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Hr.203 Swett« Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Mittwoch. 29. August 1928

Der kriegerische Aeptunssriede.

Von unserem ständigen römischen Korrefpondenlcn.

R. D. Rom. tj nb# Lugust.

HK im jemals eine innenpolitische Irift» den Au»» bruch einer gefährlicheren außenpolitischen Ärifi» verhindert hat so diesmal in Jugoslawien. Ware dieses merkwürdige StaalsgedUde eine nach Cteift und Fleisch, nach Raste und (beschichte einheit­liche Ration, wie e» mit der ihm eigenen polstischen jftormlnfiflfeit der cfrbenfänm dem . Wann*» Korrespondenten ocrsichirle. im Glauben. «,ne foldx Zettung»reklamc sei ein genügender Ersatz für den bluiechten Volk»kitt, so wurden wahrscheinlich heute ilaltenisibe Divisionen an die lüre de» Adrianach- harn Nopsen. oder mindesten» die Panzerkreuzer des Marineminister» Mussolini vor den bol- "»atischen Fenstern demonstrieren Gelesen hat man 1q zur Genüge non solchen unmittelbar bevorstehen­den Kriegsereigniisen, jene dunkle Agentur für ita­lienische 'Ilarmnachrichten hatte einen Groftkampf- tag nach dem andern, aber die heillos« Zer­rissenheit Grostserbien» erspar», zum (Bluif dem Außenminister Mustolini die Notwendig­keit. mu einem Pockriprung über den Völkerbund Hinwegzusehen und dem Kriegsminister Mussolini, sowie dem Lustwehräiimster Mustolini den Befehl für Eröffnung der Feindseligkeiten zu erteilen. Bel­grad ha» in letzter stunde unter dem Finanzdruck Englund» eingelenki und die Nettunover- trog, ratifiziert.

Damu ist dies,» Pulverfaß, da» jahrelang von suh reden' macht,, in» Zeughaus verbracht worden, in die Nachbarschaft brr bewährtesten «unten. Bei der ersten postenden Gelegenheit wird c» seine Schuldigkeit tun. Neptun, der auf italienisch Net- tuno bcift». soll sich den Bauch gehalten haben vor Lachen, al, er von dieser diplomatischen Ausöewoh- Tung des Frieden»dokumenles Hörle, das feinen Namen trägt. Dann stieß er seinen Dreizack in die Adria, auf Nimmerwiedersehen, ähnlich wie der flute Bürgermeister in Locarno nach einem ähn­lichen Aussöhnungsaktc eine Palme pflanzte. So ficher» man den Frieden.

Leider sind danach die französischen Truppen au» dem Rheinland nicht abgezogen, und da» Fenstereinwerfen bei den Adrianachbarn hat auch nicht ausgehört. Traurig zu sagen, aber die ob ihrer Unbotmaßigkeit notorisch bekannten nüch­ternen Tatsachen kümmern sich den Pfifferling um schöne Gesten und Symbole, schwarzscher besurcij- ien. daß man sogar bann, wenn der Krieg polizei­lich verboten werden sollte, nicht vor grobem Un­fug sicher wäre. Jedenfalls ist die abermalig» Zu- sammenleimung des bi» in» Mark morschen Adriafrieden» von einem eigenartigen ,ieuer- roerf begleitet worden. Italienische Konfuse, also so­zusagen FestteilnehMer. befanwn im Hause ihre» (kZasigebers den Stuhl nicht untergeschoben, jondern auf die Nase gesetzt, italienische Gcschäste wurden im Hand- und Knüttelun,drehen ..ausoerkaust". der Bluii«nregen. der auf italienische Schiffe nieder. £ing, schlug alle» kurz und klein und ilaNenische .rischer suhlten sich von den neuen Kameraden so flnmüfd) umarmt, haft ihnen die Angel, die sie den serbisctjcn Fischen zugcdacht hatten, ins eigene Fleisch drang. Daraus schickte Rom. wie üblich, ein Ultimatum und so ist wieder alle» im besten Gong,.

Wie die Dinae sich weiter entwickeln werden, das kann auch der Mann im Rebel kühlen, der mit der Stange auf Gera»,wohl herumtastet. Selbst ein fest­gefügter Nationalitätenstaat wie die ffidgenosscn- schoft wäre vor Auflehnungen nicht sicher, wenn etwa die Zentralregicrung in Bern au» höherer fiolitischer Einsicht die Interesten eines Peripherie- lamme» preisgebcn würde, um nicht den Zorn eine» mächtigen Nachbars auf das ganze Land zu lenken. Die Neltunooertröge wurden im iveitabgelegenen Belgrad für bindend erklärt, prak­tisch hoben aber nur diejenigen in Jugoslawien darunter zu leiden, die ohnehin von den Serben, ihrer Hauptstadt und ihrem Parlament nichts mehr misten wollen. Um Dalmatien gebt cs ja. nicht um Kulissen zauber in der Skuptschino. Die Kroa­ten müssen den Buckel Hinhalten, damit die großen Herren in Belgrad ihre Ruhe haben. In Wirklichkeit

liegen ja die Dinge frrilid> ein wenig komplizierter, ober danach fragen Fischer. Kleinbauern und Klein- kausteute nicht. Für sie ist der Italiener der Feind. h,r Rock und Hemd bedroht, und mit diesem (.'rbsemd har die ^Regierung" paktiert? Hieß ,* nicht, die Schüße in der Skuptschino hätten nicht bi oft bi, Brust de» Kroaiensührer». sondern auch da» fr» da» Gute daran den Nettuner Papier- festen durchbohrt? Und nun soll er doch gelten, dieser Bogtoertrag über Dalmatien!

Leichter, zu schelten, al» bester machen. In Bel- grod ist man geuxft auch nicht geneigt. Mustolini dankgerübrt an den Busen zu drucken aber blich andere» übrig, al» bie Unterzeichnung' Hatte nicht Rom vor einem halben Jahr, die Erneuerung des Adriapakles und damit die Erhaltung de» Friedens ausdrücklich von der ominösen Ratifizierung ab­hängig gemacht? Konnte die '.Regierung Rein lagen nachdem ihr starker Arm gerade durch die Oppo- litten gelähmt. Unfriede und Wirrwarr auch in» Heer getragen worden war» Zu einer Machtpolitik braucht man Geld, abff gerade das englische Geld, nach dem die Ebbe im Ctaat»säck,l schrie. lallte erst nach der Unterzeichnung au»bezahlr werden. Es ist eine höhere Politik, di, gesprochen hat. nicht d serbische Hauptstadt Belgrad.

In Rom betrachtet man die italienseindlichen Kundgebungen jenseits des Marc noftro mit einer Ruhe, die seltsam, aber bezeichnend von der Auf­regung absticht, bie mir au» weit geringfügigeren Anlässen, z. B. Diener eübtirolflagen. gewohnt lind. Das wurde wohl geschehen, wenn Italiener in Oester«eich so mißhandelt würden, wie in Jugo­slawien?

Mussolini gebietet de.» Dogen, weil er weift, haft drüben aus den, Balkan weit mehr auf dem Spiele steht, al» die Brcnncrgrenzc Dort reift langsam Friedensvertrab auf Friedensvertraa. die kriegerische Auseinandersetzung heran. Auch bie Nettui, oocrtäge sind eine (Etappe im Dorinarschgcbiet. nicht eine Schachtel im Genfer Archiv für Tauben und Palmzweige. Obwohl fic durch da» tugoslawische Zonengcsetz. das Ausländern bie Rieberlastung im 50 Kilometer tiefen Küstengürtel verbietet, nahezu ausaehöhlt wurden, ist non den Rettunovortcllen für Italien doch offenbar noch genug übriflgeblieben, um bie 3urii(fl)altunfl der leidenschaftlichen Studenten und Fasziften. die lieber heute als morgen die Triko­lore über ganz Dalmatien tragen wurden, zu recht- fertigen. An eine dauernde Besserung de» Verhält-

niste» zu dem Erben der Donaumonarchie glaubt tedoch mentanb. Z»i tief, zu «manirptmoUi* linb bi, Gegen töne, unmöglich bi, Grenze in Ftumc rot, der Freistaat Fiun-, unmoghdj war. Zara, da» auf der eisernen Landkine Mussolini» in der Eintritt» Halle de» ..Popolo d'Italia' mit einer Eisen schrar bf und -mutter angeschraubt ist. kann aut bie Dauer rnch» ohne »tnterlanb bleiben. F u i Italien ist flanzDalmatienIrrebenta, unerlofie Geb»«» für die romilihe Diplomat,, un­zertrennlich verbunden mit Albanien, für bie Strategen bei ne en Imperium» al» Brücken­pfeiler unentbehrlich: st r Jugoslawien al» einzige» Küstenland ater von mi

werden allmählich auch d,e bescheidensten politischen Zaungäste mit den dicksten pazifistischen Scheu­klappen erkennen, baft bdi. Adriaproblem an dem läge, al» die k unb k. Regimenter nach ver­schiedenen Richtungen au »ei na nbermarf (gierten

nicht gelöst, sondern neu geboren wurde denn hinter Serbien steht 1 e | t F r a n k r . , äi wie damals Ruftland Jene italienilrtKi, Polittker. bie damals über den Zerfall des Hab-burgerreiche» frohlockten, merken nun, baft s,c der alten Weis­sagung. wonach hie Slawen noch einmal ihre Roste im Bodensee tränken würden. Vorschub geleistet haben,

ff» fehlt daher nicht an Beratern, die Mustolini veranlaßen mochten, jetzt, wo das ötoatengebilbe S. H. 6. durch seine Uneinigkeit so ohnmächtig ist, baft e» von Spöttern schon in S. O. S. umge taust wird, den graften Schlag xu tun.

Der Duce aber sieht weiter Für ihn endet der Detterwinkel im Eüdosten Europa» nicht am Bal­kan, so wenig w»e 1914, er erkennt di, Verflech­tung der internationalen (Befabrenberbe in ihrer ganzen Furchtbarkeit unb bleibt seiner Politik der Vorsicht, der großzügigen Sicherungen, treu. Wie wenig er babei selbst von groften Staatsmännern verstanden wird, das xeigt die an ihn ergangene französisch-englische ffinladung. sich dem Schritt in Sofia anzufchlieften. Ein Anfinnen, d^is so tut. als ob die alte Entente noch am Leben fei. wahrend Italien doch schon längst Bulgarien in sei­nen Interestenkrei» einbezogen hat. wie Ungarn unb bie Türkei. Man darf von einem Mustolini nicht erwarten, baft er über mazedonische ober ser­bische Zwirnsfäden stolpert WENN er ReptUN mit den, eingewickelten Dreizack begegnet, bann zwin- fern sich beide an wie bie Auguren.

Canterbury - Wartburg.

Britisch-deutsche Theologenkonferenz.

Don Professor D. Dr. Heinrich Hrick, Gießen.

Die K . rche von England hat in jüngster 3c. t zwc. große Enttäuschungen erlebt. Die Mo chelner Gespräche 19211925, die zwar unter rem privater Verantwortlichkeit, aber nicht-- destowemger mit dem Gewicht maßgebender Per­sönlichkeiten de- Kardinal Mercier auf römisch-katholischer, de- Erzbischof- von Eanter- burt) aus anglikanischer Seile geführt wor­den sind, haben nicht die erhoffte Annäherung zwischen den beidenkatholischen" Kirchenkörpern de« Abendlaiche- «Vom und Eanderbury) ge­bracht. Vielmehr hat die zuBeginn diefes Iahre- erschienene päpstliche EnzyklikaMor- talium animos" (Die Gemüter der Sterblichen) zunächst den Annäherungsversuchen ein schroffe- Ende bereitet. Betrifft diese Enttäuschung nur gleichsam die außenpolitische Haltung der Kirche von England, so ist sie in ihrem inneren Leben av i)-. itifl und nie 1 emvlindlicher geschwächt wor­den durch die zweimalige Ablehnung der revi­dierten Book o f common prayer (de- Vuche- für Gebet und V.tuS der Kirche» durch da- enal sche Parlament. Beide Vorgänge ha­ben n.cht- miteinander zu tun. Doch wirkt sich jede-mal die Enttäuschung in gleicher Richtung aus. nämlich al- Verstärkung der Fraae nach der echten kirchlichen Einheit. Wie jene

Gespräche nach außen hin die Einheit fördern sollten, so schöpfte die mühselige Arbeit der Agendenreform ihr Pathos au- dem Willen zur Einheit im Innern. Vach beiden Seiten hin ist augcmbttcklich ein Scheitern zu verzeichnen, dessen Ernst darin zum sichtbarsten Ausdruck kommt, baft der greife, hochverdiente Erzbischof von Lnnterburh resigniert hat.

Die Einheit-bewegi'iig selbst ist allerding- nicht getroffen, im Gegenteil: sie ist angespornt und vor allem vertieft worden. Gerade weil der Weg Aum endlichen Ziel schwieriger geworden Ist. wer- den Me Träger de- Einheit-Willen- veranlaftt, noch ernster, sorgfältiaer. gründlicher zu Derk zu geben, al- e- bisher schon geschah

Vor diesem Hintergrund bekam die Fahrt der sech- britischen Theologen und Kirchenmänner auf die Wartburg eine besondere Bedeu­tung. Vicht al- ob jene Vorgänge knese $aftrt veranlaftt oder beeinflußt hätten.Natsächlich war der Plan längst vor jenen Enttäuschungen gefaßt und auSgearbeitet. Aber baft er gerade jetzt zur Ausführung kam. ließ ihn um so bedeutungs­voller erscheinen.

©eine Vorgeschichte geht aus die denkwürdige Konserenz von Stockholm 192 5 zurück Da­mals machte, in der letzten Sitzung, der Dom­

propst von Eanbcrburp. Dean G K 2 Bell, den Vorschlag. Mitglieder unb Anhänger der Konferenz sollte sich an verschiedenen Orten der Welt zu flctncn, Intimen Aachkonferenzen uanuncufinbcn. um ein bestimmte- Problem e- Ehristenttun- zu erörtern. 3m Frühjadr 1^27 sand nach sorgfältiger Vorbereitung die erste Meier Arbeit»wvchen statt. ckechS beut 4».- Theo- ogiepratelloren «nlaten der Euiladang n..ch E an- (erburn um mit e

'vg>'n da- Thema .Da» Rech l^vtte» zu !:u- biertr Der Ertrag gernemlomcr. angeftrenater Ardei: war über alle- Er^nen grast ftdlte nA derau-. baft solche kleinen nur von Sachver'iün- digen besuchten Arbett-Ionferrnzc" fruchtbarrr k*in können. al« manche allzu große, der Cetent- Uchkeit zugewandte TMlfonfcrcn*. Der Brr- tzenbe 6er Internationalen Theologen-Komml'- ' on von Stockholm. Herr Geheimrat Pratelsor l>. 2d oll Delftmann- Berlin, entschied de-- balb al-bald. baft dieselbe bnttfch-deutsche Grupp, tn diesem Jahre aus deutschem Boden ^u lammen-

Da- führte zur II.Konferenz britischer und deutscher Theologen aus der Wartburg 11. bi- 18. Auaust diese- Jahre- Da- Thema hieß die-rnal .Shristologie" -«uhrr den genannten Herren nahm vor allem der be­kannte Erzbischof V. Döderbloin von Schweden an den Verhandlungen teil und bc- tunbete Immer wieder, wie gerade diese in klein­stem Kreise zu leistende gründliche Nacharbeit den botxn Zielen de- Stockholm-Werke» zuge- wandt sei. Die britische Gruppe wie» glänzende Vamen auf. wir den durch sein jüngste- Werk über .Versöhnung weithin bekannt grwardrnen Vev. 3. K. Bl o 8 l c n D. I >. Auch gehö.te ein Ireikirchlicher Theologe au- Kanada dazu, der lelonbere eingeladen war, um neben den angli­kanischen Gedankcngängen auch die davon ab- weichende Tradition der Dreikirchen zu Wort kommen zu lassen. Zur deutschen Gruppe gehörten u. a. die Proselloren P. A11 ha u S-Erlanaen. G. Kit l c l - Tübingen unb K. Ü. Schmidt- 3ena «früher Gießen».

Wenn im Folgenden ein paar Worte über Pa- Drum unb Dran der Konferenz gesagt werden, so geschieht da- unter der Voraussetzung, baft der sachliche Ertrag der Konferenz an anderen Orten zugänglich gemacht wird Sämtliche für bie

: vorberentete > (Dix-v-iltci

ein Rückblick auf bie DiSkusfion unb sonstige wert­volle Angaben werden al» Sondernunnner der Theologischen Dluticr" i Oft ober 1920- erschein," Vur soviel sei vorweggenommen. baft bei aller Wahrung der nationalen unb kir<o ichen ff tarn an lebet Gruppe cm höchst erfreuliche» Vloft von ge- meinfamen Zieltetzungen imb Arbeitsplänen zu­tage gefördert worden tft

»6 war für da- Gelingen der Konsevenz ein , wesentlicher Unrftanb. daß s« an historischer Stätte stattsand Da- Warllurg-Hotel bot Unterfunft. Sitzung-- und Delellschij: lüunu?. die Burg telbst nahm >m» gastlich au! zu täglichen Andachten und predigte beredter, al- Worte ver­mögen. die große Traditivn, von der wir zehren allen voran Luther unb seine deutsche Bibel, aber auch eine Gestalt wie bie heilige Elisabeth und andere große mit dem Vamen Wartburg i>ncknüpfte Erinnerungen. Lagllch konnte man den Strom der Pilger aller Äonleffltmcn be­obachten. die .da- deutsche Vlekka" aufsuchten, um an Landschaft und Geschichte diese- einzig­artigen Fleckchen- Erde dem Geist der Heimat zu huldigen. Gerade im Rückblick auf (Xonterbum mit feinem Glanz von nationalen und religiöser Geschchte war e- fo wertvoll, baft wir nicht irgendwo In Deutschland, sondern dort tc^glcn. w» die besten Mächte der demschci, Seele spür­bar nahe waren.

3m besten Sinne wurde dieser Wesen-zug der Äonfeeery gefördert durch ehu> ffmlabung ber Thürlngilchen Staat-regierung nach Weimar. Die 'ilamcn

Herder beuten an, wa- einem da in ein paar Stunden alle- lebendig, fei e- al- Ermncnmg aufgefrischt, sei e- al- neue Kunde nabcflcbrad)? wurde Als die britischen Gäste unser Land tx-r-

Gießener Gtadttheaier.

Tanzabend de- Lchulballetis Lcma-Sommer.

Diese» Schulballett Choreographie: Mia bcma: musikalische Leitung: Han» Sommer tft aufgebaut auf bet Spitz.mtanzschulc alten Stils unb infolflcbesscn, unter Ausschaltung moderner fflaentanzbcstrcbungen, in erster Linie auf exakte tcchnijchc Durchbildung, rhythmische Straffheit und gefällige Bildwirkung mit einem manchmal über­betonten pantomimischen Einschlag abgefteöt.

Vorzüge wie Mangel de» alten Ballett» sind zu belannt, als baft man hier daraus einzugehen brauchte: da jedoch der Natur der Sache entsprechend eine gewisse Beschränkung der tänzerischen Aus- drucksinögltchketten in den einmal feftgelegten Gren- zcn gar nicht vermieden werden kann, ist zu er­wägen, ob eine zweiteilige Tan,folge zu je zwölf Nummern nicht von vornherein zu umfangreich bemessen war: zumal sich die notwendtgerweiie ergebenden Wiederholungen nur durch äußere Kit­tel, wie Kostüme, Beleuchtung und Sanierung der Gruppen verkleiden lasten.

Auch innerhalb der einzelnen Nummern wäre Mehrfach eine Abkürzung zu empfehlen geivesen abgesehen davon, daß die zeitliche Ausdehnung fast immer auf Kosten der rhythmischen und choreographi­schen Geschlossenheit geschieht, stellten Tanze wie Les Fleurs",Diener Bürger*. ..Böhmische Polka* unb ,^)olzfchuhtanz* rein körperlich zu hohe Anfor­derungen an die teilweise noch in sehr zartem Alter befindlichen, kleinen Schülerinnen.

3m übrigen verfehlten gerade bei den jüngsten Elevinnen eine saubere Einstudierung, recht hübsche Kostüme und drollige Miniaturszenen keineswegs ihre Wirkung auf das ungemein beifallsfreudig gestimmte, aber nicht sehr zahlreiche Publikum; der Prizzelpuppentanz ;um Schudertschen Militärmarsch sei noch besonders angemerkt.

Gut rhtzthmistert wurde der übrigens im Kostüm- ftil sehr apart wirkendeSchottische* von 5 trau ft, ein Ezardas und ein Krokoviak getanzt: pantomi misch stark untermalt im Sinne des Schulsystems wirkten der enAlische Matrosentanz und vornehm­lich das vom Tänzerischen zum Dariekeesketsch hin­überwechselndeLaziaroni*.Trio nach Debusty. Scharwenkas ,,Polniicher* und die etwas im Ju­gendstil geratenenAquarelle (mit voller Schcin- icrfenjarbe auf changierendem Kostüm) wurden zwar schulmäftig korrekt wiedergegeben, lieften jedoch ein

von innen bereue in körperliche Gelöstheit sich um* setzende», natürliche» Tanztemperament vermissen.

Die Leiterin der Schule, Ballettmeisterin Mia Sema, führte in mehreren Gruppen und Solo­tänzen die zum Teil recht komplizierten technischen Grundlagen ihrer tan,zenschcn Ausbildung, die klas­sischen Exerzitien de- Spitzentanzes vor, die vor allem im Ballettwalzer (ffoppelia",Walzer in Weiß*) ausführlich zur Geltung Famen; die tänze­risch reifste Leistung bot sie unserem Empfinden nach imValse triste* von Sibelius.

Kapellmeister Sommer wirkte al» aufmerk­samer Begleiter am Ilugel; der Applaus war stark.

Dr. Th.

Bauten und Bilder.

Don Arnold Zweig.

In den Iabrzahnten zwischen 1880 unb 1910 hatten bk Europäer ungewöhnlich viel Sinn, Leidenkchaft unb Geld für gemalte Bilder. In allen Ländern entstand große Maleret. Zwischen Munch tm Vörden unb van Gogh tn der Pro­vence wucherten förmlich gesegnete Leinwände, und die Imagination ber Maler, in- Ungdormre unb in neue unerhörte Vorrrag» weifen vor- stoßend, schuf Werte, denen sich in unverhälmts- mäftig kurzem Zeitabstande die Versteher. der Kunsthandel. da- Publikum und selbst bk Museen erschlossen. Aber man baute damals, wie wir e- allc kennen: in Fortsetzung der vorhergegangenen dreiftig Jahre rollcnbetr man da- Greuelbild moderner Straften unb Städte. Viemal- war Bauen eine unverständlichere Beschäftigung a!S damals. Um für die lächerlichen Ungeheuer der MietSkakraen und Miet-Paläste Baum zu schaf­fen. zerschlug man die schönsten Straften und Wohnhäuser mcht allein einzelrter großer Äünft- ler. öic zum Beispiel Schinkel-, sondern ganzer Architckrengeneratronen. die sachlich, stilficher und schön die kleinen edlen Wohnstraßen zwischen der Zopfzeit und den fünfziger 3oftren de- neun­zehnten Jahrhunderts gc*±affcn batten.

Heute, beinah unversehens, vermag man wieder gut zu bauen. 3n Holland. Zrankreich. Dnrlsch- land. überall dort, wo noch vor dem Är.cge der Haup laus ström bildender Kunst durch das Bentil der Oelir.ülerer gegangen war. stehen heut? Bau- künftser mitten im Interesse der Menschen, und N>7- da- Schöne '.st. solche, die das Äünn.cr/dx ohne die gräßlichen Anführung-zeichen vergan­gener SchnnickarchllcitLN verstehen, und bie willen.

baft Bauen eine zweck« unb sinn ha sie Herstellung von guten Wohnungen, guten Fabriken, guten Rathäusern ist oder wenigsten- sein sollte, unb baft der Sinn deS Bauens nicht das einzelne Hau- ist. sondern die Häusergruppe, die Sied­lung. die Strafte, da- Stadtbild, die in die Land­schaft gebeitete Stadt.

Die Malerei der Maler hat inzwischen an Lebenbigteit nicht- eingebüftt; aber das Bedürfnis der Menschen geht auf Wohi'ungen Vach jedem Änefle trat Wohnu.lg-marigel ein. die Städte­bauer hätten e- den Finanzmannern sagen tonnen, aber die Ainanzleute und dve Regierungen waren während de- Kriege- anderweitig beschäf­tigt. und heute überlassen sie vielfach die Her­stellung von Wohnungen dem privaten Wett­bewerb. Wenn allein in Berlin hundertzwanzig. tausend Wohnungen zu wenig bestehen, wer sott bann Bilder kaufen können- Wenn hundert- -wanzigtaufend wohnbedürftige Famllien Bäume mit anderen Menschen teilen müssen, wo sollen Wände frei bleiben, um Bilder daran aufzu- hängen? Dazu kommt, baft die Leute der Veuzeit von Vatur einfeitig sind unb sich viel zu leicht in törichte Entweder-oder stürzen allo entweder für Bauten oder für Bilder Zuneigung verraten wollen.

Wir Schriftsteller stehen lerdenschattl'ch zugetan beiden Strömungen gegenüber. DaS Glück der Bilder werden wir niemals entbehren wollen; die Atelier- unterer malenden Kameraden, chre Aus­stellungen. bie Mufeen unb wa- wir an Kunst­werken im eigenen Herrn aufhmrgen könnetr. ist au- unserem Leben nicht toegAubenfen und durch nicht- zu ersetzen. Al- wir Soldaten waren. Bebten wir bie Reproduktionen van Gogh-. Munch- ober Kokoschkas an die Wand ber Ba* rade_ Dir brauchen für untere 3magmatitm die Entspannung, die uns die schön verteAte räum­liche Fläche bee Bildes bietet. 3e intenswer untere Worte aus Geist unb Anschauung sich gebären, um so tiefer lieben wir bie Bilder, die un- jahr­aus jahrem chre bei alter Explosion-kraft ruhende Gegenständllchtett hirhallen: je mehr wir der Oeffentlichkci: das Bauen von Wohnungen au»- zwingen möchten je Ichrecklicher unere Frauen unb wir unter der Wohnungsnot gelitten haben um so beglückter hängen wir Bilder an unseren neuen Wänden auf Zwilchen den Malern unb den Archttetten werden wir als glückliche Un­parteiische oder belfer Toppelpartelische ver­mitteln: denn der Mensch, der in tt>ütfd.|5nmaen Höhlen oder Waben wohnt, unb Mten Vauncknin

durch solche- Wohnen befriedigt wird, hat auch Augen. Und die Lust dieser Augen wtrd nicht gestillt durch die schöne Farbe oder Tapete der W-ände. denn btc Augen de- Vlenschen linb be­gierig. nach Geist, wie alte feine öinne der Ver­geistigung btenen; und wenn da- geistige Ziel de- VaumllimS Hau- nnb Wohnraum ist: der Drang nach Vergeistigung de- Augen!mneJ wird gestillt von der Malerei, vom Bckd an ber Wand, von der farbigen Gestaltung btc au- einer Land­schaft oder au- einem Porträt Jahrhunderte über­dauernde Formungen und Werte schafft, und bie e- nicht gäbe, wenn die Kunst nur Spreltrieb unb Ornament im Leben wäre und nicht erne- der wesentlichen Mittel, mit denen wir un- bie Welt von der wir ja nicht vte! willen, erst ver­ständlich machen. Denn niemand versteht dte Welt alS optische- Phänomen fo gut wie der Mater, der sie in- Bild transponiert, unb, von ihm be­lehrt. derjenige, der von Bildern lernt zu sehen.

Der ^ronffurfer Goethepreisträger.

Albert Schweitzer, ber. wie bereits gemeldet, mit dem GoethepreiS der Stadt Frank­furt m Höhe von 10000 Mk au-gezeichnet wor­den tft. wurde 1875 in KaiserSbergalS Sohn einet Pfarrer- geboren Er studierte Theologie, machte da- tbeotogtl^te Ötaaluejajnen unb promovierte zum Dr. phil. mtt einer Arbeit überDie VeligionS-Philssophie Kants". Sein erste« gra­fte». viel benutztete« rheologische« Werk behandelt .Die Geschichte ber Leben-Jesu- Forschung &?in Zwecke- Derk.Die Geschichte ber Paulinischen Forschung" bringt ihm den Ehrendoktor der theo- log.'chen Fakul'.ät der Universitär Zürich.

Schon aU Knabe widmete er sich dem Orgel­spiel unb leistete auch auf diesem Gebiet Hervor­ragende-: feine Ausgabe der Bachschen Orgel­werke und sein Buch über Bach zeugen von der Bebeutung seiner Tätigkeit auf Dietern Gebiete.

Vicht genug damit, wandte sich Schweitzer auch der Medlzin zu. Mit einer ArbeitPsychiatrische Beurteilung Jesu* promovierte er zum Dr. med. Er begab sich bann nach Afrika in das Kongo­geb tet, wo er in selbstloser Arbe't a!« Änton.ai* arjtvtätig Ist, ohne indessen seine lchrittstelterische Tätigkeit zu vernachlälligeit. öire wettere Veihe von b'achtlichen Werken ist htervon Zeuge.

Di.' Verleihung de- GoethepreiseS dürfte auch bF* ti-euere Oefsentlichleit, ber er noch unbekannt ist, auf Albert Schweitzer aufmerksam gemacht haben.