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Nr. 257 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch, Zs Gltober 1928

Aus dem Reiche der Frau.

Krankenkost.

Von Prof. Or. Georg Honigmann, Gießen.

Dir geben im Folgenden eine Probe aus dem in der SammlungWege -um Wissen" (ülllstein, Berlin) neu erscheinen­den Bande ,Krankheitserkennt- niS und Krankenbehandlung" des Gießener Universitätslehrers Professor Honigmann.

Die Diätetik gehört zu den ältesten Versuchen, den Kranken günstig zu beeinflussen; sie ist zu den Zeiten des Hippokrates bereits sehr sorgsam gepflegt worden und heute zu einer wirklichen Wissenschaft ausgebildet, die sich nicht nur auf Erfahrung, sondern auch auf den Grundsätzen der Ernährungsphysiologie und Pathologie auf­baut. Früher begnügte sich der Arzt mit allge­meinen Vorschriften, wiereichliche, karge, milde oder kräftige Kost", wobei er manche Vahrungs- mittel und Zubereitungen verordnete, die sich in bestimmten Fällen besonders bewährt hatten, während die heutigen Vorschriften ganz ins einzelne gehen. Di« diätetischen Vorschriften sind in bezug auf die Mengenverhältnisse (quantitativ) und auf Art und Beschaffenheit der Nahrung (qualitativ) genau überlegt. Wir können zahlen­mäßig feststellen, welche Nahrungsftoffmengen jeder Mensch nach Größe und Gewicht für seinen Bestand nötig hat, daß bei manchen, den gehen oder Fettsüchtigen, die gewohnt« Menge zu groß, bei anderen wieder, den Abgemagerten, zu ge­ring ist. Es muß also das in jedem Einzelfalle notwendige Maß, das sich genau berechnen läßt, angegeben werden, damit die in beiden Fällen gefährdete Gesundheit wiederhergestellt werde. Die Beschaffenheit der Nahrung wird nach den Lebensgewohnheilen, den wirtschaftlichen Mög­lichkeiten, dem Geschmack, dem Appetit und dem vorhandenen Krankheitszustand bestimmt. Ihr« Zusammensetzung muß so sein, daß die not­wendigen Nährstoffe^ Eiweiß (Fleisch, Eidr, Käse, Pflanzeneiweih), Kohlenhydrate (zucker- und mehlhaltige Speisen, Obst, Gemüse), Fette (But­ter, Schmalz, Pflanzenfett), Salze (besonders in den Gemüsen und das Kochsalz) und Wasser in der richtigen Verteilung enthalten. Außerdem müssen, wie neuere Untersuchungen überzeugend ergeben haben, gewisse notwendige Lebensstoffe, die sogenannten Vitamine, die sich in den ver­schiedenen Nahrungsmitteln in verschiedener Menge finden, darin in genügendem Maße ent­halten fein, da ihr Fehlen besonders bei Kindern schwere Gesundheils- und EntwicklungLstörungen zur Folge hat. Nach diesen Grundsätzen soll sich bereits die Nahrung des Gesunden zusam­mensetzen, um ihn gesund zu erhalten, viel mehr aber noch die des Kranken.

Bestimmte Krankheiten des Stoffwechsels und des Verdauungsappara'.es verbieten und bevor­zugen gewisse Nahrungsmittel. Der Zuckerkrank: beispielshalber, bei dem die Verarbeitung d?r Kohlenhydrate schwer gestört ist, muß je nach dem Stand seiner Erkrankung ihre Menge ein­schränken und dabei auch die Quantität der ge­samten Nahrungsmenge für den Tag genau überwachen, da ihm ein Zuviel an Nahrung sehr schaden kann. Der Gichtkranke muß sich vor den Nahrungsmitteln hüten, bei denen Bestand­teile vorhanden sind, aus denen sich die für ihn gefährliche Harnsäure entwickelt. Ebenso ver­langen die mannigfachen (Sritanfunflcn deS Ma­gens und Darms eine sorgfältige Auswahl der Speisen, die sich der bestehenden Störung, an» passen: einmal läßt sie mehr an Milch, leichten Fetten und Degetabilien reiche Mahlzeiten, ein andermal mehr Fleischnahrung wünschenswert er- scheinen. Der Nierenkranke muß unter Ülmständen den Salz- und Wassergehalt seiner Diät ver­ringern, weil die beim Gesunden übliche Menge ihm schaden kann; Herz- und manche Nieren­kranke müssen Anzahl und Menge der Mahl­zeiten möglichst beschränken, um dem geschwächten

Die moderne DamZnschneiderin.

Von Else Rema.

Die Damenschneiderei zäh'te früher zu einem der gewinnbringendsten weiblichen Berufe, und sicher gibt es auch heute noch 'Frauen, die ihm glänzende, zum mindesten sehr ausreichende Ein­kommen verdanken, aber ansehnliche Vermögen anhäufen, wie es einst zahlreiche Schneiderinnen konnten, dürfte heutzutage kaum mehr möglich sein. Denn die Verhältnille haben sich auch auf diesem Gebiet geändert. Aus vielen Tei en des Deutscl-en Reiches kommen Kiagen über sch echten Geschäftsgang, über mindere Löhne, und man steht vor der Notwendig'.eit, die Ausbildung von Gehilfinnen einzuschränken.

3m Interesse der Berufswahl der Heranwach­senden Weiblichleit und auch sonst ist es nicht uninteressant, den Llrsachen nachzugehen, die dem sonst so blühenden Gewerbe der Damenschneideiet am empftnd.ichslen Abbruch getan haben.

Es gibt kaum einen so dehnbaren Begriff und einen Beruf, des en Möglichkeiten so weit zu spannen sind, wie der der weiblichen Schneiderei, die in früheren Jahrhunderten schwer gegen die männliche Konkurrenz zu kämpfen hatte und gegen die sie nicht aufkam, weil die Innungen die Frauen als Schneiderinnen klug zu beschränken wußten, indem man ihnen gewisse Anfertigungen über­haupt verbot.

älnzählige Spielarten gibt es heutzutage, von der Hausschnciderin angefangen bis zur ele­ganten Inhaberin des großen, tonangebenden Ateliers. Aber auch hier haben starke Wand­lungen stctttgefund.m. die den Rückgang des Ge­werbes einerseits hervorriesen während sie an­dererseits zu seiner Hebung betrugen.

Die Kunstgewerblerinnen waren es zunächst, deren Invasion Aufschwung und Abstieg zug'eich bewirkten, denn s e drängten die rein handwerk­liche Schneiderei in den Hintergrund, sie räumten zuerst mit der billigen und gedank'nl.^sen Reklame Modcs de P.-ri " auf, indem sie dafür dieindi- viduelle künstlerische Anf.rtigung" setzten und sie tatsächlich auch ausiührten.

Sie waren es, die d?n Beruf der Damenschnei- derei zu einem der gehobenen weiblichen Berufe machten, sie waren in Anatomie ausgebildet, sie

Herzen nicht zu groß« Arbeit aufzubürden. Fie­bernde bedürfen, wie man seit jeher weiß, einer sehr kargen Ernährung; bei manchen Kranken ist die Einführung von sogenannten Hungertagen mit einer Art Scheinnahrung, die so gut wie gar keine Nährstoffe enthält, ein dringendes, sehr nützliches Gebot. Die zulässig« Menge von Flüs­sigkeiten ist bei einer großen Anzahl von Krank­heiten aufs strengste zu überwachen. Genuhmittel wie Tee, Kaffee, Alkohol und Nikotin sind bei manchen Leiden ganz äu verbieten, bei anderen nur in der bescheidensten Menge zu gestatten, wenn sie aus gewichtigen persönlichen Gründen nicht entbehrt werden können.

So erwächst dem Arzte die Pflicht, jedem Kranken nicht nur nebenbei, sondern an vorderster

Stelle Ernährungsvorschriften auszuarbeiten, die dem Kranken sowohl die allgemeinen Grund­sätze seiner Ernährung klarmachen, als ihm die Möglichkeit geben, innerhalb dieser Grenzen sich ausreichend seiner Lebenshaltung, seinem Ge­schmack und seinem Appetit entsprechend zu er­nähren. Nie dürfen die Bestimmungen so sein, daß der Kranke sie als lästige Qual empsindet, weil sie sonst nicht lange durchzeführt werden können, was bei chronischen Krankheiten uner­läßlich ist. Die Mahlzeiten sollen ihm wie dem Gesunden ein Vergnügen sein und dürfen ihm nie soweit sich dies durchführen läßt, das Be­wußtsein des Krankfeins steigern; diee seelischen Beziehungen sind immer zu berücksichtigen.

DaslaufendeBani)"imHaushali.

Schont die Hausfrau! Wie die Hauswirtschaft verbessert werden kann. Zwölfmal jährlich mit dem Kohleneimer aus die Zugspitze. Motor statt Dienstmädchen. Oer Herd mit Alarmglocke.

Von Herbert Ruland.

Kürzlich hielt Dr.-Jng. Mengering. hausen in Berlin im Verein deutscher In­genieure einen aufsehenerregenden Vortrag überSngenieurprobleme im Haushalt". Unser Mitarbeiter beschreibt hier die mannig- ! faltigen neuen Möglichkeiten, der Hausfrau ihren schweren Beruf auf billige Weise zu erleichtern.

Die Ingenieure, die stolz darauf sind, daß wir dank ihrer Kunst fast keine Entfernung mehr kennen und uns das Reich der Lüfte untertan gemacht haben, scheinen sich jetzt dankbar des Ausgangs­punktes all ihres Wissens und Könnens zu erinnern. Wann begann die Technik? Als der Mensch eine schüttende Hütte baute und die Kunst des Feueran- machens fand. Aus dem menschlichen Heim, der Höhlenwohnung oder dem Pfahlhaus, nahm die Technik ihren den ganzen Erdball erobernden Sie­geslauf. Diesen Ursprung haben die Techniker all­mählich vergessen; um die Ausgestaltung des haus- lichen Lebens nach technischen Grundsätzen hat sich der Ingenieur bis jetzt wenig gekümmert. Die Sor­gen der Volkswirtschaftler, der Industriellen suchte er zu verringern, aber die Sorgen der Hausfrau, von deren Tätigkeit in erster Linie die Behaglichkeit un­seres Heims abhängt, waren ihm ziemlich gleich­gültig.

Das bestätigte auch Dr.-Jng. Mengertng- häufen in einer aucy von Frauen besuchten Ver­sammlung des Berliner Bezirksvereins Deutscher Ingenieure in seinem VortragI ng e n l e u r p r o - bleme im Haushalt". Der Techniker ist stolz darauf, wenn er im Bergbau zeigt, wie durch ratio­nelle Förderanlagen die Kohlengewinnung ohne Mehrkosten um wenige Prozent erhöht oder durch planmäßige Ausnutzung des Brennstoffs im Eisen- bahnverkehr der Kohlenverbrauch um ein bis zwei Prozent verringert werden kann. Aber im Haushalt wird oft eine unerhörte Verschwendung mit den Feuerungsmaterialien getrieben, eine Ersparnis von zehn, zwanzig und sogar dreißig Prozent ließe sich bei der Ofenheizung leicht erzielen, und man könnte dabei doch die gleiche behagliche Zimmertemperatur erreidjen. Im modernen Fabrikbetrieb wird der Gang der Arbeit so eingerichtet, daß nach Möglich- keit alle überflüssigen Wege vermieden werden. Der zu verarbeitende Gegenstand kommt oft auf dem fließenden Band'" zum Arbeiter. Wie sieht es im Haushalt aus? Hunderte von Kilometer legt die Hausfrau im Jahr bei ihrer Tätigkeit im Helm zu- rück. Der Geist der neuzeitlid)en Technik fehlt im Haushalt; auch in der Hauswirtschaft ist im über­tragenen Sinn das Kaufende Band" nicht zu ent. behren.

Der Techniker beurteilt den Wert einer Arbeit nach ihrem Wirkungsgrad, und da muß er die häus­liche Arbeit sehr niedrig einschätzen. Das ist keines. .......in«iimm iiiiiuimi ....................

wegs die Schuld der Hausfrau. Wie man sich bei der Rationalisierung des Fabrikbetriebes erst über den Gang der Herstellung vom Rohstoff bis zum Fertigerzeugnis volle Klarheit verschaffen mußte, so ist eine genaue Erforschung des Hausbetriebes die Grundlage planmäßiger Ingenieurarbeit im Haus­halt. Erst aus der Eigenart des Hausbetriebs er­geben sich die besonderen Aufgaben für den Archi­tekten, den Bauingenieur, den Installateur, den Wärmeingenieur, den Kältetechniker und den Kon- strukteur hauswirtschaftlicher Geräte. Eine sehr große Arbeitsverminderung ließe sich schon bei im­mer wiederkehrenden Arbeiten durchführen, beim Abwaschen, Reinmachen, Abräumen. Doch werden sogar seit langem gewonnene Erkenntnisse nicht oer- wertet. Seit mehr als 20 Jahren weiß man, daß es weit vorteilhafter ist, wenn sich beim Abspülen die Abtropfvorrichtung links von der Arbeitenden be- findet. Trotzdem findet man zahlreiche Haushaltun- gen, in denen sie rechts angebracht ist.

Welche Unsumme unnützer Arbeit wird beim Kochen verloren! Dabei wäre es sehr leicht, Einrich­tungen einzuführen, wie sie Amerika schon seit eini­ger Zeit kennt. Da hat jeder Herd seinen 2Ilarm- mecker und seinen Temperaturregler für die ver­schiedenen Speisen. Für Suppen, Fleischgerichte, Kartoffeln sind auf einer Tabelle die Kochzeiten und die Kochtemperaturen verzeichnet; danach stellt man ein. Gleichzeitig ist auch die Kochzeit vermerkt. Sobald diese abgelaufen ist, läutet die Alarmglocke, und die Flamme erlischt von selbst Während der Kochzeit braucht sich die Hausfrau nicht mehr um die Bereitung des Essens zu kümmern Welche Arbeit verursacht es, die Kohlen aus dem Keller nach der vier Treppen hohen Wohnung zu schaffen? Die Arbeit, die eine solche Frau leistet, ist ebensogroß, als wenn man zwölfmal die Zugspitze besteigen würde. Der Architekt ist eben bei der Gestaltung der Wohnung rein gefühlsmäßig oorgegangen, ohne sich um praktische Bedürfnisse zu kümmern. Außerordent­lich Diel Staub und Schmutz setzt sich auf den Trep­pen an, der durch Anbringung besonderer Klötzchen vermindert werden könnte. Dr.-Jng. Mengering- hausen tritt ferner für besondere Vorratskammern ein, in denen man die verschiedenen Lebensmittel aufbewahren kann. Er will ßüftungs- und Kühlem- ridjtungen miteinander verbinden, er ist ein Ver- fechter der warmen Luftheizung. Auch unsere Be- leuchtung steht nicht auf der Höhe. Das Ideal wäre das sog.kalte Licht", bei dem so gut wie gar keine Wärmeentwicklung stattfindet Die jetzt noch übliche Art der Beseitigung des Mülls verrät durchaus keinen fortschrittlichen und ted)nischen Geist. Der Motor müßte weit mehr als bisher im Haushalt eingeführt werden. Ader man sollte nicht für jeden Gegenstand, für Staubsauger, Parkettbohner, Kar- toffelschälmaschine usw., einen besonderen Motor be-

hatten die Kunststickerei erlernt, sie brachten histo­rische Kenntni s« mit imb nicht zuletzt ein sicher erzogenes künstlerisches Empft den.

Die Klmstgewcrb «rinnen ersä.i.nen mit der Re- formmode zugleich auf d.r Di.d.läche. Daß die letztere sich nicht durch e^te. war nicht ihr Ver­schulden, man war zu früh mit Neuerungen ge­kommen, für die die damalige Zeit nicht rftf genug war; der geistige Zusammenhang zwischen der Mode und der Konjunktur war nicht herge- stellt und darum mußte scheitern, was Jahrzehnte später sich zur Vollendung entwickelte.

Aber die gebildete Frau hatte ihren Einzug unjoiderruflich in das Gewerbe und K inftaewerbe der Damenschneiderei gehalten; daß sie jene Kleidermacherinnen mit der Zeit verdrängen muß­ten, die nichts als die manuelle Vorbildung mit- brachten, farm nicht Wundernehmen.

Denn das individuelle K eid, das künstlerische Gewand, das sogenannte Stift eid war nur ein­mal geboren, und in sämtlichen K mstschulen Deutschlands wurde mit Erfolg auf die,er Ba.is weitergearbeitet.

Aber auch den Kunstgewerblerinnen erwuchs Konkurrenz und Einbuße durch die Vermänn­lichung der weiblichen Mode, die sich teils aus Laune, aus Lust an der Veränderung und aus Gefallen an den Extremen durchsetzte, gleichz i ig aber auch, weil sie den Dedürfni fen des heutigen sporttreibenden und berufstätigen weiblichen Ge­schlechts entspricht.

Man braucht nicht Paul Po tret zu heißen, und man braucht nicht wie er ein Modekönig gewesen zu sein, um den Niedergang der Schnei­derei zu beklagen; do-ch sein Stoß eufzer ist z:it- gernäß, er kennzeichnet die Verhältnisse, die den Niedergang der Damenschneiderei herbei, ührten, unter der nicht bloß die deutschen, sondern auch die französischen K eidermacherinnen leiden.

Meine Erfindungsgabe ist unnütz, und meine Phantasie kann sich in Sacklcinewand begraben lassen", stellt Poiret fest, indem er hinzusügt, alle Poesie ist aus der Mode geschwunden."

Nicht die Poesie, sondern mehr noch der Ballast, das Brimborium, das den weiblichen Körper nur zu sehr belastete und dem Geldbeutel Opfer auferlegte, ist ausgeschaltet. Man braucht sich nur das Bild einer Dame von vor fünfund­zwanzig Jahren ins Gedächtnis zurückzurufen.

um mit Schaudern an alle jene Zutaten zu denken, die sie mit sich herumschleppte und die tagelange Schneiderei beanspruchten. Wo war nicht überall Steifgage angebracht, wo befanden sich keine Fischbeine und Stäbchen, wie viele Haken und Oesen waren zu schließ m, wie viele Gurt bänder trug die Frau auf sich herum?!

Und nicht nur das. Man erinnere sich des komplizierten Schnittes des Fraucickleides, der Taille, die wieangegossen" sitzen mutzte, der Aermel, die nach oben Schinken und nach unten Futterale waren, der Röcke, die wie ein Falten- meer um die Trägerin wogten und beileibe nicht etwazipfeln" durften! Man hatte sogar kleine Instrumente erfunden, die es der Schneiderin ersparten, halbe Stunden lang auf dem Fuß­boden zu liegen und den Saum des Rockes im Schweiße ihres Anges chts zu egalisieren.

Ein Kleid sich selber arbeiten, hi eh beinahe ein Kunstwerk bauen, und nur ganz geschickte Fraueichände, von Natur begabt und mindestens durch einen Kursus in die Elemcntargründe des Gewerbes eing.führt, konnten sich daran wagen; aber nur selten kam ein Resultat zustande, das sich mit dem Erzeugnis einer zünftigen Schneider­kunst hätte messen dürfen.

Was selbst ein Prophet auf dem Gebiet der Mod« nicht hätte prophezeien können, was selbst Künstler und Kunstgewerbler, die einst die Re- formkleider propagierten, nicht zu träumen wag­ten. trat ein, heraufbeschworen vom Geist einer neuen Zeit, von einer Weiblichkeit, die auch in den Staaten der sogenannten Sieger umgelernt hatten. umlernen mußten.

Das Iumperkleid. die Sweater die Pullover, die plissierten Röcke, die dec Kunst der Schneide­rin gänzlich entraten können, die die Frauen selb- ftäntug machten, nicht nur im schwierigen Werk des Ankleidens, sondern auch der Anfertigung haben Daseinsberechtigung b.kommen, sind auf den Schild der Mode siegreich erhoben.

Die Schneiderin begann das Los der Putz­macherin zu teilen, deren Genie von der Mode der vermännlichten Filzhüte sozusagen kallgestellt wurde. Di« Straußenfeder braucht nicht mehr graziös zu wippen, es bedarf keiner kunstvollen Rosetten mehr, und die Blume, die heute etwa die Krempe ziert, liegt flach auf. wie aufgepreßt, auch von Dilletantenhand zu meistern

nützen, es wäre vielmehr ein Universalmotor zu kon­struieren, der ohne weiteres für die verschiedenen Vorrichtungen umgestellt werden kann

Uebrigens ist die Technik im Heim nicht eine Frage des Einkommens; wie es heute felbstoerständ- lid) ist, daß fast jeder seine Uhr in der Tafchc hat, und die Kunst des Lesens und Schreibens beherrscht, so wird auch eine Zeit kommen, in der ein Umge­stalten des Haushalts nach rein technischen Grund­sätzen etwas Selbstverständliches ist

Um das aber zu erreichen, muß nidjt nur die Hausfrau technisch denken lernen, auch der Ingenieur muß bei der Hausfrau, wie verschiedene Redner in der Diskussion betonten, in die Schule gehen. In­genieur Riebe, der bekannte Pionier der Kugel- lagertedjnit, schilderte mit vielem Humor, wie er in den Flitterwochen seiner Ehe seinen Haushalttech- visieren" wollte. Da sollte auch eine Scmmelreibe- maschine eingeführt werden. Eines Tages aber ge­stand ihm seine Frau, sie wolle davon nichts wissen, sie hätte mit zwei Freundinnen die Sache erprobt, und da hätten sich ganz schreckliche Dinge zugetragen. Der Tisch, auf dem die Maschine stand, raste fast durch die Küche, nur mit Mühe konnte die eine Freundin das hölzerne Ungestüm bändigen, aber geriebene Semmel gab es nicht. Der besorgte Gatte und sachverständige Ingenieur ließ fid) nun die Sache vvrführen. Da stellte sich folgendes heraus: Die Deffnung der Reibemaschine war viel zu groß. Während die eine Freundin mit Gewalt die Sem­meln hineindrückte, wurde die Reibetrommel platt gedrückt, trat also gar nickt in Tätigkeit. Die immer stärker aufgewandte Kraft beim Drehen teilte sich nun dem Tisch mit, der in Bewegung kam E'ne Dame stopfte die Semmeln hinein, ole zweite suchte zu drehen, und die dritte hielt den Tisch fest. Don da an verzichtete der Techniker Riebe auf die Mo­dernisierung in seinem Haushalt.

Die technische Gestaltung der Wohnung muß dem Innenarchitekten entrissen werden, damit der Inge­nieur mit der Hausfrau Hand in Hand arbeiten kann. Verschiedene Frauen machten darauf aufmerk­sam, wie unpraktisch in unserem technischen Zeitalter die Hauseinrichtungen sind. Da ist z. B. der Aus­guß viel zu hoch. Eine ganze Reihe von Arbeiten, etwa spülen und bügeln, ließe sich ebenso gut im Sitzen verrichten, wenn nur die Einrichtungen ent­sprechend wären. Hausfrauen und Techniker wissen, daß der Ausguß am besten in einer Höhe von 40 Zentimeter über dem Fußboden angebracht wird: aber man sehe sich einmal die Küchen daraufhin an.

All diese Verbesserungen und manches Gute ist schon geschaffen worden werden nicht ohne den sachverständigen Rat der Hausfrau durchgcsührt wer- den können. Der Ingenieur darf nicht vom grünen Tisch aus konstruieren. Außerdem" darf man nicht vergessen, daß in den meisten Haushaltungen die Frau auch wirklich tätig ist. Rur sieben bis acht Prozent aller Berliner Haushaltungen z. B. arbeiten mit einer bezahlten Hilfskraft.

Hausfrau und Hand.

Don Ruth Goeh.

In früheren Jahren waren tri« verarbeiteten Hände der Frau maßgebend für ihre Tüchtigkeit im Hause. Die Wirtschaftlichleit stand hn um­gekehrten Verhältnis zu chrer Eiaenpslege, so meint« die Welt. Glücklicherweis« hat sich auch hier em Wandel vollzogen, und die Frau der Gegenwart ist darauf bedacht, den QEihnenfd)en, dem Heim, den Kindern, besonders aber dem Mann einen erfreulichen Anblick zu bieten. Die Hausfrau von heute achtet darauf, datz die Ar­beit die Ausdruckssähigkeit und die Schönheit ihrer Hand nicht verdirbt. Es sind da einig« Ratschläge zu befolgen, die nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, nicht etwa eine vermehrte Arbeit mit sich bringen. Oberstes Gesetz ist, daß die Haut nicht spröde und rissig wird. Die Haut darf nicht naß bleiben, wenn sie bei der Tätig­keit mit Wasser In Berührung kommt. Sie soll richtig abgetrocknet werden, so daß auch nicht die Spuren der Feuchtigkeit sich festsaugen kön-

Konfektion und Weiblichkeit begriffen die Kon­junktur. und ein übriges taten die deutschen Frauenzeitschriften, di« heute an der Spitze aller internationalen Zeitschriften marschieren, mit ihren xur höchsten Vollendung entwickelten Schnit­ten. die die Kundin in den großen Häusern zu­gleich mit dem Stofs kaufen kann.

Paris und Berlin, di« beiden bedeutenden Zentren, Wersen Iumperkleider und Pullover usw. in Massen und zu billigen Preisen auf den Markt, von so entzückendem Reiz in Machart und Stofflichem, daß heutzutage demfertigen Kleid nichts mehr von dem Odium von einst anhaftet.

Wenn eine Dam« heute ein besonders reizendes Kleid trägt und man fragt sie nach der Schöpfe­rin, so wird in sieben von zehn Fällen die un­ausbleibliche Antwort lauten:Ach, das habe ich mir selbst gemacht, ich habe mir einen Schnitt gekauft."

Mod« und Weiblichkeit sind immer extrem und so kann es kaum wundernehmen, datz das Ge­schlecht der Berufsfrauen und Sportsiegei-innen di« Amat.u.in in der Schneid, rkunst entwickelt hat.

Di« einst so begehrte, verhätschelte Hans- schneiberin hat heitte schweren Daseinskampf zu kämpfen, mit ihr die kleinen und größeren Schnei­derinnen, während die Konfektion noch immer einen Riesenbedars an Arbeiterinnen, besonders von sog. Modellschneiderinnen, zu verzeichnen hat. Aber auch hier macht sich bereits der Ilm- sd-wung bemerkbar, man verlangt Frauen mit Erfindungsgeist, mit Zeichentalent kurzum, die hervorragenden Begabungen. Die Schneiderinnen mit Bildung und kunstgewerblicher Ausbildung tragen auch hier den Sieg davon.

Man wird unter solchen Verhältnissen bei der Berufswahl sehr genau unterscheiden müssen, wel­chen Weg die Kandidatin einzuschlagen hat, und jene, deren Mittel es erlauben und wo die ent­sprechende Begabung vorhanden ist, wird gut daran tun, sich mit einem Höchst matz von Fertig­keiten und Kenntnissen auszurüsten, um ihrer Laufbahn nicht von vornherein unerwünschte Be­schränkung aufzuerlegen. Es gibt auch weibliche Genies, denen alles angeboren ist, was die große Schneiderin macht, aber Genies sind Ausnahmen und können nicht als Vorbild aufgestellt werden.