Nr. 286 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Freitag, 6. Dezember 1929
Hessischer Landtag.
Sur Lockerung der Wohnungszw 2NgSwirtschafi. — Oer Fünfuhrladenschluß am Heiligabend. — Oie Stahlhelmausschreiiungen in Darmstadt.
Darmstadt. 5. Dez. (WT2.) Die Sitzung wird bei schwach besetztem Haus mit der Beratung kommunistischer Anträge auf Sonder- bc Steuerung übergroher Wohnungen und auf Aufhebung der Verordnung des Arbeitsministers hinsichtlich der Lockerung der Wohnungszwangswirtschaft für sog. teure Wohnungen ldas heißt Wohnungen mit einer Friedensmiete von über 1800 Mt. in der Ortsklasse A, über 1200 Mk. in der Ortsklasse B, über 800 Mk. in der Ortsklasse C und über 500 Mk. in der Ortsklasse D), sowie des volksparteilichen Antrages auf Einführung der M i e t- berechtigungskarte. die der Arbeitsminister den antragstellenden Kommunen gestatten will.
Abg. Hamman (Komm.) verlangt das gesamte Aufkommen der Wohnungssondersteucr für den Dau von neuen billigen Wohnungen. Er zählt zahlreiche Fälle auf, in denen bis zu sieben Personen in einem Räume untergebracht find.
Abg. Mann (Soz.) spricht gegen die unsozial wirkende Mietberechtigungskarte. Wit Ausnahme der Hansastädte sei in Hessen am meisten gebaut worden. 1927 seien 25 Millionen an Sondersteuer eingegangen, während zur Förderung des Wohnungsbaues 11 Millionen aufgewandt wurden.
Abg. Haury (D. Dp.) weist auf die Vorteile der Mietberechtigungskarte hin. Er ist mit der Antwort der Regierung zufrieden.
Arbeitsmini st er Korell betont, das; die meisten Auskünfte über die Mietberechtigungskarte nicht so günstig seien, wie vom Vorredner betont worden sei. Der Staat müsse auch für die kinderreichen und weniger bemittelten Familien sorgen. Bei vielen Vermietern bestehe gegen kinderreicheFa- milien, selbst nur mit zwei Kindern, geradezu eine Psychose. Als Anhänger der freien Wohnungswirtschaft müsse er aber den heutigen Verhältnissen Rechnung tragen und könne daher mit der Lockerung der Zwangswirtschaft nur schrittweise vorgehen.
Abg. Dr. Wolf (Volksr.-P.) und Abg. Frau H e r ä u s (Sn.) stimmen dem Antrag Haury zu. — Die kommunistischen Anträge werden abgelchnt. — Der Antrag Haury wird für erledigt erklärt. — Ein Antrag der Volksrechtpartei mit einem Zusohantrag Dr. Riepoth (D. Vp.), die Rückzahlung von empfangenen Fürsorgeunterstühungen nur dann zu verlangen, wenn dadurch keine unbillige Härte entsteht, wird durch die entgegenkommende Rcgierungsantwort für erledigt erklärt.
Abg. Delp (Soz.) bestreitet dem Landtag die Zuständigkeit, Beschlüsse zu fassen, die den Gemeinden Ausgaben aufzwingen ohne der Regierung die Mittel zum Ersatz an die Gemeinden zu geben. Von der Leistung von Pflichtarbeit während der Llnterstühungszeit könne gerade aus sozialen Gründen nicht abgesehen werden. Don dem dafür gezahlten Lohn werde nur ein Teil für die ausgezahlten Unterstützun- gen abgerechnet, denn wenn ein Mann wieder in den Produktionsprozeß eingeschaltet sei, brauche er sein Einkommen zur Erhaltung seiner Arbeitskraft.
Das Erbe des Herrn von Anstetten. Zftoman von Z. Gchneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Es war schon etwas nach 11 Uhr, als sie in sein Arbeitszimmer trat. Er sah mit dem Rücken gegen die Türe an seinem Schreibtisch und hatte die beiden Ausgabebücher vor sich liegen. Als sie nähertrat, merkte sie, daß er schlies. Der Kopf war etwas seitwärts gegen die hohe Lehne geglitten und die Hände herabgefallen.
Wie schlecht er aussieht, dachte sie, vielleicht kam über kurz oder lang das Fieber wieder zum Ausbruch. Sie wußte, daß es sich zeitweise wiederholte. Das eine Fach des Schreibtisches war aufgezogen und zur Hälfte wieder geschlossen worden. Der blauschwarze Lauf eines Revolvers schillerte drohend auf. Ihr Erschrecken dauerte nur Sekunden. Gott, schließlich war nichts dabei, wenn ein Mann einen Browning in seinem Schreibtisch liegen hatte.
Sie wars einen flüchtigen Blick auf seine Hände. Sie lagen reglos still und trugen feines, blaues Geäder.
Er würde Wohl jetzt zu müde sein, den Fahrplan mit ihr zu studieren. Aber nachdem sie nun schon einmal hier war, konnte sie Bernd noch „Oute Rächt" sagen.
„Warum schläfst du nicht?"
Er schüttelte nur den Kopf und dämpfte die Stimme zu einem leisen Flüstern: „Ich warte, bis er das Licht löscht."
„Vater?"
„3a!"
„Was ist das für ein Blödsinn." schalt sie. „Er dort und du hier! Warum geht ihr nicht zu Bett, wenn es Zeit ist?"
Das Gesicht des Jungen legte sich in die aufgestemmten Knie. Ratlos setzte sich Brunhilde zu ihm auf das Sofa und zog seinen Kopf hoch. „Sei jetzt lein Kind und gib Antwort."
„Mutter, ich weiß nicht, warum er Tag für Tag solange aussitzt — und--“
„Und, Bernd?"
„So sürchterlich stöhnt, Mutter! — Ich habe ihn kürzlich mit jemand sprechen gehört und bin zur Türe gesprungen, aber es war niemand bei ihm. Er hat mich weder gehört, noch gesehen, als ich das Schloß wieder zudrückte.
„Ich fürchte, daß es wieder zu einem Fieberanfall kommt," beschwichtigte sie ihn. „Geh jetzt zu Bett, ich wecke den Vater und rede ihm zu, daß er einen Arzt konsultiert."
Um den Fünfuhlladenschluß am Heiligabend.
Der demokratische Antrag wegen der Heber- schreitung der Derkaufszeitenin den ländlichen Ladengeschäften gibt dem Abg. Wesp (Zentr.) Anlaß, für den Fünf- Uhr-Ladenschlutz am Heiligen Abend einzutreten, der zur Zeit im Sozialpolitischen Ausschuß des Reichstages beraten wird.
Arbeitsminister Korell verweist darauf, daß im vorigen Jahre der Füns-Uhr-Laden- schluß bei seinen Verhandlungen an der Haltung der Arbeitgeber gescheitert ist. Die Haus- srauenvereine hätten die.es Jahr um einen neuen Vorstoß gebeten. Sein Ausruf für den Fünf- Uhr-Ladrnschiuß habe lebhafte Anerkennung gefunden, auch seitens vieler Arbeitgeber und des Landeskirchenamtes. Der ihm heute vom Einzelhandel gemachte Vorwurf, daß er von diesen Dingen nichts verstehe, weise er scharf zurück. Man brauche nicht Syndikus zu sein, um die Verhältnisse einer Branche zu verstehen. Wenn er eine feste Meinung habe und die ablehnende Ansicht der anderen Seite kenne, brauche er diese nicht noch zu einer nur eine Verstimmung auslösenden Besprechung einzuladen. In dieser durch das Gewissen gebundenen Frage dürften Wirtschaftsinteressen nicht hineinspielen. Die Geringschätzung der ethischen und religiösen Gründe durch den Einzelhandel sei bedauerlich. Wenn in diesem Jahre eine gütliche Regelung nicht zustande- komme, werde sie spätenstens im nächsten Jahre gesetzlich geregelt, falls nicht noch jetzt im Reichstag das eingebrachte Initiativgeseh angenommen werde. Dem Einzelhandel entstehe wegen des zwei Stunden früheren Ladenschlusses kein Schaden.
Abg. Reiber (Dem.) wünscht eine Erziehung des kaufenden Publikums unö dankt dem Minister für sein Vorgehen.
Die Abgg. S t e f f a n (Soz.) und Dr. Wolf (Volksr.-P.) schließen sich ihm an, ebenso im Ramen der Frauen und Mütter die Abg. Frau H e r ä u s (Sn.).
Abg. Sr. Werner (wild) protestiert gegen die Besudelung alles dessen, was Christen heilig sei. durch die Kommunisten. Er lehnt den demokratischen Antrag ab, da er den Interessen des flachen Landes widerspreche. — Ser Antrag wird für erledigt erklärt, ebenso ein demokratischer Antrag auf Verlegung eines Feldbereinigungsamtes von Oberhessen nach Rheinhessen.
Sie Instandsetzung der Solquellen in Bad Salzhausen wird genehmigt.
Sie Zulassung der Amtsgerichtsanwälte zum übergeordneten Landgericht und die Zuziehung von Assessoren als Hilfsrichter bei den Kollegialgerichten wird beschlossen, nachdem sich die Juristen darüber eingehend unterhalten haben. Eingaben über die Einstellung von Polizeibeamtinnen in Hessen und für ein ganzjähriges Kurorchester in Bad-Rau- heim werden für erledigt erklärt. — Auf die Kleine Anfrage wegen der
Stahlhelmausschreitungen im Darmstädter Hauptbahnhof erwidert Ministerialdirektor Sr. 0 i e g e r t u. a.: Als gegen 8 Uhr abends etwa 250 Teilnehmer des Stahlhelmtages, in erster Linie Angehörige
Bernds Lippen zitterten. „Mutter, ich wollte es für mich behalten - aber nun sollst du es trotzdem wissen: Ich ertrage das nicht länger — dieses Zerriebenwerden zwischen dir und ihm, ich bin schon zu alt, um nicht zu verstehen, daß deine Ehe mit Dater nur noch an einem Faden hängt. Aber wenn er reißt, Mutter! Siele Versicherung kann ich dir heute schon geben, wjrst du mich in der gleichen Minute tot zu be fixen Füßen sehen!"
„Bernd, was soll das wieder!" Sie hielt ihm die Hand über den Mund. Kraftlos fiel sie ihr wieder herab. „Ich bin nie mehr mit Oerhen zusammcngetroffen." Ihre Wangen flammten dabei auf. Von jenem Sonntagbesuch wußte er besser nichts.
Er atmete auf: „Wirst du ihn nach Ostende bestellen?"
„Auf keinen Fall!"
Sie sah, wie sich seine Brust hob: „Geh jetzt den Vater wecken, bitte.“
„Sobald du zu Bette liegst."
Er erhob sich sofort und ging nach seinem Lager hinüber. Ehe sie aus der Tür trat, lächelte sie ihm noch ermunternd zu und hörte das Rascheln der Kissen, in die er seinen Kopf drückte.
Einen Augenblick stand sie vor dem Arbeitszimmer ihres Mannes unschlüßig und rang mit sich selbst. Seit jenem ungestümen Ausbruch hatte er ihre Lippen nicht mehr berührt, nicht einmal mehr die Amte um sie gelegt. Und sie zog sich wahrhaftig nicht von ihm zurück. Sas muhte ihm doch ein Beweis sein, daß sie nicht abgeneigt war, eine dauernde Versöhnung anzubahnen und ihm wieder Weib zu fein, wie es im Anfang ihrer Che gewesen war.
Aber er ging wie ein Blinder. Man sollte ihn eigentlich erbarmungslos dahintappen und sich ausreiben lassen. Aber um Bernds willen war es nötig, ein Uebriges zu tun.
Als sitz jetzt cintrat, war das Licht gelöscht, der Stuhl leer. Sas ganze Zimmer in matte, milchighelle Vollmondnacht getaucht. „Hans Peter!" Ser Rame verhallte ungehört. Vielleicht machte er noch einen Gang durch den Park, die Juli» nächte waren so wundervoll! Sas Warten war ihr nicht unlieb. Sie räkelte sich auf den Sivan, der quer an das eine Fenster gerückt stand und sah in das Silberlicht, das draußen mit Blatt und Blüten schäkerte.
Aus der Feme kam das Klassen eines Hundes! Sie Glocke vom Gutshof kündete die Mitter- nachtsstunde. Unauhörich plätscherte der große Springbrunnen in das Marmorbecken des Rondells und in den Zweigen, die sich bis an Hans Peters Fenster neigten, erhob sich ein leises Raunen und Rauschen.
Auf dem Kiesweg knirschte ein Fuß. Sann klang Hans Peters Stimme herauf, gedämpft
der Stahlhelmgruppen Frankfurt und Offenbach, auf dem Sarmftäöter Hauptbahnhof den Zug nach Frankfurt a. M. bestiegen, entstand zwischen einigen von ihnen und Zivilpersonen eine Schlägerei. die den diensttuenden Kriminalsekretär Reibold zum Einschreiten veranlaßte. Sie Stahl- hclmleute schlugen unter heftigen Beschimpfungen und auf hetzenden Zurufen mit Fäusten und Trommelschlägern blindlings auf ihn ein. Beim Erscheinen der Bahnwache flüchteten die Attentäter in die Wagenabteile. Sie Bemühungen um die sofortige Feststellung der Angreifer scheiterten daran, daß der Zugführer entgegen dem Ersuchen des Leiters der Kriminalzentrale, Regierungsrat Bach, die Abfahrt des Zuges nicht bis zur Festnahme der Täter hinauSschob. Als nun der Zug sich in Bewegung setzte, wurde Regierungsrat Bach aus dem Fenster eines mit Stahlhelmleuten besetzten Abteils mit dem messingbeschlagenen eisernen Teil eines Trommelschlägers ins Gesicht geschlagen und unterhalb des rechten Auges so erheblich verletzt, daß die Er
haltung des Auges nur einem glücklichen Zufall zu verdanken ist. Unbeschadet der Verpflichtung der Polizei zur Zurückhaltung und Mäßigung im allgemeinen ist ausdrücklich zu betonen, daß jeder, der die Polizei angreift oder ihr bei der Surchsührung ihrer Aufgaben Widerstand entgegenstellt, sich bewußt sein muß, daß er dabei sein Leben aufs Shiel seht. Serartige Veranstaltungen rädikaler, staatsfeindlicher Organisationen bedeuten angesichts der Rei- gung ihrer Mitglieder zu Gewalttätigkeiten, eine besonders große Belastung der Polizei, ganz zu schweigen von der Gefahr für Leib und Leben der Beamtenschaft. Sie dabei zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderlichen Maßnahmen verursachen aber auch ganz unverhältnismäßig hohe Kosten. Unter diesen Umständen wird es in künftigen Fällen verschärfter Prüfung bedürfen, ob derartige Scmonftrationen überhaupt noch gestattet werden können. — Rächste Sitzung am Sienstag, 10. Sezember.
Turnen, Sport und Spiel.
DerDeuischeKanuverband aufderLahn
Sie im gesamten deutschen Kanuverband besonders beliebte Pfing st Wanderfahrt des Oberrhein- und Mainkreises soll im kommenden Frühjahr auf der Lahn durchgesührt werden. Siese große Wanderfahrt, die Kanuten aus allen Gauen des Seutschen Reiches zusammenführt (im Frühjahr d. I. waren etwa 1600 Teilnehmer auf dem Reckar) wird organisiert von der Siezer Paddlergilde und sieht die Strecke Gießen bis Ems, und von dort rheinabwärts bis Köln vor. Sa die Strombauverwaltung durch die vielen Schleusen einen zu großen Wasserverlust befürchtet, werden an die Walzenwehre Holzrutfchen angebaut, so daß alle Schleusen und Wehre ohne Aufenthalt überfahren werden können. Für alle Teilnehmer wird diese neuartige Regelung ein besonderer Reiz fein.
Soviel dem vorläufigen Fahrtprogramm entnommen werden kann, sollen die Tagesetappen wie folgt eingetcilt werden: Gieße n—Wetzlar, Wetzlar—Weilburg, Weilburg—Runkel, Runkel— Siez, Siez—Obernhof, Obernhof—Ems, Ems- Koblenz, Koblenz—Mehlem, Mehlem—Köln. In Koblenz ist eine besondere Feier in dem neu« etbauten Wanderheim des Seutschen Kanu-Verbandes am Seutschen Eck geplant.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
d. Am kommenden Sonntag führt 1900s e r ft e E l f ein weiteres Derbandsspiel durch. Siesmal geht die Reise zum Fußballverein Breidenbach im Hinterland. Sah der Gastgeber, zumal auf eigenem, gänzlich unzulänglichem Platze, sehr ernst zu nehmen ist, weiß man zur Genüge. Sas Vorspiel in Gießen gewann 1900 4:3 nach einem wechselvollen, ausgeglichenen Spiel. Sie Leute aus dem Hinterlande waren durch ihre schnellen Außenstürmer sehr gefährlich. Bei der diesmaligen Begeg.-.ung sind die Aussichten für die „Vereinigten“ nicht allzu rosig, da Breidenbach sicher den Vorteil des eigenen Platzes ausnuhen wird. Für die Blau- weißen gilt es, sich für dieses Spiel ganz besonders vorzubereikön, denn eine Riederlage kann die Mannschaft aus dem aussichtsreichen Wettbewerb werfen. Sie Spielleitung liegt in den Händen des Schiri Hch. E n g e 11 e r, Germania Marburg.
Sie 1. Jugend 1900s hat Marburger Gäste. Sie vorzügliche 1. Iugendelf vom D. f. D. Ku r-
hessen Marburg wird auf dem Sportplatz an der Liebigshöhe gastieren.
V. f. B. — „Kurhessen" Kassel
ein fußbaUsportliches Ereignis in Güßen.
Ursprünglich hatte die Ligamannschast am kommenden Sonntag auf eigenem Platz Sportverein Wetzlar im Verbandsspiel zum Gegner. Das Tressen ist jedoch auf Antrag Wetzlars auf einen späteren Termin verschoben worden. Um den dadurch spielfrei gewordenen Sonntag auszufüllen, ist die Liga Mannschaft vvn„Kur- h e s s e n“ - K a s s e l zu einem Gefellichaltsspiel nach hier verpflichtet worden. Sie „Kurhessen" sind wohl die bekannteste Mannschaft des Bezirks: sie errangen in den Jahren 1924/27 und 1928 die Meisterschaft des Bezirks Hessen-Hannover. In letzter Zeit schlug die Weber-Elf „Hessen“ 09 und V. f. B.-Kurhessen Marburg mit 7:2 bzw. 4:1 und nimmt nun hinter S. E. 03 Kassel und „Borussia" Fulda den 3. Platz in der Tabelle der Dezirksligallasse ein. Es ist also keineswegs ausgeschlossen, daß ihr auch in diesem Jahre wieder die Erringung der Meisterschaft gelingt. In der „Kurhessen"-Mannschaft wird auch der Olympiademitkämpfer Weber, der mehrfache Internationale, mitwirken, dessen überragendes Können in den Länderspielen von der deutschen sowohl wie von der ausländischen Sportpresse stets hervorgehoben wurde. Kur- Hessen ist die stärkste Mannschaft, die seit langer Zeit nach Gießen kommt. V. f. B. wird aller Voraussicht nach in derselben Aufstellung antreten wie am Vorsonntag gegen die Universitätsmannschaft. Bei der Spielstärke der Gäste ist es natürlich ausgeschlossen, daß sie das Treffen gewinnt, da ihr Sturm sich gegen die Kasseler Hintermannschaft wohl kaum durchzusehen vermag. Wenn die gesamte Elf aber den nötigen Kampfgeist und die Energie zur Ausdauer aufbringt, sollte die Riederlage nicht allzu hoch werden können.
Vor dem Ligaspiel hat die 2. Mannschaft auf eigenem Platz im Verbandsspiel die gleiche der hiesigen Spielvereinigung zum Gegner. Das Vorspiel endete mit einem 2:1- Sieg der V. f. D.er, die bis jetzt noch ungeschla 'en in Führung liegen. Am vergangenen Sonntag büßten sie in Rieder-Girmes, allerdings nur mit 10 Mann spielend, den ersten Punkt ein. Sie Plahelf darf das Spiel keinesfalls leicht nehmen.
zwar, aber doch immerhin vernehmlich. Wer mochte bei ihm sein?
Brunhilde erhob sich und neigte sich über die Brüstung. Sicht unter dem Fenster stand ihr Mann und neben ihm eine Frau, deren blondes Haar schillerte. Sie Finger in den weihen Kall des Außensimses gekrallt, horchte sie.
„Gnädige Frau, Sie irren,“ sagte Hans Peter. „Eine Scheidung kommt vorläufig nicht in Betracht — jedenfalls nicht, solange mein Sohn minderjährig ist."
„Wie lange dauert das noch, Baron?"
„Drei Jahre!"
„Solange?" kam es enttäuscht. „Sie werden begreifen, daß ich eigentlich keinen Grund habe, die Sache nicht an die Öffentlichkeit zu zerren. Ich befinde mich momentan nicht in den günstigsten Verhältnissen."
„Wieviel verlangen Sie für Ihr Schweigen?"
Ein kurzes lleberlcgeir. „Vorläufig zwanzig- tausend Schilling. Sie eigentliche Abrechnung folgt erst." Ein dünnes, verhaltenes Auflachen hallte nach.
„Ich lasse Ihnen den Betrag durch meine Bant überweisen," ließ sich jetzt Hans Peters Stimme vernehmen. „Als Bedingung stelle ich nur, daß meine Frau nichts von der Slngelcgen» beit erfährt."
„Cs soll gelten, Baron! Sarf ich Sie jetzt bitten, mich ein Stück über den Park hinaus zu begleiten? Es ist so fürchterlich unheimlich hier zwischen all dem Raunen und Rauschen."
Brunhilde sah, wie ihr Mann der Unbekannten den Arm bot und einem Rebengange zuschritt, welcher die beiden gleich daraus verschlang. An der Biegung, die zum Tor führte, tauchten sie noch einmal auf. Sann schlugen die Flügel des Gittertores kaum hörbar hinter ihnen zusammen.
„Unverschämt! Eine RieOerlracht ohneg.eichen!" Sie schöne Frau grub die Rägel in die Handflächen. Seshalb also dieses lange Wachbleiben, damit er die Stunde nicht versäumte, in welcher die andere den Weg zu ihm nahm. Deshalb fein starres, abgemagertes Gesicht, weil er zu jeder Minute von der Entlarvung bedroht war. Und vor der Aufdeckung von Singen stand, die feiner Ehre den Todesstoß versetzten.
Zwanzigtausend Schilling hatte er ihr für ihr Schweigen geboten! Zwanzigtausend Schilling! Und ihr blieb er feit Jahr und Tag Zins und Zinseszins schuldig. Als ein guter, treu- besorgter Vater zeigte er sich Bernd — und war ein Schuft! Ein Betrüger, dem jetzt der Zufall die Maske vom Gesicht riß.
Sie lief mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. eine Vase flog zu Boden und zersplitterte. Ein Stuhl flog krachend zur Seite.
Wenn man mit solchen Geheimnissen belastet war, bann hatte auch der Revolver im Schreibtisch feinen guten Grund. Man konnte sich ganz
rasch und feige aus b:m Dasein schleichen, wenn man Vabanque gespielt und verloren hatte.
Sie dachte an Oertzen und die stete Furcht, wenn sie mit ihm zusammengetroffen war. Es war immer Heller Tag gewesen, nie eine Rächt, wie diese.
Anstetten war, ohne daß sie es gehört hatte, eingetreten und schaltete das Licht in die große Dirne der Lampe. Sein Gesicht war unnatürlich weiß. Sie empfand eine solch lähmende Furcht vor ihm, daß sie seitwärts trat und den großen Lehnstuhl zwischen sich und ihn als Secfung schob.
Sie dunklen Augen in die ihren gebannt, rang er sich die Frage ab. „Wünschest du etwas?"
„ Allerdings!“
Er fuhr sich über die Stirne und stützte beide Hände an die braune Kante des Schreibtisches. „Ich bin sehr abgespannt heute, vielleicht hast du die Güte, die Sache bis morgen zu verschieben. Wenn sie nicht zu dringend ist."
„Sie ist sehr dringend!"
„Sann bitte!“ Er lehnte mit halb herabgefallenen Lidern gegen die Schmalwand des Fensters und hielt sich, rückwärts greifend, mit beiden Sjänben daran fest.
„Ich finde es lächerlich," ihre Stimme flirrte in Hohn, „wenn ein Mann von neununddreihig Jahren durch solch ein nächtliches Rendezvous derart erschöpft ist."
Er schlägt mich, schoß es ihr durch den Kopf. Abwehrend hielt sie beide Hände gegen ihn aus- gestreckt. Aber ihre Entrüstung und ihr Zorn waren stärker als alles Ueberlcgen. „Run ist es mir auch begreiflich, für wen du deine Kräfte sparst." Sie sah, wie eine dunkle Welle Dlutes in sein Gesicht schoß und setzte zu einem weiteren Hiebe an. „Und wie es kommt, daß Bernds Erbe vor dem Ruin steht. Ein Junge, der seinen Vater vergöttert und dafür von diesem zum Dettler gemacht wird!"
Sie wich einen Schritt vor ihm zurück, der jetzt langsam auf sie zukam. „Wenn du nicht — wenn du nicht — die Frau eines — eines —" seine Stimme war nur noch ein Lallen.
„Vielleicht hast du die Güte, fertigzusprechen?"
Er taumelte wieder gegen die Wand zurück. „Geh jetzt! Ich kann für nichts mehr bürgen!"
„CEBer bürgt dir bann für die zwanzigtausenÄ Schilling?"
Wit einem Ruf bes Schreckens sprang sie zur Türe, ritz sie auf und lief wie gehetzt den langen Korridor hinab nach der Wendeltreppe, die zu ihren Räumen führte.
Anstetten lieh den Browning, den er heraus- getiffen hatte, sinken, hö.te hinter sich ein Rascheln und gewahr e Bernd, der, mit He.nd und Hose befleibet, auf der Schwelle stand. „Vater, was ist geschehen?"
„Aichts, mein Jungel" (Forts, folgt)


