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Nr. 56 Zweites Blatt
Donnerstag, 7. März 1929
Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Das indische Problem.
Don E Mulden.
Die blutigen Ereignisse in Bombay lenken wieder einmal die Aufmerksamkeit der Welt auf das indische Problem. Der Gegensatz zwi - s ch en Hindus und Mohammedanern in Indien interessiert natürlich auch vom politischen Standpunkt aus. Die politischen Beobachter, die das Land in letzter Zeit bereisten, haben jedoch die Frage nach der Möglichkeit der Versöhnung dieser beiden großen Elemente der indischen Bevölkerung verschieden beantwortet. Die deutsche Gewerkschafts-Delegation z. B., die zusammen mit der britischen etwa vor l1/» Jahren Indien besuchte, bejahte durchaus die Möglichkeit der Einigung zwischen Hindus und Mohammedanern, die ja beide an der Äeber- windung der englischen Oberherrschaft interes iert seien. Ganz anders beleuchtete d as Problem der berannte Sanskrit-Forscher der Berliner Universität Professor Lüders, erst kürzlich in der Preußischen Akademie der Wissen'cha'ten. Seine Ausführungen waren nur eine Bestätigung für die Erkenntnis, die jetzt in Bombay einen so blutigen Beweis erfuhr' daß nämlich die Religion in Asien auch heute noch etwas ganz anderes ist als in Europa. Dabei muß 1 besonders ins Auge gefaßt werden, wie dicht gerade in Bombay Mohammedaner und Hindus i zusammen wohnen. So hat hier der. religiöse | Gegensatz immer wieder die Möglichkeit, sich in seiner ganzen Schärfe zu zeigen.
Während der Islam eine streng monotheistische i Religion ist, zeigt der Hinduismus eine ausgesprochene Aeigung zum Pantheismus. Dieser । Gegensatz bleibt aber nicht etwa nur in der i inneren Weltanschauung stecken, sondern pro- 1 jiziert sich immer wieder nach außen. Der Mo- , hammedaner erkennt die Majestät des Todes an; für den Hindu ist der Tod nur eine Körperverwandlung; die Bestattungszeremonie ist bei den i Mohammedanern von feierlichem Ernst, bei den Hindus von einem schaulustigen Gepränge umgeben. Roch aufreizender ist der Gegensatz des Gottesdienstes. In den Moscheen herrscht Grabesstille, die kaum gestört wird von dem leisen Gemurmel der Betenden; in den indischen Tempeln herrscht ein buntes Treiben: die Büßer kasteien i sich öffentlich, Lehrer und Schüler studieren im Chor usw. Immer wieder beklagen sich die Mohammedaner, daß ihr Gottesdienst von der Strahenmnlik der Hindus gestört wird; die Hindus ihrerseits aber werfen es den Mohammedanern vor, daß sie die Kuh, die nach der hinduistischen Auffassung ein heiliges Tier ist, schlachten. Alle diese Gegensätze, so faßte Professor Lüders sein Urteil zusammen, trennen heute noch Mohammedaner und Hindus in Indien nicht weniger als vor Jahrhunderten und find die Ursachen eines tagtäglichen Streites, dessen Ende gegenwärtig nicht abzusehen ist. Die jüngsten Ereignisse in Indien haben diesem Urteil leider allzu schnell eine Bestätigung gegeben.
Wir sagten es aber schon, der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems in Indien ist nicht nur von religiöser, sondern auch von eminenter I politischer Bedeutung. Denn es ist klar, I daß ein solcher Zwiesp Ut in der Bevölkerung die Lage für die englische Oberherrschaft im Lande erleichtert. 3a, es gibt eine Ansicht, die dahin geht, daß die Engländer mit Absicht die erwähnten religiösen Gegensätze schüren. Die Mitglieder der vorher genannten Gewerkschafts-Delegation führen einen in dieser Beziehung interessanten Fall an, ohne allerdings ! Ramen zu nennen. In einer der größten Städte Indiens hatte sich eine Bereinigung hauptsächlich ! von Akademikern gebildet, und zwar sowohl aus
Oie Liebe derBn'giita Hollermann
Roman von Elisabeth Ney.
| Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale). Nachdruck verboten.
Der Geheime Sanitätsrat Bernhard Holler» mann stand am Fenster seines Sprechzimmers, und starrte unverwandt in den Park hinaus.
Draußen war es bereits dunkel.
Ein kalter Rovemberwind heulte unheimlich um die Hausecken, und bog die Aefte der alten Parkbäume bis tief zur Erde hinab.
Der alte Arzt stand regungslos.
Seine stattliche, breite Gestalt war tief nach vorn geneigt, als drücke ihn eine schwere Last, oder auch, als lausche er angestrengt auf etwas.
Schon vor einer Stunde war er von der Abend- I Visite bei seinen Patienten zurückgekehrt, ohne | sich jedoch entschließen zu können, in seine der h Klinik angegliederte Billa hinüberzugehen.
Drüben im Speisezimmer brannte Licht. Die Seinen warteten wohl schon mit dem Abendessen auf ihn.
Ein schwerer, gequälter Seufzer hob jetzt seine Brust, und leise knirschten die Zähne aufetn- ander, als unterdrücke er nur mit Gewalt eine ungeheure Erregung. Plötzlich aber warf er den Kopf, wie im Trotz, wild zurück, und allmählich bekam sein Körper wieder die selbstbewußte, aufrechte Haltung.
Brüsk wandte er sich vom Fenster ab, und trat an seinen Schreibtisch.
Mit merkwürdig-scheuem Blick streifte er die daraufstehende kleine Standuhr, und tupfte unsicher dicke Schweißperlen fort, die auf feiner Stirn waren.
„Jetzt, jetzt muß es vorüber fein/ murmelte er dann erbleichend. „Gott ist mein Zeuge, ich konnte nicht anders handeln, er wird mich nicht verdammen, daß ich den Aermsten von namenloser Qual befreite."
Ein herrisches, lautes Klopfen an der Zimmertür ließ den Geheimen Sanitätsrat Hollermann heftig zufammenzucken.
Er wußte, was ihm jetzt gemeldet werden würde, er hatte es schon seit einer Stunde gewußt, und doch schwankte seine Stimme merklich bei dem „Herein!", das er jetzt rief.
Fest umklammerte er dann die Lehne seines Sessels, so daß die Knöchel der Finger schmerzhaft gerötet hervorquollen, und versuchte Fassung zu gewinnen.
Langsam, unendlich langsam, so schien es ihm, wurde die Tür geöffnet.
Hindus wie aus Mohammedanern mit der Aufgabe, die, wie wir oben zeigten, so wichtige Ruhe in den Moscheen zu beschützen. Zu diesem Zweck stellte die Bereinigung Wachen an verschiedenen Moscheen der Stadt auf. Diese Wachen wurden aber von der britischen Polizei aufgelöst, während dieselbe Polizei die lärmende Straßen- mu ik der Hindus ruhig weiter an den Moscheen vorbeizi.hen lieh ... Auf der anderen Seite kennen wir Beispiele, wo leitende britische Politiker — es sei nur Lord Irving erwähnt — Hindus und Mohammedaner in Indien.von öf- fentl cher Tribüne herab zur Versöhnung aufforderten. Eine solche Versöhnung wurde aber auch von den indischen Rationalisten selbst, die ja die ganze politische Schädlichkeit des Gegensatzes zu den Mohammedanern wohl begreifen, insbesondere feit dem "Beginn der Agitation Mahatma Gandis angestrebt. Wie weit diese Ver- söhnungsbestrebungen von indischer Seite gehen, ersieht man insbesondere auch aus dem sog. Rehru-Entwurf, d. h. dem Verfassungs- Entwurf, den die Komission der indischen Rationalisten unter der Führung von Pandit Motilal Rehru als Gegenstück zu der britischen Simon-Kommission aufgestellt hat. Rehrus Ver- falsungs-Entwurf schaltet nämlich das religiöse Moment völlig aus; es soll weder eine Staatsreligion in Indien geben, noch soll irgendein Glaubensbekenntnis durch öffentliche Mittel unterstützt, noch darf jemand um seiner Religion willen vom indischen Staatsdienst ausgeschlossen werden.
Wie verhalten sich nun aber auf der anderen Seite die Mohammedaner zu der indischen Llnabhängigkeitebcwegung, mit anderen Worten zu E^g and? Die indischen Mohammedaner haben in dieser Beziehung seit dem Weltkrieg eine verschiedenartige Entwicklung durchgemacht. Das sogenannte Kalifatskomitee, das dem Panislamismus auf seine Fahne geschrieben hat, stellte sich konsequenterweise in einen schroffen Gegensatz zu England. Rachher ist diese Bewegung aber
stark abgeebbt und die Mohammedanische Liga Indiens zeigt neuerdings immer mehr Tendenzen zu einem Ausgleich mit England. Bekanntlich tagte im Anfang des lau enden Jahres in Kalkutta der Indische Rationalkongreß und nahm mit großer Stimmenmehrheit Ghandis Entschließung an, welche bic Dvminialver- f a f f u n g für Indien als die gegebene bezeichnet, vorausgesetzt, daß sie von dem britischen Parlament noch im Laufe dieses Jahres gewährt werde. Gleichzeitig mit diesem Allindischen Kongreß wurde unter dem Vorsitz Aga-Khans eine Allmohammedanische Konferenz abgehalten, die sich gleichfalls eingehend mit der Frage der Reform der indischen Verfassung beschäftigte. Im Endergebnis lehnte aber diese Konferenz es ab, zu den Fragen des Dominium-Status oder der absoluten Llnabhängig'eit Indiens, ja ebenso wenig zu den Arbeiten der Simon-Kommission oder zu dem oben erwähnten Rehru-Entwurf Stellung zu nehmen. Alle Resolutionen, die auf dieser mohammedanischen Konferenz gefaßt wurden, verlangen vielmehr in der Hauptsache nur eine durchaus gleichberechtig te Vertretung d er mohammedanischen Interessen bei jeder Reform der indischen Derfa'sung und e'.nen entsprechenden Schuh des kulturellen und sprachlichen Eigenlebens der Mohammedaner in Indien. Wir sehen: eine England gegenüber außerordentlich versöhnliche Politik und zugleich gegenüber der indischen Rationalbewegung eine Haltung der "Neutralität. Alles in allem genommen, sehen wir im Lager der indischen Politiker, sowohl hinduistischer als islamitischer Herkunft, Bestrebungen, die auf gegenseitige Befriedung anzielen. Aber zwischen den Politikern und den einfachen Volk — das zeigen gerade die Ereignisse von Bombay — besteht noch eine groste Kluft und die Aufgabe der Politiker wird es sein, die Weiterentwicklung hier ebensowohl in kultureller als in politischer Hinsicht aufmerksam zu verfolgen.
Der „Tag des Buches.
Gedanken und Anregungen.
Vom Hessischen Staatsministerium wird mitgeteilt: Zwei Quellen sind es, die heute das künstlerische und vielfach auch das geistige Bedürfnis großer Teile unseres Volkes stillen: Rundfunk und Kino. Beide sind Kinder unserer Zeit in ihrem Wesen und in ihrer Ausdrucks, orm; sie bringen den ständigen Wechsel und die Vielseitigkeit; sie wenden sich an Massen, wie sie größer oder gleichgroß durch keine andere künstlerische oder geistige Darbietung erfaßt werden können; sie fordern nicht mehr als die Aufmerksamkeit und Konzentration weniger Minuten oder Stunden. Daher ihre Bedeutung und ihre Beliebtheit in einer Zeit, die mit der Stoppuhr gemessen, und in einer Welt, deren Raum durch Auto, Flugzeug und Elektrizität dem Raum eines kleinen Landes aus früheren Jahrhunderten gleichzusehen ist. Die Gründe aber für die hohe Bedeutung von Kino und Radio und für ihre großen kulturellen Aufgaben gegenüber der Gesamtheit der Menschen sind zugleich auch die Gründe für die Gefahr, die sie bei einseitiger Inanspruchnahme jür den Einzelmenschen bergen. Für die Gesamtheit mögen Zeiteinteilungen nach der Stoppuhr und Raumabmessungen nach dem Leistungsvermögen der Flugzeuge Rotwendigkeiten bedeuten, für den einzelnen ist jedoch d i e Besinnlichkeit das Moment, das ihn allein zu sich selbst führen kann, ist Besinnlichkeit Lebensüberprüfung, gibt Besinnlichkeit die einzige Mög-
Vor ihm stand fein erster Assistenzarzt Doktor Fritz Beilinger. Ein langer, rotblonder Mensch, mit unschönen, brutalen Gesichtszügen, die ein Spitzbart etwas milderte.
Auge in Auge standen sich die beiden Aerzte einen Moment gegenüber. Dann klang es schwer, wie wuchtige Hammerschläge, mit seltsam betonten Worten vom Mund des Assistenten:
„Herr Geheimrat, ich wollte Ihnen nur melden, daß der Patient Erich Blessen auf Zimmer sechs soeben ganz unerwartet verschieden ist."
Geheimrat Hollermann senkte zum Zeichen, daß et die Nachricht vernommen habe, das Haupt. So sah er nicht das bösartige Ausblihen in des anderen Augen.
„Haben Sie mir noch etwas zu melden, Herr Kollege?" fragte jetzt der alte Arzt mit schwerer Zunge, da der Assistent keine Miene machte, das Zimmer wieder zu verlassen.
„Richt direkt, Herr Geheimrat," klang es eigentümlich-langsam von dessen Lippen. „Doch finden Sie nicht auch, daß der Tod des Patienten ein gar zu plötzlicher ist, so daß man ihn kaum als natürlich bezeichnen kann?"
„Wie meinen Sie das?" fragte der Geheimrat, scharf aufblickend, wobei sich plötzlich jeder Muskel in seinem edelgeformten Gesicht spannte, als fühlte er, daß ein Feind vor ihm stand, der ihn bedrohte.
„Der Patient starb nicht an feiner unheilbaren Krankheit, Herr Geheimrat. Rach meiner Diagnose hätte er mindestens noch zwei bis drei Wochen zu leben gehabt,"
„Zu leiden, wollten Sie wohl sagen, entsetzlich, unmenschlich zu leiden!" brach es wild aus der Brust des alten Arztes. „Danken wir doch Gott, lieber Kollege, daß er eher erlöst wurde, und fragen wir nicht nach dem wodurch! Ein Tier tötet man aus Barmherzigkeit, wenn es leidet, einem Menschen aber hilft man aus Pflichtgefühl nach besten Kräften, fein Leiden zu verlängern. Blessen ist tot, ihm ist wohl! Gute Rächt, Kvl- lege, ich werde nochmals persönlich nach dem Entschlafenen sehen."
„Ich brauche noch etwas Veronal für Zimmer Rümmer eins. Schwester Martha kann es im Gistschrank nicht finden. Haben Sie es zufällig an sich genommen, Herr Geheimrat?"
Geheimrat Hollermanns Stimme schwankte, als er jetzt antwortete:
„Gehen Sie bitte hinüber ins Laboratorium, ich ließ er dort leider aus Vergeßlichkeit liegen. Wenn Schwester Martha sich wundern sollte, daß ein ziemliches Quantum davon fehlt, so bestellen Sie ihr, daß ich es verschüttete. Run nochmals: Gute Rächt."
„Gute Rocht, Herr Geheimrat. Wenn Sie nach dem Toten sehen, so betrachten Sie bitte besonders die Augäpfel, ich glaube nämlich, es liegt
lichkeit, das Tempo soweit zu verringern, daß man dem Leben prüfend und wägend ins Auge sehen kann.
Cs gibt natürlich auch heut: noch viele Menschen, denen Besinnlichkeit in großem Maße eignet; der größere Teil aber wohl stellt Besinnlichkeit auf die gleiche Stufe wie Zeitverschwen- dung. Der Wechsel, das Tempo, die Sensation geben unserer Zeit den Rhythmus. Dinge, deren Wert, Bedeutung und kulturelle Aufgabe an sich feststeht — man denke hier vor allem auch an den Sport — passen sich diesen Zeitforderungen an. Ruhe, Gelassenheit, Besinnlichkeit mochte man am liebsten als erledigt und unzeitgemäß abtun, man beschränkt sich in künstlerischen, geistigen und sportlichen Dingen auf die Passivität.
Diese Entwicklung wurde zum stärksten Feind des Buches. Das Buch — e? ist natürlich hier nur die Rede vom guten, künstlerisch und literarisch einwandfreien Buche — lebt von der Besinnlichkeit der Menschen. Wenn dem Menschen Zeit und innere Einstellung zu ihm mangeln, muh das Buch in dem auch im Künstlerischen und Geistigen sehr harten Gegenwartskampf unterliegen, ilnö tatsächlich ist die Position des guten Buches heute erschüttert, tatsächlich spielt es bei weitem nicht mehr die Rolle, die ihm seiner Bedeutung nach im Leben einer Kulturnation vom Range und mit der Tradition der deutschen zu- kommen müßte. Es wäre Täuschung, die Gründe dafür allein in den gegenüber der Vorkriegszeit veränderten Vermögensverhältnissen zu suchen.
eine Deronolvergiftung vor. Der Teufel weih, wie er dazu gekommen ist! Oder können Sie es vielleicht erklären, Herr Geheimrat?" entgegnete Doktor Beilinger höhnisch, und verlieh das Zimmer.
Stöhnend brach Geheimrat Hollermann auf seinem Schreibtischsessel zusammen.
„Verraten!" stöhnte er, „verraten, und noch dazu an Beilinger. Gott steh' mir bei!“
Als Geheimrat Hollermann eine halbe Stunde später im Kreise feiner Familie erschien, hatte er sich bereits so weit in der Gewalt, dah ihm äuherlich nichts anzumerken war.
Seine Frau begrüßte ihn, wie immer, mit ungerechten Vorwürfen über sein unpünktliches Erscheinen. Sie hatte sich in ihrer zwanzigjährigen Ehe immer noch nicht daran gewöhnen können, dah für einen gewissenhaften Arzt zuerst die Patienten kommen, und dann erst die eigene Familie.
Frau Evelyn, eine geborene von Treulih, war mit ihren dreiundvierzig Jahren eine überaus schöne Frau, die sich durch rauschende Vergnügungen an ihrem sonst einsamen Leben schadlos hielt.
„Du bist sehr bläh, liebes Väterchen!" sagte jetzt seine älteste Tochter Vrigitta, sich zum Kuh über des Vaters feine Gelehrtenhand beugend.
Seltsam, der alte Herr entzog ihr heute diese Hand mit beinahe heftiger Bewegung, und ein gequälter Ausdruck kam dabei in fein Gesicht. Schnell fuhr er feiner jüngsten Tochter, der siebzehnjährigen Isa, über den rotblonden Buben- kopf; dann setzte er sich zu Tisch.
Das Gespräch drehte sich um die diesjährige erste große Gesellschaft, die im Hause des Geheimrats Hüllermann stattfinden sollte.
Mutter und Tochter berieten eifrig über die Tischordnung, während der Geheimrat, entgegen sonstiger Icbhaster Anteilnahme an solchen Haus- festlichkeiten, heute gar keine Rotiz davon nahm.
„Weshalb bist du denn so abwesend, Bernhard? Denkst du denn immer noch an die dummen Patienten? So höre doch endlich! Die Mädels streiten sich um die Tischherrn. Vielleicht sprichst du ein Machtwort. Wer fort Brigitta und wer Isa zu Tisch führen?"
„Isa mag meinetwegen meinen zweiten Assistenten, Doktor Eggenbrecht, zum Tischherrn haben, während es mir erwünscht wäre, daß Brigitta Doktor Beilinger als T.schherr zugeteilt wird "
„Beilinger? Vater, das ist nicht dein Ernst!" rief Brigitta Hollermann erschrocken aus. „Du weißt, daß ich ihn nicht ausstehen kann!"
„Daraus kann nichts werden, liebes Kind. Doktor Beilinger ist mein erster Assistent und meine sogenannte rechte Hand. Ihm gebührt die Ehre, die älteste Tochter des Hauses zu
Sie liegen tiefer, sie liegen im Wesen unfe^ r e r Zeit, und ihnen nachzugehen und sie nach Möglichkeit zu beseitigen, ist Sinn und Aufgabe des „Tages des Buche s".
Tiefer „Tag des Buches" findet auf Anregung des Reichsministers des Innern am 21. und 22. März 1929 im gesamten deutschen Sprachgebiet statt. Träger sind die Kulturministerien sämtlicher deutscher Länder unter Führung eines beim Reichsinnenministerium eingesetzten Arbeitsausschusses, dem die öffentlichen Körperschaften für Volksbildung und Büchereiwesen, die Vereinigungen der Buchhändler, Verleger, Dichter. Schriftsteller, der Lehrer, der Jugendverbände u. a. angehören. Es handelt sich dabei — wie oben schon gesagt — um die Festigung der Position des guten Buches. Keines- Wegs soll der „Tag des Buches" etwa eine Gegenaktion gegen Radio. Kino oder Sport sein. Diese Beschäftigungen sind an sich nicht Gegner des Buches, und das Buch ist nicht ihr Gegner. Es soll vielmehr durch den „Tag des Buches" versucht werden, dem Menschen unserer Zeit das gute Buch wieder näher zu bringen, fei es durch Bild oder Wort, fei es durch ein kleines Duch- geschenk, fei es durch eine öffentliche Veranstaltung. Also nicht Gegnerschaft gegen siegreiche Zivilisations- und Kulturerrungenschasten, sondern erneute Schließung des zeitgegebenen Kulturkreises durch Einfügung des ältesten Mittlers deutschen Geistesgutes: des Buches. Jedenfalls wird der „Tag des Buches" nur dann so recht seine Aufgabe erfüllen, wenn er in jedem Lande, in jeder Gemeinde durch besondere Veranstaltungen begangen wird und damit in jedem Menschen den Gedanken an die kulturelle Bedeutung des guten Buches wachruft. Vielleicht ist auf diese Art auch eine wirksame Bekämpfung des heutigen Schlagertums und der Schmutz- und Schundliteratur zu erreichen, indem allmählich wieder in den Menschen das Empfinden für eine gewisse Besinnlichkeit wachgerufen wird, die die Beschäftigung mit dem Buche ja zwangsläufig verlangt.
Die Anreger und Förderer des deutschen Buchtages geben sich natürlich nicht dem Optimismus hin, zu glauben, daß mit diesen Veranstaltungen nun mit einem Schlage völliger Wandel geschaffen und Buch und deutsches Schrifttum damit gerettet seien, aber sie knüpfen daran die Hoffnung, daß es doch gelingen werde, das gute Buch wieder mehr als seither in den Brennpunkt der kulturellen Bedürfnisse und Bestrebungen zu rücken, daß mit diesem Tag die Verbreiterung seines Lebensrcmmes wieder angebahnt werde. Diese Hoffnung ihrer Verwirklichung entgegenzuführen, dazu seien alle Freunde des guten Buches aufgerufen.
Aus der proviuzialhaupistadt.
Gießen, den 7. März 1929.
Oer Zahrzeugverlehr auf den oberhessischen Landstraßen. Die Provinzialdirektion Oberßeffen veröffentlicht im neuesten Amtsverkündigungsblatt eine Polizeiverordnung über den Fahrzeugverkehr c\uf den oberhessischen Landstraßen. In der am 1. April in Kraft tretenden Verordnung wird folgendes bestimmt:
Es ist verboten, Straßen, die von der Provinzialdirektion gesperrt sind, zu befaß r e n. Ein Straßenzug gilt als gesperrt, wenn die Sperrung durch Sperrschilder kenntlich gemacht ist. Auch das Betreten des Straßenzuges ist verboten, wenn dies auf den Sperrschildern besonders zum Ausdruck gebracht ist.
Faßrzeuge, deren Radkränze oder sonstige den Boden berührende Flächen Unebenheiten
Tisch zu führen, er würde sich sonst mit Recht zurückgeseht fühlen."
„So mag er doch! Was kümmert's mich!" tief Brigitta ans. „Schon seit Wochen verfolgt er mich und schickt mir Blumen."
„Ich möchte ihn auf keinen Fall beleidigen, und nun verlieren wir wohl kein Wort mehr über solche Kleinigkeiten, es bleibt dabei. Ich habe Interesse daran, daß Doktor Beilinger vielleicht überhaupt als Mitinhaber in meine Klinik eintritt. Er ist reich, und sucht eine ähnliche Sache. Ihr alle wißt recht gut, daß mich dieser kostspielige Villenbau und die letzten schlechten Jahre beinah arm gemacht haben. Da ihr euch alle in keiner Weise einschränkt, so muß eben andere Hilfe werden."
„Aber liebster Bernhard, ich glaube, du siehst zu schwarz. Du hast ja schon fast das ganze Jahr die Klinik voll belegt. Du verdienst doch Unsummen," warf Frau Evelyn ärgerlich ein.
„llnfummen,“ sagte der Geheimrat leise, und lächelte dabei seltsam.
Riemand wußte ja, daß er ein Arzt der Armen war, daß beinah die Hälfte seiner Patienten arme notleidende Menschen waren, die er kostenlos operierte und gesund pflegte und füttern ließ. Oft hatte er versucht, hart zu werden und es seinen anderen Kollegen gleich zu tun. Dann freilich wäre er schon längst ein steinreicher Mann gewesen. Aber konnte ein Arzt, der ein Gewissen hatte, und stets da hals, wo geholfen sein mußte, den Patienten erst fragen, ob er auch für diese Hilfe bezahlen könne? Daran dachte der alte Arzt ja nie, wenn er Menschenleid sah, und somit war er in dieses Dilemma geraten. Rur eine Assoziation mit einem anderen Arzt konnte ihn retten.
Zeitig verabschiedete sich der Geheimrat von den Seinen. Er gab an, noch einmal nach einem feiner Patienten sehen zu müssen, und verließ das Zimmer.
Lange stand er dann an dem Totenbett Erich Dlessens, eines alten, rüdenmarLranlen Menschen, der Tag und Rächt wie ein Tier in wildem Schmerz geschrien hatte. „Tötet, o tötet mich!"
Langsam wandte er sich bann, und verließ das Zimmer.
„Du bist ein Mörder!" klang es in ihm. „Du bist fein Mörder!"
„Vein, nein, das ist ja sinnlos. Ich bin fein Befreier." murmelte Ceh imrat Holl rmmn. „Herr Gott, was quäle ich mich denn so? Ist cs dem Aermsten jetzt nicht wohl? Hatte er mich nicht wochenlang um diesen letzten Liebesdienst cm- gefleht, und mit Tränen gedankt, al3 ich. endlich weich werdend, ihm Erfüllung versvrach?"
Wie aus der Erde gewachsen stand Doktor Beilinger plötzlich vor dem Geheimrat.
(Fortsetzung folgt.)


