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Samstag, 2. November 1929

Nr. 258 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

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die Förderung der Landwirtchaft Berufenen fern, nicht nur zu beruhigen, sondern auch neue praktische Wege zu weisen, die zu einer schließlichen Gesundung und zur Erhaltung der der Landwirtschast innewohnenden bodenständigen Kraft sichren. Man macht in den verschiedensten europäischen Staaten gewaltige Anstrengungen, den Boden- und K.imaverhältnissen bestens an- gepaßte Pflan^ensorten zu züchten, um dadurch und durch die Anwendung der Errungenschaften der modernen Technik die Erträge zu steigern und qualitativ zu verbessern. Man kommt dadurch nicht nur dem Ziel näher, die eigene Be- v ölkerung mit Nahrungsmitteln zu verar­gen, sondern führt auch eine wesentliche Stei­gerung des Exports herbei und erreicht eine nicht unbeträchtliche Llnadhängigleit von der Saat­guteinfuhr. Solche Anstrengungen sind notig, um den im Krieg verlorenen Auslandabsatz wieder gewinnen und behaupten zu können. 5Xnn eine agrarische Zollpolitik allein dürfte keiner Landwirtschaft eine dauerhafte Hilfe bringen. Man muh sich darüber klar sein, daß die aus­ländische und über.e.-^che Konkurrenz, selbst wenn sie teurer ist. stets siegen wird, wenn ihre Er­zeugnisse qualitativ besser sind. Außerdem darf man nicht übersehen, daß in den wenigsten

Nachdruck verbotenl

Nachdem wir hier vor kurzem den Prä­sidenten des Neichslandbunves, Reichs- minister a. D. Martin Schiele, über die Krisis der deutschen Landwirtschaft

zu Wort kommen ließen, geben wir heute dem Dertre.er der landwirtschaftlichen In­teressen im Neichskabinett zum gleichen Thema das Wort.

Die Not der Landwirtschaft ist nicht nur eine Angelegenheit eines einzelnen Landes, sondern berührt schlechthin alle alten Kulturländer. Ihre Ursachen sind in erster Linie in den großen po­litischen und wirtschaftlichen Umwälzungen seit Ausbruch des Weltkrieges zu suchen. Das Kern- übel ist das Mißverhältnis zwischen Betriebseinnahmen und Betriebs­ausgaben, zu hohe Zinsen für das Leih­kapital, allzu schwere öffentliche Lasten usw., also, um es auf einen Nenner zu bringen, z u geringer Anteil des Landwirts am Sozialprodukt.

Diese allgemeine Notlage der Landwirtschaft, die tatsächlich durchaus ernst ist, hat bedauer- licherwei e große Nervosität in die agrarische Be­völkerung aller europäischen Länder getragen, und es muh Aufgab-r aller für das Wohl und

Alnglüd hatte, dauernd erfolglos zu sein, nicht mit dem Worte abtun, dah er ostorientiert war. Rantzau war lange nicht so pftortenhert tote Stresemann toestorientiert. Wer ihn kannte, weih dah er das System des Lavrerens Deutschlands zwischen Ost und West, das Bis­marck so meisterhaft Zeit seines ^de'ts durch­führte, als die einzig mögliche Politik Deutsch­lands für die Gegenwart und Zukunft erkannte. Er war sogar im Begriff, das Lavieren n ach drei Seiten als Lebensfrage zu erkennem Er wuhte deutsches Schicksal wird nicht nur im Osten und Westen, sondern auch im Südosten deS

etwas dazu mit, das sie befähigte, diese Erb­schaft wenigstens in einigen Punkten anzutreten. Sie hatten ^Aeolsharfennerven", wie es Brock- dorsf-Rantzau einmal im Gespräch nannte, die Nerven, die jeder pol.tische Luftzug zum Erk'll. g:n brachte.

Der am wenigsten Aufnahmefähige der drei in dieser Richtung war sicherlich R a t h e n a u. Er war immer klug, immer weltoffen, aber vor all seiner Weltoffenheit stand doch über­schattend und riesengroh das nie versiegende Interesse für das eigene Ich. Rathenau sah sehr viel, sah vieles sehr richtig, er konzipierte aber nur die große Idee, wenn sie geradlinig auf sein Ich zuführte. Daher war trotz aller Klugheit und oller Wendigkeit die Politik Rathenaus nur ein Einfall, die Laune eines bedeutenden Men­schen. Sie zeigte kaum Ansätze zu einer brauch­baren Politik für eine Nation. Auch Strese­in a n n s Politik war in ihren Anfängen eine Politik um ein interessantes Ich herum. Sie wuchs im Kamps um die Machtstellung der Persönlich­keit. In der Ausnutzung der Situation für das eigene Ich wurde sie zu einem Kampf für diedeutsche Sache. Born Standpunkt Strese- manns aus gesehen, entstand bei aller Derquik- fung mit der Ichbetonung eine Politik mit durch­aus lauteren nationalen Zielen. Auch Strese« manns Politik, auf deren Erfolge oder Miß­erfolge hier nicht eingegangen werden soll, hat keine Tradition geschaffen. Nicht wie bei Rathenau liegt der Fehler am überschattenden Ich, sondern er liegt darin, dah die Erfolge der Stresemannschen Westpolitik aus einer indivi­duellen Begabung strömten und aus fabelhaft geschickter Äusnuhung einer politischen einmaligen Konjunktur. Sie entstanden aus Stresemanns innerem Gefühl für den Westen, waren aber, soweit sie zum Ausdruck gelangten, kein Ergebnis einer konstruktiven Politik aus den dauernden Gegebenheiten der deutschen Lage.

Man kann Drockdorff-Ranhau, der der größte Nach-Dismarcksche deutsche Außenpolitiker war, wenn er auch, wie er selbst erkannte, das

T ere vom Tiorbpol zum Südpol.

So gleichartig das Bild sein mag, das die Arktis und die Antarktis bieten, so verschieden ist die Tierwelt, die unter den doch vollkommen gleichartigen Bedingungen an den beiden Po.en lebt. Alm einen Ausgleich zu schaffen und vor allem den Südpol mehr zu bevölkern, hat sich jetzt die norwegische Regierung entschlossen, aus der ihr seit dem vergangenen Jahr gehorenoen Insel Bouvct im. südlichen Eismeer verschiedene Tierarten au?zusehen und zu beobachten, wie sie sich am Südpol entwickeln. Andererseits wer­den von Doucet 50 Pelzrobben nach Spitzbergen gebracht, da diese Tiere im Norden vollkommen ausgestorben sind, weil man sie ihres Felles wegen rücksichtslos jagte. Aus Bouvet sollen vor allem auch Eidergänse angesiedelt werden. In zoologischen Kreisen beobachtet man die treuen Umpflanzungen" mit sehr großem Interesse.

vollkommen durch Zuschauen auf den Stellwerken aneignen. Praktische Hebungen waren dabei fast unmöglich. Seit der Einrichtung des Lehr-Stell­werks, das mit einer Gleisstrecke in Verbindung steht, können die Schüler alle im Stellwerk vor­kommenden Arbeiten hier wirklich durchführen: Bormelden. Nachmelden. Wirkung auf Blockfeld, Signal und Weiche. Beseitigung von Störungen usw Borhanden sind ein Befehls-, ein Wärter- und ein Blockstellwerk für ein- und zweigleisige Strecken. Die Schüler sollen hier selbständig ganze Fahrten durchführen.

Nach ähnlichen Prinzipien sind die Lehr-Schal­ter für Fahrkartenausgabe und Güterabfertigung entstanden. Auch sie sind der Wirklichkeit getreu nachgebildet. Einer der Arbeitsplätze ist z. B. als Borprüfungsstelle für die Güterabnahme einge­richtet. Hier find alle Hilfsmittel für Fracht­berechnung und Abfertigung der Frachtbriefe aus­gelegt, ein Schüler, der den Rollkutscher mimt, liefert Güter verschiedenster Art in vorschrifts­mäßiger oder zu beanstandender Verpackung und Bezettelung auf, und der Schüler, der die Auf­gaben des Annahme-Beamten übernommen hat, prüft nun unter Anleitung des Lehrers, ob er die Güter unter denen sich auch absichtlich be­schädigte befinden nach den geltenden Be­stimmungen zur Beförderung annehmen darf. An einem anderen Arbeitsplatz wieder erfolgt die Anlernung der Ladeschaffner. Eine Anzahl Güter aller Art ist aufgestapelt, dem Schüler wird eine Anzahl Frachtbriefe übergeben, und nun muß er prüfen, ob etwa Güter überzählig oder beschädigt sind. Auf bereit gehaltenen Bordrucken werden dann die sich hieraus ergebenden Meldungen er­stattet.

Aehnliche Anlernplätze sind vorhanden für eine Empfangsabteilung, in der die eingegangene Fracht behandelt wird, für den Schaiterkassen- dienst, die Güterkasse und die Gepäckabfertigung. Aleberall sind die Schüler genau so ernst bei der Sache wie draußen die wirklichen Beamten im wirklichen Betrieb.

Die Aufwendungen, die von der Reichsbahn für solche Zwecke gemacht werden, geschehen nicht umsonst. Aus der Statistik geht deutlich hervor, daß die ülnfallzahlen dann am höchsten waren, als die Ausbildungsintensität am niedrigsten war also etwa im Jahre 1918. Der ver­ringerte Alnterricht hat in jener Zeit zwar an der einen Stelle ein Sinken der Ausgaben be­wirkt, dafür aber auch ein enormes Hochschnellen der Alnfallausgaben. Alnö wenn man im Ge­schäftsbericht lieft, daß die Reichsbahn im Jahre 1927 allein vier Millionen Mark für Putzwolle ausgegeben hat, wird man sechs Millionen Mark für Wrsbildungszwecke nicht zuviel finden.

Gießener Konzeriverein.

Erstes (Lrchcster-) Konzert.

Das erste Symphoniekonzert gab mit den großen Ausmaßen feines Programms reichnch Gelegenheit, das Koblenzer Städtische Orchester ten- nenzulernen. Der Streicherchor ist gut befetzt und war augenscheinlich für die Durchführung der Beet- hooenschen Werke verstärkt worden. Seine satte Aus­geglichenheit wurde besonders im zweiten Satz des iLUHöua» wie auch m dem Anoa.lle üer v. Sym­phonie zu einem wirksamen klanglichen Erlebnis. Die Holzbläser stehen den Streichern nicht nach. Ein­zelne Sfimmeo weisen ausgezeichnete Vertreter auf; besonders das Fagott ist in sehr befähigten Händen. Wo die Hoizbiafer als gesamte Klanggruppe zur Geltung kamen, da konnte man an der Reinheit, Ausgeglichenheit und Weichheit feine besondere Freude haben. Die Blechbläser sind technisch wohl auf der Hohe, klanglich aber neigen sie zu emem lleberspitzen der dynamischen Grade hin. Das Horte erschien so durchweg überschärft grell, bei den Hor­nern damit die gewollte Grundfarbe des Klanges trübend. Wenn auch Beethoven im ersten Satz der Fünften beim Eintritt des zweiten Themas ein For­tissimo fordert, so ist das doch n'fit mit dem grellen schmetternden Klange, wie er gestern zu hören war, identisch. Das Klan^ ' des Hornes, das den Klas­sikern vorgeschwebt hat, weist bei weitem weichere Aüge auf; sonst wäre die vielfache Mischung der Hörner mit den Holzbläsern nicht so wirksam. Auch die Trompeten und Posaunen müssen sich für kunf- tig> Fälle angesichts der akustischen Veryallnisse im Stadttheater mehr Mäßigung auferlegen, der Kling würde an edlem Gehalt gewinnen, und eine Deut« lidfeit der Thematik wäre auch so ausführbar. Daß die Hörner in den weicheren Farben ihren Mann stehen können, zeigten sie an verschiedenen Stellen, wo sie an dem thematischen Verlauf der Werke Anteil hatten.

Johannes H o b ' ' m, München, geht als Pia­nist ein f h: bedeutsamer Ruf voraus; auch hier gelang es ihm, l.c Hörer für sich yx gewinnen. Er ist keiner von den hämmernden Klavier­titanen, sondern seine Naturveranlagung laßt ihn gern bei den lyrischen Stellen verweilen. Mit feinem nachschöpferischen Empsinden ^rmag er klangliche Feinheiten z i äußerster Sublimierthelt zu steigern infolge seiner überaus differenzieren­den Anschlagstechnik. Zum andern kann er aber auch in der Aufwallung 2mpu.fes feinem Ton Stärke und Fülle verleihen und .arke An» RLosrVaft entfalten. Alle diese Do Auge wußte er mit weiser Beherrschung m ein es Licht SU Wen un» dem Werke ati G-nr-n- fr.enft- bar zu machen. Seine Leistung m.t der Durch, sichcuna des Es-Sur-StonacrteS

sichend angesprechen werden. Bald wird man chn

Hundert Männer spielen Eisenbahn.

Von Georg Biesenthal.

Da ist ein Bahnhof, ein scheinbar ganz gewöhn­licher Bahnhof, mit Fahrkarten- und Gepäck­schalter, Bahnsteigsperre, Auskunft, Güterkasse und allem, was sonst noch dazu gehört; da sind Gleisanlagen mit sämtlichen Signalen, ein hoch­modernes Stellwerk aber von diesem Bahnhof und über diese Gleise ist noch niemand abge­fahren, und die diesen Bahnbetrieb bevölkern sind keine Reisende, sondern Bahnbeamte im Alnter- richt. Erwachsene Münner spielen Eisenbahn oder besser: lernen spielend Eisenbahn-Fahren. Halt, von diesem Bahnhof sind doch schon Leute abgereist abgedampft in die gehobene Be­amtenlaufbahn. Das ist die R e i ch s b a h n - Zentralschule in Kirchmöser bei Branden­burg.

In langjähriger Arbeit hat Reichsbahnrat Dr. Couvs hier eine unvergleichliche Alnter- richtsstätte aufgebaut. Aus einer großen Pulver­fabrik mit einem Feuerwerkslaboratorium, die die Reichsbahn nach dem Kriege übernehmen mu' entstand dasCisenbahnwerk Branden- bur -Jeft mit seinen Ausbesserungswerken, Ver­suche teilungen, Laboratorien, Spezialwerkstätten und der Zentralschule. Das alles ist eine Stadt für sich. Schon die Schule an sich ist ein Kom­plex von mehreren großen Gebäuden: zahlreiche Hörsäle; der schon erwähnte Musterbahnhof und das Stellwerk; ein großer Saal für die Auf­stellung von Lehrmitteln aus den Fachgebieten: Oberbau. Schwachstromtechnik und Sicherungs­wesen Alnterkunftsräume und Kantinen. Etwa Hund Hörer können hier gleichzeitig unter- gebrach: werden. Die Zimmer, ein bis zwei Betten enthaltend und alle mit fliehendem Was­ser und Zentralheizung eingerichtet, machen durch­weg einen gepflegten, ganz unkasernenmähigen Eindruck. Den Kursusteilnehmern wird ihr Ge­halt weitergezahlt, nur für Alnterfunft und Verpflegung etwa sieben Mark wöchenllich ab­gezogen.

Wer kommt zur Ausbildung nach Kirchmöser? Obgleich die Zulassung zu den Deamtenlauf- bahnen zum Teil noch gesperrt ist, ist der Alnter- richtsbetrieb an der Zentralschule trotzdem voll ausgenommen worden. Denn unter den Hörern sind ja auch viele, die nicht mehr Dienstanfänger find. 2n letzter Zeit waren z.D. Bahnsteig- schaffner, Ale^erwachungsbeamte, Tarifoeamte, O-Zugschafsner, Oöersekretäre in Kirchmöser. So­gar Lehrer werden in der Zentralschule unter­richtet: nämlich die Reichsbahn-Wanderlehrer.

Bisher konnten sich Anfänger ihre Fertigkeiten in der Bedienung von Signalanlagen nur un-

zu unseren Allerersten zählen können. B.elleicht hätte ihm die Benutzung etwa eines Dechstein- Flügels angesichts des Werkes und seiner persön­lichen Anschlags, äh'.gkeit in die.em Falle gün­stiger gelegen. Mit seiner aktiven Leistung in der Aufführung gab Univerfitätsmu.itdireltor Dr. Stefan Temesvarh einen serenen Höhepunkt. Wie er sichtlich mit Erfolg bemüht war, immer wieder arz '.feuern,, mitzureißen, au zumuntern, wie er immer wieder ausglich, schattierte, zum Nachgeben zwang, ist nur einem so souveränen Teherrscher oes Taktstockes wie ihm möglich. Mit feiner Differenz erung in Stil- unj- Klangschattie- nmg hob er die Eigenheiten der Mezartschen Symphonie und der Beethovenschen Werie von­einander ab. Bei Mozart die ideale Durchfichtig- keit und Feingeistigkeit, die er schon rein äußer­lich durch das Zahlvertzaltnis in der Begehung der eil zllnen Orchesterst.mmen wahrte. DieseTat- sache verdient besondere Hervorhebung, weil gerade viele unserer Dirigenten an diesem wich­tigen Faktor vorübergehen. Alnb schon m.t dem ersten Akkord des ws-Dur-Konzertes halte er die ganz andere Klangsphäre Beethovens mit sicherem Griss eingefangen. Mit der Durchfüh­rung des Orchesterparles des Konzertes bewies er sich angesichts des symphonischen Stiles des Werkes wie schon so oft als ein hervorragender Begleiter. A s meisterlicher Führer erschloß er Beethovens Fünfte mit ihrem weitgespannten architektonischen Bogen b:s tn jede Einzelheit hinein ganz aus sich herausgehend; stürmend im ersten Satze, mit lyrischem Nachgeben und Auf­wallen im Andante, mit triumphalem BeYerr- schen im Finale. - Begeisterung durchflutete das Haus. Ein verheißungsvoller Beginn sur den kommenden Konzertwinter! Ur- n-

Erdteils entschieden.

Drockdorff-Rantzau war als deutscher Mensch eine der merkwürdigsten, tragischsten und be­deutendsten Erscheinungen der jüngsten Vergan­genheit. Auch er hat weder im -----------rml-

noch an irgendeiner anderen ------

macht. Er hat es ebensowenig wie Bismarck getan. Er hat in wenigen Schriften und in münd­licher Tradition aber ein Erbe hinterlassen, das zu beachten und hochzuhalten eine Lebensfrage für Deutschland ist. Deutsche Außenpolitik der Zukunft kann nicht von egozentrischen Menschen wie Rathenau, auch wenn sie noch so begabt und lauter fein mögen, gemacht werden. Sie kann nicht ausschließlich als Gelegenheitspolitik und als Politik des persönlichen Geschmacks und der persönlichen Neigung, auch wenn sie mit der genialischen Gewandtheit eines Stresemanns durchgeführt wird, ausschließlich in einer Rich­tung geleitet werden. Soll deutsche Außenpolitik in der nächsten Zukunft Erfolg haben, dann muh ein künftiger deutscher Außenminister mit den drei goldenen Bällen der Ost-, TDest- und Südostpolitik gleichzeitig spielen können. Bei einem derartigen Lavieren läßt fid) für Deutschland viel verloren gegangenes Gelände wiedergewinnen. Drockdorf-Ranhau, wenn er noch lebte, wäre der Mann, dieses Spiel zu spielen. Möge ihm ein Nachfolger in der Wil- helmstrahe erwachsen.

Schicksalsgememschafi der europäischen Landwirtschaft.

Don Hermann Dietrich, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft.

Der schon vor dem Kriege losbrechende Sturm gegen die Wilhelmstraße, der sich während und nach dem Kriege im deutschen Volke bis zur Verachtung steigerte, war, soweit er die ein­zelnen leitenden Beamten traf, im ganzen falsch dirigiert. Schuld an den unerhörten Fehlschlägen der deutschen Politik trug neben dem schon erwähnten Mangel an politischer Tradition, dem Fehlen einer Dismarckschule, der Mangel an Einfühlungsgabe der ganzen Nation in die ihm neue weltpolitische Rolle. Führende englische Politiker haben lange vor dem Kriege ein besseres Bild von der außenpolitischen Lage Deutschlands gehabt als die meisten be­amteten deutschen Politiker. Die Geschichte von den noch 1912 mit Oellampen beleuchteten Amts­stuben in der Wilhelmstraße wurde nicht nur als Kuriosität hier aufgefrischt, sondern deswegen, weil noch bis nach dem Kriege in vielen der besten Menschen des Auswärtigen Amtes trotz alles kavaliermäßigen Schliffs der Geist einer gewissen kleindeutschen Auffassung lebendig war, der gleichzeitig alle Vorzüge deutscher Originali­tät aufwies. Es gab den Geist Spihwegs, Jean Pauls, selbst Goethesche Gelassenheit, es gab Kleinstadtmachiavellis wie den berühmten Hol­stein. Es gab feinnervige und grobschlächtige Junker. Es gab Causeure und Lebemänner, es gab ein paar Liebhaber historischer Politik, aber <es gab keine Fanatiker des politischen Hand­werks und keine Virtuosen der weltpolitischen schwarzen Magie. Das diplomatische Korps Deutschlands bestand in seinem besten Teil aus originellen Herren mit Neigungen aller Art, die das diplomatische Handwerk gelernt und es als nur infolge seiner gesellschaftlichen Vorzüge geschätzten Beruf ausübten.

Seit das Deutsche Reich eine Republik ist, also seit der kurzen Zeit von etwas über zehn Jahren, ist die Außenpolitik vor der sogenannten Innenpolitik, dem wenig erhebenden Kampf um die Futternäpfe, in den Hintergrund getreten. Das Auswärtige Amt spielt als Behörde im Dolksbewuhtsein nur noch eine recht geringe Rolle. Im Volke verkörpert sich gegenwärtig die Außenpolitik in der Persönlichkeit de s jeweiligen Außenministers. Der Außenminister und das Auswärtige Amt haben zwar technisch heute genau den gleichen innigen Zusammenhang wie in der Zeit, da der Außen­minister Staatssekretär des Auswärtigen genannt wurde. Im Bewußtsein der Nation aber ist der Glanz um den Namen des Außenministers aus­schließlich von seiner Stellung im parlamentarisch bestimmten Kreis des Kabinetts abhängig. Das Auswärtige Amt hat keinen Teil daran. Theo­retisch könnte man sich durchaus einen Reichs­kanzler oder Innenminister vorstellen, der mehr als der Außenminister für die praktische Außen­politik bedeutet.

Bisher ist dies nicht der Fall gewesen, weil die Republik in zehn Jahren drei so interessante Persönlichkeiten als Außenminister besessen hat, wie Brockdorff-Ranhau, Rathenau und Stresemann. Man mag über die Politik dieser drei noch so sehr verschiedener Meinung sein, darüber, dah die Republik drei ihrer inter­essantesten Männer zu Außenministern ernannt hat, kann kein Zweifel herrschen. Alle drei waren sowohl in ihrem innersten Wesen wie in ihrem äußeren Auftreten für irgendeine Seite des deutschen Wesens oder, wenn man will, das gilt besonders mit Rücksicht auf Rathenau, für irgendeine Seite deutscher Kultur kennzeichnend. Es war selbstverständlich, daß alle drei Außen­minister, die ja besonders durch ihre Feinnervig, feit aus dem Rahmen der Durchschnittsmenschen sielen, sich mit heißem Bemühen darum gequält haben, in irgendeiner Form das Dismarcksche Erbe, das feit feinem Abgang durchaus verwaist war, anzutreten. Alle drei Männer brachten

Drei deutsche Außenminister.

Don Syntheticus.

Vor etwa vierzig Jahren gingen selbst die auch damals schon recht schnoddrigen Berliner vor dem niedrigen Haus in der Wilhelmstraße, in dem sich d a s Auswärtige A in t des noch jungen Deut- fchen Reiches befand, auf, der Ausdruck möge ge­stattet fern, geistigen Zehenspitzen vorbei. Alte ein- geweihte Berliner zeigten mit einer gewissen Ehr­furcht auf einen alten Schimmel vor einem alten hhumrz lackierten Coups, das sommers und winters vor der Tur hielt, und die alten Berliner sagten: Dieser Wagen müsse immer da sein, wenn es einmal ein kaiserlicherKurier" eilig habe." Da der Wagen immer vor der Tür stand, hatte es zu Bis­marcks Zeiten wahrscheinlich ein kaiserlicherKurier" niemals eilig. ^Es ist anzunehmen, daß diese Ge­schichte mit dem alten schwarzen Coups sich irgend­wie anders verhält, sicher aber ist, daß der Verkehr in der Berliner Wilhelmstraße schneller anwuchs als die Eile imAuswärtigen Amt". Der von Bis­marck um die Wilhelmstraße gewobene Nimbus hielt sich nur etwas über ein Jahrzehnt nach seinem Tode. Die Autos und die neue Zeit durchlärmten längst die Wilhelmstraße, als noch im Innern des Gebäudes, in dem die Weltpolitik eines Industrie- volles von saft siebzig Millionen gemacht wurde, Oellampen in allen Zimmern brannten und fleißige Kanzlisten gleichzeitig mit den diplomatischen Noten kalligraphische Meisterstücke ablieferten. Eine noch dazu geheimgehaltene Fernsprechnummer verband selbst zur Zeit der Marokkokrisis die politische Zen­trale Deutschlands mit der Presse Berlins und der Welt. Allmählich waren diese Zustande in die Oesfentlichkeit dürchgesickert, die zum Kriege führen» den Zuspitzungen begannen sich überall deutlich zu zeigen, und aus den besorgten Kreisen der Wirt­schaft und namentlich auch von Deutschen, die draußen Gelegenheit hatten, die Unzulänglichkeit der Berliner poliiischen Zentrale am eigenen Leibe zu verspüren, wurde Alarm geschlagen.

Der Nimbus der Wilhelmstraße, der aus­schließlich ein Nimbus um Bismarck ge­wesen war, verschwand wie mit einem Ruck. Bis­marcks Politik war in Preußen-Deutschland im Gegensatz zu der Politik der leitenden Minister bei allen anderen Weltvölkern durchaus eine auf die Person Bismarcks zugeschnittene Selbstschöpfung. Die preußisch-deutsche Polifik unter Bismarck war etwas völlig neu Geschaffenes, das an keinerlei Früheres anknüpste. Und im Grunde, wenn man von ein paar mehr lyrischen als praktisch möglichen Ideologien absieht, auch an nichts anderes anknüpfen konnte als an die Inspiration des großen Mannes. Diese Inspiration erkannte, daß bei der deutschen geo­politischen Lage kein besserer Ausweg zu finden war als eine Politik des im G l e i ch g e w i ch t h a l - tens Europas und damit Deutschlands durch eine nach Bedarf sich richtende Verschiebung des deutschen Schwerpunktes von Westen nach Osten. Bismarck war zwar nach persönlichem Geschmack mehr für eine Ostorientierung, üie auch i>en Erfordernis,en der deutschen Politik während des größten Teiles seiner Lebenszeit entsprach. Er hat sich trotzdem niemals einseitig auf den Osten oder Westen festgelegt. Der Erfolg seiner Politik entsprang aus der Meisterschaft seines Lavierenkonnens.

Hatte nun auch in der Wilhelmstraße die Politik Bismarcks keinen Nachfolger gefunden so war doch die Tradition seiner durch und durch persönlichen Haltung, die Originalität seines Wesens sonderbarerweise zum Genius loci geworden. So langweilig wie in der Regel der äußere Aspekt deutscher Amtsstuben und ihrer Jill assen ist, so von wirllichen Originalen wim­melnd war seit Bismarck das allmählich vom Auswärtigen Amt zum A A degradierte Haus in der Wilhelmstraße.

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