Samstag, V Mai 1929
Nr. 104 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Wandern und weisen • Bäder und Sommerfrischen.
München im Mai.
Von Hans Bege.
^Wenn's Mailüftcl weht, geht der Dockkeller auf, Da schwingen die Dräuknecht den Dauzen hinauf."
Zu den Degleiterscheinungen des Münchener Frühlings gehört von altcrsher der Maibock. Das Hofbräuhaus, in dem dieser braune Edeltrank geschenkt wird, dessen Genuß der Münchener als seine Frühlingskur bezeichnet, erreicht in dieser Zeit eine Desuchszifser, wie sie das beliebteste Modcbad nicht aufbringt. Man ist dort an Massenbesuch gewöhnt und darauf eingerichtet, denn die Ausschankstätten des Hosbräu- hauses fassen gut 7000 Personen. Aber in der Dockzeit sind oft viel mehr da, und es herrscht manchmal eine solche Fülle, daß man sich kaum umdrehen kann.
Es ist immer urgemütlich in der Braustätie am Plahl. Die Kellnerinnen schwirren mit den schäumenden Gläsern durch die Menschcnknäuel, deren frohes Lachen und immer lauter werdendes Stimmgewirr die mehr und mehr anwachsende Stimmung bekundet. Es kommen Augenblicke vor, wo kein Dockglas, kein Maßkrug zu haben ist, und verschiedene „Kurgäste" voll Angst umher- irrcn und ungeduldig auf den Moment warten, wo irgendeiner die für seinen Kurgebrauch nötige Menge des edlen Stoffes genossen hat und das Trintgefäß frei wird und auch sie sich dem lieben Tun hingeben können. Alle Erdennot ist dann bald vergessen, alle Sorgen schwemmt der süße, starkflüffige Trank hinweg, der so mild eingeht.
„Der Dock is a Doktor, Zu dem wend' di hin: Denn, woaßt. der verschreibt dir Die best' Medizin",
sang man im alten München, und alles, was Deine hatte, eilte zu dem alten düsteren Keller im Münzgäßchcn, wenn der Dock ausgeschenkt wurde, war er doch schon damals für die meisten Münchener die lang ersehnte Frühlingskur. Die allgemeinen Fragen waren dann: Ist der Dock Heuer gut? und: Wieviel ist eingesotten? Aichts gab es in der Welt, was diesen Fragen an Wichtigkeit gleichkam. Lind sah man dann da unten.
dann stiegen die alten übermütigen Docklieder, von denen viele von Kobell stammen. Dieser Dichter wußte die Güte des Dockes sehr zu schätzen. Er fang:
„Ein Mai ohne Dock.
Dua. da sag i. waar's g'feit."
Lustig ging cs in dem alten Keller zu. der im Dolksmund der Dockstall hieß und an dessen Wänden Bilder des ausgelassenen Dockes zu chehen waren, der ein volles Glas oder einen Zecher umstöht. Schon in der Frühe traf man sich dort zum Dockbierschoppcn. und nichts schmeckte so gut dazu wie die Dockwürste, die es nur in München und auch hier nur in dieser Zeit gab. Dci diesen Dockfrühschoppen traf man alles, was in München einen Aamen hatte, die ganze Elite der Gesellschaft war hier versammelt.
Die größte Lust, aber auch die größte Fülle brachten die frühen Abendstunden. Da durste man sroh sein, wenn man ein Dockglas erwischte, denn im Bockkeller hieß cs sich selbst bedienen, dort gab es weder Kellnerinnen noch Aufwärter. Dann wurde es erst recht «gemütlich und lustig dort unten im Bockstall, den die Oelfunzeln kaum erhellten, und nicht eher stand man auf, bis die Mr elf schlug und der Keller geräumt wurde.
Aber auch in diesen Honigkelch siel einTropsen Bitternis, wenn man den Verfasser eines Berichtes über die Maibocktage der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Glauben schenkt, der die Musik, die im Bockkeller gemacht wurde, zu den „unvermeidlichen Leiden" zählt. Der wackere Chronist widmet ihr folgende bewegliche Klage: „Aus unscrm behaglichen Genuß, aus unfern seligen Beschauen und Trinken werden wir plötzlich durch höchst unangenehme und schrille Töne geweckt. Eine Geige, eine Flöte oder Klarinette und eine Harfe, vielleicht auch eine ganz verstimmte Trompete führen ihre ohrzerreihenden Stücke auf. Befindet sich aber bei dieser Konzert- gesellschast nun gar noch eine Sängerin, so geraten wir aus der Scilla in die Charybdis. Eine Sängerin, eine schon sehr verblühte und abgelebte Jungfrau mit einem der Bronzefarbe ähnlichen Teint, begleitet von ein paar Musikanten mit roten, versoffenen Gesichtern, singt mit heiserer, kreischender und widerlicher Stimme ein Lied, das Stein erweichen, Menschen rasend machen kann. Hat eine solche Musikantengesell- schaft ihre Produktion geendet, so folgt ihr auf
dem Fuße eine zweite, eine dritte, miteinander wetteifernd, die Ohren des Publikums zu martern.
Die Gia-t ohne (Stufen.
Von Werner Vergengruen.
„Zil halbtägigem Kurgebrauch aus Berlin cingc- troffen" — nein, so habe ich mich nicht in die Knr- liste eingetragen; ich habe mich überhaupt nicht eingetragen, sondern es vorgezogcn, mich nur als Zaungast von so ungefähr ein wenig durch BadOeynhausen hindurchtrciben zu lassen.
Badestädte erinnern mich immer an Wallfahrtsorte oder Truppenübungsplätze, insofern, als man von jedem Menschen gleich weiß, warum er hier ist. Es liegt ein Fluidum von Gemeinsamkeit in der Luft, das in einer Ucbergangszeit sozialer 'Atomisierung besonders stark wirkt. Es tut wohl, an dieser Gemeinsamkeit ein wenig teilzuhaben, wenn auch nur sozusagen illegalerweise und auf gut Nassauisch,
Der Bestimmung Oeynhausens entspricht es, daß es hier weder Gymnasium noch Finanzbehvrden gibt, weder Landgerichte, Telephonämter oder Gefängnisse, vielmehr Gebäude, die dem Menschen wohltun möchten, nämlich Badehäuscr, Kurhaus, Brunnenhaus, Wandelgänge, Pavillons lind Konditoreien. Zwi- l'djen solchen freundlichen Zweckbauten wandelt man gelassen einher, geht oder rollt auf sauber geharkten Wegen an lustigen bunten Blumenrabatten vorbei durch eine überaus wohlgepflegte Natur, hört die Kapelle der Mindener Pioniere das Potpourri aus dem „Obersteiger" spielen, rastet auf einer sonnen- beschienenen Bank und empfindet jene sanfte Melancholie, in der bereits das gedämpfte Wohlgefühl der Rekonvaleszenz vorgebildet ist. Diesen Park mit seinen schönen Baumgruppen und wiesenartigen Durchblicken hat kein Geringerer geschaffen als der große Gartenkünstler Lenne, und man muß ihm dafür dankbar sein. Die unzähligen bunten Singvögel aber, die jede Musikpause der Mindener Pioniere ans- füllen, hat der liebe Gott geschaffen; und man sollte also seine Dankbarkeit nicht auf Herrn Lennö und die Oeynhausener Badeverwaltung beschränken. Bciul Verlassen des Parks erlebt man eine scharmante Ueberraschung: einen Dilleneingang flankieren in Shetlandpony-Größe jene zwei Pferde, die man in Berlin unter der Bezeichnung des verhinderten tforb 1 schritts und des geförderten Rückschritts kennt; aber
weil man doch hier im alten Cheruskerlande ist, so hat man jedem der beiden Rossebändiger ein Auer- ochsenfell mit Hörnern um die antike Nacktheit gehängt und je eine metallene Eichenkeule daneben auf den Boden gelegt.
Der Titel „Die Stadt ohne Stufen" stammt nicht von mir, denn auch in der Charakterrolle^des reisenden Enthusiasten habe ich mir noch ein Stückchen Ehroniftengcwissenhastigkeit bewahrt. Vielmehr hat sich das die Badeverwaltung misgedacht, die in ihren Prospekten nicht so ängstlich .311 sein braucht. Und natürlich gibt cs auch hier Stufen, so viel man will: nur hat man mit Rücksicht auf die Herz- und Gelenkleidenden keine Bordschwellen an, den Straßenübergängen angebracht und vor vieleHaus- cingänge sanft ansteigende Rampen gelegt, lieber- Haupt ist hier alles um des Kurgastes willen da; und das gibt einem jenes Gesühk, das wir alle so gern haben möchten, wenn wir krank sind: das Gefühl, es geschieht etwas für mich, ein Stückchen Welt ist meinetwegen vorhanden, man nimmt mein Leiden nicht zu leicht, ich bin auf irgendeine Weise ein klein bischen interessant. Dies Gefühl tut so wohl, wie es uns als Kindern wohlgetan hat, wenn man unser Wehwehelzen betrachtete und anpuftetc, mit einem Silberlöffel kühlte oder mit einem Heil- jegen besprach; und natürlich waren diese Kiuder- wehwehehen in ihrer Art viel ärger als die schlimmsten Herzneurojen und Gelenkerkrankungen, wenn auch nur für Augenblicke; denn wir roaren doch unserem Unglück wehrlos und gänzlich preisgegeben und wußten genau, daß es nie, nie wieder gut werden konnte. Sicherlich gibt es verborgene Gefuhls- zusammenhänge zwischen Kranksein und .Kindsein oder vielmehr ganz offenkundige; und in die Welt dieser Empfindungen taucht in Oeynhausen auch der Gesunde. Er spürt so deutlich, diese Atmosphäre von Lindigkeit, von Trösten, dies: „es ist gar nicht so schlimm, es wird schon wieder werden mit der Mut ter Behren"; es ist so etwas vom Zureden des alten Hausarztes, des Kinderfreundes mit den weißen Haaren und der goldenen Brille. Ja, und ich kann mir denken, in dieser Atmosphäre mußte man auch andere Leiden loswerden können als die in den Kur- prolpekten aufgeführten; und irgendein Päckchen, dos wir gerne loswerden wollen, tragen wir alle mit uns herum; nur ob wir es auch loswerden sollen, das ist die Frage.
Aber ich will diese gütige, hilfsbereite, trostreiche I Luft nicht mit unziemlichen Skrupeln erfüllen, nicht
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