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Nr. 235 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Montag, 7. Oktober (929
Das europäische Kohlenproblem.
Von Dr. Georg Gothein, ehem. Reichsschahminister.
Der Krieg und die Friedesdiktate haben die europäische Kohlenwirtschaft in schlimmste Verwirrung gebracht. Das nordfranzösische und das belgische Kohlenbecken waren Kriegsgebiet und erlitten schwere Zerstörungen ihrer För- deranlaoen. Auch in den Kholenrevieren der anderen Kriegführenden konnten in dieser Zeit aus Arbeitermangel keine Neu- und Erweiterungsanla- gen vorgenommen, mußte Raubbau getrieben werden. Nach Kriegsende herrschte überall riesige Kohlennot: die Preise waren ungeheuer. In den Friedensoerträgen wälzte man die ganze Last auf Deutschland ab, das mit Reparationskohlen nicht nur den Förderausfall Frankreichs, Belgiens, sondern auch den Kohlenbedarf der anderen Siegerstaaten decken, und bis 1935 die Saargruben Frankreich überlassen mußte und dem man dreiviertel der oberschlesischen Steinkohlengruben raubte. Der Ruhreinbruch von 1923 tat noch das übrige, ihm die Erfüllung dieser Auflagen zu unterbinden. Um neben den aufgezwungenen Lieferungen auch den Eigenbedarf zu decken, mußte es nicht nur seine Braunkohlenwerke auf die doppelte Leistungsfähigkeit, sondern auch die für Steinkohle stark erweitern. Die fortgesetzt steigenden Löhne zwangen dann zur Stillegung aller weniger vorteilhaft arbeitenden Gruben und zur Konzentration des Abbaues auf die besten und zur Arbeitskräfte sparenden Rationalisierung. Die Förderkapazität der weiter betriebenen wird heute kaum zu 70 o. H. ausgenutzt.
Den Vorteil von den hohen Kohlenpreisen in den ersten Jahren nach dem Kriege hatte Großbritannien, das namentlich im Jahr des Ruhreinbruchs 1923, wo Deutschlands 1913 noch 190 Mill, t Steinkohle betragende Förderung auf weniger als ein Drittel zurückging, die seine auf über 280 Mill, t, d. h. nur 17$ Mill, t weniger als feine höchste Vorkriegsproduktion — erhalten konnte. Aber dann kam der Rückschlag. Die technischen Fortschritte in der Ausnutzung der in der Kohle steckenden Wärmeeinheiten, die wachsende Konkurrenz des Mineralöls und der weißen Kohle (der elektrisch übertragenen Wasserkräfte) schränkte den Kohlenbedarf erheblich ein. Dazu kam, daß d i e französischen und belgischen Gruben eine ihre Vorkriegsfärderung beträchtlich übersteigende Leistungsfähigkeit erreichten. Die Niederlande hatten die ihrer Gruben verzehnfacht. P o - l e n suchte Ostoberschlesiens verlorenen Absatz nach Deutschland durch Verdrängung der englischen Kohle von den baltischen und skandinavischen Märkten wett zu machen. Rußland hatte aufgehört, Abnehmer englischer Kohle zu sein. Andere — namentlich überseeische Staaten hatten während des Krieges einen eigenen Kohlenbergbau entwickelt. Italien und Frankreich bezogen auf Reparationskonto mehr deutsche Kohle als früher, wodurch der Absatz der englischen Kohle zurückging. Anfangs versuchte England durch Zuschüsse au den Arbeiterlöhnen die englischen Kohlenausfuhrpreise niedrig zu halten. Als diese sistiert wurden, mußten die Löhne herabgesetzt werden. Es kam zum 7monatigem Streik, der mit der Niederlage der Bergarbeiter endete. Aber obgleich deren Reallöhne heut nur dreivierlel der Vorkriegslöhne betragen, hat 1928 der englische Steinkohlenbergbau noch mit einem Verlust von über eine viertel Milliarde Mark gearbeitet. Trotz der niedrigen Ausfuhrpreise erreicht die britische Kohlenausfuhr nur Zweidrittel der Vorkriegsausfuhr, war die Arbeitslosigkeit enorm.
Gegenwärtig müssen die Verbraucher der Kohlen- ausfuhrländer hohe .Kohlenpreise zahlen, damit die Kohleneinfuhrländer billig beliefert werden. Dieser Kohlenkrieg spielt sich großenteils auch auf dem Gebiet der ersteren ab. Mit den billigen See- und Flußfrachten kommt die englisch« Kohle nicht nur an die deutsche Küste, sondern dringt tief ins Land hinein: die holländische Kohle unterbietet die deutsche am Nieder- und Oberrhein. Um den Wettbewerb mit der fremden Kohle im „bestrittenen" Gebiet
aufrechtzuerhalten, setzen in ihm die deutschen Syndikate die Preise weit niedriger als im „unbestrittenen". Zur Deckung der Verlustpreise erhebt das Ruhrkohlensyndikat vom gesamten Absatz eine „Umlage" von 2,10 Mark je Tonne: sie hat sogar schon 2,50 Mark betragen. Entsprechend verfahren die englischen Distriktskartelle. Trotz der hohen Umlage war im ersten Halbjahr d. I. die deutsche Einfuhr von Steinkohlen um 447 000 t, von Koks um 100 000 t größer als in der gleichen Zeit des Vorjahres, allerdings auch die Ausfuhr um 266 000 bzw. 514 000 t höher. Die eine wie andere stellte für die Produzenten einen Verlust dar. Hunderte von Millionen könnten bei einer Verständigung gespart werden. Für uns Deutsche kommt noch der Nachteil hinzu, daß uns für die Reparationskohlen nur die niedrigen englischen Ausfuhrpreise verrechnet werden. England, dessen Kohlenausfuhr doppelt so groß ist wie die unsere, würde natürlich noch mehr davon profitieren; Polen ebenfalls.
Jede Verständigung darüber ist bislang daran gescheitert, daß der oritische Steinkohlenbergbau nicht wie der deutsche und der polnische fest in Syndikaten zusammengefaßt ist, also ein Dertragskontrahent fehlt. Unter dem Druck der Not wie der Arbeiterregierung vollzieht sich jetzt auch dort der Zusammenschluß. Bis zum 15. Oktober sollen sich die Gruben der einzelnen Kohlenreviere zu Distriktskartellen vereinigen, die wieder in einem Nationalkartell zusammengefaßt werden, daß die Quoten der einzelnen Distrikte festsetzt, die diese wieder an die Gruben ihres Bezirks unteroerteilen. Streitigkeiten sollen durch Schiedsgerichte geschlichtet, Quotenüberschreitungen Strafabgaben unterworfen werden. Auch Mindestpreise sind für die einzelnen Kohlensorten vorgesehen. Die ganz Konstruktion ist weit loser gedacht als die unserer Syndikate. Man wird wohl allmählich zu strafferen Formen übergehen müssen.
Da damit aber noch keineswegs die Verständigung mit den anderen Kohlenproduktionsländern gesichert ist, hat der englische Handelsminister Graham in Genf eine internationale Fördereinschränkung vorgeschlagen. Das ist nicht ohne Bedenken, da die Konjunkturen in den einzelnen Ländern nicht einheitlich sind und ihr Kohlenbedarf in den verschiedenen Jahren stark wechseln kann.
Nach dem harten letzten Winter und bei besserer Weltkonjunktur ist die Nachfrage nach allen Kohlen allgemein g e st i e g e n. Aber in England weit mehr als auf dem Kontinent. In den letzten Wochen konnte es bereits zweimal die Hausbrandpreise um je 1,80 Mark per Tonne heraufsetzen. Im ersten Halbjahr d. I. war seine Förderung um 61 Mill, t größer als in der gleichen Zeit des Vorjahres, in Deutschland jedoch nur um 2,5 Mill, t, in Polen um 2,46 Mill, t., in Frankreich um 780 000 t, in der Tschechoslowakei um 436 000 t, in Belgien dagegen um 475 000 t niedriger. Wie Frankreich leidet es an A r b eite r mangel und kann demzufolge seine Förderung nicht steigern, während in Deutschland und Polen große Arbeitslosigkeit herrscht und bereits wieder Feierschichten verfahren werden.
Mit einer bloßen Kontingentierung der Förderung wird sich das erstrebte Ziel nicht erreichen lassen. Das hat sich beim Stahlpakt gezeigt; sie mußte sich daher auch auf die Ausfuhr nach den einzelnen Ländern erstrecken. Immerhin wäre auch die erstere besser als nichts.
Die englische Regierung will bei der Produktionskontingentierung nicht stehen bleiben. Sie erstrebt bei sich die Zusammenfassung aller Kohlengruben zu einer Public Utility Service — einer gemeinnützigen Gesellschaft nach 2(rt der Eisenbahnen, der Elektrizitäts- und Gasgesellschaften, denen ein Monopol gewährt, andererseits ihr Gewinn begrenzt und sie staatlicher Beaufsichtigung unterliegen würde. Dann würde nach den Erklärungen des Ministers Lansbury die englische Regierung auch bereit sein, Staatshilfen zu gewähren, wie sie das schon unter der vorigen Regierung
den Eisenbahnen gegenüber zur Herabsetzung gewisser Gütertarife getan hat. Gegenüber solcher Zwangs» und Subventionspolitik muß man — namentlich vom Standpunkt der internationalen Verständigung — schwere Bedenken haben, aber es scheint nicht ausgeschlossen, daß im englischen Parlament sich eine Mehrheit dafür findet. Trotz der schweren Derlustjahre ist freilich der englische Kohlenbergbau nicht geneigt, auf solche Zwangsmaßnahmen einzugehen. Man will den freiwilligen privaten Zusammenschluß, der durch diese Ankündigung jedenfalls beschleunigt wird.
Auch für die A b s cha ff fung des 8-Stun- dentages im Bergbau ist im englischen Parlament Stimmung, zumal wenn er durch eine internationale Regelung zustande kommt. Ob Polen, die Tschechoslowakei, Belgien dazu bereit fein würden ist freilich recht zweifelhaft. Die englische Regierung muß ihren Parteifreunden und den
Gewerkschaften zeigen, daß sie von den gemachten Wahlversprechungen auch etwas durchsetzt. Da sie aber eine Minderheitregierung ist, wird sie mit deren Verwirklichung sehr vorsichtig sein. Und die Trade unions sind einsichtiger als unsere Gewerkschaften! sie haben sich auf ihrem soeben in Belfast abgehal- lenen Kongreß offen zu der Interessen foli« Parität von Industrie und Arbeiter« schäft bekannt.
Die brennende europäische Kohlenfrage ist jedenfalls ins Rollen gebracht und da alle großen Kohlen- prodlsttionsstaaten Europas an ihrer Lösung aufs stärkste interessiert sind, so ist zu hoffen, daß etwas Brauchbares dabei herauskommt. Für Deutschland ist eine vernünftige Regelung der europäischen Koh- lenversorgung um so wichtiger, als der Abbau der Reparationssachlieferungen seinen Bergbau wie seine gesamte Wirtschaft vor sehr schwierige Ausgaben stellt.
Geschichten aus aller Well.
Ein beneidenswerter Bolenjunge.
(f) London.
Die Dotenjungen von London beneiden jetzt, und zwar mit vollem Recht, ihren kaum siebzehnjährigen Kollegen Daniel Rudge, der dank des Vertrauens seiner Firma einen bisher ganz gewiß nicht dagewesenen Rekord aufstellte. Während nämlich di-e jugendlichen Boys sonst normalerweise nur von einem Bureau ins andere geschickt werden, wurde der glückliche Daniel mit einer besonders wertvollen Sendung von Grammophonplatten (es handelt sich um einige Beethoven-Aufnahmen) nach Reuyork eingeschifft. Er ging in London in der bekannten Uniform der dortigen Messenger-Doy-Gesellschaft an Bord: als ob man ihn um die Ecke geschickt hätte, um ein Glas Bier oder eine Zeitung zu holen. Die amerikanischen Kollegen ließen es sich nicht nehmen, den stolzen Ozeanfahrer mit einem Festbankett zu empfangen und überreichten ihm zur Erinnerung an den bisher längsten „Botengang" der Welt ein silbernes Modell der Freiheitsstatue. Rach dem für Daniel so denkwürdigen Ausflug kehrte der Jüngling nach London heim und versieht jetzt genau wie zuvor seinen Dienst. Er befördert Päckchen, Liebesbriefe, Zahlungsaufforderungen und dergleichen mehr, je nach Bedarf...
Ein Kamin ist kein Kamin!
(z) Innsbruck.
Hochgebirgstouristen, die von der Wildspihe in den Oehtäler Alpen zu Tal stiegen, bemerkten auf halbem Wege aus der Ferne in einem Gletscherkamin eine menschliche Gestalt, die sie mit verzweiflungsvollen Gebärden zu sich hinwinkte, und deutlich konnte man über die glitzernde Schneefläche hinweg auch Hilferufe vernehmen. Die Bergsteiger eilten, so schnell es ging, der betreffenden Stelle zu und entdeckten dort zu ihrem höchsten Erstaunen in den Kamin so eingeklemmt, daß er nicht mehr vor- noch rückwärts konnte, in voller Ausrüstung und schwarz wie der leibhaftige Satanas einen Schornsteinfeger.
Man half ihm aus der Klemme und erfuhr nun, daß er der Schornsteinfeger des nächsten Dorfes war, der die Schornsteine der „Braunschweiger Hütte" nachgesehen hatte. Seinen Rückveg ins Tal gedachte er im Vertrauen auf seine berufliche Klettergewandtheit in Kaminen dadurch abzukürzen, daß er diesen natürlichen Gebirgskamin benutzte. Aber er war elend darin stecken geblieben. Zwischen Kamin und Kamin ist eben ein kleiner Unterschied.
Ein Opfer des Bubikopfes.
(B) Sofia.
Auch in Bulgarien ist der „Bubikopf" Uniform, geworden und selbst bis in die tiefste Provinz ist der kurze Haarschnitt vorgedrungen. Dort hat er allerdings noch mit .Schwierigkeiten zu kämpfen, denn der patriarchalische bulgarische Bauer erlaubt seinen Töchtern diesen modernen Luxus
nicht. Da aber alljährlich Tausende junger Bauernmädchen zum Dienen in die Stadt kommen, so haben sie dabei Gelegenheit, neben anderen gefährlicheren Dingen auch die modische Haartracht anzunehmen. So ging es auch_ der jungen Wassilka, die aus einem der Dalkandörfer mit 19 Jahren nach Sofia kam, um sich ein wenig Geld zu verdienen, obschon der strenge Vater sehr gegen diesen Aufenthalt in Sofia war. Wassilka befolgte auch redlich die strengen Ermahnungen des Vaters: nur in einem Punkte wurde sie schwach, sie ließ sich, wie die meisten anderen Dienstmädchen vom Lande, die Haare schneiden. Gewissenhaft wie sie war, zeigte sie diese einschneidende Aenderung ihren Eltern an, von denen sie als Antwort einen Brief mit heftigen Vorwürfen bekam. Der Vater versprach ihr für den Fall der Rückkehr ins Dorf mit kurzen Haaren eine gewaltige Tracht Prügel. Das nahm sich Wassilka so zu Herzen, daß sie in die nächste Apotheke ging, eine Lysollösung kaufte und sie im Dorispark austrank. Vorübergehende fanden das Mädchen besinnungslos am Boden liegend. Im Krankenhaus konnte nur noch ihr Tod festgestellt werden.
Raiten vernichten eine Stadt.
(v) Budapest.
Reupest bildet den Bestandteil von Groß- Dudapest, wie etwa Reukölln zu Berlin oder Kleefeld zu Hannover gehört. Allerdings weist Reupest eine selbständige Gerneindeverwaltung auf. Diese hielt vor einiger Zeit die übliche Quartalsversammlung ab, und bei dieser Gelegenheit stellte ein Stadtverordneter zum Entsetzen und gleichzeitigen Ergötzen der Anwesenden fest, daß Reupest gar nicht existiere, sondern von den Ratten vernichtet worden fei. Zumindest bildlich: die ekelhaften Ragetiere waren nämlich respektlos genug, die Gründungsurkunde der sonst blühenden Gemeinde aufzufressen. Lind so wußte man im Augenblick nicht genau, wann die Hundertjahrfeier begangen werden soll. Die Interpellation erregte begreiflicherweise größtes Aufsehen, zum Glück meldete sich aber der Gemeinde- älteste und teilte mit, daß er im Besitze von alten Aufzeichnungen fei, wonach Reupest von dem deutschen Bürger Martin Miltenberger gegründet worden ist. Er war der erste Ansiedler und erste Hausbesitzer von Reupest, und zwar vermutlich im Jahre 1831. Sollten sich die alten Schriftstücke des Gemeindeältesten als authentisch erweisen, kann das Zentennarium trotz der Rattenplage im Stadthaus getrost gefeiert werden.
Schreibmafchinen-Haufse in der Türkei.
(p) Konstantinopel.
Seitdem in der Türkei die lateinische Schrift zwangsläufig eingeführt wurde und damit die alten Schreibmaschinen unbrauchbar geworden sind, machen die amerikanischen und europäischen Fabriken Bombengeschäfte mit dem modernisierten Lande Kemals. Allein im vergangenen
Oie predigt in Lichtenhain.
Von Max Sidow.
Ein Kandidat der Theologie, dem zu seinem künftigen Berufe nichts als ein wenig Beredsamkeit fehlte, war im Frühling des Jahres 1818 nach Jena gekommen, um hier feine Studien fortzusetzen und zu beenden. Bei seiner Ankunft hatten die Vorlesungen noch nicht begonnen. Er besaß daher Muße genug, sich in der fremden Stadt umzutun und sich so gut wie möglich einzurichten. Ueberdies aber blieb ihm noch reichlich Zeit, gewisse Uebungen aufzunehmen, mit denen er die natürlichen Fehler einer schweren Zunge und einer kaum zu hemmenden Furcht vor dem öffentlichen Auftreten zu überwinden gedachte. Und so begann er damit, zunächst vor den leeren Stühlen seiner Studentenbude, dann in der Einsamkeit der Saalehöhen die erbaulichsten Reden zu halten, und schließlich verfiel er darauf, an einer nahe gelegenen Wassermühle das Rauschen und Klappern des Mühlrades mit seiner Stimme zu übertönen. Diese Uebungen stärkten sein Selbstgefühl so, daß er sich bald imstande glaubte, vor eine gläubige Gemeinde zu treten und auch von der Kanzel herab das Wort Gottes auszulegen. Er wünschte darum nichts lebhafter als die Bekanntschaft eines amtierenden Pfarrers, der ihm Gelegenheit zu einer Gastpredigt geben sollte.
Inzwischen hatte er sich mit einigen Studienkameraden befreundet und von ihnen erfahren, daß sein Wunsch unschwer erfüllt werden könnte. Es lebte nämlich damals in Jena ein Professor Käthe, der neben seiner akademischen Tätigkeit noch das Amt eine Diakonen im benachbarten Lichtenhain versah. Von ihm wußte man, daß er — sei es aus Güte oder Arbeitsüberlastung — den jungen Kandidaten gern gestattete, an seiner Stelle die Kanzel zu besteigen. , v _
Diese Nachricht war unferm angehenden Demosthenes willkommen. Er beschloß sofort, dem freundlichen Professor seine Aufwartung zu machen und ihm seine Bitte vorzutragen. Schon am nächsten Tage zog er seinen besten Anzug an und begab sich zu schicklicher Stunde über die Camsdorser Brücke in das dicht an der Saale gelegene Gasthaus „Zur Tanne", denn dort sollte Köche wohnen.
Dabei war ihm freilich ein kleines Mißgeschick begegnet, das sich in der Folge jedoch als ein seltenes Glück erweisen sollte. Wie man weiß, wurde in jener Zeit, wie auch heutigestags noch, im schönen Jena ein zwar leicht thüringisch gefärbtes, immerhin aber unbezweifelbares Sächsisch gesprochen.
Verständlich also, daß bei der Auskunft, die sich der junge Theologe von einem Handwerksmeister auf der Gasse erbat, dieser biedere Jenenser an den gerade im Städtchen weilenden hochberühmten Herrn Staatsminister dachte und den Fragenden zu — Goethe wies.
In nicht geringer Aufregung betrat der Kandidat die „Tanne", ließ sich melden und wartete einige bange Augenblicke, bis der Diener mit günstigem Bescheid wiederkam. Goethe, gut gelaunt, vielleicht weil seine Arbeiten einen befriedigenden Fortgang nahmen, vieUeicht auch nur, weil er im heiteren Jena die geheim- rätliche Steifheit abgelegt hatte, war bereit, den Besucher anzunehmen. Der Kandidat wurde in ein geräumiges, schlicht ausgestattetes Erkerzimmer geführt, von dessen Fenstern aus eine herrliche Aussicht, der Anblick „eines rauschenden Flusses, einer rauschenden Stadt und eines anmutigen Tales" den Beschauer erfreute, und hier nun sah er sich plötzlich einem gütigen, aber imponierenden Greise gegenüber.
Rach den Schilderungen seiner Kameraden sollte Professor Köthe ein Mann in den Vierzigern sein, der auch keineswegs die Titel Exzellenz und Geheimrat führte, die der Diener eben seinem Herrn beigelegt hatte. Gleichwohl merkte der junge Theologe nichts von seinem Irrtum, doch stieg natürlicherweise bei so unerwarteten Llmständen seine Verlegenheit ins Maßlose, so daß er die Fragen nach seinen persönlichen Verhältnissen kaum beantworten konnte.
Der Olympier mochte dieses seltsame Betragen für Bescheidenheit und Demut halten, jedenfalls nahm er die Schüchternheit des jungen Mannes nicht übel auf, ließ sich von dessen Studiengang ein wenig erzählen und kam dann ganz von selbst dazu, einen langen Monolog über die verschiedensten Gegenstände zu halten; denn der Theologe figurierte nur als stummer Zuhörer. Lind so dozierte Goethe an Hand von einigen Gesteinsproben, die auf dem Tische lagen, ein kleines Kapitel Mineralogie, schwenkte ab zur Botanik, wies sodann auf die prächtigen Wolkenbildungen hin, die gerade über dem Saaletal standen und ihm zu einem meteorologischen Privatissimum Gelegenheit gaben, machte danach einen Seitensprung zur Physik und Chemie, verweilte schließlich dabei und verbreitete sich an* geregt über die Probleme der entoptischen Farben.
Dem armen Theologen, der von allen diesen Dingen nichts oder jedenfaUs nicht viel wußte.
blieb kaum etwas anderes übrig, als zu soviel Weisheit und Belehrung immer nur Ja und Amen zu sagen, was ihm indessen von Berufs wegen auch durchaus zukam.
Endlich, nach einem halbstündigen Selbstgespräch, beschloß Goethe sein Kolleg, schwieg und sah freundlich und wohlwollend den Kandidaten an, der ganz zusammengesunken, mit hängenden Armen und gesenkten Lidern, auf seinem Stuhle hockte. Dann, sich erhebend, um den Besucher zu entlassen, spürte der titanische Greis aus dem betretenen Zögern des Theologen, daß dieser noch etwas auf dem Herzen haben müsse, und ermunterte ihn, sein Anliegen freimütig zu entdecken.
„Verzeihen, Herr Geheimrat ... wenn ich es wagen darf ... ich habe allerdings noch eine Bitte ... eine sehr große Bitte ..
„Welche denn?"
„Wollen Herr Geheimrat mir nicht erlauben, daß ich ... daß ich nächsten Sonntag in Lichtenhain für Sie predige?" Mit einem hörbaren Stöhnen der Erleichterung blickte der Kandidat zu dem Gewaltigen auf.
Einen Augenblick lang war Goethe verwundert, ja, befremdet. Dann, blitzhaft die Verwechselung durchschauend, lachte er, wie er nur als Student in Leipzig gelacht hatte.
„Dazu freilich, mein junger Freund, werde ich Ihnen nicht Helsen können." Lind, das Eigentümliche, mehr noch das seltsam Komische seines Dozierens vor dem ängstlich-ehrfürchtig Schweigenden erkennend, fügte er lächelnd hinzu: „Aber ich zweifle nicht, daß unser Diakon in Lichtenhain Ihnen die Erlaubnis zum Predigen erteilen wird, zumal da er in dieser halben Stunde nicht der Zeuge Ihrer erstaunlichen Beredsamkeit gewesen ist."
Eine Balzac-Anekdote.
In einer Pariser literarischen Zeitschrift erzählt F. M. eine ziemlich unbekannte Anekdote aus der Frühzeit des Schöpfers der „Menschlichen Komödie".
Der damals weithin bekannte Mediziner Es* quirol wurde eines Tages von einem Schüler gefragt, an welchen äußerlichen Kennzeichen sich eigentlich die Grenze zwischen Vernunft und Rarrheit bestimmen lassen könne.
„Als Antwort auf diese Frage, eine der schwierigsten unserer ganzen Wissenschaft", erwiderte Csquirol, „labe ich Sie zum Sonntag bei mir zum Essen ein. Sie werden noch zwei
Gäste antreffen, die Sie, bitte, genau, aber unauffällig, beobachten wollen!"
Am Sonntag wurde der wißbegierige Student im Speisezimmer Esguirols einem sehr reputier- lichen älteren Herrn von ernstem, gesetztem Wesen und einem jungen Mann vorgestellt, der sehr vorlaut war, sich in jedes Gespräch eir* mischte und anscheinend alles besser wußte als jeder andere. Beide gingen sogleich nach dem Diner wieder fort.
„Run", wandte sich Esquirol an seinen Schüler, „Sie waren soeben mit einem sehr vernünftigen Menschen und einem unheilbaren Rarren zusammen. Welcher von ihnen war der eine und der andere?"
„Der alte Herr, der solch foignierten, vorteilhaften Eindruck macht, ist zweifellos der Vernünftige, aber dieser geschwätzige, aufdringliche jungt Mann gehört bestimmt in die Behandlung einer Heilanstalt!"
„Cerade umgekehrt ist's richtig!" erwiderte lächelnd Esquirol. „Der alte Herr ist ein langjähriger, unheilbarer Insasse von Charenton, der nur deshalb solch ein gesetztes Wesen zur Schau trägt, weil er die fixe Idee hat. der liebe Gott zu fein; der Jüngere ist der glänzend begabte Schriftsteller Balzac!"
Hochschulnachnchten.
Der durch die Emeritierung des Geh. Regierungsrats K. Hensel an der Universität Marburg erledigte Lehrstuhl der Mathematik ist dem Professor Dr. Helmut Hasse in Halle angeboten worden. Hasses Arbeiten betreffen besonders Algebra und Zahlentheorie. Der aus Kassel gebürtige Mathemati- ter studierte Mathematik bei den Professoren Toep- Utz (Kiel), Hecke und Courant in Göttingen und besonders bei Geheimrat Hensel in Marburg. Seine akademische Laufbahn begann Dr. Hasse im Jahre 1922 als Privatdozent in Marburg, habilitierte sich später nach Kiel um, erhielt dort einen Lehrauftrag für Geometrie und folgte 1925 einem Rufe als Ordinarius nach Halle. — Der Privatdozent in der medizinischen Fakultät der Universität Marburg Dr. med. Hans Schmidt ist beauftragt worden, an der dortigen Universität im Wintersemester 1929/30 die Hygiene in Vorlesungen und Uebungen au vertreten. — Zum Nachfolger des Geh. Geh. Kon- fiftorialrats Prof. Gerhard Ficker auf den Lehrstuhl der Kirchengeschichte an der Universität Kiel ist Lic. theoL Kurt-Dietrich Schmidt, Privatdozent in Göttingen, in Aussicht genommen«


