Einzelbild herunterladen

Nr. W Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch, (. Mai 1929

Das Schtvaylach-Projekt der Stadtverwaltung angenommen.

Oer erste Schritt zur großzügigen Baulanderschließung in der Gchwarzlach und am 2RoMerg.

Oas bin ich?"

Don Lovis H. Lorenz.

Mein Freund Paul besitzt seit einiger Zeit einen Liliput-Filmapparat und ist glücklich darüber. Nur noch schußbereit verläßt er das Haus, kurbelt von Autobus und Straßenbahn herunter, gehend auf der Promenade, vom Fensterplatz im Cafe durch die Scheiben. Er verphotographiert ziemlich viel Geld, seine Frau ist nicht immer damit einverstanden, und wir, seine Freunde, hören mit Vergnügen zu, ir,-nn er auscinandersetzt, warum das so sem muß.

Er will das Bild der Gegenwart festhalten, das Schauspiel des Alltags, wie er cs sieht und wo es ihn interessiert. Den Betrieb in den Straßen die üblichen und nie beachteten Szenen mit dem Schass- ner, dem Zeitungsjungen und der Blumenfrau', das Begegnen und Sichverabfchiedcn; Eilfertige und Flaneure: Gesichter von Damen, Dämchen, Borse- onern, Chauffeuren, Beamten: den Auskunft er­teilenden Schupomann: spielende Kinder, Tiere an der Leine und in Freiheit. Paul führt uns abends stundenlang diese anspruchslosen Szenen vor. Er hat recht, wir sehen zum ersten Male, was auf der Straße um uns vorgeht. Denn dort teilen wir un­sere Gedanken zwischen der stupiden Aufmerksamkeit, daß man richtig läuft und um Gottes willen nicht unter die Räder kommt, und allerlei flüchtigen Ein­fällen. Jetzt sehen wir, was wir gesehen haben.

Und in zwanzig Jahren? Das Heute ist dann die gute alte Zeit, und wir werden versuchen, sie uns uorgumalen. Aber das Gedächtnis ist ein inerkwur- dig gelöchertes Sieb, Berichte sind unzulänglich, Dichtung lügt, und anderer Leute Bilder treffen nicht, was wir möchten. Paul filmt und wird diese Zeit immer sehen können, sobald er will; und zwar die optische Wirklichkeit Gedanken dazu, Deutung hat er selbst.

Bor kurzem versprach Paul eine großartige Uebcr- raschung, einen Film mit Stars, die keine Ahnung hätten, welche zu sein! Wahrhaftig, er hat mich aus der Fassung gebracht. Zwölf Minuten lang lies der Streifen, der tiefer und lebendiger war als ein Roman.

Licht aus! Der Apparat haspelt und spuckt vor Eifer, auf der Spielfläche flimmert es einleitend, und beim Aufblenden erscheinen Palmen in Kübeln, Efeuhecken und davor ein Tisch, dessen Decke im

* Gießen, 30. April 1929.

Der Stadtrat hat in seiner heutigen Sitzung nach etwa zweistündiger Aussprache eine Entschei­dung von weittragender Bedeutung für unser Ge­meinwesen gefällt. Er hat dem Projekt der Stadt- Verwaltung zur großzügigen Bauland - erschlicßung in der Schwarzlach mit großer Mehrheit z u g e st i m m t. Damit ist der Ausgang der öffentlichen Erörterung über die­ses Borhaben der Verwaltung eingetreten, der eigentlich schon Ende der vorigen Woche, mit Be­stimmtheit aber nach dem Verlauf der von den Stadtratsmitgliedern Nicolaus, H aubach und Balzer am Montagabend im Cafs Leib veranftal- icten Nordost-Verfammlung zu erwarten war. Der Bauausschuß, oder präziser ausgedrückt, die Mehr­heit dieses Ausschusses, hat mit der Ablehnung des Vcrwallungsprojektes und der Empfehlung eines Gegenantrages beim Plenum nicht den erwarteten Erfolg erzielt. Es sind dabei noch nicht einmal alle Mitglieder der Bauausschußmehrhcit ihrer frühe­ren ablehnenden Haltung treu geblieben: es waren bei der Abstimmung zwei Stimmenthaltungen zu verzeichnen, deren eine man wohl als Gradmesser dafür ansprechen kann, daß die Erkenntnis von der man­gelnden Zukunftskrast des Vorschlages derBauausschuh- mehrheit auch dort an Boden gewonnen hat. Gegen die Vorlage der Verwaltung stimmten außer der in der Ablehnung geschlossenen Fraktion der Wirt­schaftlichen Vereinigung nur noch drei Mitglieder der Bauausschußmehrheit, während das zu den Nein­sagern bisher gehörige Stadtratsmitglied Höhn ausdrücklich seine Stimmenthaltung feststellte. Dabei wollen wir jedoch anerkennen, daß die Mehr- l)it des Bauausschusses bei ihrer Stellungnahme sick)erlich nur von sachlichen Erwägungen geleitet ivar und den ernsten Willen fat, dem Nordostoiertel Hilfe und Förderung angedeihen zu lassen. In der Aussprache wurde diese Einstellung von dem Stadt­ratsmitglied Nicolaus ganz besonders betont, und man darf diesen Versicherungen ohne Zweifel Glauben schenken, wenn man sich vergegenwärtigt, daß ja die Gegner und die Freunde des Projekts der Stadtverwaltung im Zielpunkt stets einig waren und nur hinsichtlich des Weges zu diesem Ziele zweierlei Meinungen vertraten. Angesichts dieser Sachlage war es bedauerlich, daß das Stadtratsmitglied Mann am Schlüsse der Aussprache durch eine reichlich und unnötig zugespihte Redewendung eine Rote in den Kampf brachte, die besser herausgeblieben wäre. Sicher­lich hat diese Wendung nicht dazu beigetragen, der Atmosphäre eines harmonischen Zusammen­arbeitens förderlich zu sein und den Brücken­schlag zwischen den beiden Lagern in dieser Frage zu erleichtern. Die entschiedene Abwehr aus dem Kreise der Bauausschußmehrheit zeigte deutlich genug, daß man durch die unangebrachte Attacke des Herrn Mann stark verstimmt war. Abgesehen von diesem üblen.Zwischenspiel ver­lies die Auseinandersetzung trotz aller Gegensätz­lichkeit in den Auffassungen in vornehmer Sach­lichkeit und zeugte von dem Vorsatz, bei dem Kampfe unter allen Umständen die Person des Gegners unangetastet zu lassen.

Heber die Bedeutung dieser Entscheidung brau­chen wir heute nichts weiter zu sagen, nachdem wir schon in unserem Artikel in der vorigen Samstagausgabe die Wichtigkeit und vielseitige Antriebskraft dieser kommunalen Aufbauarbeit dargelcgt haben. .

Heber die weiteren Gegenstände, die in dieser Sitzung zur Entscheidung standen, werden wir morgen berichten.

Sitzungsbericht.

Anwesend Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Selb, die Beigeordneten Dr. Hamm und Kommerzienrat K l i n g s p o r , 38 Stadtratsmitglieder und Stadtbaurat Gra­ve r t als Vertreter des städtischen Hochbau­amtes. Der Zuhörerraum ist leidlich beseht.

Wichtigster Punkt der Tagesordnung ist die Vorlage der Stadtverwaltung über

die Errichtung städtischer Wohnungs- bauten in der Schwarzlach.

Der Antrag der Stadtverwaltung lautet: Den vorgelegten Plänen des Hochbauamts für die von der Stadtverordneten-Dersammlung genehmigten 60 Wohnungen im verlängerten Asterweg wird zugestimmt. Der Ausbau des ver­längerten Asterwegs in einer Länge von 120 Meter wird beschlossen. Die Ausbaukosten in Höhe von rund 30 000 Mark gehen zu Lasten der für 1927 bewilligten Kredite für die Straßen- bauarbeiten in der Schwarzlach. Die Kosten für die erforderlichen Kanäle werden auf die im Voranschlag für 1927 bewilligten Kanalbaukosten verrechnet. Die Stadtverwaltung wird ermächtigt, die Arbeiten alsbald in Angriff zu nehmen.

Dazu liegt ferner folgender Antrag des Stadtratsmitglieds Ricolaus, d. h. der Mehrheit des Dauausschusses, vor: Zur Beschaffung der bewilligten 60 Wohnungen sollen in erster Linie die Endstücke der Daublöcke zwi­schen Ederstraße, Asterweg und Schottstraße in offener Bauweise bebaut werden. Sollten die 60 Wohnungen nicht unterzubringen fein, so soll mit der Bebauung des verlängerten Asterwegs nach dem vorgesehenen Bebauungsplan begonnen werden.

Beigeordneter Dr. Hamm begründet die Vorlage der Stadtverwaltung. Er erinnert zunächst kurz an die Verhandlungen über daS städtische Dauprogramm für 1929 in der vorigen Stadtratssihung und betont dabei, mit dieser Vorlage wolle die Stadtverwaltung ein dem Rordostviertel gegebenes Versprechen erfüllen. Der Stadtrat habe sich in der vorigen Sitzung einmütig hinter die Vorschläge der Stadt­verwaltung über Wohnungsbauten im Rordosten gestellt, jedoch habe vor jener Abstimmung der Bauausschuß Einzelheiten des Bauprogramms noch nicht beraten können, weshalb er erst nach Genehmigung des Bauprogramms zu seinen Be­ratungen zusammengetreten sei. Der Bauaus- schuh habe sich in zwei Sitzungen mit der An­gelegenheit beschäftigt. Die erste Sitzung fei ergeb­nislos verlaufen, in der zweiten Sitzung sei dos Projekt der Stadtverwaltung über die Bebauung der Schwarzlach mit 5 gegen 2 Stimmen abge­lehnt worden. Da die Magistratsmitglieder in den Ausschüssen nicht stimmberechtigt seien, habe er bei der Abstimmung im Ausschuß keinen Ein­fluß geltend machen können. Der Antrag der Stadtverwaltung fei dann durch einen Gegen­antrag des Bauausschusfes ersetzt worden. Der Redner verliest hierauf die beiden oben abge­druckten Anträge. Der Kernpunkt der Sache be­stehe darin, daß die Verwaltung mit ihrem Bebauungsantrag über die aufgefüllte Quer­straße von der Ederstraße nach der Marburger Straße, welche einstweilen noch technisch als Ost-West-Straße bezeichnet werde, hinausgehen und damit den ersten Schritt zur Erschließung der Schwarzlach tun wolle. Der Gegenantrag fordere, zunächst die Geländestücke, sog. Straßen­stümpfe zwischen Ederstraße, Asterwea und Cchottstrahe zu bebauen und diese Baublocks durch offene Bebauung an der Ost-West-Straße abzu­schließen. Bei der Gegenüberstellung der beiden Projekte fei zu betonen, daß die Stadtverwaltung glaube, auf Grund der genauen Berechnungen des Hochbauamtes, daß in diesen Endblöcken, den sog Strahenstümpsen, nicht die Zahl von 60 Wohnungen ganz hergestellt werden könne und daß die Wohnungen an diesen Endstücken auch teurer würden, als bei dem Projekt der Stadt­verwaltung. Ferner werde mit dem Abschluß der Bebauung der Strahenstümpfe die zukünftige großzügige Bebauung der Schwarzlach ein Be­gräbnis erster Klaffe gefunden haben. Bei der

Bebauung über die Ost-West-Strahe hinaus in die Schwarzlach hinein, also am verlängerten Asterweg, glaube die Stadtverwaltung dort Wohnungen mit tragbaren Mieten schaffen zu können, weil man beim Bauen in dem neuen Ge­lände frei fei in der äußeren und inneren Grund- rißgestaltung und infolgedessen Mieten erzielen könne, die für weniger Bemittelte noch erschwing- bar seien. Wesentlich an dem Hineingehen in die Schwarzlach sei ober auch die Erschließung des Geländes. Die Stadt habe dort den größten Teil des Geländes im Besitz. Durch dessen Bebauung solle der Beweis erbracht werden, daß man dort billige Wohnungen schaffen könne. Bei der Er- fch'i.'ßung der Schwarzlach spiele auch der Gedanke mit. durch diese Erschließung relativ billigen Geländes ein Gegengewicht gegen die stark an­gelegenen Grundstückspreise in anderen Stadt­teilen herzustellen. Der Bauausschuh habe ein­mütig festgestellt, daß die Grundstückspreise in unserer Stadt zu hoch seien. Ein wirksames Mit­tel dagegen sei darin zu finden, dah inan an meh­reren Stellen der Stadt Bauland erschließe und eine Monopolstellung im Grundbesitz unterbinde. Wenn man die Bebauung an der Ost-West- Strahe abschliehe, könne dieser Gedanke nicht zur Verwirklichung kommen. Jetzt wolle die Stadtverwaltung den Asterweg verlängern und in die Schwarzlach hineingehen, und sie hoffe, im nächsten Jahre die Baugenossenschaf­ten und auch Private heranzuziehen, um in diesem Gebiet eine große Bautätigkeit in Gang zu bringen. Hier in der Schwarzlach habe man ein schönes Siedelungsland, das als ideal an- gesprochen werden könne. Die Stadt habe jetzt Gelegenheit, ihr Gelände zu verwerten, das sie feit vielen Jahren angekauft habe und das sonst brach liegen bleibe. Das seien die Hauptgesichts­punkte der Stadtverwaltung. Bei dem Antrag Ricolaus bestehe aber die Gefahr, dah mit feiner Verwirklichung die Bebauung an der Ost- West-Straße abschließe: man könne sich des Ge­fühls nicht erwehren, dah damit einmal für den Rordosten etwas getan werde und dann Schluß fei, aber von einer großzügigen Auf­schließung nicht gesprochen werden könne.

Stadtbaurat Gravert

spricht hieraus an Hand der Pläne über die tech­nischen Einzelheiten des Projekts. Aus seinen Dar­legungen ist zu entnehmen, daß für diese Woh- nungsbauten zwei Typen vorgesehen sind, bei jeder hat die Familie einen gemeinsamen Tagesraum, xroei bzw. drei Schlafräume, außerdem einen abge­schlossenen Daderaum und Speisekammer zur Küche. Es wird in Flachbauweise (nicht flaches Dach) drei­geschossig gebaut, wobei zwei voll ausgebaute Woh­nungen in das etwas abgeflachte Dach hineingebaut werden. Im Kellergeschoß soll gleich neben der Waschküche der Trockenraum liegen, damit den Haus­frauen das Tragen der Wäsche vom Keller zum Boden erspart bleibt. Durch diese Raumanordnung wird der Ausbau des Dachgeschosses ermöglicht und dieses wirtschaftlich ausgenutzt. Nach der Straßen­seite zu soll in allen Häusern der Tagesraum (Wohn- kück)e) liegen, nach der Gartenseite zu sollen die Schlafräume kommen. Der Trockenraum irrt Keller wird gute Querlüftung erhalten, so daß keinerlei Feuchtigkeit eindrinat, außerdem wird er auch sehr gut gegen Diebstahlsabsichten gesichert werden. Die Finanzierung der hier geplanten Bauten ist so gün­stig, daß der kleinere Wohnungstyp (2 Zimmer mit Wohnküche) sich auf rund 7700 Mark je Wohnung, der größere Typ (3 Zimmer mit Wohnküche) sich auf rund 9100 Mark je Wohnung reine Baukosten unter Zugrundelegung der jetzigen Lohn- und Material­preise stellen wird. Unter Einschluß der Nebenkosten wird bei diesen Gestehungskosten mit einer monat­lichen Miete von etwa 42 Mark für zwei Zimmer mit Wohnküche und etwa 50 Mark für drei Zim­mer mit Wohnküche zu rechnen fein. Das seien nicht irgendwelche Kunststücke, die das Hochbauamt hier mache, sondern das sei ein auf gut durchgearbeiteter

Grundlage aufgebautes Ergebnis. Die Wohnhäuser würden in durchaus solider Bauweise dreigeschossig ausgeführt und in keiner Weise irgendwelchen Ba- racken-Charaktcr haben. Das Gerede vonBaracken bauten" sei gänzlich grundlos, sowohl in bau techni­scher Hinsicht, wie auch angesichts der Mietpreise. Als Mieter kämen hier immerhin doch Leut« mit einem monatlichen Einkommen von etwa 250 bis 300 Mark in Betracht. Für die Verwaltung fei die Richtschnur maßgebend gewesen, daß 60 billige und preiswerte Wohnungen zu schaffen seien. Auf Grund eingehender Untersuchungen sei das Hoch- bauomt zu der Ueberzeugung gekommen, daß diese 60 Wohnungen bei der im Antrag Nicolaus ver­langten Bebauung nicht geschaffen werden könnten. Die Bebauung der Endblöcke Ederstraßc-Asterweg- Steinstraße könne später noch erfolgen, hierfür dürften vor allem Häuser mit Geschäftsläden im Parterre in Betracht kommen. Das Hochbauamt sei aus ganz objektiven Gründen zu der hier vorgetra­genen Lösung gekommen. Die Baublocks in der Schwarzlach feien so angeordnet, daß die Straße Nord-Süd geführt werde, so daß die Sonne den ganzen Tag über einen Teil der Wohnung immer bescheine. Für jedes Gebäude werde auch etwas Gartenland zur Verfügung stehen. Wenn aber auf die Unfertigkeit des Stadtteiles und mangelnden guten Anblick von der Bahn her hingewiesen werde, so sei demgegenüber geltend zu machen, daß wir in erster Linie an die Leute zu denken hätten, die in diesen Wohnungen unterkommen sollen, und nicht an die Reisenden, die hier mit der Bahn vorüber­fahren.

Stadtratsmitgl. Nicolaus (Wirtsch. Bgg.) verteidigt den nach ihm benannten Antrag der Bauausschußmehrheit. Er erklärt, dah der Dau- ausschuß die vorgesehenen beiden Wohnungs­typen gebilligt und nur hinsichtlich des Trocken - raumes und des Wegfalles von Dachraumboden gewisse Bedenken gehabt habe: das feien aber nur Gründe der Zweckmäßigkeit, im übrigen sei gegen die Wohnungstypen selbst nichts einzu- wenden. Weiter beschäftigt sich der Redner mit dem Abwägen der Gründe für die Bauabfichten an den Straßenstümpfen bzw. an einer Verlänge­rung des Asterwegs in die Schwarzlach hinein, und kommt dabei zu dem aus der Rordost-Ver- fammlung vom Montag schon bekannten Ergeb­nis, daß er zunächst wie auch in dem Antrag gefordert wird die Geländestücke zwischen Gder- strahe, Schottstrahe, und dann erst die Bebau­ung in der Schwarzlach in Angriff genommen sehen toilL Er hebt dabei die ilnfertigfeit und den mangelnden guten Anblick des Geländes von der Bahn aus hervor, wendet sich gegen das Wort des Beigeordneten Dr. Hamm von dem Begräbnis erster Klasse" und betont nachdrück­lich, auch die Bauausschußmehrheit stehe auf dem Standpunkt, daß in der Schwarzlach weitergebaut und diese mit allem Rachdruck zur Bebauung auf­geschlossen werden müsse, damit das Rordostvier- tel wirtschaftlich gefördert werde. Dah auch zur Senkung der hohen Grundstückspreise diese Auf­schließung im Rordosten nötig fei, werde vom Bauausschuh als richtig anerkannt. Wenn die Mehrheit des Dauausschusses trotz aller dieser Erwägungen zu einem anderen Weg gekommen fei als die Stadtverwaltung, so glaube diese Mehr­heit in ihren Vorschlägen den besseren Weg sehen zu dürfen, aber im Ziel: tatkräftige Aufschlie­ßung der Schwarzlach und dadurch wirtschaftliche Hebung des Rordostens fei man sich mit der Verwaltung einig.

Stadtralsmiigl. Horn (D. B.)

erklärt im Auftrage des am Erscheinen verhin­derten Fraktionsvorsihenden Prof. Dr. Kraus­müller und des größten Teiles der volks­parteilichen Fraktion die Zustimmung zu dem Projekt der Stadtverwaltung. Der Fraktions- Vorsitzende Pros. Dr. Krausmüller bedauere vor allem, daß in dieser wichtigen Frage sich

Wind flattert: unser StammcasL. Es erscheint Meta, das Kuchenfräulein, mit dem appetitlich ge» füllten Tablett. Wen lächelt sie nur so vergnügt an? Mein Gott mich!

Der da so schlacksig hereintritt, Hut und Mantel auf den Stuhl feuert, sich in den Korbsessel räkelt und dabei die Beine unter den Tisch stößt, wahr­haftig, das bin ich! Ich möchtenoch mal zurück!" rufen, aber es geht unaufhaltsam weiter, und ich muß aufpassen wie ein Schießhund.

Meta legt mir meinen Kopenhagener auf den Teller, ich 'scheine ihr etwas Lustiges zu erzählen, sie ist sehr erfreut über das Trinkgeld, hebt ihr Tablett in die Höhe und geht mit einem Kopfnicken. Sehr graziös sicht das aus! Wir haben beide nicht gemerkt, daß wir gefilmt wurden. Wo mag Paul bloß gestanden haben?

So sieht es also aus, wenn ich frühstücke! So faße ich die Tasse an, blättere die Zeitung durch und gucke manchmal etwas blöd auf die vorübergehenden Leute. Mit dem Haarschneiden hat übrigens Claire recht, es geht so nicht mehr: morgen muß ich be­stimmt zum Friseur!

Komisch, so habe ich mich gar nicht vorgestellt! Natürlich hätte ich jederzeit eine Personalbeschrei­bung von mir geben können, Gesicht, Haare, Gang, besondere Kennzeichen usw. Aber wie das unbeob­achtet aussieht, wie meine Umgebung es sieht, das ist ganz etwas anderes. Ich bin es und bin es wieder nicht, sozusagen eine numerierte und hand­schriftlich signierte Ausgabe von mir altem Reclam- hcftchen (in meinen Augen!). Wenn ich die Gestalt von da oben anziehen würde, so müßte sie schlottern, scheint mir. Und bin entsprechend unheimlich ge­rührt.

Im zweiten Akt gewöhnt man sich etwas. Ich be­gebe mich an einen Blumenstand und erwerbe ein Bukett Rosen. (Um Gottes willen, wenn Claire den Film sieht, wird sie fragen, wo die Blumen geblie­ben sind. Das Stück muß heraus. Man muß kon­zentrieren, lieber Paul, im Weglassen liegt die Kunst!) Das bin ich also von rückwärts. Ziemlich lässiger Gang, Claire sagtseemännisch". Für schmächtig hätte ich mich wohl eigentlich nie gehal­ten, aber so breit im Rücken! Sieht aber ganz gut aus.

Es ist übrigens sehr nett, daß ich gerade den neuen Anzug anhabe. Ein kleidsames Fasson. Paul sollte sich ruhig auch modischer anziehen, ich werde

ihn meinerseits einmal filmen. An der linken Schul­ter sitzt ein Fältchen, das hätte der verdammte Schneider auch sehen können!

Paul ist mir noch bis an den Zeitungskiosk nach- gegangen, dann am Schupomannshandschuh vorbei über die Straße. Dort steige ich in die Bahn. Und erscheine plötzlich wieder, weil der Wagen vor un­serem Haus hält.

Na?

Ganz recht: linke Hand am linken Griff, das Ge­sicht nach vorn.

Die Dame vor mir macht es immer mal wieder verkehrt.

Man sollte Frauen, die das nicht begreifen kön­nen, ausrotten! Höchstens, daß man ihnen zuvor noch einmal im Film zeigte, wie sie es machen sollen: linke Hand am linken Griff?

Vielen Dank, Paul! Ich habe sehr viel mehr ge­lernt.

Greta Garbo spielt Sudermann.

Im Lichtspielhaus sieht man gegenwärtig den Metro-Goldwyn-Mayer-FilrnEs war", den die Parufarnet zum 70. Geburtstage Hermann S u - dermanns yerausgebracht hat. Der Film ist eine ziemlich freie Bearbeitung eines der frühen Romane des Dichters, und es ist eines der unbestreit­baren Verdienste des Werkes (das übrigens regie­mäßig mancherlei Mängel aufweist und in der Photographie stellenweise recht unsauber heraus- fommt), in der ihm eigenen Bildform auf das Buch zurück, zum Buche hin zu führen und gerade an den Erzähler Sudermann wieder einmal auf das Nachdrücklichste zu erinnern. Wer so vom Film her wieder an eine der ersten großen Erzählungen Sudermanns herangeführt wird, und den Anlaß wahrnimmt, kann selber am besten vergleichen und die Manuskript- und Regieleistung des nachgeschaf- fenen Bildstreifens beurteilen.

Uns kommt cs nicht darauf an, einen solchen Vergleich durchzuführen, den Parallelen und Ab­weichungen nachzugehen. (Daß der Film die Er­zählung weder in der Fabel noch in den Teil- motiven auszuschöpfen vermag, liegt auf der Hand.) Wichtig erscheint es uns. auf die im Mittelpunkt der bildhaften Nachschöpfung stehende schauspiele­rische Gestaltung der Greta Garbo aufmerksam zu machen, die hier, für unser Empfinden, die

stärkste und reifste Leistung bietet, die inan bisher von ihr gesehen hat, und die sie wohl auch mit derAnna Karenina" nicht übertroffen, ja wohl nicht einmal erreicht hat.

Greta Garbo ist gegenwärtig die große Mode, sie ist der neue große Filmstern und b?r aus­gesprochene Liebling des deutschen Publikums ge­worden. Aber es ist vielleicht gut, einmal und eben bei Gelegenheit dieses Sudcrrnann-Filrns darauf hinzuweisen, daß die Garbo nicht nur schön ist (obwohl ihre äußere Erscheinung hier, trotz den vielfach unscharfen Aufnahmen, noch bestechender zur Geltung kommt als in dem Russenfilm), daß sie ihren großen Erfolg sicher nicht allein dieser Schön­heit und rassigen Eigenart zu verdanken hat, die ja vom amerikanischen Jdealtyp der Filmdiva fo mar­kant absticht.

Sondern daß sie sich gerade in diesem Film als eine Schauspielerin von hohen Graden erweist, die wie geschaffen ist für die Verkörperung der blonden Bestie in Sudermanns ostpreußischem Roman, und die im Laufe des Spiels weit über die übrigen Darsteller hinauswächst.

Auch über ihren erklärten Partner Gilbert, der schon äußerlich dem Männertypus nicht ent­spricht, der im Roman gemeint war. Lars Han - s o n (Kletzingk) und vor allem George F a w - c c tt (Brenckcnberg) und die junge Barbara Kent (Hertha) schufen jedenfalls im Sinne der Vorlage viel einheitlichere Gestalten. Die übrige Besetzung ist unwichtig. Um der Garbo willen aber sollte man diesen Film gesehen haben. -y-

Hochschulnachrichierr.

Professor Dr. Gustav Verfing in Erlangen hat zwei Berufungen erhalten, und zwar auf die neu­errichtete Professur für Musikwissenschaft an der niederländischen Reichsuniversität Utrecht sowie als Nachfolger Heinrich Rictschs auf den Lehrstuhl für Musikwissenschaft an der Deutschen Universität in Prag. Der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Heinrich T i e tz c in München hat den an ihn vor einiger Zeit ergangenen Ruf auf den Lehr­stuhl der Mathematik an der Universität Leipzig abgelehnt. Der aus Niederösterreich stammende Ma­thematiker ist erft kürzlich zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.