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Nr. 234 Zweiter Blatt

Macdonalds Amerikareise.

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 3\.

Am 4. Oktober ist Macdonald in Neu- 1) o r t angekommen. Dieser Besuch des englischen Ministerpräsidenten beim amerikanischen Präsi­denten ist ein Ereignis von allergrößter Bedeu­tung. Das gilt in erster Linie für die Welt­politik, aber natürlich auch für die innere eng­lische Politik. Geht der Besuch für Macdonald erfolgreich aus, so ist das ein Erfolg der Ar­beiterpartei, deren Mehrheit ja bekanntlich un­sicher ist. Macdonald soll etwa eine Woche in Amerika bleiben. Der Hauptgegenstand seiner Gespräche ist bekannt, die S e e a b r ü st u n g , und dafür hat Macdonald vor seiner Abreise die Erklärung schon abgegeben, die der bisherigen Linie entspricht: daß die eigentliche Stelle der Entscheidung er st die Fünfmächtekonfe­renz sein soll. Für deren Zusammentritt rechnet man Januar in London, und dann könnte auf die alte längst angekündigte allgemeine Abrüstungs­konferenz des Völkerbundes hingearbeitet werden. Taktisch ist das sowohl richtig wie geschickt; weder Macdonald noch Hoover wollen eine Ab­rüstungsverabredung ohne, das hieße gegen, die anderen. Aber sachlich weih man in Paris wie in Dom natürlich sehr genau, daß eine Eini­gung zwischen England und Amerika über die Seeabrüstung im ganzen ein gewaltiges inneres Schwergewicht in sich trägt und das) es ganz außerordentlichen Geschicks bedürfte, eine solche Verabredung kraftlos zu machen ohne größten Schaden namentlich für Frankreich.

Die Hauptzüge der Abrüstungsverabredung stehen ja schon fest. England hat die sogenannte Parität mit Amerika (also die Nicht- überlcgenhcit der eigenen Flotte) schon zugegeben. Das gilt für alle Klassen, nicht nur für die Linienschiffe- für diese wurde das auf der Washington-Konferenz 1922 schon zugestanden, sondern auch für die Kreuzer und die kleineren Einheiten. Die Hauptschwierigkeit war dabei die Einigung in der Kreuzerfrage. Darin hat England ein weiteres Zugeständnis gemacht, was es in Genf 1927 noch verweigerte. Die Grundlage der Gespräche zwischen Macdonald und Hoover ist nämlich die Einigung, daß Ame­rika eine größere Zahl von sogenannten mittleren oder größeren Kreuzern (10 OOO Tonnen) baut, wofür England eine größere Gesamttonnage für Kreuzer zugestanden erhält, mit der es mehr kleinere Kreuzer (nicht über 6000 Tonnen) bauen kann. Die Einigung entspricht den verschiedenen Bedürfnissen der beiden Staaten. Amerika braucht nicht die kleineren Kreuzer zum Schuhe verstreuter überseeischer Positionen, und England kann darin Zugeständnisse machen, weil sonst seine Ueberlegenheit über einen möglichen anderen Gegner das kann überhaupt nur Frankreich sein feststeht. Denn ein Krieg zwischen Eng­land und Amerika, für den diese Berechnung in Frage kam, wird alsundenkbar" bezeichnet und soll eben durch die Bindung beider See­mächte für olle Zeit ausgeschlossen werden. Heber die Schlußzahlen der Tonnage bestehen aber noch Meinungsverschiedenheiten: für Eng­land werden 350 000 Tonnen, für Amerika 300 000 Tonnen genannt. Sn jedem Falle ist darin bereits nicht nur eine Einschränkung, son­dern eine Herabsetzung, eine wirkliche Abrüstung ausgesprochen, wie auch die beiden Staatsmänner, um den Boden für den Schluß gut zu bereiten, bestimmte neue Kreuzerbauten sistiert haben.

Bei der Zusammenkunft der englischen und amerikanischen Staatsmänner wird unzweifelhaft auch über das russische Problem geredet werden. Macdonald brachte die Nachricht von

Symphonie-Konzert des Orchester-Vereins.

Die Entwicklung der Instrumentierungskunst im 19. Jahrhundert war unter der Führung Richard Wagners zu leuchtenden Orchesterklängen ge­langt; zum andern waren die Blasinstrumente, ins­besondere Hörner und Trompeten, durch Einführung des Ventilmechanismus technisch überaus vervoll­kommnet worden. Dabei hatte sich unter dem Ein­fluß der scharf profilierten Themen der Wagner- .jchen Musik eine Steigerung der Klangstärke der Instrumente als notwendig erwiesen; unsere Bläser stehen daher fast alle mehr oder weniger unter dem .Eindruck des jüngsten Klangideals.

Im 18. Jahrhundert war der Ton der Hörner weicher, wohliger, und darum wurde er gern mit dem Klang der Holzblasinstrumente gemischt. Stellt man z. B. die Aufgaben, die M o z a r t in seinem hornkonzert vom Solisten fordert, mit der heuti­gen Klangwirkung des Harnes gegenüber, so muß damals der Hornklang bedeutend leichter, beweg­licher gewesen sein, während dem jetzigen Hornton mit seinem größeren Volumen eine gewisse klangliche Schwere und eine metallische Stärke anhaftet. Ebenso mögen auch die Trompeten in jener Zeit bei weitem schlanker geklungen haben. Die Tongabe der Streich­instrumente hat wohl oder übel der Klangmasse der Bläser folgen müssen, sie ist sonorer, voller, wuch- liger geworden, während ihr im Zeitalter Mozarts und Haydns eine gewisse Anmut, Grazie, Leichtig­keit und Kantabilität zu eigen war.

Angesichts der vorstehenden Tatsachen wird man bei jeder Aufführung von Werken aus der zweiten hälfte des 18. Jahrhunderts besondere Rücksicht auf den Orchesterklang nehmen müssen, damit die Durch­sichtigkeit der damaligen Partituren nicht durch eine )u starke Klanggebung getrübt wird.

Don den Werken des Programmes stand die eingangs gespielte Ouvertüre von C he rü­st i n i dem heutigen Orchesterklang am nächsten. Bei ihr zeigte es sich, daß die konzertgebende Vereinigung seit der Aufführung im Frühjahr recht gründliche Arbeit an sich geleistet hat. In allen Klanggruppen war der dynamische Ausgleich bemerkbar. Es war eine Freude, zu hören, wie das Orchester dem Dirigenten folgte und besonders ein organisches Kreszendo heraus­wachsen ließ. Zum andern bewiesen namentlich die Streichergruppen zum Anfang der Ouvertüre satte, klangliche Farbe. Rein orchestertechnisch letrachtet, stellte die Ouvertüre den Höhepunkt ler Veranstaltung dar.

Größer aber waren die Schwierigkeiten hin­sichtlich der Klangausgleichung in Haydns B»

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 5. Oktober 1929

der ersten Verständigung zwischen London und Moskau mit, die am 1. Oktober zwischen Hender- son und dem Sowjetbeauftragten zustande kam. Formal ist dabei der russische Standpunkt durch­gedrungen; sachlich hat auch Moskau Zugeständ­nisse gemacht. Auch diese weittragende Einigung ist noch nicht über den Berg. Sie hat. viel mehr noch als die Seeabrüstungsgespräche mit Amerika, mit der Opposition im Innern Eng­lands zu kämpfen. Schon jetzt sieht man, wie die etwas durcheinandergeratene konservative Partei die russische Frage für die Plattform einer Opposition mit benutzen will.

Sn der inneren Politik Englands beginnen nach Macdonalds Rückkehr die eigentlichen Schwierig­keiten und Kämpfe. Weniger um den Voung- P l a n, mehr schon um das Problem der Ar­beitslosigkeit, für deren Bekämpfung der Labourminister auf dem Gewerkschaftskongreß in Brighton auch kein konstruktives Programm mit- zubringen wußte. Dann kommt der Bergbau und seine bekannten Schwierigkeiten. Vor allem aber ist, ohne Absicht und Willen der Labour- regicrung, d i e Finanzfrage in den Mittel­punkt gerückt worden, deren Besprechung natür­lich auch auf Snowdens Haltung zum Poung» Plan Bezug nehmen wird. Die ununterbrochenen

Primat der

Von Otto

Als Dr. Hilf er ding das Wort prägte, der Lohn des Arbeiters sei ein politischer Lohn, sprach er als Parteigenosse unter Partei­genossen, um den breiten Massen der sozialdemo­kratischen Wählerschaft recht fest einzuprägen, daß sie ihre materielle Wohlfahrt vor allem ihrer Partei, im besonderen deren derzeitiger Führung zu verdanken hätten. Als Reichsfinanz­minister, so sollte man meinen, müsse Herr Dr. Hilferding erst recht die lleberzeugung vertreten, daß der Politik der Vorrang vor der Wirt­schaft gebühre, daß sich die Wohlfahrt der Volks­gesamtheit nur mit politischen Mitteln sichern und behaupten lasse. Man ist gewohnt, solche Tonart bei ihm zu vermissen, wenn er nicht als Partei-, fonbern als Staatsmann auftritt, und darum brauchte es nicht wunderzunehmen, wenn die Rede, mit der er am 23. September im Reichstag die interparlamentarische Han­delskonferenz begrüßte, ganz auf die zur augen­blicklichen Mode gehörende Aunnahme von einem Primat der Wirtschaft gestimmt war. Der Dawesplan, meinte er, habe endlich das Reparationsproblem auf das Gebiet zurück­geführt, aus dem allein die Lösung möglich sei, auf das Gebiet der Wirtschaft, und der Voung- plan versuche die endgültige Lösung auf dem wirtschaftlichen Boden, indem er denpolitischen Rest des Dawesplanes" aasraume. Dabei hatten die deutschen Sachverständigen doch ihre end­gültige Zustimmung sogar ausdrücklich mit poli­tischen Gründen entschuldigt! Reichsfinanz­minister Dr. Hilferding erinnert sich nicht mehr oder mag nicht daran erinnern; er will kein außenpolitischer Spielverderber sein, und wenn man nicht die Augen gegen die rauhen außen­politischen Gewalten verschließt, die in wirt­schaftlicher Vermummung am Mark des deut­schen Wirtschaftsorganismus saugen, so könnte man sich auch nicht dabei beruhigen, daß der politische Lohn des deutschen Arbeiters" in der Macht der Sozialdemokratischen Partei sicher ver­ankert sei.

Der Mensch muß gewiß erst leben, bevor er philosophieren und Politik treiben kann, aber die Leute, die die lleberzeugung vom Primat der Wirtschaft vertreten, vergessen, daß die Wirt- Dur-Symphonie. Sm allgemeinen hätte man sich hier in allen Instrumentalgruppen grö­ßere Zurückhaltung in der Tongabe wünschen mögen, um den Klangcharakter des Zeitalters um so wirksamer herausarbeiten zu können. Haydn erfordert eine überaus sorgsame Behandlung der Phrasierung und die äußerste Vorsicht in der Abstufung der dynamischen Werte. So konnte manche charakteristische Wendung Haydns durch die stellenweise zu starke und massige Tongabe sich nicht zu rechter Blüte entfalten. Stellenweise wäre es auch angebracht gewesen, den Eintritt neuer Themen durch eine Beeinflussung des Zeit­maßes deutlicher und plastischer herauszuheben. Die im übrigen sehr gut besetzte erste Geige trat zu Beginn des zweiten Satzes im Verhältnis zu den anderen Stimmen des Streichkörpers etwas zu stark hervor. Die Steigerungen des zweiten Satzes bauten sich organisch auf. Ebenso kam die kontrapunktische Verwebung der Themen klar heraus. Das Menuett bewies klangliche Frische, das Trio hätte vielleicht ein etwas ruhigeres Tempo haben können. Der letzte Satz sprühte von Heiterkeit; die klanglichen Episoden waren deutlich gekennzeichnet; ein besonderes Lob verdient die Solovioline.

Fräulein Mimi Bock zeigte in der Durchfüh­rung von Mozarts Klavierkonzert einen sehr beachtlichen Stand von technischer Durch­bildung. Ihr Passagenspiel würde durch die Herausarbeitung klanglicher Akzente noch mehr gewinnen. Mit zunehmender Reife wird sich bei ihr noch eine gewisse innere Wärme bei der Be­handlung der Kantilene einstellen, die zumal bei Mozart besonders angebracht ist, von dessen Klavierspiel ja Joseph Haydn einst bezeugte, daß es einem an's Herz ginge". Mit seiner Begleitung fügte sich das Orchester recht geschickt an. Stellenweise ließ der Orchesterklang die So­listin nicht voll zur Entfaltung kommen. Aller­dings muß man dabei in Betracht ziehen, daß die Begleitung eines Solisten für ein Orchester eine besonders schwere Aufgabe bedeutet, zu deren Lösung die Fähigkeiten nur durch die Routine gewonnen werden können. Das ziel­bewußte Streben des Orchestervereins zur Ver­vollkommnung seines Könnens läßt auch auf die­sem Gebiet für kommende Aufführungen Gutes erhoffen. Daß die Leistungen des Vereins einen so beachtlichen Ausschwung genommen haben, ist nicht zum mindesten das Verdienst von Kapell­meister H. Weller. Ihm mochte der reichliche Beifall als persönliche Anerkennung gelten. Der beschrittene Weg, weiteren Kreisen zu erschwing­lichen Eintrittspreisen die Werke unserer Klassi­ker zu erschließen, mag dem Verein auch in zu­künftiger Arbeit die Richtung weifen. Dr. H,

Goldverluste der Bank von England richten schon die Aufmerksamkeit auf diese Frage, d. h. aus den Kampf um die Pfundparität. Man sagt dem Labourkabinett Gedanken nach, die Bank von England zu verstaatlichen, zu soziali­sieren. Das Kabinett selbst ist in dieser Frage fehr vorsichtig gewesen, weil es weiß, daß irgend­wie nach Sozialismus aussehende Experimente ihm sogleich die Position im Parlament kosten. Aber aus der Lage des Geldmarktes ergab sich die Notwendigkeit, einzugreifen und damit ein Problem schon anzurühren, das das Kabinett zunächst liegen lassen wollte.

Die Welt kann nur hoffen, daß die Gesprächs zwischen Macdonald und Hoover zu einem posi­tiven Ergebnis führen. Denn: kommt es dazu, wirkt das auf die Landabrüstungsfrage. Ein Fortgang in dieser wiederum wirkt auf Ame­rikas Stellung zu den Schulden, da ja der bisherige harte Standpunkt gegen einen Schulden» nachlaß sich immer darauf gründete, daß Europa mit solchem Nachlaß doch nichts anderes anfangen würde, als das Geld für neue Rüstungen auszugeben. So stellt sich wenigstens eine leise Verbindung mit dem Houngplan her, zu dem im übrigen ja auch die Internationale Bank, also auch ein amerikanisches Interesse gehört.

Wirtschaft?

Corbach.

schast gar nicht die ursprüngliche Methode der Beschaffung von älntcrhaltsmitteln ist. Der Mensch ist von Haus aus ein Räuber. Er nimmt, was ihm die Natur greifbar bietet, und der Starke macht sich kein Gewissen daraus, einem Schwa­chen eine Beute zu entreißen. Wirtschaft wird erst möglich, wo organisierte Gewalt den Frieden einer Gruppe sichert, den planmäßige gemein­same Anstrengungen zur Beschaffung von Unter» Haltsmitteln voraussehen, wobei zunächst ge­zähmte Kriegsgefangenen als Sklaven die eigent­liche Arbeit verrichten. Jedes neue Wirtschafts­system war seit den allerersten Anfängen mensch­licher Kultur noch abhängig von einem bestimm­ten neuen politischen System, einer neuen Gewaltordnung, die eine alte, überlebte ablöste.

Ein Staat, so lehrte Montesquieux in feinem berühmten Werke über denGeist der Gesetze", ist dem Untergänge geweiht, sobald er von den Parteien als Beute betrachtet wird. Wenn sich diese Parteien bei der Aneignung eines Beute- anteils wirtschaftlicher Organisationen bedienen, so sind deren entsprechende Handlungen des­wegen nicht weniger politischerstatt wirtschaft­licher Natur. Der Houngplan ist ebensowenig wie der Dawesplan es war, ein Ausdruck wirtschaft­licher Kraftverhältnisse, sondern eine unerbitt­liche Folgerung aus den durch den Weltkrieg geschaffenen Machtverhältnissen. Es ist keine Schande, sich einer solchen Notwendigkeit zu beugen, wenn sie unausweichbar ist, es ist aber Wohl eine Schande, wenn man sich über ihre politische Natur und ihre Unverträg­lichkeit mit nationaler Freiheit täuschen und sich einreden läßt, daß es sich nur um ein Spiel wirtschaftlicher Kräfte handle, das sich mit wirt­schaftlichen Mitteln mit der Zeit zu eigenen Gunsten wenden lasse.

Deshalb kann man auch über die Parole, die Dr. Werner Kehl als Vorstandsmitglied der Deut­schen Bank auf der Tagung des Reichsoerbandes der Deutschen Industrie ausgab:Freie Wirtschaft freier Staat!" nicht streng genug urteilen. Es sollte gerade umgekehrt heißen:Freier Staat f r e i e W i r t s ch a f t!" Solange wir nur nur einen Freistaat" aber keinen wirklich freien Staat haben, kann die Freiheit, die unsere Wirtschaft genießt, nur

Gießener Ferienkurse.

Im großen Hörsaal der Universität hielt gestern nachmittag Dr. Gerber einen Demon­strationsvortrag über Johann Sebastian B a ch. Der Vortragende gab zunächst einen äleberblick über das kompositorische Schaffen des Thomaskantors, schilderte dessen Einfluß und Weiterwirken in späteren Jahrhunderten und ging auf die verschiedenartigen Auffassungen und heterogenen Deutungsversuche ein, die der Bach- schen Musik von Zeitgenossen und Nachfahren, insbesondere durch den Sturm und Drang und die Romantik, zuteil wurden. Der Vortragende entwarf dann auf geistesgefchichtlicher Grund­lage ein Bild vom Wesen und Wirken Sebastian Dachs, indem er ihm seinen genialen Zeit­genossen Händel gegenüberstellte und in einer eingehenden Doppelanalyse das Schaffen und die musikalische Grundhaltung der beiden Meister voneinander abgrenzte und wechselseitig erhellte. Die sehr klaren und geistvollen Darlegungen wurden illustriert durch antithetische Proben aus der Musik Bachs und Händels, die von Dr. Gerber am Flügel und auf der Geige (Beglei­tung: Frau Dr. Gerber) mit starkem Tempe­rament gespielt wurden: erst etliche Tanzsätze Sarabanden und Allemanden aus den Suiten, danach einige charakteristische Sonatensätze. Die Vergleichung von Dreiklangsmotiven bei Bach and bei Händel veranschaulichte besonders deut­lich die Gegensätzlichkeit im Melos der beiden Meister, welche vom Vortragenden in die Formu­lierung gefaßt wurde: Händel sieht mit dem natürlichen Auge, Bach, metaphysischer gerichtet, mit dem geistigen. Die vortrefflichen Ausfüh­rungen Dr. Gerbers sanden den lebhaften Beifall einer interessierten Zuhörerschaft.

Stresernann und die schönen Künste.

Nicht nur die Politik und die Wirtschaft verliert in Dr. Stresernann einen großen Menschen. Auch die schönen Künste und die Wissenschaft stehen tieferschüttert an der Bahre ihres Freundes, der ihnen im Laufe feines vielbewegten Lebens manche Anregung und manches Geschenk gegeben hat. Stre- femann galt sowohl in der Theater- und Filmwelt als auch in der Welt der Literatur als eine Persön­lichkeit von Format, wie wir sie in dieser Vielgestal­tigkeit kaum wiederfinden. Goethe, Napoleon und Bismarck galt im besonderen Maße sein Interesse. In seinen Mußestunden sammelte er Andenken an Napoleon, seine Einstellung zu Goethe ist durch seine vielfachen Reden und Aufsätze rühmlichst bekannt und seine Hochachtung vor dem Altreichskanzler ist wie­derholt Gegenstand allgemeiner Anerkennung gewe­sen. Zu den Liebhabereien des Reichsaußenministers

trügerisch sein. Gewiß, augenblicklich können die mächtigsten Wirtschaftsführer in großem Umfange auch eine politische Diktatur ausüben, aber doch nur, soweit sie sich dabei in Uebereinftimmung mit internationalen Machtverhält­nissen befinden. Den Vertretern des Finanz­kapitals gehört die Stunde, und daran wird der her­kömmliche Parlamentarismus au--' dadurch nicht viel ändern können, daß seine Vertreter mit Eifer die große Mode internationaler Tagungen mitmachen. Auf der interparlamentarischen Han. delskonferenz war auch des langen und brei­ten vom Rationalifierungsproblcm die Rede, und sowohl die Mühe- wie die Fruchtlosigkeit der Be­ratungen spiegeln sich plastisch in der einstimmig an­genommenen Entschließung wider: 1. daß die na­tionale sowohl wie die internationale Rationalisie­rung der Industrie durch industrielle Handels- und soziale Organisationen in allen Landern der Welt sorgfältig geprüft werden sollte; 2. daß die Delega­tionen aus den verschiedenen Parlamenten ersucht werden sollen, durch ihre heimischen Parlaments­komitees ober durch Sonderkomitees zur Er­forschung des Anwachsens industrieller Zusammen­schlüsse auf rationeller Grundlage und der Grenzen ihrer etwaigen weiteren Ausdehnung die Entwick- lungsmöglichkeiten in ihren Ländern erwägen zu lassen; und 3. daß die Delegationen für die Kon- serenz des Jahres 1930 Berichte über die Ergeb­nisse ihrer Erwägungen ausarbeiten sollen. Wenige Tage nachdem die interparlamentarische Handels- konserenz von diesem Bandwurm erlöst wurde, ent- sprang den völlig geheimgehaltenen Beratungen ein paar leitenden Direktoren der Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft, fertig und gerüstet wie die Pallas Athene dem Haupte des Zeus, die größte und epochalste Fusion, die im deutschen Bankwesen jemals vorgekommen ist. Vorgeblich handelt es sich als Hauptzweck um Rationalisierung, aber es wird ja auch kein Hehl daraus gemacht, daß Substanzwerte deutscher Wirtschaft um so leichter und rascher aus vielleicht veralteten, politischen Schalen gelöst und für Zugriffe internationaler Finanzmächte freigelegt werden sollen. Mög­lich, daß es sich dabei um Zwangsläufigkeiten han- dell'. Aber man täusche sich nicht darüber, daß ein völlig freies Spiel wirtschaftlicher Kräfte unter den obwaltenden weltpolitischen Machtverhältnissen nur zu einer tatsächlichen wirtschaftlichen Auszeh­rung Deutschlands führen und nur p o H- t i s ch e Erneuerung auch die deutschefreie" Wirtschaft davor bewahren kann, durch weltwirt­schaftliche Verflechtung in immer größere Abhängig- seit von fremden, vorwiegend überseeischen politischen Machtverhältnissen zu geraten.

Aenderung

deö Gerichtsvollzieher-Gesetzes.

Gemäß vielfachen Anregungen, die im hesft- schen Landtag über die Gebührenberech­nung der Gerichtsvollzieher vorge­bracht wurden, und den wiederholt vorgebrach­ten Wünschen, die Staatskasse an den Einnahmen höher zu beteiligen, hat das hessische Gesamt- minüsterium eine Verordnung erlassen, die wich­tige Aenderungen der Dienstverhältnisse der Gerichtsvollzieher bringt. Art. 3 der Verord­nung vom 13. Juli 1928 wird dahin abgeän­dert, daß in Zukunft Mehreinnahmen der Ge­richtsvollzieher, die über die Bezüge eines Be­amten in der Besolungsgruppe A 4e (alte Besol­dungsordnung) hinausgehen, völlig an die Staats­kasse abzuliefern sind. Bei Berechnung der Ab­lieferungen (Art. 4) wird nur das um einen Teilbetrag des Einkommens an Gebühren für den Akt gekürzte Reineinkommen zugrunde ge­legt. Die'er Teilbetrag wird bis auf weiteres auf 15 Prozent festgesetzt.

Art. 5 wird dahin ergänzt, daß für die am 30. September 1927 im Amte gewesenen Ge-

aehört u. a. eine Handschriftensammlung des Kai­sers, eine Sammlung von Gemälden und Büchern, da er auf großen Bücherversteigerungen ein gern gesehener Gast und Käufer war. Stets hat er im aufreibenden Geschäft der Politik zwischen Konferen­zen und Krisen auch Zeit für Anregungen und Schöpsugen der Geisteswelt gefunden.Er ging im Deutchen Bühnenklub ein und aus, fein künstlerisches Interesse für den Film fand seinen Niederschlag in der Tatsache, daß er der Vereinigung der Film­fabrikanten führend angehörte und auch die nam­haftesten und bedeutendsten kulturpolitischen und wissenschaftlichen Vereine und Verbände zählten den Verstorbenen zu einem ihrer aktivsten Mitglieder. Er wurzelte also breit und tief auch im geistigen Le­ben der Nation, das im Sinne Weimars die Ret­tung der Menschen durch den Geist erstrebt. Oft ist gesagt worden, daß Stresernann, wäre er ein Privat­mann gewesen, Literaturforscher und Kulturphilosoph von großem Format geworden wäre. Die Weite sei­nes Geistes hat ihn vielen menschlichen Problemen genähert, und so ist auch das geistige Deutschland vom Tode dieses großen Staatsmannes tief erschüt­tert worden.

Hochschulnachrichien.

Amtlich wird die Ernennung des ordentlichen Professors für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Berlin, Dr. Albert Brack­mann zum Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und ersten Direktor des Geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem bestätigt. Dr. Brackmann, der die Leitung der Preußischen Staatsarchive als Nachfolger des Geh. Rats Prof. P. Kehr übernimmt, ist 1871 zu Hannover geboren. Von 1898 bis 1901 war Dr. Brack­mann Mitarbeiter der Monumenta Oermaniae historica, war später im höheren Schuldienst tätig und erhielt 1905 die Ernennung zum auher- etatsmäßigen außerordentlichen Professor an der Universität Marburg mit dem Lehrauftrag für historische Hilfswissenschaften als Nachfolger von Prof. Haller. 1913 kam Brackmann als Ordina­rius nach Königsberg und 1920 nach Marburg als Nachfolger von der Ropps. Seit 1922 lehrt Brackmann als Nachfolger Dietrich Schäfers in Berlin. Der Preußischen Akademie der Wissen­schaften gehört der Gelehrte als ordentliches Mitglied an. Der bereits im vergangenen Sommersemester mit einem Lehrauftrag für Ver­sicherungsmathematik an der Universität Frank­furt betraute außerordentliche Professor Dr. Samson Breuer von der Technischen Hochschule in Karlsruhe hat den gleichen Lehrauftrag für das bevorstehende Wintersemester und daS Sommersemester 1930 erhalten.