Nr. 126 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, I. Juni 1929
WeißesKapilalundfarbigeArbeit
Von Otto Corbach.
Eino soeben (24. Mai 1929) vom Völkerbünde herausgegebene Schrift über „Weltproduktion und Welthandel" enthält den ziffernmäßigen Nachweis, daß der ungefähre Anteil Afrikas an der Gesamterzeugung der wichtigsten Welthandelsgüter seit 1913 um 20 v.f). ge(Hegen ist, während derjenige Europas um 9 u.S). sank. In diesen Ziffern spiegelt sich deutlich di« wachsende Bedrohlichkeit der Verbindung zwischen weißem Kapital und farbiger Arbeit wider. „Weißes" Kapital mobilisiert die gewaltigen Ardeitsreseroen farbiger Rassen, während es in den Ländern der Völker der weißen Rasse die Arbeitslosenheere anschwellen und die Produktionsapparate in immer größerem Umfange leer laufen läßt. Jungfräuliche Gebiete von gewaltiger Ausdehnung innerhalb des europäisch-amerikanischen Kulturkreises bleiben u n - entw ickelt, weil es an Kapital fehlt, sie durch Bau von Bahnen, Straßen, Städten usw. für die Ausnahme großer Einwanderermassen aus übervölkerten Teilen Europas vorzubereiten, während sich die Finanzgruppen der „Weltmächte" auf den Arbeitsmärkten für Farbige in unwürdiger Weise gegenseitig den Rana abzulaufen suchen. Das mit tiilfe farbiger Arbeiter und Krieger besetzte Deutschland wird gezwungen, seine Kapitalquellen durch Reparationszahlungen zu «erschöpfen, damit das beschleunigte Tempo des Kapitalexports der Siegerländer nach kolonialen und halbkolonialen Arbeitsmärkten ja nicht Nachlasse. Niemals waren die weltwirtschaftlichen Kommandogewalten in wenigen Händen vereinigt und niemals wurden sie verantwortungsloser im Sinne einer Wahrung des Kulturerbes der Völker weißer Rasse mißbraucht.
In Afrika ist die politische Herrschaft des weißen Mannes im ganzen genommen, immer noch am ro c n i g ft e n gefährdet und es würde noch für alle absehbare Zukunft ein Eldorado für weiße Kapitalisten bleiben, wenn nicht gerade in den ehemaligen Iagdgefilden des Sklavenhandels die einheimischen Arbeitsreserven am raschesten zu erschöpfen drohten. Die Greuel der Sklavenjaaden früherer Jahrhunderte rächen sich an den Erven kolonialer Eroberer. Auf dem riesigen Hochlande, das den größten Teil Afrikas südlich des Aequators, außerhalb des Kongobeckens, bildet, das sich in durchschnittlicher Höhe von 1200 Meter von der Gegend nördlich Kapstadts bis in die Nachbarschaft der großen Seen erstreckt, wohnen in einem Raume, wo sich in Europa 300 Millionen Menschen drängen, nur gegen 25 Millionen Schwarze. Das kleine Belgien hat fast so viel Einwohner wie der achtzig mal so große Kongostaat. Die britischen Besitzungen Rhodesia, Nyassaland, Tanganjika, Kenya und Uganda umfassen eine Gesamtfläche, die mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland, Frankreich und Italien zusammengenommen, und haben noch keine 14 Millionen Einwohner, weniger als die Tschechoslowakei.
Was Wunder, daß der Hunger nach billigen Arbeitskräften die Kolonialverwaltungen mehr und mehr zu Methoden der „A n we r b'u n g" verführt, die zu der heuchlerischen Mandatspolitik des Dälker- bunöcs in schreiendem Gegensatz steht. In der südafrikanischen Union verfügen gegen 1,5 Millionen Weiße über 232 Millionen acres 1 acre = 0,4 ha) Landbesitz, die gegen fünf Millionen Eingeborenen hingegen weniger als 26 Millionen acres. 2lehnlich liegen die Dinge in anderen Kolonialgebieten. Ohne Land ist der Schwarze gezwungen, seine Arbeitskraft auf den Arbeitsmärkten der Weißen anzubieten. Dieselbe Wirkung haben hohe Steuern, da der Eingeborene in der Regel sich das dazu nötige Geld erst im Dienste Weißer beschaffen kann. In manchen Gegenden sind zahlreiche einheimische Arbeitskräfte durch die Einrichtung der patriarchalischen H a u s s k l a v e r c i gebunden. Gegen diese Sklaverei richtet sich der sittliche Eifer der Politik des Völkerbundes. Der Arbeits- zwang für öffentliche A r b e i t e n , durch den die Kolonialverwaltungen alle Arbeitskräfte erfassen, die trotz aller mittelbaren Druckmittel dem „freien" Arbeitsmarkt nicht zuströmen, darf sich un- gcl)emmt entfalten, trotzdem durch ihn auch eine umfangreidje Sklaverei in Diensten privater Unternehmer verschleiert wird.
Entennovelle.
Von Hans Friedrich Blunck.
Einen schönen Heinen Ententeich haben wir jetzt. Hinterm Knick, der unfern Garten begrenzte, hatte der Dauer eine alte Mergelkuhle, die sommer-i als Viehtränke diente. Vun hat er Doggen ausgesät, er braucht das Wasser nicht mehr. Ich habe mein Gitter aus der Erde gehoben und gegen einen kleinen Pachtgroschen die Erlaubnis bekommen, die Grenzdfähle drei Schritt hinter den Pullweiden, die die alte Kuhle um» rainen, neu einzuschlagen. Und meine grau, die frühlingsüber das Schnattern auf unferm Hof entbehrte — richtig entbehrte, hat aus ihrem Wirtschaftsgeld einen kunterbunten Erpel und zwei schneeweiße Enten gekauft, die. verwöhnt und ihrer hohen Zucht bewußt, auf dem Teich als rechte Herren hin- und herfahren, kopfüber stehen, sich im Gras sonnen und von Zeit zu Zeit ohne Grund, nur aus Vermessenheit oder Wohlbefinden, in jene Töne ausbrechen, die die Herrin des Hofes aus Vesihfreude so liebt, wir Männer auch, vielleicht, weil wir dabei schon den seinen Duft eines Bratens in den Vasenflügeln spüren.
Qlber davon wissen die Enten Gott sei dank nichts. Sie haben es so gut, wie man es nech unferm menschlichen Verstand gut haben kann. Sie haben Wasser zum Schwimmen, sie haben Gras zum Aesen, sie haben, ach, wie oft versagt das der unüberlegte Mensch den armen Tieren, — der Enterich hat zwei schneeweiße Frauen, und die Frauen ein schillerndes Prachtstück von Mann, grün, blau, weih. Sollten sie nicht glücklich miteinander sein?
Leider geht's indes bei den Tieren nicht anders als — glücklicherweise immer seltener bei uns. Seit einigen Tagen höre ich mit der Dämmerung — sie kommt schon früh, der Herbst ist auf dem Weg, — ich höre, wenn ich beim alten Knick leise vorbeikomme, ein fremdes Schnatterns Jagen und Flügelschlagen. Und einmal, wie ich leise durch den Knick breche, — ach. er verteidigt sein Haus, denke ich — sehe ich meinen Erpel sprühend zwei wilden Schwestern folgend, die sich auf meinem Wasser niedergelassen haben. Zornsprühend? Ich gerate zugleich in Zweifel.
Trotz aller dieser Maßnahmen sind in manchen Teilen Afrikas die Quellen der Arbeiterzufuhr in weitem Umkreise erschöpft. In Süd-Rhodesia ist bereits die Hälfte der von Weißen beschäftigten schwarzen Arbeiter aus anderen Gegenden e i n g e - wandert, lieber 100 000 Neger aus Portugiesisch- Ostafrika arbeiten in den Goldbergwerten bei Io- hannisburg. Ganz Afrika gleicht einem riesigen aufgestörten Ameisenhaufen. Die Eingeborenen werden massenhaft von der Scholle gelöst, aus dem Stammesverbande herausgerissen, auf Tausende von Kilometer verschleppt. Trotzdem beginnen sie sich ihres steigenden Seltenheitswertes bewußt zu werden. Die „Farbenschranke", die sie besonders in Südafrika bisher von den besser bezahlten Stellungen „gelernter" Arbeiter ausschloß, wird überall durchbrochen und schwarze Gewerkschaften schulen immer größere Massen einheimischer Arbeiter f ü r einen organisiertenKampf gegen das weiße Kapital, der mit der Zeit in einen politischen Befreiungskampf unter der Parole „Afrika den Afrikanern" Umschlagen muß.
Gerade umgekehrt liegen die Verhältnisse in den asiatischen Interessensphären des weißen Kapitals. Indiens dreihundert und Chinas vierhundert Millionen bieten unbegrenzte Möglichkeiten für die Rekrutierung industrieller Reservearmeen. Ohne einen revolutionären Nationalismus einheimischer groß- und kleinbürgerlicher Schichten wäre aud) jede gewerkschaftliche Bewegung in Betrieben, die von fremden Kapitalisten kontrolliert werden, zur Ohnmacht verurteilt. Für jeden Streikenden könnten Tausende Streikbrecher aus den jeweiligen Hungergebieten herangezogen werden. England hat seine Herrschaft in Indien mehr als anderthalb Jahrhunderte dadurch zu sichern vermocht, daß es seine alten Gewerbe durch ein Handelsmonopol zerrüttete und jedem wirtschaftlichen Fortschritt so enge Schranken setzte, daß er ihm nicht gefährlich werden konnte. Zu seinem Unglück hat die weltpolitische Situation, die sich aus dem Weltkriege ergab, zu dem Zwange geführt, die moderne industrielle Entwicklung Indiens, mit eigenen Händen zu fördern, statt, wie früher, zu hemmen. In einem neuen Weltkriege würde Englands Herrschaft in Indien die Achilles
ferse des britischen Imperiums bedeuten, zugleich aber auch die wichtigste Basis für die Verteidigung aller Machtstellungen im oder am Indischen und Stillen Ozean. Das erfordert eine beschleunigte Industrialisierung Indiens, da England als industrielle Basis für eine moderne Kriegführung in Asien zu entlegen ist. Aus diesem Wandel der Einstellung gegenüber Indien erklären sich sehr einfach die wachsenden Schwierigkeiten für die Aufrechterhaltung der britischen Herrschaft in Indien. Im Schatten des britischen Imperialismus entfaltet sich in tropisch üppigem Wachstum eine einhei - m i s ch e U n t e r n e h m e r s ch i ch t, die sich ihrer nationalen Würde bewußt wird, und der die bri- tisd)e Herrschaft unterwühlenden revolutionären Propaganda in Arbeiter- und Bauernkreisen ihren Lauf läßt.
Viel leichter haben es natürlich die nationalen Revolutionäre in China. Wenn auch das System der „ungleichen Verträge" nur eine verschleierte Form tatsächlicher Beherrschung durch fremde Imperialisten bedeutete, so waren diese doch unter s i ch nicht einig. Man konnte die eine Gruppe gegen die andere ausspielen und nach Ueberwindung innerer Gegner ihre grundsätzlid;e Zustimmung zur Aufhebung jener Verträge erlisten. Die Verbindung von weißem Kapital und farbiger Arbeit bedeutet nur so lange eine sichere Gewinnquelle für den weißen Kapitalismus überhaupt, wie die politischen Verhältnisse in den Ländern mit farbiger Bevölkerung von den Vormächten der weißen Rasse kontrolliert werden. Ein auf die Dauer unvermeidlicher weltpolitischer Umschwung zugunsten der farbigen Völker wird gerade durch die H emmungs- 1 o s i g k e i t beschleunigt, mit der in den Mittelpunkten der Weltfinanz heute Kapitalströme aus Gebieten der weißen Rasse in solche farbiger Völker gelenkt werden. Es ist höchste Zeit, daß sich die führenden Staatsmänner der europäisch-amerikanischen Kulturwelt dieser verhängnisvollen Entwicklung bewußt werden und auf Mittel und Wege sinnen, einer Freizügigkeit des Kapitals Schranken zu setzen, die die wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer und asiatischer Länder auf Kosten europäischer und amerikanischer begünstigt.
3m Kampf der Milliarden.
— Oer deutsche Chemietrust im Wirtschaftskrieg der amerikanischen Oollarkönige.
Fords Bündnis mit der Z.-G.-Farben.
Einer vom Standpunkt des deutschen Wirtschaftspolitikers geschriebenen Würdigung des bedeutsamen Zusammenschlusses von Ford und I.-G.-Farben lassen wir hier nun eine Betrachtung folgen, die außerordentlich plastisch die starke weltwirtschaftliche Verflechtung der großen Trusts schildert.
Ein Wirtschaftskampf ist entbrannt, der sich in seinen Folgen noch nicht übersehen läßt. Man hat in den letzten Jahren oft von wirtschaftlichen Konflikten berichtet, die die Welt erschüttern sollten: das Wort „Weltkampf" ist daher mit Recht in Mißkredit geraten, kann aber dennoch in diesem Fall nicht umgangen werden. Aus dem alten Kampf der General Motors gegen Ford ist soeben ein offener Krieg der bedeutendsten Trustherrschcr in der 2Uten und der Venen Welt geworden. Ford hat, wie jetzt bekannt wird, in Deutschland einen mächtigen Bundesgenossen gefunden, nämlich die I.-G,-Far- b e n i n d u st r i e; schon vorher ist ihm in Amerika die R o ck e f e l l e r - G r u p p c an die Seite getreten. Den Herrschern über Farben, Chemikalien, Petroleum und Automobilen steht nun aber der mächtige Konzern der General Motors nicht etwa isoliert gegenüber, sondern diese größte Automobilgesellschaft der Welt stützt sich auf ihre beiden Hauptaktionäre, auf den Pulverkönig Dupont und den Bankier Morgan. Diese Gruppe hat ferner ein Abkommen mit dem britischen Chemietrust des Lord M e l ch e 11. Die Kapitalkraft, über die jeder der beiden Gegner auf diese Weise verfügt, ist unermeßlich und übersteigt alle Summen, die bisher jemals in
einem Wirtschaftskampf eingesetzt worden sind. Hat schon der Verkauf der Opel-Werke an die General Motors in Deutschland und in der ganzen Welt berechtigtes Aufsehen erregt, so ist der Gegenschlag Fords, der in diesem Augenblick bekannt wird, als eine Sensation ersten Ranges zu bezeichnen.
Als im Dezember vorigen Jahres 2 800 000 Kleinaktien zu je 20 Mark der neugegründeten englischen Fordgesellschaft ausgegeben wurden, entstand ein aufregender Kampf der Londoner und der Veuyorker Makler, die sich um die Beteiligungen an dem Automobilunternehmen stritten. Zwei Tage nach der Ausgabe waren die Aktien auf den doppelten Wert gestiegen. Vun stand seit langer Zeit die oft angekündigte Ausgabe von Aktien der d e u t s ck) e n Fordgcsell- schaft bevor, und die Finanzwelt beobachtete natürlich sorgfältig die Vorbereitung dieser Emission. Die deutsche Fordgesellschaft besitzt ein Kapital von 15 Millionen Mark, von denen etwa 40 Prozent, also 6 Millionen Mark, durch Aktien- zeid)nung in Deutschland aufgebracht werden sollten Die Vachricht, daß diese 6 Millionen nun vom deutschen Chemietrust in das Geschäft eingebracht werden, wäre an sich nicht aufregend, da ein solcher Betrag sowohl für das deutsche wie für das amerikanische Milliarden- unternehmen sehr unbedeutend ist. Dennoch hat die Meldung — mit Recht — alarmierend gewirkt. Sie hat gezeigt, daß die bekannte Amerikareise der deutschen Chemiemagnaten in diesem Frühjahr nid)t nur der Verständigung mit dem amerikanischen Petroleumkönig diente, sondern darüber hinaus eine Art deutsch-amerikani- f d) c n Dreibund der Rockcseller, Ford
— aber da sind die Fremdlinge, husch, auf und davon und über mein Gitter hinweg. Fast hebt sich mein Freund noch ihnen nach. Aber mein belobigender Pfiff und der Lärm der beiden echten Frauen, die vom Ufer aus die Sache beschnatterten, belehren ihn, daß er seine Pflicht getan hat. — Wirklich nur seine Pflicht? Ich weiß nicht, ob die Frauen ganz meiner Meinung find, sie empfangen ihren Erpel mit vorgereckten Hälsen. Sie haben etwas gegen ihn, das läßt sich nicht verkennen. Aber sie wehren sich doch nicht, als er sie ins Wasser führt, von wo aus alle drei mir lange, prahlende Geschichten erzählen, jedes für sich, deutlich unterscheidbar. Sollte — frage ich mich plötzlich, ja. am Ende waren die Fremden arme Witwen? Die Füchse nehmen überhand. Sollte mein Freund das schmucklose Kleid der wilden Vachbarn lieben? Ist das möglich, wenn man so prachtvolle schneeweiße Liebsten hat?
Und doch ist es möglich. Kein Zweifel, der Ehefrieden auf meinem Teich ist gestört. Kommen die wilden Frauen vielleicht jeden Abend nur, um sich verjagen zu lassen? Ich meine, wir tragen alle unfern Zwiespalt im Herzen, sollte ein armer Erpel besser daran sein?
Aber das Unerhörte habe ich selbst erlebt. Zugegeben, daß zwei Frauen etwas wenig für einen Erpel sind. Viag er sich also mit Fremden auf meinem Teich verlustieren, mich geht s nichts an. seine Frauen legen keine schlechten Eier. Aber daß er dies Geben bequemer Muße, Sicherheit und Futter in Fülle verlassen und den Wildfängen in ein unstetes Leben folgen wollte, das ist doch unbürgerlich und wider alle Vernunft, nicht wahr?
Wie kann nur jemand, der es so gut hat, wie mein bunter Freund, um solch befremdlichen Begehrens willen zugleich zwei Herzliebste lassen, dem Fuchs vor dem Fang und dem Jäger vor die Flinte laufen, kurz alle Wechselfälle dieses Lebens auf sich nehmen? Er tat’3, wahrhaftigen Himmels, mein Erpel versuchte es. Als ich gestern abend wieder neugierig von Wasserplätschern und Flügellärm mich langsam zum Teich durchschob, rrt, — sausten die bunten Fremden auf. Unö hinterdrein, ich traue meinen Augen nicht, hinterdrein schwirrte mein flügellahmer Erpel, kam wahrhaftig vom Wasser auf,
kam übers Gitter, — da platschte es, während die Versucherinnen zum Moor hochzogen, schwer in den Roggen. Ach, das Leben der Wildbahn ist nicht für ihn bestimmt, die Schwingen seiner Vorfahren tragen nicht höher als über ein Gitter hinweg.
Da hat er's nun, kaum ist der Absturz geschehen. regen sich die schönen weihen Frauen, die bislang lautlos vom Ufer dem Sprung der Hngebär&c folgten. Rufen ihn. Und kleinlaut kommt et aus dem Roggen zurück. Da watscheln auch sie, sehr unschön und wenig bräutlich zum Gitter und schnattern, erst schadenfroh, dann erbarmend, schließlich in heller Angst den Ungetreuen an. Schnattern? Oh. noch nie habe ich solch klägliche Sorge zweier Verzeihungsbereiten gehört.
Mein Erpel nimmts an. Aber er hat noch nicht die Zeit zu Entschuldigungen. Er ist plötzlich auf das Gitter gestoßen, erstaunt zunächst, dann verdutzt. Dreimal versucht er den Hals hindurch zu stecken, siebenmal denkt er. das Ding müsse ein Ende haben. Endlich begreift er. daß ihn wirklich und wahrhaftig etwas vom alten Leben aus- schlieht. Und da kommt denn auch der rechte heilende Schreck mit Gewalt über ihn. Hilferufend beginnt er am Zaun auf und ab zu rennen, hin und her, entsetzt lockend laufen die Frauen ihm nach, diesseits und jenseits drei Enten. Und kommen nicht zueinander und haben alles vergessen und jammern höher und höher und schnattern Diskant und flehen nur noch um eins: wieder beieinander zu fein!
Wie gut, daß der kluge Herr eine Pforte offnen und den planlos Rennenden den Gattinnen zutreiben kann. Wie gut, daß er, kaum daß die Enten den Erpel wiederhaben, kein Schelten, Auszanken, nur versöhnliches Zurechtweisen und dann schon bald ein verliebtes Schnattern hört, ..Gott sei Dank, daß wir dich wiederhaben". Da kann der atme Mann, — ist das Tierleben picht oft ein Gleichnis? — in Muße seine Betrachtungen anstellen, erstens wie bitter viel schwerer alles im menschlichen Geschlecht zugeht, liebe Hausfrau. Zum andern aber auch, man soll nicht fliegen, wenn man nur knavp übers Gitter kommt. Ist dem nicht so, lieber Freund?
Vielleicht hat wenigstens das Entenvolk eine gute Lehre daraus gezogen.
und Bosch gegen den Ausdehnungsdrang der gegnerischen Gruppe vorbereitete.
Der deutsche Farbentrust kann durch sein Bündnis mit den Amerikanern manche Vorteile erringen. Schon vor zwei Jahren, im August 1927, erfuhr man, daß die feit einiger Zeit zwischen der Standard Oil Company und der I.-G.-Farbenindustrie geführten Verhandlungen zu einem Abkommen über die Verwertung der beiderseitigen Patente und Erfahrungen auf dem Rohölgebiet geführt hatten. Gleichzeitig fand damals eine eingehende Erörterung der Zusammenarbeit aus den übrigen gemeinsamen Gebieten statt. Der Vertrag, der Den Erfolg der Kohleverflüssigung nutzbar machen sollte- wurde gleich bei seiner Bekanntgabe von der englisch-holländischen Petroleumgruppe Deter- dings sehr mißtrauisch betrachtet. Er ist inzwischen durch die Anfang Mai dieses Jahres erfolgte Gründung einer Tochtergesellschaft des deutschen Chemietrustes in Amerika ausgebaut worden. Man staunte vor wenigen Wochen nicht wenig, daß in den Aufsichtsrat dieser amerikanischen Filiale des deutschen Chemietrusts nicht nur Vertreter der Standard Oil eintraten, sondern auch Mr. Sdsel Ford Aufsichtsratsmitglied wurde. Edsel Ford, der Sohn des Automobilkönigs, sitzt nun auch im Aufsichtsrat der deutschen Fordgesellschaft neben Geheimrat Dr. Carl Bosch aus Heidelberg, dem Vorsitzenden der 2.-G.-Far- bcnin.Duftric. Das künstliche Benzin, das in den deutschen Werkstätten des Chemietrusts erzeugt, und zum Teil durch die Vertriebsorgani- satoren Rockefellers verkauft wird, soll also dazu dienen, Fords Automobile zu treiben. Ader cS handelt sich offenbar nicht allein um „flüssige Kohle" und um „künstliches Bezin", sondern auch um künstlichen Kautschuk. Es wurde schon vor einiger Zeit bekannt, daß die deutschen Versuche mit künstlichem Gummi weit genug gediehen sind, um an ihre industrielle Ausnutzung zu gehen. Kautschuk wird aber heute in erster Linie für Automobilreifen gebraucht, und eine Interessengemeinschaft mit Ford muß daher eine gute Grundlage für den Absatz dieses neuen künstlichen Rohstoffes bieten. Hat doch Ford schon vor längerer Zeit selbst versucht, in den Urwäldern Brasiliens Gummiplantagen anzulegen, um sich von dem englischen Gummimonopol freizumachen. Man weiß auch daß der achtzigjährige Edison vor wenigen Monaten von einer neuen Erfindung für die Versorgung der Welt mit künstlichem Gummi gesprochen hat: Edison ist bekanntlich Fords bester Freund, und vielleicht ' iu hier auch eine Brücke von Edisons berühmtem Laboratorium zur deutschen Industrie geschlagen worden.
Damit sind die Aussichten der I.-G.-Farben- inbuftric aus Der neuen Verbindung freilich keineswegs erschöpft. Die Fabrik der deutschen Fordgesellschaft in Berlin entwickelt sich sehr gut, und man plant noch für dieses Jahr Die Errichtung eines neuen Werkes. Schon jetzt benutzt Die Berliner Fabrik sehr viel deutsches Material, hauptsächlich Lacke, Werkzeuge, Reisen, Glas und Leichtmetalle. Alle diese Dinge stellt nun aber Der deutsche Chemietrust her, von dem man .annimmt, daß er sich mindestens für die europäischen Fordfabriken ein Liese- rungsrecht ausbedungen hat. Wie weit der deutsche Chemietrust 'gorbs Fabriken aud) in Detroit mit Zelluloid, Maschinen und anderem Material versehen wird, läßt sich vorläufig nicht abschähen, da Der amerikanische Automobilkönig bekanntlich in seinen gewaltigen Anlagen fast alle Rohstoffe selbst Herstellen und bearbeiten läfit
Für die deutsche Automobilindustrie sind die Aussichten, Die sich mit dieser neuen Verbindung eröffnen, allerdings nicht sehr rosig. Vachdem die General Motors in Rüsselsheim festen Fuß gefaßt und das beste deutsche Werk an sich gebracht haben, schafft sich Der zweite meistgefürchtete Konkurrent in Deutschland ebenfalls eine gewaltige Produktionsgrundlage, um den Kamps mit den General Motors auszy- nehmen: aber beide gemeinsam werden „nebenbei" versuchen, die deutsche Automobilindustrie niederzuringen. Ob das Geschäft, das sich Der deutsche Chemietrust ausgedacht hat, sehr glatt abgewickelt werden kann, steht vorläufig eben-
£)er Niagara und die Badewanne.
Seltsam spielt oft das Schicksal mit den Menschen, „Das Schlimmste, was mir geschehen könnte, wäre, zwischen Federbetten meine Seele auszuhauchen", so sprach Alexander Petöfi, der Tyr- täus der Magyaren, und fiel kurz darauf im ehrlichen Kampf unter den Kugeln Der Oester- reicher. Aber nicht immer meint es Das Leben so gut mit den Sterblichen. Oft treibt es mit ihnen ein ruchloses Spiel voll Spott und Hohn, jagt sie durch Gefahren und Abenteuer, um sie bann eines mehr als profanen Todes sterben zu lassen. Erst unlängst geschah es ja, Daß ein Welt- reisender nach gefahrvollen Kämpfen mit den Tieren und Menschen der Wildnis bei der Heimkehr vor Dem Londoner Viktoria-Bahnhof, angesichts der ihn erwartenden Angehörigen, von einem Omnibus überfahren und auf der Stelle getötet wurde. Das ist Dabet noch gar nicht einmal etwas so außergewöhnliches.
Was soll man aber zu der Geschichte des jungen John H. Ölst aus Buffalo (11. S. A.) sagen, dessen Bild vor kurzem erst ob seiner wunderbaren Errettung aus den Fluten des Viagara. in die er gestürzt war, durch fast alle Blätter der Union ging? Einige mutige Männer zogen ihn im letzten Augenblick, als er bereits wenige Meter vom Strudel entfernt war, aus Den Wassern. Und jetzt, einige Wochen später, ist dieser selbe junge Mann daheim, in einer Badewanne ertrunken. Offenbar war er plötzlich von Bewußtlosigkeit befallen worden, sein Kops sank zurück, und als man ihn endlich aufsand, war er bereits tot. Zufall, reiner Zufall, oder Bestimmung?
Hochschulnachrichien.
Prof. Dr. thcol. Sigmund Mowinckel an der Universität Oslo (Vorwegen) hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl des Alten Testaments an der Universität Marburg als Vachfolger von Prof. G. Hölscher abgelehnt. Prof. Mowinckel ist Dr. theol. h. c. von Gießen, Lund und Straßburg.
Professor Dr. Paul Krüger an Der Universität Berlin folgt einem Ruse als Ordinarius der Zoologie an die Universität Wien als Vachsolger von Prof. K. ©robben.


