Ausgabe 
5.8.1929
 
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die Entspannung des Arbeitsmarktes verzeichnet. Die Zahl der Erwerbslosen ist von 9920 Ende März auf 3470 Ende 3uni zurückgegangen. Das Kapitel über die Finanzlage behandelt hauptsächlich die Anleihebegehren der Städte und Kreise des Saargebiets zur Durchführung öffent­licher Arbeiten, vor allem Straßen- und Drücken­bau, Wasserversorgung und Einrichtung von Straßenbahn- und Autobuslinien und verzeichnet die Ermächtigung des Zweckverbandes der Saar­kreise, Verhandlungen über die Begebung dieser Anleihen aufzunehmen, die jedoch den Gesamt­betrag von 187 Millionen Francs nicht über­steigen dürfen. Ferner enthält der Bericht ein­gehende Ausführungen über die im April d. 3. getroffenen Maßnahmen zur Aufwertung der Hypotheken, die unter Berücksichtigung der besonderen Lage des Saargebiets den deut­schen Aufwertungsbestimmungen angepaht wor­den seien.

Das Arbeitsprogramm des Reichstages.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers-.

Berlin, 5. Aug. Kurz nach dem Abschluß der Pariser Sachverständigenberatungen nahmen die Optimisten an, daß die Klärung zwischen den Re­gierungen noch in einer Konferenz Ende Juli er­folgen könne, so daß der Reichstag zur Ratifizierung der dem Poungplan folgenden Gesetze noch Mitte oder Ende August zusammentreten werde. Aber neben den reparationspolitischen Aufgaben sollten die Volksvertreter in ihrer Sondertagung im August auch noch eine Reihe dringender innerpolitischer Gesetze erledigen. Nun wird das Plenum des Reichs­tages aber frühestens Mitte September zusammentreten und einen um so größeren Berg an Gesetzentwürfen vorfinden, der seiner Abstim­mung harrt. Neben der Ratifizierung des Poung- Plans werden eine Reihe besonderer, mit ihm zu­sammenhängender Gesetze, wie Reichsbahn usw. oorliegen, die sich aber heute noch nicht übersehen lassen. Das Reichsernährungsministerium hat durch die Vertagung der Vieh- und Fleischzoll­erhöhungen wichtige Vorschläge zu machen, die dringend der Erledigung bedürften, während die Vorlage über die Neugestaltung des Pachtrech- t e s zwar auch noch im Winter beraten werden muß, doch weniger dringend ist. Das gleiche Mini­sterium wird auch das schon ausgearbeitete Milch­gesetz vorlegen. Sehr produktiv ist das Reichs- orbeitsministerium, das die Volksvertreter mit einem Berg neuer Entwürfe überschütten wird. An erster Stelle steht die Reform der Arbeits­losenversicherung, und weiter werden u. a. das sog. Hausgehilfengesetz, ein Entwurf eines Gesetzes über die Unfallverhütung in der Unfallversicherung, eine Vorlage zur Aenderung der Angestelltenversicherung und ein Vorschlag über die Richtlinien für den Woh­nungsbau bis 19 4 0 vorgelegt werden. Das Justizministerium wartet mit dem Einführungsgesetz in das neue Strafgesetzbuch auf, dem bald auch ein Entwurf über die Bereinigung der Grundbücher folgen dürfte. Sehr reich ist auch das Programm des Reichsinnenministeriums, das ein Ministerpensionsgesetz, eine Reichs- d i e n st st r a f o r d n u n g für die Beamten, ein Berufsschulgesetz und das neue R e - publikschutzgesetz bereithält. Ob das Gesetz über das Presserecht noch für die Wintertagung fertig wird, ist nicht zu übersehen. Das Arbeitsge- biet des Reichstages wird noch durch eine Fülle zum Teil schon eingeleiteter Beratungen erweitert, wie z. B. die immer noch nicht abgeschlossenen Ver­handlungen über den endgültigen Reichs- wirtschaftsrat, über den Einspruch des Reichs­rates zur Lex Brüning, und schließlich kommen noch eine Reihe besonderer Gesetze hinzu, wie das N o t - Programm für die besetzten Gebiete und die durch den Zollablauf bedingte N e u g e - staltungverschiedenerZollpositionen.

Leibls Auge.

Don Otto Brües.

Caruso hat seinen Kehlkopf dem Aeapeler Museum vermacht: dort kann man ihn in Spiri­tus und unter Glas sehen. Die Stimmbänder sind zwei Millimeter länger als bei gewöhnlichen Sterblichen. Einseitig wär' es nun und eine Ver­sklavung an den Erdenstoff, wollte man behaup­ten, Caruso wäre Caruso geworden nur wegen dieser zwei Millimeter. Sein Vortrag, ebenso lei­denschaftlich wie zart, konnte jedenfalls nicht ohne eine entsprechende Menge von Gehirnwin­dungen zustande kommen. Aber dieses Mehr von »Wei Millimeter darf nicht ganz übersehen wer­den wenn es auch vielleicht geschmacklos war, sie unter Spiritus zu setzen.

Was für Caruso die Stimmbänder bedeuteten, waren für Wilhelm L e i b l seine Augen. Er hat nie eine Brille getragen ... er hat immer schär­fer geseher als andere Menschen. Seine Freunde haben es bezeugt: diejenigen, die in seinem Schat­ten malten: diejenigen, die aus der Rähe über ihn schrieben. Zwar war dieses Auge Leibl von seinem Geschick mitgegeben, überkommen aus Fleisch und Blut seiner Eltern: aber wär er ein Homunkulus gewesen, von seinem Hersteller zum Maler bestimmt: kein Optiker und Techniker hätte die Linsen besser errechnen können. Man ist versucht, von jenem Kerl aus dem Märchen Sechse kommen durch die ganze Welt" zu spre­chen, der auf zweihundert Meter einer Fliege das rechte Auge wegschoß und in dem Wett­kampf, der dieser Fabel spannenden Kern bildet, auf noch größere Entfernung den Läufer durch einen Schuß in sein beinernes Kopfkissen, den Totenschädel, zur rechten Zeit weckte. Dieses Auge war Leibls Lust und Qual: um dieses Auges willen mußte er ein Tuch mit Flaum und Ge­webe so genau malen, daß der warenkundige Be­obachter ihm sagen konnte, wieviel der Meter solchen Stoffs im Kaufhaus kostete. Um dieses Auges willen zog er die Dinge so nahe an sich heran, daß sie mit der Wirklichkeit verwechselt wurden. Ilm dieses Auges willen mußte er dann die kostbarsten Bilder zerschneiden, was er nicht im aufbrausenden Zorn, sondern in kalter Lieber­legung tat: denn er hielt die Teile der Aufbe­wahrung wert und wußte wohl, daß sie auch dann noch aber hundert Stück der zeitgenössischen Male, rei an Bedeutung übertrafen.

Was hätt' ihm diese« Auge nützen können, hätt' er nicht die Gesinnung gehabt, die ihm entsprach? Es ist etwa der umgekehrte Fall wie bei dem bel­gischen Sonderling Antoine W i e r tz, dessen Bil­der im gleichnamigen Brüsseler Museum vereinigt

Am Vorabend der

Berlin, 4.Aug. (WB.) Die deutsche Dele­gation ist heute um 23.27 Uhr in der bereits bekannten Zusammensetzung unter Führung der Reichsminister Dr. S t r e s e m a n n, Dr. Wirth, Dr. Eurtius und Dr. Hilferding im Son­derzug nach dem Haag abgereist. Zum Ab­schied hatten sich der Geschäftsträger der hiesigen Königlich-Holländischen Gesandtschaft, Sorbette, sowie die leitenden Beamten der beteiligten Mini­sterien auf dem Bahnhof eingesunden. Der Son­derzug wird morgen gegen $12 Uhr im Haag ein­treffen.

Abreise der britischen Delegation.

London, 4. Aug. (WB.) Die britischen Dele­gierten Henderson, Snowden und Gra­ham sind nach dem Haag a b g e r e i st.

Erklärungen Snowdens.

London, 5.Aug. (WTB. Funtspruch.) Vor der Abreise aus London ertlärte Snowden in einer Unterredung mit einem Vertreter desDaily Ex­preß", daß er seine Pläne bereits fertiggestellt habe. Er sagte:

wir gehen nach dem Haag, um dieses Durch­einander zu ordnen. Ich glaube, daß es uns gelingen wird. Jedenfalls werden wir unser möglichstes tun.

Wir trafen dieses Durcheinander an, als wir an die Regierung tarnen, aber wir wollen ihm nicht mehr gegenüoertreten müssen. Snowden bemertte weiter: Wir werden vielleicht wochenlang wegbleiben müssen, wir sind jedoch bezüglich der Ergebnisse dieser Konferenz der Nationen voller Hoffnung und Zuversicht.

Englands Forderungen zum houng-plan.

Rheinlandräumung: Ungeheurer Druck der Öffentlichkeit

London, 4. Aug. (TU.) Die diplomatischen Berichterstatter der Sonntagsblätter weisen in längeren Abhandlungen und in voller Ueber- einstimmung mit dem von der Tagespresse ver­tretenen Standpunkt nach, daß der Bvung- plan für Großbritannien nur an­nehmbar sei, wenn er in drei Punkten a b- geändert werde:

1. Verzicht auf die von den Pariser Sach­verständigen vorgenommene Aenderung des Verteilungsschlüssels von Spa:

2. Aenderung der Bestimmungen über die deutschen Sachlieferungen in einem der britischen Politik genehmen Sinne:

3. Abänderung der Bestimmungen, die an­dere Konzessionen an gewisse euro­päische Staaten, in erster Linie 3 t a l i e n und Frankreich, in sich bergen.

Die Haltung der britischen Abordnung steht in voller Liebereinstimmung mit diesen Forderungen. Schatzkanzler Snowden ist entschlossen, an einem Teil der britischen Forderungen unter allen Llmständen festzuhalten.

Die britische Abordnung nimmt daher in den finanziellen Fragen grundsätzlich den Stand­punkt ein, daß der Zoungplan in der gegen­wärtigen Form, soweit er die deutsche Gesamt­oerpflichtung angeht, intakt bleiben soll, daß ober die Anteile der Alliierten zugunsten Groß­britanniens abgeändert werden sollen.

Ganz eindeutig ist die Lage bezüglich der briti­schen Stellung zur Rheinlandräumung. Die britische Abordnung steht gerade in dieser

sind, ein Mann von oft phantastischem Können, dessen Crlebnisweise dichterisch, etwa eine dra­matische war, und der es darum bei aller Be­sessenheit nur zu fragwürdigen, immer dilettan­tischen Werken brachte. Leibls Vernunft gehorchte seinem Auge, und das in einer Epoche, die die meisten Maler zum Llngehorsam gegen ihr Auge verführte: das macht ihn so groß. Die Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege, wir haben es am eigenen Leib erfahren, barg nun einmal die Möglichkeiten selbstloser, ohne Rücksicht auf den Erfolg getaner Arbeit nicht in sich: wenngleich das, was wir an Rellame und Gebrüll heute erleben, es uns eigentlich verwehren sollte, all­zusehr über das neunzehnte 3ahrhundert die Rase rümpfen. Aber Anton von Werner hat seinen Ruhm dahin, und heute hat man es überall begriffen, daß nicht er die seinem Volk gemäßen Werke schuf, sondern Leibl mit wenigen andern.

Darum also ist Leibl aufs Land gegangen. Richt in die Südsee, wie der Franzose Gau­guin, dessen zärtliche und bunte Kunst darum doch die Schlacke des Dekorativen, Gestellten nie ganz verlor, sondern in die Berge. Wie es heute noch viele Münchener Maler und Dichter tun, wenn sie dis Großstadt abstreifen, und sich den Elementen stellen wollen. Leibl tat es aber nicht gelegentlich, sondern wesentlich, und er tat eS allein, nicht, wie später die Worpsweder, in einer Gruppe. Denn sein Auge war scharf und wollte die Seele an die Oberfläche der Dinge her- ansauaen: und sein Wesen treu, und konnte sich an gelegentlichem 'Besuch aus dem Lande nicht ge­nügen lassen. Er suchte die unverstellten Menschen und fand sie nur, indem er einer der ihren wurde. Er hielt die Großstadt füt dekadent, aber er er­hielt sich die Rervigkeit des Großstädters, was denn wohl auch heute die einzige Möglichkeit bleibt, die Seele rein zu halten.

Weil Leibl seinem scharfen Auge treu blieb in einer Zeit, die Rang und Adel verwischte, hat er sich einer Aufgabe versagt, für die damals der Boden völlig verloren war: der Gestaltung reli­giöser Themen. Ein einziges Mal, heißt es, hat er auf die Bitten eines Freundes, des Pfarrers Blank, sich an einer Kreuzabnahme versucht: aber es ist bemerkenswert, daß von diesem, dann gescheiterten Vorhaben, nicht einmal die Teilstücke erhalten blieben, wie bei den andern, als Ganzes mißratenen Bildern. Seine Relegion- - er blieb als Sohn des Kölner Domorganisten bis zum Tode im Rahmen des ihm Lleberlieferten war rein goethisch, wenngleich Goethe an feinen Bildern die Idealität vermißt hätte. Er sog, ein anderer faustischer Mystiker, so lange an der Sphäre des Erdgeistes, bis Sein und Schein der Dinge sich deckten. Aber er gab sich, um diesen Vergleich fortzuspinnen, innerhalb sei-

Saager Konferenz.

Frage unter einem ungeheuren Druck der Oesfentlichkeit.

DerObserver" gibt der britischen Abord­nung für die Haager Konferenz einige Ermah­nungen auf den Weg, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Die Rheinland­räumung bezeichnet das Blatt als außer Zwei- fei stehend, aber etwas mehr Gewißheit darüber, daß die Besatzungsarmeen bereits am 31. August den Rückzug antreten würden, wäre erwünscht.

wie aber, so fragt das Blatt, liegen die Dinge mit der Feslsiellungskommifsion, deren Exi­stenz eine lebendige Lüge und eine untragbare Frivolität und nicht etwa ein Mittel der wahr- heitsfeftstellung oder des Ausgleichs wäre.

Den Außenminister Henderson werde man beurteilen nach seiner Festigkeit in der Frage der Rheinlandräumung. Der Skandal der Besetzung deutschen Bodens gelte eben­so wie irgendeine andere europäische Gefahr und, solange deutsches Gebiet nicht befreit sei, sei der Krieg noch nicht vorüber. Kompromisse könn­ten hier nicht g e d"u l d e t werden. 3n fi­nanziellen Fragen stellt sich der »Observer" vorbehaltlos hinter Snowden. Großbritannien habe als Land gern und bereitwillig einen hohen Preis für Frieden und Ausgleich bezahlt, wenn aber der Preis so groß sei, daß er das damit erstrebte Ziel hinfällig zu machen drohe, dann müsse ein lautes:Halt" geboten werden. Dieses Halt werde im Haag ausgesprochen werden.

Französische Vorschau.

Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen.

Paris, 4. Aug. Am Vorabend der Haager Kon- ferenz versucht der halbamtlicheExcel- sior einen Ueb er blick über die Haltung zu geben, die seiner Meinung nach die einzelnen an den Beratungen teilnehmenden Staaten einnehmen werden.

Für Frankreich müsse sich das Programm der Konferenz streng auf die Annahme des Zoung- Planes beschränken in der Form, wie er von den Sachverständigen abgefahl worden sei, sowie auf die Besprechung der Bedingungen einer mög­lichen Räumung des Rheins, wenn das Be- sahungvpfand tatsächlich und rechtlich erseht roor- den sei, und wenn man den Eharakter. die Or­ganisation und die Dauer des Aeberwachungs- ausschusses festgelegt gäbe.

Belgien, das von Anfang an die Annahme des unteilbaren Boungplanes Vorschlägen werde, stimme mit Frankreich in allen Punkten überein. Auch die italienische Regierung werde sich an die Seite der beiden obengenannten Länder stellen, um die Llnantastbarkeit des Voungplanes besonders hinsichtlich des Vertei­lungsschlüssels zu verteidigen.

Die britische Regierung habe bereits durch den Mund des Schatzkanzlers Snowden ver­künden lassen, daß sie den Voungplan ab­geändert haben wolle bezüglich des Verhält­nisses des geschützten und ungeschützten Teiles, des Vorrechtes für Kriegsschäden, der Ratural­leistungen und der Satzungen der internationalen Dank und des Verteilungsschlüssels unter den Gläubigern, ohne indessen die H 5 h e der deutschen Schuld zu ändern. Bekannt sei ferner

das englische Eintreten für die sofortige und bedingungslose Räumung des Rheinlandes.

Deutschland verlange als Grundbedin­gung für die Annahme des Doungplanes die Zu- ficherung der Rheinlandräumung an dem Tage des Inkrafttretens der neuen Regelung. Eine Ueberwachung der entmilitarisierten Zone wolle Deutschland nur bis 1935 zulassen, obgleich die Ent- Militarisierung des Rheins auf 50 Jahre vorgesehen

ner Religion als ein Fanatiker, und jeder un­duldsame Fanatismus straft sich in sich selbst. Die Werke nämlich, an denen er scheiterte, waren nicht entstanden aus einem Gehorsam gegen sein Auge und gegen seine Art, zu sehen, sondern ge­radezu aus einem Kadavergehorsam. Da rückten dann die Einzelheiten der Bilder so ungebührlich vor, daß sie den Eindruck des Ganzen zerstörten. Das Auge, dieses seltsame, bohrende Auge machte sich selbstherrlich, spottete der Treue, die ihm so eifrig gehalten wurde, und zerbrach, was doch aus ihm entstanden war.

3m Alter, nach dem Mißlingen des Bildes der vier Wildschützen, kam dann die Milde des Sehens ... Die Bildnisse des Freundes und Gönners Seegers zeigen einen Menschen mit shakespeare- scher Spannung, das Bildnis des am Fenster lehnenden Mädchens ist weich, wie keines bis dahin, und lautere Seele. Es ist sozusagen mit geschlossenem Auge gemalt.

Kurze Geschichte.

Von Frank F. Braun.

Mit den Kurzgeschichten ist das so eine Sache. Es genügt nicht, daß sie kurz sind, sie sollen eine Pointe haben. Pointe ist das, worauf der Mann in der Redaktion von der ersten Zeile an gefaßt ist. Eine traumwandlerische Sicher­heit läßt ihn bereits in den Anfangszeilen der Kurzgeschichte diese Pointe ahnen. Solche Geschichten bekomme ich folglich stets zurück mit dem Bemerken, der Stoff fei zu kühn. 3ch habe nun einen neuen Trick. 3ch lasse die Pointe weg. Geschichten ohne Ende. Man appelliert an die Phantasie des Lesers. Mit diesen Geschichten erziele ich vollen Erfolg. Wir sind alle Dichter. Die Produktivität ist nichts als eine Frage der seelischen Schüchternheit und der Fähigkeit zu lügen.

Es war auf der Strecke ApenradeHamburg. 3ens 3ensen saß neben dem Herrn aus Däne­mark. Der Zug fuhr dur'ch einen freundlichen Morgen.

3a," sagte 3ens 3enfen, und er sprach nicht zu dem Dänen, sondern setzte eine Unterhaltung fort mit dem Herrn, der ihm gegenübersaß, ja, das ist alles gut, aber ych habe etwas gegen diese Patentschlösser. Wenn Sie nun3hre Zahl vergessen? Kein Mensch bekommt das Schloß auf; die Kassette muß demoliert werden. Wir sind viel zu vorsichtig. 3hre Eisenkassette da im Retz erregt erst die Reugier eines Gauners!"

Run dafür oder dagegen habe ich ja die Zahlensicherung. Riemand kann das Schloß öffnen, der nicht di» richtige Zahl emfteHL Die

fei. Dem Poungplan gebe Deutschland grundsätzlich seine Zustimmung vorbehaltlich gewisser Aenderun- gen in der Staffelung der Jahresleistungen, in der Dauer der Moratorien und der Aufhebung des Sachlieferungsregimes. Die Mehrzahl der Regierun­gen, die nur ein begrenztes Interesse an dem Poung- plan haben, hätten den großen Mächten mitgeteilt, daß sie die von den Sachverständigen getroffene Regelung des Verteilungsschlüssels nicht anerkennen könnten. Rumänien, Südslavien und Griechenland forderten die uneingeschränkte Anwendung der D e r teilungssätze von Spa. Nach Meinung des E x c e l s i o r s" sei eine derartige Forderung kaum zulässig, nachdem die großen Mächte in eine bebeu- tenbe Ermäßigung der deutschen Schuld eingewilligt hätten.

Polen und die Tscheche!, für die nach dem Poungplan nur geringe Summen in Frage kamen, erwarteten endlich wirkungsvolle Maß­nahmen für die Sicherung der Oft- und DJeft- grenzen nach der vorzeitigen Rheinlandräumung.

Das Blatt schließt mit der Feststellung, daß bie U n« einig teit zwischen den Gläubigern in der Frage der Verteilung der deutschen Zahlungen, so­wie über die Unantastbarkeit d e s P oung- planes eine schwere Gefahr für die endgül- tiye Regelung der Wiedergutmachungen darstellen würde.

Zusammenstöße in Nürnberg.

Nationalsozialisten und Kommunisten Prügeln sich.

Rürnberg, 4. Aug. (WTB.) Zm Zusam­menhang mit dem R e ich s pa r te i t a g der Rationalsozialisten kam es im Laufe des Rachmittags an den verschiedensten Stellen der Stadt zu zum Teil schweren Zusammen- st ö ß e n, wobei oft von der Schußwaffe Gebrauch gemacht wurde, so am Cafe Merk, dem Treffpunkt der Kommunisten und vor dem Gast­hausZum wilden Mann", das beschädigt wurde. Auch auf dem Hauptmarkt kam es zu Ausschrei­tungen. Ein berittener Schutzmann wurde am Hauptmarkt durch eine geschleuderte Flasche im Gesicht verletzt. Die Sanitätswachen haben alle Hände voll zu tun. Eine Reihe von Person nen wurde fest genommen.

Mehrfach muhte die Polizeibirektion zum Ein­sehen von geschlossenen Polizeikräften schreiten.

Das K o m m u n i st e n l o k a lZum Engel" am Grünen Markt würbe von einer großen Anzahl N a t i o n a l s o z i a l i st e n gestürmt u n b b c schädigt. Ein in der Nähe stehender Schutzmann gab einen Schuß in/bie Lust ab. Aus dem Getüm- mel löste sich eine Zivilperson los, die von den Na- tionalsozialisten verfolgt und zu Boden g e - schlagen wurde, so daß sie bewußtlos liegen blieb. Das Ueberfalltommanbo und 50 be­ritt e n e Polizisten sperrten den Hauptmarkt ab. Ueber die Einzelheiten der Ausschreitungen läßt sich noch nichts Genaues sagen, weil die Polizisten zum größten Teil noch unterwegs sind. Von der einen Seite wird behauptet, daß von den Kom­mun ist en aus dem Cafe Merk geschossen worden fei. Auf der anderen Seite heißt es, daß ein Angriff auf das Cafe unternommen worden fei. Einwandfreie Aussagen liegen noch nicht vor. Die Absperrung des Hauptmarktes wurde bis gegen 7.30 Uhr abends aufrechterhalten. Infolge der an den verschiedenen Stellen der Stadt vorgekommenen Zusammenstöße ist der ganze Wagenpark und das gesamte Personal des Sani­tätsdienstes unterwegs, um die Verletzten weiter- zutransportieren. Weiter verlautet, daß etwa 10 bis 12 Personen verletzt worden seien.

In den Abendstunden zwischen 8 und 9 Uhr gab Adolf Hitler den Befehl aus, daß sämt­liche Rationalsozialisten in ihre Quartiere zurückzukehren haben. Richlbesolgen des Befehls habe den Ausschluß aus der Partei zur Folge. Außerdem solle jede Provokation von der Gegenseite

Zahl aber weiß natürlich nur ich; und vergessen werde ich sie nicht."

Sie sind 3uwelier. 3uwelieren rühmt man allerdings ein gutes Zahlengedächtnis nach", 3ens 3ensen erfand eine funkelneue Theorie, aber ich möchte doch nicht in 3hrer Haut stecken. Linser Gehirn ist vergeßlich. Wenn ich 3hnen den ganzen Vormittag Zahlen vorreden wollte, ich wette, in Hamburg hätten Sie die eine Kombi­nation, auf die es ankommt, vergessen."

Man muß sich eine Zahl merken, die man nie vergessen kann, z. D. seinen Geburtstag."

Sie brauchen für diese Kassette vier Ziffern." Run ja, Tag, Monat und 3ahreszahl ohne Hunderter, 1. 3. 02 oder 8. 9. 69."

-Sehr sein", gab 3ensen zu und versank in abgrundtiefes Schweigen.

Flensburg kam in Sicht. Der Däne erhob sich. Er wollte an sein Gepäck, dabei stieß er 3en8 3ensen ein wenig an und entschuldigte sich nicht. 3ens 3ensen war ein Mann voll Tempe­rament und Llnduldsamkeit. Es gab einen Streit. 3enö 3ensen fluchte lange Sätze dänisch. Plötz­lich klatschte eine Ohrfeige. Der Dane hielt seine Backe. Als der Zug in den Bahnhof ein­lief, winkte der Geschlagene dem Stations­vorsteher, ließ einen Schuhmann holen und ver­langte, daß die Personalien 3ens 3ensens fest­gestellt würden. Der beteuerte seinerseits die Berechtigung seiner Handlung, er rief sein Ge­genüber zum Zeugen an. Der 3uwelier wäre der Sache gern aus dem Weg gegangen, aber der Schutzmann bat die drei Herren in den Bureauraum des Vorstehers.

Der Zug hatte fünfzehn Minuten Aufenthalt. Ein kurzes Protokoll ward aufgesetzt. Der Däne gab seine Personalien an, ebenso 3ens 3enfcn unb der 3uwelier. 3ens 3ensen verließ als erster zornschnaubend den Raum. Den 3uwelier hielt der lamentierende Däne noch auf. 3ens 3enfen eilte in sein Abteil; er hantierte in den Gepäcknetzen; dabei grinste er, aber als er auS- ftieg, hatte er wieder sein wütendes Gesicht. Er grüßte den gerade herankommenden 3uwelier und verlieh den Flensburger Bahnhof. Auch der Däne stieg hier aus.

3n der Restauration zum Letzten Schiff unten an der Föhr de trafen sich nach kurzer Zeit die beiden Streiter.Ra . . meinte der Däne versöhnlich im Ton einer Frage.Sieben un­gefaßte Steine" gab 3ens 3enfen lakonisch zurück.

Hier hört bie Geschichte auf. Sie hat eine Pointe, bie am gleichen Tag in Hamburg spielt, nachbem der 3uwelier seine Kassette glücklich nach Hause gebracht hat unb bie geheimnisvolle Zahl 4. 6. 91 einstellt, worauf die Kassette auf- springt. Dann ist die Geschichte wirklich gtf