Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....
yioman von Erica Trupe-Lärche r.
56 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Crevette näherte sich ihr wieder um einige Schritte. Niemand brauchte sonst dieses Gespräch zu hören. Selbst, wenn nur «in Zufall draußen jemand auf dem Gang« vorüberführte. „3a, Baroness«!" sie nannte jetzt zum ersten Male Melusine bei ihrer richtigen Anrede, nachdem sie sie bis jetzt nur immer als Mademoiselle angeredet, „dieser Bouoier hat mir selbst das alles erzählt. Ich was ihn vor einiger Zeit in — in einem Restaurant, (fr wurde vertraulich, do er reichlich getrunken hatte. Sic wissen, Baroness«, unser Elsässer Wein hat cs in sich! Er wird von den Fremden, die ihn nicht kennen, unterschätzt in seiner Wirkung. Vielleicht haben ihm ein paar Flaschen von dem Gebweiler Kitterle di« Zunge gelöst. Jedenfalls erzählte er mir lachend, was ich Ihnen sagte. Jo, seine petite komme habe er mitgebracht, die ihm schon droben in Bezay in Nordsrankreich die lange Weile der Besetzung vertrieben hob« und nun mit ihm hierher übergesiei.t sei. — Was ihn aber nicht hindere, sich um ein junges Mädchen aus adeliger Familie zu bewerben. Sein« Chancen stunden gut. Und er habe alle Aussicht, durch diese glänzende Heirat hier eine angesehene Position zu bekommen, — als Professor der Musik."
Unverwandt sah sie bei ihrer Erzählung der Baronesse ins Gesicht. Die Züge glätteten sich. Es war nicht nur eine gewaltsame Selbstbeherrschung. Es war bereits der aufsteigende Frieden eines innerlichen Ueberwindens. D, dieser Bouoier war nun mit einem Schlage für dies« jung« Dam« erledigt!
„Ich drang in ihn. Ich muß gestehen: aus Neu- gierte, Baronesse. Und in seiner Umnebelung zögerte er aar nicht, mir Ihren Namen zu nennen. Do bin ich aus ihn aufmerksam geworden und habe fein ganzes Treiben beobachtet, weil er unmittelbar im Nachbarhaus« wohnt. — Und weil ich seine ganze Infamie erkannte, nahm ich mir vor. Sie zu warnen, meine Dame, — eh« Sie zu einer Heirat fchreiten ..."
Sie schwieg. Die Hauptsache war gesagt. Die Einzelheiten dieser schwierigen Geschichte mochte sie die- fern vornehmen jungen Mädchen gar nicht uuf- tischen. ,Lch bin Ihnen sehr verbunden", murmelte
Mein sine und streifte nochmal, die gany Möglichkeit der Gefahr, der sie entronnen. Dann strcckt« sie ter Zos« bi« Hand hin: „Für immer werte ich in Ihrer Schuld stehen> Sagen Si« mir einen Wunsch, den Si« noch unerfüUt haben! Eine Freute, di« ich Ihnen bereiten könnte. Als Zeichen meines Dankes!"
Es erschien Melusine zu plump, ihre Geldbörse zu ziehen und der Zofe einen Betrag cmszuhändi- gen. Aber Crevette richtete sich auf. Sie hatte in ihrem jungen Leben auf der abschüssigen Bohn manche Stunde innerer Scham und Zerknirschung durchlebt. Jetzt aber endlich kam ein Moment innerer Befriedigung. O, auch eine klein« Grisette konnte moralisch hanteln. Und jetzt war «s ihr eine Freute, an der jungen liebreizenden Baronesse wieder gut zu machen, weil sie sie einst unter ter Maske des Dominos auf dem Bollfeste in so infamer Weis« in die Enge getrieben hotte.
Sie ergriff die dargeboten« f)anb und neigt« sich leicht über sie. „Ich wünsche kein Geschenk von Ihnen, Baronesse! Nichts! Es ist mir selbst eine Genugtuung, Sie rechtzeitig gewarnt zu hoben! Uird es wird selbstverständlich fein, daß ich über dos alles schweigen webte!"
Drinnen im festlichen Saal hatte sich inzwischen ein kleines Orchester eingefunten, Musiker aus Straßburg, die neben dem großen Ebenholzflügel, auf einem Cello und einer Diolin« zum Tanze auf- zu spie len begonnen. Eine erfreut« Unruh« griff auf die junge Welt über. Zwischen den Herren und Domen wurden Fragen und Antworten getauscht i-nd di« nächsten Tänze untereinander vergeben. Der alte Jacques war auch jetzt zur rechten Zeit zur Stelle. In seinen schmalen, tief ausgeschnittenen Lackschuhen, den schwarzseidenen Strümpfen, der Festlivree, in Kniehosen glitt er mit seinen geschulten Bewegungen durch die Festgesellschaft hindurch und bot auf einer flachen Silberschale die reizend ans- gestotteten Tonzkarten mit dem kleinen baumelnden Crayon an di« Damen an.
Nur Fritz Wenger beteiligte sich nicht an oll den eiligen fröhlichen Engagements. Er stand etwas abseits nahe den roeitgeöffneten Flügeltüren, di« Hände leicht auf den Rücken gelegt. Der ganze gesellschaftlich« Zwang war ihm eine Qual, ter Frack das unsympathischste Kleidungsstück. Auch er war, wie die andern Herren, nach ter Trauungszeremonie nach Hous« gefahren, um den Gehrock mit dem Frack zu vertauschen. Diel, viel lieber streifte er, neben sich seinen Jagdhund, im grünen Jagdwoms durch die
herrlichen HochwäL>«r der Vogesen und fnüpfte Unterhaltungen an mit einem der «infamen Melker droben auf den saftigen Bergwiesen ober ben Köhlern und Holzschlittern. Das hort droben waren bobenftäobige Elsässer, Landsleute, die sich in ihrer Urwüchsigkeit und deutschen Kraft bewahrt und er- hatten hatten! Aber hier dieses unentwegt französisch plapvemte, mit französischem Firnis übertüncht« Häuflein Menschen!
Ober wenn er durch oll seine Weinberge schritt, am Fuß« der Vogesen, nahe seinem Landsitz — o, wieviel köstlicher war das!
Er war ja heut nur um Melusinens willen ge kommen. Blieb auch jetzt nur nach ihretwillen. Ganz deutlich sühlte er, wie sich in ihrem Innern eine Wendung vorbereitete. Vielleicht, daß die Wornun- aen von Raymond dennoch begannen, Wurzel zu schlagen.
Unablässig behielt er Melusine jetzt noch der Trauung im Auge. Seine Tischdame hatte es jetzt, nachdem man sich von ter Tafel erhoben, längst mit ihren Versuchen aufgegeben, ihn zu einer Unterhaltung zu fesseln. Es bedurfte keines großen Tiefsinns, um nicht zu fühlen, daß sich ihr Tischherr mit seiner Aufmerksamkeit — vielleicht mit leinen Gedanken — ganz bei jemand anderem befand.
Don fernem Posten hier zwischen Tanzsaal und einem ter Salons konnte er mehrere Türen über- sehen. Melusine hatte vorhin di« Salons verlassen. Jetzt endlich sah er sie wieder nach einer Weile eintreten. Rote Flecken brannten auf ihre Wangen. Hatte er vorher eine fast müde Passivität an ihr wahrgenommen, so nestelte sie jetzt an ihrem Fächer in ihrer Hand und eine starke innere Unruhe lotert« in ihr. Was war geschehen?
Er schwankte innerlich, was er tun sollte. Warten, bis sie an ihn herantrat, um mit ihm zu sprechen? Durfte er zu ihr gehen? Nur sich nicht aufbräng.m, wenn ein Herz noch innerlich mit Unklarheiten rang! Aber dann dachte er an Raymond: „Ich vertraue dir Melusinens Schicksal an, — soweit was in Menscl-enkräflen stehen darf!"
Vielleicht waren gerate diese Stunden von entscheidungsschwerster Wichtigkeit für sie? — So ging er auf sie zu. Vorsichtig zwischen den Gruppen hindurch, um möglichst von den anderen un'teobach'.ct zu sein. Nahe an einer Fensternische lehnte sie jetzt. Droben vom Podium herab erklangen zart und lockend die ersten Klänge eines Walzers. Die Unruh« im Saale wuchs. Die Paare begannen anzutreten. Melusine drückte sich tiefer in die Raffungen des gelbseitenen Vorhanges zurück
Da trat Wenger neben ste. „Du willst nicht am
Tanze teilnehi.-n, Melusine?"
Sie sah zu ilym auf. Ganz dattlich empfand he, wie er teilte ter einzige war, der ein« Ahnung von ihrer Stimmung hatte. Welche Wohltat in 'hr«r Pein, sich nachher mit ihm aussprechen, ihm alles anoertrauen zu können!
„Vorläufig nicht. Ich hab« jetzt erst eine Abrechnung mit — mit Bouoier vorzunehmen. Unter vier Augen. Ich hab« Fürchterliches über ihn erfahren. Geradezu Schamloses. Eben, in dieser Stunde. Das trage ich nicht mehr bis morgen mit mir herum!"
Die Erregung schoß wieder in ihr empor. Die Stimme versagt« ihr. Er neigte sich ihr noch tiefer entgegen. Rings um sie sangen die Geigen, und die Paare begannen in kleiner Entfernung an ihnen vorüberzugleiten.
„Wenn ich dir irgendwie beistehen soll, Melusine?" Er verfiel unwillkürlich wieder in das alte freundschaftliche Du, das sie seit ihrer Rinteneit zwischen sich gekannt, „ich sage dir das auch im Auftrage von Raymond. Er Hal mir die Sorge um dich anvertraut, Melusine. Vielleicht, weil er ahnte, daß dies alles über dich kommen würde, was nun her einbricht!"
Sie preßte ihm die Hand. „Nachher. Fritz, Gott, was bin ich dir dankbar, wenn ich mich bei dir aus- sprechen kann! Nockcher!"
Plötzlich stand Bouoier vor ihnen. Wahrscheinlich batte er aus einer geringen Entfernung die Unterhaltung ter beiden gesehen, die herzlich und freundschaftlich schien. Vielleicht auch wallte in ihm die Eisersucht auf. Melusinens Benehmen heute war ihm mehr als unerquicklich.
„Baronesse, werde ich das Vergnügen haben. Sic zum ersten Tanz führen zu dürfen? fragte er mit gesuchter Eleganz. Und während er sie ansah, legte er in seine leuchtenden nachtschwarzen Augen den Ausdruck bewuntemten Werbens, mit dem er sie damals gleich beim ersten Sehen droben in Bezay bestochen hatte.
Melusine stand plötzlich wieder unter größter Selbstbeherrschung. Sie war vollständig auf ter Höh« ter Situation. Hatte er die Infamie bisher besessen, sie derartig zu hintergehen, so besaß sie jetzt die (Energie, ihn mit härtester Grausamkeit und UÜberlegung und Klarheit abzufertigen.
„Jetzt schon mittanzen?" fragte sie zurück. „Nachher ist noch Zeit genug. Ich wollte mich erst beteiligen, wenn die Brautkrone oertanzt wird. Aber lassen Sie uns beide eine Weile plaudern. Ich habt Ihnen noch einiges zu erzählen!" (Fortf. folgt.)
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