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Ur. 506 Erstes Blatt

178. Jahrgang

Montag. 51. Dezember 1028

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Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Terl Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hivmann. sämtlich in Gießen.

Ausbau und Ausbau.

Eine Neujahrsbetrachtung deS Reichs­kanzlers.

Reichskanzler Hermann Müller hat derStol* irischen Zeitung" zu Reujahr folgende Ausfüh­rungen übergeben: Es ist nicht leicht, die Hauptmerkmale unserer Zeit" fest­zustellen und zu bestimmen Wir leben immer nochzwischen den Zeiten". 3n einer Zeit der Gärung ist es schwer, die Hauptmerkmale zu fin» den. 3m Ringen nach Klarheit sind sie noch nicht förmlich herausgebildet. Die Vorkriegszeit ist versunken. Zum Teil liegen der nach dem Krtege mündig gewordenen Generation ihre Ereignisse und ihr ganzes Wesen schon fern wie Geschichten aus einem langst vergangenen Jahrhundert. Aber auch bet den Aelteren wurde die Erinnerung an die Vorkriegszeit vielfach völlig erdrückt von den sich überstürzenden Er­lebnissen einer Zeit, in der alle Gewalten ent­fesselt zu sein schienen. Die Kriegszeit unb die ersten Rachkriegsjahre mit ihren ganz besonderen Erscheinungen. ihren übermenschlichen Sorgcrn und Leistungen sind erfreulicherweise vorbei. Wir sind in eine Zeit der Reuregelung der politischen und wirtschaftlichen Zu­stande der Welt eingetreten. Aber wir stehen crst an der Schwelle einer neuen Entwick­lung. Richt einmal der Krieg ist endgültig liqui­diert. Roch sind die Varrieren nicht nieder- gerissen, welche die friedliche Verständigung der Völler hindern. Roch ist die verheißene Aera der Gerechtigkeit nicht angebrochen, denn dem deutschen Volke wird das Recht der Selbst­bestimmung immer noch vers agt. das angcbltd) eines der Hauptziele unserer Gegner im Weltkrieg war.

3n der heutigen Zeit des äkebergangs kann ich als ein besonders charakteristisches Merkmal den Mangel an Tradition feststellen. Das ungeheure Erlebnis des Weltkrieges hat eine scharfe Zäsur gegen die Zeit vor 1914 herbei­ges ührt. Gewiß mußte die Menschheit auf vielen Gebieten nach dem Ende des Weltkrieges wieder von vorn "beginnen. Das wurde zur älrsache einer gewissen Traditionslosigkeit. Diese birgt aber auch große Gefahren in sich. Wirkliche Werte der Vergangenheit brauchen auf kei­nem Gebiete achtlos beiseite geworfen $u werden. Andererseits hatte es gewiß sein Gutes, daß wir nach dem Kriegsende und der Staats­umwälzung gezwungen waren, auf vielen Ge­fielen vollkommen neu zu schaffen. Möge es unserem Volke beschieden sein, den richtigen Mittelweg zu finden. Aus den alten Funda­menten gilt es, soweit sie noch brauchbar sind, aufzubauen und auszubauen entsprechend den Be­dürfnissen und Erfordernissen einer neuen Zeit!

Hessens Eisenbahnabfindung.

Die hessischen Interessen vorläufig ohne juagcerhevung gewahrt.

Darmstadt, 30. Dez. Amtlich wird mitge­teilt: Durch Staatsvertrag vom 30. März 1920 wurde zwischen der Reichsregierung und den Re­gierungen der Länder Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, -Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg der Uebergang der Staats­eisenbahnen auf das Reich vereinbart. Rach Paragraph 3 des Staatsvertrags hat das Reich den Ländern und damit auch dem Volksstaat Hessen für die Ucbertragung des gesamten Eiscn- bahnunternehmens eine daselbst näher geregelte Abfindung zu gewähren. Die vom Reich an Hessen zu zahlende Abfindungssumme ist auf rund 6ZZ Millionen Mark berechnet. 3n An­rechnung auf diese Summe hatte das Reich hessische Staatsschulden in Höhe von rund 464 Millionen Mark zu übernehmen, so daß noch ein Reftbetragvon rund213Mil- l i o n e n Mark verblieb. Dieser Restbetrag ist mit 4 v. H. zu verzinsen, lieber die Til­gung wurde eine nähere Vereinbarung ausdrück­lich Vorbehalten. Die jährliche Zinsforderung hieraus beträgt rund 8,5 Millionen Mark. Mit Rücksicht auf die zwischenzeitlich eingetretene Geld­entwertung muß eine Reuse st sehung der 'Abfindungssumme und damit auch der Zinsen erfolgen. Entsprechende Verhandlungen sind schon seit langem eingeleitet worden. Das Reich hat seit Ende 1923 keine Zinsen gezahlt. Es bestand die Möglichkeit, daß das Reich einer späteren Geltendmachung der rückständigen Zins- ansprüche die Einrede der Verjährung entgegensetzt. Hessen ist ebenso wie di» übrigen Eisenbahnländer beim Reich vorstellig geworden, um eine Erklärung zu veranlasse,^ wonach das Reich auf die Einrede dec Verjährung verzich­tet. Da die gewünschte Erklärung nicht alsbald eintraf, haben Sachsen und Württemberg sich in­zwischen veranlaßt gesehen, K l ari e beim Staatsgerichtshof für das Dg lösche Reich zu erheben. Auch die Hessische l^chn sang hat die zur Klageerhebung erforderlia Vorberei­tungen getroffen, um nicht Gefall zu laufen, die rückständigen Zinsen zu verl?eu-F. Sie hat da­neben selbstverständlich ihre Bemühungen, zu einer befriedigenden Erklärung des Reichs zu gelangen, fortges'^t. Rachdem eine solche Erklärung des Reichs r anzministers heute eingetroffen ist, wonach die Interessen Hessens nun­mehr völlig gewahrt ersHoi.ten, konnte von der Erhebung der Klage abgesehen werden. Es werden jetzt die weiteren 'Verhandlungen ab­zuwarten sein.

Der deutschen Jugend!

Don Dr. Gustav Stresemann, Reichsminisser des Auswärtigen.

Abweichend von den Gepflogenheiten früherer Jahre, eine Reihe von Fragen und Forderungen in die Reujahrsbetrachtung einzubeziehen, möchte ich heute an dieser Stelle im befonbeven der deutschen Jugend gedenken.

Eine der erfreulichen Erscheinungen des poli­tischen Lebens ist das immer stärkere, ja stür­mische Hervortreten jüngerer Kräfte, dem, es be­weist, daß eine neue Generation sich mündig fühlt, dem Staate nicht nur ihre Hände, sondern auch eine neue Ideenwelt anzubieten.

Kann der Staat, können die Parteien darauf verzichten? Tlnmöglich. Heran mit allem, was sich jung fühlt, an den Staat, hinein damit in die Parteien!

Das wird zu neuen Kämpfen, aber auch zur Klärung führen. Es wird hier und da viel­leicht sogar zu heftigeren Zusammenstößen kom­men. weil der Aufbau der Altersstufen und die Verbindung ihrer geistigen Welt durch den Krieg gestört und zerrissen ist, wcil einzelne Kriegs­generationen völlig dezimiert sind und gewaltige Lücken bestehen, bie nun mit einem Male über­sprungen werden müssen. Je eher, je besser! Heran mit allem, was sich jung fühlt, an den Staat, hinein damit in die Parteien!

Das was die politisch Jungen d. h. jene Kräfte, die wirklich diese Bezeichnung verdienen an dem politischen Leben der Gegenwart be­sonders hassen und darum am ersten ändern wol­len, ist die Entwicklung der Politik zur nackten Interessenvertretung. Wirklicher Jugend war der Staat niemals eine Versicherungsanstalt auf Gegenseitigkeit. Wahrer Jugend wird der Staat immer nur die Ver - körperun g einer Idee, die Organisa­tion der nationalen Volksgemein­schaft sein.

Das, was einer der ewig Jungen unter den deutschen Dichtern, der jungverstvrbene R o d a - l i s in seinen Fragmenten bereits vor mehr als 100 Jahren als Ziel des vollkommenen Menschen hinstellte, in sich selbst ein kleine- Volk

zu fein, hat die politische Jugend aller Zeiten auf den Staat und die Parteien dahin über­tragen, daß der Staat ein Volksstaat und die Parteien wahre Vollsparkeien zu sein hätten, d. h. Parteien, die sich nur als die politischen Diener und Sachwalter der Dolksgesamtheit füllen.

Mit ihrem harten -Urteil, aber auch mit ihrem untrüglichen Instinkt wird die Jugend in den kommenden Jahren entscheiden, welche Parteien auf diesem Wege fortgeschritten sind. Sie wird aber auch mit ihren besten schöpferischen Kräften die Parteien unterstützen, die sich als wahre deutsche Dolksparteien erweisen. Diese Erwar­tung ist die Hoffnung aller, die von der Rotwen- digieit einer aufbauenden, die willigen Kräfte tzusammenfasfenden Staatspolitik unabänderlich durchdrungen sind.

Die schöpferische Jugend, die allerdings nicht an die Kalenderjahre gebunden ist es gibt politische Jünglinge mit weißem Haar und Poli­tische Greise ohne Glatze wird den Staat ewig neu aus der Welt der Ideen schassen, unb zwar Immer a ls nationalen Volks- st a a t, nicht als Klassen- und Parteienstaat und nicht als G. m. b. H. zur Wahrung bestimmter Interessen.

Sie hat für die kleinlichen Schmerzen der repu- blikairischen Beschwerdestellen ebenfotoe.rig _ Ver­ständnis wie für jene Ewiggestrigen, die immer nach rückwärts schauen. Der Republik werden ihre Kräfte in dem Maße zuwachsen, wie sie sich zu einem nationalen Volksstaat entwickelt.

Di^e Jugend immer mehr für sich zu gewin­nen, erscheint mir als eine der größten Aufgaben im kommenden Jahr«. Ihr, dem Deutsch­land der Zukunßt, Raum und Entwick- lungsmöglichkeiten zu verschaffen, war ja auch immer eines der vornehmsten Ziele unserer Po­litik. Möge den wirklich schöpferischen Kräften nicht nur bei uns, sondern in allen Ländern Eu­ropas die Wirkungsmöglichkeiten beschieden fein, sie verdienen, dann >st Europa md)t verloren.

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Hoover md die Repamionskonferenz.

Großes Interesse -es künftigen amerikanischen präsi-enien an -en Sach- verstän-igenverhan-iungen.

R e u y o r k. 29. De;. (111.) Die aus Washington berichtet wird, beabsichtigt Hoover während feine» dortigen zehntägigen Aufenthalts an Öen B e - sprechungen des Präsidenten Loo- (tbge mit Gilbert, General Dawes, Rafus Dawes und 3 o u n g teilzunehmen, da dabei die Instruktionen für die amerikanischen Beobachter der europäischen Reparationsbe­ratungen festgesetzt werden sollen. Hoover ist an die­sen Besprechungen einmal deswegen interessiert, weil er seinerzeit als üabinettsmitglied an der Reparationsschuldcnpolitik f e U ge­nommen hatte, dann aber auch, weil die prakti­schen Auswirkungen der kommenden Reparatians- abmachungcn in seine Amtvperiode fällt Hoover ist schärsster Gegner der Repara­tiv n s - und Schutdenverquickung, außer­dem gehörte er bisher zu der in Mehrheit befind- lichen amerikanischen Wirtfchaftsrichtung, die die Flüssigmachung deutscher Eisenbahn- b o n d s auf dem amerikanischen Markte größte Skepsis enlgegenbringt. Hoover wird zweifellos

Gewicht darauf legen, daß in der kommenden Sach­verständigenkonferenz nur rein wirtschaft­liche Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Aus diesem Grunde ist seine Interessiertheit stärkstens zu begrüßen. Man ist auch hier der Meinung, daß die Rheinlandräumung zur wirtschaftlichen Diedergesundung Europas gehöre. Aus diesem Grunde wurden Amerikas Beobachter zweifellos elnt starke Stühe für Deutschland fein. Line weitere Washingtoner Meldung erwartet die endgültige Bekanntgabe der Kamen der ameri­kanischen Beobachter erst nach dem Eintreffen Hoo­vers in Washington. Die oben angeführten ameri­kanischen Beobachter erklären schon jetzt, daß es schwer halten werde, eine wissenschaftliche Basis für die kommenden Verhandlungen zu finden. Deutsch­land müsse, um seinen Reparationsverpflichtungen nachzukommen, die Ausfuhr erhöhen und die Einfuhr drosseln, was sich zweifellos auf den englischen handel ungünstig auswirken werde.

Eine OeckungSvorlage der Heichs- regiernng.

Berlin, 31. Dez. (Priv.-Tel.) Den Morgen­blättern zusolge ist fest damit zu rechnen, daß das Reichsfinanzministerium nach dcr Rückkehr des Reichskanzlers den endgültigen Haus­haltsplan dem Reichska' i.-.ett vorlegen wird. Das Reichskat inctt wird aldann auch einen be­stimmten Vorschlag zur Deckung des De­fizit s machen. Das Kabinett wird sich nicht aus die Vorlage eines Leeretats beschränken. Dadurch werden indessen Verhandlungen über die Deckungsfrage mit den Par­teien, die in der gegenwärtigen Regierung durch Minister vertreten sind, keineswegs aus­geschlossen. Es darf angenommen werden, daß der Reichsrat den Haushalt für 1929 so schnell erledigt, daß für die Beratung im Reichs­tag noch genügend Zeit bleibt. Die Vorlage eines Rotetats ist deshalb auch noch nicht vorgesehen.

Eine neue Ausweisung aus Oberschlesien.

Es wird für Polen Platz gemacht.

Berlin. 29. Dez. (Sil.) Wie der demokra­tische Zeicungsdienst mitteilt, ist dem kaufmänni­schen Leiter der gesamten Plehschen Gruben, S r e i t f d) le , durch die polnische Polizeidirektion in Kattvwih ohne Angabe von Gründen d i e weitere Aufenthaltsgenehmigung auf polnischem Staatsgebiete ver- weigert worden. Gegen diese Entscheidung hat der Oberdirektor Treitschke beim Obersten

r polnischen Gericht in Warschau Beschwerde er- '' ^bau Die Klage schwebt noch, aber es ist dem v ObeiVireftor Tritschke von der polnischen Ver­waltung mitgeteilt worden, daß über den 31. De­zember hinaus eine Verlängerung der Aufent­haltsgenehmigung nicht e r f o l g en würde. Treitschke hat sich in seiner Beschwerde auf eine Verfügung des polnischen Staatspräsidenten vom 13. August 1926 berufen. Es liegt gegen ihn nicht öaä Geringste vor, sondern in dieser Maßnahme der polnischen Behörde kommt erneut das Be­streben zum Ausdruck, einen leitenden deutschen Beamten von seiner Stelle zu entfernen, u m ü t einen Polen Platz z u 1 cf) a f f e n. Es ist zu hoffen, daß die Klage Treitschkes günstig auslaufen wird. Die deutsche Gesandtschaft in Warschau hat wegen dieses Falles bei den zu­ständigen polnischen Behörden Vorstellun­gen erhoben, die leider erfolglos geblieben sind.

Oer Neujahrsempfang beim Reichs- präsi-enten.

Berlin, 31.Dez. (Priv.-Tel.) Reichskanzler Hermann Müller tritt die Urlaubsreife in den Schwarzwald unmittelbar nach Reujahr an. Am Reujahrstag ist der Kanzler noch in Berlin, um dem Reichspräsidenten die Glück­wünsche des gesamten Kabinetts zum Jahreswechsel zu überbringen. Zu diesem Zweck sind sämtliche Reichsminister, soweit sie von Berlin abwesend waren, hierher zurück- gekehrt. Der Gratulationsemp.ang beim Reichspräsidenten wird auch diesmal in dem für die Republik traditionell gewordenen Rahmein gehalten sein.

Das Jahr 1928.

Don Professor D. Or. Martin Schi an, Generalsuperintendenten in Äreslau.

Hat der (angfame Ausstieg des beutfdien Volkes, den ich Ende 1927 feststellen zu dürfen glaubte, an- gehalten? Oder standen wir still? Oder ging es gar rückwärts?

Eins muß ganj klar gesagt werden: 1928 brachte chwere Enttäuschungen. Die Locarno-Poli­tik hat die Erwartungen nicht erfüllt, die große Telle des deutschen Volks auf sie setzten. Das Rhein­land ist nicht geräumt; es ist auch gar keine Aus­sicht darauf, daß es geräumt wird. Die Besetzung greift sogar sichtlich wieder schärfer ein als früher. Frankreich bleibt zäh in der Behauptung jeder Po­sition, die es einnimmt. 1928 brachte sogar die Ueberraschung, daß der verhältnismäßig verbind­lichste der französischen Staatsmänner, Briand, Deutschland gegenüver unhöflich wurde. Das ist ein Symptom. Dazu kam die andere Enttäuschung, daß England bis zum letzten an Frankreichs Seite blieb. Deutschland ist also wieder einmal zu optimiftlfd) gewesen. Diesmal gilt das nicht bloß von dem Teil des deutschen Volks, der grundsätzlich den Franzosen und Engländern alles Gute zutraut. Rein, der Op­timismus hatte weite Kreise der Rechten erfaßt; er war sozusagen offiziell gewesen. Um so größer die Enttäuschung. Wenn wir doch endlich lernen woll­ten: Frankreich ist Deutschlands Feind in jeder Hinsicht und mit allen Mit­teln. Ganz gleich ob es freundlich redet oder grob spricht: Frankreich gönnt Deutschland nichts, auch nicht das Brot zum Sattwerden. Unb England ist, weil Frankreich die Macht auf dem Kontinent hat, Frankreichs Gefolgsmann geworden, sofern Deutsch­land in Frage kommt.

Enttäuschung und zwar in wachsendem Maß brachte auch der Völkerbund. In diesem Fall nicht bloß uns, sondern der ganzen Wett, sofern sie etwas von ihm erhofft hatte. Seine Ohnmacht ist groß, seine Schwerfälligkeit noch größer, am größ­ten ist aber der uns feindliche Machtwille der im Völkerbund Maßgebenden. Ich will hier gar nicht davon reden, ob der Eintritt in den Völker­bund richtig war oder nicht. Rach meiner Auffas­sung mußte er geschehen. Aber er mußte ohne jeden Enthusiasmus geschehen, fast ohne Hoffnung. Der Bund ist und bleibt ein Machtinstrument der gegnerischen Großmächte. Immerhin: Deutschland ist im Völkerbund ein paarmal den anderen recht unbequem geworden. Es hat Briand dazu gebrockt, daß er sich in einer groben Rede bloßstellte. Es hat durch Siresemann dem unerhört unverschäm­ten Polen Zaleski kräftig die Wahrheit gesagt. Aber was nützt alles? Der Völkerbund bleibt Frankreichs Herrschgebiet. Für viele wächst die Enttäuschung. Selbstverständlich nicht für die deutschen Pazifisten, die bekanntlich die Welt nicht sehen können, wie sie ist.

Bleibt der Kellogg-Pakt. Er konnte bisher noch keine großen Enttäuschungen bringen, weil er noch sehr jung ist. Aber daß er Enttäuschungen bringen muß und wird, zeigt schon die Erfahrung der wenigen Monate feit seiner Unterzeichnung. Alle Mächte haben feierlich den Krieg geächtet; aber die meisten Mächte rüsten weiter, ja sie rüsten sogar mehr als bisher. Frankreich hat Kriegsmöglichkeiten vorbehalten und rüstet ins ungeheure. In Amerika sagt man vom Kellogg-Paki, was Einsichti-ge längst dachten: eine Geste, nicht mehr.

Trotz der Abrüstungskonferenzen gehen die Rü­stungen weiter. Diese Abrüstungsverhand­lungen haben sich gerade 1928 als völliger Ver­sager herausgestellt. Es ist für jeden Sehenden über olle Maßen deutlich, daß weder Frankreich noch England noch Italien noch die Tschechoslowakei noch Polen auch nur im mindesten abrüsten wer­den. Sie sagen es ja selbst; vergleiche Briands Rede! Also sofern jemand auf Abrüstung hoffte Enttäuschung! Enttäuschung!

Das Jahr 1928 hat nach Absicht der deutschen Politik auch die Revision des Dawes-Ver­trags in Gang bringen sollen. Frankreich ist in diesem Stück schwerhörig. Frankreich verjchleppt. Wagt noch jemand zu hoffen? Mir scheint, daß auch hier bereits eine bittere Enttäuschung sich ab­zeichnet. Wahrscheinlich wird Frankreich sogar ver­suchen, uns noch nicht einmal jetzt die Endsumme unserer Schuld zu nennen. Es will uns in ewiger Schuldhaft halten. Sollte es aber genötigt werden, Endzahlen sestsetzen zu lassen, so wird es sie so hoch zu berechnen suchen, daß wir darüber zugrunde gehen müßten. Mit mir fragen sich schon viele ernste Menschen in Deutschland, wie lange die ge- genmärtige Praxis der Bezahlung von Schulden durch Schulden noch weitergehen kann.

Brachte die Außenpolitik Enttäuschung über Ent­täuschung, so sieht man um so begieriger auf das innere Werden. Hier scheint es doch besser ge­gangen zu sein? Wir haben keine Revolution ge­habt, wir haben wenig Streiks gehabt (dafür aber eine gewaltige Aussperrung). Man kann sagen, daß der gegenwärtige Staat sich weiter konsolidiert hat; wir haben ja auch keine Putsche gehabt! Will man das alles als Aktivposten buchen, so mag man es tun. Wenig genug ist es. Der neue Reichstag brachte sehr unsichere Regierungsverhältnisse; eine Reichs- reaierung kam ganz mühsam zustande, und sie steht auf sehr schwachen Füßen. Das Verhältnis von Reich und Ländern ist als unhaltbar erkannt; man hat begonnen, nach Wegen zu feiner Umgestaltung zu suchen, aber man hat noch keine gefunden. Das Reich und Preußen befehden sich. Das Reick und Bayern stehen sich schlecht. Neuerdings entorennt Kampf zwischen dem Reich einerseits, Baden und Sachsen anderseits. Die Reichsfinanzen stehen nicht gut; die Finanzen von Ländern wie Preußen und Hessen geben zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Wo sind die günstigen Momente? Vielleicht sieht man fte