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Nr. 152 Zweiter Statt

Tiehener Anzeiger (General-»n;eiger für Gberhesien)Samstag, 50. Juni 1928

Wirtschaft und Gesellschaft in Palästina.

IMlfrer einer Reise.

Don 6tddf»mini|ter (hnile Dandervelöe, ehern, köniql. belgischem Außenminisser.

Auf (hnlabung btr »irniftilrtKn tfrelutir.- Itot ^anhcrrrlN tür&Iidi Palästina lefurfit. Sährrnb feine» dortigen lufrntboltr» hatte rr Üklfgenhoii, tridiballigr» dokumentär > ' r Material über die nationale Heimat de» Judentums und feine Bestrebungen land- iTnrtfdmfHitber Äolontfaiion ah sammeln. Er gibt nun im folgenden Artikel eine Schilderung ferner öefanUeinbrurfc, betont jedoch aus- brütflid) ihre Unoollftänbiqfett und ihren pro« visonschcn Charakter

Belgien wird nicht selten als ,Versuchsland- be­zeichnet. als eine Art Laboratorium der ejrperi» mentiellen Soziologie. Mit wieviel mehr Be­rechtigung könnte man wohl dasselbe von Palästina lagen, msdesandere vom zionistischen. Unter dem Einfluß des Zionismus ist hier in der Tat. und beson­ders seit dem Krieg eine Reche von Versuchen zu beobachten, die die schwierigsten und heikelsten Pro­bleme des politischen und sozialen Lebens streifen. Rennen wir u. a.: die erstaunlich rasche Auferste­hung einer Sprache der hebräischen - , die alle Welt für tot hielt, ebenso tot wie ba<- iftrulfifAe oder wie dos Eanskrit: ferner die Rückkehr zur Land­wirtschaft seitens eines Volkes, das durch Iahr- burd) das gesetzliche Verbot des Grund­besitzes davon abgewendet worden war; das Bc- vdlk rn einer Kolonie ohne irgendwelche Mittel direkten ober indirekten Zwange» zwecks Ausweisung ober Enteignung der Eingeborenen; den groß an- aelegten Versuch eines landwirtschaftlichen K ol- teltivismus; schließlich die Bestrebung, ein haupt­sächlich aus Rußland ausgewandertes Proletariat völlig neuen politischen und wirtschaftlichen Lebens- bedingunaen anzupassen.

All diese Versuche sind noch in vollem Zug. Ich werde mich, für den Augenblick zumindest, hüten, über deren Endergebnis Voraussagen zu wagen. Heute schon kann man jedoch die Dichtigkeit der ersten er­zielten Resultate feststellen. Gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es in Palästina beiläufig 7000 Juden. Heute zählt man deren 160000, unter ihnen befindet sich der Zustrom all derer, die auS den ver­schiedensten Ländern vor Pogromen geflüchtet sind und gegen welche von nun an die Vereinigten Staaten ihre Grenzen verschließen. Zwischen diesen Neu­ankömmlingen, die aus den verschiedenartigsten Na­tionalitäten hervorgingen und den Jerusalemer Juden, die am Cabbath ihren Äopf an die Älagcmaurr schlagen, bestand fern oder beinahe kein religiöse» Band; dieses nun sollte durch die Einführung einer einzigen Sprache ersetzt werden und, erstaunlich genug, es gelang. Das aus den Synagogen hervor­gegangene Hebräisch ist im Lause weniger Jahre die allgemeine Umgangssprache aller in Pa­lästina ansässigen Juden geworden.

Was andererseits die Rückkehr zum landwirtschaft­lichen Leben anbelangt, so darf selbstverständlich nicht übertrieben werden. Trotz allem setzt sich die Mehrzahl der palästinensischen Juden aus Handwerkern, Klein­händlern, kurz aus Städtern zusammen und Tel Aviv, die einzige ausschließlich jüdische Stadt der Belt, zählt allem 40000 Einwohner. Mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln trachtet jedoch die zionistische Organisation, ihre Anhänger bet land­wirtschaftlichen Kolonisation zuzuwenden und es ist ein ganz außerordentlich ergreifendes Bild, die BQOO Pioniere (Haluzim) vor Augen zu haben, junge Männer und junge Mädchen, darunter viele Intel­lektuelle, die, auf harten Lagern und provisorischen Baracken untergebracht, auf den Landstraßen Steine klopfen, als Tagelöhner auf den Orangerien arbeiten, ihre Studien in landwirtschaftlichen Schulen been­digen, in Erwartung des Zeitpunktes, wo sie, mit Abschluß ihrer Probezeit, als freie Arbeiter in die »ionistischen Kolonien eintreten können. Ucbrigen» sind schon heute meßt als 30000 Juden m der Land-

Albrecht Dürer als Architekt.

Don Dr. Ernst Hamm, Gießen.

Die meisten Veröffentlichungen zur 400. Wieder­kehr seines Todestages feiern Albrecht Dürer als den großen Maker, Kupferstecher und Holz­schneider, seiner architektonisch-technischen Tätig­keit wird fast nirgends gedacht An ihr kann man aber ebensowenig Vorbeigehen wie an der eines Lionardo da Vinci oder eines Michel­angelo. zumal Dürer die Befestigung»- und Stadtbaukunst seines Zeitalters grundlegend be­einflußt hat.

Seine Kenntnisse auf diesen Gebieten hat Dürer m einem Buche, das auch in der Uni* dersitLIsbibliothek in Dietzen zweimal vorhanden ist. niedergelegt. Der Xitel des im Oktober 1527 m Hümbetg erschienenen Werkes lautet: ..Et­liche underncht, zu besetzigung der Stett, Schloß und flecken." Die äußere Veranlassung zu seiner Schöpfung gab ihm der Einfall der Türken unter Soliman II. in Ungarn. Die damaligen Befest i gimg sanla gen vermöchten dem Ansturm der Türken nutzt standzuhaften; außerdem scheint die innere Anlage der Städte für ihre Berteidigungsorganisatu'n reformbedürftig ge­wesen zu fein. Dürer wendet sich deshalb mit der ihm eigenen Sachlichkeit, Klarheit und logischen Konsequenz der Stadtbefestigung und Stadt­organisation zu. Er lehnt die damaligen zwar dicken aber hohen Türme ab und schlägt niedere Basteien vor, die. vorgeschoben aus der Stadt­mauer. eine gute flankierende Wirkung für die von ihm gelchickt postierten Geschütze geben müssen, uni) zeigt, wie die vorhandenen Stadt­befestigungen verbessert und verstärkt werden können. Bis ins einzelne hat Dürer seine Ent­würfe konstruktiv durchdacht und durchgezeichnet.

3um Interessantesten aber. waS Dürer unS in seinem Werke gibt, gehören die Entwürfe für den Bau einer Seinen .^etzungsltadt und einer könig­lichen Residenz. Dürer tritt damit als erster Deutscher in bie Leihe der Städtebautheoretiker. Sr kann sich den großen italienischen Theo­retikern Fllarete. Alberti, Seamozzi. Bakari usw. würdig zur Seite stellen.

Den einen Entwurf nennt Dürer eine Klause: es Handeft sich, modern gesprochen, um ein Sperrfort. Auf einer Meerenge schiebt sich ein kreisrundes Sperrfort ein, das mit einem De- festigungSriegel ans Gebirge angelehnt und mit einem zweiten mit dem Meer verbunden ist. An diesem Sperrfort wendet Dürer alle seine Erfahrungen und Forderungen an. die seiner

mirtfdiofl beschäftigt unb bie Äolontiationiplänr sehen bie Verborwelung dieser Anzahl im Verlauf der nächsten »ebn Jahre vor.

Aber mich wer mnrb man die tatsächlichen Ergeb- nitze ob warten müllen, Entgegen dem, was in allen übrigen Kolonien vor sich geht, hoben bie Zionisten tatsächlich weder bie Macht noch den Willen, die Araber zum Verlassen d-r Ländereien, bie sie be­arbeiten, tu veranlassen. Um die neuen Äolomen unterzübringen, haben die beiden zionistischen .lonM: der Heren lenrrnctb, der die Ländereien gekauft bat, unb der Heren Havesiod, der Häuler unb Viehbestand bestellt, keine andere Möglichkeit, als entweder un­geheuerliche Prelle zu bezahlen ober aber das un­bebaute Land mit großen Kosten zu roden unb zu bewässern Unter dielen Umständen jedoch nehmen die Zu den den Arabern nichts, im (legenteil, sie bieten ihnen Beispiele, von benrtt sie bereits Nutzen ,u ziehen beginnen. Irvtz dieser Hindernisse besitzen die Zionisten in den Ebenen von Saron, von i^ebrelon und rund um den tiberischen See bereits ein lehr aus­gedehntes Webte l, auf dem eben jener Versuch eines landwirtschaftlichen Kollektivismus, den ein­gangs erwähnten, unternommen wird

Unter den landwirtschaftlichen Kolonien, die sich von Haifa bis ins Gebiet von Liberias binziehen, sind einige auf relativ individualistischer Grundlage, andere wieder auf radikal kommunistischer, die bis zur Kvllektiverziehung der Kinder gebt, organisiert. Alle jedoch weisen drei grundlegende Merkmale auf, die ein Mindestmaß an Kollektivismus darslellen: Grund und Boden gehört nicht jenen, btr ihn bebauen, sondern der Gesamtheit des zionistischen Gemeinwesens; bie Kolonisten nützen nicht die Arbeit anderer durch Anstellung von Tagelöhnern aus; auch wenn sie sich einmal dauernd niedergelassen Haden, fahren sie fort, der allgemeinen Arbeits- brüderschaft und den mit ihr zusammenhängenden kooperativen Einrichtungen anzugel'Sren.

Unb damit kommen wir zum wohl nicht Gekün­stelten . jedoch völlig Außergewöhnlichen an den Zionistischen Versuchen, wenn man sie von ihren ver- chiedenen Gesichtspunkten au» betrachtet. In einem Lande, in dem der Kapitalismus noch kaum erwacht ist, wo die wirtschaftlichen Einrichtungen des Mittel­alters noch beinahe unangetastet fortbestehen, ist seit zehn Jahren, dank her Bemühungen internationaler jüdischer Solidarität, ein wahres Heer von Pro­

letariern agerückt gekommen, ihrer Klassemnter- esien völlig bewußt, fest entschlossen, ihren euro­päischen Standard nf Hfc aufrecht zu . rbaltrn, bie als­bald, in der Mehrzahl unter der russischen Revolution berangemathien, mit wahrhaft religiösem Eifer daran gehen, die kühnsten und verwegensten sozialen Be­strebungen zu verwirklichen.

Diele Arbeiter nun, denen es nicht genügt, dem 20. Jahrhundert an zu gehören, stellen sich auf die gleiche Linie mit einem anderen Proletariat, das seinerseits ,m >4. Jahrhundert lebt, mit einem Volk von Fellah», die für SchandlShne in den Latifundien der Effendrs arbeiten. Es genügt, die Tatsachen festzuftellen, um die daraus erwachsenden Schwierigkeiten vorauszuseden. Tie alteingesessene arabische Gesellschaft, auf ollen Gebieten tro- ditionalistisch, religiös und konservativ, liebt nicht ohne Besorgnis diese neue Welt neben sich ersteben, bie ultTamobcTne Ideen, Methoden und Begriffe ins Land trägt. Gewiß find die eingeborenen Ar- beiter nicht feindlich gesinnt und wünschen sich nichts sehnlicher, al» daß auch ihnen zu einem Achtstunden- anstatt einem Zwölfstundentag, bei einem Lohn von 16 anstatt 10 Piastern verhalfen werde. Tie Effendrs jedoch sind feindlich gesinnt: ihr Konservatismus, der sich angegriffen fühlt, trachtet, gegen die Juden einen sich bedroht wähnenden Nationalismus ms Treffen zu führen, unb man müßte vielleicht bet Zukunft mit einiger Besorgnis entgegensehen, wenn nicht von Seite der Zionisten die lieber,eugung mehr unb mehr durchdringen würde, daß zwischen Juden und Arabern keine andere Lösung möglich ist, als eine für beide Teile vorteilhafte Zusammenarbeit.

Im Augenblick, wo ich diese Zeilen schreibe, kommt die Nachricht, daß in Jaffa Unruhen auszubrechen drohen, und daß sogar m Jerusalem alle arabischen Geschäfte, zum Zeichen des Protestes, geschlossen sind. Der Protest richtet sich jedoch nicht gegen die Juden, sondern gegen den Aissionskongreß, der soeben in Palästina tagt. Zwischen Arabern und Christen dauern die Glaubenskämpfe mit unverminderter Heftigkeit fort. Zwischen Arabern und Inden hin­gegen besteht, trotz allem, die Rassenzugehörig- reit, die eine Versöhnung zwischen diesen beiden Elementen vielleicht leichter gestaltet. Im Interesse der einen wie der andern muß man dies auf jeden Fall zumindest hoffen.

Argentinien als Giedlungsland.

Don Don Angell Gallardo, Minister für auswärtige Angelegenheiten der argentinischen Depublil.

Die internationale Bevölkerungsbewegung läßt sich mit einem Wasserspiegel vergleichen, dessen Höhe durch Zu- und Abfluß gewissen Veränderungen unter­liegt. Wie dieser Wasserspiegel allmählich sein natür­liche» Niveau von selbst erhalten mutz, so muß auch der Ausgleich des Bevölkerungsaustausches zwischen den einzelnen Ländern der Erde auf natür­liche Weise erfolgen. Es herrschen hier ganz bestimmte Gesetze, die beachtet werden müssen, falls nicht die Bevölkerungsbewegung zum Schaden der daran beteiligten Volkswirtschaften und noch mehr zum Schaden der von ihr in Bewegung gesetzten Massen auslaufen soll. Insbesondere muß auch auf die per­sönliche Anpassungsfähigkeit der Einwande­rer an die neue Umgebung Rücksicht genommen werden.

Zwischen Kontinentaleuropa und Südamerika findet augenblicklich ein reger BevölkerunasauStausch statt. Geschwächt durch den Weltkrieg, leibet Europa unter dem Drucke einer Ueberschußbevölkornng, die es nicht mehr auf dem früher üblichen hohen Lebens­standard zu erhalten vermag und die es in der Zukunft vielleicht noch viel weniger auf diesem Niveau zu erhalten imstande sein wird. Südamerika anderer­seits stellt ein ungeheures, nur teilweise erschlossene- Gebiet bar, das den kräftigen und arbeit-freudigen Elementen der europäischen Bevölkerung bessere Au-sichten auf eine auskömmliche Lebens­haltung bietet als sie ihr eigener Kontinent gewährt.

In manchen Berufszweigen gibt es in Südamerika

zweifellos sehr viel mehr und sehr ri.I bessere Möglicl>- feiten, Beschäftigung zu finden als in Europa. TrS trifft insbesondere aus die Landwirtschaft zu. In einem jungen, vorwiegend landwirtschaftlich organi­sierten Lande wie Argentinien besteht natürlich eine dauernd starke Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern aller Arten. Tiefe Nachfrage wird auch auf viele Jahre hinaus anhalten. Die verhältnis- mäßig geringe Einwanderung nach Argentinien deren Ziffer vor dem Kriege indessen bereits auf 348000 Seelen im Jahre gestiegen war unb bie Größe, welche bie landwirtschaftlichen Unterneh­mungen heute bereits in Argentinien angenommen haben, sichern arbeit-freudigen Landarbeitern eine bessere Entlohnung, al- sie bie alte Welt zu bieten vermag.

Die zunehmenbe Sieblungstätigkeit und die In­tensivierung der bereits angelegten Siedlungen bietet gleichfalls auskömmliche Ledensbedingungen für diejenigen Einwanderer, die sich vor harter Arbeit nicht scheuen. Für diese Einwanderer werden heute auch noch verschiedene Einwande» rungscrleichterungen gewährt. Die argentinische Regierung ist allerdings der Auffassung, daß die setzt gebotenen Arbeitsgelegenheiten m sich selbst genügend günstig Unb, um sie (bie Regierung) von irgrnbeiner Verpflichtung zu entbinben, ben Zuzug von Einwan­derern besonders zu erleichtern. Alles, was man daher zur Zeit in Argentinien bietet, ist eine Unter­bringung in Buenos Aires für fünf Tage und der

freie Transport zum Reiseziel des Siedler« durch bie Eisenbahn leselflchaften. Diese Vergün­stigungen wurden lebcm <d?on von einigen hundert ."rflmtHen, b. b. also von einigen touiaeb Yin Wan­derern europäflitzer Abstammung m Anspruch ge­nommen. Heute bereits kann man sogen, baß Hun- beritaul*nh von Siedlern auf diele Weile m das ländliche Hinterland gezogen werden. Io groß ist die Nachfrage nach b,eftr Art von Arbeitskräften.

Während Io die Landwirtschaft augenblicklich für den Siedler gute Möglichkeiten des Fortkommens bietet, besteht zu gleicher Zeit rin Zustrom von Ein­wanderern. die in Industrie, Handel unb Ver­kehr und vor allen Tmgen im Baugewerbe und beim Ausbau des Eisenbahnnetzes Verwendung zu linden hoffen. Auch diele Arbeiter müssen not­wendigerweise die Vorläufer von HunderttmLenden, ja selbst von Millionen einer neuen Zndustriebeböllo- rung werden, da die zur Zeit im Bau befuidUchen Anlagen für bie Zukunft ei'w bessere CrfdiUrfumq der bedeutenden Mineralvoakommen ermöglichen, deren Vorhonbenlem tm Londe hinreichend bekannt ist. Hierzu kommt bie Entwicklung jener möglicher* ivcise noch bedeutenderen Votkvmmen, brr bri dem gegenwärtigen Stande der Landesaufnahme noch unberücksichtigt blieben.

Argentinien steht erst ganz im Anfänge feiner Industriellen Orschließung. ES befindet sich kemesweg» auf der Höhe der Iudustrieentwicklung, die wir in Europa oder den Vereinigten Staaten zu sehen ver­mögen. Daraus folgt mich, baß der Prozentsatz rrnlerer Industrrebcvölkrrung im Vergleich zur Ge­samtbevölkerung heute nod) sehr grrmg ist, wenn man ihn mit den Zahlen vergleicht, bie zur Zeil m Europa Gültigkeit haben.

Andererseits dürfen unsere Ruhstossauellen, unsere Erz- und sonstigen Mmeralvorkommen natürlich nicht ungenutzt bleiben. Unsere Eutwicklungsmög- lichkeiten als Industrienation lassen sich also noch gar nicht abschätzen; wir stehen hier möglicherweise noch vor großen llebcrraschungen. Die Erkenntnis, daß wir nur durch ständiges Bemühen einen wirklichen Aufschwung unserer Volkswirtschaft herbeiführen können, hat uns indessen mit einem tiefen Verant­wortungsgefühl erfüllt. AuS dieser Erkenntnis fließt auch die Ansicht, baß bie Heranziehung hoch­qualifizierter Arbeiter aller Inbustriegattungen notwcnbig ist. Arbeiter, bie aus anbereu Kontinenten kommen müssen unb bereit Hilfe für bie Einführung moberncr Industrietechnik beim Aufbau unseres Landes unentbehrlich ist. Eurvpe besitzt im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt Millionen einer Ucbcr- lcknißf'evölkerung, für deren Beschäftigung in der Industrie die nächste Zukunft geringe Hoffnung bietet.

Für die Gegenwart unb sicherlich auch für bie nächste Zukunft ist daS Fehlen aller In bustrieproblem« einer bet schärfsten Anreize für bie anSwanbenmgs- lustige llebcrschußbevöll<wung Europa». Argentinien kennt keine Arheitcrkonflikie, kerne Lohnkänrpfe, bie bie europäischen Länber so oft erschüttern. Seit langem hatten wir keine Streiks unb keine Aus­sperrungen, unb unsere gefunbni Airtsctmftsvcr- häftnisse werben unS auch vor dem Eintritt solcher Gefahren für die Zukunft schützen. Man enthüllt in der Tat kein sensationelle- Geheimnis, wenn man die Ursache diese» Wirtschaft»frieden» aufdeckt. Sie liegt m dem Umstand, baß wir keine großen inbu- ftricHen Unternehmungen Tennen, bie gezwungen sind, ihre Mafsenfabrikate auf dem stärkstem Wett­bewerbe unterliegenden Weltmarkt abzujctzen und die infolgedessen ihr Lohnbudget trotz aller sozialen Fürsorge außerordentlich niedrig halten müssen, um diesen Wettkampf erfolgreich bestehen zu können.

Ich habe m der vorstehenden Ausführung nut bie Grunblagen ber argentinischen Wirtschaft berührt. Das bcbcutct natürlich keiileswegs, baß ich jebem beschäftigungslosen Europäer anemvfehle, ben Ozcan }u überqueren, weil bereits cm auskömmlicher Posten einer harrt. Gelernte Arbeiter aller Berussklasscn, vornehmlich jeboch ßanbntbehcr. können siider sein, daß sie gute Beschäftigung bri auskömmlicher Entlohnung finden werben, falls sie sich im Anfang vor gröbster Arbeit nicht scheuen. Auf diesem Wege wirb Argentinien auch seinen Teil zur Lösung be- europäischen Uebervölkerimgsproblem» beitragen.

Ansicht nach <m die Befestigung-tunst zu stellen find und vereinigt eine bis in die Sinzelhei.en meisterhafte Technik der Konstruktion mit einem ungemein schönen Ausdruck an QRoninnentalilät 3n der Witte der eigentlichen Fortanlage be­findet sich etn kreisrunder Hvf, auf welchen sich die Räume in zweistöckiger Arkaden st ellung offnen. Hier ist bei Dürer der Einfluß der ita­lienischen Renaissance -u spüren, und zwar die Darstellung vom ..äußeren Raum", den die italie­nische Renaissance geschafsen hafte Außerhalb der Festung find ringförmig um sie die Häuser für die Handwerker usw. gelagert. In dieser Anlage kommt die Idee einet geschlossenen Handwcrkerfiedelung zum Ausdruck.

Der andere städtebauliche Entwurf Dürer- gift einer Residenzstadt. Zum ersten Male entwirft hier ein Deutscher eine Stadt für einen König; eS kündigt <idj damit schon leise die Daupercode des Absolutismus an. Die Drundrißanlage stellt sich als eine Anzahl von konzentrischen Recht­ecken dar. Die Mitte nimmt daS königliche Schloß ein, um dieses herum legt sich die Stadt, die mit einem dreifachen Bescstigungsgürtel um­geben ist. Zwei Tote vermitteln Den Zugang. Gedacht ist die. Stadt unfern erneS Gebirges, wo sich Wart türme befinden, die rechtzeitig das Rahen des Feindes künden können Die Be­festigungsanlage ist wieder konstruktiv glänzend durchdacht. Die Stadt selbst ist durch breitere DerkebtSstraßen und schmale Dohngassen in klare Baublöcke und Baugrundstücke eingeteilt, die je noch Stand und Gewerbe verschieden be­siedelt find. Edelleute und Ratsherren haben besonders bevorzugte Bauplätze nach Große und Lage. Rathaus und Kirche sind glücklich situiert, die das Schloß umgebenden Häuserzeilen haben Derkaussarkaden, wodurch ein anmutige» Motiv in die städtebauliche Anlage hinerngetragen wird. Ein ..Industrieviertel" legt Dürer bewußt so, daß die Winde aus der Ha uptwindrichtung den Rauch und Rutz nicht in die Stadt treiben können eine moderne städtebauliche Forde­rung. Wie tn Bayern nicht ander» zu erwarten, teilt Dürer den Bierbrauern besonder» viel Ge­lände zu. Leider verbietet es der Rahmen eines kurzen Auflatzes, auf die interessanten Einzel­heiten der städtebaulichen Anlage und auf die ihnen von Dürer gegebene Begründung einzu­gehen

Dürer hat mit feinem Buch da» Besetzigungs- welcn und den Städtebau in der Prari», was an vielen Beispielen zu belegen wäre, grund­legend beeinflußt; er befruchtete aber auch die späteren Theoretiker, insbesondere den Fran­

zosen I. Perret und den Stratzburger Daniel Speckle, der schon 1601 eine achteckige Stadt mit der De festigung-weise entwirft, die zu Unrecht al» die Daubansche bezeichnet wird. (TJauban hatte nur da- Glück, fast alle Fetzungen Lud­wig XIV. in dieser Art zu bauen.)

Die architektonischen Kenntnisse Dürer- machten sich feine Zeitgenossen zunutze. Bekannt ist sein Gutachten über die Bedachung der Klosterkirche in Gnadenberg, bei dem er au- modern an­mutender ..Sachlichkeit", trotz der die Kirche um­gebenden stellbedachten Gebäude, ein flache» Walmdach oder Zeltdach vorschlägt.

Aufgebaut auf handwerklichem Können, bat Dürer sich bl» tn die letzten technischen Einzel­heften hinein vertieft. Au» feinen Entwürfen geht hervor, dah ihm keine Konstruktion einer Treppe, einer Decke, eine» Gewölbe» oder eine» Defamtbau werke», noch die einer Kanone ier hat eine Kanone mit besonderer Winde Vorrich­tung konstruiert) fremd war. Durch bewunderns­werte Klarheit und Sachlichkeit ist feine Dor­stellungsweile ausgezeichnet. In einer gewaltigen Monumentalität der Gesamter Icheinung spricht die künstlerische Bedeutung Dürers auch auf architektonischem Gebiet zu une und rundet Da­mit das Gesamtbild leine» künstlerischen Schaf­fen» zur Vollendung.

Kopfjagd aus Liebe

Auf Formosa, der zu Japan gehörigen Insel zwischen dem oft- und südchinesischen Meer, gibt eS noch Tausende von Ureinwohnern, die tn den liefen Wäldern und schwer zugänglichen Schlupf­winkeln der Berge verstreut Hausen. Diese Ur­einwohner haben noch diele seltsame Bräuche, bie In das Dunkel vorgeschichtlicher Zetten zurück- sühren. Der interessanteste dieser Bräuche ist noch dem Bericht eine» japanischen Gelehrten, der sich kürzlich eingehend mit dem Studium dieser Stämme besaht hat, die Kopfjagd, und zwar hat et den lieferen Beweggründen nachgesorschl, die die Wilden zu dieser furchtbaren Sitte de» Äopf- abschneidens treiben. Hatz und reine Lutz an der Menlchenjagd mögen dabei eine gewisse Rolle spielen; das ausschlaggebende Motiv aber itz der tief innewohnende Ehrgeiz durch diele Tal feinen Wut zu beweisen. Die Kopfjäger find zu­meist junge Leute. Ihr ungestümes Blut treibt sie, etwa- Großes zu vollbringen, und das Kopf- abschneiden gilt für das sicherste Zeichen von Kraft und Mut. Das Fest, bei dem die erbeuteten Köpfe in feierlichem Umzug gezeigt werden, ist

die grötzle und wichtigste Jahresfeier unter den Eingeborenen von Formosa. Dann werden die, besten Kopfjäger von ihrer ganzen Familie und ihrem Stamm gepriesen und hoch verehrt Roch wichtiger aber ist e- dah die heirat-fähigen jungen Schönen dielet Stämme durch keine andere Dave sich so imponieren lassen al- durch die Dar­bringung eines frisch abgeschnittenen Kopfes. Wenn em Wilder von Fomwla ein Mädchen sin- det. da- er liebt und da» sich ihm verweigert, bann geht et auf die Kopfjagd. St nimmt sich Vorrat für mehrere Tage mit und schleicht bann mit einer alten Flinte und feinem scharfen Schwert tn den Wald, wo er sich in dichtem Debüsch ober unter einem überhängenben Fels verbirgt. Dann wartet et gebulbig. manchmal tagelang, aus ein Opfer, ba» hier zufällig vorbellonnnt Hat et bemerkt, batz ein Ftember sich nähert, bann mufj ct seht sorgfältig zielen; er feuert niemals, bevvo bet andere auf einige Meter Entfernung hetan- gefommen ist. denn e» ist ein ungefchtiebenes Gesetz bet Kopfjäger, bah man fein unglückliches Opfer mit einem einzigen Schutz töten muh. Haß der Cauembc ben Ahnungslosen erschollen, baim schneidet et ihm mit seinem Schwert den Kopf ab und stürzt eilig zu seiner Angebeteten, bet et voller Stolz seme Beute zeigt. Die SHöne aber weih biefe Aufmerksamkeit zu schätzen, benn nachdem lie die grausige Trophäe bewundert hat, stürzt sie sich tn anöetendet Ergebung zu Füßen de- Tapferen nieder Doch nicht nut für die Liebe, sondern auch tn der Ehe ist bte Kopfjagd von Wert. Wenn ans Formosa fld) ein Gßrpaat zankt, wa» auch Bort Vorkommen soll, denn man bat dasüt ein besonderes Wort .Fuh-fu-genkwa", so greift ber Moim, wenn er durch nicht» andere» mehr seine Frau ber* föhnen kann, zu feinen Waffen und eilt, einen Kops heimzubtingrn. Kehrt et mit dieser Beuts zurück, dann schwindet sofort jeder Groll feinet Frau und sie wirb wieder feine willige und ihn anbetende Gattin. Ist ein junget Wann von seinen Kameraden beleidigt worden, oder ist ee au» irgendeinem Grunde der Verachtung her- fallen, dann gerät er In eine wilde Erregung und begibt sich sofort auf die Kvpflagd. et weiß, dah er nur auf diese Weife feine Ehre und feinen guten Samen bei feinen Stammes» genofsen wieder Herstellen kann. So fplelt dies« tzete Brauch bn Leben ber Formosanet eine wichtige Rolle, unb bk gebleichten Köpfe, big man selbst abgeschnitten hat, sind der foftbarRei Schmuck des Hau-altars, ber bas Heiligtum bet Hütte barfteln.