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Nr. 257 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Mittwoch, Zl. Gttober 1928
6r|d)etm tägltd),oufeet Sonntags and feiertags.
Beilagen;
Bietzen« fjamilienblätta Heimat im Bild Die Schalle.
DTonats-FejugspreU;
2 Reichsmark und 20 ReichspfeRnig für Trüge» lohn, auch bei Richter» scheinen emgelner'Jlummen* infolge höherer Gewalt. $ern|pred)an|d)lüf|e:
61, 54 und 112
Nnlchrifl für Drahtnach^ richten Anzeiger Ließe». pofl|d?e<flonto;
granffurt am Main 11686.
GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
VrnS vnd Verlag: vrühl'sche Untverfitätr-Vuch' und Stdnöraderd R. Lange in Stehen. Schriftlettung und Sefchäftrstelle: Zchullttahe 7.
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Chefredakteur
Dr. Friedr Will) Gange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Gange für Feuilleton Dr H.THynot, für den übrigen Teil Ernst $lum|d)ein; für den An. zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen
Mit direktem Kurs auf Friedrichshafen.
Günstiger Verlauf der Fahrt.
Friedrichshafen, 31. Ott. Der Flug de» ,„0raf Zeppelin" scheint programmäßig zu i> erlaufen. Am Dienstag, 12 Uhr (mitteleuropäische Feit), wurde das Luftschiff 300 Meilen nordöstlich oon Kap Race (Neufundland) gesichtet. Um 13.19 Uhr (mitteleuropäische Zeit) meldete der Schnelldampfer „Naurelanla": „hatten eben Verbindung mit „Zeppelin", alles wohl an Bord, nehmen an, bafj er cflroas nördlich, aber nicht mehr als 50 Meilen, von u n» ist. Unsere Position mittags ist 45. Grad 53 2TUn. Jlorbbreile, 41. Grad 50 Rlin. Westtänge. Ls herrscht Slurm mittlerer Stärke aus Südost."
wahrend des Tages sind nur spärliche Nachrichten der Fahrt des „Graf Zeppelin" in Friedrichshofen eingelaufen. Zwischen 17 und 18 Uhr befind sich das Luflschifs auf dem 35. Grad westlicher Länge und zwischen dem 40. und 45. Grad nördlicher Breite. 3n diesem Zeitpunkt hatte er bereits blc Hälfte der gesamten Strecke hinter sich. Die Alarschstrecke dürste bereits über 4500 Kilometer ausmachen. Sie ist länger als die kürzeste Route, weil das Schiss einen großen nach Südosten offenen Bogen ausgesührt hat. Daß das Schiff schon bis . je hl ausgezeichnete Zeit gemacht hat, geht am heften aus einem Vergleich mit der Europafahrl hervor, bei der es gut 34 Stunden unterwegs war utib etwa 3000 Kilometer zurückgelegt hat, also in derselben Zeil, die es bisher gebraucht hat.
Nach einer drahtlosen Meldung des holländi- fchen Dampfers „wefterdyk" befand sich der „Graf ijeppelin" am Mittmochfrüh 0.15 Uhr Greenwicher 3<11 auf 48 Grad, 47 Minuten nördlicher Breite ueib 22 Grad 5 Minuten westlicher Länge, also ctwa 1000 Kilometer von der Südweslküste Irlands mit südöstlichem Kurs bei nördlichen winden utib schönem Wetter. Um 5 Uhr morgens Greenwicher Zeit war der Standort des „Graf Zeppelin" 48 Grad nördlicher Breite und 15 Grad 5 Minuten westlicher Länge.
Aus die französische Küste zu.
Friedrichshafen, 31. Okt. (TU. Drahtnachricht.) Nach e'.nem Funkspruch von Bord des „®raf Zeppelin" befand sich das Schiff um 11 Uhr normilfags (MEZ) etwa 220 Kilometer w estlich oon B r e ff. Nach dieser Standortmel- btitig nimmt man in Lustkreisen an, dah bas Schiff direkten Kurs aus Brest nimmt und gegen 1 Uhr das Fe st land überfliegen roirb. Für den Rest des Fluges gibt es zwei Möglichkeiten, einmal die Südroule mit Ueberflie- gwng von V ordeaux, Lyon und Bafel otar von Brest den geraden östlichen Kurs unter Umifliegung der sranzösifchen Feslungsgebiete über bi» Saargebiet, der Nordpfalz und über einen Teil von Baden, welche von beiden wegen bis Luftschiff nimmt, hängt von der Wetterlage in Frankreich ab.
Friedrichshafen rüstet zum Empfang.
Friedrichshafen, 30. Olt. (WTB. — Nmi Sonderberichterstatter des WTB.) LnKrei- lem des Luftschiffbaues rechnet man jetzt damit, dach der „Graf Zeppelin" doch erst am Don- a«» r s 1 a g v o r in i t t a g hier eintreffen wird, ßs wäre zwar möglich, das) er schon am QKitt* Lich in Deutsch.and wäre, aber den Heimathafen er ft nach Eintritt der Dunkelheit erreichen könnte. Sn diesem Falle wird das Schiff wahrscheinlich bi« Nacht über kreuzen oder einen älmweg etwa iber (Berlin machen, um dann bei Tageslicht in Friedrichshafen landen zu linnen.
Inzwischen sind hier alle Vorbereitungen für den Empfang im Gange. Die Ho- :;I8 sind bereits überfüllt. Der Luftschiffbau hat di-esmäl Geiegenhe t geschaffen, dah möglichst vie'e üeule die Landung des Luftschiffes aus der (Nähe beobachten können. Er hat einen Teil des Platzes gegen ein Eintrittsgeld für die zu erwartenden 3»schauermengen zur Verfügung gestellt.
Aeneraldirektor Eolsmann vom Luflschifs- bm hatte heute abend eine längere Konferenz nnt den beteiligten Stellen über die Gestaltung bei Empfanges für „Graf Zeppelin'. Es werden übrigens zahlreiche hervorragende Ehrengäste zetoartet, so hat der Reichsverkehrs- minister v. Guerard fein Erscheinen zu- gefagt. Außerdem werden voraussichtlich Der- trtter des württembergischen Ministeriums kom- m-m, ferner Vertreter des Reichsrates und der l> trlamente, der Hapag und des (Norddeutschen Whd und bec Vorsitzende des Aufsichtsrates bfct Deutschen Lufthansa.
Günstige Wetterlage.
Der Bericht für Mittwoch.
Hamburg, 30. Okt. (TäT) Das Seeflug- ttfetat der Hamburger Seewarte gibt über die Detterlage aus dem Atlantischen Ozean u m 23 il b r den nachstehenden Bericht: Der Wetter- a«e auf dem (Nordatlantischen Ozean gibt ein
umfangreiches Hochdruckgebiet das Gepräge, das mit Barometerständen von 775 Millimeter zwischen dem 25. und 30. Grad westlicher Länge und 40. und 50. Grad nördlicher Breite liegt. Diesem Hochdruckgebiet liegt e i n Tief gegenüber, das mit dem Barometerstand von nur 735 Millimeter westlich von Schottland sich befindet. Infolge des starken Luftdruckgefälles herrscht am (Nordostabhang des Hochdruckgebietes scharfböige nordwestliche Luftströmung, die stellenweise eine Geschwindigkeit bis zu 70 Kilometer pro Stunde erreickst. Dabet sind tn der Aordwestströmung schrittweise Regen - und Hagelböen emgelagert. Südlich vom 48. Grad nördlicher Breite herrscht dagegen schwachwindiges ordentliches Flugwetter. Am westlichen Abhang d.S Hochs wehen südliche bis südwestliche Winoe, die 20 bis 40 Kilometer pro Stunde erreichen. Nachdem das Luftschiff von dieser südlichen bis südwestlichen Strömung in das Gebiet der nordw stlichen Winde eingetreten ist, wird es voraussichtlich schnelle Fahrt nach Osten machen.
Oer blinde Passagier.
Friedrichshafen, 30.Okt. (WTB.) Sehr interessant ist die Frage, was aus dem blinden Passagier des „Graf Zeppelin", Clarence Terhune, werden soll. Nach Erkundigungen an zuständiger Stelle wird er bei der Landung zu- nächst oon der Polizei festgehalten werden, die prüfen muß, ob er ein Visum oder überhaupt einen Paß hat. Gegen ein solches Paßvergehen würde auf eine möglichst niedrige Geldstrafe von vielleicht 20 Mark zu erkennen sein. Wenn die Bestimmungen oder Weisungen von höherer Stelle es gestatten, wird aber auch diese Strafe zweifellos niedergeschlagen werden. Das Betrugst iit dürfte kaum Vorliegen, weil Mitfahren gegen Bezahlung nicht möglich war, also die Absicht, den Luftschiffbau um das Fahrgeld zu prellen, kaum vorgelegen hat. Der Junge hat eben das ganze zweiffelos als eine sportliche Wageleistung angesehen,
und so wird fein Unterfangen hier auch durchaus beurteilt Ja, man nimmt es sogar von der humoristischen Seite auf. Der amerl- konische Konsul in Stuttgart wird morgen selbst nach Friedrichshafen kommen und, wenn die Führung des „Graf Zeppelin" gün- ftig über das Betragen des Jungen aussagt, die erforderlichen Papiere ausstellen. Er hat bereits zu erkennen gegeben, daß er sich des Jungen annehmen will. Die Zweigstelle Aachen der Firma Leonhard Tietz A.-G. hat gestern Abend an Clarence Terhune bereits ein Telegramm aufgegeben, in dem sie ihm sofortige Anstellung in ihrem Geschäft anbietet.
Clarence Terhunes frühere Streiche als blinder Passagier.
Berlin, 30. Okt. (TU.) Clarence Terhune, der durch feinen tollen Streich über Nacht berühmt geworden ist, ist der Sohn eines in St. Louis wohn, haft gewesenen Barbiers, der anfangs Juni mit feiner Frau Selbstmord begangen hat. Nach dieser Tragödie habe sich der junge Terhune als b l i n - der Passagier auf einem Ozeandampfer eingeschlichen und den Stillen Ozean befahren. Vor zwei Jahren soll er auf Schusters Rappen eine Reise von St. Louis nach San Franzisko und zurück gemacht haben. Auf feinen Wander- touren durch die verschiedenen Staaten sei er zum berufsmäßigen Golfjungen geworden. Vor einigen Monaten habe er sich sogar auf ein Kriegsschiff geschlichen, das ihn bis Alaska gebracht habe. Vor drei Monaten sei er wieder plötzlich bei s inem Schwager in St. Louis aufgetaucht, um aber schon nach einigen Tagen wieder zu verschwinden. Dann hätten feine Verwandten erst wieder von ihm gehört, nachdem er Zeppelin-„Passa- gter“ geworden war. Seine Zimmervermieterin habe feine andere Begründung für feine Flugabsicht gefunden, als die: „Clarence liebt es fo sehr, zu wandern und neui Orte zu sehen. Er ist ja auch niemals vorher in Deutschland gewesen!"
Ein deutscher Schritt in Pans, London nnd Sriiffet.
Paris, 30. Oft (DB.) Botschafter v. h ö f ch hatte heute eine einstündige Unterredung mit dem französischen Außenminister B r i a n d. Der gestern nach Paris zurückgekehrte Botschafter benutzte diese Unterhaltung zunächst zu einer politischen Aussprache allgemeiner Art. 3m weiteren verlause der Besprechung wurde ein Meinungsaustausch über die Einsetzung des in Genf beschlossenen Sachoer st ändigenausschusses zur Regelung der Reparationssrage eingeleitet. Botschafter v. htzsch wird morgen mittag um zwölf Uhr von dem Ministerpräsidenten p o i n c a r e in der gleichen Angelegenheit empfangen werden.
Lin ähnlicher Schritt wie in Paris, ist auch In , London erfolgt, wo der deutsche Geschäftsträger, Bolschastsrat Dieckhofs, im Foreign Office beim stellvertretenden Staatssekretär des Aeuheren, Lord Eushendun, vorsprach und mit ihm eine längere Unterredung hatte. Mle der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet, wird die britische Regierung ihre Haltung gegenüber den deutschen Angelegenheiten in einigen Tagen bekanntgeben. vorher wird ein weiterer Meinungsaustausch mit den anderen interessierten alliierten Regierungen gepflogen werden, die in üblicher weise von dem deutschen Standpunkt in Kenntnis gesetzt worden sind.
Auch der deutsche Gesandte in Brüssel, Horstmann, hatte mit dem belgischen Minister des Auswärtigen, Hymans, eine Unterredung über die bevorstehende Aufstellung der Sachverständigenkommission. Die bculfdje Regierung hat den Wunsch, daß die Sachverständigen unabhängige Persönlichkeiten sind, die auf Grund ihrer Sachkunde in Finanzfragen berufen werden, was ermöglichen würde, dah auch die amerikanischen Interessen in der Kommission eine Vertretung finden. Hymans behielt sich vor, dem deutschen Gesandten in einigen Tagen von der Auffassung der belgischen Regierung Mitteilung zu machen.
Falscher Giart.
Herr Poincare hat es nicht abwarten können, bis der deutsche Botschafter bei ihm vorsprach und ihm die Vorschläge der deutschen Regierung wegen des Zusammen- tretens der Reparationskommiss.on überbrachte. Er hat bereits in einer seiner üblichen Sonntagspredigten seine Antwort zum Teil vorweg- genommen und in dem Sah zusammengefaht, daß Frankreich bereit Wäre, alle ihm vorgetragenen Bitten anzuhören. „Bitten"? Das ist doch wohl ein Irrtum, Herr Poincare. Davon war nie die Rede, daß Deutschland antichambrieren und Bitten vortragen soll. Die Zeit ist hoffentlich endgülttg vorüber, nur Herr Poincarä hat es noch mcht gemerkt — oder will es nicht merken. daß seit dem Londoner Ultimatum auch in der' geistigen Einstellung einige Jahre vergangen sind. Wenn der französische Ministerpräsident
diese Formulierung nur gewählt hätte, um seinem rechten Flügel die Rotwendigkeit eines Umbaues des Dawes-Gutachtens schmackhaft _ zu machen, dann könnte man stillschweigend darüber hinwegge hen, an sich brauchen ©tiqueltefragen nicht in den Mittelpunkt gerückt zu werden; aber hier handelt es sich doch um mehr, Poincare rüttelt damit an den Grundlagen, auf denen allein die Aussprache über die Festlegung der deutschen Kriegsentschädigung aufgebaut werden kann, ülnd deshalb ist es notwendig, schon in den Anfängen einer derartigen Beweisführung entgegenzutreten.
Natürlich, das wäre fabelhaft einfach, wenn Frankreich nur die Bezahlung seiner Schulden an Amerika und was es sonst gern noch von Deutschland zum Ausgleich seines Etats haben möchte, in einen großen Topf wirft, in den dann auch noch die Ansprüche der andern Siegerstaaten kämen und Deutschlands Mitwirkung sich lediglich darauf beschränkte, den Gesamtbetrag, der sich dadurch ange- iammelt hat, zu bezahlen. Aber fo geht das nun doch wirklich nicht. Ausgangspunkt der ganzen Verhandlungen kann nur der fein, was Deutschland zu zahlen vermag, und diese Summe muß dann fchlüsselmäßig auf die Gläubiger umgelcgt werden. Ob das in Form von Jahreszahlungen geschieht oder durch den Versuch einer Kapitalisierung ist eine zweite Frage, aber primär ist jedenfalls u n - sere Leistungsfähigkeit. Das liegt auch im wohlverstandenen Interesse von Frankreich. Denn was hat es schließlich für einen Sinn, auf dem Papier mit hohen Milliardenzahlen zu protzen, die nachher nicht einzubringen sind, zumal da eine Wiederholung des Nuhreinbruchs wohl auch nach französischer Auffassung eine Unmöglichkeit ist.
Wir werden also in der Kommission keine Bitte vortragen, wir sitzen als gleichberechtigtes Mitglied und werden unsere Unterschrift unter den Wechsel nur setzen, wenn wir die Ueberzeugung haben, daß die neuen Verpflichtungen, die wir eingehen, auch tragbar sind. Sonst bleibt es eben bei dem Dawesplan, folange bis auch Herr Poincarö eingesehen hat, daß die 2,5 Milliarden vielleicht durch die Steuerschraube in Deutschland herausgeholt, aber nicht in Form von Devisen für die Sieger nutzbar gemacht werden können. Dieser Nachweis ist ohne eine schwere Wirtschaftskrise in Deutschland nicht zu erbringen, indessen der Preis wäre immer noch billiger als eine auf Jahrzehnte verlängerte finanzielle Last, die unserer Wirtschaft die Wiederaufrichtung unmögiich machen würde. England und die einseitige Abrüstung des Kontinents.
London, 30. Okt. (MB.) 3n einem Aufsatz der „Daily News" von 3. A. Spender heißt es: Der Locarnovertrag hat die Möglichkeit eines deutsch-französischen Krieges zur Voraussetzung. Man darf fragen, in welcher Lage England sich befinden würde, wenn es gezwungen sein sollte, an der Seite eines entwaffneten Deutschlands gegen ein Frankreich zu kämpfen, das mit Englands Zustimmung überwältigend ausgerüstet ist. Wenn das Zu
geständnis an Frankreich bezüglich der ausgebU- beten Reserven seine Gültigkeit behält, dann muh England unvermeidlich dafür eintreten, baß auch Deutfchlanb zur allgemeinen Dienstpflicht zurückkehren bars.
Die Notlage des besetzten Gebiets NeichsministervonGusrard nimmt inMainz die Wünsche der rtzeintzessischenBevölterung entgegen.
Mainz, 30. Oft. 3m Kurfürstlichen Schloß zu Mainz fand unter dem Vorsitz des Reichsministers v. Guerard eine Besprechung über die wirtschaftliche und kulturelle Lage des besetzten Gebietes statt. Erschienen waren u. a. der hessische Staatspräsident Dr. Adelung, Staatssekretär Schmid, Reichskommissar Freiherr Langwerth v. Simmern, Vertreter des Verbandes der Stadt- und Landkreise des besetzten Gebietes, des Wirtschaftsausschusses und des Gewerlschaftsausschusses für die besetzten Gebiete, ferner der Vizepräsident des Reichstages, Esser.
Oberbürgermeister Dr. K ü l b erstattete als Vorsitzender des Verbandes der Stadt- und Landkreise des besetzten Gebietes einen allgemeinen, Bericht über die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Lage im besetzten Gebiet. Diese Ausfüh- rungen wurden nach der wirtschaftlichen Seite von Dr. Meesmann und Dr. Kalle namens des Wirtschaftsausschusses und nach der sozialen Seite von Gewerkschaftssekretär Thomas namens des Gewerkschaftsausschusses ergänzt. Von den Vortragenden wurden für das besetzte Gebiet keinerlei Sondervorteile begehrt, sondern lediglichi die Räumung des besetzten Gebietes als ihr gutes Recht verlangt. Sie forderten Maßnahmen seitens des Reichs und der Länder auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Eine Wiedereinführung eines Härtefonds wurde einmütig abgelehnt.
Oer Reichsminister für die besetzten Gebiete v. Gu^rard
erwiderte auf die Darlegungen und Wünsche der einzelnen Redner, daß er es sich angelegen sein lasse, im Rahmen der finanziellen Leistungsfähigkeit des Rerches die vorgeschlagenen Hilfsmaßnahmen zu prüfen und zu vertreten. Die Hauptfrage sei die Erhaltung und Festigung der Wirtschaft im besehtenGe- biet. Bereits im Sommer sei das Rheinmini- sterium mit den Ländern in Verbindung getreten, um auf Grund einer Denkschrift dem Reichstag die Unterlagen zur Ergreifung derartiger Maßnahmen zu verschaffen. Die Fursorgemaß- nahmen für das besetzte Gebiet bewegten sich darüber hinaus in verschiedenen Richtungen, einmal in der Einwirkung auf die Befchaf - funasress orts des Reichs, der Länder und der Kommunen zwecks Vermehrung der öffentlichen Ausgaben für die besetzten Gebiete. Sodann komme in Betracht die Erhaltung des Klein- und Mittelstandes, die Stärkung des kulturellen Lebens, die Forderung des freien Wohnungsbaues, sowie die Erwägung von Kredit Maßnahmen, zum Teil vielleicht nach dem Vorbild des in der Zwischenzeit schon Gele steten. Der Minister wies besonders auf die Rotwendigkeit der lieber» Weisung von Mitteln der werteschaffenden Erwerbslosenfursorge für Rolstandsarbeiten im besetzten Gebiet hin, um dadurch der übergroßen Arbeitslosigkeit zu steuern. Was die Pensionen und Fürjorge- kosten für Beamten der Ländergemeinden, die tn Besahungsangelegenheiten tätig seien, betreffe, so sei inzwischen erreicht worden, daß die bisher auf den 1. April 1924 beschränkte Regelung auf den Zeitpunkt der Stabilrsierung der Währung, d. i. auf den 20. (November 1923, zurücköatiert worden sei.
Unerbetene Ratschläge.
Der „Tcmps" empfiehlt dieGrosteKoalition.
Paris, 30. Okt. (WTB.) Der „Temps" bespricht die bevorstehende Rückkehr von Reichsaußenminister S t r e s e m a n n in die Wiihe.m- straße. Er schreibt: Dom innen- sowie außen* politischen Standpunkt aus gesehen hat die Rückkehr Stresemanns eine beträchtliche Bed.utung. 3n der Tat rechnet man besonders mit dem persönlichen Einfluß des Außenministers innerhalb der Dolksparlei, um diese endgültig z u dem Gedanken der Grohen Koalition zu bekehren, deren Verwirklichung allein dem nach links orientierten Kabinett eine dauernde Grundlage geben kann. — Der „Temps" bespricht sodann die Frage, die sich durch d i e Wahl Hugenbergs zum Vorsitzenden der Deutschnaiionalen herausgebildet hat, und fahrt fort: Die Lage ist heute klar. Weder die Volks- Partei, noch das Zentrum können daran denken, wieder eine Koalition der Rechten einzugehen, da jetzt die nationalistische Partei r-^Itommen in den Händen Hugenbergs ist und diese: sich offen gegen das durch die Weimarer Verfasfung geschaffene republikanifche Regime und gegen die Politik von Locarno und Genf, die Politik der Versöhnung und Annäherung, erklärt. 3n Berlin ist gegenwärtig kein anderer Weg mehr möglich, als der der


