Nr 504 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oherheffen) ßreitag, 28. vezemdeN928
Turnen, Sport und Spiel.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Dir 1. Mannschaft verlor gegen Groh-Duseck 1; 2 nach völlig überlegenem Spiel. Vorweg fei gesagt: die Schuld an dieser unverdienten Niederlage' trägt in erster Linie der Schiedsrichter, der wohl sicher in Regelentscheidungen war, aber ein Spiet aufkommen ließ, das eine ungewohnt harte Rot; trug, und das gegen Ende fast in einen Ringkamps ausartete. Die ersten 20 Minuten gehörten dem Plahverein, der di« Grohen-Du- secker vollkommen in ihrer Hälfte einschnürte. Dann wurde das Spiel etwas offener, und durch sinen Fehler der sonst sicher arbeitenden Gießener Verteidigung fiel der erste Erfolg für Großen- Vuseck. Rach dec Pause wurde das Spiel hart. Hier hätte der Schiedsrichter energisch eingreifen müssen. Die Folge seiner Energielosigkeit war rohes Spiel aus beiden Seiten. War zu Anfang der zweiten Halbzeit ziemlich verteiltes Spiel, das Großen-Buseck durch einen Strafwurf zum zweiten Tor verhalf, so gehörte die letzte Viertelstunde den Gießenern, die mit aller Macht Ausgleich und Sieg erringen wollten. Großen-Vuseck konnte sich nicht mehr aus der ilmklammerung befreien und verteidigte mit der ganzen Mamil- schast. Obwohl Gießen mit zehn Wann stürmte, langte es nur zu einem Ersolg. Der Schlußpfiff endete ein wenig erbauliches Spi^l.
Rächsten Soüntag findet in Großen-Vuseck das Rückspiel statt, das hoffentlich mehr Freude auf beiden Seiten auslöst und unter sicherer Leitung steht.
Handball her Sp.-Vg. 1900.
1900 11 — D. f. D. Gießen I 1:3.
o. Wie erwartet, endete das Treffen mit nur geringer Tordifferenz. Obwohl das 3:1 zuungunsten der Spi.-lvcrcinigung durchaus nicht als unrühmlich für ihre Zweilk.a s gen anzwehen ist, hätte es der Mannschaft doch auf Grund der gebotenen Torchancen ein Leichtes sein müssen, wenigstens ein Unentschieden hcrauszuholen. Es muß allerdings zum Lob der Bewegungsspieler gesagt werden, daß sie, auch nachdem ihr Mittelläufer schon zu Spielanfang auf Geheiß des Schiedsrichters den Platz verlassen mußte, geschickt zu zerstören und sich bietende Torgelegenheiten auszunuhen verstanden hat. 3n der ersten Spielhälfte verlief das Treffen torlos. Die 1900er drängten zeitweise stark, der wieder glänzend arbeitende D.f.D.-Hüter lieh sic jedoch nichts Zählbares erreichen. Rach dem Wechsel such e jede Partei, um eine Entscheidung herbeizuführen, am gegnerischen Wurftreis unter allen Umständen etwas Zählbares zu erreichen. Hierbei trugen die ent chchssenen und energischen D.f.D.- Innenstürmer über die überhastet spielende 1900erFünferreihe den Sieg davon. Erst als die Gäste 3:0 in Führung lagen, kamen die Platz' besiher durch ihren Rechtsaußen zum längst fälligen Tor. Schiedsrichter Ienhsch trug Sorge für einen ruhigen Kampfverlauf.
Handball in Heuchelheim.
Am kommenden Sonntag steht die 1. Handballelf auf eigenem Platze der 2. Mannschaft vom Tv. 1846 Gießen gegenüber. Obwohl die Gäste das Vorspiel in Gießen 2:0 gewinnen konnten, kann über den Ausgang des Spiels nichts vorausgesagt werden, da Heuchelheim alles daransetzen wird, um diesmal ehrenvoller abzuschneidcn.
Handball im Lahn-Dünsberg-Gau.
Kommenden Sonntag trifft in K e s s e l b a ch Altendorf auf Kesselbach. Allendorf, welches vor allen Dingen körperlich überlegen ist, sollte das Spiel klar für sich entscheiden können. Als Schiedsrichter fungiert K. Winter (Launsbach).
Arbeiter Turn- und Gportbund.
Für die 1. Gruppe des 3.Bezirks, zu der alle hessischen Vereine, außer Lollar, Daubringcn, Staufenberg und Treis a.d.Lda. gehören, findet am kommenden Sonntag eine Gruppenturnstunde in W i e seck statt. Als Ucbungsplan wur
den Gymnastik, Geräteübungen zum Gerätewettturnen und Spiele angesetzt.
Am kommenden Sonntag wird W i e s e ck s erste Mannschaft zu einem rückständigen Freundschaftsspiel nach Wetzlar fahren. Wenn sich der neu- gebackene Bezirksmeister nicht aufrafft, dürfte ihm ein Sieg gegen die wieder cmporkommenden Wetzlarer schwer werden.
Spielvereimgung 1900 Gießen.
1900 (Ciga) •*- Germania Fulda (Ciga) 4:1 (0:0).
ö. Die Gäste aus Fulda, die zur Z^it den ersten Platz in der Fuldaer K.eisliga inne haben, zeigten, trotz zweier Ersa^leuie, am Sonntag vor Weihnachten eine gaiu ausgezeichnete Leistung. Da auch die 1900er mit mehrfachem Ersatz recht Ansprechendes boten, so gab es wohl niemand, der von dem Spiel unbefriedigt war. Die beiderseitige Spielweise ähnelte sehr. Schöne Kombinationszüge, trotz der stellenweisen Dodenglätte, dazu große Schnelligkeit und eine selten gesehene Fairneß stempelten das Spiel zu einer richtigen Freundschaftsbegegnung. Lange war es ungewiß, zu wessen Gunsten das Spiel enden würde: das kennzeichnet deutlich das Halbzeirrcsultat 0:0. Erst nach dem Wechsel schälte sich infolge der überragenden Tätigkeit der Gießener Läuferreihe eine leichte ^lebcrlegenhcit für den Platzverein heraus. Den Gießener Führungstreffer konnten zwar die Fuldaer Germanen im Gegenstoß sofort wieder wettmachen, aber eine Minute später hieß es 2:1 für 1900, dem in gleichmäßigen Abständen noch zwei weitere Tore folgten. 2llle Gießener Treffer wurden durch schöne Aktionen des besonders gut aufgelegten Gießener Liirks- außen eingeleitet.
L i ch s 1. Mannschaft hatte der Zweiten 19005 infolge Erkrankung mehrerer Spieler abgesagt.
1900s 3. Mannschaft errang gegen den Neuling Garbenteich einen 10:3-Sieg. Das Spiel fand in Garbenteich statt und stand bei Halbzeit erst 3:2 für 1900. Nach dem Wechsel war es mit dem Widerstand des Gastgebers vorbei. Don den Toren erzielte der Gießener Mittelstürmer (bereits ein alter Herr) allein sechs.
1900 (Liga) — Voruffia Frankfurt (Liga) 3:2 (0:1).
Dieses Treffen am 2. Weihnachtsfeiertag glich eher einem Wasserballspiel. Der plötzlich einsetzende Witterungsumschlag hatte den 1900-Sportplatz an der Liebigshöhe mit zahlreichen Wasserlachen bedeckt. Ein richtiges Zusammenspiel konnte daher nie aufkommen. Die meisten Aktionen versanken beiderseits in Wasser und Schlamm. Die Gäste verteidigten zeitweise recht zahlreich und verhinderten so eine höhere Niederlage. Bei der Pause führte Borussia 1:0, da der Gießener Hüter einen scharfen Flachschuß über die Linie gleiten ließ. Nach dem Wechsel zog 1900 gleich. Der zweite Frankfurter Erfolg rührte von einem Eigentor eines Gießener Verteidigers her. Erst gegen Spielende kamen die Einheimischen mehr auf und auch zu zwei weiteren verdienten Erfolgen, damit den Sica sicherstellend.
Die Gegner der 2. und 3. Mannschaft hatten es vorgezogen, zu Hause zu bleiben.
Die Spiele am kommenden Sonntag.
Duhbach (Liga) — 1900 (Ciga).
Am nächsten Sonntag nehmen die Meisterschaftsspiele ihren Fortgang. 1900 hak noch ein ausgefallenes Ligaspiel aus der Vorrunde zu erledigen. In Duhbach waren die 1900er noch nie von besonderem Glück begünstigt. Zur Zeit schenkt man der blauweißen Vertretung aber das Vertrauen, daß sie alles daran setzen wird, sich die Punkte zu sichern, wozu die beste Ausficht bestehen soll. .
1900s Reserven werken rn Frohnhausen (Dill) und die dritte Elf in Laubach. Die Gießener svrlten in der Lage sein, beide Treffen unter normalen Umständen siegreich zu gestalten.
$. C. Teutonia Steinberg.
Am nächsten Sonntag weilt die 1. Mannschaft des Fußballsportvereins Steinbach in Steinberg zum fälligen Verbandsrückspiel. Da die beiden
Mannschaften fast gleichwertig sind, ist ein interessantes Spiel zu erwarten. Der Ausgang ist ungewiß.
V. f. B.
Liga — Mühlheim a. M.-Liga 1: 4. Ligareserve — Großen-Vuseck I. 6:1. Dritte — Rauborn I. 1:7
Dritte — Großen-Vuseck I. 9:3.
Die Ligamannschaft hatte ihre Reise nach Mühlheim mit Ersah für Klcinke, Roth, Henrichs und Schneider II. angetreten. Daß sie unter diesen Umständen gegen die spielstarke„K i cke rs Viktoria" nur wenig Aussicht aus Erfolg hatte, war vorauSzusehen. Trotzdem hätte sie wesentlich besser abschneiden können, wenn der Sturm in anderer Verfassung gewesen wäre. Während Verteidigung und Läuferreihe ihrer Aufgabe durchaus gerecht wurden und ein recht gutes Spiel vorsührten, lieh dec Sturm jegliche Durchschlagskraft und Schußsicherheit vermissen und verpaßte eine ganze Reihe sicherer Torgelegenheiten. 3m Feldspiel war V. f. D. seinem Gegner mindestens ebenbürtig, vielleicht sogar noch etwas überlegen, was auch im Eckenverhällnis von 8:2 für Gießen zum Ausdruck kam.
Di« Ligareserve war am 1. Feiertag Gegner der Ersten Großen -Vusecks und hatte das Spiel bereits mit 6:1 für sich entschieden, als es wegen Differenzen zwischen dem Schiedsrichter und den Zuschauern abgebrochen wurde.
Die Dritte hatte sich zum 2. Feiertag noch in letzter Stunde der Ersten Rauborns zu einem Gesellschaftsspiel verpflichtet, war aber, wohl infolge des kurzfristigen Abschlusses, nur mit acht Mann zur Stelle und inußte eine 1:7- Riederlage einstecken.
Arn Sonntag vor Weihnachten schlug die Dritte Großen-Busecks Erste im Gesell-
| schaftsspiel mit nicht weniger als 9:3 und bewies, ■ daß sie in kompletter Aufstellung auch gegen spielstarke Mannschaften beachtenswerte Resultate her- ausholen kann.
Tie Lpicle am nächsten Lonning
Arn kommenden Sonntag tritt die Ligamannschaft nach einer Pause von acht Wochen zum ersten Male wieder auf eigenem Platz zum Derlmndsspiel an. Ihr Gegner ist die Liga von Niedergirmes, die ,311m Vorrundenspiel wegen angeblicher Spiel- Unfähigkeit des Platzes gegen D. f. B. nicht antrat und eine Verschiebung des Spiels erreichte. D. f. B. hat bis jetzt ungeschlagen die Spitze der Tabelle inne und wird am kommenden Sonntag alles daransetzen, auch das letzte Treffen der Vorrunde zu gewinnen. Wenn Niedergirmes auch keineswegs unterschätzt werden darf, so kann man doch mit ziemlicher Sicherheit einen Sieg der Platzmannschaft erwarten. V. f. B. tritt im Sturm mit einer neuen Kraft an, von der man erhofft, daß sie in dem Angriff zu etwas mehr Durchschlagskraft verhilft, ein Mangel, der sich bisher in allen Spielen stark bemerkbar gemacht hat.
Die L i g a r e f e r v e hat ebenfalls auf eigenem Platz die gleiche von Niedergirmes im Punktspiel zum Gegner und sollte dds Treffen für sich entscheiden können, wenn sie sich in derselben Form zeigt, wie gegen Großen-Buseck.
Die Dritte trägt in Garbenteich gegen dessen Erste ein Propagandaspiel aus, das sie im voraus nicht als gewonnen betrachten darf, da ihr sonst der Eifer der Garbenteicher eine lieber- raschung bereiten könnte.
Die viert« Mannsä)aft tritt auf hiesigem Platz gegen die Zweite von Daubringen an und wird sich strecken müssen, wenn sie gewinnen will.
Buntes Merle«.
Vom Tippfräulein zur Prinzessin.
Ein langwieriger Erbschaftsstreit, der jetzt vor Londoner und Neuyorker Gerichten ausgetragen wird, und die Hinterlassenschaft von Mrs. Leeds endgültig ordnen soll, ruft die Erinnerung an eines der interessantesten Frauenschicksale unseres Jahrhunderts wach, an das des Tippfräuleins May I Stewart, die in recht armseligen Verhältnissen in Richmond geboren wurde und als Prinzessin von Griechenland 1923 in London starb. May Stewart trat vor Jahrzehnten als Angestellte in den Dienst des amerikanischen Jndustri- . eilen Leeds. Nach ganz kurzer Zeit wurde sie die Frau Ihres Chefs. Nach dem Tode ihres Gatten, der inzwischen der ungeheuerlich reiche Stahlkönig Amerikas geworden war, erbte Mrs. Leeds mehr als 200 Millionen Dollar. Sie übersiedelte nach London und Aufammen mit ihrer Freundin Ladn Paget gestaltete sie ihren Salon zu einem der gesuchtesten, ihr Heim am 6L Jaimes Place zu einem der smartesten der englischen Metropole. Als eine der schönsten und reichsten Frauen des Königreichs wurde sie heiß umworben, doch schien sie nicht wieder heiraten zu wollen. Erst als Prinz Cyrist 0 ph von Griechenland in ihr Haus eingeführt wurde, war sie bereit, ihren Entschluß zu ändern. Für das ehemalige Tippfräulein war die Aussicht zu verlockend, Kusine des Königs Georg von England, der Königin von Spanien und des deutschen Kaisers zu werden. Nach Ausbruch des Krieges wurden ihre Heiratspläne inaktuell, aber ihr Wunsch, den König von England als Verwandten zu haben, auf der anderen Seite die Aussicht auf die Dollarmillionen der Witwe Leeds waren so stark, daß im Februar 1920 die Hochzeit des Prinzen von Griechenland mit Mrs. Leeds in Vevey stattfand, nachdem sich Mrs. Leeds, um eine morganatische Verbindung zu vermeiden, den entsprechenden Adelsrang verschafft hatte. Nun begannen Leeds Millionen zu spielen. Die royalistische Partei Griechenlands wurde reorganisiert und die Rückkehr des Königs
Konstantin vorbereitet. Später, während des ana- tolischen Feldzuges, boten die amerikanischen Dollars der griechischen Armee die Möglichkeit zur Belagerung von Smyrna. Daneben unterstützte die Prinzessin zahllose andere Unternehmungen und versorgte einen Großteil ihrer neuen Verwandten. Doch nach den Glücksfällen und Triumphen ihres Lebens erreichte sie ein unerbittliches Schicksal. Sie erkrankte an Krebs und starb bald darauf in London. Von den 200 Millionen W. B. Leeds sind kaum fünfzehn übriggebfieben. Den Rest hatte das ehemalige Bureaufräulein auf dem Wege zu einem Königsthron verbraucht.
150 „Schwarz-Funker" festgestellt.
Seit Einführen der Kurzwellentelegraphie hat di« private und vor allem die unerlaubte Inbetriebnahme von Sendestationen durch Amateure einen derartigen Umfang angenommen, daß sich di« zuständigen Stellen zum energischen Eingreifen entschlossen haben. Di« .Schwarz-Sender" stören den gesamten amtlichen Funkverkehr und können sogar den transozeanischen Funkverkehr lahm- legen. Die meisten Amateure unterhalten Kurz- wellensendestationen. deren Anschaf- fungskvsten verhältnismäßig gering sind, sicherlich nur aus technischem Interesse und Freude an der verhältnismäßig jungen Erfind.mg: es ist aber auch festgestellt worden, daß sich gewisse politische Parteien verbotener Sender bedienen, um Rachrichten weiterzugeben. Seit Monaten hat nun das Reichspostzentralamt im geheimen die Schwarzsender überwacht. Durch ein ingeniöses System ist es gelungen, 150 Schwarzsender festzustellen: meist haben sich diese, weil sie nicht wußten, daß sie überwacht wurden, selb st verraten, indem sie ihre Rcnnen und Adressen aggaben. Gegen sie wird das Nötige veranlaßt werden.
Das Geheimnis des Bettlers.
Vor dem Eingang zum Anhaller Bahnhof in Berlin faß feit geraumer Zeit ein Mann in mittleren
LstzOs Vajazzo!
Roman von 3- Schneider-Foersil.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
31. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Aus einem Stuhl erhob sich die Darvnin und ging den beiden Herren entgegen. Eine ungeheure Ängst sprach aus ihren Augen und zitterte in ihrer Stimme mit. Der Chefarzt hielt ihre Hände für Secundendauer zwischen den seinen und zeigte nach dem Herrn, der eben an Joachims Bett trat „Kollege Weingarten wird von jetzt an mit mir die Dchandlung übernehmen. Sie haben Grund, ihm alles Vertrauen entgegenzubringen. Es ist einer unserer gesuchtesten Chirurgen!
„Ich danke Ihnen!" sagte die Varonin flüsternd. .Glauben Sie, daß Gott mir auch dieses letzte noch nimmt?“
„Wir wollen es nicht hoffen, gnädige Frau, Die Stimme des Arztes schwankte bedenklich.
Er sah eilig von ihr weg und nach dem Kollegen hin, der über den Körper des Kranken gebeugt stand. Mit ein paar Schritten ging er nach dem Fensckr und schloß es zur Hälfte, verneigte sich gegen die Baronin, nickte dem Arzt zu und verließ das Zimmer.
Joachim lag, ohne sich zu regen, in dem schmalen Eisenbett und hatte die Lider geschlossen. Ein Gefühl, als zögen ihn Vergeslasten zu Boden, lähnüe ihn in der Bewegung. Immer tiefer drückte cs ihn hinab. Immer tiefer. In hilfloser Schwäche suchte er die Augen aufzutun. Aber nicht einmal das gelang. Die gesunde Linke begann zu tasten, ob sich ihr nicht eine Stühe bot, aber sie griff ins Leere.
Dafür schoben zwei Arme sich behutsam unter seinen Rücken und gaben ihm eine bequemere Lage.
„Der Arzt,“ dachte Hettingen gleichmütig, ohne die Augen zu offnen. Erst als die Hände unter ihm sich nicht zurückzogen, sondern reglos ruhenblieben, bezwang er die Schwäche, die bereits einer Lähmung glich, und, tat die Lider auf.
„Wie geht es, Baron? Wollen wir einen Schluck Wein nehmen?"
Joachim schüttelte den Kopf und horchte dem Klang der Stimme nach, die einer andern so ähnlich war und doch ganz anders. „Ich möchte Sie um etwas bitten,“ sagte er flüsternd. „Schicken Sie aber erst mein« Mutter aus dem Zimmer!"
Der Arzt zog vorsichtig feine Arme unter dem Körper des Kranken heraus, ging nach dem Tisch, der an die Seitenwand.gerückt war, und gab sich den Anschein, als suche er etwas. Als er es nicht finden konnte, wandte er sich an die Baronin. „Würden Sie die Güte haben, gnädige Frau, zu Schwester Gertraud zu gehen und sie zu fragen, wo sie die zweite Pinzette hingelegt hat? Ich vermisse sie.“
Die Baronin nickte bejahend, Irak an das Bett und strich erst noch ihrem Jungen das Haar zurecht, ehe sie aus dem Zimmer trat.
„Run sprechen Sie, Baron!" Der Arzt trat an das Bett und strich den Schweiß, der auf Hettingens Stim klebte, mit feinem Taschentuch fort. Dann hielt er dessen Hände mit frauenhafter Weichheit zwischen die seinen gebettet. „Was kann ich Ihnen tun?"
Ein schweres Atemholen der todwunden Brust. „Möchten Sie für mich an jemanden telegraphieren?"
„Gewiß!"
„Dringend!"
„Ganz nach Ihrem Wunsch!"
„Meine Mutter soll nichts davon wissen!"
„Rein!"
„Dann bitte!"
Feßmann entnahm seinem Rottzbuch ein Blatt Papier und zog seinen Tintensttst heraus. Auf dem Bettrand sitzend, benützte er seine Knie als .Unterlage. „Diktieren Sie, Herr Baron!"
„Isabella Ieska — Genf — Hotel Marvill." Hettingen mußte erst Kraft zu neuem Sprechen holen. Der Arzt neigte sich horchend über ihn, während die Feder in seinen Händen zitterte. „Mein Leben zählt nach Stunden! Komm!"
„Sie sollen sich nicht mit solchen Gedanken beschweren, Herr Baron!" mahnte die Stimme, die Hettingen immer wieder in die Vergangenheit riß. Aber so rauh und so von Mitleid durch
drungen war die andere nicht gewesen — die Feßmann gehört hatte, — „Feßmann!" — Ganz in Gedanken hatte er den Rainen vor sich hin- gesprochen.
Ein Zucken ging durch den Körper des Arztes. „Wollen Sie den Herrn nicht doch empfangen? — Gr fragte bereits zu wiederholten Malen nach.
Ein wortloses Schütteln des Kopfes, das von einem matten Lächeln begleitet war. „Ich habe ihm nichts mehr zu sagen! — Aber wenn ich tot bin —“ er hielt einen Moment inne und versuchte seinem linken Arm eine andere Lage zu geben — „wenn ich tot bin — dann lassen Sie, bitte, den Brief in seine Hände gelangen, — der in meiner inneren Rocktasche steckt. — Es soll ihn keiner sonst lesen — als er allein! — Aber nicht früher, als bis ich die Augen zugemacht habe! — Wollen Sie mir das versprechen?"
„Ja! Vorläufig denken wir noch gar nicht daran! — — Aber Sie können ganz beruhigt sein. Er wird ihn erhalten, wenn es wirklich dahin kommen sollte."
„Ich danke Ihnen!"
„Run wollen wir schlafen, Baron! — Ganz ohne jede Sorge! — Ich bleibe bei Ihnen!"
„Ist es schon so weit, daß jemand bei mir bleiben muß?' sagte Joachim und lieh den Kopf zurücksinken.
„Richt im entferntesten, Baron! Ich kann auch gehen, wenn Sie wünschen, ich dachte nur, es wäre vielleicht Ihrer Frau Mutter eine Beruhigung, wenn Sie nicht allein mit ihrer Sorge ist."
„Daim bitte ich Sie, zu bleiben!"
Kraftlos g'itt Hetlingens Kopf gegen die Wand. Der Doktor hob ihn vorsichtig etwas in die Höhe und bettete ihn gegen die Mitte der Kissen. Dann neigte er sich über das weiße Gesicht und horchte auf den stoßweisen Atem der armen schmerzgefolterten Brust. Rur jetzt nicht schwach werden! Ganz stark mußte er bl iben, um den Kampf mit dem anderen zu bestehen, der schon hinter Joachims Häupten stand und seine Knochenfinger um ihn gekrallt hatte. Er blieb einige Sekrmden reglos über den Kranken geneigt, ging auf lautlosen Füßen nach dem Schranke--sah noch einmal nach dem Bette
hinüber und öffnete hastig die leise knarrende Tür.
Mit einem Grift hielt er Hettingens Rock in der Hand — mit einem zweiten hatte er den Brief in der Innentasche an sich genommen und lieh ihn im Aermel seines weihen Kittels verschwinden.
Es toaf keine Minute zu früh gewesen, denn im selben Augenblick betrat die Schwester, von der Baronin gefolgt, das Zimmer. „Die Pinzette muh hier fein!" sagte sie bescheiden und begann auf dem Tische zu suche.:.
„Möglich," erwiderte der Doktor. „Aber ich hole mir trotzdem noch eine als Reserve." Mit einem kurzen Ricken verlieh er den Raum.
Er nahm sich gar nicht Zeit, in ein anderes Zimmer zu gehen, auf dem Korridor riß er bereits den Umschlag auf und überflog die wenigen Zeilen:
Mein HanS!
Es hat so furchtbar weh getan, als ich gestern an Deiner Türe stand und aus Deinem eigenen Munde den Bescheid erhielt. Du habest feine Zeit für mich. Run habe ich aber eingesehen, daß Du recht hattest. Ich hätte selbst wissen sollen, dah ich als Tagelöhner nichts mehr in Deinem Hause zu suchen habe. Aber die Verzweiflung trieb mich in Deine Rähe--—
verzeih mir, wenn ich Dich einen Augenblick sogar hahle.--— nun bist Du mir wieder
der alte. Es ist alles überwunden.
So fällt eine Fessel nach der anderen, die mich noch an dieses Leben bindet. Ich freue mich unendlich auf das große Schweigen, das nun kommen wird, r-nb habe nur eine Ditte, dah Du wenigstens den Toten nicht ganz aus Deinem Gedenken löschest!
Dein Joachim.
NB. Grüße Deine Frau von mir!
Die schwarzen, mühsam hingeworfenen Buchstaben tanzten vor den Augen des Arztes auf und nieder wie verscheuchte Vögel. Er hielt daS Blatt zwischen den Fingern geballt und starrts darauf nieder tc.e auf ein völlig Unwirkliches, das dem Gehirn eines Wahnsinnigen entsprungen war.
(Fortsetzung folgt)


