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Mittwoch, 2. Oktober 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

Nr. 251 Zweites Blatt

1 Beweis!

I a. Ah., den 27.9.29.

Zehn Jahre Technische Aothilse

Xerenmgw'Xt getuns w°hlmeine^ Seite in der populäre Darstel.

ist in

Gießener Etadttheater.

verständlich machen kann.

Heute

K. Wehrheim Gießen übrchaßr 17 gelieferten 6pningjeter« eilige Roßhaamckaftn, Eofo haben sich bis Heck ßige und hübsche Arbeit anlaßt fühle, Ihnen an« irbigteit meine besondere i. Sämtliche Stücke sind üe habe ich auf meinen ten, wie die von Ihnen

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oft schwierigen Einsätze durchzuführen. Die stete Vervollkommnung des inneren Aufbaues war deshalb gegenüber den Einsätzen eine nicht min­der wichtige Arbeit der zurückliegenden zehn Jahre, ja, sie war die unerläßliche Vorbedin­gung für das praktische Wirken. Mm den hohen Stand der Leistungsfähigkeit zu erhalten, ist die Unterstützung des Staates notwendig, damit die Technische Rothilfe nach wie vor be­reitstehen kann, um der Allgemeinheit zu dienen.

Am 30. September blickte die Technische Rot- hilfe auf ihr Ivjähriges Bestehen zurück. 3n enger Verbundenheit mit dem Werden des neuen Staates und dem Wiederaufbau des deutschen Wirtschafts- und Volkslebens hat die Tech­nische Rothilfe in diesem Zeitabschnitt sich für das Wohl der Allgemeinheit durch die Tat eingesetzt. Der in der T.R. dem Staate zur Verfügung stehendetechnische Aeferveapparat"

Dieser theatralischen Krönung entsprechen die dich­terischen Kontrapunkte des Schauspiels: die überaus feine Liebesszene mit der Vereinigung des Paares während eines Gewitters, eine Szene, in der alle menschliche Zartheit, alle Wärme des Gefühls, auch ein blühender Reichtum der Sprache sich entfaltet; und jener kurze, doppelstimmig gesprochene Epi­log, der das irdene Spielzeug zum Sinnbild er­hebt und dem Schauspiel tiefere Deutung gibt.

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Tannerts Inszenierung muß sehr gelobt wer­den; sie vereinigte in sich alle Voraussetzungen zu einem glücklichen Beginn der neuen Spielzeit.

Die Aufführung verriet fleißige Probenarbeit, sie war beschwingt, lebendig und von eindringlicher Wir­kung. Sie traf den Stil, der hier zu fordern ist, und wußte oft mit glücklicher instrumentaler Untermalung und Ueberbrückung der wechselnden Szenen die gegensätzlich gestimmten Motive zur Einheit zu fügen. Eine ausgewogene Regie, die gleichermaßen dem Dichterischen wie dem Theatra­lischen im Schauspiel gerecht wurde.

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Besondere Anerkennung verdienen die tüch­tigen Helfer des Spielführers: Löffler (Büh­nenbild), Keim (Beleuchtung) und Huber (Kostüme). Die Dekoration wurde ganz neu ge­schaffen und ist entzückend geworden: märchen­haft, stimmungsvoll und farbig, ohne bunt zu ^(Das hat natürlich viel Geld gekostet. Be­sonders die Kostüme; da sie aber nicht geliehen, sondern angeschafft wurden, stellen sie eine blei­bende Bereicherung des Fundus dar, der bis vor kurzem verwahrlost war. Die Theaterleitung ist energisch um seine Reorganisation und Ver­vollständigung bemüht; man möge bedenken, welche Mittel dazu gehören, und den wirtschaft­lichen Anforderungen unserer leistungsfähigen Bühne tatbereites Verständnis entgegenbringen!)

*

Trude Heß spielt die Vasantasenamit gemalten Wangen, ein verlornes, schönes Mnd. Sie findet hier eine Aufgabe, die ihrem Emp­findungskreis und ihrem Spielvermögen außer­ordentlich entspricht; und so wird es eine ganz märchenhafte und sehr rührende Gestalt, deren menschliches Herz uns so warm entgegenschlägt, daß man jenestiefe Verderben" völlig vergißt.

An ihrer Seite, von ihr getrennt, von ihr erlöst und zum guten Gude mit ihr vereint, steht Arzdorf, als Tscharudatta, männlich und kräftig, voll eines guten und echten Gefühls, das sich zumal in den schlichten Worten Des Epilogs zu klangschönem Ausdruck versammelt.

lung nicht selten Vorkommen, und die von Oberst Schwertfeger eingehend und dankenswert an klassischen Beispielen belegt wurden, möglichst aus der Volksmeinung verschwinden. Sehr interessant mutete die Forderung an, auch Bücher wie die von Emil Ludwig, Remarque und Renn in der Schule eingehend zu besprechen, um ihre Schwä­chen und Vorzüge herauszustellen und so zugleich ein Gefühl für die starke Verantwortung zu er­wecken, die jeder trägt, der heute über den Welt­krieg und seine Probleme spricht.

Unbedingt den Höhepunkt der Tagung bildete ein Vortrag von Professor Raumann, Frank­furt, über die Götter Germanien, der inner­halb der altgermanischen Religion zwei Schichten unterschied, eine bäuerliche und eine heroische, die im wesentlichen der Dölkerwanderungszeit angehört. 3n wunderbar eindrucksvollen Wor­ten, die merkwürdig aktuell wirkten, malte er die Untergangsstimmung, die die letztere nach ihm durchweht, einen kraftvollen Pessimismus, der auch dann kämpft, wenn er weih, daß der Sieg nicht zu gewinnen ist, und den Untergang und nicht den Erfolg als die Zeit der letzten und höchsten Bewährung alles Menschlichen ansieht.

Eine Grundlegung für die zukünftige Arbeit der Philosophischen Fakultäten Deutschlands suchte Professor Litt, Leipzig, zu gebem indem er eingehend die gesteigerten inneren und äußeren Anforderungen behandelte, die heute durch die zunehmende Differenzierung der Wissenschaft, durch die starke Zunahme der Berufe, auf tue die Universität vorbereiten soll, durch das Wachsen der Studentenzahl und durch das Verlangen der Jugend nach Führung und Menschenbildung über die Möglichkeiten von Forschung und Lehre hinaus erwachsen, wozu noch kommt, daß sich die WirkungsmöglichkKten der Universität vor allem durch die verschiedenartige Vorbildung der Stu­denten und das mit dem Ansteigen der Zahl der Studierenden unvermeidliche Sinken des Durchschnittsniveaus verschlechtert haben. Als Abhilfemaßnahmen fordert Litt radikales Bei­seiteschieben aller unerfüllbaren Forderungen, Ueberbrückung des Abstandes zur Schule durch Lektorate und vorbereitende Uebungen. Konzen­tration des Stoffes da, wo es möglich ist, Mecha­nisierung der Universität nur für die ihrer Ratur nach auf mechanische Arbeit Eingestellten, da­neben für eigene Köpfe die Möglichkeit, wäh­rend des Studiums weitgehend selbständige Wege zu gehen, rücksichtslose Auslesetätigkeit bei Dok­tor- und Staatsexamen, um auf diese Art den Menschen mit Qualitäten wieder Raum zu schaffen, die im heutigen Maschinenzeitalter stark im Aufstieg gehemmt werden, sobald sie aus dem Schema fallen. Ueber die Einzelheiten der Vorschläge von Litt wird wohl noch manche Diskussion nötig fein.

Don der Fülle der Vorträge in den einzelnen Fachabteilungen erwähne ich hier nur die sehr

auf gerufen und zur Beseitigung von öffentlichen Rotständen mit Erfolg eingesetzt worden. Zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Betriebe waren in diesen zehn Jahren 90 927 Rothelfer mit einer Leistung von 5,8 Millionen Arbeitsstunden, im Katastrophenhilfs- dienst 15 350 Rothelfer mit einer Leistung von 247 900 Arbeitsstunden eingesetzt. Ohne tech­nische Vorbereitungen und ohne eine dauernde innere Organisations-Aufbauarbeit wäre es nicht möglich gewesen, die umfangreichen und technisch

klärenden Ausführungen von Professor He r z o g, Gießen, über Theokrits Erntefest, der unter dem MottoWer den Dichter will verstehen, muh m Dichters Lande gehen" aus über 30jähriger Be­schäftigung mit der Insel Kos zahlreiche s^it^ge Einzelheiten in dem Gedicht des griechischen Poeten aus den Besonderheiten dieser Insel, aus der das' fragliche Gedicht spielt, erklären konnte, ferner aus der pädagogischen Abteilung, den sorgfältig durchdachten Vortrag von Ober- tudiendirektor Roller, Gießen, über die Theorie des Stundenplanes unter besonderer Be­rücksichtigung der höheren Schulen.

Der nächste Philologentag. der in zwei Jahren in Trier stattfindet, soll von der Universität Bonn vorbereitet werden.

Sehr lehrreich war dann, was Oberst Schwertfeger, Hannover, über die Behand­lung des Weltkrieges und feiner Vorgeschichte in der Schule bot. Er betonte hier die nationale Ausgabe der Schule auf diesem geistigen und politischen Kampfgebiet nach innen und außen, die objektiven, durch die Forschung vermittelten Tatsacken, soweit sie den Meinungskampf des Tages'betreffen, möglichst vollständig den Schü­lern zu übermitteln, damit sachliche Fehler, wie sie etwa in der Frage der Kriegsschuld, der Frage des belgischen Problems, der Marneschlacht oder des Zusammenbruchs von 1918 auch von

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3n kleineren Aufgaben: Haeser, Hub, We­se n e r, Dommisch; es ist nicht möglich, auf die umfängliche Besetzung näher einzugehen

Es war ein starker Erfolg; mit den Spielern muhte auch der Regisseur zuletzt erscheinen. Das Haus war leider nicht ausverkauft, was man zur Eröffnung der Spielzeit doch hätte erwarten dürfen. DrTh-

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 2. Oktober 1929.

Oie Laterne am Gerüst.

Am Abend. Ich sitze am Schreibtisch. Draußen brennen die elektrischen Bogenlampen und er­hellen den Platz und die Straße vor dem Hause. Da fällt mein Blick durch das Fenster auf einen schwachen Lichtschimmer. Ich sehe genauer him Ach richtig! Die Laterne. (Ich muß nämlich noch sagen, daß am Hause Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden, wozu ein Weißbinder­gerüst ausgestellt ist.) Also die Laterne, eine gewöhnliche Laterne aus der großen Familie der Stall-Laternen. Uni) am Gerüst hängt sie in der Höhe des ersten Stockes still und friedlich und versucht mit ihrem kargen Pctroleumschein die Konkurrenz von der Elektrizität zu be- bekämpfen. Was soll sie wohl da? Ich iwer- lege.--Soll sie Fußgänger auf das G e -

rüst aufmerksam machen? Dann darf sie doch nicht so hoch da droben hängen! Soll sie Automobilen eine Warnung sein? Die haben doch ihre Scheinwerfer, gegen die v« ein Richts ist! Soll fie etwa ich wage es nicht auszudenken mir heimleuchten?

Ich muß es ergründen. Also Fenster auf, und ich rufe ihr zu:Du armselige Leuchte aus Mrgroßväterzeiten, scher' dich fort, du störst mich mit deiner Richtigkeit! Was willst du eigentlich hier? Du bist doch überflüssig!"

Da o Wunder baumelt sie lustig hin uns her und sagt:Ich bin zwar überflüssig, aber unabkömmlich!" r.D.

Neuerungen im Lokal- und Fernverkehr.

Für den Winterfahrplan, der diesmal in der Rächt vom 5. zum 6. Oktober beginnt, sind um­fassende und eingreifende Veränderungen der Fahrzeiten im Rah- und Fernverkehr zu er­warten. abgesehen von den Verschiebungen, welche der Ablauf der eigentlichen Reisesaison mit sich bringt.

Wie aus Len amtlichen Entwürfen und Den nachträglich eingegangenen überaus zahlreichen Ergänzungsblättern hervorgeht, wird der Zug­dienst diesmal weniger eingeschränkt als früher; viele der Züge, die zunächst für den Sommer be­stimmt waren, sollen bestehen bleiben, zum Teil jedoch in veränderter Lage. Außerdem werden für die Wintersportsaison mannigfaltige Schnell- und Cilzugsverbindungen eingelegt. Besonders umfangreich sind natürlich die Abweichungen, die sich für den lokaleren Fahrdienst (Rahverbindun- gen und Provinz-Fernverkehr) nötig gemacht haben. t

Alle diese Reuerungen und Veränderungen im Zugdienst, im Flugplan, im Bäder- und Binnen­schiffahrtsverkehr werden in der bekannt zuver­lässigen Weise in den Winterausgaben der

Macdonalds Amerikafahrt.

Don unserem k..-KorresponDenten.

London, Oktober 1929.

Herr Macdonald, der jetzt die Reise über den großen Teich angetreten hat, wird Drüben in den Vereinigten Staaten einen Empfang haben, wie noch fein Europäer. Wenn nicht alle Merkmale täuschen, wird dieser ganze Besuch im Zeichen der großen englisch-amerikanischen Verständigung, zu deutsch, der Vorbereitung der angel­sächsischen Weltherrschaft stehen. Dar- auf will der englische Ministerpräsident selbst auch zweifellos hinaus. Das Thema der Verstän­digung über die Flo 11 e n k o n f e r e n z ist für ihn nur der Anlaß, um die Beziehungen zwischen England und den Vereinigten Staaten auf eine ganz andere Grundlage zu stellen; der nächste Schritt, der eigentlich nach dem Auftreten Snowdens im Haag und der Haltung Englands während der letzten Völkerbundstagung in Genf kommen mußte. Meberraschend dabei ist nur, daß auch in diesem Falle Die weit übettoiegenDe , Mehrheit des englischen Volkes hinter ihm steht, während die Konservativen trübsinnige Betrach­tungen darüber anstellen, daß Chamberlains Rachlaufen hinter Frankreich ihnen viel von der öffentlichen Sympathie gekostet hat; die Politik der verpaßten Gelegenheiten, zu Der Chamberlain Die Konservativen verführte, rächt sich eben auch hier. , m

Daß dabei Macdonalds Fahrt unter dem Ge- sichtswinkel der englischen Geschichte gesehen e i n K ano ssagang ist, das will merkwürdiger­weise niemand wahr haben. Ein Beweis, wie stark der Absturz ist, der sich in Der englischen Weltgeltung auch vor dem eigenen Hochmut Der Engländer innerhalb Der letzten zwei Jahre voll­zogen hat. Riemand Denkt mehr Daran, daß Der englisch-deutsche Gegensatz ursprüng­lich nicht aus der Sorge um die > deutsche Kon­kurrenz, sondern aus Der Angst vor Der deutschen Flotte geboren wurde. Damals verlangten die Engländer als Selbstverständlich­keit denZ w e i m äch t e-S't anda rd", die Voraussetzung also, daß ihre Flotte so stark sein müßte, wie die Flotten Der beiden stärksten See­mächte zusammen. Mnd heute? Heute ist es eben­so selbstverständlich, daß die amerikanische Flotte so groß sein wird wie die englische. Ihre Ad­miralität kämpft eigentlich nur noch dagegen, daß sie sich von Den Amerikanern nicht über­flügeln lassen will und wenigstens noch Kreuzer bauen darf, um die empfindlichen Seeanfahrt- ft raß en Englands zu decken. Wer Sinn für ge­schichtliche Ironien hat, könnte daraus Die Frage ableiten, ob nun Der Preis, um den die Eng­länder 1914 in Den Krieg traten, sich gelohnt hatte. Aber die Engländer selbst sind ein prak­tisches Doll, sie haben ihre Vorherrschaft zur See abgeschrieben und sind jetzt schon zufrieden, wenn sie sich mit Den Amerikanern Darin teilen können. Wobei sie nicht einmal entscheidendes Gewicht Darauf legen können, in diesem Konzern Der erste zu sein.

Verlobung erwiesenen lr herzlichst

denn wir befinden uns doch in einem Märchen, und ein Märchen muß glücklich enden.

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Oie Salzburger Philologentagung

Von Or. Fritz Heichelheim, Privatdozent an der Universität Gießen.

Das Stück ist undramatisch und so völlig naiv, wie Märchen eben sind. Alles wird erzählt, um­ständlich oft, lyrisch sogar, mit mancher Aus­schmückung, Unterbrechung, Verbrämung und Bei­gabe.

Aber gleichwohl dies ist das Merkwürdigste erscheint das Ganze von einer sprühenden und springlebendigen Bühnenwirksamkeit. Die große Ge­richtsszene zum Beispiel, in der Tscharudatta, der Geliebte, vom bösen Prinzen Samsthanaka des Mordes an Dafantasena fälschlich bezichtigt wird, entwickelt eine verblüffende Spannung, die sich fast körperlich mitteilt im Rhythmus der dröhnenden Paukenschläge, welche den Urteilsspruch akzentuie- ren...

Ein überraschender Eindruck, wenn man sich be­wußt bleibt, mit wie primitiven Mitteln hier ge­staltet wird und obwohl man ja weiß, daß Va- santasena gar nicht tot ist, sogleich auf der Szene erscheinen und alles zum Guten wenden wird, ...

In Der wundervollen und mit alter Tradition geladenen österreichischen Grenzstadt Salzburg, die durch Kultur und Geschichte eine Drücke zwischen Deutschland und Oesterreich bildet, fand in der Zeit vom 25. bis 28. September Die 57. Versammlung deutscher Philologen und Schul­männer statt. Cs handelte sich hier um eine der ganz großen Tagungen, die deutsche Forscher und Schulmänner zu ernster wissenschaftlicher Dis­kussion zusammenführen, und die schon mehr als einmal Ereignisse im deutschen Geistesleben ge­wesen sind. Im Mittelpunkt Der Tagung standen diesmal Die Probleme Der Pädagogik und der philosophischen Fakultät in ihrer Beziehung zum Leben, also sehr aftuclle Fragen.

Mnter den großen Vorträgen machte nach altem Brauch ein klassischer Philologe den An­fang, von Arnim, der versuchte, in ständiger Quellenuntersuchung das ethische Ideal der aristotelischen und nacharistotelischen Zeit den Hörern klarzulegen, das in so manchen Punkten von der modernen Auffassung abweicht. Diese kam dann in einem vor allem rhetorisch sehr geschickt aufgebauten Vortrag von He11pach zur Geltung über Raturgewalt und Amtsgewalt im Erziehungswesen, in dem in sehr einleuchtender Weise Der Erziehungstrieb als Raturgewalt, Die an und für sich weder gut noch böse ist, dem ethisch bestimmten, aber starren Erziehungswillen gegenübergestellt wurde. Es berührte sehr sym­pathisch. daß Hellpach den ethischen Willen und Die ethische Fähigkeit als alleinigeMomente her­ausstellte, auf denen ein Recht zur Erziehung auf- gebaut werden kann. Dor allem für die Frage, wie weit Familienerziehung in zersetzten Groß­stadtschichten anzuerkennen ist, wurde eine klare Ausgangsbasis geschaffen. Starken Eindruck machte ein Vortrag von Professor Messer, Gießen, der sich in sehr klaren, logischen und auch dem nicht philosophisch Geschulten unbe­dingt verständlichen Ausführungen gegen die im Augenblick sehr aktuellen Versuche wandte, die Pädagogik als eigene Wissenschaft von der Wert­philosophie zu trennen, die ihr bisher die Wege wies, und sie aus biologischen Tatsachen ohne ausreichende philosophische Begründung mit einer neuen Zielsetzung auszustatten.

Gießener Ferienkurse.

Gestern nachmittag sprach im Botanischen Hör­saal der Historiker der Landesuniversitat, Prof. Dr. R o l o f f, über das ThemaDeutsche Historiker und Staatsmänner als Bildner und Hüter der deutschen Sprache".

Anknüpfend an die beweglichen Klagen Lew- nizens über Den Verfall der deutschen Sprache schilderte Der CßortragenDe Den allmählichen Auf­stieg aus den Riederungen der sprachlichen Kul­tur im 17. und 18. Jahrhundert. Die Darstel­lung wurde zunächst mit typischen Beispielen aus der Stilistik Friedrichs des Großen und Maria Theresias belegt; nachdrücklich hervor­gehoben wurden Dann Die Bemühungen des Histo­rikers Justus Möser, der sich nicht gescheut hat, Friedrichs II. fatales Mrteil über die deutsche Sprache und Literatur seiner Zeit einer Kritik zu unterziehen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang, wie der Vortragende betonte, weiterhin die Bestrebungen des preußischen Mi­nisters Grafen Herhberg; erwähnenswert auch eine politische Denkschrift der Königin Luise aus dem Jahre 1810. Zu einer a ufschlußreichen Gegen­überstellung wurden Stilproben Steins und Har­denbergs herangezogen; als ein bedeutendes Sprachdenkmal kann der Briefwechsel W. von Humboldts mit seiner Gattin gelten. Der zweite Teil der Vorlesung war der im 19. Jahrhundert fortschreitenden Entwicklung der Sprachkultur ge­widmet; besprochen wurde in diesem Zusammen­hang Sprache und Stil der führenden deutschen Offiziere Scharnhorst, ©neifenau, Vorck, Doyeru Clausewitz, sowie der politischen Publizistik (Görres, Gentz) und der deutschen und öster­reichischen Kriegsmanifeste aus Den Jahren 1806, 1809 und 1813.

Vasantasena."

Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz...

Goethe.

Mrcchakatika, das ist: das irdene Wägelchen so nennt sich ein altindisches Schauspiel in zehn Akten, welches dem Sudraka zugeschrieben wird. Der Prolog erwähnt ihn Büßer und Soldat, König und Dichter als schon Gestorbenen.

Eine andere Version bezeichnet den Romanschrei- ber D a n d i n , Sudrakas Schützling, als den wah­ren Verfasser; wie der Dichter so ist auch die Ent­stehungszeit des Stückes ungewiß. Man darf es wohl ins 6. nachchristliche Jahrhundert datieren ... gleichviel: Name ist Schall und Rauch, und Die Zeit wird wesenlos, wo das Wort blühend und die Ge­stalt lebendig blieb über Jahrhunderte hinweg.

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Das irdene Wägelchen ist ein Spielzeug, das Ro- hasena, Tscharudattas kleinem Sohn, gehört. Tscha­rudatta, ein armgewordener Kaufherr und Brah- mane, wird von der reichen und schönen Bajadere Vasantasena geliebt; sie wirft, vor des Geliebten Hause, dem Kleinen ihren Schmuck ins irdene Wägel­chen, damit er, nach seinem Wunsch, ein goldenes Dafür haben kann.

Dies winzige Spielwerk, also zum Gefäß spenden­der Zärtlichkeit geworden, heben zuletzt die Lieben­den vereint empor als ein Sinnbild zugleich der ganzen Dichtung, die auch nur ein Spiel ist, ein Märchen, aber geboren aus Leben, beschattet von ihm und bewürbet, wie das kindliche Fuhrwerk vom Schmuck; so erhielt das Drama den alten und krau­sen Namen. *

Die deutschen Bearbeiter auch Feuchtwan - fler wählten, auf das zierliche Symbol verzich­tend greifbarer und aufs Herzstück der Dichtung hinweisend, den Namen des Mädchens, um das in Der Tat alle Begebenheiten sich sammeln.

Nicht ohne Grund: denn die Liebesgeschichte der jungen Vasantasena macht den eigentlichen Inhalt des Schauspiels aus in allen Fassungen, auch Der vorliegenden. Die man einem gegenwärtigen Autor oerDantt. Lion Feuchtwanger hat die Ze. nahe unD Die Volkstümlichkeit Der alten Dichtung gespurt, ihre blühende und ganz einfache Poesie und ihre gro­ßen theatralischen Möglichkeiten.

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Der geschichtliche und höchst politische Hinter­grund, vor Dem Die Liebesgeschichte sich begibt, ist eine Palastrevolution: Die Entthronung eines sagen- haften und sehr fernen Königs Palaka durch einen jungen Hirten.

Dies ist uns gleichgültig und gar nicht wichtig; wir vergessen den Namen des entthronten Herrschers schon

und

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jd die Eigenschaften Des guten Ofens

So fügt sich das National-Indische, das fern Ge­schichtliche ins Uebernationale und Allgemeinmensch­liche ein, das die Dichtung bewegt und über Jahr­hundert hinweg aus fernstem und fremdestem Kul­turkreis in unsere Gegenwart gerettet hat, die doch sehr anderen Dingen zugetan ist.

Im Märchen findet sich wie nirgends in der Dich­tung das Widerstrebendste zueinander: Glück und Trauer, Liebe und Tod, Mord und Kinderspiel, Verleumdung und Güte, Aufruhr und Rüpelscherz, Armut und Reichtum, Wahnsinn und Zärtlichkeit wohnen in diesem Schauspiel dicht beieinander und mischen sich zu einer Einheit, die eben nur in dieser zeitlosen Form erträglich und möglich ist.

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Deshalb gehört die Verschwörung so gut in die Liebesgeschichte (die immer freilich gleichsam im Vor­dergründe der Szene spielt) wie eines braunen Mannes lärmend-lebendige Schilderung vom wild­gewordenen Elefanten, der ausbrach und trompe­tend durch die Straßen stampfte...

Oder wie die Episode vom Spieler, der seine Schuld nicht bezahlen konnte, seinen Partnern ent­läuft und, von den Verfolgern hart bedrängt, auf einen Sockel springt und dort erstarrt, als sei er ein Götterbild. Die andern finden ihn nicht in der Dämmerung und spielen weiter vor demGötter­bild", bis das, von neuer Spielwut erfaßt, heraus­platzt, herunterhüpst und Prügel bekommt.

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während des Spiels, und Palaka ist uns nur noch *** irgendein namenloser Gekrönter, ein Märchenkönig

1 aus Tausendundeiner Nacht oder aus Samarkand ... Namen vergehen, aber die Sprache des Märchens ist zeitlos und wird von allen Völkern vernommen, weil es Die Sprache Des Herzens ist. Das sich überall

irrten. Als Derblustige Kontrastfiguren sinD vor allem Linkmann, Volck und Ritter in ausge­arbeiteten Chargen zu erwähnen.

Hais gab Den ernstgemeinten fürstlichen Ge­genspieler als eine Kreuzung von boshaftem Faun unD entartetem Dynasten; er schien uns dabei in Der schauspielerischen Verdeutlichung zu weit zu gehen; auch seine dialektischen Fähig­keiten kommen im Gesellschaftsstück, Das sein eigentliches FelD ist, erheblich besser zur Geltung.

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