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Nr. 285 Erstes Blast
179. Jahrgang
Donnerstag, 5. Dezember 4929
Erschein» röglich,außer Sonntags und Feiertags.
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Die Illustrierte Gießener Familienblätter
Heimat im Bild Die Scholle
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesten
vnick und Verlag: vrühl'sche Univerfitätr Vuch- nnö 5teindruckerek K Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.
Oie Austrittsbewegung bei den Deutschnationalen.
Weitere Austritte.
Berlin, 4. Dez. (TU.) Wie schon in einem Teil der gestrigen Auslage gemeldet, haben außer den Abgeordneten Hartwig, hülser, Lambach Dr. klönne, £ejeune-3ung und Trevira n u s auch die Reichstagsabgeordneten o o n £ i n- dein e r-W ildau (Wahlkreis Hefsen-Raffau), von kcudell, der ehemalige Reichsinnenminister, und S d) l a n g e - S dj ö n i n g e n (Wahlkreis Pommern) ihren Austritt aus der deutschnationalen Reichstags- fraktion erklärt. Dem haben sich ferner angeschlossen Reichslagsabg. Prof. Dr. h ö h s ch (Wahlkreis £eip- zig), Dr. Mumm (Westfalen) und Behrens (Ostpreußen). Auch die preußischen £andtagsabgeord- nefen K 1 iesch und 2Neye>.Hermsdorff haben den Austritt aus der deutschnationalen £cmd- togssratiion erklärt, letzterer ist gleichzeitig aus der Partei ausgetreten.
Graf Westarp legt den Fraktionsvorsitz nieder.
Mißbilligung der Auofchlußverfahren.
Berlin, 4. Dez. (WB.) Die Sitzung der bcuffdjnaHonalen Reichstagsfraktion, die um 14 Uhr begann, war nur von kurzer Dauer. An ihr nahmen a u d) Abgeordnete der preußischen £andtagsfraktion teil, u. a. die Abgeordneten Steuer und Dr. Kaufhold. Zu Beginn der Sitzung gab der Vorsitzende, Gras W e ft a r p , die Erklärung ab, daß er den Fraktiv n s v o r s i h niederlege, daß er aber selbstverständlich in Partei und Fraktion bleibe. Dr. Oberfohren dankte dem Grafen Westarp für feine treue Arbeit als Fraktionsvorsihender. Die Sitzung wurde darauf vertagt. Der Termin der neuen Fraktionssihung hängt noch von vertraulichen Besprechungen ab. Bis dahin erwartet man keine weiteren Austrittserklärungen mehr. Insbesondere der frühere deutschnalionalc Verkehrsminister Koch betont, daß er nichts unternehmen werde, ehe c r mit feinem Wahlkreis Fühlung genommen habe.
Die die „DAZ." meldet, begründete Gras Westarp in der Fraktionsfihung feinen Entschluß in einer Rede, die den Gesichtspunkt herausstellte, daß er d i e Ausschluhversahren gegen namhaste Frak- lionsinitgtieder mißbilligt habe. Der langjährige Partei- und Fraktionssührer sagte, daß er nach dem Austritt von zwölf Fraktionsmitgliedern nicht mehr in der £age fei, an der Spitze der Fraktion zu bleiben. Lr wies damit auf eine so enge Gesinnungsgemeinschaft zwischen s i ch und denausgetretenenFraktionsniitglie- d e r n hin, daß dies in parlamentarischen Kreisen vielfach als eine Art Solidaritätserklärung bezeichnet wurde. Graf Westarp fügte aber hinzu, daß er in Partei und Fraktion bleiben werde.
Oie Abschiedsbriefe.
Oer Abg. Treviranus
begründet feinen Austritt aus der Deutschnationalen Lolkspartei in einem Brief an den Frakticmsvor- sitzenden Grafen Westarp, in welchem er dankbar anerkennt, daß die Rc i ch s t a g s s r a k t i o n unter erschwerenden Umständen versucht habe, ihm ein verbleiben in Partei und Fraktion zu ermög- lid)en. Der Parteivorsitzende habe jedoch den Entschluß zu einer Klärung' nicht gefunden, damit leien für ihn, Treoiranns, die sachlichen und meiifdp liehen Voraussetzungen für seine weitere Mitarbeit unter der heutigen Leitung der Partei f o r t gefall e n.
Oer Reichstagsabg. Hürser
bat an den Vorsitzenden der Reichstagsfrattion, Gras Westarp, folgenden Vries gerichtete
„Sehr verehrter Herr Graf! Der Verlauf und die Vegleiterscheinungen der letzten Fraktionsfitzungen und der heutigen Parteivorstands- fihung haben mir den letzten Glauben an die Möglichkeit fruchtbarer Mitarbeit in der deutsch- nationalen Reichstagsfraktion genommen. Der unwürdige Druck auf die Meinungs° und Entschlußfreiheit der Parteimitglieder und Abgeordneten, wie er unter dem derzeitigen Herrn Parteivorsihen- d e n durch die Handhabung der Parteidisziplin eingeführt worden ist, verstößt gegen den Geist der Kameradschaft und des guten Willens, ohne den positive politische Arbeit in einer christlichen und nationalen Partei nicht geleistet werden kann. Die Ankündigung des Ausschlußantragcs gegen unseren Kollegen Treviranus durch den Herrn Parteivorsihenden in offener Fraktions- sihung vor schwierigen Entscheidungen der Fraktion, sowie die Androhung des Fraktions- zioanges in der letzten Rachtsitzung bilden den unerträglichenHöhepunktdieserMe- t h o d e. Die ablehnende, ja f e i n d s e l i g e H a l- tung des Herrn Parteioorsihenden, seiner Umgebung und seiner Presse gegenüber unseren christlich-sozialen Bestrebungen läßt mich auch sachlich keine Möglichkeit mehr erkennen, in der Fraktion mit Erfolg an der Verwirklichung des in den
Parteigrundsähen verankerten christlich-sozialen Gedankengutes arbeiten zu können. Ich sehe mich daher gezwungen, meinen Austritt aus der Fraktion und Partei zu erklären, um dadurch die Freiheit wieder zu gewinnen, im Zusammenwirken mit den christlich-sozialen Gesinnungsfreunden im Lande an der sittlichen Erneuerung und nationalen Befreiung unseres geliebten deutschen Vaterlandes weiter wirken zu können, wie es mir vor der Wahl des jetzigen Herrn Parteivorsitzenden auch in der Fraktion und Partei möglich erschien. Es ist mir ein Bedürfnis. Ihnen, sehr verehrter Herr Graf, bei dieser Gelegenheit meine persönliche Verehrung auszusprechen."
Oie Reichsiagsabg. Behrens und D. Mumm
haben folgendes Schreiben an den Grafen Westarp gerichtet:
Hochverehrter Herr Graf!
Da Herr Geheimrat Dr. Hngenberg, der derzeitige Vorsitzende unserer Partei, in Kassel des Herrn Reichspräsidenten nicht gedacht, auch nicht, nach der bisherigen 'Gewohnheit, ein Telegramm an ih n in Vorschlag brachte, durch den Antrag auf Ausschluß freier Arbeitnehmervertreter unser Verhältnis zu der christltch- nationalen Arbeitnehmerbewegung auf das schwerste geschädigt hat, in Kassel einen Privatbrief ohne Genehmigung des Schreibers und des Adressaten dem Parteivor- stand zur Kenntnis brachte und weder am vergangenen Freitag noch jetzt am Dienstag ein lösendes Wort gegenüber Herrn Kollegen Treviranus, gegen den er den Ausschluß zu beantragen erklärt hat, gefunden hat, -da durch die Haltung der „Rach t - Aus g ab e' wie durch gewisse Filme der „11 f a“ wir schwersten Angriffen ernster christlicher Kreise ohne die Möglichkeit ausreichender Verteidigung gegenüberstehen, sind die Unterzeichneten gezwim- gen, bei voller Anerkennung des Programms der Deutschnationalen Volkspartei die Fraktionsgemeinschaft zu lösen. Mit deutschem Gruß und in bleibender Verehrung gegenüber Euer Hochwohlgeboren.
gez.: Franz Behrens.
D. Franz Mumm.
Dazu erklärt Abg. Mumm, daß er sich,° so schwer ihm auch der Entschluß gefallen sei, aus der deutschnationalen Fraktion, wenn auch unter Erhaltung der Parteizugehörigkeit, auszuscheiden,
von der Arbeit der neugebildeten „deutschnationalen Arbeitsgemeinschaf t“ doch eine Stärkung der christlich- nationalen Volksbewegung und eine Gesamtkräftigung der politischen Bewegung überhaupt verspreche.
Der Aeichstagsabg. Schlange-Schöningen hak folgenden Brief an den Fraktionsvorsitzenden Graf Westarp gerichtet
„Hochverehrter Herr Graf!
Nachdem die Entwicklung in der Deutschnationalen Partei in den letzten Monaten einen Weg genommen hat, von dem ich nicht glauben kann, daß er uns unseren nationalen Zielen näher- führt, und nachdem ich die Ueberzeugung gewinnen mußte, daß auf diese Weise meinem um sein Leben kämpfenden landwirtschaftlichen Berufs st ande, ohne dessen Rettung cs feinen deutschen Wiederaufbau gibt, feine wirklich praktische schnelle Hilfe geleistet werden kann, scheide ich hiermit aus der Fraktion aus. In unveränderter persönlicher Verehrung, Ihr sehr ergebener (gez.): Schlange-Schöningen.
ÄerReichstagsabg. Sr.paul Sejeune-3ung erklärt zu seinem Austtitt aus der Deutfchnationalen Volkspartei: Trotz der Ereignisse, die sich im letzten Jahre in der Deutschnationalen Volkspartei, insbesondere in derKonkordatsfrage, abfpielten, habe ich es bisher für meine Pflicht gehalten, im Interesse der vaterländischen Sache in der Partei auszuharren, in der Hoffnung, neue Möglichkeiten für ein überzeugtes und freudiges Mitarbeiten auch für die katho1ifchen M i tglieder der Partei wieder zu fdjaffen. Hierzu veranlaßte mich nicht zum wenigsten auch die burd) langjährige Arbeit in der Partei unter der Führung von Hergt und Gras Westarp nur bestärkte Ueberzeugung, baß zwischen dem positiv-evangelischen und dem katholischen Volksteil eine schicksalsbestimmte Abwehr- und Angriffsgemein, schäft gegenüber dem zersetzenden Zeitgeist befteht. Heute habe ich die schmerzliche Gewißheit, daß sich diese Schicksalsgemeinschaft, daß sich überhaupt christlich ° konservative Weltanschauung unter dem jetzigen ParteiVorsitzenden in der Deutschnationalen Volkspartei nicht mehr in der erforderlichen Freiheit auswirken kann. Aus diesen Gründen habe ich mich mit dem Reichstagsabgeordneten Tre- vir a n u s solidarisch c r f t ä r t uni) meinen Austritt aus der Partei und der Fraktion vollzogen.
Ein Schreiben Lambachs an den partei- vsrsihenden Hngenberg.
Oie Gründe für den Austritt der christlich-sozialen Gewerkschaftsführer.
Berlin, 5. Dez. (Priv.-Tel.) Der Reichstagsabgeordnete Lambach hat in einem Schreiben an den Vorsitzenden der Deutfchnationalen Volkspartei Geheimrat Hugenberg feine Rücktrittsgründe im folgenden Schreiben niedergelegt:
„Es war ein Verdienst der Deutfchnationalen Volkspartei, den konfervatioen Gedanken von den ostelbischen Positionen aus über Elbe und Ria in hinausgetragen und ihn m i t d e n ch r i st- lid)-sozialen Gedanken des Westens vermählt zu haben. Durch Ihre Politik ist dieser Erfolg wieder zerschlagen worden. Die Einzeichnungsergebnisse zum Volksbegehren in Ihrem eigenen Wahlkreis Westfalen-Nord, Westfalen-Süd, Hefsen-Naffau usw. beweisen es. Die konservativen Brücken über Elbe, Rhein und Main sind burd? Sie zerstört worden. Die Deutschnationale Volkspartei hat unter ihrem ersten Vorsitzenden eine Brücke über die Kluft zwischen den Ständen geschlagen. Sie hatte das Arbeitgedertum in Stadt und Land mit dem von der gesamten deutschen Arbeitnehmerschaft als aufrechten Führer anerkannten d)ristlich-nationalen Gewerkschaftlern auf dem Boden weltanschaulich begründeter politischer Willensbil- d'.mg verbunden. Sie haben durch Ihre betriebsame Förderung der „Irrwege der Sozialpolitik" ... durch ähren Brief nach Amerika ... sich außerhalb der Willensgemeinschaft jener gestellt, die eigene Not aus eigener Kraft in eigener Würbe überwinden wollen.
Die Deutschnationale Volkspartei, die einst die Hoffnung des deutschen Arbeitnehmertums gewesen war, stößt infolgedessen heute in der Arbeitnehmerschaft auf tiefes Mißtrauen. ZhreTätigkeitaisPresse- undFilm- Unternehmer hat das Amt des deutsch- nationalen Parteivorsihenden mit der kultur- und sittenzersehenden Wirksamkeit von Boulevardblättern und lüsternen Filmen in Zusammenhang gebracht.Wette evangelische Kreise haben sich infolgedessen von der Partei abgewandt und sind eigene Wege gegangen. Die Deutschnationale Dolkspartei hat stets politisch vom ersten Auftreten in der Rationalversammlung dafür gesorgt, daß bei nachdrücklicher Vertretung ihrer eigenen politischen Auffassung ein gemeinsames Ar bei ten mit anderen christlichen und nationalen Parteien möglich blieb. Sie, Herr HcWenberg, haben durch Ähre Politik eine s o tiefe Kluft zwischen sich und den anderen antimarxistischen Parteien gelegt, daß eine ge
meinsame Abwehr des Marxismus mit Ihnen zusammen nicht mehr möglich ist." Der Abgeordnete Lambach schließt seinen Brief mit folgenden Ausführungen: „Solange noch irgendeine Wahrscheinlichkeit bestand, daß mit Ihnen an der Spitze der Partei oder ohne Sie eine Rückkehr zu den bei der Begründung der Partei festgelegten politischen Methoden möglich sei, haben meine Freunde und ich unter Selbstverleugnung und Zurückstellung jeder öffentlichen Kritik unsere politische Arbeit im Rahmen der Fraktion, die dank der Führung des Grafen Westarp Ihrem Befehl nicht untergeordnet war, geleistet. Diese Möglichkeit besteht jetzt nicht mehr und deshalb melde ich Ihnen hiermit meinen Austritt aus der Deutschnationalen Dolkspartei, deren Vorsitzender Sie sind."
Erstes Echo der preffe.
Berlin, 4. Dez. (Priv.-Tel.) „Der D e u t s d) e" erklärt: Es ist wohl anzunehmen, daß die Ausge- f(Siebenen und noch Ausscheidenden wissen werden, was sie wollen. Sicher ist das eine: Eine Neu- gruppierung aus christlicher, sozialer und konservativer Grundlage ist zu erwarten. Diese Neugruppierung wird unseres Erachtens der Anfang einer politischen Entwicklung sein, die in der letzten Zeit merklich zu spüren ist. — Die „K r e u z z e i tu n g" schreibt: Wir, die wir, das möd)ten wir hier nochmals betonen, kein deutschnationales Parteiorgan find, bedauern diesen Ausgang sehr, denn es zeigen sich überall verheißungsvolle Ansätze einer neuen konservativen Willensbildung, und wir sahen in der Deutschnationalen Volkspartei den gegebenen Faktor, um sie in die Kraft der Wirklichkeit besser übersetzen zu können. Leider ist in der Oesfentlichkeit dieser Prozeß durch die Separation empfindlich gestört. Erfahrungsgemäß gehen solche Entwi ck- lungen weiter. Wir werden mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen, wohin der Prozeß führen wird. Unsere politische Grundlinie wird von den Vorgängen zwar nicht berührt, unsere praktisch- politische Betätigung aber in Zukunft in starkem Maße davon abhängig sein, obundwosicheine wirklich konservative Haltung und ein starker ausirealpolitische Ziele gerichtete r nationaler Wille zeigt.
Die „Deutsche Zeitun g", die von der Scheidung der Geister spricht, sagt: Die in Frage kommenden Abgeordneten haben lediglich ihren Austrtt
aus der deutschnationalen Reichstagsfraktion, nicht aus der Partei erklärt. Daraus ist zu fd)ließen, daß sie glauben, neben der bisherigen Fraktion als „/Arbeitsgemeinschaft" im Rahmen der Partei ihre Sonberziele zur Freude der Linksparteien verfolgen und damit die Parteiführung Iah m- legen zu können. Wie fid) diese, bzw. der Partei- oorstand mit einer solchen Möglichkeit widerstandslos abfinden soll, darüber dürften fid) die betreffenden Herren doch wohl in einer Täuschung befinden. Man kann die erzielte Klärung vom Standpunkt der nationalen Opposition aus begrüßen, ohne dabei zu versd)weigen, daß „jede Absplitterung eine Schwächung der Schlagkraft und der Aktionsfähigkeit der größten Rechtspartei barfteUt".
Der „Lokalanzeiger" schreibt. „Die Vorgänge, die sich jetzt in der deutfchnationalen Reichstagsfraktion vollziehen, zeigen mit besonderer Deutlichkeit so kurz nach dem Parteitag in Kassel, daß die Reichstagsfraktion der Deutsch- nationalen mit der Deutschnationalen Vollspartei im Lande keineswegs gle ichge seht werden darf. Was jetzt zum Austrag komntt, ist im Grunde der alte Gegensatz, der zwischen den Ja- und Reinsagern bei dem Dawesplan im August 1924 zum erstenmal aufklaffte. Die Abgeordnetem die jetzt aus der Deutschnattonalen Volkspartei und Fraktion ausgeschieden sind und bei denen ein solcher Schritt als sehr möglich gilt, gehören durchweg zu den damaligen Jasagern. In parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß die endgültige Zahl der Ausscheidenden zwischen 15 und 25 liegen dürste."
In der „B ö r se n z ei t un g" schreibt Abgeordneter Schlange-Schöningen, es sei ihm zweifelhaft, ob Deutschland überhaupt noch zu retten sein würde durch Fraktionsarithmettk und Aufzählen von Sttmmen. Vielleicht nehmen die Dinge einen viel drängenderen Verlauf, weil die Riesenprobleme, die vor uns ständen, und bei denen es sich um Deutschlands Leben und Sterben handele, mit Fraktionsdisziplin oder Parteischablonen überhaupt nicht mehr zu meistern sein würden. In solchem Augenblick dürften die Rechtskreise sich wicht isolieren. Den größten Aktivis- mus, den man für die kommenden Stunden der Gefahr bekunden müsse, sei der Wille zur Zusammenfassung der Kräfte des Bürgertums und der nationalen Arbeiterschaft über allzu enge Parteischranken hinweg, damit Deutschland nicht im Strudel eines zweiten 9. Rovember endgültig versinke.
Die „DAZ." jagt, die ausgetretenen Abgeordneten wollten eine selbständige Arbeitsgemeinschaft bilden und würden wohl insbesondere nachderChrist- lich - -Nationalen Bauernpartei hin Anlehnung suchen. Die Bildung einer sveziel- len christlich.sozialen Gruppe sei ein überraschender taktischer Fehler. Als Vertreter des christlich-sozialen Gedankenkreises der Landwirtschaft, der Industrie und der intellektuellen Mittelschichten stellten die Ausgeschiedenen eine außerordentlich beachtliche Gesinnungsgemeinschaft dar, die bereit sei, auf b e m Boden des heutigen Staates praktisch am Wiederaufbau mitzuarbeiten, die sich nun ihrerseits nicht nach noch so berechtigten Sonderinteressen zersplittern sollte. — Der „Börse n - C o u r i e r" spricht die Hoffnung aus, daß die Entwicklung zu einem Zusammenschluß des Bürgertums zum großen und festen Gebilde und zu einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft führen werde. — Die „V o s s i s ch e Zeitung" meint, man müsse sich vor Ueberschätzung hüten, aber cs habe doch den Anschein, als ob die „Los-von-Hugen- berg-Bewegung" mehr sei, als eine Fronde. .
Die „Münchener Reuesten Rachrich- len" schreiben: Wenn nicht alles trüge, teeute die Entwicklung der Parteispaltung ben^In» fang des QI u f b au 6 einer nationalen , aber nicht nationalistischen, einer kon- s e r v a t i v en , aber nicht reaktionären, einer entschiedenen, aber nicht blinden, einer zur Opposition bereiten^ aber auch zur Mitarbeit entschlossenen und befähigten Partei der Rechten.
Keine etappenweise Finanzreform.
Wie Hitferding den Lastenabbau plant.
Berlin, 4. Dez. (Pr.-Tel.) Wenn auch in den älnterhandlungen über die Finanzreform der Gedanke eine Rolle spielte, die Finanzreform etappenweise, und zwar innerhalb eines Zeitraumes von fünf Jahren zur Durchführung zu bringen, so ist dieser Plan, wie uns zuverlässig mitgeteilt wird, doch schon nach seiner ersten Beratung wieder fallengelassen worden. Anscheinend bezweckte: man im Reichsfinanzministerium mit diesem Plane eine fünfjährige Festlegung und Bindung der Ausgaben, was in gewisser Hinsicht durchaus verständlich erscheint, was aber in der Praxis undurchführbar bleiben muh. Außerdem kommt es darauf an, und das ist vor allem die Ansicht, die die Länder vertreten, die gesamte Finanzreform s o f o r t zur Durchführung zu bringen, um schon auf diese Weise eine Möglichkeit herbeizuführen, das Problem des Finanzausgleiches im Interesse der Stabilisierung der Länderfinanzen endlich zur Lösung zu bringen. Ganz dürfte der Reichsfinanzminister seine etappenweisen Plane der Finanzreform allerdings nicht fallengelassen haben, denn er beabsichtigt nach wie vor die 300 Millionen Industriebelastung schrittweise abzubauen, ohne daß er aber dafür einen bestimmten Termin genannt hat. Weiter hält Dr. Hilferding immer


