Nr. 75 Drittes Statt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 28. März 1928
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Aus dem Reiche der Frau.
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Modeplauderei von Anne Beer.
Nachdruck verboten.
Die neue Frühjahrsmode beginnt ihren Feldzug mit sämtlichen Pastellfarben. Beige, Rose, Mode, Silbergrau. Seegrün, Wasserblau sind die siegreichen Farben. Ihre Siegesgenossen sind das Strickkleid, das Strickkostüm und der Kaschamantel. Die Strickkostüme sind in der abwechslungsreichsten Weise zusammengestellt. Durch Querstreifen in bunten Farben, durch lustige Bordüren und eigenartige Gürtel sowie durch einen originellen Ausschnitt erhalten sie einen jugendlichen, kleidsamen und neuen Typ. Drohen Beifall finden die in Kieler Art ausgeführten Strrckkostüme. Der marine Rock ist in Falten gelegt, auch vollständig plissiert; der weihe Pullover, mit marine Streifen abgeseht, hat einen spitzen Ausschnitt mit einem modisch gezeichneten Monogramm als Abschluß. Die hierzu passende „Kieler Jacke" wird durch Goldknöpse und einen Gürtel geputzt. Die beliebte Baskenmütze gibt dem Anzug noch ein besonders flottes, jugendliches Aussehen. Auch das Trikotkleidchen bleibt bevorzugt, unb gehört zum eisernen Bestand der modernen Frauenkleidung, besonders da die grohe Auswahl in den verschiedensten Stoffarten für Abwechslung forgt. Trikot-flams, Ringeltrikot in den neuen Linde- und Maronfarben, Trikot- Krokodil in Wolle, Seide und Kunstseide erschöpfen noch lange nicht die endlose Auswahl in diesen Stoffen. Fast durchweg wird der spitze Ausschnitt bevorzugt, der durch eine aufgesteppte Blende einen schrägen _ Abschluß erhalt. Die Lumberjacks und die ärmellosen Pullover in Mode, Blau und Rot verdienen für den Sport besondere Beachtung. Für den Sport, die Reise oder den Strand eignen sich auch die jugendlichen Kostüme aus kleinkarierten, englischen Wollstoffen, ein apart gearbeiteter Trenchcoat oder ein Covercoat mit Steppereien am Saum, am Kragen und an den Laschen. Flott sind auch die sommerlichen Flauschmäntel oder Mäntel aus englischen, großkarierten Stoffen, mit Lederbesah und vorderem Knopfschluh.
Größere Bedeutung denn je hat der Mantel für die Frauenwelt; nicht nur, dah er vor Regen und Kälte schützt, er verdeckt auch so bequem kleine Mängel an dem Kleide, das natürlich mehr getragen wird als der Mantel. Soll der Mantel nun die Erscheinung gut zur Geltung bringen, so ist die erste Bedingung, dah der Schnitt vorzüglich und die Ausarbeitung tadellos ist. Kaschamäntel und Mäntel in dem neuen Panamaaewebe, weiche Kaschapanamas in den neuen resede, bleu oder mode Farbtönen, erhalten durch ein gleichfarbiges Crepe-de-Chine- Futter eine sehr elegante Wirkung. Ripsmäntel stehen ferner in grober Gunst. Glatte Ripsstoffe, auch solche mit kunstseidenen Streifen und Karos, erhalten durch Einfassungen und Rüschengarnitur ein geputzteres Aussehen. Besonders für die sogenannten „Frauenmäntel" sind Ripsmäntel typisch; sie werden dann meistens in einfachem Herrenschnitt gearbeitet. Herrenfasson und englische Herrenstoffe werden nicht allein für den praktischen täglichen Bedarf, sondern auch für sportliche Betätigung heran- gezogen. Für diese Zwecke werden auch weiße und hellkarierte Flausch-Tennis- und -Golfmäntel viel getragen werden.
Für die Sommertage sind die einfach und elegant ausgearbeiteten W aschk leider bestimmt, für die sämtliche Daumwoll- und Seinen- stosse, einfarbig und gemustert gewebt und bedruckt, verarbeitet werden. Kattun, Perkal und Leinen wechseln ab mit den luftigen Baumwoll- und Wollmusselines und Voiles, die man mit Bordüren oder Phantasiemustern ausstattet. Bevorzugt werden Blumenmuster und großblumige Bordürenstoffe. Auch Kunstseide wird gern mit
Spiel und Spielzeug der Atterkleinsten.
Von Or. B. Münzer.
Mit der Deutung des kindlichen Spieltriebes haben sich namhafte Gelehrte und Dichter — wir nennen hier nur Schiller und 3ean Paul — befaßt. Manches Bändchen, mancher Foliant ist mit Antworten auf die Frage „Warum spielt das Kind?" gefüllt. Rach der einen Anschauung wird der Standpunkt vertreten, dah das Kind spiele, um seinen Lieberschuh an Lebenskraft gleichsam zu entladen. Wenn sich die Lmebe die in jedem lebenden Wesen walten, nicht auf anderen Gebieten bewähren können, so finden sie in den mannigfachen Formen des Spiel« ihren „Auspuff", — beim Menschenkinds nicht anders als beim höherstehenden Tiere, das in gleicher Weise dann zu spielen beginnt toenn es die für den Lebensunterhalt notwendigen Bedürfnisse für sich und feine Jungen besorgt hat (Sine andere Anschauung legt dem kindlichen Spiele den gegenteiligen Sinn unter. Das Kind spiele nicht, um feine Kräfte zu verschwenden, sondern um sie zu sammeln, — um sich im Spiele zu erholen. Zu dieser letztgenannten Meinung mag den Erwachsenen das eigene Vorbild veranlaßt haben: er sucht im freien Spiel — vom „Spielchen" an bis zu den hoyeren künstlerischen Genüssen — nach den Sorgen des Alltaglebens Ruhe für die Verven. Sammlung und Erholung. Aber beim Kinde gibt es doch noch keine Leistung körperlicher oder geistiger Art. die der Arbeit entspräche! Darum müssen wir wohl diese Deutung als unwahrscheinlich ablehnen. Wir glauben nicht, Msugehen, toenn wir u.is der erstgenannten Anschauung anschließen und sie in Verbindung mit einer dritten Auslegung gelten la>sen: dah die im Spiele sich äußernde überftromenbe Lebenskraft zugleich eine Selbstausbildung, eine Einübung der ererbten Anlagen, der triebe und Instinkte bedeutet Man glaubt sogar — wohl nicht mit Unrecht — in den einfachen Spielformen des frühen und frühesten Kindesalters Anklänge an den Urzustand der Menschheit zu sehen, glaubt etwa, um nur ein Beispiel zu nennen,
bedruckten Mustern verarbeitet; besonders bevorzugt scheint ein Konfettimuster zu sein, das sich in allen Stofsarten wiederholt. Daneben gibt es noch die große Auswahl in Kascha-, Crepe- de-Chine--. Georgette- und Kunstseidenstofsen, mit kunstvoll ausgeführten Jacquardmustern auf lustig gewebtem Fond, metallisch wirkende Kunstseiden- und Drokatstoffe. die für Kleider alle in Frage kommen.
Die Kleiderlinie bleibt schlank, und nur durch Raffungen und seitliche Einlagen werden Variationen geschaffen. Volantkleider sind nur für die Jugend bestimmt. Schleifen- und Schärpendrapierungen sorgen für eine bewegte Linie, ebenso geben die verschiedenen, zusammen verarbeiteten Farben, die beliebten Agraffen- und Bijouterien-Garniturcn ein stets wechselndes, interessantes Bild, das jeden Geschmack zu befriedigen vermag.
Das billigste Schönheitsmittel
Von Liselotte Hennoch.
Fast in allen kosmetischen Mitteln ist Zitrone enthalten, und wirklich, die Zitrone ist das beste und billigste Schönheitsmittel, das man sich vorstellen kann. Die Haut des Menschen ist der wichtigste Bestandteil seines Körpers, wir atmen durch die Haut, und toenn ein Drittel unserer Haut zerstört ist, können wir nicht mehr leben. Es ist also klar, dah man der Haut einige Aufmerksamkeit schenkt, ganz abgesehen davon, daß man das auch aus ästhetischen Gründen tun muh. Eine gesunde Haut ist fast immer eine schöne Haut. Der Saft der Zitrone kann zur
Gesunderhaltung und zur Schönheit der Haut außerordentlich viel beitragen.
Bei übergroßer körperlicher Ermüdung hilft, falls man die Ermüdung überwinden muß, ein lauwarm es Bad, dem man den Saft von drei bis vier Zitronen hinzugesetzt hat. Man muß das Wasser ziemlich heiß einlassen, den Zitronensaft sofort zusehen, damit er sich im Wasser verteilen kann. Bis das Bad die richtige Temperatur erreicht hat, hat sich der Zitronensaft dem Wasser mitgeteilt. Ein solches Bad ist außerordentlich kräftigend, gesund, weil es die Poren öffnet, es macht die Haut zart und rein und trägt also aus diesem Grunde gleichfalls zum Wohlbefinden des Menschen bei. — Für Frauen, die viel in der Küche arbeiten, ist die Zitrone ein unentbehrliches Hilfsmittel. Rach getaner Arbeit wird die Einreibung der Hände mit einigen Tropfen Zitronensaft sowohl erholend für die müden Finger, Gelenke und Muskeln, als auch pflegend für die Haut fein. Man muß die Tüchtigkeit der Frau nicht an rauhen Händen und zerrissenen Rägeln allein erkennen.
Wenn man sich am Abend vor dem Schlafengehen das Gesicht mit ein wenig Zitrone betupft, so wird man nach einiger Zeit voll Freuden beobachten können, daß braune Fleckchen und Unreinlichkeiten der Haut, sofern sie keine organische Ursache haben, verschwinden. Man muß allerdings die Haut erst ausprobieren, wieviel Zitronensaft sie vertragen kann. Ein sehr empfindlicher Teint bekommt zuerst eine leise Rötung, sogar ein Brennen. Das hindert dann oft, mit der Anwendung der Zitrone fortzufahren, sie sagen, „mir schadet Zitrone", aber sie wissen nicht, welchen Einfluß der Saft hätte, wenn sie
Allerlei Leckereien für Ostern.
sich nicht sofort entmutigen lassen wollten. Allo man versuche erst mit einigen Tropsen und nehme dann, toenn die Haut sich gewöhnt hat. mehr und mehr, bis zum Saft einer halben Zitrone. Der Teint wird weiß, weich, frisch und straff und neigt nicht mehr zur Pickelbildung. Die Zitrone ist für die Haut auch ein sehr gutes Reinigungsmittel, es gibt sogar Länder, in denen sich die Eingeborenen nur mit Zittone und niemals mit Seife waschen. Flecken und Unreinlichkeiten von den Händen und den Armen werden durch Zitrone sehr rasch und sicher entfernt. Da die Zitrone verhältnismäßig billig ist. ist sie als Schönheitsmittel allen Menschen zugänglich.
Wenig bekannt ist es, daß die Zitrone auch bet starken Kopfschmerzen, speziell bei Migräne, toenn viele andere Mittel versagen, wohltuend und schmerzlindernd angewandt werden kann. Der Genuß von starkem Kaffee, in den man den Saft einer halben Zitrone gegeben hat, schafft fast immer sofortige Linderung. Zitronenscheiben, die man auf die schmerzende Seite des Kopfes legt, mit einem Leinentuch fest über- bindet, mit einem Wolltuch zudeckt, sind ein probates Heilmittel. Menschen mit nervösem Magen oder nervösem Herzen, die die anderen Linderungsmittel nicht einnehmen können, werden erlöst zu der Zittone greifen, wenn sie. von Kopfschmerzen gepeinigt, keinen Rat wissen.
Als Zusatz und als Gewürz bei vielen Speisen hat die Zitrone sich bereits die Anerkennung verschafft, die ihr gebührt. Tee schmeckt gut, toenn einige Tropfen Zitrone seinen Geschmack unterstreichen. Die. Farbe des Tees nimmt durch Zusatz von Zitrone eine andere Tönung an, doch tut die hellere Färbung dem Wohlgeschmack keinen Abbruch. Salat, speziell Kopfsalat, Kresse und Endivien-Salat werden durch die Beimengung der entsprechenden Menge von Zitronensaft schmackhaft und der Gesundheit noch zuträglicher, als sie es sonst sind.
Von Marie Reuter.
Zur Freude der Kinder kann sich jede Hausfrau selbst einen Osterhasen herstellen. Zutaten: Ein viertel Pfund Honig. 50 Gramm Zucker, etwas Zimt und Relken, ein halbes Pfund Mehl, ein Ei. ein Backpulver. Zubereitung: Den Honig an der Herdseite zergehen lassen, Zucker und Gewürze zugeben, zuletzt das Ei, das gesiebte Mehl und das Backpulver; auf dem Rudelbrett den Teig abkneten, einen halben Zentimeter dick auswellen, Hasen ausstechen, bei Mittelhihe baden, mit Kakaoglasur überziehen. Zur Kakaoglasur läßt man 150 Gramm Zucker und ein achtel Liter Wasser so lange kochen, bis die Flüssigkeit Fäden zieht, dann gibt man den Kakao dazu, nimmt sie vom Feuer und rührt so lange, bis sich ein feines Häutchen bildet, gibt nußgroß Butter dazu und glasiert das Backwerk rasch damit.
Eine hübsche Zierde für den Osterttsch ist ferner ein O ft e r n c st, das allerdings etwas mehr Zeit und Geschicklichkeit fordert, a) Zutaten zum Rest: Sechs Eier, ein viertel Pfund Zucker, 180 Gramm Mehl, eine Zitrone; b) zur Kakaoglafur: 150 Gramm Zucker, ein achtel Liter Wasser, 80 Gramm Kakao, nußgroß Butter; c) zur Creme: zwei Eigelb, 80 Gramm Zucker, drei Blatt Gelattne, zwei Eßlöffel Zitronensaft, ein achtel Zittonenschale, zwei Eßlöffel Wasser, zwei Eischnee; d) zu den Eiern: ein viertel Pfund Mandeln, dreiviertel Liter süßen Rahm oder süße Milch, fünf Blatt Gelattne, ein achtel Liter Wasser, 150 Gramm Zucker; zum Färben: Kakao, verschiedene Zuckerfarben. — Zubereitung: Man stellt sich von den Zutaten a) einen Biskuitteig her: Zucker und Eigelb eine halbe Stunde schaumig rühren, Zi- ttonensast und -schale, dann das gesiebte Mehl, zuletzt den Eischnee dazugeben, in gefettete Ringform geben und backen; danach mit Kakaoglasur von dmi Zutaten b) überziehen und nach Belieben mit dicker Glasur neuartig spritzen. — Zur Creme: Eigelb und Zucker schaumig rühren, Zitronensaft und -schale zugeben, die in zwei Eßlöffel heißem Wasser ausgelöste Gelattne durch ein Sieb, zuletzt
den Eischnee dazugeben und in den Ring gießen. Zu den Eiern werden die Mandeln geschält, mit dem kochenden Rahm oder der kochenden Milch überbrüht, eine halbe Stunde stehen lassen, ab- seihen, Zucker zugeben und die Gelattne tote oben. Die Flüssigkeit in so viele Teile teilen, als man Farben hat. dieselben zugeben und in ausgeblasene und ausgeölte Eierschalen gießen. Dann kaltstellen, toenn steif, die Schale abnehmen und in die noch weiche Creme sehen.
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Wenn die Herstellung von Blätterteig auch etwas mehr Geschick und Uebung verlangt als die anderer Kuchen, so lohnt sich doch die Mühe, denn es gibt kaum ein Gebäck, das ähnlich wohlschmeckend ist. Auch die Männer bevorzugen es wegen seines geringen Zuckergehaltes, Butter gibt es ja jetzt im Frühjahr reichlich, da können wir den Versuch schon wagen. Es gehört zum Blätterteig ein viertel Liter Wasser, ein Ei, zwei Likörgläschen guten Rum, das nötige feine Weizenmehl und 830 Gramm Butter. Wir bringen all das nebst Kuchenbrett und Rudelrolle in einen möglichst kühlen Raum, in dem wir dann auch den Kuchen, mit leichter, geschickter, kühler Hand, um nicht zuviel Mehl hineinzukneten, bereiten. Wasser, Rum und Ei werden tüchtig verllopft und mit dem Mehl zu einem guten Rollteig zusammen- geknetet. Ist dieser dünn ausgerollt, so teilt man ihn in zwei Platten, zwischen welche man gleichmäßig die ausgewaschene, gut abgedrückte, in Keine Stückchen zerpflückte Butter legt. Run rollt man sie fünf- bis sechsmal aus, indem man den Teig nie zusammen knetet, sondern zusammenklappt, damit er recht blättrig wird. Dann schneidet man davon mit dem Rädereisen zwei Zentimeter breite Streifen, teilt sie schräg in sechs bis sieben Zenttmeter lange Stücke, bestreicht diese dünn mit zerklopftem Ei, streut Zucker, nach Belieben mit feingehackten Mandeln vermischt, über, legt sie ziemlich dicht auf Bleche, und läßt bei starker Hitze schnell hellbraun backen.
Das Heim der Sunggesellm.
Von Anne-Marie Marnpel.
Nachdruck verboten.
Ein eigenes Heun zu besitzen und es auszugestalten nach persönlichem Geschmack, ist Wunsch und Sehnsucht jeder auf sich selbst gestellten Frau. Ist letzte Voraussetzung wirklicher Selbstand.q- teit, Vorbedingung gehobener Geselligkeit, Quelle des Behagens und dadurch des allgemeinen Wohlbefindens. Ein Ziel also, heißen Erstrebens wert und dennoch in der Praxis selten erreicht.
Die Wohnungsnot hat einesteils Schuld daran, überdies muß bei der Verteilung der wenigen vorhandenen Wohnungen die Alleinstehende, die sich räumlich leichter behelsen kann als Familien, zumal solche mit Kindern, zu deren Gunsten verzichten; und endlich spielt die Kostenfrage eine schwerwiegende Rolle, denn die wenigsten Frauen sind heute in der Lage, hohe Baukostenzuschülle, Abstandszahlungen und Mieten aufzubringen.
Als weiterer erschwerender Punkt zählt, daß der Bedarf an Wohnungen für einzelne Damen in dem heute vorhandenen hohen Maße erst durch die wirtschaftlichen Umwälzungen der Kriegs- und Rachkriegszeit geschaffen wurde. Unzählige Mädchen und Frauen find dadurch aus dem Privatleben in den Beruf geführt worden, entweder, weil sie den Gatten und Ernährer verloren, oder aus der finanziellen Lage heraus dazu genötigt waren; der Frauenüberschuß und die durch ihn verminderten Ehemöglichkeiten taten ein übriges, um das Heer der Junggesellinnen zu vermehren. Diese Frauen, auf die Kraftprobe der Selbsterhaltung gestellt, die sie staunenswert gut und sicher lösten, sind nun zu neuen, durch die Verhältnisse bedingten Lebensformen herangereift, und fordern neben Pflichten auch Rechte, zu denen vor allem der Anspruch auf ein eigenes Heim gehört.
Wo es im Rahmen der Familie sich bietet, wo man der selbständig gewordenen Tochter vier
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die Vorliebe des Kindes für die Kreisbewegung — es stapft ja so gern um ein Bäumchen oder eine feste Stange herum — von den Rund- tänzen der primitiven Volker herleiten zu können! Diese Annahme hat manches Wahrscheinliche für sich. Daß der Mensch bis zu seiner vollen Reife sowohl in körperlicher wie in geistiger Hinsicht die primittven Entwicklungsstufen gleichsam im Laufschritt zurücklegt, — dafür geben ja auch die Tatsachen auf anderen Gebieten gewichtige Belege. Warum sollte sich also nicht auch die dem Kinde eigene Betätigungs.or!n, das Spiel, von diesem Gesichtspunkt aus betrachten lassen!
Die ersten Gegenstände, an denen sich der erwachende Spieltrieb bewähren farm, entdeckt der Säugling selbst: seine Händchen und Füße. Mit großen Augen betrachtet er seine Hände, läßt die Finger spielen, greift in der Lust herum und pattcht auf die Bettdecke. Bald tommen die Füße an die Reihe: sie werden hochgenommen und mit den Händchen gefaßt, — höchst einfache, aber doch wohl recht gefällige Spiele, wie der Augenschein lehrt. Der Säugling macht in diesen Spielen gleichsam die Belanntschast mit sich selber. Bald erweitert er seine Erfahrungen: ein Stück Papier kommt ihm unter die Händel Das raschelt, knittert, läßt sich zusammen- ballen, zerreißen! Reue hochwichtige und reiz- volle Entdeckungen! Lind welche Freude gibt es erst, wenn die Papierschnitzel verstreut werden, und das Kind sich dabei selber als den Urheber solcher Taten erkennen kann! Und weiter: Dinge, die es festhielt, können fallen, wenn es die Händchen öffnet, können klopfen und klappern, wenn sie zu Boden rollen, zumal wenn sie mit dem Aermchen in Schwung gebracht werden! Das sind bei weitem keine Unarten, wenn die Kleinen immer wieder die Gegenstände, die man ihnen in die Hand steckt, von sich werfen: es sind die echten Entdeckungsfreuden, die das Kind gern auskosten möchte! Die Mutter soll sich darum diesen kleinen Launen beugen — im wahrsten Sinne des Wortes —, soll dem Kleinen den Gegenstand seiner Belustigung getrost aufheben, ihn wieder und wieder ihm ins Händchen geben.
Das erste eigentliche Spielzeug ist die Kinder klapper, — sie ist wohl auch geschichtlich das älteste. Schon in den frühesten Kultur
epochen kannte man Klappern aus Ton oder ähnlichen Stoffen, — der trockene Mohnkopf mit seinen klappernden Samenkörnern mag als Vorbild gedient und wohl auch lange Zeit hindurch Ersah für die künstlich gefertigte Klapper geboten haben. Dann zieht, Schritt für Schritt, das Heer der Spielsachen vor den Kleinen auf. Wir wollen davon absehen, all die guten Dinge herzuzählen, die den „reifenden Säugling" belustigen können. Wir wollen nur wenige Bei» spiele herausgreisen, die die Eltern und Verwandten bei der Auswahl der Geschenke beraten sollen, — wenn ihnen daran gelegen ist, mit den Wünschen der Kleinen auch die des Kinderarztes zu erfüllen.
Um uns recht verständlich zu machen, werden wir einmal dem kleinen Helden unserer Abhandlung eine Reihe guter, aber in unserem Sinne doch recht unvernünfttger Tanten an- dichten. — Da bringt die eine ihrem kleinen, noch nicht dem Säuglingsalter entwachsenen Liebling einen wollenen Pudel, mit hübschen, krausen Locken geschmückt, als Geschenk mit. Das Tierchen mag ja wirklich recht possierlich sein, aber ich würde doch raten, dieses Präsent so bald wie möglich entweder einem größeren Kinde zu verehren oder — es in den Ofen zu stecken. Freilich, mit Rücksicht auf die gute, alte Frau erst, wenn sie wieder ihrer Wege gegangen ist. Dieser Pudel verstößt nämlich mit einer Vehemenz, die man seiner sonsten Art kaum zutrauen möchte, gegen eine Hauptforderung der Pflege: gegen das Gebot der Reinlichkeit, dem alles unterworfen ist, was mit dem Säugling in Berührung kommt, — auch das Spielzeug! Dies Tier ist in unseren Augen — freilich ohne alle Poesie gesehen — nur ein Staubfänger und hat die eine Untugend, die wir ihm nicht verzeihen können: es läßt sich nicht abwaschen. Spielsachen, die man nicht abwaschen kann, lehnen wir für den Säugling ab.
Dichten wir einmal weiter. Da hat das Kleine wieder einmal ein süßes Püppchen bekommen, „süß" im wahren Sinne des Wortes: es ist aus Zucker hergestellt. Schleunigst fort damit, liebe Mutter, ehe das Kleine seiner Gewohnheit getreu daran leckt! Denn wir wissen nicht, was außer dem Zucker noch darin sein mag. Leicht kann bad Kind daran erkranken! Eß
bare Spielsachen lehnen wir ebenfalls aufs strengste ab!
Run: ein Ziegenböckchen, recht nett aus Blei gegossen, und mit strammen Hornern. Was wir an dieser Gabe rügen müssen? Blei ist Gift. Außerdem kann sich das Kind leicht an den spitzen Hörnern und scharfen Kanten verletzen. Spielfachen, die aus Blei bestehen, die zudem noch scharfe Kanten und Spitzen auftoetfen, geben wir dem Säugling nicht in die Hand.
Rim kommt ein Pferdchen heran, aus Holz, allerliebst mit bunten Farben bemalt: ebenfalls in den Ofen damit ober sonst wohin, nur nicht zum Kinde; denn die Farben konnten beim Belecken abweichen und giftig fein! Bemaltes Spielzeug darf der Säugling ebenfalls nicht in die Hand bekommen. Ein Wägelchen aus sauberem Holz, mit kleinen, drehbaren Rädern und zierlichen Speichen, mit einem Bänkchen, auf dem auch ein Kutscher aufgeleimt ist, werden wir allein darum nicht mit aufrichtiger Freude begrüßen, weil es zu zerbrechlich ist. Wir verlangen von einem brauchbaren Säug- lingsspielzeug, daß es haltbar ist. Und ein Klingelwagen mit einer großen blanken Glocke gefällt uns nicht, weil er zu groß ist und zu schwer für das Kind ist: es kann ihn nicht ins Händchen nehmen.
Unsere Beispiele genügen, um den Eltern und Freunden unserer Allerkleinsten die Regeln zu illustrieren, nach denen sie sich bei der Wahl der Spielsachen richten sollten. Wir fassen zusammen: Das Säuglingsspiel-eug darf nicht aus Stoffen hergestellt fein, die schwer oder gar nicht zu reinigen find, es darf nicht aus eßbaren Stoffen, nicht aus Blei bestehen, soll keine Spitzen und scharfen Kanten, keinen verdächttgen Farbenschmuck aufweisen und endlich nicht zu zerbrechlich und nicht zu groß und schwer sein.
Wer gerne schenkt und gern das Rechte treffen will, dem wird die Auswahl durch unsere Forderungen wohl nicht allzu sehr erschwert. Es gibt doch iwch genug der guten Dinge. Wir führen hier nur die Celluloid-Bälle, -Püppchen und »Tiere an. Auch die Gummipuppe ist erlaubt. Rur muß das Metallpfeifchen vorher entfernt werden, da es der Säugling leicht verschlucken kaum


