Einzelbild herunterladen

Nr. 151 vierter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Sreitag, 29. Juni 1928

Oer Kopf, die beste Rechenmaschine.

Quadratwurzel aus 47589 in 5 Sekunden.

Don Dr. Hugo Meditier.

3n der 'Äriintt Psychologischen Ge- sellschaft Hot soeben ein neue« OtcdKn- genie vor einem ®temium von Geleyr- len Proben seiner außerorbentlichen Re­chenkunst und Gedächtniskraft abgelegt.

3n Tbeeflau gibt es einen jungen Mann, der die 1120 dtiaörnbabnnxjqen dieser Stadt so genau kennt, daß er die Zahl der Pläye jedes Wayens, seine Farbe, sein Gewicht. die Art der Bremse und viele andere Einzelheiten, sogar die in jedem Wagen angebrachten Reklame- schilder genau beschreiben kann, tvenn man ihm nur die Dummer des Fahrzeuges nennt. Hel­muts Ossig heißt dieser junge Mann, der sich soeben der Berliner Psychologischen Gesellschaft rorgeßedt hat und von ihr geprüft worden ift. Er zeigte in Berlin, daß man eine gewaltige Zahl von Ziffern in wenigen Sekunden aus­wendig lernen tarnt, bewies, daß er einige tausend Daten aus der Weltgeschichte im Kopse hat, und führte viele Rechenkunststücke vor. die dem Durchschnittsmenschen unfaßbar sind» Dor Pier Jahren trat einmal in Berlin ein anderer Gedächtniskunstler auf, das vierzehn­jährige Mädchen Marthe Chevalier, die sich aus dem Publikum vierzig bis fünfzig Damen zurufen lieh und bann jeden Damen, willkürlich aus der Deihe gegriffen, nach der Dummer des Zurufs wiederholte. Andere Gedächtniskünstler der letzten 3ahrzehnte, die zu Ruhm gelangt find, sind der Italiener Ina u di. der Rumäne Diamandi und der Deutsche Dr. R ü dl e. Die wunderbaren Leistungen dieser Männer, die die Menschheit stets verblüfften, beruhen auf keinem trügerischen Trick, sondern aus gewal­tiger Schulung des Gedächtnisses, großer Konzentrationskraft, der Fähigkeit, mit jeder Ziffer eine gewiffe bildhafte Borstellung zu verknüpfen, und der bewußten Beschränkung auf ein einzelnes Gebiet menschlicher Geistes- tätigtet, nämlich auf die Ausbildung des Go dächtnift^s und des Rechnens.

Dor dem neunzehnten Jahrhundert kennt man nur wringe Rechentünstler dieser Art. 3m 3ahre 1804 wurde in den Bereinigten Staaten Zorah Co l bürg geboren, der schon mit zwölf Jahren bedeutende Leistungen auswies, in London und Paris auftrat, aber die Fähigkeit, die ihn be­rühmt gemacht hatte, im zwanzigsten Lebens­jahr verlor 3m 3ahre 1837 wurde der sizi­lianische Pastor Viktor Mangiamele von Aragv dxr französischen Akademie vvrgeführt. Der Deutsche Zacharias D a s e. 1824 geboren, begann seine Laufbahn mit fünUefcn Jahren und konnte in neun Sekunden im Kops zwei hundertstellige Zahlen multipli­ziere n. ®r war nur rechnerisch begabt und erwies sich der Wissenschaft durch die mit großer Geduld durchgeführte Ausrechnung hon Logarith­mentafeln nützlich Schon mit sechs 3obren ent­deckte der in Piemont geborene 3aques 3nauM fein Rechentalent' im Alter von dreizehn 3obren stellte man diesen jungen Mann der französischen Akademie vor. aber erst als Zwanzig, ährtger lernte 3naubi lesen und schreiben.

Es gibt aber auch 'Rechenkünstler, die nicht nur artistische Leistungen vollbringen, sondern sich auch als Mathematiker oder al- Gelehrte in anderen Wissenschaften auSzeichnen. Der Physiker Ampere, der amerikanische Astronom Truman L t a f s o r d. der Physiker Argo, der Gifenbahntechniker George B i d d e r waren solche □Männe-; der berühmte deutsche Mathematiker Gauß (1777- 1855) konnte schon als dreijäh-

MMMdenWellSWsklll.

Vornan von Sdgar Wallace.

Copyright by Wilhelm Äolbmann, Vertag, Leipzig.

(Schluß.)

Unmittelbar danach wurde Lord Selford von einem zweiten Schlaganfall betroffen, von dem er sich nicht wieder erholte. Vollkommen gelähmt, starb er am Abend des 14. November. Doktor Staletti. Mrs. (farolcr und Havelock waren bei feinem Tode Segen. Lord Selford hatte keine Zeit mehr ge-

L fein Testament zu ändern, und fo wurde

>elock, gemäß feiner früheren Bestimmungen fein alleiniger Testamentsvollstrecker und Vormund fei­ne« einzigen sechsjährigen Sohnes. Cs war Dokior Staletti. der Mrs. 0arokr und Silva den Vorschlag machte, über die Beschuldigungen des Verstorbencu gegen Havelock zu schweigen. Als Gegenwert stellte er Havelock die Bedingung, die -aus den Besitzungen Lord Sclfords .zu erwartenden Einkünfte unter den vier Verschworenen zu teilen. Silva zögerte zuerst, auf diesen Vorschlag einzugehen. Doch da er arm war unb Lord Selford ihn einmal einer geringen Versäumnis wegen geschlagen hatte, willigte er ein.

Die Absicht der Verschworenen ging zu dieser Zeit nur darauf aus. sich bis zur Grotzjahrigkeit des l/rbcn an den Zinsen zu bereichern, wahrend das Kapital und die Besitztttel nicht angegriffen werden fällten. Cs war Mr. Havelocks Amt, die Verwaltung fo zu führen, daß mcMr letzt noch am Tag der Ab­rechnung ein Verdacht oder gar eine gerichtliche Ver­folgung zu befürchten stand. Es erwies sich aber von Tag zu Taa klarer, daß der junge Lord an ausgesprochenem Sugenbblöbfinn litt. Daraus konnte, wie Havelock überzeugend darlegte, eine unmittei bare Gefahr für die Nutznießer des Selfordichen Vermögens entstehen. Denn wenn der Schwachsinn des Knaben zur Kenntnis des Dormunbjchafts- gerichts käme, würde ein öffentlicher Pfleger für ihn bestellt, dem ein Derwaltungskonsvriium zur Seite stehen würde. Es wurde daher beschlossen, den Knaben in eine Privatschule zu geben, dcisen Lester sich verpftichten müßte, über den geistigen Zustand des Knaben strengstes Stillschweigen zu bewahren. Die Dahl fiel auf den Unterzeichneten Bertram Eody. den das Unglück getroffen hatte, eines geringen Vergehens wegen mit den Gesetzen in Konflikt zu geraten. Bald nachdem er das Ge­fängnis verlassen batte, trat Havelock mH dem Vor­schlag an ihn heran, eine schule zu übernehmen, dessen einziger Zögling der kleine Lord sein sollte. Bertram Eodn gab feine Zustimmung und wurde dafür glänzend bezahlt.

Im Januar 1902 wurde der Knabe seiner Obhut übergeben, allein sein Lehrer mußte bald ein sehen.

riges Kink» Ieinem Baler beim Rechnen ver­bessern. Bei dielen Männern ist es ganz ausge- schlossen, daß ftc betrügerisch arbeiteten, und hre Fähigkeiten sind auch infofern denen der Darieterünstler ähnlich, als sie schon in frühester 3ugenb ausgetreten sind und sich nur bei Men­schen von ganz einseitiger Begabung gezeigt ha bett.

Kürzlich hat nun der Franzose Dr Qsty ein neues Rech«nphänomen Louis Fleury, unter­sucht. dessen Talent sich aus eigenartige Weise zeigte. Fleury trurde am 21. April 18^3 in Belfort geboren, erblindete kurz nach der Geburt und wurde von den Eltern, die dann spurlos ver­schwanden. m ein Waisenhaus gesteckt. Bei den Pslegeeltern wurde er fo vernachlässigt, das, er geradezu stumpfsinnig wurde und sich nut zehn 3ahren toebet anziehen noch waschen konnte. Schließlich lernte er ettvas Blindenschrift, hatte jedoch beim Rechnen die größten Schwierigkeiten, und da er auch sonst fast nichts erlernte, gab man ihn schließlich in ein Asyl für Schwach­sinnige Eines Tages erlitt einer ferner Dach­barn in diesem Asyl einen epileptischen Iw fall, der Fleury furchtbar erschreckte. Äese see­lische Erschütterung wurde zum Wendepunkt in seinem Leben. Don nun ab fiel ihm das Kopf­rechnen ungeheuer leicht, es wurde ihm zur Erholuna. zum Sport und zugleich empfand er eine grobe Leimbegierde. man ihn trotzdem tricht zur Schule schicken woUte. simulierte er Wahnsinn und kam in die 3rrcnanftalt Armen- tieres. wo der Anstaltsarzt schon 1911 sein latent beschrieb. Mit einundzwanzig Jahren verließ <*t die Anstalt und zeigte sich in der Begleitung seines Impresario in vielen Ländern.

Am 2 Dovember 1^27 wurde Fleury von fünf­zehn Sachverständigen geprüft, die ihm eine Stunde lang fortwährend neue Fragen vor- legten, ohne daß er ermüdete. 3n zwei De- kunden addierte ei im Kopf sechs dreistellige Zahlen, subtrahierte zwei fünf ft eilige in drei Sekunden und multiplizierte zwei dreistellige in zehn bis fünfzehn Sekunden. Zur Division einer fünfteiligen Zahl durch eine zweistellige brauchte er zehn bis fünfzehn Sekunden, bildete das Quadrat von vierstelligen Zahlen in zehn Se­kunden, erhob eine zweistellige Zahl in fünf­zehn Sekunden in die vierte Potenz, errechnete die fünfzehnte Potenz der Zahl drei in fünfund­zwanzig und die dreißigste Potenz der Zahl zwei in vierzig Sekunden. Quadratwurzeln aus sechs­stelligen Zahlen zog Fleura m vier bi» dreißig Sekunden, dritte Wurzeln in fünfzehn Sekunden und die fünfte Wurzel au» einer zehnstelligen Zahl in drei Minuten. Besonders erstaunlich waren seine Leistungen bei der Bestimmung des Wochentage» eine# beliebigen Datum» aus den letzten beiden 3ayrhunderten. wobei e» nicht» ausmachte, ob dieses Datum vor dem Jahre 1852 lag. allo in einer 3cif. in der noch der julianische Kalender herrschte. Für die Deuzeit konnte Fleury die Antwort sofort, beim Julianischen Kalender in höchsten» fünfzehn Sekunden an­geben.

Das Wunderbarste an diesem Rechengenie ist die Schnelligkeit seiner Leistungen, die wie­der* davon abbangt, ob sich die betreffende Auf­gabe für seine Kürzungsmethoden eignet. Die Resultate sind, wenn er sich nicht übereilt, unfehl­bar richtig: dabei ist Fleury unermüdlich, und als man ihm eine äußerst umfangreiche Rechen­aufgabe stellte, rechnete er ohne Unterbrechung sieben Stunden lang und begann dann, sehlerlo»

daß sein Schwachsinn jedem Bildungsversuch wider- fianb. Zu den seelischen .'xmmungen stellten sich bald körperliche Komplikationen ein, so daß mit einem frühen Tode des jungen Lords gerechnet werden mußte. 3n dieser verzweifelten Situation erschien Doktor Staletti als Retter. Cs war ihm gelungen, ein Präparat zu entdecken, das unter Ausschaltung aller geistigen Funktionen das körper- Uche 'JßüdH-tum ungemein fördernd beeinflußte. Der gelehrte Doktor hatte seine Entdeckung bereits mit dem besten Erfolge an Ratten, Kaninchen und jun­gen Hunden probiert Damit aber der mit diesem Präparat behandelte Patient nicht durch seine Kör- perfräfte gefährlich werden könnte, sollte mit dem plastiscyen Aufbau des Körpers eine psychische Be­einflussung Hand in Hand gehen. Dollar ctaletti sprach sich dahin aus. daß durch Suggestion und Hypnose, im Kindesaster begonnen, das 3dentitäts- gefübl eines Menschen nahezu zerstört und an seine Stelle ein automatischer Gehorsam gesetzt werden könne. Cs war Stalettis glühender Wunsch, eine Raste körperlich vollkommener Menschen von gewal­tiger Muskelkraft zu schaffen, die wie Maschinen von einem einzigen Gehirn gelenkt würden. Dazu also wollte Doktor Staletti den jungen Lord Sel­ford machen: zu einem Hörigen, stark und gehorsam, der nur den Willen besten kennt, bem er bient. Seine Ideen fanden Bertram Codys wärmsten Bei fall: denn nur auf diese Weise war es möglich, von den Einkünften Lord Selfords zu zehren, ohne vor feiner Mündigkeit zu zittern. Der einzige, der stch gegen Stalettis Vorschläge aussprach, war Havelock. Weder war er von dem Gelingen des Experiments überzeugt, noch mochte er den Knaben einer viel­leicht lebensgefährlichen Behandlung ausfetzen. Da kam Mrs. Cawler auf den Gedanken, Staletti einen ihrer Reffen, die ihr nach dem Tode ihrer Schwe­ster zur Last gefallen waren, für feine Experimente zur Verfügung zu stellen, -ctaletti schwor. Havelock von der Wahrheit feiner Behauptungen durch den Augenschein zu überzeugen. 3n der Tat erzielte er im Laufe von wenigen Wochen die frappantesten Resultate. Der Knabe, der von zartem Körperbau und etroa:- eigensinnigem Temperament war. ge- horchte bereits nach acht Tagen aufs Wort unb ent­faltete sich körperlich in überraschender Weife, wäh­rend sein Intellekt sich zusehends abschwächte. Nun­mehr gab Havelock seinen Widerstand auf. unb ber kleine Lord liebelte zu Staletti über.

Zur feScn Zett, da dies geschah, regte Vertrank Eody an. die Ereignisse, die bis zu diesen Maßnah­men geführt hatten, schriftlich fesriuhalten, damit es keinem der Verschwörer später einfallcn konnte, feine Verantwortlichkeit in Zweifel zu ziehen. Diele Nie­derschrift sollte von allen unterzeichnet und an einem sicheren Ort deponiert werden, ju bem nicht einer allein, sondern nur olle gleichzeitig Zutritt hör- ten. Der Ort war bereits gegeben. Wo konnte das

das Ergebnis auf Zulagen: 79 Qulntillionen. 409 Qualrükonen. Er rechnet am besten mit leerem Blagen, schlechter nach dem Esten und Alkobvlgenust Um die Rechnungen au*- zufuhren muß er bei den großen Ausgaben natürlich ein ungeheuer» Zahlengedächtnis auf- bringen, da er tonst die ersten Xeilrefultate längst vergessen haben würde, wenn er zu den späteren Zwilchenrechnungen gelangt Während nun die meisten Rechenkünstler sich die 3abien- ro hen visuell vorstellen und manch?, z. B 3nau- bi, sich den Klang der Zahlen merken, gehört der blinde Fleury zu einen Last-Typus, denn er glaubt stets, den Rechenapparat der Blink-en. die auf Drahten beweglichen Bleiwürfel vor sich zu haben; beim Rechnen bewegen sich die Finger feiner rechten -and mit unerhörter Geschwindigkeit über die Destenknöpse oder über die Finger der Linken, die der Reihe nach Taufender bis Einer vorstellen. Fleury hat eine Menge von Schvellrechenmethoden erfunden, ver­schmäht es aber auch nicht, in großer Ge­schwindigkeit Resultate zu erraten und dann mit ihnen zu probieren, besonder» beim Divi­

dieren. de m Wurzelziehen und ähnlichen kom­plizierten Aufgaben. Aatürllch hat er sich auch für die Errechnung der Wochentage beftirmnte Kürzungsregeln zurcchtgele^t. Fleury und anfreiv Rechenkünstler beweisen, daß der Kops, trotz allen modernen Erfindungen, noch immer die beste Rechenmaschine ist. sogar das kind­liche Gehirn, wenn es nur richtig geschult wird, ist der Rechenmaschine überlegen, denn da» Rechentaler: bat sich bei Gauß und Wa t be I n schon im dritten, bei Ampöre im vierten, bei Stafford und Eolburg im sechsten, sonst spätestens im zehnten Lebensjahr gezeigt. Daß die Mehrzahl der Menschen eine natürliche An­lage mindestens zum Gedächtmskünstler besitzen, also durch ihr Gedächtnis auch die Bori'odingung für den Rechenkünstler erfüllen, geht ia schon aus der ungeheuren Stofsmcv.ge hervor, die jeder 'Abiturient und jeder sonstige Esamenskandidat

die meisten Menschen das. wa» sie einmal ge­lernt haben, nicht fo schnell wie Mo Rochen- lunstler wieder vergessen unb dadurch Raum für neues Gedächtnismaterial schaffen

Spanische Reisebilder.

I.

Sommer in Madrid.

Madrid zeigt fich in feiner vollen Eigenart erst bei Anwesenheit des Hofes. 3m Sommer da­gegen, wenn der König, die diplomatischen Ber- trehmgen und ein großer Teil der Gc'ellschaft in San Sebastian wellen, um an dem frischen Strande der Ck>te d Argent die heißeste Zeit deS Jahres zu überdauern, dann ist Madrid nur ein matter Abglanz dessen, was e» während seinerSaison" dem Fremden sein würde. Wer trotzdem mitten im Sommer, im August, der Hauptstadt Spanien» einen Besuch abßattet, wird noch genug des Sehenswerten finden im Leben seiner Bewohner und er wird auch zu dieser Zeit einen Einblick tun können in die Seele be» spanischen Bolles. die in feiner Hauptstadt sich in typischer Weise offenbart.

Das Leben Madrid» pulsiert an der Puerta bei Sol, einem verhältnismäßig kleinen Playe. der fernen Damen hat von bem früheren Qst- (Sonnen-)Tore, bas hier stand. '2luf diesem Platze kreuzen die Mehrzahl ber Straßenbahnen, Die Untergrundbahn wirft den Strom ihrer Fahrgäste an das Tageslicht, und eine Reihe der bclebteften Straßen mündet hier. Für den Fremden ist die Puerta bei Lol der geeignetste Punkt zur Orientierung und daher beginnt et von hier aus am liebsten seine Rundgänge durch die ihm noch unbekannte Stadt. Rund um die Puerta bei Sol liegen bie besuchtesten Dass», bte fast zu jeder Tage»- unb Dacht zeit fich eine« regen Zuspruch» erfreuen. 3m Fluge ver­gehen die Stunden beim Glase Wermut ober beim Kaffee. Politik. Fußball unb besonder» die Stiergefechte erhitzen die Gemüter. Manch armer junger Stierfechter au» der Provinz findet hier ferne Gönner unter den begeisterten Freun­den ber Lanromachte, die eine versäumte Cor­rida (Stierkampf) al» verlorenen Tag ihres Lebens buchen.

Die Höflichkeit der Madrider ist nicht zu Un­recht sprichwörtlich. Jede Frage wirb stet» eine höfliche, in Ruhe gegebene Auskunft erhalten. Der Mabriber hat bie nötige Zeit zur Höflich­keit, auch wenn er einmal m Eile ist. wozu ihn bie Arbeit leider zwingt, unb heule sicherlich in höherem Maße, als ihm selbst lieb ist. Man mag andere Städte wegen chrer historischen Er­innerringen besuchen oder wegen ihrer Kunst­denkmäler, bie Madrid in seinen Museen auch

Geheimnis besser bewahrt werden als hinter der Tür mit den sieben Schlössern? Da diese Tür beim Tode de» alten Lords noch nicht geliefert war. wurde fein Sarg in einer Nische der Kammer sechs beigesetzt. Inzwischen war jedoch die Tür eingebaut worden, und die Schlüssel befanden sich in Havelocks Besitz. Sie wurden jetzt unter die Verschwörer verteilt und die Steinurne dazu bestimmt, die Niederschrift auf­zunehmen.

Zur Zeit befindet sich also Lord Selford unter Stalettis Obhut. Er blüht korverlich auf, hat seinen Namen vergessen und erfreut sich an den kindlichsten Spielen. Die beiden Knaben kommen und gehen, wie es ihnen Staletti befiehlt, unb sie sind so abgehärtet, daß sie trotz der rauhen Witterung beinahe unbeklei- bet im Park spielen, ohne zu klagen ober sich unbe- baalitf) zu fühlen. Auf Stalettis Anregung und Haue- locks Wunsch hat Bertram Eody Mrs. Cawler gehei­ratet, obwohl er" (was nun kam. mar mehrfach mit Tinte durchstrichen, aber es gelang Dick doch, zu entziffern:) ..... ganz andere Pläne für feine Zu-

fünft hatte.

Die Unterzeichneten besiirchken keine Entdeckung. Der einzig lebende Verwandte Lord Selfords ift ein entfernter Vetter, der schon zu Lebzeiten des verstör- denen Lords alle Beziehungen zum Haufe Selford abgebrochen hatte.

Mr. Havelock beabsichtigt, späterhin bekann! zu geben, daß fich Lord Selford zu längeren Studien- reifen ins Ausland begeben hat

Wir erklären hiermit an Eidesstatt, baß die obigen Mitteilungen Wort für Wort der Wahrheit ent- sprechen."

33.

Erl! gegen Abend kehrte Dick in seine Wohnung zurück. Langsam öffnete er die Spiegeltür ieines An- kleideschranks. Die Hand am Schlüssel, blieb er reg­los stehen. Aus den Schatten bitbetc stch ein bleiches Gesicht, gebrochene Augen schauten ihn mit weher Klage an.

Du bitt gerächt, Lew Pheeneo", ftüftertc Dick in bic Tiefe des Schranks hinein Dann drückte er bie Tür facht roieber zu.

Er trat ans Fenster unb starrte in die Dämme­rung hinaus. Harte Linien zogen sich van seiner Nase zu seinem Mund. Denn so feltfam cs war, am grim­migsten haßte er Staletti wegen dieser Tat. lieber alles andere würde die Zeit mit heilender Hand hin- wegstreichen ... bie Dunbe blieb. Nie würbe er Lew Pheeney vergessen.

Eine Stunbe spater hielt sein Auto vor dem Hause Coramstraße 107. Dick stieg aus unb bezahlte. Dann flog sein Blick unsicher zu den wohlbekannten Fen- ftern hinauf. Sehr langiam trat er ins Haus.

An der Tür empfing ihn Sybil. Der Ausdruck der Erlösung, der in ihre Züge trat als sie ihn erblickte, entschädigte ihn für alles, was er an Angst und Sorge um fie gelitten hatte.

besitzt, das Leben in den Straßen Mabrib». In hen Lates, bet den Stierkämpfen bietet fuc den Fremden schon so viel Anziehendes, daß er gerne dabei die längste Zeit seines Bef»<i)es ncrnxUt. Natürlich teilen bic Madrider auch die Schwächen aller Hauptstädter. Sie halten alles, was sich auf ihre Stabt bezieht, für unübertrcflbar, der Superlativ ist ihnen un­erläßlich, aber es läßt fich nicht leugnen, daß sie sich auch dabei mit Grazie bewegen. Unb ihr Stolz auf ihre Hauptstadt ist heute nicht un* berechtig:, denn sie besitzt saubere, breite Straßen, zum XeU mit Hochhäusern, schone Plätze, Alicen, Paris, moderne Verkehrsmittel, die sich größter 3nanfpruchnabme erfreuen, besonders die billi­gen Auto-Taffi», denn ber Madrider geht nicht gerne zu Fuß. Was Madrid an Fahrzeugen Mißt, da» sieht man am besten bei der Auf­fahrt zur Arena an den Dachmittagen ber öenr» riba», wenn man am Platze de la 3ndepenbencia sieht und die unübersehbare Wenge der Ge­fährte, welche die Alcalü Straße erfüllen, sich zur Arena drängen, fast alle Zutehrtestraßen verstopfend, vvm ältesten Automobil bis zum modernsten Wagen, unb alle möglichen Kate­gorien an Pferdegefpannen.

Ein Ort, an dem man Madrider Leben ken­nenlernen kann, ist in der Pargue del Retiro« der feine Entstehung Philipp II. verdankt. An den Sommernachmittagen herrscht ein rege» Le­ben, besonders de» Sonntags. Wenn da» Ther­mometer 40 Grad im Schatten zeigt, dann sind schattige Plätze begehrt. Aber selbst unter Bäu­men ist der Schatten etwa» fraglich, denn bic unbarmherzigen Strahlen der Sonne dringen »wischen den gedorrten Blättern hindurch. Auf den Bänken sitzen die Menschen, müde, schlaft. 3n den kleinen Kanälen am Boden fließt ein dürftige» Rinnsal zur Bewässerung der Bäume. Rur langsam schleichen die Minuten dahin, kaum ein Bogel bewegt sich und die Luft flimmert Trotzdem füllen sich langsam die endlosen Wege be» Retiroparkes mti Besuchern, Eltern mit ihren Kindern, junge unb alte Leute. Soldaten, Dienst­mädchen. ein bunte» Bild. Der große Teich in­mitten des weiten Parke» übt Die meiste An­ziehungskraft au». Zahlreiche Boote beleben ihn, und sogar zwei große Motorboote durchschneiden feine Fluten. Malerisch erheb! sich an seinen Alfern da» weiße Marmordenkmal für den Ge­neral Martinez de Campos. Groß ist die Zahl der Erfrischungsstätten, die alle sich reichen Zu­spruches erfreuen. Gefrorene Limonaden werden

Sie sind da, Gott sei Dank", sagte sie teile.Ich habe um Sie gezittert, aber nun bin ich froh wcnnngleich" sie stockte, all bas Furcht- bare, bas geschehen ift, auf meinem Herzen lastet. Aber nun kommen Sie bitte herein. Ich bin zwar allein hier, aber ich kann Sie boch nicht braußen vor ber_Iür stehen lassen."

Sic ging voran unb öffnete bic Tür zum Wohn­zimmer.

Ist cs wahr, baß Havelock verhaftet ist? Ich las es in bcri Zeitungen."

Er nickte.

,Unb Selforb Manor ist nur noch eine rauchenbe Ruine»"

Er bejahte. Dann fugte er langsam hinzu:

-Wissen Sie auch, baß es Ihr Besitz ist, den gestern nacht die Flammen verschlungen hoben?"

..Mein Belitz?" Sie faß ihn ungläubig an.

,45orb Sel'orb ist tot", sagte Dick ernst.Sie sind seine gesetzliche Erbin."

Er erzählte in kurzen Worten, was geschehen war; benn vieles war ber Prcfse noch nicht bekannt.

2115 er ihr von Lord Selfords tragischem Geschick erzählte, bedeckte sie die Augen mit der Hand. Eine Weile schwiegen beide unb hinaen ihren ernsten Ge­danken nach. Dann nahm er liebevoll ihre Hand in die seine.

..Sie sind jetzt reich, Sybil! Sie werden bas Haus wieder aufbauen. Ein neues Geschlecht wird ent­stehen unb in sonnigen lichten Räumen aufwachsen. Ein Geschlecht, bem gejunbes Bürgerblut durch bie Adern rollt und Saft unb Kraft gibt Ach, Sybil .. .

Er wandte den Blick.

^3a, Dick?" fragte fie und beugte sich erwartungs­vollzu ihm hin.

Wirb bas alles nicht einen großen Unterschieb machen

Einen Unterschied? 3d) verstehe Sie nicht?"

..Werden «ich Ihre Gefühle für mich nicht ändern jetzt, da sich alle Pforten des Lebens vor Zhnen öffnen?"

Wo-; wissen Sie benn von meinen Gefühlen?", fragt? sie in neckendem Ion, ganz wieder seine Sybil.

sein Blick DertJtrrtc sich. Ein hilfloses Lächeln glitt um seinen schonen energischen Mund.

..Alles--unb nichts erwiderte er langsam.

Nehmen wir an nichts", triumphierte Sybil. Gut alte, nichts", gab er kleinlaut zu. Plötzlich aber kam ihm ein erleuchtender Ein fall, und feine blauen Auaen blitzten keck.

Aber über meine Gefühle weiß ich um fo bester Bescheid. Dars ich Ihnen viellenyt davon er­zählen?"

Da glitt sie zu ihm hinüber.

Erzählen Sie", hauchte sie ihm lächelnd ins Ohr und setzte sich erwartungsvoll auf bie Lehne felnei Sessels.