Aus 6 er Provinztafhaupisiavt.
Gießen, den 2. Januar 1929.
Oie Zwölfnächte.
Uralter Aberglaube wird in den zwölf Nachten van Weihnachten bis zum Feste der Heiligen Drei Könige lebendig, und wenn wir auch alle ziemlich weit über den Aberglauben hinausgewachsen zu sein meinen, ein wenig blieb doch hängen. Wir erinnern uns der alten Bräuche und Sagen und tun wohl selbst mit, wenn es gilt, der Zukunft etwas abzuluchsen. Was von der Wahrheit sehlt, ersetzt der Glaube, in den sich viele Zweifel mischen mögen, der sich aber doch auch wieder von der alten Erkenntnis nährt: Wir wissen nichts und können nichts wissen. Wenn wir nicht zuweilen überheblich saücn: Wir wissen alles. Aber darüber wird man bald eines Besseren belehrt.
Rauhnächte nannten sie die alten Germanen. Sie fürchteten diese Nächte, denn in ihnen ritt Wodan auf dem weißen Roß Slcipnir an der Spitze des Wilden Heere«, über die Fluren. Wehe dem Sterblichen, der dieser wilde., Jagd ansichtig wurde! Den Mädchen, die in diesen Nächten spannen, fügte Frau Holle, die umging, Unheil zu. Darum mußte in diesen Nächten die Arbeit ruhen, und das Spinnrad wurde bis nach dem 6. Januar verborgen gehalten. Die Tiere erhielten in den Rauhnächten die Gabe des Sprechens, besonders in der ersten Nacht. Und manches Orakel knüpfte sich an diese Nächte, die mit geheimnisvollem Dunkel verlocken zu allerlei geheimem Tun. Diele wunderliche Bräuche wären von den Zwölf Nqchten zu erzählen. Sie leben noch heute verstreut auf dem Lande, und auch in der Stadt sind sie noch nicht völlig ausgestorben, wenngleich sie immer seltener werden. Die Zeit der stampfenden Maschinen und der wissenschaftlichen Aufklärung so manches Geheimnisses nimmt den Bräuchen den Boden.
Und sicher werden im Laufe der Jahre noch viele solche Brauche dahinsinken, und nur wenige werden sich in künftigen Zeiten dieser Wunderlichkeiten noch erinnern. In alten Büchern wird man sie vielleicht verzeichnet finden, und man wird sich — wie man das schon heute tut — fragen, wie es möglich war, daß Menschen solch törichtem Aberglauben dienen konnten. Aber so verwunderlich ist es gar nicht. Man braucht nur daran zu denken, daß die Menschen von einst viel enger mit der Natur verbunden waren, , daß ihre Geheimnisse viel stärker auf sie wirkten, daß sie ihnen manche Rätsel ausgab, die uns als gelöst erscheinen, und daß die immer lebendige Phantasie am Werke mar, Märchen und Sagen zu ersinnen. In lebhaften Bildern wollte man denken, fabulieren wollte man.
Und wenn wir es richtig bedenken, so finden wir auch manche kostbare Perle schöner Dolkspoesie in diesen Bräuchen, die uns staunen läßt über den Reichtum des Gemüts und der Empfindung, die in den Menschen von einst wirkten zur Gestaltung solcher Poesie. Wenn das alles aber versinkt, weil sich die bessere Erkenntnis Raum verschafft, so entsteht erst die Fraae, ob dadurch nicht eher ein Verlust, als ein Gewinn entsteht. S.
Bornotizen.
— TaaeskalenderfürMittwoch. Stadt- cheater: „Und das Licht scheinet in der Finsternis".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Er geht rechts, sie
geht linfs*. — Astoria-Lichtspiele: „Dffi auf Abwegen".
— Der Goethe-Bund hat, wie man und schreibt, für kommenden Montag den Dichter Carl Zuckmaher zu einer Vorlegung aus eigenen Werken eingeladen. Carl Zuckmayer hat sich binnen kurzer Zeit zu einem der am meisten auf- geführten Dramatiker entwickelt. Wenn der Dichter als Gast des Goethe-Bundes in Gießen aus seinen Werken vorliest, so darf man ihm mit warmer Anteilnahme begegnen. (Siehe heutige Anzeige.)
— Born Konzertverein wird uns geschrieben: War es dem Konzertverein gegluckt, seine Spielzeit mit dem ^kultiviertesten" (wie sich die Presse au;druckt) Geiger der Jetztzeit, Joseph Szigeti, cinzuleiten, so kann er heute wiederum einen gleich hohen künstlerischen Genuß, durch das Gastspiel Wilhelm Backhaus', des Großmeisters des Klaviers, für Sonntag, 6. Januar, ankündigen. Wer die Berichte der Zeitungen und Musikzeitungen in letzter Zeit verfolgt hat, wird mit Anteilnahme von den Triumphen gelesen haben, dir dem auch hier so beliebten, genialen Musiker allenthalben, sei es in London, Paris, Wien. Berlin, und anderen Großstädten bereitet worden sind. Insbesondere ist es dir Pariser Presse, die in voller Begeisterung feine große Künstlerschaft preist — La Liberty le Recital, le Gaulois „depuis Risler nons n’avons pas entendu de plus grand ex6- gete de Beethoven“ usw. Auch Wien („Neue Freie Presse") bewunderte Backhaus als Festpianist, bei der dortigen großen Schubert-Feier, und I. Korngold schreibt: „Die Tasten tour» den zu singenden Stimmen; dazu besitzt Backhaus den satten, blühenden Klavierion, der auch im Fortissimo nicht an Schönheit, nicht an Sonorität einbüßt." In s.iner ihm eigenen Bescheidenheit schreibt der Künstler in einem Brief an hiesige F.-eunde über seine Konzerterfolge und fügt hinzu „noch interessanter i't mir persönlich die soeren telegraphi'ch eingegaugene Ernennung zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Muftl- freunde in Wim. Da das erste Ehrenmitglied Beethoven war, so freue ich mich der neuen Würde ganz ungebührlich". Backhaus ist uns Gießenern kein Unbekannter mehr. Es wurde nicht in seinem Sinne sein, hier weiteres über die beispiellosen Erfolge, die ihm auch im Auslande (Amerika, zuletzt in Australim und neuerdings wieder in Deutschland) beschießen waren, zu berichten. Ein Besthvvenpvogramm, wie es der Künstler zum Bestm gibt, ist erfreulicher- weise und ganz besonders geeignet, seinen Ruhm als unerreichten Beethoven-Interpreten zu be- krästigm. Er wird hier Vorträgen die PathL- tigue, Waldstein-Sonate, Appasinata und als Schluß die große E-Moll-Sonate, ein Programm, das an sich, wie auch durch dm Aamen des Künstlers fesselnd ist.
•• Silbe ft er und Neujahr in Gießen. Die Silvesternacht und der Äeujahrstag sind in unserer Stadt erfreulicherweise ohne besondere Zwischenfälle miautet. Der Zugverkehr lei der Reichsbahn war lebhaft, aber nicht übermäßig stark. Der Jahresschluß-Gottesdienst am Silvesterabend brachte in allen Gemeinden einen sehr guten Kirchenbesuch. Die Polizei hat, wie
wir hören, Ruhe gehabt; Ausschreitungen find nicht vorgekommen. Im übrigen hat sich das neue Jahr gut bei uns eingeführt: der 1. Januar war ein prachtvoll klarer und sonniger Wintertag. Dagegen setzte heute in den Morgenstunden wieder leichter Schneefall ein.
** Sie Sanitätskolonne in der Silvesternacht. In der Silvesternacht wurde von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz eine Bereitschaftswache gestellt. Diese wurde zweimal in Anspruch genommen; es handelte sich um einen Patienten mit Kopfverletzung und einen andern mit einem Stich im Unterarm. Beiden wurde die erste Hilfe geleistet.
•* C i n schwerer Unfall ereignete sich auf dem hiesigen Bahnhop Der 55jährige Arbeiter Hartung aus der Lindengasse kam mit dem Zug um 9.30 Llhr von seiner Arbeitsstätte bei Buderus, Wetzlar. Er stürzte die Treppe des Bahnsteigs 6 herunter und blieb mit einer Wunde am Hinterkopf bewußtlos liegen. Der herbeieilende Bahnarzt verordnete sofortige Heber- führung in die Chirurgische Klinik.
** Zwei Achtzigjährige. Geh. Baurat a.D. Otto Hahn, Gießen, begeht am 2. Januar feinen 80. Geburtstag. Der Jubilar stammt aus Braunfels, studierte in Berlin und war Leiter zahlreicher Wasferämter, zuletzt in Frankfurt a. M. Bor einigen Jahren verlegte er seinen Wohnsitz nach Gießen, wo er bei seiner 84 Jahre alten Schwester wohnt. — Ebenfalls am 2.Januar begeht Herr Daniel Harrn a n n, Gießen, in voller körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag.
** Schulpersonalie. Dem seit vier Jahren als Leiter der Realschule zu Vilbel tätigen Studienrat Dr. Albert Eharnbr 6, der vorher an der Oberrealschule zu Gießen angestellt war, wurde die Amtsbezeichnung „Studiendirektor" verliehen.
** Arbeitsjubiläum. Der Dorschlosser Aug. Mahr, Schottstraße 15, kann am 2.Januar sein 30jahriges Arbeitsjubiläum bei dem Reichsbahn- Ausbesserungswerk Frankfurt a. M. begehen.
** Der Bund erblindeter Krieger, Untergruppe Gießen, hielt gestern, Sonntag, auf der Liebigshößr eine gut besuchte Weihnachtsfeier ab. Rach einigen Musikvorträgen, ausgeführt von Mitgliedern der Kapelle Topp, und einem von Frl. B i c r a u gesprochenen Prolog, erfreute zunächst bet Bauersche Gesangverein durch zwei gut zum Dortrag gebrachte Chore von Schubert. In einer zu Herzen geh-.nden Ansprache begrüßte der Dorfitzende, I. Kranz, die erblindeten Kameraden und die zahlreich erschienenen Gäste, habet besonders hervorhebend, daß das Weihnachtsfest auch ein Fest der Kriegsblinden fet, das Liebe und Frieden vrrkütrbe. Zufriedenheit fei das größte Glück, sie bringe den inneren Frieden. Denn auch die Lichter des Weihnachtsbaunies nicht das Dunkel, das die Kriegsblinden umgebe, erhellen könnten, so mochten sie wenigstens die Herzen der erblindeten Kameraden erleuchten. Desonörrer Dank gebühre allen denen, welche durch reichliche Spenden und tatkräftige Llnterstühung die Feier ermöglicht Hütten. Aach dem gemeinschaftlichen Lied: „Stille Äacht, heilige Aacht", fand die Bescherung der Kriegsblinden statt, die Über das Gebotene sichtlich erfreut waren. Aach der De cherung sprach Bürgermeister Dr. Selb namens der Stadt Gießen, dabei besonders betonend, daß es
MenfchenpfNcht frt, bett Kriegsblinden mit Aat und Tat zur Seite au stehen; hier biete sich schöne Gft.genhcit, soziale Tat zu bette en. Hieran anschließend wartete Frau Ienhen? Schreiber, die über eine sympath sche Stimme berügt, mit zwei Siebern: »Die Strn ge" und „Maria Wiegenlied" auf. In der Pause wurden die Kriegsblinden, deren Begleiter, sowie de Kinder mit Kaf ee und Kuchen (letzterer gestiftet von der Däckerinnung» bewirtet, außerdem verteilte der Ai'olaus (Otto Wahl» noch besondere Gaben an die Kinder der Kriegsblinden. Der zweite Teil des Programms brachte außer wei-i teren Liedervorträgen der Frau Jenhen-' Schreiber und Chören des Ba.erschen Gesang- ‘ Vereins ein T.ompeten olo von Muftnnei' er^ Topp, Darbietungen des Heimatdichters Gg. ( Heß, die, wie immer, reichen Beifall fanden. Stimmungsvoll war auch ein von dem Kriegs- i blinden Müll (Gambach) vo.g:tragen s, 'el ft» | verfaßtes Gedicht, sowie eine Ansprache des, frieg.b t ;ben Stnd cndir k.ors Hertsch (Schotten), in welcher dieser für das Gebotene und । die weitgehende Teilnahme an den Geschick der Kriegsb.inden öan'.te und betonte, daß die Kriegsblinden den Beweis liefern wo! ten, daß sie sich als brauchbare Glieder der menschlichen Gesell- / schäft fühlen. Sein Hoch galt dem Dnrstand und, seinem schaffensreichen Wirken für die Kriegs- / blinden.
Oer angeschossene Marburger Student gestorben.
][ Marburg, 1. Jan. Der am Abend des 27. Dezember durch einen Schuß in den Unterleib schwer verletzte Student Erichs Schwerdtfeger ist gestern nachmittag in der 1 Chirurgischen Klink gestorben. Die Aach-1 forschungen nach dem Täter werden eifrig fort- ' gesetzt. Amtlich wird gemeldet: Der Tat dringend verdächtig ist der Sattler Johannes Beckers aus Ockershausen, der zuletzt in Marburg, Bar- füßerstrahe, gewohnt und seine Frau seit längerer Zeit verlassen hat. Becker zieht in der' Welt umher und war bis jetzt nicht aufzufinden, f Die Pressemeldung, daß es sich um ein politisches i Attentat handele, trifft nicht zu. Offensichtlich! handelt es sich um den Racheakt eines gewalt- ' tätigen Menschen, der Beziehungen zu dem Schwerdtsegerschen Dienstmädchen gehabt haben soll und sich von Schwerdtfeger nicht zur Polizei bringen lassen wollte, weil er Interesse daran hatte, seine Persönlichkeit zu verbergen.
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Die Beerdigung findet Donnerstag, den 3. Januar, nachmittags 2 Uhr, statt.
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Gießen, den 31. Dezember 1928.
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Klein-Linden, Gießen, den 2. Januar 1929.
Die Beerdigung findet Donnerstag, den 3. Januar, nachmittags 21/, Uhr, vom Sterbe hause Kirchstraße 13 aus statt.
im Alter von 78 Jahren.
Die trauernden Hinterbliebenen
Familie Marie Weller Wwe. Familie Wilhelm Müller Familie Luise Diehl Wwe.
Familie Wilhelm Junge!, Frankfurt a.M. Familie Hch. Jüngel Wwe., Daubringen Familie Lndw. Jüngel Wwe., Burkhards Adolf Oswald, Lindenstruth
Danksagung.
Für die wohltuende Teilnahme bei dem Heimgang unseres Heben Entschlafenen
Herrn Heinrich Meyer, Schutzmann LR.
sagen wir allen, insbesondere Herrn Stittsdechant Kahn für die trostreichen Worte, Herrn Bürgermeister Geil, sowie dem Krieger- Verein für den ehrenden Nachruf und allen Verwandten. Freunden und Bekannten für die überaus zahlreichen Kranzspenden unseren herzlichsten Dank.
Elisabeth Meyer geb. Lotz und Kinder.
Lidl, den 2. Januar 1929.
Danksagung.
Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hmscheiden uuseies uiiver~eüli<‘h«n Entschlafenen, sowie für die tro.-lreichen Worte des Herrn Pfarrers sagen wir auf diesem Wege innigsten Dank. Geopa. j^ckel nnd Familie.
junger Burfdjn der etwas von Land- wirtichast versteht, f. kleinen landw. Betrieb mit 1 Pferd al8
Knechi
Nachruf.
Heute verschied plötzlich und unerwartet
Herr Carl Caemmerer
Wir verlieren in ihm einen liehen und all verehrten Mitarbeiter, ein Voruild treuer Pflichter füllunp. Sein Angedenken werden wir stets in Ehren halten.
Die Beamten und Anceetellten de« VereorgrunKsamte Gießen.
Gießen, den 29. Dezember 1928.
Nachruf
Am 31. Dez. 1928 verschied ganz plötzlich und unerwartet unser wertes Vereinsmitglied Julius Grünewald Wir verlieren in dem leider so früh Dahingeschie- denen einen treuen Anhänger und eifrigen Förderer unserer Kunst, der uns als lieber Freund unvergeßlich bleiben wird.
Gabelsberger Stenogr. Vereinig, und Damen Abt Wieseck.
In der Neujahrsnacht entschlief sanft in dem Herrn nach kurzem, schwerem Leiden meine innigst geliebte Gattin, unsere treusorgende Mutter, Schwägerin, Gote und Tante
Frau Eiisabethe Jüngel geb. Müller
im 43. Lebensjahr.
Die trauernden Hinterbliebenen:
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Nadi Gottes unerforschllchem Ratschluß verschied am 31. Dezember 1928, abends ßa/4 Uhr, nach kurzem, schwerem Leiden unser guter Vater. Schwiegervater, Großvater, Urgroßvater, Schwager und Onkel
Karl Müller I.
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