Nr. 206 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Dienstag, 5. September 1929
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 3. September 1929.
Landesverbandstagung des Bundes Deutscher Zugendvereine.
Der Landesverband Hessen und Rassau des Bundes deutscher Iu- gendvereine (e. B.) hielt am Samstag und Sonntag hier seine Landesverbandstagung ab, die aus allen Teilen des Dcrbandsgebietes zahlreich beschickt war. Bach einer im Caufc des Samstags abgehaltenen arbeitsreichen Sitzung des Arbeitsausschusses fand am Samstagabend in der Turnhalle ein außerordentlich stark besuchter Begrüßungsabend statt. Aach dem feierlichen Ein- zug der Wimpel und dem gemeinsam gesungenen Bundcsliedc. „Wer jetzig Zeiten leben will" fanden eine Aeihe von Begrüßungen statt, und zwar sprachen Studienreferendar Meyer (Gießen, namens der Gießener Gruppen und hieß die Bünde von auswärts willkommen, der Vertreter der Behörden, welcher deren wohlwollendes Interesse an den Bestrebungen der Jugend bekundete, Pfarrer S ch l a u d r a f f als Vertreter der evang. Kirchengemeinde, insbesondere der Matthäusgemeinde, worauf der Landesverbandsleiter Pfarrer Wintermann (Frankfurt a. M.) den Dank der Bünde für diesen herzlichen Willkomm zum Ausdruck brachte. 3m Mittelpunkt des Abends stand das von der 3ungenschaft des Gießener B. d. 3. in sehr eindrucksvoller Weise aufgeführte Heldenspiels „Beowulf" von Otto Bruder. Dieses Stück war ausgezeichnet gewählt, da es die Bestrebungen der B. d. 3.- 3ugend, sich in den Dienst des Wiederaufstiegs unseres Volkes zu stellen, tn bester Weise zum Ausdruck bringt. Am Sonntagvormittag sand in der Stadtkirche ein sehr gut besuchter Jugend- gottesdienst statt, in welchem Pfarrer Troch (Weilburg) eine eindrucksvolle Predigt hielt ül'cr das Wort: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens". Der Gottesdienst wurde durch gesangliche Darbietungen der Singschar sowie durch Mitwirkung der Jugend bei der Liturgie verschönt und bereichert. 3n der ebenfalls am Sonntaavormittog abgehaltenen Vertretertagung wurde Pfarrer Goß lau (Steinfischbach i. Taunus) zum Leiter des Verbandes gewählt. Don größter Bedeutung waren die beiden Vorträge, welche im Anschluß an den Festgottesdienst gehalten wurden, und zwar sprach Pfarrer Her- t c l (früher in Gießen, jetzt in Kreuznach tätig) in der Turnhalle zu den 3üngeren über das Thema: „Vom Dienst im Vund zum Dienst im Volk". Er knüpfte an das am Vorabend auf- gesührte Heldenspiel an und wies darauf hin, daß eine 3ugendgruppe nicht nur für sich leben, sondern daß die Dienstbereitschast, welche dort gelernt und geübt werde, auch im übrigen Leben zum Ausdruck kommen müsse, im Beruf, gegenüber der Familie, der Kirche und dem Volksganzen. Der B. d. 3. treibe keinerlei Partei- Politik. sondern trete auf gegen die Volksschäden, wo sie sich auch zeigen lKampf gegen Schmutz und Schund. Kinounwesen. Bodenwucher und Alkoholunsug». Hier müsse sich die 3ugend mit aller Kraft einsetzen.
Zu den Aclteren sprach Pfarrer Liz. Fricke (Frankfurt a. M.) über „Unsere politische Zielsetzung im . Lichte der gegenwärtigen (Strömungen“. Er führte etwa folgendes aus: Unsere heutige Lage sei durch die geschichtliche Entwicklung bedingt. Aachdem durch die Renaissance das alte Weltbild und die damit zusammenhängende Kultur zerschlagen war. kam im ganzen Abendland die Kultur des Einzelnen hoch, nach der negativen Seite wirkte sich diese aus im krassesten Egoismus. Dieselbe Erscheinung zeigte
sich bei den Beziehungen der Völker in dem Ra- tionalismus. der ebenso durch den Egoismus beherrscht, auf die Katastrophe des Weltkriegs hintrieb. Dadurch sei das seitherige individualistische Kulturideal ins Wanken gekommen. Gegenüber der egoistischen Einstellung der seitherigen Kultur kamen die 3nstin!te der Masse zur Auswirkung. Die Sowjets zeigen uns dies in Reinkultur. Aber auch der Faschismus sei eine Massenerscheinung, allerdings die Masse zusam- mengefoßt in der Faust eines Gewalthabers. Aehnlich seien auch manche Erscheinungen in Deutschland (sowohl auf der äußersten Rechten wie Linken) zu bewerten. Dem stünden bei uns noch immer die egoistisch kapitalistischen Vertre-' ter der seitherigen Weltanschauung gegenüber. Wir müßten beides ablehnen. Für uns könne nur in Betracht kommen, daß jeder einzelne sich verantwortlich wisse gegenüber dem Dolksganzen. Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber der Allgemeinheit müsse das Ziel sein und bleiben.
Anschließend an die Vorträge erfolgte ein Fe st zug der 3ugend durch die Straßen der Stadt nach der neuen Kaserne, wo das Mittagessen eingenommen wurde. Am Rach- mittag kam die gesamte Jugend auf der Festwiese auf dem Trieb zu fröhlichem Spiel, Gesang und Reigentanz zusammen. Hier konnten sich die Freunde der 3ugenb davon überzeugen, wie in den Kreisen der B. d. 3.-3ugend deutscher Frohsinn zu seinem Recht kommt. Gegen abend erfolgte der Rückmarsch auf den Brandplatz, wo nach gemeinsamem Gesang des Liedes: „Kein schöner Land“ und einem kräftigen „Heil", und auf „Aus Wiedersehen im nächsten 3ahre" die harmonisch verlaufene Tagung ihren Abschluß sand.
Talen für Mittwoch, 4. Leptcmber.
Sonnenaufgang 5.15 Uhr, Sonnenuntergang 18.41 Uhr — Mondaufgang 8.04 Uhr, Monduntergang 19.24 Uhr.
1824: der Komponist Anton Bruckner in Ans- felden in Oberösterreich geboren; — 1907: der Komponist Edward Grieg auf Troldhaugen bei Bergen gestorben.
Gießener Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200 bis 210, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140. Wirsing 20 bis 25, Weißkraut 15 bis 20, Rotkraut 20 bis 25. gelbe Rüben 10 bis 15, rote Rüben 10 bis 15, Spinat 20 bis 30. Dömifchkohl 10 bis 15, Bohnen, grüne und gelbe 25 bis 35. Erbsen 25 bis 30, Tomaten 20 bis 25. Zwiebeln 10 bis 20, Kürbis 5 bis 8, Pilze 40 bis 45. Kartoffeln 5* 3 bis 6 (Zentner 4,50 bis 5 Mk.). Frühäpfel 15 bis 25, Falläpsel 4 bis 5. Birnen 10 bis 30, Preiselbeeren 45 bis 55. Pfirsiche 45 bis 55, Zwetschen 15 bis 25, Mirabellen 20 bis 25, Reineclauden 20 bis 25, junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Tauben 70 bis 90, Eier 15. Blumenkohl 30 bis 80. Salat 15 bis 20. Salat- gurken 10 bis 25. Einmacbgurken 2 bis 4. Endivien 10 bis 20. Ober-Kohlrabi 10 bis 15, Lauch 10 bis 15. Rettich 10 bis 20. Sellerie 10 bis 15 Pf. das Stück, Radieschen Bd. 10 bis 15 Pf.
Bornotizen.
— Tageskalender für Dienstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Wenn der weiße Flieder wieder blüht".
*• Zeppelinseic rn in den hessischen Sch ulen. Wie in Preußen hak der hessische Kultusminister soeben angeordnet, daß am Tage der Ankunft des „Graf Zeppelin" in Deutschland oder am folgenden Tage in allen Schulen eine Feier stattfinden soll, in
Dämonen der Zeit. |
Vornan von Arthur Brausewetter.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Gestern abend waren wir allein. Der Eellist war nicht erschienen. Er hätte sich mit Krankheit entschuldigt, sagte sie kurz zu mir hinüber, als wir zu stimmen begannen.
Und nun geschah wieder etwas Merkwürdiges: Die Tartini war mit einemmal frei, war dieselbe. auch mir gegenüber, wie ich sie damals an jenem ersten Nachmittag in meiner Stube gesehen. 3hr ganzes Wesen hatte etwas Fröhliches, beinahe Ausgelassenes, und teilte sich auch ihrem Spiele mit.
Aber so wie sonst spielte sie diesen Abend nicht. Richt mit der Hingebung, der völligen Versenkung in ihren Flügel. Auch nicht so sicher und technisch einwandfrei. Manchmal kamen wir bedenklich aus dem Takte. Dann blinzelte sie mit ihren schelmischen Augen zu mir hinüber, als wollte sie zeigen, wie wenig diese kleinen Entgleisungen sie anfochten.
3n den Pausen plauderte sie mit der alten, fast herzlichen Unbefangenheit. Sie ist stets offen, und ich habe längst gemerkt, daß ihr feines künstlerisches Empfinden mancherlei an meinem Spiel auszusehen hat.
„Zu viel Männlichkeit ... zu wenig Liebe," meinte sie gestern. „3hr Bogen muh schmiegsamer, zärtlicher werden. Wir müssen uns einmal zusammen einspielen ... so verstehen wir unS doch nicht."
Die Tartini hatte heute ihren „Ehrenabend", wie ihn die Leitung des Wintergartens wohl in der Erwartung besonderer Einnahmen genannt hatte.
Wir fiedelten zum Eingang die üblichen Sachen. die man jetzt schon im Schlafe herunter- dudelt. Dann setzte sie sich allein an den Flügel und spielte die Xs-ckur-Polonäse von Chopin mit einer Meisterschaft, die mich alles um mich her vergessen ließ, so daß ich nichts sah. als ihre mit ifj«n Klängen einsgewordene Gestalt, ihre schwebenden, bald jäh emporsteigenden, bald mit heißer Wucht niedersausenden Hände.
Die Zuhörer, die den Saal so dicht gefüllt hatten, daß die Kellner mit dem Reichen der Steifen und Getränke Mühe hatten, gerieten außer sich vor Entzücken. Eine unübersehbare Flut von Blumen und Schachteln mit Früchten, Süßigkeiten und vielleicht noch größeren Kostbarkeiten ergoß sich auf unser Podium.
War sie noch ganz von ihrer Kunst befangen? Oder war es ein anderer Grund?
Abwesend blickten ihre Augen über all die
Herrlichkeiten hinweg, ja. in ihrem lieblichen Gesicht glaubte ich den Ausdruck einer noch heute gesteigerten Furcht zu sehen.
Ich hatte ihr. meinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, einen Strauß la-france* Rosen, umschleiert von zartem Farnkraut, gespendet. der unter diesem Reichtum spurlos verschwand, so. daß ich ihn nicht einmal zu entdecken vermochte.
Als die große Pause beendet war und wir uns wieder an unsere Instrumente setzten, sah ich ihn plötzlich an ihrer Brust. Ob es Absicht oder Zufall war, weih ich nicht.
Als sich das Konzert seinem Ende entgegenneigte, überbrachte mir der Kellner ein Telegramm, das eben für mich abgegeben wäre. Es kam von einem früheren Regimentskameraden, der mir mitteilte, daß er in der Rächt in Danzig einträfe und mich gern noch im „Deutschen Hof", wo er abstieg, Begrüßen würde. Es war dasselbe Hotel, in dem auch die Tartini wohnte.
Da der Zug erst spät einlief, war es Mitternacht geworden, als ich in dem kleinen, mit freundlicher Behaglichkeit eingerichteten Fremdenheim anlangte.
Der Pförtner wies mich auf das im dritten Stock gelegene Zimmer.
„Der Herr wird noch nicht da fein,“ fügte er hinzu, „der v°Zug ist die letzten Male mit bedeutender Verspätung eingetroffen."
And er hatte recht vermutet; das Zimmer war leer.
So wollte ich mich wieder nach unten begeben, als plötzlich ein Ton an mein Ohr drang, der von der in ein noch höheres Stockwerk führenden Treppe zu kommen schien und wie ein unterdrücktes Schluchzen klang.
Anwillkürlich machte ich halt und begab mich einige Stufen weiter nach oben.
Die eigentlichen Wohnräume des Fremdenheims schienen hier ihr Ende erreicht zu haben. Die Treppen waren nicht mehr mit Läufern belegt, die Tapeten an den Wänden schadhaft, und die wenigen Zimmer lagen unter einem abfallenden Dache.
Inmitten eines wüsten Wirrwarrs von Blumen, Kränzen und mit allerlei farbigen Bändern umwickelten Schachteln kauerte auf dem Treppenabsatz eine weibliche Gestalt, halb nur angezogen, an Stelle des Kleides ein seidener Antcrrock, die Füße ohne Schuhe und um die entblößten Schultern eine Boa von Federn geschlungen, die sie nur notdürftig deckten ... Vera Tartini.
Sowie sie meiner ansichtig wurde, schrak sie heftig zusammen, dann wandelte sich dies Erschrecken in eine Scham, die ihr das Blut in heißem Strome bis unter das bereits aufgelöste Haar trieb. Zuerst suchte sie wohl nach einer Aus- rode, nach irgendeinem Grunde für diese ungewöhnliche Lage. Dann schien sie die Ohnmacht,
der die Jugend auf die Bedeutung deS Weltfluges des „Graf Zeppelin" hingewiesen werden soll. Außerdem ist angeordnet worden, an diesem Tage den Schulunterricht ausfallen zu lassen.
** P e r s o n a l i e. Ernannt wurde der Steuerinspektor beim Finanzamt Lauterbach Franz M e tz - g c r zu Lauterbach zum Ministcrialoberrevisor beim Hessischen Ministerium der Finanzen vom 1. September ab.
" Von der Deutschen Dolkspartei. Dieser Tage sand hier eine Wah lkr e i sv or st a nds- sihung der Deutschen Volkspartei für den Wahlkreis Hessen-Rossau—Waldeck—Wetzlar im Saale des Hotel Schütz statt, die recht zahlreich besucht war. An den Beratungen, die bis in die Abendstunden dauerten, nahmen die Abgeordneten Dr. Kalle und Schulrat Schwarz- Haupt teil. Aus den nichtöffentlichen Verhandlungen erfahren wir, daß es sich insbesondere um die Frage einer Aenderung des jetzigen Reichstagswahlrechtes und um die bevorstehenden großen Kommunalwahlen handelte. In der zweiten Hälfte des Monats September soll noch eine große Wahlkreistagung in Marburg stattsinden.
** Aus dem Gießener Standesamt s- r e g i st e r. Es verstorben in der Zeit vom 16. bis 31. August: 17.: Johann Ludwig Seit, Lehrer im Ruhestand. 69 Jahre, Am Kugelberg 8. 18.: Margarete Kemps, geb. Seibert, Witwe, 68 Jahre, Ludwigstraße 26; Hedwig 3 o s ch . geb. Fink, 51 Jahre, Wilhelmstr. 60. 20.: Karl August Berge mann, Rentner, 85 3ahre, Am Rahrungsberg 16; Hans Zeinin - gor, 2 3ahre, Teufelslustgärtchen 20. 23.: Thekla Georgi, ohne Beruf, 77 3ahre, Westanlage 60. 24.: Elise Dauderer. geb. Berger, Witwe, 73 3ahre, Crednerstrahe 31; Paul Gersten- Hauer. Kellner, 48 Jahre, Wilhelmstrohe 8. 25.: Konrad Heinrich Maus, Lehrling, 15 3ahre, Stephanstraße 53. 30.: Dorothea Rei - ning. geb. Minker. 68 3ahre, Wilhelmstr. 51.
** Die Hessische Eierverwertungs- Zentrale, Vertriebsstelle für das hessische Frischei, ist jetzt mit den Regierungsbezirken Wiesbaden und Kassel-Waldeck zusammengeschlossen und hol ihren Sitz zu Frankfurt a. M. Insgesamt sind bis heute 42 Genossenschaften und drei Großfarmer beigetreten. Im ganzen Gebiet des Volksstaates Hessen und der Provinz Hessen-Nassau sind Absatz- gcnossenschaften gegründet worden bzw. in Gründung begriffen. Der Absatz ist sehr gut, die Nachfrage nach dem hessischen Frischei so groß, daß das Doppelte und Dreifache geliefert werden könnte. Die Eiererzeugung beginnt sich allenthalben zu steigern, und es entstehen neue Geflügelzuchtvereine und Geflügelfarmen. Der Vorstand der Zentrale hot beschlossen, feinen Lieferanten Iunghennen aus besten Legestämmen zu vermitteln. Auf diesem Wege hofft man die Eiereinfuhr aus dem Auslande zurückzudrongen.
** Die neugegründete Obst- und Gern üse-Abfahgenofsenschoft Gießen tagte am Samstag im Eifenbahnhotel „Hopfeld" und beschäftigte sich mit der Verwertung der bevorstehenden Obsternte. Der Vorsitzende Sparkassenrendant D o l k m a n n , Heuchelheim, referierte über die Lage des Obst- und Gemüseab- sahes. Geschäftsführer Rorth, Gießen, berichtete über die Besichtigung der Einrichtungen in Rheinhessen und der Großmarkthallen. Er führte aus, es gelte die riesige Obsteinfuhr aus dem Auslonde einzudämmen. besonders auch im Winter müsse deutsches Obst auf den Markt gebracht werden. Der Vertreter von Londorf regte an, lebhaft Reklame zu machen, um für die hiesige Obstgegend Absatzgebiete zu finden. Landtagsabg. Fenchel schloß sich den Ausführungen an und hob die bekannte Güte des oberhessischen Obstes hervor. Andere Redner, darunter Direktoi der sie sich ausgeliefert sah, völlig zu bewältigen. 3hre großen Augen starrten mich fo fremd, so hilfeflehend zugleich an, daß mich ein tiefes Mitleid mit ihr überkam, ich ihr die Hand reichte und sie bat, aufzastehen.
Aber sie sah mich mit einem abwesenden Blick an. „Lassen Sie mich," sagte sie und zog in neu aufglühendem Schamgefühl die Federboa dichter und fester um ihre entblößten Schultern.
„So reden Sie doch endlich!" rief ich erregt. „Wie ist denn dies alles gekommen? Wer hat es 3hnen angetan?"
„Wer es getan hat?" erwiderte fie ohne jede Leidenschaft, vielmehr im Tone einer dumpfen Ergebung.
Weiter sagte sie nichts. Aber ich wußte bereits genug und brauchte nicht mehr zu fragen.
Sic stützte den Kopf in beide Hände und begann leise und anhaltend in sich hineinzuweinen.
„And alle 3hre schönen Geschenke und Blumen hier ringsumher..." sagte ich nach einer Pause.
„Die warf er zuerst hinaus und mich dann hinterher."
„Er war eifersüchtig... nicht wahr?"
„Er ist es immer. Aber so wie heute... und das alles nur... aber nein, es ist zu dumm, um es auszusprechen."
Der ; -Zug schien angekommen zu sein. Ein Gewirr von Stimmen drang von unten her durch die Stille des Hauses zu uns empor. Dann vernahm man das Geräusch von Schritten die teppich- belegte Treppe empor. •
Das schien sie zur Besinnung zu bringen. Sie stand schnell auf, raffte einen Teil der Blumen und Körbe zusammen. 3ch war ihr behilflich, und bevor die aufsteigenden Schritte den letzten Treppenabsatz unter uns erreicht hatten, befanden wir beide uns in ihrem Zimmer.
Es war kaum mehr als eine Dachstube, jedoch geräumig und mit einer gewissen Gemütlichkeit eingerichtet. Unter der schräg abfallenden Wand stand ein Riesenbett. Auf ihm lagen Blumen, Körbe. Kleiderstücke, alles in malerischer Anordnung durcheinander.
Sie hatte sich eine spihenbesehte 3ade angelegt, das Haar geordnet und zu mir auf einen Reinen Hocker gesetzt, den sie auch erst von allerlei auf ihm liegenden Sachen befreien mußte.
Sie war jetzt anscheinend ruhiger geworden. Aber ihre Augen hatten immer noch etwas Abwesendes, und über ihren Körper, dessen Ebenmaß in der leichten Gewandung zu seiner schönsten Geltung kam, lief ein fröstelndes Zittern.
Eine lange Zeit saßen wir, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte ich — ich weih selber nicht, wie es mir mit einemmal über die Lippen kam: „Sie sollten sich von dem Menschen trennen.“
Sie sah mich mit verständnislosen Augen an, schüttelte langsam, stumm den Kops. And wieder lag eine dumpfe Ergebenheit in ihren Zügen, *
Hartmann von der Zentralgenossenschaft, wiesen darauf hin, daß wir lernen müßten, durch Sortierung und Packung ins Auge fallende, gefällige Früchte auf den Markt zu bringen, nur dadurch könne man das meist viel geringwertigere Auslandvbst zurückdrängen. Abg. Fenchel hob hervor, daß die neue Genossenschaft Absatzgebiete schaffen und bessere Preise erzielen müsse, damit die Bauern nicht ihr Obst an Händler verschleudern mühten. Andere Redner, wie Direktor 3 ä g e r, Ober-Hörgern, wiesen auf die frühere Obstverwertung der Kreisstraßenverwaltung Gießen hin und forderten eine Lagerung von Obst), um den Käufern Ware zeigen zu können. Rach reger Aussprache kam die Versammlung zu folgendem Ergebnis: Die Vertreter der einzelnen Gemeinden sollen angeben, wieviel Obst und welche Sorten sie hauptsächlich liefern können. Durch den Geschäftsführer soll Propaganda für Absatz gemacht und eine Bestelliste aufgelegt werden. Damit eine kleine Menge der besten Obstsorten jederzeit den Abnehmern gezeigt werden kann, soll ein Lagerraum in der Stadt Gießen gepachtet werden.
Lehrgänge für Raumlehre auf werktätiger Grundlage. Die staatliche Beratungsstelle für Werkunterricht veranstaltet im Laufe des 3ahres in den einzelnen Kreisen Lehrgänge über den Gegenstand: Der Anterricht in der Raumlehre auf werktätiger Grundlage. Es soll gezeigt werden, wie mit einfachen Mitteln eine innige Verbindung zwischen Werkunterricht und Raumlehre hergestellt und wie die Bildung der Raum- und Formauffassung durch das Hilfsmittel der Werktätigleit gefordert werden kann. Für den Bezirk Gießen hat der Minister die Lehrgänge für diese Tage angeordnet.
" Das Heidekraut blüht! 3n lichten Wäldern, auf Hügeln, an sonnigen Wegen, meist auf trockenem Untergründe, stet gegenwärtig das vielgesuchte und allseits beliebte Heideglöckchen in herrlicher Blüte. Seine vier kleinen rosafarbigen Blumenblättchen laden schon von weitem Insekten und Menschen zum Besuche ein. Es ist außerordentlich honigreich und bildet für unsere Bienen eine vorzügliche Quelle des köstlichen, reinen Raturhonigs. Ein Sträußchen, vorsichtig getrocknet und in einer entsprechenden Vase, kann längere Zeit hindurch gehalten werden.
Oberheffen.
Landkreis Gicszen.
n. G r oß e n - L i n d e n , 2. Sept. Die Gewerkschaft Gießener Braun st einbergwerke vormals Fernie, welche in den Gemarkungen Gießen, Großen-Linden und Lützellinden 550 Arbeiter beschäftigt, hat jetzt 300 davon gekündigt.
—.— Reiskirchen, 2. Sept. Ein verdien- ter Ehormcister ist Lehrer i. R. Rau in Reiskirchen, der seit 50 Jahren als Dirigent den hiesigen Gesangverein leitet Lehrer Rau feiert zugleich mit diesem Jubiläum seine goldene Hoch- Zeit.
= Hungen, 2. Sept. Die Reitergruppe des Hessischen Landjugendbundes veranstaltet am 8. Sept, hier seinen R e i t e r t a g , wobei ein Wanderpreis zum Austrag kommt.
Kreis Büdingen.
Borsdorf, 2. Sept. Es ist eine Ziemlich feststehende Tatsache, daß in guten Obstjahren wie das heurige auch die Wild fr ächte reichen Behang zeigen. Dieses 3ahr ist geradezu ein Rekordfrüchteiahr in Wald und Busch. In dem nahen, mehrere tausend Morgen großen Farbwald hängen Eichen- und Buchbäume derart voll Früchte, daß sich die Aeste tief zur
„Das kann ich nicht.“ erwiderte sie schließlich.
„And weshalb nicht?"
„Weil es dann aus wäre mit mir und meiner Kunst.“
And indem sie den Kopf zur Erde neigte und es vermied, mich anzublicken: „Sie werden es nicht verstehen. Aber ich bin zu sehr mit ihm -verwachsen. Was ich geworden bin, das bin ich allein durch ihn geworden. And was ich heute bin, das bin ich wieder nur durch ihn. Wenn er nicht auf seinem Platze am Cello sitzt, wenn ich nicht sein Auge auf mir fühle, kann ich nicht spielen, wenigstens nichts Ordentliches und Gutes. Er hob mich aus dem Staube, er wurde mein Lehrer, mein Führer — vH. er hat viel mehr Gaben und eine viel größere Kunst, als Sie ahnen. And alles hat er auf mich übertragen, gewissermaßen in mich gepflanzt.. .ich bin fein Geschöpf, weiter nichts."
„Aber damals auf meinem Zimmer spielten Sie, wie ich Sie, offen gestanden, nie wieder spielen gehört habe —"
„Das war etwas anderes," erwiderte sie, allmählich lebhafter werdend. „DaS war einmal. Ich habe es selber nicht begriffen. Vielleicht, daß kein Publikum da war, keine Oeffentlichkeit .... daß ich in einer ganz anderen Umgebung war, örtlich und innerlich von ihm getrennt —
„Das gerade", meinte ich, „sollten Sic wieder werden... in eine neue Stadt gehen, in neue Verhältnisse —“
„Rein, nein,“ wehrte sie mit großer Entschiedenheit ab. „Man würde mich auszischen — Sie können das nicht beurteilen. Ich aber weiß es ganz genau."
Ein Schritt bewegte sich die Treppe hinauf. Sie schrat zusammen, stand auf und öffnete behutsam die Tür. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er von einem der Mädchen kam, das auf seine im selben Stock gelegene Giebelstube zur Rachtruhe ging, beruhigte sie sich.
„Er ist in seinen Klub gegangen und kommt erst spät nach Hause. Schon um mich zu strafen. So macht er es immer, wenn er auf mich erzürnt ist."
„Sie wollten mir den Grund sagen, weshalb das alles hier geschah?"
Die Schatten auf ihrem hübschen Gesicht begannen zu weichen; in dem Blick, den sie unter den halb zugekniffenen Lidern zu mir hinübersandte, lag eine leichte Koketterie.
„Soll ich Ihnen das wirklich sagen? Run gut. Ich hatte mir heute aus all den Blumen einen Strauß mit rosa Rosen herausgenommen und an die Brust gesteckt, weil... nun ja, weil er mir besonders gefiel. Er aber behauptete, ich hätte ihn angesteckt, weil er... von Ihnen kam und weil... weil ich Sie liebte.“
(Fortsetzung folgt.)


