Nr. M Zweiter Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 4. Mai 1929
DerAufstiegderschwarzenRajsemll.S.A.
Von Fred E Dillinger.
Die Schulweisheit, das; der Neger zu einer unfähigen, unbegabten Rasse gehöre, wird wahrfchein- lid) nicht mehr lange gelehrt werden können: haben doch die Schwarzen in den Vereinigten Staaten gerade in den letzten Jahren gezeigt, daß sie sich sogar noch schneller als die Japaner auf eine hohe Kulturstufe zu erheben verstehen. Man weiß in Europa gewöhnlich nur, bafo die Schuhputzer, Chauffeure, Hausdiener, die Landarbeiter im Mississippigebiet, die Ammen und Köchinnen in den Vereinigten Staaten vorwiegend zur schwarzen Rasse gehören, und es ist bei uns auch bekannt, daß der iveißc 7)anfee mit Verachtung auf Neger und Mischlinge herabsieht, von denen er behauptet, daß von ihnen ein schlechter Geruch ausginge, vom schlechten Charakter und der geringen Intelligenz ganz zu schweigen. Deshalb mus; der Neger in den Südstaaten, wenn er die Eisenbahn benutzt, noch immer im „Jimcrow" fahren, im Negerwagen: deshalb müssen alle Neger aufstehen, wenn sich ein Weißer aus eine Bank setzen will, und, falls ein Neger in ein Haus einzieht, das bisher nur von Weißen bewohnt war, kündigen alle früheren Mieter — unter Umständen räumt sogar die weiße Bevölkerung der ganzen Straße das Quartier, weil sie es mit ihrer „weißen Menscl)enwürdc" nicht in Einllang bringen kann, in irgendeiner Art von Wohngemeinschaft mit Negern zu leben, die nicht gerade Bediente der weißen Familie sind.
Der Hochmut der weißen Rasse ist ein Uebcr- blcibsel aus der erst ein Menschenalter zurückliegenden Zeit der Sklaverei: die Entrechtung der Neger, die jährlich etwa 30 bis 40 Opfer der Lynchjustiz fordert — im Jahre 1919 waren es sogar 90 — bat aber nicht verhindern können, daß sich die schwarze Rasse in Amerika Schritt für Schritt aus ihrer elenden Lage emporarbeiten konnte. Einige Tatsachen beweisen, wie grundlegend die Umwälzung im Leben der amerikanischen Neger ist. Es gibt eine große Neger Universität, an der nur schwarze Professoren unterrichten; viele tausend Neger studieren zur Zeit, 40 000 schwarze Lehrer, von denen 5000 Hochschulbildung haben, unterrichten die Negerkinder mit dem Erfolg, daß es heute unter der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten nur n 0 ch fünfzehn Prozent "Analphabeten gibt, also viel weniger als in Spanien oder in Italien. Dieses Ergebnis ist um so anerkennenswerter, als viele Farmer des Südens der Fortbildung der bei ihnen beschäftigten farbigen Landarbeiter jedes nur denkbare Hemmnis in de» Weg legen. Unter den 60 000 wirtschaftlichen Unternehmungen, die Negern gehören, nehmen die 75 von schwarzen Direktoren verwalteten Banken eine besonders hervorragende Stellung ein. Wie gut diese Geldinstitute arbeiten, lehrt das Beispiel der „Binga State Bank“ in Chikago, in der nur Schwarze besci)aftigt sind. Don den zwölf Millionen Negern, die in U.S.A. leben, sind 200 000 Gutsbesitzer und 700 000 landwirtschaftliche Pächter. Es ist, bekannt, daß Neger als Sänger, Tänzer und Artisten hohe Einkommen beziehen, aber man weiß nicht, daß viele amerikanische Volkslieder und Operettenschlager in Harlem, dem Neuyorker Negerviertel, entstanden sind. In den Vereinigten Staaten gibt es heute rund 50 0 Neger Zeitungen, non denen einige»über 150 000 Leser haben.
Dies alles beweist, daß sich die amerikanischen Schwarzen im letzten Jahrzehnt intellektuell und wirtschaftlich in Scharen vom Proletariat gelöst haben, um ein eigenartiges Bürgertum zu bilden, das freilich von den weißen Bürgern nicht als gleichberechtigt anerkannt wird. Aber der Fortschritt ist unverkennbar. Vor sechzig Jahren debattierte man noch in den Vereinigten Staaten darüber, ob der Neger eine Seele habe. Vor zwanzig Jahren konnte man noch in den Zeitschriften lesen, daß der Schwarze kein Mensch im Sinne des amerikanischen Menschen sei. Damals bemühte sich der hochgebildete Neger B 0 0 k e r T. Washington,
seinen Stammesgenosscn durch wirtschaftliche llm- schichtung zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen. Dieser bedeutende Negerführer wies darauf hin, daß die Fortschritte der Schwarzen feit der Negerbefreiung in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts größer gewesen seien als der Aufstieg der befreiten Leibeigenen in Rußland in der gleichen Zeit. Booker T. Washington wurde dadurch ausgezeichnet, daß der Präsident Roosevelt ihn in gewissen Abständen zum Essen einlud. Dieser Verzicht auf überlieferte Vorurteile ist dem Oberhaupt des amerikanischen Staates oft übel vermerkt worden, und säst alle vornehmen Familien weigerten sich, an Mahlzeiten im Weißen Haus teilzunehmen, wenn der Neger eingeladen war. Man fürchtete die Agitation Booker T. Washingtons, von der man annahm, daß sie die Neger rebellisch machen würde, obwohl Washington nicht für einen Aufstieg seiner Stammesgenossen, sondern nur für eine Lebens- besserung als Arbeiter eintrat. Aber auch das war den Farmern nicht recht, die damals eine Bewegung entfachten, um der schwarzen Bevölkerung die erworbenen gesetzlichen Freiheiten wieder zu nehmen. Die Lynchjustiz stand auf dem Höhepunkt, im Jahre 1906 gab es in Atlanta und drei Jahre darauf in Springfield im Staate Illinois ein furchtbares Gemetzel unter den Negern.
Noch vor diesen schrecklichen Ereignissen entstand eine neue Negerpartei, die sich mit dem Programm Booker T. Washington nicht zu- sriedengab. Im Jahre 1905 trafen sich Reger aus allen Teilen der Bereinigten Staaten bei den Niagarafällen und beschlossen, einen unermüdlichen Kamps für ihre Menschenrechte aufzunehmen. Die ersten Sähe des damals beschlossenen Manifestes lauteten: .Die Männer der Niagara- Bewegung. die sich nach des Jahres schwerer Arbeit versammeln und einen Augenblick von dem Kampf um das tägliche Brot ausruhen, wenden sich an die Nation und verlangen wiederum im Namen eines Zehnmillionenvolkes das Recht, gehört zu werden. Sie zögern nicht, schwere Klagen zu erheben, Klagen und Sorgen, aber auch Bitten und Hoffnung zum Ausdruck zu bringen. Wir werden nie zufrieden sein, ehe wir nicht volle Mensch'heitsrechte erhalten haben. Darum forbern wir uneingeschränktes Stimmrecht, das Ende der Diskrimination und das Recht freier Menschen, sich mit allem Bolk zu vereinigen, das sich mit uns zu vereinigen wünscht. Alle Gesetze müssen gleichmäßig gegen weiß und schwarz angewendet werden."
Nun haben die Neger in den Bereinigten Staaten längst das voUe Stimmrecht — aber sie können es nicht ausüben, da in den Südstaaten an die entsprechenden Gesehesparagraphen Bildungsklauseln oder ähnliche Ergänzungen angehängt worden sind, die nur gegen die schwarze Bevölkerung angewendet werden. Aus der Niagara-Bewegung. die unter den Negern ungeheuer volkstümlich geworden ist. entstand im Laufe der Zeil die „Nationale Gesellschaft für den Aufstieg farbigen Bolkes", an deren Spitze ein Negerpro- sessor steht, und die dafür eintritt, daß der intellektuellen und wirtschaftlichen Emanzipation nun auch d i e gesellschaftliche Befreiung folge. Der gesellschaftliche Tlbschluß ist heute um so unverständlicher, als oft ein geübtes Auge dazu gehört, einen amerikanischen Neger überhaupt noch von einem Weihen zu unterscheiden. Es gibt viele Tinkturen, um die schon durch klimatische Einflüsse sehr verblaßte Hautfarbe fast restlos zu beseitigen, und eine Negerin, die Erfinderin Tumbo-Malone, besitzt eine Haarwasserfabrik, deren Erzeugnisse Millionen Krausköpfen zu glatten Frisuren verhelfen. Diese Haarwasser haben der Erfinderin viele Dollarmillionen eingebracht. Mit ihrer Hornbrille und ihrem glatten Bubikopf würde man sie in Europa ebensowenig für einen Angehörigen der schwarzen Rasse halten wie den
würdig aussehenden Senator Adalbert H. Roberts, der seit dem Jahre 1924 im Senat des Staates Illinois sitzt. Recht europäisch sieht auch ein Neger aus, der den deutschen Namen Richard Kemper führt: wie er zu diesem Namen gelangt ist, weiß man freilich nicht. Er wurde im Jahre 1S45 als Sklave geboren und ist heute mehrfacher Millionär: es gehören ihm nicht nur Häuser und Grundstücke, sondern auch einige Gerbereien und ein Gaswerk. Der moderne amerikanische Neger hat also sehr wenig mit seinen afrikanischen Brü
dern gemein: er geht auch nur nach Afrika zurück, um dort als reicher Mann zu jagen oder als Missionar tätig zu sein. Denn die amerikanischen Neger sind sehr religiös: sie haben 45 000 eigene Kirchengemeinden, die über ein Vermögen von 100 Millionen Dollars verfügen. Freilich Ist der Gottesdienst in den Kirchen der Negerstadt Hartem etwas merkwürdig: nach der Predigt bleibt die Gemeinde häufig noch ein wenig beisammen, um ein Tanzvergnügen anzuschließen.
Ein Menschenleben hinter Kerkern
Zn der Zwingburg des französischen Absolutismus. — Abenteuerliche Flucht aus der Bastille.
Die Denkwürdigkeiten Henri Masers de L a t u d e, die jetzt in deutscher Aebersetzung neu herausgegeben werden'), hatten bei ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1790 in Frankreich und in den Nachbarländern einen beispiellosen Erfolg und die Zeitschrift „Mercure de France" verflieg sich zu der Behauptung, dieses Buch müsse künftig dazu dienen, die Kinder lesen zu lehren. Denn schon hatten sich die Zeiten gewandelt, die Macht des absoluten Königtums war erschüttert, die Revolution befand sich auf ihrem unaufhaltbarem Wege. Da kommt denn diese Schrift eben recht: sie schildert (jetzt unter dem deutschen Titel „Fünfunddreißig Jahre in Kerkern") das Leben Henri Masers de Latude. der wegen eines törichten Streiches in die Bastille gesetzt wurde und ein ganzes Menschenalter in französischen Gefängnissen aushalten mußte. Sie zeigt an dem Beispiele dieses einen, welcher Grausamkeiten die Beamten des vergehenden Systems fähig waren. Latude war einer von denen, die durch die Kerker geschleppt wurden, um bann irgendwo „vergessen" zu werden, wie die Formel lautete, die Gepeinigten sollten endlich einmal unter ihren Qualen sterben, und es ist nicht auszudenken, wie viele Opfer ihnen wirklich unterlegen sind, wie viele sich aus dieser Haft durch freiwilligen Tod befreit haben mögen. Dieser eine, einer von der Legion der Gefangenen, hatte die seelische und die körperliche Kraft, den Peinigern Stand zu bieten. Er hatte die Fähigkeit, seine Leiden zu erzählen. Aus seiner Geschichte aber spricht eine ganze Zeit, sie wird zum Zeugnis für ein Kapitel französischer „Kultur"-Geschichte, das immerhin einige Jahrhunderte gedauert hat.
Das Bergehen Latudeö war nicht sehr groß. Als jugendlich-unbesonnener und törichter Pionieroffizier in Paris hat er offenbar sehr hochfliegende Pläne und findet, daß er sie nur durchzusehen vermag, wenn er die Außnerksamkeit einer hohen Persönlichkeit auf sich lenken kann. Das kann nach Lage der damaligen Dinge keine andere fein als die Marquise de Pompadour. Er entdeckt ihr also eine vorgebliche Verschwörung und sendet ihr. um seine Angabe glaubhafter zu machen, ein Schächtelchen mit ganz ungefährliche» Pulvern. Er hat für diesen ehrgeizigen Streich genug gebüßt. Von seiner furchtbaren Strafe - sünfunddreihig Jahre in Kerkern — erzählt er in seinem Buch. Es ist eine Schilderung eines einzigen großen Leidens, ein fürchterliches Gemälde, grau in schwarz gehalten, mit den spannendsten und abenteuerlichsten Einzelheiten. den gemütvollsten und einfachste» Epi- I foben. Die Wahrheit aller seiner Erzählungen ist Latude bestätigt worden. Zeitgenossen und j Leidenskameraden lebten noch, die Werkzeuge seiner berühmten Bastille-Flucht wurden später von dem Volke ausgestellt und der alte Aben-
*) Fünfunddreißig Jahre im Kerker. Denkwürdigkeiten und Briefe des Henri Masers de Latude. Uebertragen von A. Ahues. Mit sechs Bildtafeln. Im Insel-Verlag, Leipzig. Preis: In Seinen 10 Mk. (163).
teurer erlebte noch einen rüstigen, von der Sonne der Bolkstümlichkeit verklärten Lebensabend. <Sr war durch fein Leiden ein Märtyrer geworden. Am 1. Januar 1805 ist er gestorben.
Die Bastille-Flucht de Latudes ist ein Kapitel für sich. Es mußte undenkbar scheinen, aus der Zwingburg deS französischen Absolutismus auszubrechen — dieser Sträfling wagte es zusammen mit einem Genossen. Da galt es zunächst, sich Stricke 31t beschaffen. „Wir trennten zwei Hemden und ihre Säume aus", erzählte er. „und zogen die Fäden einen nach dem andern heraus. Wir knüpften sie alle zusammen und machten daraus eine Anzahl von Strähnen, die wir sodann zu zwei großen Strähnen vereinigten;,jede hatte fünfzig Fäden von je sechzig Fuß Länge: wir flochten sie 511 einer Schnur von ungefähr 55 Fuß Länge und machten daraus eine Strickleiter von zwanzig Fuß. die uns halten sollte, während wir in gefährlicher Lage die Stangen und eisernen Spitzen aus dem Kamin entfernten. Dies war der mühsamste, aufregendste Teil unserer ganzen Arbeit. Heute noch denke ich nur mit Schaudern an die sechs Monate ihrer Dauer zurück. In unbequemster Stellung, mit qualvoll verkrümmten Körper, konnten wir nie länger als eine Stunde dabei aushalten und stiegen jedesmal mit blutüberströmten Händen wieder in unser Zimmer hinab. Die Eisenstangen waren in außerordentlich harten Zement eingemauert, den wir nur erweichen konnten, indem wir mit dem Munde Wasser in die bereits gebohrten Löcher bliesen. Wie mühevoll diese Arbeit war, mag man daran ermessen, daß wir schon befriedigt waren, wenn wir in einer Nacht auch nur einen Strich Mörtel entfernt hatten. Damit nun der Schließer bei den häufigen Besuchen nichts Verdächtiges bemerkte, mußten wir jedesmal, wenn wir eine Eisenstange herausgebrochen hatten, sie in ihre Oeffnung zurückstecken, aber so, daß wir alle mit Leichtigkeit entfernen konnten, wenn einmal der Augenblick unserer Flucht wirklich gekommen war.
Nach sechs Monaten solch unmenschlich mühsamer Arbeit machten wir uns an die Holzleiter, die wir brauchten, um aus dem Graben auf die Brustmauer zu steigen und von der Brustmauer in den Garten des Gouverneurs zu gelangen. Sie mußte 20 bis 25 Fuß lang sein. Wir verwandten das Holz, das man uns zur Feuerung gab, Scheite von 18 bis 20 Zoll. Wir brauchten auch Rollenzüge und viele andere Dinge, für die uns eine Säge unentbehrlich war; ich verfertigte eine aus einem eisernen Leuchter und verwandte dazu die andere Hälfte von dem Nuß- band, dessen eines Stück unter meinen Händen zu einem kleinen Messer geworden war. Mit diesem Stück Nuhband, Säge und Fischbändern hobelten wir unsere Holzscheite, machten ihnen Gewinde und Zapfen, um sie ineinander zu befestigen, sowie zwei Löcher in jedes Gewinde und in jeden Zapfen, um eine Sprosse hindurchzustecken, und zwei Pflöcke, um sie festzurammen. Die Leiter erhielt nur einen Arm, der einen Durchmesser von drei Zoll hatte, und zwanzig Sprossen, jede 15 Zoll lang, so daß sie nach jeder Seite um ■rniniww1—hwtii 1—n——————
Hans psihner.
Zu seinem 60. Geburtstage.
Von Prof. Dr. Hans Zoachim Moser, Berlin.
Nachdruck verboten.
Seit Wagners „Parsisal" hat kein zweites Werk den Gedanken eines aus dem Geist der Musik geborenen Bühnenmysteriums „vom Himmel durch die Welt zur Hölle" mit solcher Kraft und Eingebung durchgeführt, wie Pfitzners Legende ^,P a l e st r i n a", und es gilt, des Mannes als eines unter uns Lebenden und Wirkenden dankbar zu gedenken, der nun über die Schwelle zum siebenten Jahrzehnt tritt. Er hat es nie als fein Verdienst betrachtet, dieses und noch zwei große Musikdramen von ungewöhnlichem Rang geschaffen zu haben, sondern ist sich immer mit „frommem Selbstgefühl bewußt gewesen, hier zu Diktaten aus höherer Sphäre gewürdigt worden zu sein, nur als Gesäß der Gnade gedient zu haben, statt etwa den selbstherrlichen Verteiler von Gnade und Ungnade zu spiele». Diese Ueberzeugung, als getreuer Knecht einer großen Macht verpflichtet zu sein, em anvertrautes Pfund zu mehren, hat ihn zu einem allezeit kampflustigen „Ritter vom Geist' werden lasten, der auf die (wahr oder vermeinlich) faulen und ungetreuen Knechte gar manches Mal scharf zugefahren ist und sie sich dadurch nicht gerade zu Freunden gemacht hat. Aber es ist doch etwas hoch Erfreuliches und zu Preisendes, daß cs heute, in einer Zeit so vielfältiger Betriebsamkeit, Kompromißlerei, Personalpolitik im Kunstleben, noch solche Altmeister, solch echtes Schrot und Korn gibt — solchen Berserker der inneren Ueberzeugung, der lieber als „Don Quichotte" bespottet, denn als ^Uca- cchiavell" verrufen fein will. Gewiß oft ein Welt- sremdling und bitterlicher Utopist, aber, wie lener Schubertsche „Münnich in seiner Zell'", ein lebenslanger Kreuzfahrer ins heilige Land seiner strengen Ideale.
Das spiegelt auch seine Tonsprache schier in jeder Note. Gewiß ist er nicht der einseitig unsinnliche Literaturmusiker, als den man ihn gelegentlich hat mißverstehen wollen: die „Rose vom Liebe s g a r t e n", das Klavierkonzert, die Diolinsonate enthalten genug blühende Musikantenlust: seine Theorie vom thematischen „Einfall" spiegelt, wie sehr er als Erfinder von musikalischem „Stoff" Ansprüche an sich selbst stellt. Aber dieser Stofs wird nie bei ihm — wie heute bei manch anderem
— Materie als solche sein. Sein stärkster schöpferischer Quell ist, mit Konrad Wandreys schönem Wort, „gegenstandslose Sehnsucht", ist verzehrende Fernensüchtigkeit eines ewig-gotischen Romantiker- tums und damit aller sich breit aufdrängenden Vordergründlichkeit fremd. Sein Klangreich ist immer etwas grau beschattet, voll emporgreifender Qualgebärde, zackig-eckig sich knickendes Geflecht, schmal brüstiger Kaihedrölbau voll spinnenwebiger Geheimnisse. Wenn er in seinen Eichendorff-Liedern den deutschen Wald mit seltsam unbestimmter Klage, das Meer bei Danzig in Nebelfernen aufbrausen läßt, wenn er in der „Kantate von deutscher Seele" mit quasi-Schurnannscher Kurzatmigkeit von Vision zu Vision springt und doch gelegentlich einen Adagiobogen von Brucknerscher Weite über sein Geistgedankenreich spannt, dann ist er verdeutschter Zauberer in Tönen. Sein Humor ist nie von der restlos kindlichen Heiterkeit südlicher Bufso- nie, sondern hat den gepreßten Ruck des Beethoven- scheu Scherzostils (man sehe seine Lieder nach Bürger und Chamisso oder die ironischen Episoden im zweiten Palestrina-Akt), sein. Ernst ist voll der herben Inbrunst des nordischen Menschen — man erlebe, wie er Gedichte von Hebbel, Lilien- cron, Rückert, Ricarda Huch vertont. Die edle, etwas starre Feierlichkeit von „Huß'Kerker" C. F. M e i) c r), das eigensinnige Trappeln der flotten „Studentenfahrt" (E i che n d 0 r f f), die fröstelnde Einsamkeit von „Zum Abschied meiner Tochter", das dämonische Haschen der Busseschen „Stimme der Sehnsucht", die holzschnittderbe Treuherzigkeit eines Vogelweiderspruchs umschreiben das weite Pentagramm seiner Liedsprache — diesen ganz reichen, tief verinnerlichten Lyriker sollte jede deutsche Hausmusik kennen. Wie es leicht geht: ein paar „dankbare" Schlager sind über hundert Podien gegangen; seine einsamen Monologe voll eigentümlicher Größe aber nennt man kaum.
Es ist leicht gesagt, Psitzner gehöre als Muß- und Wahlromantiker einer bereits versunkenen Zeitepoche an. Sieht man auf einer modernen Straße einen Baum neben einer elektrischen Bogenlampe grünen, so gehört natürlich die Bogenlampe als zweckhaft- neuzeitlich dorthin und der Baum steht scheinbar am falschen Orte. Ist darum aber der lebendige, safterfüllte und duftspendende Baum irgendwie erledigt, überflüssig, nicht vonnöten? Daß Pfitzner den Ewig-Heutigen, SIFtualitätsbeftrebten unbequem, womöglich unterwertig erscheint, ist fein Beweis gegen ihn, sondern gegen s i e. Man mag heute gern erklären, der „Palestrina" gehe den modernen Menschen nichts an — er wird als ein schönstes Mo
nument deutscher Musiker-Autobiographie die Leute in fünfzig oder hundert Jahre wieder und erneut etwas angehen. Und der „Arme H e i n r i ch" wird seine stolze Sonderstellung in der Geschichte der nachwagnerschen Oper behalten, iven» so manche heutige Tagessensation lange verrauscht jein wird. Das kann ich natürlich nicht mathematisch beweisen, aber ich bin überzeugt davon durch die Stärke und unabgeschwächte Dauer des instinkthaften Erlebnisses, das mir die beglückende Begegnung und der fortgesetzte Umgang mit Pfitzners Gesamtleistung neben unendlich viel anderer großer Musik bedeutet. Ich möchte recht vielen die gleiche Bereicherung wünschen — das ist wohl der beste Wunsch, den man dem nunmehr sechzigjährigen Ausstrahler solcher Kräfte Darbringen kann.
Ein neuer Bericht über die Ermordung des Zaren.
Eine neue Darstellung vom Tode des letzten Zaren, die manche unbekannte Einzelheiten bringt, wird in dem Budapester „Pesti Naplo" veröffentlicht. Die rührt von einem ungarischen Barbier Lajos Nagy her, der in der Nacht des tragischen 17. Juni 1918 in Jekaterinburg weilte und tue Wahrheit seiner Angaben durch Dokumente erhärtete. Nach wechfelvollcn Schicksalen als Kriegsgefangener entfloh Nagy nach Petersburg und wurde dort Barbier in einem Friseurgeschäft, bis die Revolution ausbrach. Er flüchtete dann nach Moskau, »ach Samara, Kasan und schließlich nach Jekaterinburg, wo er in der ..Baracke 124" als Barbier beschäftigt wurde. Er arbeitete unter einem andern ungarischen Friseur Namens Miku, der dann nachher in die Rote Armee eintrat und Befehlshaber der Roten Garden wurde. Miku befehligte auch die Soldaten, die den Zaren bewachten, und Nagy besuchte ihn öfters. Die Wachtstube der Soldaten grenzte an eine Glasveranda, an die der Raum anstieß, in dem der Zar gefangen gehalten wurde. Eines Tages führte Miku Nagy in die Veranda, von der aus er den Zaren sitzen sehen konnte, wie er den Kops in seine Hände gestützt hatte; er las in einem Buch, das augenscheinlich eine Bibel war. Am 16. Juni 1918 beschossen die Gegenrevolutionäre die Stadt. Miku riet Nagy, die Nacht über bei der Wache zu bleiben, die auf den Befehl 5um Abmarsch wartete. Nagy schildert ausführlich die einzelnen Vorgänge dieser furchtbaren Nacht. Die Soldaten machten ein großes
Feuer im Ofen und betränten sich mit Rum. Das Licht im Zimmer des Zaren, das von dem Fenster aus gesehen toetben konnte, erlosch um 11 älhr. Das Heulen einer Autohupe kündigte die Ankunft eines Kraftwagens an. Starke Scheinwerfer erhellten plötzlich den Wachraum, die Maschinengewehre und die Munition im Garten und das Zimmer des Zaren, in dem das Licht angesteckt wurde. Zwei Männer in Pelzen erschienen, und nachdem sie einen Befehl vorgezeigt hatten, gingen sie mit Miku und mit zwei Soldaten in das Zimmer des Zaren. Dann erlosch das Licht in der' Veranda und in dem Zarenzimmer; danach hörte man das Kreischen der Kellertüre, dem der dumpfe Ton eines Revolverschusses folgte. Es verging eine kurze Zeit; dann trugen dir beiden Männer ein großes, in Sackleinwand gehülltes Bündel heraus, von dem Nagy später erfuhr, daß es die Leiche des Zaren enthielt, und fuhren davon.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Wilhelm Hävers in Würzburg hat den Rus auf den Lehrstuhl der vergleichenden Sprachwissenschaft an der älniversität Breslau angenommen. — Professor Dr. Wili- balb Gurli11 an der Universität Freiburg i. B. hat den an ihn ergangenen Ruf als Ordinarius der Musikwissenschaft und Direktor des Musilwijsenschaftlichen Seminars und Akademischen Institutes für Kirchenmusik an der Universität Breslau abgelehnt.
Dem außerordentlichen Professor in der naturwissenschaftlichen Fakultät her Universität Frankfurt a. M., Dr. Adhemar Gelb, ist ein Lehrauftrag zur Vertretung der Vergleichenden und Entwicklungspsychologie einschließlich der Pädagogischen Psychologie erteilt worden. — Amtlich wird die Ernennung des nichtplanmähige» a. 0. Professors an der Technischen Hochschule in Dresden und Studienrats am Pädagogischen Institut, Professor Dr. Alfred Baeum- l e r , mit Wirkung vom 1. April 1929 zum ordentlichen Professor der theoretischen Pädagogik und Philosophie in der Kulturwissenschaftlichen Abteilung dieser Hochschule als Nachfolger Professor Kroners bestätigt. — Ernannt wurde Dr. Fritz Paneth, a. 0. Professor und Abteilungsvorsteher am chemische» Institut der Uniberfität Berlin zum ordentlichen Professor der Chemie an der Universität Königsberg als Nachfolger von Professor H. Meerwein.


