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Nr. 234 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 5. Oktober 1929

Wie kann der deutschen Landwirtschaft geholfen werden?

Eine Unterredung mit dem Reichslandbundpräsidenten Schiele. - Der Präsident begrüßt die Genfer Weltwirtschasts- konferenz, warnt aber vor einer Stabilisierung des gegenwärtigen internationalen Zollniveaus und fordert weitgehende Senkung der Realsteuern, Uebertragung der Wegelasten auf größere Verbände, Steigerung der Krastfahrzeugsteuer und schlägt zur Entlastung des Kommunaletats Erhöhung der Umsatzsteuer aus 1% vor.

Unsere Berliner Redaktion hat sich mit einer Reihe führender Agrarpolitiker aller Parteien in Verbindung gesetzt, um ihre persönliche Auffassung von den aktuellen agrarpolitischen Problemen ken­nenzulernen. Als erstes Ergebnis dieser Fühlungnahme veröffentlichen wir im Fol­genden eine Unterredung mit dem Präsi­denten des Reichslandbundes. Martin Schiele, ehem. Reichsernährungsminister im Kabinett Marx-Hergt.

Frage: Liegen die Ursachen der heutigen Agrarkrise in einer spezifisch deutschen Situation oder ist sie nur Teil einer europäischen Agrarkrise, die in Deutschland besonders scharfe Formen angenommen hat?

Antwort: Die Agrarkrise ist unzweifelhaft eine Welterscheinung und ist zum Teil auf Gründe allgemeiner Ratur zurückzusühren. So wirkt sich z. V. die Lüeberproduktion an Weizen in fast allen Agrarwirtschaften auf das schädlichste aus. und zwar sowohl in den ^leberschust- wie auch in den Zuschuhländern. Die äleberschuhländern stehen unter dem lästigen Zwange, ihren überflüssigen Weizen um jeden Preis exportieren zu müssen. Die Zuschuhländer ihrerseits sind in schwere Rotwehrstellung ge­drängt. weil der Weizenüberfluh in Uebersee, der naturgemäh gerade auf ihren Märkten ver­stärkten Absatz sucht, die Weizenproduktion der Zuschuhländer. die unter ungünstigeren Produk­tionsbedingungen arbeiten-, auf das schwerste ge­fährdet. wenn nicht zu vernichten droht. Dieses Beispiel zeigt aber bereits, und es könnte be­liebig vermehrt werden, dah selbst da. wo die Ursachen weltwirtschaftlicher Ratur finb, die sich in den verschiedenen Ländern ganz verschie­den auswirken. Für Deutschland be­steht die besondere Gefahr darin, dah die deutsche Landwirtschaft ihren Kampf um den inneren Markt in einem Schwächezustände zu führen gezwungen ist. der durch die schweren Kriegsjahre hervorgerufen und durch die Inflationszeit noch verschärft worden ist. Dieser Schwächezustand, der sich in einer Er­schöpfung der Aecker. einer Dezimierung des Viehbestandes und der Vernichtung des land­wirtschaftlichen Betriebskapitals auswirkte, machte es der deutschen Landwirtschaft unmöglich, ihre Selbsthilfemöglichkeiten voll zu entfalten, beson­ders da die deutsche Handels- und Wirtschafts­politik bisher den notwendigen Schuh versagte, der allein eine freie Entfaltung der in ihr schlummernden Kräfte sichern konnte. So ist es zwar und auf diese Leistung kann nicht oft genug hingewiesen werden, der deutschen Landwirtschaft gelungen, den Produktions- stand der Vorkriegszeit in den wichtig­sten Zweigen der Landwirtschaft ganz oder an­nähernd zu erreichen, doch vermochte sie nicht, den überragenden Absatzorganisationen der Importländer, für die in der Mehrzahl der Krieg eine Zeit ungestörter Entwicklung war. Gleichwertiges entgegenzustellen, zumal diese Län­der fast durchweg sich der besonderen S t a a t s h i l f e ihres Landes erfreuten. Hier sind die spezifisch deutschen Ursachen der Agrarkrise zu suchen. Hier wird denn auch von Staat und Landwirtschaft der Hebel einzusetzen sein, um Abhilfe zu schaffen.

Frage:: Besteht die Möglichkeit, durch inter­nationale und vor allem europäische Verein­barungen der deutschen Agrarkrise entgegen­zuarbeiten? Kämen etwa internationale Zollbesprechungen dafür in Frage oder sind auf diesem Gebiet keinerlei international zu

behandelnde Faktoren vorhanden, die sich wesent­lich auf die deutsche Agrarkrise auswirken?

Antwort: Der Genfer Weltwirt­schaftskonferenz gebührt nicht zuletzt dank der Arbeit der deutschen Vertreter un­zweifelhaft das Verdienst, auf die allgemeine Rotlage der Landwirtschaft mit Rachdruck hin­gewiesen zu haben. Besonders dankenswert war es, dah sie die Aufmerksamkeit der Oeffentlich- keit auf die Ungleichheit der Behand­lung von Industrie und Landwirt­schaft hinlenkte als eine der wichtigsten Quellen der Agrarnot. Wenn aber in den letzten Tagen in Genf Besprechungen gepflogen sind, die darauf hinzielten, das internationale Z o l l n i v e a u als erste Mahnahme für einen allgemeinen Abbau auf der gegenwärtigen Höhe zu stabilisieren, so können diese Bestrebun­gen von der deutschen Landwirtschaft solange nicht scharf genug bekämpft werden, als die auf der Genfer Weltwirtschastskonserenz festgestellte In Parität noch nicht beseitigt wor­den ist.

Frage: Kann man eine auf lange Sicht be­triebene Standardisierungspolitik als einen aussichtsreichen Weg zur fühlbaren Ver­besserung der Lage der Landwirtschaft oder be­stimmter wichtiger Zweige betrachten? Könnte eventuell das Reichsmilchgesetz hier ein wesentlicher Anfang sein?

Antwort: Ich wies schon vorhin darauf hin, dah Schaffung starker Absahorgani- s a t i o n e n, die, geschützt durch eine starke Zoll­wehr, der ausländischen Konkurrenz im Kampf um den deutschen Markt gewachsen sind, eine der entscheidenden Voraussetzungen für die Behebung der deutschen Agrarkrise ist. Damit ist auch die Bedeutung großzügiger auf lange Sicht einge­stellter Standardisierungsmahnahmen gekennzeich­net, denn ohne genügende grohhandelsfähige Ware sind die besten Absahorganisationen wert­los. In der Fülle der sich daraus ergebenden Aufgaben hat das Reichsmilchgesetz eine ganz besondere Bedeutung, denn es gilt einem Pro­dukt, dessen Iahreswert 3,5 Milliarden beträgt, eine Summe, die gröher ist als der jährliche Ertragswert der gesamten bergbaulichen Pro­duktion an Steinkohle, Braunkohle, Erzen und Salzen.

Frage: Welche Möglichkeiten find vor allem der Landwirtschaft, d. h. dem Bauern und dem Großgrundbesitz, gegeben, um sich aus eigener Kraft unabhängig von Staatsmahnahmen selber zu helfen?

Antwort: Die besondere Rotlage der deut­schen Landwirte besteht eben darin, dah ihnen die Möglichkeiten, unabhängig vom Staate sich selbst zu helfen, infolge der Vernichtung ihres Betriebskapitals durch die In­flation genommen sind, und dah alle Versuche, allein auf dem Wege der Absahregelung, der Qualitätsverbesserung und Standardisierung Hilfe zu schaffen, so lange zum Scheitern verurteilt sind, als nicht durch eine grundsätzliche Aenderung der bisherigen Handel s» Politik der Landwirtschaft Zeit und Raum zu einer ungestörten Entfaltung ihrer Kräfte ge­geben sind.

Frage: Sind wesentliche Aenderungen im deutschen Steuersystem wünschens­wert, die auf die Lage der Landwirtschaft einen fühlbaren positiven Einfluh haben könnten?

Antwort: Es kommt nicht auf Aenderung des Steuer s h st e m s, sondern auf Aenderung der Richtung der Steuer Politik an. Wenn auch in der Hauptsache eine Besserung der land­

wirtschaftlichen Rentabilität nur auf der Ein­nahmeseite des Landwirts, also durch Preis­besserung, zu finden ist. so können doch auch fühlbare Erleichterungen auf steuerlichem Ge­biet geschaffen werden, die um so wichtiger sind, als gerade die drückendsten Steuern, nämlich die Real st euer n, heute gezahlt werden müssen, obgleich das entsprechende Einkommen hierzu nicht vorhanden ist. Cs kommt also auf Ent­lastung der Realsteuern in erster Linie an: d. h. auf ein Problem, welches allen produzieren­den Ständen und dem Handel gemeinsam ist. In dieser Richtung must geschlossen vorgestohen werden unter Zurückstellung anderer an sich viel­leicht auch berechtigter steuerlicher Wünsche, die auf dem Gebiet der Einkommensteuer liegen. Die Möglichkeit zur Senkung der Realsteuern besteht. Die Grundlage der Steuerpolitik ist der Finanzausgleich. Dieser muh zu einem wirklichenAusgleich" umgestaltet werden, zu einem Ausgleich zwischen Gemeinden mit hoher und geringer Leistungsfähigkeit. Die W e ge­lost e n, welche in erheblichem Mähe auf die Höhe der Kommunalsteuern einwirken, müssen

WSR. Frankfurt a. M., 4. Oft. Die Ver­handlungen zwischen der Preußischen Elek- t r i z i t ä t s -A. - G. und der Stadt Frank­furt a. M. sind nunmehr zum Abschluß gelangt. Das getroffene Abkommen zwischen der Preag und Frankfurt stellt sich als eine umfassende Regelung der elektrowirtschaftlichen Beziehungen beider Parteien und als ein bedeutender Fort­schritt auf dem Gebiete der Zusammenfassung der öffentlichen Wirtschaftsinteressen in Südwest­deutschland dar. Frankfurt, das bereits Strom von der Preag bezieht, schließt mit ihr einen weiteren Stromlieferungsvcrtrag ab, der den städtischen Elektrizitätswerken nicht nur einen günstigen Preis sichert, sondern auch für die nächste Zukunft eine wesentliche Ersparnis an Anlagekapital bedeutet.

Die Preag übernimmt von Frankfurt die Be­teiligung in höhe von 1,5 Millionen Mark an der Braunkohlen-Schwelkrafkwerk Hessen-Frank- furt A.-G. (hefrag), mit der bekanntlich vor einigen Jahren ein Slromlieferungsverlrag ab­geschlossen ist.

Dadurch wird für die Preag nicht nur eine zweckmäßige Disposition bei ihrer eigenen Pro­duktion und Stromabgabe nach Frankfurt er­zielt, sondern sie kommt auch in enge Zusammen­arbeit mit der Provinz 0 b e r h e s s e n, de­ren Stromlieferant die Hefrag ist. Gleichzeitig erwirbt -die Preag von der Frankfurter Gas­gesellschaft die dieser gehörenden 997 Kuxe der Gewerkschaft Friedrich bei Hungen. Auf diese Weise werden die Schwelereien in Wölfersheim undHungeneinheit­lich in einer Hand zusammengefaßt. Der Frankfurter Gasgesellschaft wird ein K a u f r e ch t auf das in den Schwelereien auffallende Brankohlengas gesichert. Die Stadt Frankfurt hat mit dem Reichsverkehrs­ministerium eine Vertragsregelung wegen des Ausbaues der Mainstufen und der Ausnutzung der Wasserkräfte abschlußreif vorbereitet. Auch für dieses Gebiet der Wasserkraftgewinnung ist

auf größere Verbände (in Preußen Provinzen) übertragen und durch Steigerung des 2l u f* kommens aus der Kraftfahrzeuge (teuer, die im Vergleich z. D. zu englischen Verhältnissen ganz außerordentlich niedrig ist, erleichtert werden.

Ferner sind den Gemeinden die S ch u l l a st e n in viel weitergehendem Matze abzunehmen und auch hier ein wirklicher Ausgleich innerhalb des Landes vorzunehmen. Durch Erhöhung der Umsatzsteuer z. B. auf 1 Prvz.,durch Er.'ebung weitergeycndem Matze aozunehmcn und auch hier ein wirklicher Ausgleich innerhalb des Landes vorzunehmen. Durch Erhöhung derälmsah- steuer z. B. auf l Prozent, durch Erhebung der Tlmsahsteuer auf alle Einfuhren, könnten zur Entlastung des Kommunaletats von Schullasten Mittel aufgebracht werden. Schließlich müssen die dann noch als Gemeindelasten verbleibenden Summen auf einen erheblich weiteren Kreis von Steuerpflichtigen verteilt werden. R e a l * steuern haben, zumal in der jetzigen Abgren^ zung der Steuerpflicht, überhaupt kein« Berechtigung mehr. Kleber die Formen einer hiernach übrigbleibenden »allgemeinen Kommunalsteuer" wäre noch zu reden.

Das sind die Grundfragen für die dringend notwendige Aenderung der Steuerpolitik. Da^ hinter müssen einstweilen andere Wünsche beti Wirtschaft wie auch der Landwirtschaft zurück­treten. Die Frage der Rentenbank- grundschuldbelastung ist daneben eins Frage für sich. Sie muh sofort verschwin­den. da die Voraussetzungen für sie schon längst nicht mehr bestehen.

eine enge Zusammenarbeit zwischen der Preag und Frankfurt gesichert. Das Kapital zum Ausbau der Üntermainstufen wird von der Preag zur Verfügung gestellt werden und dadurch die Durch­führung des großen Unternehmens ermöglicht. Von besonderer allgemeinpolitischer und wirt­schaftlicher Bedeutung ist es, daß int Zusammen­hang mit der Stromlieferung der Preag nach Frankfurt Abreden getroffen worden sind, die die

Heranziehung von Saarffrom in bas südwesi- deufsche Aerbrauchsgebiel

gewährleisten. Die Lösung eines der wichtigsten saarländischen Probleme wird auf diese Weise in ganz besonderem Maße gefördert und eine enge wirtschaftliche Verbindung zwischen dem Saar­gebiet und dem Frankfurter Wirkschaftsbereich hevbeigeführt. Hierüber ist eine Verständigung mit dem Rheinisch-Westfälischen Elek­trizitätswerk herbeigeführt worden, das durch den Transport des Saarstroms in seinem Leistungsneh an dieser Aufgäbe Mitwirken wird. In Zusammenhang mit dieser Gesamttransaktion sichert sich die Stadt Frankfurt eine weitgehende Mitarbeit im Arbeitsbereich der Preag durch ihren Eintritt als Großaktionär in das Llnter- nehmen. Die Preag wird der Stadt Frankfurt 15 Millionen Mart Aktien zum Kurse von 150 Prozent überlassen.

Die Preag übernimmt die Gewerkschaft Friedrich bei Hungen mit Aktiven und Passiven per 30. September 1929 mit der Maßgabe, daß die bis zu diesem Zeitpunkt entstandenen Verluste in höhe von etwas 1 Million Mark von der Frankfurter Gasgesellschasl übernommen werden. Die hessische Regierung ist über das Ergebnis der Verhandlungen durch eine münd­liche Mitteilung der Stadt Frankfurt einstweilen unterrichtet worden. Wegen etwaiger Rückwir­kungen des Abkommens auf hessische Ver­hältnisse wird die hessische Regierung nach genauerer Kenntnis der Einzelheiten demnächst Stellung zu nehmen haben.

Iranksurt gibt die Hefrag und Hungen auf.

Llntermainfinanzierung durch die preag. Heranziehung von Saarstrom.

Der Orionnebel.

Von Professor Or. Küsiermann.

Nachdruck verboten.

Wohl mit Recht gilt der Orion als das schönste aller Sternbilder, und der Umstand, daß wir ihn nicht wie den Großen Bären das ganze Jahr über sehen, erhöht noch seinen Reiz. Ist auch sein Erschei­nen am Abendhimmel ein Zeichen für das Fort­schreiten der winterlichen Jahreszeit, so freut sich der Sternfreund doch, wenn er ihn zuerst erblickt, iinb er grüßt das mächtige Sternbild, das seinen Namen schon über dreitausend Jahre unverändert fährt.

In klaren Winternächten erblicken wir unterhalb der drei denGürtel" des Orion bildenden Sterne mit bloßem Auge den sogenanntenOrionnebel" oder riclmehr seine hellsten Teile, denn er geht ganz all­mählich in feine Schleier über. Der Unterschied zwi­schen den Hellen und den minder Hellen Gegenden ist so groß, daß man sie nur mit allerlei Kunst­griffen auf dieselbe Lichtbildplatte bringt. Denn will man auch die schwächsten Teile des Nebels deutlich oufnehmen, so muß man die Lichtbildplatte so lange seinem Licht aussetzen, daß die von den Hellen Ge­genden des Nebels getroffenen Teile der Platte in­zwischen Überbelichtet werden. Schon das zeigt die große Verschiedenheit der einzelnen Teile des Nebels, die durch eine überraschend reiche Gliederung noch erhöht wird. Die Sternkundigen nennen solche Nebel zerstreute Nebel" zum Unterswied von den soge­nannten .planetarischen Nebeln", die im Fernrohr rund wie ein Planetscheibchen erscheinen.

Der Orionnebel ist von uns ungefähr fünfhundert Lichtjahre entfernt, bas heißt bas Licht, das wir dort sehen, machte sich vor fünfhundert Jahren, als Europa noch im Mittelalter steckte, auf die Reise. Da der Nebel nach seiner ganzen Ausdehnung un­gefähr doppelt so groß erscheint wie der Durchmesser des Vollmondes, so gibt uns das einen ungefähren Begriff von der Größe des ganzen Gebildes. Es ist so groß, daß das Licht ungefähr zehn Jahre braucht, unf es zu durchqueren, während es etwa fünf Se­kunden braucht, um durch die Sonne zu dringen und fünfhundert Sekunden für den Weg von der Sonne zur Erde. Die Ausdehnung des Nebels ist wesentlich größer als die Entfernung des Sibirius von uns, obwohl dieser noch längst nicht der nächste Fix­stern ist.

Auch über die Natur des Nebels lehrt uns die neuere Sternkunde mancherlei Merkwürdiges. Sein

Licht besteht nicht etwa wie das der Milchstraße aus lauter Hellen Sternen, die nur ihrer Entfer­nung wegen in einen leuchtenden Schimmer zusam­menschwimmen; vielmehr besteht er aus einem leuch­tenden Gas, freilich in einer ungeheuer feinen Ver­teilung. Von der Feinheit einer solchen Verdün­nung können wir uns kaum eine Vorstellung ma­chen. Die höchste Luftleere, die wir in unseren neuer­dings so vervollkommneten Hilfsmitteln erreichen können, bedeutet gegenüber der Luft ungefähr eine milliardenfache Verdünnung. Der Orionnebel ist aber ungefähr noch eine millionemal verdünnter als diese höchste uns erreichbare Luftleere. Aber wegen der ungeheuren Ausdehnung des Gebildes ist die in ihm enthaltende Masse doch wieder so gewaltig, daß sie nicht nur zu einer Sonne, sondern zu einer ganzen Anzahl Sonnen ausreichen würde. Ob sich wirklich Sterne aus solchen zerstreuten Nebeln bilden können, kann man zur Zeit noch nicht sicher entscheiden. Es ist aber leicht möglich, denn ein' Werden und Ver­gehen- der Sterne nimmt die heutige Sternkunde ohnehin an, und ein wahrscheinlicherer Ursprung für Sterne ist nicht bekannt.

Auch eine Umdrehbewegung des Orionnebels ist festgestellt worden, und so haben wir in ihm viel­leicht eine Art Chaos zu erblicken, aus dem eine neue Welt, eine neue Ordnung hervorgeht. Also ein Teil des Teils, der anfangs alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar".

Hinter den Knüffen des Traums.

Von Hans Kalischer.

Nichts ist mehr euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer, Schau­spieler, Zuschauer in diesen Komödien seid ihr alles ihr selber!" Worte Nietzsches, dessen geniale Spürkraft in allen Bereichen tieferer Selbsterkennt­nis auch den wesentlichen Ergebnissen der heutigen Traumwissenschaft voraneilte. Denn bevor der Traum nicht grundsätzlich als ein Teil eigensten Innenlebens anerkannt war, fristete er als wertloses Museumsstück der Seelenkunde ein kümmerliches Da­sein, bestaunt und ausgebeutet höchstens von den Abergläubischen, die aus ihm das prophetische Wir­ken äußerer Schicksalsgewalten ablesen wollten.

In Wahrheit wird das unerschöpfliche Repertoire zu jenen allnächtlichen Aufführungen von dem Träu­mer selbst ohne fremde Hilfe bestritten. Doch wären wir noch immer nicht in der Lage, die tiefere Be­deutung des Traumtheaters zu erfassen, hätte uns

nicht die Tiefenpsychologie bas erste wissenschaftliche Textbuch geschenkt, bei dessen vernünftiger Anwen­dung auch der anscheinend unsinnige und willkürliche Tanz der Traumfiguren das heimliche Gesetz einer sinnvollen seelischen Handlung offenbart. Die Frage allerdings, warum dönn dem Träumer, der auf dieser seltsamen Bühne Dichter, Schauspieler und Zuschauer ist, so häufig das Verständnis seiner eige­nen Produktion versagt bleibt, läßt sich nicht in Kürze beantworten. Denn ihr liegt die tiefere Frage zugrunde: warum träumen wir überhaupt?

Träume sind eigentlich nur Fortsetzungen innerer Dialoge, Zuspitzungen und Lösungen dramatischer Konflikte, die wir unbemerkt aus dem Wachzustand in den Schlaf hinübernehmen. Dort, wo der Seelen­raum durch die Abdichtung aller Sinne gegen die -Außenwelt verdunkelt liegt, spielt sich unter dem be­sonderen Rampenlicht, bas der nach innen gewen­dete Blick gleichsam zu entzünden scheint, szenenweise und Nacht für Nacht die Geschichte unseres verbor­genen Lebens ab.

Denn das ist das Seltsame, daß eigentlich nichts in der Seele zugrunde geht, daß, tiefer als unser ange­strengtes Denken reicht, ein ewiges Gedächtnis ar­beitet, in dem (ich Eindrücke und Erfahrungen vom verflossenen Tage mit verwandten aus der frühesten Kindheit und darüber hinaus verbinden. Aus die­sem großen Zeitlosen bezieht der Traumdichter seine immer neuen Eingebungen, und eben dort findet der Traumkomödiant die unendliche Auswahl seiner Rollen und Kostüme. Was wir in kindlicher Selbst­sucht begehrt haben, alles Böse und Gute, all die unsterblichen Illusionen unseres Liebes- und Macht­strebens, die später als Dummheit, Abgefchmackheit, ja Sünde verworfenen Reste der Kinderstube, alles bas wartet täglich, bis sich zur Schlafenszeit der Vorhang jener magischen Bühne hebt.

Eigentlich läuft die ganze Komödie von Anfang an darauf hinaus, früh unterdrückte Wünsche dem Träumer als erfüllt darzustellen. Am einfachsten ist das noch bei den kleinen Kindern. Man schlägt ihnen eine Bitte ab und schon wird sie ihnen im Traume gewährt. Auch die Großen kennen ähnlich geartete Iraumerlebniffe von deutlichem Wunsch­erfüllungscharakter. Da wird man etwa geweckt, um rechtzeitig ins Geschäft zu gehen. Aber man ist müde, hat noch keine Lust aufzustehen und siehe: auf der Schattenbühne erscheinen wir selbst, beim Ankleiden, beim Morgenkaffee, beim pünktlichen Betreten des Bureaus. SolcheBequemlichkeitsräume", die den Schlaf erhalten und uns von einer lästigen Situa­tion bewahren, gibt es in Fülle. Jeder kennt auch die kleinen Traumszenen, die uns von störenden körper­

lichen Reizen, wie Hunger, Dürft und anderen menschlichen Bedürfnissen unseres Leibes durch die glaubhafte Vorspiegelung von deren Befriedigung aufs sicherste befreien.

Aber durch leichte Verständlichkeit sind eben nur die oberflächlichen unserer Träume ausgezeichnet, bei denen die Sehnsuchtsziele bescheiden und schnell er» 'reichbar sind. Was soll man dagegen von den Schauer- und blutigen Kolportagestücken Halten, in denen wir Verfolgung, Flucht, Sturz in Abgründe und ähnliche Martern erleben, bis wir geängstigt, schreiend und in Schweiß erwachen? Sollen etwa auch hier nur Wünsche des Träumers auf der Szene stehen? Ja und nein. Um den Sinn solcher Auf­führungen zu durchschauen, müssen wir uns noch einmal vergegenwärtigen, daß der Träumer in sich eine Vielheit von Personen umschließt. Wir ver­gaßen, daß auch der Kulturmensch mit seinen ästheti­schen, ethischen und moralischen Forderungen nicht schlafen gegangen ist, daß er in Vertretung des wa­chen, kritischen Teiles der Traumpersönlichkeit, als Zensor" sozusagen den Vorgängen auf der inneren Bühne mit scharfem Blicke folgt und dort sein stren­ges Veto erhebt, wo etwa Verstöße gegen Geschmack, Anstand oder gar das Leben des Nächsten drohen. Das aber ist in der geschilderten Art von Träumen geschehen. Gefährliche Wünsche, wenn auch noch ver­kleidet und unkenntlich, haben sich ins Spiel gewagt und stehen vor der Demaskierung. Der Zensor macht seinen Einfluß geltend. Der Vorhang fällt auf offe­ner Szene, das Publikum flüchtet in Angst und Er­regung, die verwerflichen Absichten des Traum- komödianten sind bloßgestellt. Schreckhaftes Erwa­chen! Der Zensor in uns triumphiert, sein Wunsch, den unbotmäßigen Träumer zu strafen, ist erfüllt.

Dieser ständige Streit zwischen der Zensur und dem Traumdichter mit anderen Worten: zwischen unserem Gewissen und unseren Trieben macht es so schwer, in die tieferen Bedeutungsschichten der einzelnen Träume einzudringen und verbirgt dem oberflächlichen Betrachter auch deren Wunschtendenz. Denn ein ganzer szenischer Apparat, ausgestattet mit den Mitteln raffiniertester Verwandlungstechnik steht bereit, durch blitzartige Entstellungstricks, sinnbildliche Verkleidungen und Vereinfachungen dem Schauspiel immer gerade die Wendungen zu geben, die mög­lichst jeden der Gegner zufriedenstellen. So wandelt sich oft für den äußeren Beobachter der Sinn in scheinbaren Unsinn, und nur dem methodisch geschulten Arzt und Psychologen gelingt es eigentlich, sobald es die Not einer affektbeladenen Seele erfordert, hinter die Kulissen des Traumtheaters vorzudringen.