Ausgabe 
4.3.1929
 
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Montag, 4. März 1929

Nr. 53 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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mein Grofi.

Der Präsidentenwechsel in Amerika

Am 4. März in Washington.

Don Felix Baumann.

Paul Breisach erschloß in zün­dender Weise die Schönheiten der Partitur!

seiner temperamentvollen Führung ist wohl in allererster Linie das hervorragende (Illingen der Aufführung zu danken. Jedes Tempo er» klang warm, mit seinem musikalischen Nerv er­füllt. Für Gießens Theaterbesucher bedeutete diese, von Heinrich Köhler inszenierte Auf­führung einen besonderen Genuß, nur schade, daß das Haus nicht bis auf den letzten Platz beseht war. Dr H.

zel unerkannt kennengelernt und ihn durch List veranlaßt, ihr zu beschworen, daß er von der Marie ablassen will. Als die Ma^^e erfährt, daß Hans sie anscheinend so schmählich verkauft hat, ist sie innerlich empört, und in ihrer Er­regung läßt sie den zur Rede gestellten Hans nicht zu Worte kommen. Ja, in ihrer Derär- genmg ist sie anscheinend nicht abgeneigt, jetzt den Wenzel zu nehmen. Der Konflikt löst sich, indem Wenzels Eltern den plötzlich austauchen­den Hans als ihren verschollenen Sohn erken­nen und jetzt der Vertrag seine Erfüllung fin­det, indem die Marie an Stelle des Wenzel dem Hans als Sohn Michas die Hand reicht.

Eine farbenprächtige Unterbrechung und Ber- zögerung vor der Lösung des KonflÜtes erfährt die Handlung durch das Auftreten einer wan­dernden Künstlertruppe, in deren Tänzerin sich Wenzel verliebt und durch die sich Wenzel ver­leiten läßt, seiner Blödigkeit die Krone aufzu­sehen, indem er sich, als Bär verleidet, zur Mitwirkung bei dem fahrenden Volk überreden läßt. Das bunte, wechselvolle Bild aus dem Volksleben ließ den Komponisten schwungvolle Chöre und farbig belebte Tanzszenen entfallen.

Obwohl es sich um eine Dolksoper handelte, hat sich Smetana nicht dazu verführen lassen, dem Ganzen ein gemacht volkstümliches Gepräge zu geben, was etwa durch Imitation des Volks­liedes oder auch durch Aufnahme originaler Volksweisen hätte geschehen können. Er erlebte vielmehr die Handlung im Sinne und Geiste seines Dolkscharalters und gab ihr durch die Fülle seiner zündenden rhythmischen und melodischen Erfindung das Gepräge. Es wird schwerlich ge­lingen, auch nur an irgendeiner Stelle der Oper die geringste Anlehnung an den zeitgenössischen oder auch rückliegenden Stil nachzuweisen. Hier, wurde ein absolut Neues geschaffen, das gerade durch feine Einmaligkeit eine unvergängliche Frische und Lebenskraft erweist. Smetana zeigt sich als ein Meister der Ensemblekunst, dem es gelingt, die gegensätzlichsten Individualitäten in vollster Ausgeprägtheit zu, einem musikalischen Ganzen zu vereinen. Einen besonderen Höhe­punkt dieser Charakterisierungskunst stellt z. B. im letzten Akt das EnsembleNoch ein Weil­chen" dar, das in seiner erwartenden Stimmung

sich allmählich vom Quartett zum Sextett durch das Hinzutreten weiterer Personen auswächst.

Besonders wirkungsvoll wird Smetanas musi­kalische Gestaltungskunst durch das eigentümliche Instrumentalkolorit des Orchesters, das für sich einzigartig dastcht. Rhythmisch bevorzugt er die Zweitaktigkeit. Die Polka vermag bei ihm sogar von ihrer musikdramatischen Wirkung zu über­zeugen (Duett: ..Mein lieber Schah").

Die einzelnen Personen erhalten durch den Komponisten, da es sich um ausgeprägte Dolks- typen handelt, jede ihr eigenes musikalisches Ge­sicht. Trefflich ist die Figur des Kezal gezeichnet, der als Heiratsvermittler zu allerlei Intriguen bereit ist. als alter Praktikus mit schlauer Be­rechnung alle überlisten möchte und zuletzt selbst als der Geprellte erscheint. Heinz P r y b i t gab ihm einen besonderen Nachhall durch seine Durch­dachtheit jeder Gebärde und jeden Zuges als lebenswarme Figur mit prächtitzer Beherrschung und Entfaltung seiner Stimme. Hans H o e f f - li n ist ein lyrischer Tenor mit einer Weichheit und Leichtbeweglichkeit des Organs von echtem Tenorklang, wie man ihn nicht oft auf einer Bühne begegnet. Im Spiel charakterisierte et trefflich, im letzten Akt mit wissender Heber» legenheit des Do rausschauens der Ereignisse. Margarete Jensen als Marie wuchs mit ihren sympathischen stimmlichen Fähigkeiten und er­reichte ihren Höhepunkt in der großen ArieWie fremd und tot ist alles um mich her." Als Widerspielerin des Wenzel fand sie den Weg zu instinktiver Frauenlist. Wenzel (Paul Ber- g e r), als verblödeter und stotternder Bauern» stoffel, war ausgezeichnet in Spiel und Gebärde. Als Sänger leistete er angesichts der darstelle­rischen Bindungen der Partie Hervorragendes. Auch all die andern Partner waren jeder zu seinem Teile voll am Platze, und man hatte hier den gleichen Eindruck, wie man chn schon bei früheren Gastspielen der Mainzer bewundern konnte: eine einheitliche Geschlossenheit des En­sembles.

Bühnenbilder und Kostüme halsen in ihrer Farbenfreudigkeit und Wohlabgewogenhell die Wirkung der Mufll eindringlich zu verstärken: an der malerischen Geschlossenheit des Ganzen konnte das Auge seine Freude haben. Die Chöre waren von wohltuender Frische durch ihre treff»

diesem Falle die des 68jährigen Senators Char­les Curtis, der indianisches Blut in den Adern hat) und der neuen Senatoren verbunden ist, die vor der Eidesabnahme des Präsidenten in dessen Gegenwart im Senatssaal des Kapitols stattfindet, so versammeln sich hier in der zwölften Morgenstunde der gesamte Senat, die Mitglie­der des Repräsentantenhauses, die Oberrichter in ifjrer Amtstracht, die Gouverneure der ver­schiedenen Staaten, die in Washington akkredier- ten fremden Botschafter und Gesandten, die Spitzen des Heeres und der Marine, sowie eine große Anzahl anderer geladener Gäste. Der längliche Raum mit den Seitengalerien, auf de­nen die Angehörigen dec beiden Präsidenten, Vizepräsidenten, der Diplomatie usw. Platz ge­nommen haben, ist zum Brechen voll. Kurz vor 12 Hhr erscheinen die beiden Vizepräsidenten, denen unmlltelbar der neue und der aus dem Amte scheidende Präsident folgen. Nachdem der frühere Vizepräsident seine Abschiedsbotschaft an den Senat verlesen hat der jeweilige Vize­präsident ist zugleich Srnatspräsident nimmt er die Vereidigung seines Nachfolgers vor, wor­auf dieser seine Antrittsbotschaft an den Senat zur Verlesung bringt und alsdann die neuen Senatoren vereidigt.

Nach dieser Zeremonie begibt sich die Ver­sammlung unter Vorantritt der beiden Präsi­denten und des Bundes-Oberrichters (diesmal des Expräsidenten Taft) noch der Freitreppe des Kapitols, wo sich auf der zwischen dem Se­natsflügel und dem Haupteingang errichteten, festlich dekorierten Estrade vor aller Augen d i e Vereidiguna deS neuen Präsidenten vollzieht. Ter Vorgang dauert kaum fünf Mi­nuten. Der Tundes-Oberrichter tritt mit der Bibel in dec Hand an die Brüstung der Tri­büne und sagt dem neuen Staatshaupte den fol*

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Dickens' letzter Brief.

Der letzte Brief, den Charles D i ck e n s wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben hat, wird demnächst bei Sotheby's in London versteigert werden: er umfaßt PA Seiten und wurde am 8. Juni 1870 an John M. Makeharn ge­richtet. Dickens hatte den ganzen 8. Juni in dem lleinen Häuschen verbracht und an seinem letzten unvollendeten Roman »Edwin Drood" geschrie­ben. Diese Hütte, die nach seinem Tode von seinen Söhnen Lord Darnley geschenkt und von diesem auf seiner Besitzung Cobham Hall in Kent wieder aufgebaut wurde, soll jetzt übrigens auch verkauft werden. Am Abend kehrte er nach London zurück und schrieb in der Nacht jenen Brief, der ein bedeutsames Glaubens­bekenntnis des Dichters enthält: »Ich bin in meinen Schriften immer bestrebt gewesen, meine Verehrung für das Leben und die Lehren unseres Heilandes auszudrücken, weil ich sie in meinem Herzen fühle nicht weil ich diese Geschichte für meine Kinder aufschrieb, denn diese kannten sie. da ich sie ihnen immer wiederholte, lange bevor sie lesen konnten und fast sogar, bevor sie sprechen konnten. Aber ich habe niemals dieses Gefühl von den Dächern in die Welt hinaus­geschrien." Beim Abendessen bemerkte feine Fa­milieeinen Ausdruck von Schmerz auf feinem Gesicht". Am nächsten Morgen um sechs Ahr war er tot.

Alarm in Ledalia.

(a) Neuyork.

In dem kleinen Ort Sedalia des nordameri­kanischen Staates Missouri wurde die Bewoh­nerschaft in der Mitternachtsstunde durch ein nervenaufpeitschendes Konzert aus dem Schlafe geschreckt: die im Stadtzentrum angebrachte Alarmglocke verkündete mit schrillen Tönen Groß- feuer. Eine Viertelstunde später war die frei­willige Feuerwehr ausgerückt, auch die städtische Polizei eilte nach dem Marktplatz, wo sich alsbald eine etwa achttausendköpfige, schaulustige Menge einfand, um sich die große lokale Sensation nicht entgehen zu lassen. Eifrige Revorter rasten um­her und erkundigten sich bei den Honoratioren des Städtchens nach den Einzelheiten. Keiner der Herren wußte jedoch so recht Bescheid, was denn eigentlich vorgefallen sei. And seltsamerweise waren nirgends Flammen zu sehen. Ein höchst rätselhafter Fall. Der ebenfalls erschienene Poli­zeichef witterte ein kriminelles Anglück. Alles war in hellster Aufregung, als ein wüst aus- sehender Landstreicher um Silentium bat und fol­gende kernige Rede schwang:LadieS und Gent- lemen, ich habe Euch alarmiert. Ich habe näm­lich seit fünf Tagen keinen warmen Löffelstiel im Bauch gehabt und sterbe vor Hunger!" Die versammelte Menschenmenge brach in ein schal­lendes Gelächter aus und veranstaltete an Ort und Stelle eine Sammlung für den erfinderischen Vagabunden. Die gestörte Nachtruhe wurde ihm verziehen: hatte man doch auch ohne Feuer eine lokale Sensation. Die Sammlung brachte dem Störenfried runde zweihundert Dollar ein; in Anbetracht dieser erfreulichen Tatsache begab er sich bereitwilligst nach dem Gemeindegefängnis, um eine zweitägige Arreststrafe wegen Miß»

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ausgezeichnet durch die Holzbläser, denen 6mc' tana einen starken Anteil zuweist. General-

Gießener Siaviiheaier.

Gastspiel des Mainzer Stadttheaters: Tie verkaufte Braut".

Wies Smetana in feinem Anfangsfchafsen als Schüler Liszts neudeutsche Züge auf, so brachen doch auch hier schon typische tschechische Clemente hervor. Nach Aeberwindung des neu- deutschen Einflusses gelang es ihm vollkommen, seinen Nationalcharakter in der Musik zum Durch­bruch zu bringen, ja durch ihn wurde der tschechi­schen Musik zu einer bedeutsamen Stellung in der Reihe der europäischen Musiknationalitäten ver- holsen. Den weitaus bedeutendsten Anteil an die­ser Geltungsstelle der tschechischen Muß! tragt neben Smetanas symphonischen Schassen die erste nationaltschechische OperDie verkaufte

Schon das Milieu der Handlung verweist auf die Eigenheiten des tschechischen Dolkscharakters. Eine Dorfgeschichte, fast alltäglicher Art, laßt die Leute in schlichter Natürlichkeit und Anverfallcht- hell sich zeigen, und so wird dem Komponisten der Anter gründ gegeben für die Entfaltung tschechi­schen Volksgeistes durch die Musik. So 'st das Werk eine Dolksoper im wahren Sinne des Wor­tes, ohne daß irgendwelche Konzessionen an eine nicht dem Werk entsprechende Tendenz gemacht werden. Die Handlung ist einfach und übersichtlich und gibt dem Musiker reiche Gelegenheit zur musikalischen Durchdringung.

Kruschina, ein Dauer, hat schon vor Jahren sich schriftlich verpflichtet, seine Tochter Marie dem Sohn Wenzel des Grundbesitzers Micha zur Ehe zu geben. Kezal, der Heiratsvermittler, * drängt auf Einlösung des Versprechens: noch heute sollen die beiden jungen Leute sich kennen­lernen. Das Herz der Marie ist aber nicht mehr frei, ftre hat sich mit dem Hans, einem unbekannten Fremdling, versprochen, der aber in Wirklichkeit ein verschollener Sohn aus Michas erster Ehe ist. Kezal will Hcms zum Verzicht auf Marie bewegen gegen Zahlung von dreihundert Gulden. Hans unterschreibt den Ver­trag. in dem festgelegt wird, baß kein anderer die Marie bekommen darf als des Micha Sohn. Marie hat inzwischen den trottelhaften Wen­

fand eS eine sehr fröhliche, äußerlich und innerlich erwärmte Gesellschaft vor. die sich nur ungern zum Einsteigen bewegen ließ und das Ende der Wartezeit bei 30 Grad Kälte! lebhaft bedauerte.

Man muß sich mir zu Helsen wissen! Leider hat der tschechische FiskuS keinen Sinn für Hu­mor. denn er klagt gegen die ganze Gesellschaft nicht nur wegen Gefährdung des Waldes, sondern auch wegen Abhandenkommens einiger Teile der Bretterbude, genannt Wartehalle, die doch nur ihrer Pflicht zur Erwärmung der Wartenden ge­nügte. wenn sie zum Unterhalt des Feuers herangezogen wurde!

Zement gegen Gerichtsvollzieher.

(v) Budapest.

Der Bukarester Kaufmann Jakob Dickmann bezahlte feine Steuern recht unpünktlich. Der Gerichtsvollzieher erschien also in seinem Geschäft und waltete rücksichtslos feines Amtes, indem er die gesamte Ladeneinrichtung mit dem wohl­bekannten Zettel versah. Dickmann lächelte un­bekümmert. Einige Tage später sollten sodann die gepfändeten Mobilien abyeholt werden. Die Arbeiter mußten aber unverrichteter Dinge wie­der abziehen, da aus den Mobilien seltsamer­weise Immobilien geworden waren. Immobi­lien, die von der Steuerbehörde nicht gepfän­det werden durften. Jedes einzelne Möbelstück war in den Labenboden gebettet; eine finger­dicke Zementschicht machte die Entfernung ohne Beschädigung des Bodens unmöglich. Der Bo­den durfte natürlich ohne Einwilligung des Hauswirtes nicht anyetastet werden und der Wirt gab die Erlaubnis nicht. Er steckte eben mit Dem findigen Dickmann unter einer Decke. Die Be­hörde war machtlos. Dickmann aber fing an, die rückständigen Steuern ratenweise abzuzah­len. And an dem Tage, da er schuldenfrei war, nahm die Komödie ihr allgemein zufriedenstel­lendes Ende, indem nämlich aus den Immobi­lien wieder Mobilien wurden. In diesem Falle sogar ohne Beschädigung deS Bodens.

Elefanten mit Stopplicht.

Paris.

Weißes Licht vorn und fote Schlußlaterne, es lohnt sich eigentlich nicht mehr, darüber zu sprechen.

Aber aus Ceylon kommt die Kunde, daß sich der Gemeinderat von Colrmvo gezwungen sah, diesen altbekannten DeleucytungLparagraphen, der bisher nur für Fahrzeuge gal auch auf die Tiere und zwar ausgerechnet auf Elefanten auszudehnen. Diese sollen.nlich auf der Haupt­straße von Colombo nach Kanada des öfteren Anlaß zu erheblichen Verkehrsstörungen gegeben haben und wegen ihrer dunklen Haitkfarbe beson­ders in den Abendstunden von den auf dieser Straße zahlreich verkehrenden Automobilen über­sehen und angefahren worden sein. Anfälle, bei denen die sonst so ruhigen Dickhäuter recht un­angenehm für Menschen und Autos werden könn­ten. Ein weißleuchtendes Licht um den Hals und ein rotes als Schlußlaterne soll nun diesem Hebel» stand in Zukunst abhelfen. Die Automobilisten in Ceylon freuen sich, die Clefantenbesitzer schimp­fen, und die Fußgänger von Colombo (heißen sie eigentlich Colombinen?) meinen philosophisch, sie wären noch nie in der Dunkelheit über einen Ele­fanten gestolpert, das Schwanzlicht fei also über­flüssig, aber die Rüssellaterne wäre ganz nützlich.

Die Feuerprobe.

(u) Washington.

Fünf Ahr morgens. Die Straßen im Zentrum Washingtons sind noch wenig belebt Plötzlich rötet sich der Himmel über dem National-Museum. Nicht well davon entfernt steht ein Bureau» ?;ebäube In hellen Flammen. Die Feuerwehr ommt dahergerast, aber die sonst so tapferen Feuerlöscher machen keine Anstalten, den Brand zu bekämpfen, sie passen nur auf.

Man weiß, daß Brandstiftung vorlleAt, man kennt den Brandstifter, ja noch mehr, er ist selbst zugegen und schaut belustigt in die Flammen. And doch denkt niemand daran, ihn zu verhaften. Warum? Er ist ein hoher Staatsbeamter von der Feuerschutzabteilung desBureau of Stan­dards. Die ganze Sache war arrangiert, um

Wit Herbert Hoover zieht nicht nur der erste Präsident der Vereinigten ©Laoten deutscher Abstammung in das Weiße Haus, sondern auch zum ersten Male ein Landesoberhaupt, das westlich des Wifsisippi geboren, einer Quäker­familie entstammt und von Beruf Ingenieur ist. And Hoovers Geburtsort, wo seine Mutter in Der DortigenOld Friends Church zu sprechen pflegte, gilt heute für diebiggest little town" in Amerika. Heber die deutsche Abstimmung Hoo­vers hat sich seine Privatsekretärin Ruth Fesler aus Hrkunden im Gerichtsgebäude in dem Städt­chen Frederick im Staate Maryland folgendes ermittelt: Hoovers Hr-Hr-Hr-Hrgroßvater, An­dreas Huber, ist 1740 aus Süddeutschland nach Amerika gekommen.

Der neue Herr ist eine starke und ausgespro­chene Persönlichkeit, aber er glänzt mehr im per­sönlichen Gespräch, im Rat und in der Verwal­tung, nicht auf Der ReDnertribüne. Er hat kein Organ für große Versammlungsräume, keine blumenreiche Rhetorik, keine Gemeinplätze für berufsmäßige Beredsamkeit zur Verfügung, so daß sich feine Antrittsbotschaft auf den Stufen des Kapitols im Durchschnlltsrahmen halten dürfte. Aber es gibt keinen wirksameren Sprecher für kleine Gruppen oder für Konferenzen. Er ist klar und überzeugend in Der Sprache, well auch sein Denken klar und überzeugend ist. Hnd er ist fruchtbar an Plänen und konstruktiv in den Methoden, weil er schöpferische Phantasie besitzt. Spricht er sich offen aus, so bemerkt man, daß hinter seinen Worten starke Reserven an Tat­sachen, Ziffern und Argumenten stehen, die jeder­zeit in Aktion treten können.

Hoover findet bei seinem Amtsantritt zwei gut organisierte bürgerliche Parteien vor: die bür­gerliche und die großkapitalistische, der er selbst angehört. Im nächsten Jahre finden in den Vereinigten Staaten Wahlen statt, bei denen alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses, ein Dritte, des Senats, die gesamten Mitglieder aller legislativen Körperschaften aller Staaten und die meister ihrer Gouverneure neu gewählt wen­den. Hoover wird seinen Kurs so einschlagen, daß er bei diesen Wahlen das Land in der Gewalt hat. Hnd er wird auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, im Jahre 1932 wieder­gewählt zu werden. Also dürfte er eine aus­wärtige Politik verfolgen, die in keiner Weise die Macht der Vereinigten Staaten gefährden kann.

Am Morgen des Inaugurationstages prangt die Bundeshauptstadt am Potomac im Fahnen- und Blumenschmuck. Heber all die Sterne und © reisen, die rot-weiß-blauen Nationalfarben. Hnd ganz Washington ist auf Den Deinen ver­mehrt durch Den Zuzug von auswärts, Denn an diesem 4. März findet eine wahre Völkerwan­derung von Politikern, Stellenjägern und Schau­lustigen nach Washington statt. Das Haupt­interesse konzentriert sich auf Die zwei Kilometer lange Strecke Der schnurgeraden Pennsylvania Avenue, die vom Weihen Hause nach dem Ka­pitol führt, auf dessen Stufen die Vereidigung des jeweiligen neuen Präsidenten erfolgt. Hier steht die Menschenmenge dichtgedrängt. Auch die i Fenster, Treppen und Dächer der umliegenden Gebäude sind schwarz von Menschen. Hnd erst das imposante Kapitol selbst. In der von der goldenen Freihellsgöttin gekrönten Riesenkuppel, auf den Dächern, den beiden Seitentreppen und an allen Fenstern des mächtigen Gebaudekom- pleres, überall Menschen. Hnd von allen Seiten fommen die Truppen angezogen, die militärischen und bürgerlichen Vereinigungen mit wehenden Fahnen, Dannern und schmetternder Marschmusik. Ein farbenprächtiges, doch zuweilen etwas grelles Di.d, in Dem Die schmucken West Pointer-Kadetten uni) Marinezöglinge von Annapolis stets den Vogel abschiehen.

Da mit der Vereidigung des Präsidenten aus die Amtseinsehung des neuen Vizepräsidenten (in

aenben Eid vor: ,J do solemnlv swear that I will iaithfully execute the office of President of the United States and will, to the best of my ability, preserve, protest and defend the Constitution of the United States. So help me God! Barhäuptig, Die Rechte zum Schwur erhoben, spricht der Präsi­dent Wort für Wort nach. Dann verkünden 21 Ka­nonenschüsse, daß der Präsident den Amtseid ge­leistet hat, die Musik intoniert:Hail to the Chief!, und das Volk bricht in einen stürmischen Jubel aus. Rur mit Mühe konnte sich der Präsident früher Ge­hör für seine Inaugurationsbotschaft verschaffen, während heute Dutzende von Schallwerfern die Rede bis in die entlegensten Winkel des Platzes tragen und mehrere Großstationen sie über das ganze Land bis zum Großen Ozean verbreiten. Mit der Rede werden jetzt auch Bilder des Präsidenten und Gruppenauf­nahmen während der Zeremonie drahtlos versandt.

An Den Vorgang auf Den ©lufen Des Kapitols schließt sich Der Glanzpunkt Der Inauguration an: Die Triumphfahrt nach DemWeihen Hause". Ein Meer von Ovationen vmD Demonstrationen. Umgeben von Agenten Dessecret Service" und einer alten PraDition gemäß, von einer berit­tenen Abteilung DesFirst City Troop of Phila­delphia Chreneskorte Das Regiment hat schon George Washington als Eskorte geD.ent kehren Präsident und Expräsident in langsamer Auto- mobilfahrt nach DerExecutive Mansion" zu­rück, gefolgt von sämtlichen Truppen. Vereinen usw. Hatte Der neue Präsident auf Der Fahrt nach Dem Kapitol zur Linken seines Vorgängers gesessen, so nimmt er bei Der Rückfahrt Den Platz zu Dessen Rechtes ein. 2mWeihen Hause" verabschiedet sich Der alte von Dem neuen Herrn unD verläßt Durch einen Sntenausgang unauf­fällig Die Stätte seines bisherigen WiickenS, um im amerikanischen Volke unterzutauchen.

Der neue PräsiDent begibt sich mit Dem Vize» präsiDenten auf Die vor DemWeißen Hause" errichtete Tribüne, um Dort Die Truppen und Vereine DorbeiDefilieren zu lassen. Ein großer Inaügurations-Mill" beschließen Den AbenD im PrunkhotelMayflower" Die Feier Der Amts- einsehung Des Oberhauptes Der Vereinigten Staaten.

brauches Der Alarmglocke abzusihen. Allerdings gestattete ihm der gemütliche Polizeichef, vorher ein reichhaltiges Abendbrot äu verzehren, auf daß er nicht in städtischer Obhut Den Hunger­tod erleide.

Idyll bei30 Grad

(s) Prag.

30 Grad Kälte, und auf Die Kleinbahn warten, wenn es Durch dieWarte-Halle" Den venti­lierten DretterschuppenI eiskalt hereinpfeift, dah Du nicht mehr weiht, ob Du eine Rase im Gesicht und Ohren an Der Seite oder höllenstein­gebeizte Wunden trägst na, es gibt freund­lichere Situationen, das wissen wir, Gott sei's ge­klagt, jetzt alle.

Das fanden auch Die Reisenden einesböhmi­schen Dorfs", Die von Dem treulosen Dähnchen auf unbestimmte Zeit hinaus Den Annehmlichkei­ten Ost-Sibiriens und den Qualen frosterstarrter Fühe ausgeliefert waren.

Kälte wirkt auf Die Dauer nicht gerade sehr belebend, und das festgefrorene tschechische Kreis- bähnchen hätte vermutlich bei seinem Eintreffen eine Anzahl erstarrter Leichen vorgefunden, wä­ren nicht zwei entschlossene Landbewohner noch rechtzeitig zur Selbsthilfe geschritten. Sie mach­ten sich im Windschutz des nahen Waldes ein wärmendes Feuer nn, Die übrigen Wartenden folgten ihrem Beispiel, und Die freundliche Flamme taute Die Lebensenergien zu gemeinsamem Tun. Aus den mitgeführten Kiepen und Körben stie­gen Herrlichkeiten, die für die Kreisstädt bestimmt waren, und bald Duftete ein steifer Grog zum Himmel, Eier, Speck und Brot sorgten für Die nötige Grundlage, auch die Zunge löste sich und als schliehlich das Kleinbähnchen nach viel- stündiger Verspätung an jener Station eintraf.