Nr. l Zweites Matt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fist Gderheffens Mittwoch, 2. Januar 1929
0er Gkandal der „Gazette du Franc".
Don unserem L- dl.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Paris, Ende Dezember 1928.
Zwei Gesichtspunkte gibt es in diesem famosen Skandal der „Gazette du Franc", der jetzt ganze Spalten in der Pariser Presse ausfüllt: Einerseits offenbart er eine Gaunerei von gigan- tischen Ausmaßen, die, von ihrem Umfang abgesehen, im Grunde genommen eben doch nichts anderes ist. als eine Gaunerei. Andererseits aber ist der Skandal hochpolitisch und wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf Frankreichs Politik und Presse. Äes allein ist für uns von Interesse.
Daß zwei Leute ohne Recht und Gesetz mit Hilfe von ein paar anderen Filous 30 Millionen Mark zusammenschrappen konnten, das ist höchst gleichgültig für uns, deren Pfennige nicht mit dabm waren: es wird immer naive Menschen geben, die an finanzielle Wunder glauben, unb es wird immer Schelme geben, die sich dieser Naiven gebührend annehmen. Was bemerkenswert an dieser Geschichte ist, das ist die A r f und Weise, mit der das saubere Pärchen Hanau-Bioch sich die Kanäle des provinzialen Geldes öffnete. Ich will nicht behaupten, daß die Methode neu wäre, aber „Madame" Hanau — ein zweifelhaftes Frauenzimmer — ist an diese Kanäle mit einem unvergleichlichen Geschick und vor allein mit einer tiefen Kenntnis der Politischen und journalistischen Bühne Frankreichs herangeschlichen.
Die Käuflichkeit der französischen Presse war schon lange vor dem Kriege ein öffentliches Geheimnis. Man braucht nur einmal die Korrespondenz der diplomatischen und finanziellen Emissäre Rußlands in Paris mit ihren Ministern zu lesen, um eine Idee davon zu bekommen, wie französische Blätter ein .befreundetes unb all'iertes Land" schröpften. Rach dem Kriege hat sich das Feld dieses einträglichen Geseiftes erheblich vergrößert. An die Stelle des einen Petersburg, das nur murrenb und ewig schachernd zahlte, traten Warschau, Prag, Bukarest, Belgrad, Sofia und viele, viele andere. Diese alle müssen zahlen, ohne handeln oder murren zu dürfen. Aber außer den Alft- ierten und diesen Kleinstaaten, die die ftanzö- sischen Blätter zur 'Rentenzahlung zu veranlassen wissen, gibt es noch andere Geldquellen: höchst seriöse und unglaublich patriotische französische Blätter, wahre Hüter der bestehenden Gesellschaftsordnung und überzeugte Verfechter des heiligen Privateigentums wie etwa der „Temps" finden nichts dabei, sich von Zeit zu Zeit mit den schlimmsten Feinden dieser Ordnung und dieses Prinzips einzulassen — mit den Bolsche- wisten. Jüngst erst hat die „Action Francaise" mit Angabe pikanter Einzelheiten die Geschichte einer llebcreinkunft erzählt, die der „Temps" 1923 mit den Sowjets schloß, in welcher sich dieses Blatt für eine respektable Summe Schweizer Franken (svonzöfischc lohnten sich ja dmnals nicht) zu einer Kampagne für die Anerkennung bei: Sowjetregicrung durch Frankreich verpflichtete. Es ist auch kein Staatsgeheimnis, daß ein anderes großes Pariser Blatt, das vor zwei Jahren eine heftige Fehde gegen die Sowjetregierung führte, noch vor vier Jahren ein rundes Sümmchen für günstige Rachrichten über die Sowjets erhielt. Dabei' muß man wissen, daß solche „Gemütsbewegungen der ftanzösischen öffentlichen Meinung", soweit sie von Alliierten mit Geld her- vorgerusen werden, der französischen Regierung vorher stets bekannt sind.
Andererseits ist es sehr schwierig, in den großen französischen Blättern eine Information zu finden, die den großen Banken mißliebig sein könnte. Ein Beispiel: tm Laufe emes im Jahre 1925 von dem Direktor einer fvanzö- fischen Bankfiliale im fernen Osten angestrengten
Prozesses kam es heraus, daß die Bank von Parts mit Riesensummen den Frank herunter- zuspekulteren geholfen hatte. 'Als diese Geschichte in der „Times" erzählt war, berichtete der Pariser Korrespondent dieses Blattes, der sicher keine leichtfertigen Anklagen erhebt, und der sehr genau weiß, was er sagt, kein einziges Pariser Blatt habe diesen Teil des Prozehberichtes abgedruckt, da alle großen französischen Blätter im Solde der Banken stünden. Wir dürfen hinzufügen, daß auf diesen Borwurf vis heutigen Tags noch kein einziges französisches Blatt geantwortet hat...
Obwohl nun die Käuflichkeit der französischen Presse beinahe bis auf die Höhe der einzelnen Preise bekannt ist, glaubt das französische Pu- blikum, besonders der Provinzler, blind an seine Zeitung. Rechts wie links. Madame Hanau hatte die glühende Idee, diese Leichtgläubigkeit der Leser, diesmal der Leser radikaler Blätter, zu einem Raubzug auf deren Taschen auszunuhen: Madame Hanau hat einfach das finanzielle Bulletin der einflußreichsten radikalen Zeitungen von Paris und der Provinz gekauft, u. a. das des ..Quotidien", des „Reveil du Rord", der „Depeche de Toulouse" usw. Sie zahlte dem „Quotidien" z. D. 280 000 Franks monatlich für die Pacht des Bulletins unter der Bedingung, dies s e l b st oder durch ihre Beauftragten zu redigieren, wobei benierft werden muh, daß das Bulletin selbstverständlich unter die moralische Berantwortung des „Quotidien" fiel. Die Leser des „Quotidien" oder des „Reveil du Rord" nahmen die guten Ratschläge und bfe Empfehlungen entgegen, die ihnen die Hanau-Bloch in verschiedenen Formen vorletzten, Und wenn solche Empfehlungen, mit denen die Hanau die naiven Leser geradezu überschüttete, bei diesen eintrafen, dann geschah das in einer Form, daß diese glauben mußten, Herrtot selbst sei der Ratgeber gewesen. Run, die Erfahrung hat gelehrt, daß die Pressegewaltigen aus dem radikalen Lager, wie z. B. der Herausgeber d s„Quotidim", sich ebenso leicht und nicht viel teurer t> er taufen als ihre Kollegen aus dem Lager der Rationalisten. Es ist immer wieder jene, wenn nicht direkt juristische, so doch moralische llnverant- Wörtlichkeit der Leiter des frcrnzösischeit Journalismus, die es dem Paar Hanau-Bloch so leicht machte, seine Betrügereien im großen d»rrchzuführeir.
Das alles hat aber der Hanau nicht genügt Sie faßte den noch viel „genialeren" Gedanken, ihre Machenschaften unb Betrügereien von den angesehensten und geachteftrn Politikern, wie Poincare, Driand, Herriot und Paul-Boncour decken zu lassen, und gründete zu diesem Zweck eine besondere Zeitung für die Verteidigung des Frank, „La Gazette du Franc". Dieser edlen Ausgabe gesellte man schließlich auch die Verteidigung der Ideen des Völkerbundes und des Pazifismus bei... Der geniale Zug der Hanau zeigte sich aber nicht allein in der Gründung eines politisch-finanziellen Organs, das so hohe patriotische Ziele verfolgte, sondern: auch, und vielleicht noch mehr, in der Aufforderung an Pierre Audibert, die Leitung dieser Zeitung zu übernehmen. Wer ist Pierre Audibert? Für ganz Frankreich — ein niemand: er ist weder Schriftsteller noch Journalist, noch Poll- ttter; aber für jene ganze kleine Clique (auch das republikanische Regime hat seine Cliquen), die die Männer der französischen Politik umgibt, war Pierre Audibert ein Kamerad, einer von jenen, die alles Vertrauen genossen, und denen man nichts abschlagen konnte. Pierre Audibert wurde Direktor des Sekretariats von de Mon- z i e, als dieser Minister war. In jener Eigenschaft machte Audibert das schöne und auch das schlechte Wetter. Er hatte auch alle Aussichten, aufs neue denselben Posten bei de Monzie oder einem anderen Politiker zu erhalten. Audibert fand also überall offene Türen, und es war ihm ein leichtes. Interviews, Unterschriften und Empfehlungen für die „Gazette du Franc" zu erhalten, Empfehlungen sowohl von Bertbelot als auch von Poincare.
Unglücklicherweise ist es ein bezeichnender Zug für den französischen Parlamentarismus, daß alle jene Staatsmänner, die so leichter Hand Interviews für die „Gazette du Franc" gaben, und Artikel schrieben, die Spalten dieses Blattes nur als eine Mauer betrachteten, auf die sie ihre Reklamezettel flehten. Sie legten sich keine Rechenschaft darüber ab, was mit den übrigen Artikeln und mit den sonstigen. Unternehmungen der Frau Hanau bezweckt wurde, fragten sich auch gar nicht, wer denn jene hervorragende Frau wäre, und woher sie das Geld nähme, um den Frank zu verteidigen und Lobeshymnen auf den KelloZg-Pakt und den Völkerbund zu fingen. Für dte naiven Leser der „Ga
zette du Franc" jedoch bürgten die Flamen Bri- ands, Poincares und Paul-Doncours für den gesamten Inhalt der Zeitung — einschließlich der Reklame für die Unternehmungen des Paares Hanau-Bloch.
Und der Leichtsinn der Leiter der französischen Politik, die einen Teil der moralischen Verantwortung für die Vergehen der Frau Hanau tragen, dieser Leichtsinn bildet zusammen mit der Käuflichkeit der radikalen und der nichtradikalen Journalisten sowie deren UnveraM- wortlichkeit den Grund dafür, daß die Affäre Hanau-Bloch zu einem regelrechten politischen Skandal, zu einer Staatsaffäre, geworden ist.
Das Wirtschaftsjahr 1928.
Von Dr. 3ng. Georg Gothein, ehem. Veichsschatzminister.
Auch eine wirtschaflliche Iahresrundschau roirl unseren Lesern neben der politischen willkommen sein. Mehr als je bestimmen heute neben den ideellen Faktoren die materiellen die Gestaltung des öffentlichen Lebens. Einer der besten Kenner wirtschaftlicher Verhältnisse ergreift in Nachstehendem das Wart.
Das Wirtschaftsjahr 1928 zeigte kein erfreuliches Gesicht, ^roar brachte es im Gegensatz zu 1927 eine quantitativ wie qualitativ bessere Getreidernte, die unsere Handelsbilanz durch ein Mindereinfuhrbedürfnis günstiger gestalten dürste. Aber dem Plus von 1 Millian Tannen Roggen, 0,3 Millianen Tannen Weizen, 0,2 Millianen Tonnen Gerste stand ein Minus van 0,2 Millianen Tannen .Hafer und fo gesunkene Preise gegenüber, daß der Erntewert mit 4209 Millionen Mark hinter dem des Vorjahres noch um 275 Millionen Mark zurückblieb. Dazu kam eine sehr ungünstige Rauhfutterernte, eine mäßige Kartoffel. eine nur wenig größere Zuckerrübenernte bei andauernd rückgängigen Zucker- und Rübenoreisen. Die bis Mai schweren Verlust bringenden Schweine» preise hoben sich allerdings auf einen für Züchter und Mäster lohnenden Stand, lagen für Schlachtrinder aber andauernd unter Varkriegspreis, was sich angesichts der teuern Kraftfuttermittel und der gestiegenen Frachten befanders nachteilig auswirkt und zu einer umfangreichen Eigenverfütterung von Roggen und Gerste führen dürfte. Für tierische Erzeugnisse, für Kälber und Schafe konnten dagegen die Produzenten befriedigende Preise erzielen. Alles in allem hat sich aber die Lage der Landwirtschaft kaum gebessert, für die Rübenbauwirtschaften angesichts der rapide steigenden Rohrzuckergewinnung, der hohen Zuckerzölle und der Prämienwirtschaft der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, des Dumpingexportes der Tschechoslowakei und Polens und der Einschränkung polnischer Wanderarbeiter sogar recht ernst gestaltet. Rach wie vor klafft die Preisschere stark zuungunsten der Landwirtschaft, die niedrige Preise erzielt und — von künstlichen Düngemitteln abgZehen — alle ihre Bedürfnisse weit teurer bezahlen muß wie früher. Von wenigen Gegenden abgesehen, hat sich demnach auch die Kaufkraft der Landwirtschaft nicht gehoben. Ilm fo weniger, als ihre Selbstkosten — vor allem Löhne und Steuern — weiter gestiegen find.
Richt günstiger war die Wirtschaftslage der 9 n > b u ft r i e. Vom Spätherbst 1927 ab schwächte sich die Konjunktur langsam ab. Manche wollten das nicht sehen und machten den Weiterblickenden den Vorwurf, die Konjunktur totzureden. Als ob man die Nachfrage mit einer Vogelstraußpolitik steigern könnte! Gewiß kein Konjunkturabsturz, keine Krise! Aber der innere Markt büßte langsam an Auf- nahmefähigkeit ein. Die schöne sozialdemokratische Theorie, jede Steigerung der Löhne bewirke eine solche Zunahme der Kaufkraft der breiten Massen, daß die Vollbeschäftigung der Werke deren Selbstkosten und damit die Preise senke, wurde durch die Tatsachen grausam desavouiert. Die Ausnutzung der Detriebsanlagen ging trotz fortgesetzter Still
legung von bei dem gesteigerten Lohnniveau mit Verlust arbeitenden Werken zurück. Die Preise gerade der industriellen Fertigwaren, an denen der Lohnanteil besonders hoch ist, stiegen erheblich', im Innern ging der Verbrauch zurück. Die Lager des Handels füllten, der Zahlungseingang verschlechtere sich, die Zahl der A rbeitslosen und Kurzarbeiter stieg. Schon vor der Aussperrung in der Metallindustrie Nordwestdeutschlands war die Arbeitslosenzahl um z Million größer als zur gleichen Zeit des Vorjahres und fit steigt weiter. Und das, trotzdem nach dem Jahresbericht des Gewerkschaftsbundes die Verhandlungen der Gewerkschaften mit den Arbeitgeberverbänden in 1927 eine Jahreslohnaufbesseruiig von 1148 30111- Nonen Mark und gegen das Jahr 1925 eine solche von 5268 Millionen Mark gebracht haben und im ersten Halbjahr 1928 die tarifmäßigen Stundenlöhne der gelernten Arbeiter weiter um 5,1, die der ungelernten um 5,4 v.H. gestiegen waren.
Der Industrie wurden die Produktionskosten durch steigende Löhne und Soziattasten, durch Steuern und Gebühren fortgesetzt verteuert. So wurden Eisenbahngütertarise durch- schnittlich um 11 v. H. erhöht, noch weit mehr die Postgebühren, während in England die Steuer gesenkt und die Bahntarife ermäßigt werden. Die englische „Economist" schreibt: „Die Zeiten, wo die deutschen Werften uns große Aufträge wegnehmen konnten, find vorbei. Heute vermögen die deutschen Schiffbauer nur ganz geringe Aufträge für sich zu buchen. Seit jener Zeit ist nämlich der deutsche Stahl erheblich teurer geworden, der britische bat sich wesentlich verbilligt. Dasselbe gilt für die Brennstoffe. Deutsche Kohle kostet feit 1924/25 pro Tonne einige Mark mehr und britische Kohle ist für einige Schilling pro Tonne herabgesetzt worden. — Die Transport kosten sind dort bedeutend höher als hier. D-w ausländische Schiffbau geht im ganzen zurück, während sich unsere Wettbewerbsfähigkeit bessert."
Die überaus ungünstige Lage der deutschen Schiffswerften fand im Berichtsjahr in den Stillegungen und Zahlungseinstellungen großer Werften, wie des Sultan und der Nüscke Werft in Stettin, der Schichauwerft in Elbing, der Werft Jansen & Schmiellnski in Hamburg, der Tecklen borgroerft in Bremen, der Flanderwerft in Lübeck, in der Zusammenlegung und Stillegung anderer bc rebten Ausdruck. Trotzdem wird seit dem 1. Oktober auf sämtlichen deutschen Seeschiffswerften gestreikt. Recht ungünstig arbeitete auch der Steinkohlenbergbau. Weitere zahlreiche Fördeschächte mußten stillgelegt werden. Die Löhner Höhung im Frühjahr zog höhere Inlandpreise und Verminderung des Absatzes nach sich. Der scharfe Wettbewerb der englischen Kohlengruben im sog. bestrittenen deutschen Gebiet führte ebenso wie der polnischen zu Verlustpreisen im Auslaird. Bei gesteigerten Selbstkosten verringerte Durchschnittserlöse. Wo nach Dividenden und Ausbeuten gezahlt wurde, geschah das — wie das Schmalenbach-Gutachten erwies — meist auf Kosten der notwendigen
Gießener Giadttheater.
Brandim Thomas: .Eharleys TaMc".
Die gute alte Tante. Sie ist offenbar un° verwüsllich. Immer wieder wird sie ausgekramt, abgestaubt, ausgeputzt, frisiert und onduliert.
Besonders zu Silvester. Wie viele Theater haben sich seit Jahrzehnten gegen Ende Dezember auf diesen englischen Schwank besonnen, der sich vor seinen unzähligen deutschen, französischen und sonstigen Geschwistern in der Bühnenliteratur durch eine, man möchte sagen: hemmungslose Ausnutzung der Situationen auszeichnet.
Und durch die immer wieder ihre gang besondere Anziehungstrast ausübende Hauptrolle, die falsche, verkleidete, untergeschobene Tante, männlichen Geschlechts, des Offocber Studenten Eharleh Wykeham.
Diese Rolle ist eines der wenigen berühmten Gegenstücke zu vielen großen und begehrten Hosenrollen der internationalen Theaterliteratur. Eharleys Tante spielte in Berlin — es ist noch gar nicht so lange her — Werner Krcmh. Der große Krauß, der sonst Wallenstein. Hannibal, Gneiseiran und andere sehr männliche Gestalten der großen Historie darzustellen liebt und wundervoll lebendig macht.
lieber den Inhalt etwas zu sagen, würe auS mehreren Gründen durchaus vecsehtt. Wenn man daran erinnert, daß alles auf dem Doppelspiel mit Eharleys echter und untergeschobener Tante beruht, welche ein zu. diesem undankbaren und mit tausend Peinlichkeiten verbundenen Geschäft gepreßter Student und Collegekamerad des jungen Charley darzustellen unternimmt —. wenn man das ins Gedächtnis zurückruft, dürfte der Pflicht des Reserenten in diesem Punkte reichlich Genüge getan sein.
Die Aufführung unter Golls bewährter und verständnisinniger Regie, von Silvesterlaune beschwingt, mit Musik (unter Leitung von Franz Bauer) verziert, ganz und gar aus entfesselte Heiterkeit und moderne Gesten, völlig auf Parodie und groteske Wirkung geftünmt*. sie wurde ein großer, ein stürmischer, ein richtiger Jahreswechsel-Erfolg, der einen vortrefflich gelungenen Ausklang darstellte. 'Besonders der zweite Aktschluß gestaltete sich mit Wiederholung. Applaussturm und Hervorrufen zu einem festlichen Ereignis.
Die revueinätzige Aufmachung der verschiedenen Einlagen und die sehr lustige, farbenfreudige De
koration von Karl L ö f f l e r. die sich der ornamentalen Mitwirkung von Puppen, Teddybären, Katern, Schaukelpferden, Kläpperstörchen und Papierschlangen bediente, bereitete dem Sil- vesterpublikum sichtlich viel Vergnügen.
Als die falsche Tante, prachtvoll ausstafsiert mit wallender Robe und blonder Perücke, feierte Baste, beweglich, fix, witzig, mit Gesang und Tanz, wahre Trimnphe.
Auch alle übrigen waren in guter Laune bei der Sache. Dis blonden Eton-Jünglinge K n u r und Wes euer lEharley), die mit Stch'chleisen, Söckchen. Zipfelröckchen und aufgepapptem Herzen ausgestotteten Plapperback, siche Scherer, K r a h m e r und Jahn.
Die echte Tante ans Brasilien, wo die Affen wohnen: Lieselotte Fuhrmann, sehr elegant Ebert-Grassow und Gareis, zwei ältere Kavaliere von lächerlicher Verliebtheit. L i n k- m a n n, ein barockes Faktotum mit bemerkenswerter Revuebegabung. —
Alles in allem: eine heitere Vorbereitung aufs Bleigiehen. Or. Th.
Nansen über Amundsen
Der Tod des „letzten Wikingers" Roald ‘21 munöfen, der von der norwegischen Regierung durch einen Ralionaltrauertag begangen wird, gehört zu den erschütterndsten Ereignissen des vergangenen Jahres. Das Bild dieses modernen Helden hat fein großer Landsmann Fridtjof Raufen in einem ergreifenden Rachruf gezeichnet, der in „Reclams Universum" veröffentlicht wird. „Für alle Seiten wird er dastehen, als ein Typus für sich in der ganzen Geschichte der Erforschung der Erde," sagt Ransen, „als ein Typus, entsprungen aus den tiefsten Wurzeln des Volles. So unglaublich kurz scheint die Spanne Zeit, seitdem er feine Laufbahn begann, und jetzt ist diese für immer abgeschlossen. Aber welche Großtaten umfaßt die Spanne Zeit! Die Erforschung des ..Magnetischen Nordpols", die Rordwestdurchfahrt, die Eroberung des geo- graphischen Südpols, die Rordostdurchfahrt und damit die Amschiffung des ganzen nördlichen Polarmeeres und schließlich ben Flug über dieses Meer und über den Rordpol selbst. Es war gleichsam eine explosive Kraft in Amundsen, als ein glänzender Stern tauchte er an dem bewölkten Himmel des norwegischen Dolles auf. Der strahlte in Ausbruch auf Ausbruch. Dann erlosch er jäh, und wir blicken wieder auf einen teeren
Platz im Raum." Ransen läßt feine Erinnerung zurückschweifen in die Zeit vor 27 Jahren, da ihn Amundfen zum erstenmal aufsuchte und üjm seinen Plan vorlegte, den Magnetischen Rordpol zu erforschen. Der erfahrene Polarforscher sah sofort, daß dieser junge Mann einen eisernen Willen und eine erstaunliche Klarheit feiner Ziele offenbarte, daß in ihm ein neuer Entdecker ersten Ranges erstehen werde. Er hatte sich gleich ein Schiff gekauft, um sich Erfahrungen zu erwerben und eine Fangreise ins Eismeer zu unternehme,:; mit der Beute hoffte er, die Kosten der Fahrt zu decken. Das Materielle stand bei ihm stets im Hintergrund, und doch bildete es eine der großen Schwierigkeiten, die er im Leben hatte. Auch als er dann zu seiner nächsten großen Leistung, der Eroberung des Südpols, aufbrach, hatte er die Expedition auf das glänzendste vorbereitet, doch machte ihm die Geldfrage soviel Schwierigkeiten, daß er davon müde wurde. .,Es zeigte sich bald, daß die Mittel, die er hatte, bei weitem nicht ausreichten", schreibt Ransen. „Haushalten und Wirtschaften war nun einmal nicht Amundsens starke Seite. Eine zuverlässige Rechnung der wahrscheinlichen Kosten einer Fahrt aufstellen und dann diese Berechnung einhalten, das konnte er nie. Die Ausgaben fliegen auf das Mehrfache dessen, was er angeseht hatte, und er schnitt immer wieder schlecht ab. Das bereitete ihm vielleicht die größten Hemmnisse in seinem ganzen Wirken und verbitterte ihm oft das Leven." Doch kein Mißerfolg konnte feine unbeugsame Willenskraft schwächen. Das zeigte sich besonders bei seinem Plan, über den Pol zu fliegen, der an Kühnheit alle seine früheren Pläne übertraf. Als er diese Leistung vollbracht hatte, da hatte er alles erreicht, was er sich vorgenom men hatte und stand endlich am Ziel. Er war kein Wann der Wissenschaft, aber durch feine Fahrten hat er unsere Kenntnis von der Erbe außerordentlich erweitert unb unschätzbare Ausbeute mitgebracht; nur toar er nicht dazu zu bewegen, sich an der Bearbeitung der Ergebnisse zu beteiligen. „Ebenso wichtig wie all die wissenschaftliche Ausbeute war die Tat selbst, und das war es wohl auch, was Amundsen lelbst als das wichtigste ansah. Der Jugend unserer Zeit ist er dadurch ein leuchtendes Vorbild geworden. Alles, was er tat, ist erfüllt von seinem zähen, mutigen Willen. Sein ganzes Mannesalter und alles, was er hatte, opferte er der Arbeit, die Ideale seiner Jugend zu verwirklichen. Unb bann, als er die Tat vollbracht, kehrte er zu den Weiten des Eismeeres Zurück und sand ein unbefamxte8 ®rab
unter dem reinen Himmel der Eiswelt, wo der Flügelschlag der Ewigkeit den Raum erfüllt. Aber von bet großen weißen Stille wird, umstrahlt vom Rordlicht sein Rame bet Jugend Vorwegens durch bte Jahrhunderte leuchten. Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft, wie sie Amundsen eigen waren, sind es, die uns Glauben an unser Geschlecht, die un3 03 er trauen auf die Zukunft geben. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne hervorbringt."
Hochschnlnachnchien.
Der durch den Weggang t?s Professors Dr. Emil Wehrle an der Handelshochschule 'Nürnberg frei werdende Lehrstuhl der Volkswirtschaftslehre wurde dem Honorarprofessor Dr. rer. pol. Swen Hekan - der an der Universität K. e l angeboten.
Zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls der romoNischen Philologie an der Universität Bonn (nu Stelle des Geh. Rats W. Meyer-Lüdke) ist ein Rus an den Ordinarius Dr. Ernst Robert Curtius in Heidelberg ergangen. Curtius' Sondergebiet ist die neuere französische Literatur. Er ist ein geborener (Elfäffer (geb. 1866 zu Thann). Seine Leh' rer waren der Romanist Gröber unb in der Philosophie Th. Ziegler unb W. Winbelband. Seine akademische Laufbahn begann Dr. Curtius Michaelis 1913 als Privatdozent in Bonn, wo er später zum Extraordinarius befördert wurde. 1919 wurde er nach Marburg als Nachfolger von Wechsiler unb 1924 nach Heidelberg als Nachfolger von Fritz Neumann berufen. Berufungen nach Pofen, Dresden unb Frankfurt a. M. hat Professor Curtius abge- lehnt. — Der durch bas Ableben des Professors E. Steinitz au der Universität Kiel erlebigte Lehrstuhl der Mathematik ist dem a. o. Professor Dr. Theodor Kaluza an der Universität Königsberg ongeboten worden.
Der ordentliche Profeffor für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Frankfurter Universität, Dr. jur. Earl Grünberg, ist zum 1. April 1929 von ben amtlichen Verpflichtungen entbunden worden. — Der durch die Emeritierung des Prof. Stefan Lorck an der älniversität Köln erledigte Lehrstuhl der romanischen Philologie ist bvm ordentlichen Professor Dr. Hanns Heist in Freiburg siD. angeboten worden. — Der Lehrstuhl für deutsches bürgerliches Recht an der Universität Greifswald a*n Stelle von Prof. W. Schönfeld ist dem ordentlichen Professor Dr. Franz Beyerl« an der Universität Basel angeboten worden.


