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18. Sept. 1929.
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15 Katholiken Für- . in Hamburg. t-Dürer-Stiftung zu 1929.
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Sammlung von Teld- md Spruchkarten, oft- heimatkalenders zu- das Gebiet des Volks- irlaubnis wurde bis
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Rr. 182 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 6. August 1929
Persiens Ananzdiklatvr - ein Deutscher!
Deutsche ersehen amerikanische Beamte. - Umwälzende Neuerungen im Lande des Silbernen Löwen.
Don Richard Tlieburg.
Ausländer sind gewöhnlich in den höchsten Acmtern, die eine Regierung zu vergeben hat, nicht gern gesehene Gäste, da sie meist von einer fremden Macht dem inländischen Derwaltungs- apparat aufgezwungen werden. Den seltenen Fall, das; ein ausländischer Finanzberater freiwillig mehr Machtbefugnisse erhält, haben wir jedoch in diesen Tagen erlebt: der frühere preußische Ministerialrat S ch n i e w i n d, der seit einigen Jahren als persischer Finanzberater tätig ist, ist soeben zum Generalverwalter der persischen Finanzen ernannt worden. Durch diese Rangerhöhung wurden die Machtbefugnisse Schniewinds bedeutend erweitert. Der neue Generalverwalter ist von der persischen Regierung schon vor einigen Jahren auf Anraten ihres Berliner Gesandten zum Finanzberater ernannt worden. Reben dem Vertrauen, dos in Persien deutsche Finanzsachverständige geniesten, war wohl die Tatsache ausschlaggebend, dast man bei einem Deutschen vor poli - tischem Chrgeiz sicher zu sein glaubte.
Geheimrat Dr. S ch n i e w i n d war längere Zeit im Preustischen Handelsministerium tätig gewesen und hotte später eine leitende Stellung bei einem großen deutschen Bankinstitut inne. Cs mag ihm nicht leicht geworden sein, seinen Posten aufzugeben, um Europa zu verlassen und Persien bei der Reorganisierung seiner Finanzen behilflich zu sein. Aber Exzellenz F a r z i n, der bis vor kurzer Zeit noch persischer Gesandter in Berlin gewesen ist. legte grosten Wert darauf, dast Geheimrat Schnicwind das Anerbieten seiner Regierung annehme. Die vor kurzem erfolgte Beförderung zum Gencralverwalter hat Geheimrat Schnicwind ebenfalls Exzellenz Farzin zu verdanken. Allerdings haben erst innerpolitische persische Geschehnisse diese Rangerhöhung ermöglicht. 3n Südpersien war vor kurzer Zeit eine Revolte ausgcbrochen, die bald von der Regierung unterdrückt werden konnte. Als man nach den Anstiftern der Anruhen forschte, entdeckte man, dost ein Mitglied der Regierung seine Hand im Spiel hotte. Es handelte sich um den persischen F i n a n z m i n i st e r, einen Prinzen, der der früher herrschenden Dynastie ongehörtc. Er wurde sofort seines Amtes entsetzt: Exzellenz Farzin, der provisorisch die Geschäfte des Finanzministcrs übernahm, ernannte nun Gchciinrat S ch ni e w i n d zum Generalverwalter der Finanzen und übertrug ihm einen Teil der Befugnisse, die früher in den Händen des Finanzministers gelegen hatten.
Dast Geheimrat Schnicwind nicht der einzige Deutsche im Lande des Silbernen Löwen ist, der dort ein wichtiges Amt verwaltet, erfährt man aus den Ausführungen des Persers Djamal- z a d e h, der ein Mitglied der persischen Gesandtschaft in Berlin ist. „Roch vor wenigen Jahren bevorzugten wir in Persien amerikanische Finanzberater," erzählt Djamalzodeb, „aber sie forderten zuviel Macht, und deshalb wurde ihr Vertrag md)t erneuert. Persien hat mit den deutschen Sachverständigen sehr gute Erfahrungen gemacht, und deshalb ernannte man auch einen Deutschen, Generaldirektor Lindcnblatt, zum Leiter der neuen Persischen R a t i o n a l b a n k, die im Mai 1927 unter dem Romen „Banquc nationale de Perse" gegründet worden ist und ihre Tätigkeit im September 1928 ausgenommen hat. Mit der Gründung der neuen Bank wollte man ein Gegengewicht gegen die unter englischem Einflust stehende „'Imperial Dank os Pcrsia" schaffen, die bereits seit 1889 besteht. Diese Dank erhielt bex ihrer Gründung das Monopol der Rotenausgabe,
ein Privileg, das noch bis zum Jahre 1949 läuft. Aus diesem Grunde konnte man die neue Rationalbank nicht als Emissionsbank gründen. Trotzdem hat sich das neue Institut unter der Leitung des deutschen Generaldirektors sehr zufriedenstellend entwickelt. Dor kurzer Zeit sind i n allen Teilen des Landes neue Filialen errichtet worden, und zur Leitung dieser Geschäftsstellen haben wir uns wieder deutsche Dankbeamte nach Persien geholt. Es vergeht kein Monat, in dem nicht einige Deutsche um ein persisches Visum nachsuchen. Meist handelt es sich dabei um Techniker und Ingenieure, die an dem D a h n b a u arbeiten. Die Probestrecke, die deutsche Firmen gemeinsam mit einem angloamerikanischen Konsortium bauen, ist zu einem grosten Teil fertiggestellt, so dast die persische Regierung den ausführenden Firmen wahrscheinlich bald den gesamten Auftrag erteilen wird. Persien hat st e t s Sympathien für Deutschland gehegt, und auch während des Krieges hoben wir diese Zuneigung nicht verleugnet. Man hat in meinem Vaterland nie vergessen, dast Rußland und England gemeinsam im Jahre 1907 einen Vertrag geschlossen haben, der Persien in eine russische und in eine englische Interessensphäre aufterlte. Erst als Rustland nach dex Revolution auf seine Vorrechte verzichtete, begann sich auch der englische Druck zu lockern. Viele unserer Führer, die während des Krieges ihr Vaterland verlassen must- tcn haben die Zeit ihrer Verbannung in Deutschland verlebt: als sie später nach Persien zuruck- kehren durften^ sind sie dafür eingetreten, dast wichtige Reformen nach deutschem Vorbild geschaffen wurden."
Während früher in Persien das französische Schulwesen als vorbildlich galt, suchen in letzter Zeit persische Studenten mit Vorliebe deutsche Hochschulen auf. Djam al- zadeh, der feit 1915 in Deutschland lebt und eine deutsch.pcrsische Zeitschrift herausgibt, versichert, dast sich die persischen Studenten tn Deutschland sehr Wohl fühlen. Ein großer Teil der persischen Studierenden will Mediziner werden, andere besuchen die Technische Hochschule. Für das wachsende Interesse Deutschlands an Persien spricht auch die Tatsache, dast schon vor längerer Zeit eine Deutsch-Persische Gesellschaft gegründet worden ist, der namhafte - deutsche Wirtschaftsführer angehören. Im April dieses Jahres berichtete der deutsche Gesandte in Persien, Graf von der Schulenburg, der gerade in Derlin weilte, über die deutsch- persischen Deziehungen. Er wies damals besonders auf den Anschlust Persiens an das Weltluftverkehrsneh hin, der durch die in Persien konzessionierte Iunk ersgesellschaft organisiert worden ist. Persien hat von dieser Gesellschaft eine Anzahl Flugzeuge gekauft und lästt seine zukünftigen Piloten in Deutschland ausbilden.
Alle persischen Studenten, die ins Ausland reisen, werden von einer Zentralstelle kontrolliert. Der Leiter dieser Organisation, Dahrami, hat vor einigen Monaten in einem Dericht an seine Regierung die Ansicht ausgesprochen, dast es nicht genüge, junge Perser im Ausland erziehen zu lassen. Er forderte, dast man auch junge persische Mädchen i n s Ausland schicken müsse, denn die jungen Leute, die aus Europa in ihre Heimat zurückkehren, werden niemals altmodisch erzogene Perserinnen heiraten. Ratür- lich hat dieser Vorschlag lebhaftes Aufsehen erregt: die Entsendung persischer Mädchen nach Europa würde eine revolutio
näre Tat bedeuten! Da aber der Schah Riza Khan vor Experimenten nicht zurück- cheut, wird vielleicht auch dieser Vorschlag angenommen werden. Hat der persische Herrscher es doch fertiggebracht, vor einigen Monaten noch etwas viel Schwierigeres durchzusetzen: Den Inhabern der Dazar e, die von den Fremden stets Phantasiepreise für ihre Waren orderten, wurde von der Regierung befohlen, alle Waren mit Zetteln zu versehen, von denen der Kunde den Preis ablesen kann. Vergebens beschwerten sich die Kaufleute über diese Verordnung, und so kann man feit einiger Zeit in den Dazaren zu festen Preisen einkaufen.
Dast auch Deutschland durch die sparsame persische Wirtschaft manche Vorteile hat, geht aus einer Veröffentlichung hervor, die über die per
sischen Finanzreserven in Europa Rechenschaft gibt. Die Haupteinkünfte der persischen Regierung bestehen aus den sog. Royalties, die eine in Persien tätige englische Oelgesellschaft an die persische Regierung zahlt. Durch sparsame Wirt- fchaft hat die persische Regierung von' diesen Deträgen ungefähr 36 Millionen Mark gespart, und von dieser Summe liegt ein groster Teil, nämlich 800 000 Pfund, auf deutschen Danken. Früher verfügte die Imperial Dank of Persia. über die Beträge, die sie größtenteils dem Con-< doncr Geldmarkt zuleitete. Seit der Gründung der neuen Rationalbank, die unter deutscher Leitung steht, wird der grösttc Teil der persischen Finanzreserven in Deutschland angelegt.
Die nutzbaren Wasserkräfte der Erde.
Aus Anlaß'der unlängst in Barcelona abgehal- I Erde auf 450 Millionen P.S., wovon zirka 33 tonen W e 11 - W a s s e r'k o n s e r e n z wird eine Millionen P.S., also 7 v.H., ausgenutzt werden Uebersicht der geschätzten und ausgenützton Wasser- (als mittlere Jahresleistung).
träfte der Erde veröffentlicht. Diese Aufstellung Die ©toten, die am meisten die Wasserkräfte schätzt die gesamten nutzbaren Wasserkräfte der 1 nutzbar machen, sind:
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Preffegeographie^^S
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Mittlere Nutzbare
Jahresleistung Wasserkräfte in Mill. P. 8. in Mill. P. 8.
Bereinige Staaten von
Amerika 11 30
Kanada 4 23
Frankreich 2 6
Japan 2 8
Italien 2 4
Schweiz Norwegen Schweden Sowjetunion Deutschland Spanien
Mittlere Jahresleistung in Mill. P. 8.
2
2
1
1
1
1
Nutzbare Wasserkräfte in Mill. P. 8.
4
9
7
25
5
5
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
* Klein-Linden, 5. Aug. Am Sonntag feierte die „H o f s ch e G e m e i n s ch a f t" ihr diesjähriges Jahresfest. Eine ansehnliche Zahl von Gemeindemitgliedern und Gästen aus den Nachbarorten haton sich dazu eingefunden. Bei der angenehmen Witterung konnte die schöne Versammlung im Faberschen Garten abgehalten werden. Nach einem Vorspiel der Posaunenchöre von Gro- sten-Linden und Klein-Linden und gemeinsamem Gesang sprach der Ortsgeistliche, Pfarrer Bremmer, über die Wichtigkeit lebendigen Christentums in unseren Gemeinden. Nach einem Lied des Mädchenchores der hiesigen Evangelischen Jugcnd- vereimgung ließ Bruder Reh (Leihgestern) im Anschluß an das Bibelwort aus 1. Mose 12 den Ruf erklingen: „Geh heraus aus dem, was dich von Christus sernhält". Der gemischte Chor der Gemeinschaft Großen-Linden und der Frauenchor der feiernden Gemeinschaft brachten eindrucksvolle Lieder zum Vortrag. Prediger M e n g (Großen- Linden) zeigte, welche Freude ein Christ haben kann in dem, was er mit offenen Händen von Gott empfangen darf. Mit Gebet, gemeinsamem Gesang und Nachspiel der Posaunen schloß die schön verlau- fene Feier.
X Wiescck, 6. Aug. Frau Elisabeth Kuhl Wwc., geb. Ostwald, kann morgen in geistiger
Frische und für ihr Alter gutem körperlichen Befinden ihren 8 0. Geburtstag begehen.
• Alt en-Bus eck, 5. Aug. Nachdem schon am 16. Juni im Gottesdienst hier und in Trohe des 150jährigen Jubiläums der evangelischen Kinderpflege gedacht worden war, hielt gestern die hiesige Kleinkinderschule ihre Oberlin- feier, zugleich auch die Feier ihres 3 0 j ä h r i - gen Bestchens. Festlich mit Kränzen geschmückt, begab sich die Schar der Kleinen unter Führung der beiden Schwestern, geleitet von jugendlichen Helferinnen, unter Vorantritt des Posaunenchors der evangelischen Gemeinschaft auf den Festplah. Die Feier, zu der sich auch zahlreiche erwachsene hiesige und auswärtige Festgäste eingefunden hatten, wurde eröffnet durch ein gemeinsames Lied unter Begleitung^ des Pofaunenchors und einen durch eine kleine Schülerin borgetragenen poetischen Willkommengrust. Vortrag von Gedichten, Turnen, Spiele und Reigen, von Schwester Bertha Velten mit Änterstühung von Schwester Gretel Stein- Hauer sorgfältig cingeübt, wechselten miteinander ab und gaben ein interessantes, anmutiges Bild von dem Betrieb einer Kleinkinderbewahr- anftalt nach neuzeitlichen Grundsätzen. Cs war unverkennbar, mit welchem Eifer und mit welcher Freudigkeit die Kleinen in allen ihren vielseitigen Darbietungen bei der Sache waren. Die Festansprache hielt der Ortspfarrer, der einen
Rhein-Verbundenheit.
Von Paul Alverdes.
Des Sommers an allen Samstagen trafen wir uns schon sehr früh am Rachmittag, ein Trupp Verbündeter aus allen Pennalen der Stadt, bei einem Fährhaus oder einer Dampserländc am Rhein, und rückten in einem Aufzug. der damals noch den Bürgern teils ungewohnt, teils ärgerlich und allen zu Hause gebliebenen Mustcr- Inäblcin ein Greul war. ein gutes Stück den Strom hinab. Wir trugen vielfach geflickte Hosen, die über dem Knie abgeschnittcn waren und deren Brandlöcher und Rarben von Dornen und scharfen Klippen uns stolz machten, und an den nackten Füßen Sandalen mit fingerdicken Sohlen. Die Haare trugen wir seitwärts schräg über den Kopf gestrichen und ziemlich lang. — so lang cs die, Schulordnung nur eben erlauben Mochte.
. Zwilchen Grimlinghausen und Zons setzte uns »ein Fischer über. Sein Rachen war klein und zog Wasser, und wir waren unser acht oder zehn, und unsere Rucksäcke von gewaltigem Umfang, denn wir gedachten drüben zu zelten und führten an Kochkesseln und Pfannen, Schlafsäcken und Zeltbahnen und allerlei Schanzzeug eine Ausrüstung mit, die das Kopsschüttcln aller Uneingeweihten hervorzurufen pflegte. Wir fangen: „Die Reise nach Jütland, Ei die fällt uns fo fchwer", oder: „Lustig ist s Matrosenleben. ' Ist von lauter Lust umgeben“, ober „Der helle Tag bricht an“, zu dritt auf den Bänken eng ancinandergepreßt. sehr nahe über der bräunlich-trüben, von Dampfern und Schlepp- ,’ügen immer aufgewühlten Flut, während der Fischer mit seinen zwei groben Rudern ängstliche^ Mühe hatte, uns heil hinüberzufchaffen.
Vor einer Wildnis von Schilf und Wcidcn- büschen. hinter der sich zwei oder drei Stein- würfc landeinwärts der grüne Hochwasserdamm erhob, bei schwarzen Bündeln faulenden Rohres rind grauen Strünken angeschwemmten Holzes war unser Lagerplatz. Dort im lockeren Weißen Sand, den an heißen Tagen die Sonne bis auf eines Spatenblattes Tiefe durchglüht hatte, stell- ten wir das braune Zelt auf, mit dem First quer zum Strom und dorthin geöffnet, denn wir wollten ihn auch in der Rächt glänzen sehen und hörkn, wie das Wasser in den Kieseln am Ufer fang. Später schwammen wir hinaus, zu einem Rudel gefeilt, wie Zugvogel fliegen, schräg gegen die Strömung steuernd und langsam
abgcdrängt, ober auch gleich talwärts geworfen und nun ganz ohne Mühe und sehr geschwinde dahingewicgt, einem in der Ferne herausstamp- fenden Schleppzug entgegen. Wir sahen braune wirbelnde Fläche weit um uns her, sic roch nach Tang und fauliger Erde, und die Kirchtürme hinter den Dämmen zogen wie in unendlicher Weite aufrecht vorbei. Wenn wir uns auf den Rücken schnellten, mit Ohren tief in die weiche Kühlung cingetaucht, so verstummte die Welt bis auf ein geisterhaftes Zischeln und Glucksen des Wassers, und wir gewahrten über uns nur Himmel, blauen, endlosen Himmel des Riederrheins, oder weißes, ruhevolles «Sommer- gewölk, das sich nie zu ändern schien.
Zuweilen enterten wir dann einen der bergwärts fahrenden Schleppzüge. Dem voraus stamp» senden und klirrenden Dampfer mit den breiten roten Schaufelrädern galt cs auSzuweichcn: cs hieß, er ziehe gefährlich an und sauge den Schwimmer unter sich, um ihn zu ertränken. Aber man mußte doch nahe genug an seine Wirbel heran, um die sehr schnell nachgezogenen Lastkähne noch zu erreichen. Sie lagen bis an den Laufgang tief im Strom, der mit mächtigen, von den Schaufelrädern aufgewühlten Wellen an ihren glatten Leibern cntlcmgspringend, seine Geschwindigkeit verdoppelt zu haben schien. Von einer dieser Wellen mußte man sich an Bord heben lassen, fast blindlings zugreifend, eine Kette, ein Tau oder den Schiffsrand selber mit den Fäusten umklammernd, — noch schlug einem dcr letzte Schwall Wasser donnernd über dem Scheitel zusammen, dann schwenkte der Strom den Leib im Bogen herum und hob ihn leicht auf das Schiff. Richt immer gelang dieses Manöver, dann war es bei dem folgenden und dritten oder vierten Kahn abermals zu versuchen, und gewöhnlich fanden wir uns auf dem letzten der Kette doch nach und nach alle wieder zusammen. Dann fuhren wir ein Stück in der Sonne stromauf, nackend zwischen Kohlen und Brettern und vielleicht Gut in Fässern und Kisten, an den lichten Hainen von Erlen und Pappeln vorüber und an den einsamen Häfen hinter den Dämmen. Die Schiffer, die das Spiel schon kannten, duldeten uns schweigend: nicht so deren Hunde, die meistens darauf aus waren, uns in die bloßen Füße zu schnappen. Wenn sie klein waren, so fürchteten wir sic nicht, doch gab es auch Untiere darunter von mittlerer Gröhe etwa, mit fo weihen und langen Zähnen, dah wir oftmals bei ihrem plötzlichen Erscheinen, vom Enter-Manöver noch atemlos. Hals über Kopf in das Wasser zurück- muhton.
Am Abend zündeten wir dann das Feuer an und rückten die Kessel in die Glut und kochten getrost mit dein Wasser des Stroms. Schilf und gebleichtes Holz mit einem heimlichen Kern von Feuchte im Innern brannten nur schwelend, und cs schmeckte alles nach Rauch und Asche. Aber so war cs uns eben recht. In mancher Rächt verschmähten wir es auch, in das Zelt zu kriechen und blieben beim Feuer liegen, anfänglich bei Gesängen und Gesprächen, später stumm aneinandergedrängt und starrten auf den Strom, wie er weihen Atem von sich hauchte und mit vielen Wirbeln blinkte unter dem schaurigen Mond. Er kam von weit her und ging weit hin in das Uferlose, und es mag sein, dah wir daran dachten.
Später kam der Morgenwind, er machte die Hunde verstummen, die auf den Dörfern heulten, und trieb sie ins Warme. Aber schon stieg, von den Vögeln mit Schreien und «Schlagen längst angekündigt, die rötliche Sonne über den Horizont. mit langen Strahlen Härmte sie unsere Stirnen und Hände. Wir erhoben uns und sprangen nackend zum Flusse hinab.
So lebten wir alle Sommer unserer Jugend dort. In der Rächt vor dem Kriege brannten wir weit drauhen auf der Buhne im «Strom das letzte Feuer und fangen Hand in Händen. Dann traten wir auseinander. Unsere Jugend war zu Ende. Ich habe kaum einen der Sieben von damals wiedergesehen. Sie sind in die Unendlichkeit gegangen und sind dennoch immer da, — wie der «Strom, an dem sie heranwuchsen. Ich kann ihrer nicht gedenken, ohne des Rheins zugleich zu gedenken. Darum darf ich ihn wohl meine Heimat nennen.
Abenteuer im dunkelsten Afrika.
Die englische Forschungsreisendc Frau Glovcr, die mit ihrem Mann zusammen drei Jahre im Ini-ersten Afrikas verbracht hat und eine Zeitlang sogar verschollen war. ist jetzt glücklich wieder in England eingetroffen. Das Ehepaar hat unter den größten Gefahren und Entbehrungen zahlreiche seltene Tierslelette usw. für das Britische Museum gesammelt. Frau Glover ist eine zarte schlanke Erscheinung, der man es nicht zutrauen würde, daß sie sich mit ihrer Flinte gegen Menschenfresser und wilde Tiere siegreich verteidigt hat. Aus der Fülle ihrer Abenteuer und Erlebnisse erzählte sic einiges bei ihrer Ankunft: „Einmal wurden wir von einer Herde Elefanten angegriffen und muhten durch Dornengebüsch flüchten. Unsere dünnen
Kleider wurden zu Fetzen zerrissen. Die Elefanten dröhnten hinter uns her, brüllend, wie wenn sic wahnsinnig wären. Ein Weibchen war durch uns verwundet worden, und wir muhten um unser Geben laufen. Dann lebten wir in Rola, am Mittellauf des Kongo. Monate lang im Schlamm unter gefährlichen Fliegen, die uns fast totgebissen hätten. Wir mußten knietief durch das «Schlammwasser waten. Dieser tropische Urwald ist schrecklich schwer zu durchqueren, und wir lagen lange am Fieber. Eines Tages schoß ich einen Leoparden, und als ich mich ihm näherte, war er noch nicht tot und biß mich ins Bein: ich tötete die Bestie mit einem zweiten Schuh, konnte aber sechs Wochen lang nicht auf» stehen. Im letzten Teil unserer Reise waren wir mit sehr interessanten Leuten zusammen, mit Menschenfressern, die seltsame Bräuche haben. Wir machten eine lange Fahrt im Kanu auf dem Logone-Fluh. von Eingeborenen begleitet. Als sie einen schon fast verwesten Leichnam im Fluh sahen, schnitten sie sich noch Stücke von ihm ab. um sie zu verzehren: sie essen alles, selbst die rohen Eingeweide von Tieren, am liebsten aber Menschenfleisch, während sie Affen für die zweitgrößte Delikatesse ansehen. Auch ich habe alles Mögliche essen müssen, so z. B. Elefantenherz, das aber schrecklich zäh war. besser schmeckt schon Flußpferdzunge, wenn sie gut gekocht ist, und vorzüglich Krokodilfleifch. Als wir Elefanten jagten, um das Skelett eines Weibchens zu erlangen, lebten wir lange in einer kleinen Laubhütte. Die Menschenfresserei blüht im Inrern Afrikas noch ebenso wie früher. Am Logonef.uß gehen die Menschen noch vollkommen nackt. Hier ‘ gibt cs alle Arten von wilden Tieren, die die Eingeborenen fürchten. Besonders wird dcr Gorilla verehrt, in dem man den. „ersten Menschen" sieht, den Gott schuf. Man glaubt, daß die Gorillas Frauen aus Dörfern stehlen. Diese Menschenfresser glauben an ein höchstes Wesen und an die Verwandlung der Toten in wilde Tiere. Wenn die Kinder geboren werben, erzählt man ihnen, daß sie zu einem Leoparden- oder Löwenstamm gehören, und wenn sie erwachst sind, dürfen sic dieses Tier nicht toten. Alle Uebeltaten, die in der Welt geschehen, rühren nach ihrer Meinung von bösen Geistern her, und sie bringen diesen Geistern Rahrung: wenn diese dann von einem Löwen x erzehrt wird, so glauben sie, dah der Lowe den C-eist darstellt. Die Frauen verunstalten ihre Cesichter und halten das für schon. Die Frau gilt als Sklavin und wird für einen Preis von 4 Mark verkauft.**


