Nr. .-3 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
8reitag, 8. Zebruar 1929
Was will das ArbMchuhgeseh?
Da- jetzt vom Reichstag in ^Beratung genommene Är^eitsschuhgesetz gehört ohne Zweifel zu den schwierigsten svzialpolttischen Gesetzen, die im Reichstag überhaupt zur Beratung gestanden haben. Wahrscheinlich ist es sogar leichter gewesen, des Ge etz üaer Acbettsverrnittelung und 2lr^eitslo,enver.icherung zu verabschieden, obgleich auch bei diesem Ge.etz lange Arbeit erforderlich war. Endgültige Regelung dec Arbeitszeit, der Sonntagsruhe, des Ladenschlusses, Arbeit- aussicht, erhöhter Schuh für jugendliche und weibliche Arbeitnehmer leirnzeichnen schlagwvrtartiz einige der Probleme, dir bei drr Gesrtzesgestal- tung nicht leicht zu lösen sind. Ralürlich hängt mit den K».rnpco Ziemen des Arbettsschuhgesrtz^ und der eirdgüttigen Regelung drr Arbeitszeit auch sehr eng die Frage des Washingtoner Abkommens zusammen. All das zeigt, daß es Ian er und eingehender Arbeit bedarf, um das Gesetz so zu gestalten, daß es den wirklichen Bedürfnissen des praktischen Lebens angepaßt wird.
Ein Blick In die Reichst«gsdrucksache selbst zeigt, wieviel Schwierigketten schon überwunden werden mußten, um den Entwurf zur Verabschiedung zu bringen. Auf 293 Druckseiten ist daS Gesetz mit 73 Paragraphen mit Begründung und zahlreichen Anlagen erläutert. Insgesamt gliedert es sich in 7 Abschnitte. Der I. Abschnitt bringt allgemeine Vorschriften über den Geltungsbereich und den Begriff des Arbeitnehmers, dec 2. beschäftigt sich mit BetriebSgesahcen, der 3. und zweifellos wichtigste bringt bie neuen Vorschriften über die Arbeitszeit. Er ist wieder in 4 Llnter- abschnitle geteilt, von denen der erste die allgemeinen Vorschriften über Arbeitszeit bringt, regelmäßige Arbeitszeit. Arbeitsbereitschaft, Wehvarbett, außergewöhnliche Fälle, während der 2. sich mit dem erhöhten Schutz für jugendliche und weibliche Arbeitnehmer beschäftigt, die Rächt- arbeit, Arbeitsfreizeiten, Ruhrpausen, Mutterschutz und Kinderschuh regelt, sch ießlich ein Unter- ab schnitt die Vorschriften über die Durchführung bet Arbeitszeit. DaS Gesetz selbst behandelt dann in tociteren Abschnitten die Somrtaasruhe. den Ladenschluß, die Frage der Arbeitsschuhbehörden und scAießlich die Ausführungs- und Uc5er- lieserungsvorschriften. Richt geregelt ist in dem Gesetz der Heimarbeiterschuh, die Urlaubsfrage der Äugendlichen. Wohl sieht dec Entwurf Beschränkungen des Geltungsbereichs des Gesetzes vor. so z. D. für Land- und Forstwirtschaft. Seeschiffahrt. Luftfahrt. Hauswirtschaft, für das Personal in Heimen, Krankem- und Pslegeanstalten, sür die Angehörigen der Derufsfeuerwehren und Tür den Bergbau unter Tage. Zu letzterem bemerkt die Begründung, daß ein besonderes ‘Berg- arbeitsgesetz vorgelegt werden soll. Die Vorlage soll in allernächster Zeit erfolgen und das Gesetz soll gleichzeitig mit dem ArbettSschutzgesetz im Straft treten.
ES würde zu weit führen, wollten wir im letzigen Stadium schon zu den Einzelheiten des ©efefceä kritisch Stellung nehmen. Wir begnügen »ms vielmehr, zu wiederholen, daß die zukünftigen Gesetzesbestimmungen so gefaßt werden müssen, daß sie den dringenden Rotwendigkeiten des deutschen Wirtschaftslebens Rechnung tragen. Wenn beispielsweise jetzt tn der sozialistischen Presse unter der Uebevschrift „Grundsätzliche De- mertungen zum Arbeitsschuhgesetz" davon gesprochen wird, eine Reihe Bestimmungen des Gesetzes gingen noch nicht weit genug, 'o möchten wir allerdings dreier Auffassung schon etzt entgegentreten. Auch wir sind der Auffas- ung. daß die Arbeitskraft unter dem besonderen Schutz des Gesetzes steht. Unmöglich wäre es aber, angesichts der schweren wirtschaftlichen Lage, bi der sich Deutschland befindet, ein Gesetz zu schaffen, dessen Bestimmungen die erforderliche wirtschaftliche Bewegungsfreiheit fj> beschränkt, daß dadurch auch Rachteile für die Arbeitnehmerschaft selb st «ustehen müssen. Wir halten es auch nicht für wünschenswert, daß alle Groß- und Kleinbetriebe schematisch gleichmäßig behandelt werden. Hier bestehen natürlich Unterschiede, die bei der Gesehesgestaltuna selbst ernsthaft berücksichtigt werden müssen, insbesondere halten wir die vom
Das große Grauen.
Dioman von H. A. von Byern.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
,3a, is aber bloß an schöner Ttt'l g'wesen, toa Amt, a Hofcharg'n sozusagen. Ro, tut dann htt er g heirat, oa Fräulein von Cajetan. drüben aas 'm ‘Welschen. Dieweil hat er doch in dö Kirch' g'mußt, is aber not am Altar hing kniet, hat auch net aufg'schaut. A Jahr lang is alles zrt ganga, mci Großvater selig is g'born worden, doch dann starb dö junge Frau, und der Hubertus Silvester hat wieder ang'fang’n zu jagern, schlim- :rer als je z'vor. A Gamsbock is im Revier z wesen, so a ganz alter Hoamtücker, Kruck'n doppelt spaimhoch und an Wachler — kannst dir i>5 Kapitallruck n anschaun, hängt grab unter 'n Bild. — Den hat mei Urgroßvater doch net gkriecht, obwohl er ihm vier Jahr lang z' Liab S^nga is. Aber oamal, da b’gegnet ihm a Pro- j efsion, der Mesner vornweg mit an Kruzifix. Un’ der Hubertus Silvester steht da, starr und Seif, nimmt den Filz net fjerurucr, beugt net 'S Rnie. Der Pfarrer Cyprian is auf ihn zug'anga, ^ii hart mit ihm g’rebt, und mei Großvater lacht, b'loß a bisserl. „Kann ina bei" Herrgott dem Garns verschaffen? Kann er bas? Ret? Schau, so viel fLccht i ihn auch--Dabei hat a b' Büchs'
l)»chg'rissen und ins Kruzifix g'scyossen. daß dö Stang’n mitten durchbrochen is. Am Abend aber iS er hoamkommen und hat den Gams am Bud! schobt, hat aber koa Wort net g'reb't a ^mze Woch' lang und sich eing'schloss'n, bann is alles g'wesen wie ehvor."
Der Erzähler machte eine Pause und tranf in il-ttnen Schlucken fein Glas Bier aus.
»Hat also der Psart^r Cyprian ben Kirchenbann ausg'fprochen gegen ben Hubertus Silvester, iln dö Bauern ham sich z'samm'g rottet, san bis .inS Schloß g'zoaen mit Pechlränz' un Sensen. Dreschflegeln un’ an grvßmächigen Rammbock. Aber wia s' grab anfang'n w oll'n zu stürmen, do hat mei Ahn bö zwoa Boller losz'las.en, mit
Wirffchast uni) Reparaiionsftage.
Le tsätze des Industrie' und Lande'.SiagS für die Arbeit oes Gachverffändigenausschusses.
Auf der letzten Tagung des Hauptausschusses des DeutfchenJnbustrie. undchandelstags sprach Reichsminister a. D. Exzellenz Dr. Jem* bürg über Reparalionsfragen. wobei er den Werdegang wie d.e großen Einzelfragen des Problems eingehend behandelte. Er faßte seine Ausführungen in den folgenden Leitsätzen zusammen, die die lebhafte Zustimmung des Ausschusses fanden:
1. wann kennen wir den Transfer entbehren?
a) Sobald die Kapitalversorgung Deutschlands für seine normalen Bedürfnisse au» eigener Kapitalav- sammlung erfolgen kann.
b) Sobald die Exportüberschüsse zuzüglich der unsichtbaren Exporte io normalen Zeiten zur Deckung der Reparationen plus den }u ihrer bisherigen Deckung aafgenommenen und zur Befriedigung unsere» Kapitaldefizit» hereingenom- men en Schulden hinrcichen einschlleh- iich weiterer JnveskMonskredtte.
Dazu ist ein ebenso großer E m px- fangswiile der Gläubiger zur Ausnahme deutscher waren wie der deutsche Leistungswille zur Zahlung erforderlich.
2. Ein der Wirtschaft tatsächlich entsprechendes Budget muh so hergestellt werden können, dah es den normalen wirtschaftlichen adm ni- stratioen und kulturellen Bedürfnisten der Ration Rechnung tragen kann, ohne die nach 1. erforderliche Kapitalbildung zu hindern, ohne die wirl-schaft durch weitere Substanzentziehung zn schwachen und ol,ne ordnungsmäßige den Wirtschaftebedürfnissen entsprechenden Transaklionen durch fiskalische Auflagen zu hindern ober zu vereiteln.
3. Ein künsisicher Deflatiovedruck durch übersteigerte RepiraHonrleiftung ober bnrch Beein- flustung des Zinrfafzes, also eine Rieber- haltnng des Lebensstandards ist nicht zweckmäßig im Interests der Gläubiger und gegenüber dem Maflenwillen eine» demo
kratischen, in der Mehrheit aus Handarbeitern bestehenden Volkes, nicht durchführbar, er er reicht nur, bah zum Schaben bes wirtfchasts- erjolges eine Verlagerung ber Ueber- schässe unb eine Schwächung bes materiellen wirtschajtsersotges, ber allein Reparationen bringt, unter krisenhaften Erscheinungen herbeigesührt wirb.
4. Ein künstlicher Deftationedrnck ge'ährbet die budgetären (Eingänge und ruft, soweit eine Preisunterbietung durch ihn ermöglicht wird, zollpolitische Erschwerungen ber Empfangs- (änber hervor. Er hat also im Sinne der Reparationen keinen Essekt, es sei denn, dah man annähme, dah die deulsche Industrie etwa die widernatürliche Regung besähe, d i e Produktionskapazität nicht bis zum äußerst Erreichbaren auszunnhen, wozu sie doch schon durch die Unkosten der Rationalisierung unb die allgemeine Steigerung der fixen Kosten gezwungen ist.
5. Die von ben Dawes-Sachverständigen als auf die fange der Zeit als unausblelblid) bezeichneten Folgen sind e cri n g e t r e t e n. Es muh deshalb mit dem Interims- reg l me de» unechten Transfers Schluh gemacht werden und die feiflun- gen quantitativ fo bemessen werden, dah sie ben richtig sestgeslelllen wirtschaftlichen Gesehen entsprechen unb auch in deren Sinn dnrch- gesührt werden.
6. Die Kommerzialisierung ist im Interesse Deutschlands und feiner zukünftigen Gläubiger nur in bem Umfang möglich, als der Transferfchuh (f. 1) entbehrt werben kann. (Eine Priorität ber Reparationszahlungen über die privaten Schulden wäre ein vertrauensbrnch gegenüber denjenigen, die ben deutschen Krebst im Ausland wieder au।gebaut haben und weiter ausbauen helfen.
7. Line endgültige und vollständige f ö f u n g, fo sehr sie auch allen erwünfcht sein muh, können wir uns erfolgreich nut dann vorstellen, wenn sie diese« Leitsätzen entspricht.
Reichsvat eingeführte Aenderung, wonach bei Meinen Betrieben (Betrieben unter 5 Arbeitnehmern) eine Ueberschreitunq der sonst gesetzlich gültigen Arbeitszeit zuzulassen ist. für sehr wichttg und möchten wünschen, daß sie zum Wtsgangs- puixft einer wirklich vernünftigen Fassung gemacht werden.
Angesichts all der Schwierigkeiten, die Bei der Beratung dieses Gesetzes zu erwarten find, Ware es falsch, die Beratung etwa zu überstürzen. Insbesondere hallen wir es nicht für wünschenswert, diese Beratung zu einem Zeitpunkt durchzuführen, in dem nicht völlig geklärte Regierungsverhätt- nisse im Reichstag vorhanden sind. Sonst entsteht sofort die Gefahr, daß die einzelnen Parteien mit Populären Anträgen Agitation treiben, statt sachliche Arbeit zu leisten.
Schöffengericht Gießen.
* Gießen, 7. Febr. In der Strafsache gegen den früheren Rechtskonsulenten St. wurde die Beweisaufnahme heute fortgesetzt.
Die heutigen Fälle sind den gestern verhandelten in allen wesentlichen Dunkt-n gleich. Don der Frau eines Klienten erhielt St. 200 Mark, um damit verschiedene Gläubiger zu bezahlen. Er tat dies zunächst nicht, sondern erst dann auf Drängen, a's die Zwangsterstelgerung des An- I wesens seines Klienten bevorstand. Die,em gab 1
er auf Vorhalt zu, daß er das Geld in seinem eigenen Interesse verliehen habe.
Einen weiteren Fall gab der Angellagte yi; er hatte 30 Mark zur Bezahlung eines Gläubigers von feinem Klienten erhalten, aber nicht abgeliefert.
In einer anderen Dache hatte er ebenfalls Geldbeträge auftragswidrig nicht abgellesert und dann, um die Sache zu verschleiern, einer Blankovollmacht einen Inhalt gegeben, der den Anordnungen seines Klienten widersprach, und mit der er dann entgegen dessen Interessen bei dem Gerichtsvollzieher Gebrauch machte.
Weiter war er Vormund einer wegen Geistesschwäche entmündigten Frau und nahm deren Rentengelder ein. Trotz vielfacher Mahnungen des Gerichts legte er keine Rechnung, so daß er entlassen wurde. Vorher hatte aber er (der Vormund!) die geistesschwache Frau veranlaßt, eine UrEunfce zu unterschreiben, wonach sie feine Ansprüche auf ihre Renten anerkannte. Tctt- säch.ich hatte er von den 200 bis 250 Mk., die er eingenommen haben will, nur 20 Mk. für ein Paar Schuhe für sein Mündel ausgegeben: seine anderen „Forderungen" beruhen auf Versprechungen seines geistesschwachen Mündels. Diese Urkunde hatte St. dem Dormundschaftsgericht nicht vorge.egt, sondern erst nach Einleitung deL Strafverfahrens der Staatsanwaltschaft eingereicht.
Rägeln g'laden un' g'hacktem Blei. Diesmalen soll's vier Tote und an Dutzend Verwundete g'geben Ham: is bann auch a Prozeß g'west, wegen Aufruhr und Landfriedensbruch. Qln mein Urgroßvätern hat sich foaner mehr herang'iraut, un’ er hat g'jagert, aüweil g'jagert. Aus 'n Tag, a Jahr is vergang'n g'west, fett er ins Kruzifix g"schossen hat, da geht er mit zwoa Jägern ins Revier. Sin' ausg'stiez'n nach der Wildbachllamm, un’ mit oanmal schnallt's, a Büchsenschuß, droben im G'wänd. Der Hubertus Silvester springt auf, guer übers Seekar. dö Jäger hör'n ihn ruf'n; „Steh Lump!' un’ dann oan Schrei, a'Lachen — sonst nix. Vierzehn Täg lang hab'n 's alles abg'sucht und — nix g'funden."
Der Vinzenz schwieg und zerdrückte den Rest seiner Zigarette im Aschenbecher.
„Ralürlich hat deinen jagdlustigen Herrn Ut- grohpapa ber Leibhaftige geholt, nicht wahr? fragte ich lächelnd
Ein kurzes Achselzucken:
„Auf das G'red' von dö Leut' geb i nix, aber — —“
„Ra?"
„Am 19. Oktober 1801 iS der Hubertus Silvester net wiederg'kommen, am 19. Oktober 1835 wurde mei Großvater von an Wild'rer erschoss n, am 19. Oktober 1869 mei Vater und ich — mei Todestag ist der 19. Oktober 1903, groß noch a Jahr und sechs Wochen von heuf. an--"
Ich lachte hell auf:
„Das glaubst du wirklich?"
„Glauben tu’ ich gar nix, ich weih es!"
Graf Pernegg stäubte ein Aschenflöckchen von seinem Aermel:
„Wenn d' dös so g'wiß weißt, nachher bleib' doch an bem kritischen Tag daheim!"
..Meinst?" Mtt einer müden Handbewegung strich sich der Vinzenz über die Stirn: „In dem Memorandum des Pfarrers Cyprian steht a Spruch: „Die Sünden der Väter aber will ich Heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied."
Wir schwiegen betroffen, in der Stimme meines Freundes lag etwas so Hoffnungsloses, daß jeder fühlte: hier war ein Witzwort nicht am Platze. 3m Kamin prasselten klobige Buchenscheiter, leise raunte und rauschte der Rachtwind draußen In
dem Weinlaub, das die grauen Granitmauern bedeckte.
Franz Joseph. Rttter von Molnar, gähnte verstohlen und stand auf:
„Wird's heuf nichts mehr mit dem Skat?"
Das erlösende Wort war gefallen, Graf Pürk- stein ging nach bem Spieltischchen hinüber:
„Faites vof jeu, messieurs! Ich geb' an, ber Point fünf Kreuzer .... is recht?^
Die Kartenblätter rauschten, graublaue, zer» flattcrnbe Rauch streifen spannen sich um die knorrigen Stangen der Geweihe, unb irgendwo im Gebälk tickte ganz leise, ganz leise der Totenwurm.
„Drrrrrrr!" raffelte Der Wecker auf dem Racht- tischchen. Wit beiden Deinen zugleich sprang ich aus dem Bett, rieb ein Zündholz an und sah auf das Zifferblatt — um drei. Ein bißchen übernächtig war mir doch noch zumute, aber die erste Dirsch versäumen? Richt um die Welt! Rasch steckte ich ben Kopf in bie riesige Waschschüssel, riß das Fenster auf — eiskalt und erfrischend strömte die Rachtluft inL Zimmer. An der Tür [topfte es.
„Ist schon gut, Aitderl! In zehn Minuten komm' ich!" Ein prüfender Blick auf Büchse und Glas, bann schob ich das Ledertäschchen mit zehn Kugelpatronen in die Brusttasche der Joppe, steckte ben Rickfänger ein und trat auf den Flur.
„Der gnädige Herr warten schon im Speis'- zimmer." Ändert ging voran, öffnete die Tür.
„Ro? Gut g'schlafen?" Der Vinzenz streckte mir beide Hände hin: „WaS hast denn träumt. Alterte?"
„Gar nichts, ich fchlaf immer wie ein Bär---“
Unter der kleinen Wiener Kaffeemaschine zün- gelte ein gelbblaues Ztämmchen, mein Freund schob mir ein Päckchen zu.
„Steck' nur ein, is a weiter Marsch bis ins Seekar, vor elfe san ma net z'ruck — —" Der heiße, aromatische Trank verscheuchte ben letzten Rest von Müdigkeit:
„So, von mir aus kann's loszeh'n."
Draußen lagerte noch schweigende, schwarze, sternenlose Rächt. — Zitternd huschte ber Licht-
Eine Reihe anderer Fälle formte etnoanbfrd nicht gek.ärt werden.
Der Strafantrag deS DtaatsanwattS tau« teie auf ein Jahr zwei Monate Gefängnis abzüglich sieben Wochen Untersuchungshaft und drei Jahre Ehrverlust.
St erhärte sich für unschuldig, bat aber ich geringe Strafe, falls er verurteilt würde.
Das Urteil lautete wegen Untreue und Unter« sch.agung in acht Fällen unb Urkundenfälschung in einem Falle auf neun Monate ©efäng- n i s. abzüglich sieben Wochen Untersuchungshaft: im übrigen wurde er frei gesprochen.
Der Haftbefehl wurde aufgehoben.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 8. Februar 1929.
Ein ernstesMahnwon an die Abiturienten
Der Dorstand der Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft hat in seiner letzten Sitzung eine Entschließung gefaßt, in der es u. a, heißt:
In den nächsten Wochen verlassen mehr als 25 000 Abiturienten unb Abiturie.itinnen bie deutschen höheren Schulen. Die meisten von ihnen stehen damit vor der Entscheidung über ihren Lebensberuf. Von der Rtchtigkett dieser Entscheidung hängt nicht nur das Lebens- giück des einzelnen, sondern bi mancherlei Hinsicht das Gesamt.eben unserer deutschen Zukunfts- entwickiung ab. Diese Pflicht gewissenhafter Selbstprüfung kann nicht ernst genug genommen werden, denn infolge der gedrückten Existenzbebingungen in allen Berufen, die in der Gesamt.'age Deutschlands begründet liegen kann nur der für seinen Berus wirklich ®eeignete unb Befähigte auf Dorwä.tskommen hoffen.
Das sollten vor allem diejenigen beherzigen, die an eine Universität ober Hochschule gehen wollen, um sich für einen akademischen Beruf vorzubereiten. Dieser Weg darf nur von denen beschritten werden, die für wissenschaftliche Arbeit in ganz besonderem Maße befähigt sind und deren Lebenskraft stark genug ist, um die mannigfachen Schwierigkeiten und Enttäuschungen zu überwinden. Es gibt immer noch viel zu Diele, die allein von ber Hoffnung auf ebne spätere angesehene soziale Stallung, ober nur von ber Aussicht auf günstige EinkommenSver- hältni se zum Hochschulstudium getrieben werden. Ihnen sei gesagt, daß bie meisten akademi- 1*4)en Berufe heute gerade in dieser Hinsicht unter großen Schwierigkeiten leiden, so daß bittere Enttäuschungen für viele nicht ausbleiben werden. Tausende von Akademikern be» finden sich heute in DecusSstellungen, die sie ebensogut auch ohne Hochschulstudium hätten erlangen fönmen; andererseits gibt es viele außer» akademische Berufe, die tüchtigen jungen Menschen in jeder Hinsicht die Mgglichkell voll befciedigen- bet Lebensarbeit eröffnen.
Besonders verhängnisvoll ist bie toeitoerbrettzt» Hoffnung, daß die hohen Kosten deS Hochschulstudiums durch Stipendien, Stubienbeb Hilfen usw. erleichtert werden können. ES srj eindringllch darauf hingewiesen, dah solche Erleichterungen in ber Anfangszeit des Hochschulstudiums un allgemeinen überhaupt nicht gewährt werben und später nur solchem die besonders starke Befähigung und Leistungen nachweisen können. Die Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft unb die ihr an geschlossen en Stu- dentenhllfen an den deutschen Universitäten und Hochschulen befolgen diese Grundsätze aufS strengste: denn sie wissen, daß in allen akademischen Berufen ein Übergroßes Angebot an mittel* mäßigen unb untüchtigen Kräften vorhanden ist.
Ein seltener Erchlaskamerad.
Spätabends! Herrlich ist'S, im wohlig erwärmten und traulig erhellten Zimmer sitzen zu können. Draußen final der Schnee unter ben Füßen ber eilig Vorübergehenden. Durchs Fenster schaut man den strahlenden Sternenhimmel, und der Schnee glitzert unb schimmert wie lauter Diamanten. Run heißt es einmal eilig nach ben Oefen in ben oberen Zimmern schauen, bamlt der heimkehrende Gatte, müde von des Tages Arbeit, auch ein erwärmtes Schlafzimmer DotfinbeL Beim
kegel ber kleinen Laterne über den Weg. Gleich sich toinbenben Schlangen ringelten Wurzeln Übel den Pfad, gespenstisch griffen dürre Aeste to'i Geisterarme aus bem dämmernden Dunkel. Kein Laut, Stille, tiefes, tiefes Schweigen. In ber Kühle des beginnenden Morgens schauerte ich zusammen, fallender Tau netzte Gesicht unb Hände, perlte auf ben Läusen der Büchse: unter ben nägelbeschlagenen Sohlen ber pfundschweren Dergschuhe knirschte daS Gestein. Solche Wanderungen waren mir nichts ReueS. Ost genug hatte ich mit unb cchne Führer Tagestouren in die Dolomiten gemacht, auf das Finsterarhorn. Matterhorn, den Mont Eenls. Aber noch niemals mit der Büchse in ber Hand — — Auf beiden Seiten des Weges wich ber Hochwald tu- affenartig zurück, wir standen am Rand eineS GeröllfeloeS.
Vinzenz prüfte mit dem Rauch der Zigarette die Windrichtung und verlöschte die Laterne:
„In a halben Stund' ham ma Düchsenlicht, hofsentli druckt bie Sonn' den Rebel 'runter."
Am östlichen Horizont schob sich ein fahler, milchiggrauer Schein herauf, ein mattes, opalisierendes Dämmern. Aber drunten, aus dein Tm der Wildach, ber sich in einem wetten Kessel zum See verbreiterte, stiegen immer neue brauende, brodelnde Rebelmassen, schäumten gleich gifchtenden Wogen an den Hängen empor, hüllten alles in eine undurchdringliche, grauweiße Mauer. Wortlos setzten wir unseren Weg fort, am Ranke eines Latschenfeldes entlang. —
Irgendwo rumpelte eS, ein Brechen. Knackeir. „Teifi! Jetzt san ma doch---"
„Päna!"
Der harte, runde Knall eines Düchsenschusfes pettschte durch die Stille des Septembermorgens, fand fein Echo in ben Wänden---Mtt vor
gebeugtem Oberkörper, alle Muskeln in fieberhafter Erregung gespannt, stand mein Freund da:
„Lumpen!" zischelte er. „Herrgottsakra. Ist wieder so a Malefizkerl so a elendiger im Revier! Kommt"
Den entsicherten Stutzen in der Hand, birschte ich hinter Vinzenz her, daS Gelände war mir unbekannt, man konnte keine fünfzig Meter weit sehen. Aber nichts rührte sich mehr, kein Steu-


