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Ur. 2 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Donnerstag, 5. Januar 1929

Auf einem amerikanischen Dampfer:Kapitän,

ein Wann ist ins Wasser gefallen?'

Matrose?'

Wein, ein

Passagier.'

er seinen Platz bezahlt?"

und

Lektüre eines Romans neben ihr und durch-

Miß Arabella ist in die vertieft. Ihr Dater sitzt

uns mit« u«-

-Ein Hatte

fri_>t ihn auf. Und wir fliegen in einen unsäglich zart aufdämmernden Tag hinein, über einem me« tollen, kühlen Meere, der Stadt Kants entgegen, im Herzen das beschwingte Glück dieses seltsam schönen nächtlichen. Fluges.

fliegt dieTimes". Arabella erhebt sich plötzlich aus dem Strandstuhl und verkündet:Der Mann, den ich heiraten werde, wird ein Held sein." Der Dater sieht sie prüfend an und sagt ganz schlicht:Ganz gewiß."

In einer Zollstatton des trockenen Amerikas: Haben Sie Alkohol bei sich?"Keinen Trop­fen!"Warum haben Sie denn keinen bei. sich?"

Alexander Alechin, Philosoph und Gchachweltmeifier.

Ein aufschlußreiches Interview. In Deutschland entstand Alechins Weltruhm. Ein Mann, den ein Simultanspiel mit 30 Partnern nicht anstrengt. - Oie bevor­stehenden Kämpfe um die Weltmeisterschaft.

23 on Dr. Alexander von Audreewsly.

Geschichten aus Amerika.

Nacherzählt von Paul Mayer.

-.^kanntlich bekommt man im trockengelegten Amerika nur in der Apotheke auf ärztliches Rezept Alkohol. Kommt da an einem Iulitag ein Bürger in eine Apotheke und verlangt einen halben Liter Branntwein. Der entrüstete Apo­theker verweigert ihm das geistige Getränk und erklärt, daß es nur für ganz bestimmte Krank­heiten abgegeben werden darf.Bei welchen Krankheiten denn?" fragt der Kunde.Bei­spielsweise, wenn man von einer Schlange ge- Ässen wird."

Haben Sie vielleicht eine Schlange vorrätig?"

Rein, aber ich kann Ihnen sagen, wo Sie eine bekommen. In der dritten Straß« rechts, bei einem Seifensieder."

Der Durstige begibt sich zum Seifensieder.

Haben Sie eine Schlange da?"Gewiß." Kann sie mich beißen?^Allerdings!" Gut, dann bringen Sie sie her." Der Seifen­sieder holt ein großes Buch, macht dort eine Ein­tragung und eÄärt:Rommen Sie am 15. Ok­tober um 3 LIhr, bis dahin ist alles besetzt."

In einem amerikanischen Restaurant kann man folgendes lesen: ..Wenn Sie zu Hause auf den Fußboden spucken, tun Sie es hier auch. Sie sollen sich nämlich hier ganz wie zu Hause fühlen.

denn die Kühe schlafen und knobeln mit Hin­gabe. Eins gilt hundert, sechs gilt sechzig, wir rech­nen angestrengt mit unseren nächtlichen Köpfen, während draußen der Küstenwind weht, vorn Nebel erstickt der Lichtschein von Heia in die Runde geht und der Wirt unmoralische Geschichten von seinem

Was durch die Tore von Mainz passiert.

In einer amüsanten, kulturgeschichtlich äußerst anziehenden, farbig lllustr.erten Studie über die Mainzerin, die sich im Ianuarheft von D e l * Hagen & Klasings Monatsheften be­findet, betrachtet Ka.imir Edschmid auch die bunten Schicksale dieser Rheinstadt, in der sich die ganze deutsche Kai er^eschichte ein wenig sviegelt. Hutten wohnte 1520 in derAlten Krone", der Sohn des K o l u m b u s. im Kapuzinerlloster. die S t a e l 1808 in denDrei Kronen". Drei. Ramen aus der Geschichte EuropasI Dürer, war in Mainz, Grünewald arbeitete eine Zeitlang in der Stadt. Als Thorwaldsen. der das Gutenbergdenkmal für Mainz gemacht hatte, siebzigjährig in die Stadt kam, bekam et eine Serenade mit Fackelzug. Gustav Adolf zog Weihnachten 1631 ein und blieb, teils lyit Orcnstftrna, ein Vierteljahr auf der Burg, nach­dem er drei Salven rings um die Stadt herum hatte abfeuern lassen. Heinrich v. Kleist, Klinger und Kotzebue lebten zeitweise in Mainz. Met ternich studierte lange an der Mainzer älniversität und schreibt in seinen Memoires" Einzelheiten darüber. Bismarck hatte 18Z0 im Kupferbergschen Haus sein Aus­wärtiges Amt installiert. Sechs Jahrhunderte fuhr das berühmte Marktschifs von Frankfurt: nach Mainz. Goethe stand darauf, Beet­hoven fuhr damit. Schiller betrat es auf der Flucht unter dem Ramen eines Dr. Ritter. Das sind Sireislichter aus t>en Jahrhunderten und eine Handvoll Geschichte. Diese Jahrhunderte sind aber alle mit Fülle und Reichtum durch bi« Tore von Mainz marschiert.

schwarzen Kater Mohr erzählt, der nachts nie zu Hause ist und auch jetzt in unserer Runde fehlt.

Es ist ein vergnügliches Intermezzo, uns wird die Zeit nicht lang bis zum Morgengrauen. Doch mit erstem Tagesschein werden die Propeller angewor- fen, und ein wundervoll kurzer Start bringt wieder zur Höhe. Dor der Halle, eine etwas genommene Nachtgestalt, steht urplötzlich der moralische Kater Mohr und blickt uns nach.

Noch liegt weißer Nebel über Hof und See der Frischen Nehrung: aber das ansteigende Licht

gung Vorbehalt, sondern auch das auf die ihm zu­sagende 21 usleguna dieses Begriffes, übrigens ein Steckenpferd der französischen Diplomatie. Es mag fein, daß die Völker heute noch nicht bereit sind zum Verzicht auf dies Recht. Aber dann können sie auch raum behaupten, daß sie zur Verfemung allen Kriege bereit sind. Sie sind lediglich damit einver­standen, daß solche Kriege in Acht und Bonn getan werden, d i e ihnen nicht passen, an denen ihnen nichts gelegen ist, oder die ihren Jnteresten zuwider laufen.

Die Washingtoner Konferenz wird gut daran tun, wenn sie aus dem südamerikanischen Konflikt ihre Lehre zieht und Schritte tut zur Errichtung einer permanenten Instanz, vor der in jedem neuwelt­lichen Disput die öffentliche Meinung und die Diplomatie der amerikanischen Lander jederzeit mobilisiert und zur Geltung gebracht werden kann.

plnser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, sei­nen ßantemamx D-. Alexander Alechin, der einige Tage i.r Berlin wellte, aus­führlich zu sprechen.

Zum vollkommenen Typ des Rordrussen, wie man ihn im Ausland nur wenig keimt, gehört Alexander Alechin. Wan stellt sich drn Russen gewöhnlich dunkel und etwas südländisch in sei­nem Aeußeren vor: ober Alechin ist blond, mittelgroß, brcitflchulttig, stets verbindlich lä­chelnd. Sr ist bescheiden, beinahe schüchtern solange man nicht vom Schach spricht. Dann schwindet fr.ilich seine Schüchternheit, und sein Gesicht nimmt einen energisch-verschlossenen Aus­druck an.Bor allem tun Cie mir den Ge­fallen", sagt Alrchin,unb e.'klären Sie, daß mein Rame sich nicht .Aljechin", son­der .Alechin' schreibt. Ich komme aus Polen und habe in Derli r mit 30 Partnern zur gleichen Zell gespielt: 24 Partien habe ih gewonnen, 6 wur­den remis. Im Lauf von fünf Stunden habe ich keine einzige Partie Perforen." Auf die Frage, ob solche Partien ermüdend wirken, erwiderte Alechin:Ich nehme solche Spiele nicht ernst, halte sie für keine Kunst. Sie gelten für mich nur als Sport und llassisizieren foineswegs den Spieler."

Das größte Interesse habe ich dagegen an einem Kampf mit einem großen Gegner. Schon als siebenjähriger Iunge schwärmte ih für das Schachspiel, und diese Leidenschaft nahm manch­mal foankhafte Formen an. Oft saß ich stunden» lang in Gedanken versunken vor dem Schachbrett, das mir die Eltern fortirehmrn mußten da ich mich um meine Schularbei'en gar nicht kümmern wollte. Manchmal schlich ich nachts aus meinem Bett, holte das versteckte Schachbrett und pro­bierte bis zum Morgengrauen Kombinationen deS Schachspiels. Eines Morgens wurde ich be­wußtlos auf dem Boden gesunden unb lag meh­rere Wochen mit schwerer Gehirnentzündung im Bett. Schon als Knabe war ich sehr nervös, ziemlich menschenscheu, stets in Gedanken versun­ken und sehr zerstreut. Mit sechzehn Iahren, getoarm ich den russischen Meistertitel. Dann studierte ich Rechtswissenschaft an der Rechts­schule, einem a .ii'tokratischen Internat für Säug­linge, di; sich dem Staatsdienst widmen sollten. In Deutschland öffnete sich mir der Weg Aum Weltruhm. In Mannheim fand im Sommer 1914 ein Schachturnier statt, das durch den Ausbruch

Romantik des Aachifluges.

Von Eofie von llhve.

Reizvollster aller Bahnhöfe, ohne Rauch, Ge­dränge und Lärm, nächtlich weiter Plan, von rot strahlenden Reonröhren boteurtoärts erhellt, von hohen Masten herab weiß beleuchtet. Uifo inmitten dieser magischen Rachtbefeu.rung Die mächtige Iunkersmaschine. bereit. u)re bnnahe tausend Pferde an die östlichen Grenzen un­seres Vaterlandes. nach Köntgsberg, zu lenkm. Bollgas. ..Guten Flug." llnd wir donnern ab. Gs ist zwischen elf und zwölf llhr nachts.

Funkelnd, ein Lichtmeer, liegt unter uns dir MMionenstadt: ihre Lichtreklamen schreien dis br unsere Höhe, die leuchtenden Bänder ihrer Straßen laufen dis zum Horizont. Aber vor unserem Tempo schmilzt ihre Welle, schon kommen dunklere Vorstädte, schon kommt Lauocnland mll matt erhellten Gartenstraben: und bafo liegen xnrtcr uns die nächtlichen Wälder und Seen der ^Weithin leuchtet die Rachtbefeuerung der Strecke: Scheinwerfer und rote Lampen, die nicht verwechselt werden können mit den üblichen LKtj« lern der Ortschaften und Gehöfte. Im schein der Lichtkegel tauchen schlafende Häuser auf. Wald^, ein Feld und wieder Finsternis. Vielleicht folgen Augen, die noch keinen Schlaf sanden, unserem friedlich fliegenden Stern.

Von bet Rähe allerdings sieht er gar nicht so friedlich aus. sondern wild und schön. Aus den Auspuffröhren der drei Motoren schfogen die flammenden Gase, tote Atem aus den Schlün­den vorweltlicher Drachen, und werfen zuckenden Schein über das Metall der Tragflächen: aus der Pifotenkabine schimmern geheimnisvolle blaue Lichter Mischen unerklärlichen Ravrgattons- instrumenlen. und in der Ecke leuchten die grünen Dirnen des Funkavparates auf - aetfoemaße Rixenaugen Unsere Romantik hat mchts mehr au tun mit der versteckten blauen Dlume, ab-w ist sie nicht in ihrer Art ebenso schon? Doch auch sie wird gewohnt, wird alltäglich ^rden.

Rachtslug heißt die Zukunft des Weltverkehrs, darüber besteht kein Zweifel mchr- .^g

frei bleiben für die Arbeit. Und dag wir da weit schauend allen anderen Ländern vo.ange­gangen sind mit unseren Passagier-Rachts lug- ftreden Hannover und Königsberg. J>a8.$arLu^8 mit berechtigtem Stolz auf unsere deutsche Luft- Hansa erfüllen.

Meine Mitreisenden sind sanft entschlummert Doll sei Dank. Sie liegen tief in den Leder-

Der Bolivio-Paraguay-Disput ist die anschau- lichste Illustration der Zweideutigkeit des BegriffesS e l b ft v e r t e i d i g u ng Hier stehen zwei amerikanische Nachbarn einander mit geballter ftauft gegenüber. Beide beanspruchen ein Gebiet auf Grund eines hundert Jahre alten, höchst unbe­stimmten Abkommens. Jeder ist bereit, zurSelbst- Derteibigung dem anderen mit gezücktem Dolch an die Kehle zu Jprinaen. Jeder ist bereit zu schieds­richterlichem Ausgleich, vorausgesetzt, der andere verzichtet vorher auf den Rechtsgrundsatz, der ihm allenfalls den Sieg zusprechen könnte. Jeder legt Notwehr" undSelbstverteidigung" nach eige­nem Gutdünken aus. Es ist dies die typische Mei- nungsverschiedenhell, die zum Kriege führen kann, und niemand kann sich der Folgerung entziehen, daß in Kriegsverfemung kein wahrer, kein wirk­licher Fortschritt erzielt worden ist, solange sich jede Nation nicht nurdas Recht auf Selbstoerteidi-

des Krieges unterörocheil wurde. Ich mußte so schnell wie möglich über die schweizerische Grenz« fliehen und bann über Italien, F ankreich. Eng­land, Aorwegen, Schweden und Finnland nach meiner Heimat zurückkehrcn, die ich nach Aus­bruch der Revolution wiederum fluchtar.ig ver­ließ. Im Iahre 1925 haoe ich wieder in Deutsch­land, und zwar in Baden-Baden, den ersten Preis in eriem Schachturnier gewonneir, und dort tourte ich auch zum erftcmnal als An­wärter auf die Weltmeisterschaft genannt."

Ich habe jetzt zwei Herausforderungen erhal­ten, von Bogoljubvw und von Capa- b [ a nc a. Falls Bogoljubow mit al en Forma i- tätrn dis zum 15. Ianuar fertig wird, kann unter Wetllampf bald stat finden. Cs steht aber noch nicht fest, wo wir zusammentreffen werden^ Der Kampf mit Bogoljubvw iitzrcfiiert mich well mehr als das Wettspiel mit CapablancrL Dvgrljubow ist als Gegner viel ernster zu neh­men als Capablanca, ter über den Ausgang des Kampfes in Buenos Aires sehr verärgert war, und in einer amerikanischen Zeitung einen Artil-el veröffentlichen ließ, in dem er behauptete, daß ich durch Skrupelfofigfoll gewoirnen habe. Mein Spiel, schrieb er, sei ausgeglichen, aber ohne Fein­heiten. In Wirklichkeit fiel mir das Spiel in Buenos Air^ Physisch außerordentllch schwer. Ich Gtt an einer Mundhöhlenenlzündung und hatte hohes Fieber, das durch das Ziehen von sechs Zähnen verursacht worden war. 'Der ar- gentinische Arzt sorgte zwar dafür, daß die Be­täubungsmittel nicht mein Gehirn angriffen; an- deversells mußten die Schmerzen gelindert wer­den, und das war keine leichte Aufgabe. Capa» blanca war dagegen vollständig gesund. Ich hoffe, mit ihm in der ersten Hälfte des Iahres 1930 in Amerika zu kämpfen und nehme an, daß ich meinen Titel nicht verlieren werde. Dor kur­zem hat Capablanc« eine Reform des ganzen Schachspiels vorgeschlagsn. Er will neue Figuren einführen, da das Schachspiel in seiner heutigen Form angebllch vollständig veraltet fei. Solche Projekte entstehen stets bei Schachspielern, die ihre M.isterschaft verloren haben. Sigar Las­ker, der wahrscheinlich vom cuüanischen Klin a beeinträchtigt gegen Capab.'anca verlor, trug sich mit ciiem ähnlichen Plan und hat behauptet, daß das Schachspiel nicht mehr aktuell sei. So­lange Capablanoa Weltmeister war, dachte er jedoch an keine Reform des Schachspiels."

ratifiziert worden, und schließlich hat man sie annul­liert. Ein Stückchen Land nur etliche 100 Qua- dratmeilen groß tm nördlichen Teil des vorn Rio Pilcomayo und dem Paraguay-Fluß gehüteten Dreiecks ist beständig der Schauplatz von Zusam­menstößen zwischen ©renxpatroudlen gewesen, mit dem unvermeidlichen Nachspiel diplomatischer Vor­stellungen, mit Notenaustausch und allem Drum- unddran.

Wenn Differenzen dieser Art heutzutage zum Kriege führen können, dann mag Bolivien gerate so gut seine diplomatischen Dez.ehungen auch zu Brasilien, Peru und Chüe abbrcchen. Denn seine Forderungen diesen Ländern gegenüber sind genau so gerecht oder ungerecht wie die an Paraguay gel­tend gemachten. Noch ein anderes Moment kommt hinzu. Im Jahre 1842 erwarb Chile Anto- s o g a st a , den Pazifikhafen am Südende ter <5ab petergebicte; das Jahr 1893 sah Chile auch im Be­sitz Tacnas und Aricas, und Bolivia hatte seme toeetüfte verloren. Sein Augenmerk richtete sich süd­ostwärts, wo ihm durch den für Ozeanschiffe zu­gänglichen, Chaco Boreal im Osten säumenden R i o Paraguay und durch dessen Nebenfluß, den Pilcomayo im Westen, ein Weg zum Meere offen stand. Die Sch.ffbarkeit des Paraguay auck für nicht ganz kleine seegehende Sch.ffe läßt sich daran ermessen, daß z.B. Rosario, einer ter Haupthäfen Argentiniens, zweihundert englische Meilen landeinwärts an diesem Strom ge­legen ist. Paraguay aber behauptete und behauptet noch, daß nur es allein berechtigt sei zum Sch.ffs- verkehr aufseinen" Strömen.

Wenn es zum Kriege kommen sollte und cs wird nicht dazu kommen (und es i st nicht dazu aekommcn. D. Red.) würden sich der gegenselligen Bekämpfung fast unüberwindliche Schwierigkeiten gegenüberstellen. Bolivia liegt durchschnittlich 3500 Meter über dem Meere. Seine 3 000 000 Einwohner smd an die Fiebergefahren der Urwaldsümpfe nicht gewöhnt. Die Paraguayaner, rund eine Million Köpfe stark, dagegen sind im Gebirgskriege uner­fahren, siird auch an das Höhenklima nicht gewöhnt. Bolivia ist gut bewaffnet, sie ist zur Zeit die stärkste, die das Land jemals besaß und hat ihre Ausbildung zum w^llaus größten Test deutschen Weltkriegs­veteranen zu verdanken. Ganz hervorragend soll Dolivias Fliegertruppe sein. Paraguays Soldaten gelten als Leute von großer Tapferkeit, die richtigen Draufgänger. Vielleicht hat es doch sein Gutes, daß die bciben Regierungen gerate jetzt aneinander geraten sind. <5ie haben die momentan in Washing­ton versammelte Konferenz vor ein greifbares, ein kontretes Problem gestellt, während sie sich sonst lediglich mit einem Wust mehr oder minder abstrak­ter Rechtsfragen zu beschäftiaen gehabt hätte. Die Gelegenheit war wie geschaffen, das Forum war vorhanden, dem der Streit zur sofortigen Schlich­tung unterbreitet werden tonnte. Paraguay wandte sich nicht nur an den Völkerbund, es appellierte auch an die Pan-Amerika-Konferenz, die eben begonnen hatte, und die sofort einen pan-amerikanifchen Aus­schuß ernannte, mit ter Aufgabe, auf die beiden hadernden Nachbarn einen diplomatischen Druck auszuüben.

Wäre der Streit einen Monat früher ober auch einen Monat später ausgebrochen, so hatte keine Mobilmachung der pan-amerikanischen Diplomatie stattfinben können, und Herr Kellogg hätte keine Gelegenhett gehabt, den bolivianischen Gesandten in Washington zu überreden, wieder in den Pferch der friebfertiqen Lämmer zurückzukehren, den er auf Veranlassung seiner Regierung verlassen hatte, weil Paraguay ötemoralische Satisfaktion" schuldig ge­blieben mar. Man hätte sich einzig an Genf wenden können, dort hätte man wahrscheinlich eineunpar- teiische Untersuchung" an geordnet, die möglicher» weise nichts weiter vermocht hätte, als die beiden Kriegslüsternen darauf aufmerksam zu machen, daß sie der Meinung der ganzen Welt Trotz bieten würden, wenn sie zu den Waffen griffen. Und in der Zwischenzeit wäre das Unhell geschehen. Denn wenn Kriegsgefahr droht, ist jede Stunde kostbar das wenigstens hat die Wett 1914 gelernt, wenn auch vielleicht sonst nicht viel.____________________________

Südamenkamsche Lehren.

Don unterem A. G. A.-Berichterstatter.

Rachdruck auch mit Quellrna.rgBe verboten!

Neuy ork, Ente Dezember 1928.

Zn das gutgeölte Räderwerk derPan-Amerika­nischen Konferenz für Aussöhnung und Schieds- sprach" in Washington haben Max und Moritz diesmal als feindliche Brüder ein erhebliches Quantum Scymirgelpuloer geschüttet. Die Ma- chine seufzt und stöhnt und kreischt und bleibt chüeßlich stehen. Auch ein Treppenw.tz der Zeitge- chichte, daß ausgerechnet Bolivia, das seinen Beitritt zum Kellogg-Pakt bereits er- klärt hat, mit seinem Säbelgerassel und Kriegs- rummel den Herren in Washington so schwere Sorgen macht, während Paraguay, das bis­her zu dem Kriegsverfemungsoertrag keine posi- tive Stellung genommen hat, ohne weiteres be- reit ist, auf die Schiedsspruchoorschläge der Konfe­renz einzugehen.

Der zündende Funke, der die Explosion herbei- führte, war ein Zusammentreffen ter Grenztrup^ pen Paraguays mit denen Boliviens, die auf ge­flogene Mine jedoch lag schon seit undenklichen Zeiten in dem Chaco Boreal genannten Gebiet von etlichen 100 000 englischen Geviertmeilen. Denn unter dem Urwald mit seinem so gut wie unbe­rührten Holzbestand liegt ein Schatzschwarzen Goldes", liegt Del. Aus diesem Umstande wird mit einemmal klar, weshalb sich die beiden Rach barn plötzlich so lebhaft dafür interessieren, ob die Grenze ein paar Meilen weiter auf dieser, ob auf jener Seite hinzieht. Wird klar, warum Bolivia darauf besteht, innerhalb des umstrittenen Gelän­des Armeeposten, Forts und dergleichen zu er­richten, und warum Paraguay darin eine Der- letzung feiner Souveränität, einemilitärische Durchdringung" erblickt. Und warum beide sich auf die Hinterbeine stellen, warum man in patriotische Hitze gerät und die Kriegstrommel rührt.

Dem Außenseiter muß es kaum glaublich er­scheinen, daß dergleichen im Jahre des Hells 1928 in der neuen Welt Vorkommen kann. Knapp zwei Tage, ehe Präsidertt Cookdge das Lob ter neuwett- Uchen Völker sang, die ihre Differenzenfast im ine r.1' auf gütlichem Wege geschlichtet hätten. Dabei sind im verflossenen Jahrhundert gerate Grenzstreitigkeiten Anlaß der meisten Kriege in Südamerika gewesen, und die meisten freundnach­barlichen Reibungen auch unserer Zeit sind daraus zurückzuführen.

Es handelt sich hier um ein Problem, das zu­rückgeht bis in das zweite und dritte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. _ Als die südamerikanischen Republiken sich von Spanien und Portugal los- sagten, legte sie ihre Grenzen entlang denen der ehemaligen Kolonien aus. Nahezu überall war die Gebietsteilung vag, unbestimmt. Es ist zu verwundern, daß es darob nicht weit häufiger zu bewaffneten Konflikten gekommen ist, als tatsächlich geschah, und es spricht für die nachbarliche Ver­träglichkeit der Nationen, daß sie sich in den meisten Fällen zu einigen wußten. Bei diesen Einigungen auf güttichem Wege scheint jedoch Bolivia gewöhn­lich schlecht abgeschnitten zu haben. Das von ihm früher beanspruchte Gebiet schrumpfte immer mchr zusammen. Hier ward ihm ein Stück auf dem Wege der Einigung abgezwockt, dann dort em Zipfelchen.berichtigt". Von seinen ursprünglichen 763 000 Oemertmeilen verblieben ihm mit der Zeit noch 506 000. Es gab Schwierigkeiten mit Brasilien, das sich 1867 einer Grenze ein­verstanden erklärte, im Jahre 1903 aber eine Be­richtigung erzwang, die entschieden zu seinen Gun­sten ausfiel. Im Kriege mit Chile, 1879, verlor Bolivia seinen Weg zum Stillen Ozean, den es letzt als Erbberechtigter auf Tacna und Arica zurücksr» langen möchte. Der Zwist m't P a r a g u a y ist ähn­licher Art wie diese Kontroversen, oeit den Kolo­nialzeiten hat eine Spannung bestanden. Man hat wiederholt Anläufe genommen, die Sache durch Vertrag beizulegen, aber die Abkommen sind nie

fesseln und strecken ihre Deine ins LokaT Ich wage kaum, mich zu rühren, um sie nicht $u wecken: es ist so schön, der einzig Wache zu forn denn Piloten und Funker, ganz ihrer Auf­gabe hingearben. verschmelzen zu einem Teil dieses grandiosen Fabelwesens Maschine es ist so schön, allein und einsam hinzufliegen unter dem alten Iupiter und dem Siebengrsttrn, zu Denen man schon als Kind nachdenkliche Augen mlfhob und deren Woher und Wohin man heute nicht tiefer begreift als damals. Sie blicken mit viel Ruhe auf diese neue Spielerei der Menschen herab.

Seltsamste aller Rachtwachen! Mit keiner zu vergleichen, die das Leben mir brachte, nicht mit nächtlichem Ritt durch die warme Stille schlafen­der Waldtäler, nicht mit den geschützdurchgrvllten Rachtwachen im Feldlazarett, beim abgeblendeten Licht der kleinen Öampe. nicht mit den vom Glück der Ferne erfüllten Rächten an wttchumbrandeter Südseeküste seltsamer schöner als sie alle, diese Rachtwoche zwischen Himmel und Erde, zwischen himmlischen und irdischen Lichtern, selber ein fliegendes Licht im dunklen Raum o selt­sam fremdes Glück der Stunde! Schlaft mir, ihr Schläfer in der matt erhellten Kabine, es ist so schön, allein zu wachen!

Drunten im dunklen Land sind die Lichter von Schwedt und von Stargard vorübergezogen und in ter Ferne ter Widerschein von Stettin: Stolos alte Kathedrale ist aus mattem Schimmer wieder in Nacht gesungen. Unter uns liegt der polnische Kor­ridor: blaß noch und sehr in ter Wette zucken die Leuchtfeuer der Stofte auf. Aber was bedeuten Ent­fernungen für uns? Einen Auaenblick: Master spie­gelt nächtttch, Masten der Schiffe ragen schwach er­hellt, Kanäle, Gasten, ein Dom: Danzig.

Ader feit langem schon hat sich das strahlende Auge des Jupiter mehr und immer mehr ver­schleiert: eine dunkle Wand kommt vom Meer über das Haff: Nebel. Und unser Pilot, mit der zuver- lässigen Vorsicht, di« unseren Luftverkehr so sehr auszeichnet, beschließt, diesen Nebel erst im Morgen­grauen zu durchfliegen, wenn bessere Sicht ist. In weitem Bogen lassen wir uns über dem schlafenden Danzig nieder und langen im herrlich an unsrer Tragfläche aufzisch'nden Lichte vor den Hallen des Flugplatzes.

Dort erfüllt unser unerwartetes Erscheinen den schnell aus dem Bett geholten Witt des kleinen Restaurants mit lachendem Glück: er ahnt aus Präzedenzfällen, daß es nun ein Spielchen geben wird, und er ahnt recht. Bald sitzen wir alle, um drei Uhr in der Nacht, Flieger und Fluggäste, ein­trächtig bei einem mörderisch schwarzen Kaffee