltete sich heute auf dem israelitischen Friedhöfe die Beisetzung des Rechtsanwalts und Rotors Arthur Stahl. Eine Trauergemeinde, wie man sie hier selten gesehen, gab dem Verblichenen das letzte Geleite. Richt nur alle De- völkerungskreise unserer Stadt nahmen an der Beisetzung teil, auch viele bekannte Persönlichkeiten aus dem ganzen Lande waren dazu erschienen. Die tiefempfundene Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Sander (Giehen), der den vielseitig begabten Menschen Stahl und sein vorbildliches Wirken im Dienste der Allgemeinheit treffend würdigte. Welche große Sympathien sich Rotar Stahl in feiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit erworben und wie schmerzlich überall das Hinscheiden des trefflichen Mannes empfunden wird, ging aus den zahlreichen, warm empfundenen Rachrufen hervor, die Dertreter der Behörden, Körperschaften, Berbände und Vereine dem zu friih Dahingeschiedenen widmeten. Richt weniger als 25 Kränze wurden mit dankerfüllten
Tie Edelmanns ihre Adresse schreiben muhte. So ging sie hinunter, kaufte sich eine Postkarte und schrieb darauf, wo sie wohnte, dah sie Arbeit gefunden hatte, wie auch einen Gruh.
Das kam ihr jedoch bann so ärmlich vor, dah sie noch eine Rachschrift hinzufügte und bemerkte, fie würde bald ausführlich schreiben. Von dem Diebstahl erwähnte sie nichts.
Dann versuchte sie zu Fuß den Weg nach ihrer Arbeitsstätte zu finden: aber es gelang ihr nicht ganz. Sie muhte schließlich doch eine Straßenbahn nehmen und kam rechtzeitig in das Cafe.
Der Vormittag brachte wenig Arbeit, und der übrige Tag verging wie der vorige. Die älteren Herren fanden sich fast alle wieder ein, und Käthe wunderte sich, dah sie sich alle in ihr Revier setzten. Sie wurde verwirrt durch die spöttischen Blicke ihrer Kolleginnen: aber sie ahnte noch nichts. Wieder freute fie sich, dah sie soviel Geld verdiente.
Sie lächelte, als fie sich niederlegte und an die Warnungen ihrer Wirtin dachte. Die Männer waren ja gar nicht so schlimm. Sie war ganz höflich behandelt worden, und sogar „Madame" hatte einige anerkennende Worte zu ihr gesagt.
Als sie zu Derty davon sprach, zuckte diese freilich nur die Schultern und erwiderte endlich:
„Ra, dann freue dich, liebe Seele!"
Acht Tage war Käthe Fernau nun im Cafe Metropol. Sie hatte sich von dem verdienten Geld eine hübsche weihe Dluse, zwei Schürzchen und zwei Häubchen gekauft und Derty ihr Eigentum zurückgegeben.
Jetzt besah Käthe noch etwas über zehn Mark, und sie merkte, dah es hier nicht nur Geld zu verdienen gab, sondern dah auch welches ausgo- geben werden muhte, denn sie sollte ständig sauber erscheinen, und das weihe Zeug war sehr empfindlich, namentlich die Schürzen.
Diel schlimmer aber erschien ihr. dah die Gäste nicht mehr so zurückhaltend waren wie in der ersten Zeit. Manch« versuchten, fie an sich zu ziehen, andere verlangten sogar einen Kuß, und einer setzte ihr hartnäckig zu, mit ihm auszugehen.
Käthe klagte Derty ihre Rot, aber die lachte und sagte:
„Das muht du in Kauf nehmen, KleineI Lah sie doch quasseln! And wenn der alte Esel dich wieder mal auffordert, mit ihm auszugehen, so sagst du zu und versetzt ihn dann...'
Doch das verstand Käthe nicht. Ihr kam es überhaupt manchmal vor, als würde hier eine fremde Sprache geredet. Sie hörte Worte, die sie noch nie vomommen hatte, und da sie sich nie, wie ihre Kolleginnen das taten, zu einem der Gäste setzte, so hatte Madame sie schon mehrmals scharf angesehen. (Fortsetzung folgt.)


