Giehener Anzeiger (Generai-Anzeiger für Tderhefsen)
Samstag, 28. April 1928
Nr. 100 viertes Blatt
Nachdruck verbaten.
SO Fortsetzung
ichören diesen Zonen an. Die •onnen über und unter dem
slutz der Schwerirast. FUehkrast und Polilucht au-aeietzt ist. ~ 1 1 K ,i'e>
Ich steige aus Langsam wandere ich die 5)aupt- strotze von Stara Zagora entlang. Der Boden unter mir scheint zu atmen, ich suhle, wie er vibriert Wie ein Gespenst komme ich mir vor in dem ausgcstorbenen Ort. Kein Einwohner ist zu sehen. Ruinen links und rechts. Hier und da steht noch eine Fassade, ein halbes Hous, dort liegt Geld auf dem Tisch, do steht ein Tops mit. Essen. Und über mir ist ein bleierner, stickig heitzer Himmel. Eine plötzliche tropische Hitzwelle gin^ dem Beben voraus.
Ich schlafe nicht gut im Hotel Trakia in Stcuv Zaqora in dieser Nacht Nach Mitternacht gibt es ich diesen Orten kein elektrisches Licht mehr. Plötzlich rüttelt es an meinem Bett. Ich fahre hoch in ttr Dunkelheit, und d a n n I ch w a n k t m e i n g a n z^-s Z i m m e r in drei langsamen Wellen aus und niettr.
Im bulgarischen Erdbebengebiei.
Bericht einer Augenzeugin. — Eine SchreckenSsahrt. — Sechs Nachte in den Parkanlagen von Philippopel.
Don £)r. (Elisabeth Peters.
sind die Einzelheiten über die letzten groben Erdbeben >n Kleinasien und Bul- garten kaum bekannt, da kommt die neue Schreckensnachricht von dem furchtbaren Unglück, da- Vie Stadt Korinth betroffen har. Wieder also >st'S Südofteuropa. der Wetterwinkel, der zum Schauplatz eine* Naturereignisse- wurde, da- in wenigen Sekunden eine ganje Statt in Trümmer leatc 3m ruhigen Deutschland, wo
Oie goldenen Berge.
Vornan von Clara Diebig.
Sophrighi bv Deuttche Derlag-'Anstalt Stuttgart.
Wie entstehen Erdbeben?
Don Dr. Wolfgang Panzer, privatdozent.
Unseren Lesern wird die interessante erdgelchichtliche Darlegung deS früher in Dietzen tätigen Gelehrten über die Vorgänge unter der Erdkruste die zu den furchtbaren Drderschütterungen führen. ökLMmmcn fein.
3a r Boris hat fid) glänzend benommen. Aus d» erste Nachricht hin begab er sich zum Bahnhvs, bestieg mit einigen Herren eine Lokomotive und fuhr —■ er ist gelernter Ingenieur und fahrt oft selbst ohne jede Rücksicht aus Gefahr persoo'ich Mi den betroffenen Ortschaften Er hat nachts in Philippopel Stunden unter den Obdachlosen im Zelt zugcbracht. er war überall und immer bemüht, allen Ovationen zu entgehen, unerkannt ans Ziel zu gelangen Sofia hat nicht gelitten. Ein paar schwache Stötze, die die Lirchenglocken van selbst zum Läuten brachten, eine Panik im Theater eine im Freien verbrachte Nacht. In den Erdbebengebieten wird noch für die nächsten Wochen alles unter freiem Himmel schlafen. Die Eisenbahnverbindung mit der Stadt Philippopel ist seit heute wieder hergestellt. streckenweise stand ein Gleis 40 Zentimeter höher als da» andere. Ein Bauer zeigte mir seinen Garten. Lauter kleine Hügel nebeneinander — der Weg ist verschwunden. Zwei Dörfer, die seit Jahrhunderten durch eine A n - höhe getrennt waren, können sich setzt sehen, so hat sich das Terrain verschoben.
Nach bulgarischen Zeitungen sollen italienische und serbische Gelehrte die Katastrophe oorausgesagt haben. Sie erklären sie durch den E i n st u r z unterirdischer Höhlen unter dem Lauf der Maritza und sind der Ansicht, datz w e i t e r e N a ch - schübesich noch ein bis zwei Monate lang ereignen können. Sie glauben aber, datz das Zentrum sich setzt weiter westlich verschieben wird. Mein Tisch klirrt plötzlich „Datz das Zentrum sich jetzt weiter westlich verschiebt ...“ Kichert der unterirdische Dämon leise'" Armes Bulgarien!
Jeder In Porten suchte sich zu helfen, so gut er sonnte es war ein Wunder, datz nicht gestohlen wurde. Aber nutzer der Schommer hatte nie ein Menich hier gestohlen, und die Schommer war fort, rlusgeruckt. Ihren Trottel hatte sie dagelosien. der lag der armen Gemeinde nun auch noch zur Last. Der Pastor bemühte fid) ihn wo anders unter* zubringen, in einer Anstalt für Blöde; denn der 5mnaer hatte den Peter zum Tier gemacht, er fratz fflras am Befiroi.i unb fiopfte |id) ®“nb mit Dreck. Fletschte dann lachend die Zahne. „Gut. gut." und klopfte sich auf den Bauch.
Datz die Mutter den unglücklichen Menschen so hatte im Stich losten können! Jedes Tier sorgt doch für Uyn Junges, sollte ein Weib für fein Kind das nicht tun? Wo mochte die Schommer sich letzt wohl herumtreiben? Hatte sie wieder einen Kerl ge* ^'?ie' Aufklärung kam. Aus der Kreisstadt fragte eines Tages die Polizei an: war im Dorf Porten eine gewiste Berta Schommer wohnhaft oder sonst- wie dort bekannt?
Jawohl. v «r ■«.
Es war also Wahrheit gewesen, was das Weib den Leuten erzählt hatte, zu denen sie betteln gekommen war. ..Um Gottes Barmherzigkeit willen nur en einzig Stück Brot, en paar Kartoffeln! Hab in Porten einen Jung zu Haus, en unglücklichen Jung — der wird toll vor Hunger." Sie hatte so gewinselt, mar nicht fortzubringen gewesen, datz man ihr etwas gegeben batte. Aber in der gleichen Nacht war im Städtchen gestohlen worden. Leute hatten ein Hühnerstollchen hinten im Ho,, daraus fehlte das schönste Huhn. Hatte ein ouchs das geholt, ein Marder? Aber bis mitten in die Stadt kommt solches Raubgetier doch nicht, es mutzte ein zweibeiniger Fuchs gewesen fern - sicher das Bettel weid, das von Haus zu Haus schlich Das Uetz sich auch auf einmal gar nicht mehr sehen. Aber als ein Besitzer aus der Kreisstadt an einem
durch Dampfrentile au-geglichen werden können, die 'ich aber auch zu steigern vermögen, bi» ein scheinbar sehr geringfügige- Ereignis. wie zum Beispiel eine schnelle Lultdruckänderung. die Spannung in der Kruste zur Tlu-lösung bringt Dann kracht die Kruste, sie er- zitter:. Allie tun lich auf. und wenn nicht ganze Landschalt-teile gehoben ober gesenkt werden wie in Alaska wo sich 1899 bei einem Erdbeben in der Vakutatban die Küste um 16 Meter hob. so treten doch oft genug wagerechte Verschiebungen auf. wie an der groben kalifornischen Eidbebenspalte, die mehr al- 450 Kilometer weit verfolgbar ist.
E- ist begrei'ltd). datz auch außerhalb der Zonen junger Gebirgsbildung die Erdkruste bei dem ungeheueren Druck, dem lie al- schwimmende Masse über dem örbtnncm unterm Ein
bestimmt wurde, ge
Bewegtheit der Fr_____
Meeresspiegel legt beredte- Zeugnis ab über den inneren Dau und die Entstehung: denn alle
diele Gebirge sind in geologisch junge r Zeit, im Xertiaer ldaS der grotzen GiSzeit und dem Erscheinen de- Menschen vorauscsingl gebildet worden durch gewaltige Kraftäutzerungen tt» Erdinnern Die Ablagerungen grober Moe- re-räume, die lich in Einbiegung der Erdkruste au grober Mächtigkeit angehäuft hatten, wurden durch langsamen Zulammenschub der randlichen Krustenteile -usammcngepretzt und gefaltet, übereinandergelegt und arid? oben. gestaucht und gezerrt und im Lauf der weiteren Entwicklung zu groben Höhen emporgewölbt. ES ist nicht zu verwundern, datz mit diesen gewaltigen Bewegungen, denen die jungen Kettengebirge «.Fal« tengeoirge") der Erde ihr Dasein verdanken. & rotze Mengen von Magma au- der
rbtiefe mit emporgedrungen sind Alle diese groben Zonen junger Gebirgsbildung werden von Vulkanen begleitet. Sin grober Teil der Feueressen raucht auch Heute noch und zeigt in keiner Weise beginnende Beunruhigung. Gerade im Mittelmeergebiet sind immer wieder neue AuSbrüche des Aetna und Deluv und kürzlich auf der Insel Santorin im Aegäischen Mer zu verzeichnen. Dasagt uns deutlich, datz die Gebirgsbildung in diesen Schwächezvnen der Grde n o d) nicht zur Auhe gekommen ist. Hier ist die Kruste nicht genügend fest, und jeder Druck deS Magma- gegen diese Kruste äutzert sich in Spannungen, die von den Feueressen wie
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Stara Zagora. April 1928.
Seit acht lagen bebt und zuckt der Boden unter mir. Seit acht lagen sind über Mittelbulgaricn mehralsSOOErd stütze hinwegacscgt. Bvrisov- grat), Tschirpan und mehr als 20 Dörfer liegen zertrümmert am Boden. In Philippopel, der blühenden, zweiten Hauptstadt des Landes, sind 8000 Häuser zusammengebrochen. Hunderte von Toten und Derwundeten, 100 000 Obdachlose. 1,5 Milliarden Lewa Sachwerte sind vernichtet. Es grollte und brüllte aus dem Erdinnern, Sand und zischende Wassersontänen wurden cmporgeschleudert aus der dunklen Tiefe, Schlammwasser flieg auf und überschwemmte die Felder, Quellen und Flüsse versiegten oder veränderten ihren Laus — stumm, machtlos steht Bulgarien den entfesietten Elementen gegenüber.
In der Frühe des 15. April, am bulgarischen Oster- fonntag, fuhr ich, von der Türkei kommend, ahnungv- lo» über die bulgarische Grenze. Neun Stunden liegt der Zug mit der Aufschrift London-Ostende—Konstantinopel aus irgendeinem unerfindlichen Grunde in Adrianopel. Bulgarische Oftern, das höchste Fest des Landes, wo man mit den bunten, hartgekochten Eiern anstötzt, wie bei uns mit den Gläsern, und westen Ei zuerst cinbridit, der hat Glück im nächsten Jahr! Wie oft hatte ich es nicht bei Osterlamm und Horatanz vergnügt mitgefeiert Geputzte, aufgeregte Menschen drängen in den Zug und an die Fenster. Jetzt höre ich die erben Schreckensnachrichten. Der Zug fährt lang fam, vorsichtig, zu beiden Seiten quellen schmutzige Wasserlachen auf, Sandhaufen dazwischen. Da — ein Selb. Frisch gepflügt, schnurgerade auf der einen Hälfte die Furchen, auf der anderen hat eine unsichtbare unterirdische Hand spielerische Wellenlinien ge- zeichnet, ganz symmetrisch, ganz gleichmätzig geschlängelt. _, , . ,
Haltestellen. Eingestürzte wchornsteine, zerborstene Mauern, eingefallene Wände, abqebcrftc Häuser, immer drohender werden die Anzeichen, überall eine chweigende Menschenmenge auf dem Bahnsttio Run B o r i s o pgj^) b. Entsetzliche Kriegsbilder steigen
Meer, die groben langgestreckten Seen Ostafrikas. der Baikalsee in Alien füllen solche G r a - benbrüche in der Kruste, und alle dirie Gegenden werden auch heute noch von Erdbeben sehr häufig heimgelucht.
So lind die Erdbeben auszusassen al- ver- hältniSmäsiig geringfügige Acutzerung des Ausgleichs grober Spannungen in der Erdkruste. Sie werden erst aufhören. wenn sold-e Spannungen nicht mehr auf treten, da- heibi. wenn Srdtruste und Erdinneres zu einer starren Masse verwachsen sind.
vor mir auf. Ein verwüsteter, versetzter, vernichteter Ort. Wir fahren stumm weiter. In Philippopel ist eine Stunde Aufenthalt. Ick) kaufe eine Ansichtskarte und greife nach der Abbildung eines Mina- rette. Der Alte zieht die Hand zuriick. „Dies Minarett ist gestern e l n g e st ü r z t", aber er sagt es ruhig, lächelt— hier war es gestern nicht so schlimm, kleine Erdstötze ist man auf dem Balkan gewohnt. Roch ahnt die heitere Stadt Philippopel nichts von dem drei Tage später über sie hereinbrechenden Der- hängnis. (Hätte sich die Katastrophe zwei Stunden später ereignet, wo die Leute schon geschlafen hätten, so wäre sie unermeßlich geworden!) — Wir fahren über die Maritzabrücke. Allmählich wird das Bild wieder düsterer. Weiter, immer weiter. Plötzlich wird es lautlos still im Wagen. Ein Berg von Blöcken, Schult und Quadern, das ist alles, was von dem modernen fünfstöckigen Gebäude der Kreis- bank in Tschirpan noch übrig ist Ostersamstag hatte die Bank geschlossen, aber in der zweiten Etage satz der Inspektor und arbeitete, und als er plötzlich die Mauern um sich wanken sah, da kroch er unter den Schreibtisch, und das Haus stürzte über ihm zu- fammen. 24 Stunden lag er bei vollem Bewutztsein unter den Trümmern, vis sie ihn herausgegraben hatten. Er schien ganz vergnügt, Hetz sich photographieren, berichtete und — starb dann plötzlich sechs Stunden später infolge des eingeatmeten Kalkftaubs.
Die Not war so groß im Weinbergsland, wie sie noch niemals gewesen war. Ueberall Demonstrationen. An der Mosel sanden sie statt: überall taten sich Menschen zusammen, die angesichts ihres Untergangs. Besinnung, Ucberlcgung, Einsicht. Geduld und — Hoffnung verloren hatten. Aus war ß, auf was sollte man denn noch hoffen? „Aul Gott, sprach der Geistliche. D was, Gott ist immer mit den stärksten Bataillonen, das hotte man ja im .Kriege gelernt — nein, auch auf Gott hoffte man jetzt nicht mehr.
Nicht nur die Menschen hatten ihr Gesicht oer- ändert, auch die Landschaft. Diese wunderbar liebliche, sich allen Sinnen einschmeichelnde Landschaft, war herb und ftreng. Jede Heiterkeit fortgewischt. Die Sonne schien frühlingshaft golden schon, aber die goldenen Berge blickten trauernd, langsam schlich die Mosel dahin, es war so, als ob sie weinte. Nicht einmal zur Zett des Hochwasiers, als die Sonne nicht schien, graue Wasferdünste sich mit grauen Wolken vereinten und alles im Nebel oer- llofc. war es so voller Melancholie hier gewesen. Die gleiche Stimmung lag über dem Moseltal wie auf dem Totenacker, darin man ©diebtes^begraben hat und mit fröstelndem Schauer eigenen Todes ge- witz wird. —
5nrft und schweigsam wanderten Simon Bremm und Kaspar Dreis über die Chaussee, die zur Kreisstadt führt. Sie hatten einen starken cdjritt angeschlagen, denn sie mutzten den Zug der Moseltalbahn erreichen, der gegen Mittag nach fBcmfaftti I fährt.
Jede- Erdbeben zeigt eine Erschütterung ttr Erdkruste an. Wir dürfen ^Kruste' sagen. weil wir sicher wissen, datz da- Innere der Erde ander» beschaffen ist al» ihre Oberfläche. wenn wir auch nicht wissen, wie da» Innere beschaffen ist. Da in den feuerspeienden 3teraen Lava, also glutflüssiger GesteinSbrei gefördert wird, ist die Annahme berechtigt, datz zum mindesten ein Teil de» Erdinneren au» geschmolzener Destein»masse besteht, die man Magma nennt. Man Weitz nicht, ob da» Mag- ma nur in Nestern oder al» geschlossene Masse im Erdinnern vorhanden ist, doch hat man guten Grund zur Annahme, datz sich in etwa 100 Kilometer Xiefe, von der Erdoberfläche gerechnet, die Zusammensetzung de» Erdkörpers wesentlich ändert, so datz gewissermatzen eine Kruste, eben der feste DesteinSmantel der Erde, aus einer anderen Mass? im Erdinnern aufadagert ist Die unterlaaernde Masse ist — sie steht ja unterm Druck von 100 Kilometern Gestein!
wahrscheinlich plastisch, so datz die äutzere Kruste sozusagen auf dem welchen Kern tt» Inneren schwimmt, so wie die Lchlackenkruste au! dem flüssigen Metall de- Schmelzttegel» Man glaubt ja in der Xat, datz sich die heutige feste Erdkruste durch A b k ü h l u n g au» einer ehemaligen Lchlackenkruste gebildet hat.
Die .heutige f e st e Erdkruste" - wie wenig ist sie da»! Dewitz. c3 clbt sehr grotze LSnder- räumc aus der Erde, üe nur äutzerst selten Erdflöhe ersnhren: Aordv't-Europa, die nördlichen Teile von Asien und Nordamerika, der gröbere Teil von Australien, das östliche Südamerika und oaiu Westafrika, aber dazwischen liegen Zonen. Sie fast unaMäffig von Erdbeben heimgesuchi werden: Da» ganze Miitelmeer- flebict, Borderasien und Vorderindien, unb Dann vor allem die ganzen Randgebiete de» 6rillen Ozean», die Hochgebirge von Aord- und Sud- amerika. die Insclbögen OstasienS. die Insel- todt zwt.chen Asien und Australien. Für. alle diese Zonen ist besondere Bewegtheit ihrer ö)ber- flächensormen und mrist starke Kustengllettrung bezeichnend. Der höchste Dtp fei ttr Erde, der Mount Everest mit 8&X) Meter Hohe ebersio wie die größte MeereSttefe. die erst kürzlich von einem deutsche Schiff in l>cn ®t- wÄsern Ostasien» mit mehr als 10 400 Meter
— einem armen Teufel von Winzer aber bod) gepfändet, weil der nirgendwo mehr etwas hatte auftreiben können für die sieben Mark fünfzig Steuer. Ach, und man wutzte ja auch nicht mehr, was man alles an Steuern zu entrichten hatte: Reichssteuer, Einkomniensteuer, Lohnsteuer, Umsatzsteuer, und wie die vermaledeiten Steuern noch alle hietzen. Und man wutzte auch nicht, was man sonst noch zu zahlen hatte an Zinsen für geliehene Gelder, die einem doch nichts geholfen hatten, an Darlehenssparkasse, Kreiskasse, Landesbank, Winzerkreditkasie — ad), überall Schulden! Und diese auch bei privaten Leuten, Wechsel, die cingclcft werden mutzten und nicht eingelöst werden konnten, und wäre der Wechselbetrag auch nur sechs Mark. Zu hoch, zu hoch, wer hatte sechs Mark?!
Das Drehte sich alles im Wirbelsturm.durch oer- ängstigte Gehirne, man wurde verwirrt. Es war zuviel, es ging über die Kraft, schweigend weiter zu ertragen und geduldig zu warten, bis — vielleicht?! — einmal bessere Zetten kamen. —
Die beiden Männer Gingen auf der Chaussee in gedrückter Stimmung. Ob es wirklich so war, wie der Loesemch gestern, ganz heiser vor Erregung und mit den Armen wild fuchtelnd, erzählt hatte, das letzte Woche nach dem grotzen Dorf weiter auf- loärts em Lastauto gekommen war mit vier Doll- streckiingsbeamten, um all das Gepfändete abzuholen ? „Gleich vier Mann hoch sind se angerückt, weil se Angst hatten, Angst," hatte der Loesenich erbittert lachend gesagt.
Mit dem Lastauto, mit dem grotzen Lastauto — Herrgott, was mutzten es dann aber viele Sachen ■ gewesen sein! Bremm brach bas lastende Schweigen, er konnte seine Gedanken nicht mehr allein tragen. Wenn es in dem Dorf schon so traurig stand, einem grotzen, noch immer besseren Dorf, wie ging's bann erst zu in Den geringeren Dörfern?
„3a, bat is gewiß unb wahrhaftig wahr!" Der Dreis nickte befräftioenb. Er hatte die Geschichte auch gehört, bie schrie ja zum Himmel. So etwas hatte gerade noch passieren mästen unb ruchbar werden, so schnell ruchbar, als wäre es von Dorf zu Dori weitergesprochen worden durchs Telephon, um die Erbitteruna noch zu steigern: mit dem Lastauto, mir dem Lastauto! Man schleppt Den Winzern ihr Hab und Gut weg. man lätzt sie bann sitzen in den kahlen vier Wänden. (Fortsetzung folgt)
Trümmer legte 3m ruhigen nur selten einmal, im Vogtland ettva ober um ben Bodenfee, Erdstötze wahrgenom- men werden, wären wir ttr Frage nach ttn Urfadttn ttr grotzen Erdbeben säst enthoben, toenn nicht unsere Erdbebenwarten auf dem König-stuhl. dem Kleinen Feldberg im Taunu». in Döttingen oder wo sie immer stehen, zu oft im Zeigerausschlag ihrer feinen Beben mess er Kunde gäben von fernen, ungeheueren Erschütterungen die die Erdkruste betroffen haben und in dicht bewohnten Gegenden ganz ungeheuere Verheerungen anrichteten. Da» letzte große Erd- bebenunglück. da» am 1. September 1923 Japan beimsuchie. Ist un» ganz besonder» im Gedacht- nT» geblieben, weil ?hm mehr al» 100 0)0 Men- schen zum Opfer fielen. M e ff In a. Sa n <zra n- zi-ko und zu Goethe» Zeiten Lissabon: es ist kein Zufall, datz die Erinnerung an ganz besonder» schwere Erdbeben sich gerade an diese Städte knüpft. Ihre Lage in Landschaften bestimmter Eigenart erlaubt e» bald, gewisse Gesetzmätzigkeitenzu erkennen, die da- Auftreten von Erdbeben begünstigen.
der nächsten Tage in seinen Weinberg ging, fand er die Bettlerin wieder. Eie sah in der auspemauer- ten Nische der Wrinbcrg^untermauerung, darinnen er feine Gerätschaften verwahrte. Sah ganz in eine Ecke gedrückt, an die rauben Steine geschmiegt und hatte ihr zerlumptes Tuch über ben Kopf gezogen. Hier also hatte bie Landstreicherin genächtigt! Sie schlief noch fest. Aber als er sie am Arm fatztc, ihr das Tuch vom Kops zog: „Nu schert Euch aber fort, was habt Ihr hier zu suchen?" da iah er. daß sie tot war. Erfroren? Dazu war's ja längst nicht mehr falt genug. Verhungert? Sie hatte einen ganzen Sack voll Erbetteltem neben sich: Brot, Kartoffeln und rin schönes Huhn.
au-aesetzt ist. adegentlich zeripringt und sich in Schollen zerlegt, die auf steigen ober in die Tiefe sinken. Da» Tote Meer und da» Rote
Eine Versammlung war abermals angesetzt von der Zentrumspartei', sie sollte dort ftattfinttn «am Nachmittag. Es war ja nichts, noch gar nichts ge- chehen, was anzeigte, datz man der Not des Win- zers ernstlich Aufmerksamkeit schenkte, gewillt war, ihr aus allen Kräften zu helfen. Heute mürben bie rheinischen Abgeordneten der Partei dort bas zßort nehmen.
„Wollen sehn, wat die in Vorschlag bringen — nix. Et wird ja auch alles nix nutzen." Mit hoff- nungslosem Kopsschütteln machten die Männer der Mittelmafel sich auf; nichts, gar nichts mety war zu erhoffen, aber man machte sich doch auf. Hören wenigstens wollte man mit eigenen Ohren, mit eigenen Augen es sihen, bah nichts mehr xu hoffen roar. Das war ja, um aus der Haut zu fahren, aus biefer Haut, die man zu Markt getragen hfitie im grotzen Krieg, unb bie einem feitbem jeben Tag gegerbt wurde! Ha, man mürbe gefchunben! Denn, war das nicht geschunden, wenn man, so get wie's man konnte, seine Steuererklärung machte, am Abend, müde aus dem Weinberg kommend, auf ben Fragebogen, den man nicht oerftanb, mit arbeits» steifen Fingern feine Buchstaben und Zahs^i hinmalte, unb bann vom Finanzamt hnworbert mürbe: ..Unoerstänblich, stimmt nicht, ungenügend, es ist viel mehr zu bezahlen." Und rnenn tean feine Steuererklärung nicht machte? Dann murttp einem zur Strafe gleich an die fünfzig Mark auf&jtfrummt. Man muhte oftmals zum Finanzamt laufen, versäumte Arbeitszeit, rannte sich die Sohle» durch — ..der Herr Steuerfefretär hat jetzt keine jfceit, wie- Herkommen". Man kam einmal, zweimal »ergebens, sogar dreimal wurde man hinbeordert.
Unb hiest das nicht auch gefchunben tnarben, bah man feinen Dein weit unterm Selbstkostenpreis verkaufen muhte — ach, bas selbst konnte man nicht mehr! — bah man von seiw/m Inven- tar fast alles losschlug, um ein Dreckgelb, um ein Gamichts, um ben hunberisten lei des Wertes, nur um ber Schonbe ber Pfändung zu entgehen und sich nicht gerichtlich feine Lochen versteigern zu lassen. Wer würde sich wohl seine Kelter pfänden lassen, die Keller, die der Winzer braucht wie der Handwerker sein Handwerkszeug, bie ihm gedient hat feit Jahren, bie ihm noch neehr wert ist cis das eigene Bett, in dem er doch bfanaleinft zu sterben hofft. Man hatte fte — kaum zu glauben!
auf unb nieder Unb so ging es noch zweimal in der Rocht. Mir sollen bie grotzen Riste an den Autzen- faflaben em unb da» Loch bei mir in der Wono, unb doh Hotel Trakia rin hohe» ofleinftebenbes Hau» ist, unb ich bin froh, al» e» hell wird Da» Beben hielt auch an bei Taae Unb am nächsten Abend nahmen mir drei Deutschen, die wir un» do zu soll ig im Hotel zusammengejunden hatten, uulerc Kopfkissen und legten uns in den öffentlichen A n - lagen schlafen, und die Untersuchungskommlssion, die Geologen aus Sofia gleichfalls sechs Rächte haben wir so verbracht
Ein sonderbare» Wetter herrschte bis zu dem schweren Sloh am Mittwochabend, der in neun Sekunden halb Philippopel vernichtete und niederrih. wo» in ben anderen Unglücks- orten noch stehen geblieben war Der Sturm heulte und tobte den ganzen Tag Älatldrenb prasselte der Regen in ber Nacht auf die verstörten Menschen herab, bi» sie schliehlich dock) unter irgendeinem Haus- winkel Schutz suchien. In halbstündigen Pausen zuckte und bebte der Boden, e» grollte und dröhnte aus dem Erdboden heraus. Aber Stara Zagora ist a u s F e l » gründ errichtet, e» gab nicht nach, es wankte, e» zitterte, aber es hielt. Das Minarett steht ein bihchen schief, die Sträflinge im Gefängnis waren saft au» den nachpebenden Mauern entwichen. Herabhangenbe Balkon^ eingefallene Zimmerbecken und Wände. Hotel Trakia ist nun endlich polizeilich geschlossen. Aber was ist da»? Wer gesehen hat. wie die Erdkruste geborsten ist an den Ufern der Maritza, welche tiefe .lurchen sich wie Gletscherfpalten parallel zu beiden Seiten des Flusses hin ziehen, wer die lieber- schwemmungen gesehen hat, die die dem Erdboden entquellenden Schlammafien angerichtet haben, vor denen bie Bauern in panischer Angst die Flucht ergriffen und Hütte und Hof bis vier Kilometer weit hinter sich liehen — das Volk behauptet, unter Tschirpan frien unterirdische Seen und die fliegen allmählich heraus —, wer Philippopel gc- feben hat unb die zerfallenen Zucker- und Tabakfabriken, wer die Sdyarcn der Obdachlosen sah und die fchweigenden, versteinerten Flüchtlinge — der Dcrfaimmt vor dem Elend dieses Volkes, diese» be riagRHStoertcn Volkes, das von solcher grenzenloser GevLgsamkeit ist, von solcher beispiellosen Wissen» gier, das so ganz unfähig ist. setzt die Werbetrommel zu fuhren für eigene 'Rot, das Begriffe hat von Moral und Sittenreinheit, die den Mittel- europäer staunen lasten. „Wir sind ja solche '»ünber*, lagtt? der junge Student, der In der letzten 'Rocht nc&en mir unter dem kleinen Zeltdach kauerte, in bas Prasseln des Regens, in das Murren des Boden-> hierin. „Wir reden die Unwahrheit und tun einander nichts Gutes, warum sollte uns die Erde nicht uer schlingen?" Id) fröstelte Haben wir Grotzstädter nur Rechtere Nerven oder schlechtere Gewlsten?
Fritz
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AW» wn 7 6libkn un! ern nebst tpertoolkmS' niti/prti#10Wm? ,Wtu,Wfr.'
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