Mittwoch. 28 März 1928
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger sür Gberhessen)
Nr. 75 Zweiter Blatt
Da« hessische Beamtenbesoldungsgesetz.
Von Or. Otto Keller, Oberstudiendirektor in Büdingen, M. d. L
QIm 18. März ist den hessischen Landtagsabgeordneten der Entwurf einer neuen Besol- dungsordnung zugcgangen, mit dem sich nunmehr seit dem Freitag der Finanzausschuß beschäftigt. Wenn fromme Wünsche wahr werden, wird er noch vor Beginn der Karwoche auch im Plenum beraten, ja sogar verabschiedet werden und den hessischen Beamten und Dienstanwärtern ein Ostergeschenk in Gestalt einer Nachzahlung der seit Oktober laufenden Erhöhung ihrer Bezüge bringen, soweit diese nicht bereits durch Borschüsse abgedeckt ist. Hessen beabsichtigt bekanntlich mit seiner Mahregel nicht anderes, als was das Reich, Preuhen, Sachsen und andere Länder längst getan haben, und was bei uns durch die ein volles Vierteljahr umfassenden Regierungsverhandlungen über Gebühr hinausgezögert worden ist: nämlich die Angleichung der Besoldung der Staatsdiener an die höheren Kosten der Lebenshaltung, wie sie uns die letzten Jahre leider beschul haben.
Vorausgeschickt sei, dah diese Angleichung in vielen Fällen nur sehr unvollständig sein kann, so dah auch künftig ein großer Teil der Beamtenschaft an dem .Entbehrungsfaktor" beteiligt ist, den die Rot der Zeit unserem Volke auferlegt: und gegenüber der ablehnenden Haltung, die man in weiten Kreisen ländlicher wie städtischer Wirtschaft zu der .Begehrlichkeit"^der Festbesoldeten einnimmt, denen man märchenhafte Einkünfte andichtet, sei doch folgende Darlegung gestattet: Das deutsche Beamtentum ist niemals besonders hoch besoldet gewesen. In zahlreichen Fällen wäre ihm vor dem Kriege die Aufrechterhaltung standesgemäßer Lebensführung und Kindererziehung unmöglich gewesen, wenn nicht zu dem Diensteinkommen beträchtliche Einkünfte aus Vermögenszinsen geflossen wären. 3m Krieg verschlechterte sich die Wirtschaftslage des Beamten: während der Inflation nahm sie erschreckende Formen an. ja. man kann wohl behaupten, daß, abgesehen von den beklagenswerten Rentnern, kein Stand ähnliche Opfer gebracht hat, zumal auch hier völliger Dermögensverlust und Miterhaltung einst wohlhabender, nun aber verelendeter Anverwandten beinahe Selbstverständlichkeit geworden waren. An der Ausblutung in jenen Hungerjahren, wo so mancher andere satt war, krankt die Beamtenschaft noch heute: denn als endlich mit der Stabilisierung der Mark ein zwar stark verkürztes, aber dafür wertbeständiges Gehalt kam. da sah es in den Schränken und Truhen derart leer aus. daß die allernotdürftigste Ergänzung der Kleidung, der Wäsche, des Hausrats usw„ besonders in kinderreichen Beamtenfamilien, die alte Rot verewigte und massenhaft zur Verschuldung führte, weil für außergewöhnliche Ausgaben die Bezüge nicht ausreichten, und zu einem Zurückgreifen auf andere Hilfsquellen keine Möglichkeit mehr bestand. Wohl brachten der 1. Juni und der 1. Dezember 1924 noch einmal Gehaltserhöhungen: aber schon damals genügten sie nicht zur Abstellung des geschilderten Sichdurchwürgens, und in den folgenden drei Jahren ist der Teuerungsinder unentwegt aufwärts geklettert, wenn auch die unverantwortliche Behauptung, wir stünden vor einer neuen Inflation, die sich ein Dauernfuhrer auf der Darmstädter Protestversammlung erlaubt hat. glücklicherweise unzutreffend ist. Reichstag und Landtage hatten seit Jahren die Berechtigung der Beamtenfordcrungen anerkannt: unendlich lange, viel länger, als dies bei Gewerkschaftsforderungen der Fall zu sein pflegt, blieb es bei Verkostungen, die immer bitterere Empfindungen auslosten: endlich. als Wcihnachtsgabe, kam die Neuordnung im Reich und in Preuhen, möchte sie nun, drei Monate später, auch unseren hessischen Beamten zuteil werden! Zwar wird sie viele Wunsche unerfüllt lassen, schlimmsten Druck aber doch beseitigen können. —
Der vorliegende Regierungsentwurf besteht wie üblich aus zwei Hauptteilen: dem eigent
lichen Gesetz, das alle allgemeinen Be - stimmungen umfaßt, und der Besoldung s- o r d n u n g, die sämtliche Gruppen mit ihren Bezügen auszählt: drei Beilagen regeln den Wohnungsgeldzuschuh, die Vergütung der Staatsdienstonwärter und die der wissenschaftlichen H och sch ul a s fist e n t e n. Von jedem einzelnen Abschnitt läht sich dasselbe sagen: er entnimmt aus dem buntscheckigen Vielerlei der bereits durchge-ührten Be- soldungsordnungen des Reichs und der Länder hier dies, dort jenes, wobei besonders Baden die Patenschaft übernommen hat, und zwar nicht zum Vorteil unserer Beamten, vor allem der höheren; das ganze hat man dann zu unseren früheren Verordnungen in ein einigermahen passendes Verhältnis gebracht. Daß dabei der Wunsch, den überlasteten Staatssäckel nicht a l l z u s ch w e r zu belasten, noch stärker zutage tritt als bei den meisten Mustervorlagen, wird niemand verwundern, der die hessischen Finanznöte kennt: ob cs trotzdem nicht möglich ist. bei den obersten Stellen („Einzelgehöfte") Abstriche vorzunehmen, mag demnächst der Sparkommissar entscheiden. Die Zahl der Hauptgruppen beträgt wie anderwärts nur 12; dagegen hat man Untergruppen geschaffen, die wenigstens die größeren Länder entbehren zu können glaubten; z. B. hat man die Normalgruppe der akademischen Lokalbeamten in zwei Teile zerrissen, ohne daß die sachlichen Voraussetzungen wie in einigen süddeutschen Ländern dafür vorhanden gewesen wären. Der Finanz- ausschuß hat bereits die Beratung des ersten Hauptteils abgeschlossen und die des zweiten be> den Llnterbeamtcn begonnen; größere Aende» rungen sind bis jetzt nicht am Entwurf vorgenommen worden und werden vermutlich überhaupt nicht kommen, weil es ja immerhin ungewöhnlich wäre, wenn die Koalitionsmehrheit dem ersten Werke ihrer neuen Regierung Schwierigkeiten bereitete. Es ist nicht üblich, Einzelheiten aus Ausschußverhandlungen auszuplaudern, und ich widersteh deshalb der Versuchung, es hier zu tun; soviel kann aber jedenfalls gesagt werden, daßdie WortführerderRegierungs- parteien ihre Haltung in allen Einzelheiten derart fest gelegt haben, daß kein Antrag eines Ausschußmitgliedes aus den Reihen der Opposition Aussicht auf Annahme hat, undwenn er zehnmalbegründet wäre, sofern er nicht zufällig auch schon auf dem Wunschzettel der Koalition gestanden hat.
Das beschleunigt natürlich die Behandlung der Vorlage, hat aber m. E. schon bisher einige recht unerfreuliche Folgen gezeitigt und kann deren noch mehr bringen. So hat man meinen Antrag, unverheirateten Beamten von über 45 Jahren den vollen Wohnungsgeldzuschuh zu gewähren. weil sie fast immer einen Haushaft führen müssen, niedergestimmt, trotzdem das Reich und Baden diese Bestimmung Huben, und trotzdem der unverheiratete Geistliche auch in Hessen von Anfang an den vollen Sah erhält; so hat man meine weitere Forderung, gestaffelte Kinderbeihilfen bis zum 21. Jahre wie in Preuhen zu zahlen, dem Koalitionsvorschlag geop.ert, der zwar staffelt, aber vom 16. Jahre an eine K a n n- vorschrift einführt, die gerade im Dolksstaat immer der Gefahr parteiischer Handhabung ausgesetzt ist. Dabei sah der Entwurf die Gewährung des Kindergeldes bis zum 21. Jahre als Muh Vorschrift vor. allerdings ungestaffelt, mein Antrag kam ihm also näher als der andere, den die Regierung ohne Widerspruch sich zu eigen machte.
Höchst gefährliche Fußangeln bergen sich tn verschiedenen scheinbar harmlosen Vorbemerkungen und Fußnoten der Besoldungsordnung, die das Dien st alter beim Wechseln der Besoldungsgruppe bestimmen; auch hier begegnen wohlbegründete Abänderungsvorschläge, die schweres Anrecht verhüten können, lächelnder Geringschätzung, weil sie nicht zum vorgefaßten Programm gehören. Nur geringen Trost kann tn solcher Lage dem hoffnungslos Niedergestimmten die Tatsache gewähren, dah auch die Derbesse- rungsvorschläge des Deutschen Deamtenbundes wie des Reichsbundes höherer Beamten genau so wenig Beachtung finden, nachdem man beide Verbände auch vorher schon kaum gehört hatte. Wenn also die Regierungsvorlage Ausschuß und Plenum passiert haben wird, wird sie kaum eine
einzige Zahl oder einen einzigen Sah enthalten, dem nicht von Anfang an das Placet des Drei- gestirns Storck. Hainstadt, Reiber zutcil geworden war; von einem vorausgcgangenen Ringen um diese oder jene Einzelheit kann höchstens in dem Sinne die Rede sein, dah ein solches vielleicht im verschwiegenen Schoße der Koalition stattgesunden hat. Aus alle Fälle werden Opposition, Beamtenverbände und Wählerschaft vor vollendete Tatsachen gestellt.
Klar ist ohne weiteres die Haltung des Bauernbundes, dem bei den bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten eine Vertagung der Vorlage geboten erschien. Der Tatendrang des kommunistischen Vertreters erschöpft sich in zahllosen, von Sachkenntnis nicht getrübten, aber für robuste Agitation geeigneten Anträgen. Die Deutsch nationalen sind leider nach ihrer Wahlniederlage in den Ausschüssen nicht mehr vertreten: auch die D. V. P. ist neuerdings dort auf ein Mitglied beschränkt. So haben Sozialdemokratie und Zentrum unbeschränkte Freiheit, eine mehr oder weniger große Deamtenfrcundschaft zu bekunden und dabei zu zeigen, ob sie willens sind, ihre Gaben allen ohne Einseitigkeit gleichmäßig zuzuwenden. In keinem einzigen Falle werden diese sür den Empfänger überflüssig sein. Der hessische Beamte, der mit im teuersten Gebiete Deutschlands wohnt und trotzdem mehr als einmal hinter seinen Kollegen im Reich zurückstehen mußte, bedarf der Aufbesserung, und wenn so mancher bedrängte Hausvater in Landwirtschaft, Gewerbe und Handwerk auch der Vorlage mit gemischten Gefühlen gegenübersteht, so möge er ihr doch in der Erwägung zu- stimmen. daß einmal nur ausreichend besoldete Staatsdiener auf die Dauer mit voller Arbeitskraft und Arbeitsfreude zu wirken vermögen, und daß weiter das ganze Mehr an Einkünften, das der Beamte künftig erhält, fast unmittelbar wieder der Volkswirtschaft zuflieht, weil es dem Empfänger das einzukaufen erlaubt, was er dringend benötigt, was aber dem Verkäufer sonst auch liegen geblieben wäre.
Zeriungsschau.
Georg Bernhard, der bekannte demokratische Journalist, nimmt den Fall Wirth zum Anlah, um in der „Voss. Ztg." m das gleiche Horn der Kritik an unseren Wahlmethoden zu stohen, wie einige Tage vorher die politisch rechts eingestellte .,D. A. Z." in dem von uns zitierten Aufsatz. Bernhard schreibt: „Es heißt, das badische Zentrum habe den Beschluß, Dr. Josef Wirth nicht wieder auf die Liste für die nächste Reichstagswahl zu sehen, erst gefaßt, nachdem es von ihm das Versprechen erhalten hatte, er werde auf keinen Fall sich selbst als Reichstagskandi- daten im Badener Land aufstellen. Hoffentlich entspricht diese Erzählung nicht der Wahrheit, denn sie würde, nach dem, was jetzt geschehen ist, die Llebertölpelung eines Gutgläubigen und seiner Partei Ergebenen durch die Tücke finsterer Zwerge berichten. Aber die Tatsache, dah man in Baden an sie glaubt, zeigt bereits die Sonderbarkeit des Geschehenen auf. Ein Volkstümlicher, dessen Eigenart in dem Seelenleben der kleinen Leute seines Heimatlandes wurzelt, wird von der Parteimafchine ausgefegt, nachdem sich die „Bonzen" davon überzeugt haben, dah sie nicht die Gefahr laufen, er werde an die Popularität appellieren. Der ganze Jammer unseres Wahlrechtes tut sich hier vor einem auf. Das Volk, das wählt, darf nicht mehr bestimmen, wen es wählen will. Lieber einen ganzen Riesenkreis hinweg werden unter kluger Ausnutzung des „Hasses der Städte" von einem kleinen Komitee die Kandidatenlisten ausgeklügelt und ausgehandelt. Diese Methode wird im Grunde genommen zu gar nichts anderem als dem Mißbrauch, über den man sich in Preuhen beim Dreiklassenwahlrecht beklagte: Damals wählte das Volk nicht seine Abgeordneten, sondern lediglich die Wahlmänner, die dann unter sich den Kuhhandel über den Abgeordneten betrieben. Damals wußte aber wenigstens der Wähler, dah er nur indirekt wählte, und konnte sich dagegen auflehnen. Heute wählt er indirekt. Aber er weih es nicht, weil der Kuhhandel bereits vom Parteiklüngel be
endet ist, wenn dem Wähler der Kandidat bekanntgegeben wird. Anstatt dah Baden stolz darauf ist, den Mann wieder in den Reichstag zu senden, der in des Reiches schwerster Zeit die Verantwortung der Kanzlerschaft übernommen und mit einem ungeheuren Mut durchgeführt hat. wird er jetzt abgesägt, weil er keine Parteidisziplin gehauen hat. Es ist gerade so, als ob man dem Lande zeigen will, dah Parteigewaltige sich einen Quark darum kümmern, wer bei den Massen beliebt ist. Lieber der Demokratie steht die Bureaukratie der Partei, die allein das Recht hat, zu wiegen und zu leicht zu befinden, dec es allein zusteht, die Schwere der Sünden gegen den Parteigeist zu beurteilen, und Absolution oder Verdammung auSzusprechcn. Was im badischen Zentrum geschehen ist, kann morgen bei dem heutigen Listensystem in jedem anderen Landestcil und in jeder anderen Partei geschehen. Man sollte sür alle Wähler im Lande die Sturmglocke läuten.
Oberheffen.
Eine koloniale Kundgebung in Bad-Nauheim.
2$. Bad-Nauheim, 27. März. Zu einem Vortragsabend hatte die hiesige Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Kolonialgesellschaft, des Seevereins und des Vereins für das Deutschtum im Auslande in die Turnhalle cingeladen. Die vom Amtsgerichtsdirektvr i. R. Dr. Fuhr geleitete Versammlung war sehr gut aus ollen Devölkerungskreisen besucht und nahm einen würdigen Verlauf.
Es sprach zuhgHst Oberingenieur Schmitt (Mainz), der vordem Kriege 8 Jahre lang als Vermessungsbeamter in den deutschen Schutzgebieten in der Südsee geweilt, über die geschichtliche Entwicklung Neu-Guineas und der Nebeninseln und über ihre wirtschaftliche Bedeutung. Letztere ist recht hoch einzuschähen, war die Ein- und Ausfuhr von 1899 bis 1913 doch schon von 5 auf 40 Millionen Mark gestiegen. Schöne Lichtbildausnahmen über das Siedlungs- und Wirtschaftsleben unserer ehemaligen Südseeinseln bestätigten die Ausführungen des Redners, dah uns dort ein entwicklungsfähiges Kolonialland verloren gegangen, dessen Kultur unter deutscher Verwaltung schon erfreuliche Fortschritte gemacht hatte.
Studienrat Dr. Knieriem, der Vorsitzende des hiesigen V. D. 21.. gab auf Grund etnpfangener brieflicher Nachrichten interessante Mitteilungen über das deutsche Schulwesen in unserem ehemaligen S ü d w e st. Der Hilfe bedürfen vor allem die deutschen Privatschulen daselbst. Es wurde daher beschlossen, in nächster Zeit eine größere Bücherkiste mit guter unterhaltender und belehrender Literatur der deutschen Schule in Lüderihbucht zu übersenden. Spenden sind in reicher Menge zugesagt.
Die neuerdings bekannt gewordenen Absichten Englands auf das Mandatsgebiet Deutsch-Ostafrika veranlaßten Amtsgerichtsdirektor i. R. Dr. Fuhr zu längeren Ausführungen. Eine der Versannnlung vorgeschlagene Entschließung sand e i n st i m m i g Annahme. Sie hat folgenden Wortlaut: „Die zu einem Kolonialvortrag versammelten Mitglieder der Abteilungen Dad-Natcheim der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, des Verbandes der Ausländsdeutschen und des Seevereins mit ihren Angehörigen und vielen Gästen erblicken in den offensichtlichen Bestrebungen der Engländer, die deutsche Kolonie O st- Afrika ihrem Kolonialreiche einzuverleiben, eine Verletzung der Bestimmungen der Völkerbundssatzungen und des Versailler Friedensvertrags. Sie richten daher an den Herrn Außenminister des Deutschen Reiches die ebenso ergebene wie dringende Bitte, sofort gegen den Plan einer Föderation der ostafrikanischen Gebiete bei dem Völkerbund und vor aller Welt Einspruch zu erheben, bevor das deutsche Volk vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Deutsch- Ostafrika muß Mandatsgebiet bleiben und an uns zurückgegeben werden."
Neue Ausgrabungen am Trajansforum.
Don Prof. Dr. Walter Bombe.
Nachdem 1925 die Freilegung des Augustus- for^-ms mit dem Tempel des Mars Ultor (des rächenden Kriegsgotles) im wesentlichen beendet war, konnte nunmehr auf dem Gelände des Trajansforums der Spaten anges^t werden. Das Forum, das Kaiser Trajan durch fernen genialen <Laumeister Apollodoros von Damaskus in den Jahren von 107 bis 113 errichten lieh, war die großartigste aller Plahanlagen der alten Welt, das gewaltigste aller Kaiserfora überhaupt Wie die vier anderen Kaiserfora hatte es die Aufgabe, Räume für den riesenhaft an- gewachfenen Verkehr, für Versammlungen, Ge- richtssitzungen und für den Handel zu schaffen. Diese Aufgabe war hier dadurch besonders erschwert, daß der Quirinalshügel in das Forums- qelände hineinragte und eine ebene flache erst durch umfangreiche Ausschachtungen geschaffen werden konnte.
Zunächst hat Apollodoros die südliche Kuppe des Quirinalshügels zum großen Teil abgetragen Fast 33 Meter über dem Erdboden lag der Gipfel des Berges, der weichen muhte. Die Inschrift an der Basis der Lrajanssäule, deren fiaren Sinn man neuerdings, wie Hülsen sagt, durch aanz überflüssige Klügeleien zu trüben gesucht W verkündet noch heute, dah sie errichtet wurk^. um'zu zeigen, wie hoch der ®erg war, der abgetragen werden muhte, um für diese Prachtbauten Platz zu machen. -Zu dem ehernen Standbild des Kaisers, das die Säule bekrönte, fuhren 184 Marmorstufen hinauf Roch neueren For- schungen steht fest, dah die Säule ®rab- monument gedient hat und m ihrer Basis eme Kammer mit Destattungsresten von der Bei- setzung Trajans und seiner Gemahlin Plotina enthielt. Wie später Napoleon, wollte er also tn- mitten des Volkes ruhen, das er so sehr geliebt hatte. Diese riesige, noch heute stehende Grab- und Ehrensäule war die erste ihrer Art in Rom. 3n 200 Meter langen Windungen umziehen ^re- ltefs. die einst in farbiger Bemalung glanzten.
den Schaft der Säule. Sie verherrlichen in 2500 Figuren die dakischen Kriege des Kaisers.
Das Trajansforum galt schon im Altertum als der Höhepunkt aller Baukunst. Von der überwältigenden Wirkung auf den Kaiser Con- stantius berichtet Ammian im Jahre 356: „Als der Kaiser aber an das Forum des Trajans gekommen war, jenes einzigartige Werk unter dem Himmel, das selbst die Götter bewunk^rn mühten, stockte er, wie vom Donner gerührt, und lieh seinen Blick ringsum schweifen über die riesigen Bauten, zu deren Beschreibung das Wort nicht hinreicht, und die von Sterblichen nicht wieder gewagt werden können." Lind später läht eine Legende des siebenten Jahrhunderts Papst Gregor den Großen, als er «ines Tages, die Denkmäler des alten Roms bewundernd, über das damals schon verfallene Forum ging, in tiefe Trauer versinken, daß ein so großer und gütiger Monarch wie der Kaiser Trajan t>er ewigen Verdammnis anheimgefallen sei, — und sein Gebet erlöste die Seele Trajans.
Die Säule war an drei Seiten von einer zweistöckigen Galerie umgeben, die es ermöglichte, die Reliefs aus der Nähe zu betrachten. Di« Fundamente dieser Hallen sind noch zu sehen. 2ln sie schlossen sich rechts und links von der Säule zwei Gebäude für eine griechisch« und eine lateinische Bibliothek. Den Eingang zum Trajanssorum bildete ein im Jahre 112 von Apollodoros errichteter Triumphbogen. Hinter den seitlichen Hallen lagen zwei große seitliche Apsiden mit vorgestellten Säulen. In der Mitt« des Platzes erhob sich das Reiterstandbild Trajans. Dann legte sich quer_ Ne große Basilica Lllpia vor, innen mit zwei Säulenreihen, rmgsum mit Oberlicht, in vergoldeter Bronze eingedecktem Dach und zwei 2lpsiden. Den nördlichen Abschluß bildete der dem Trajan geweihte Tempel, mit dem Kaiser Hadrian die gewaltige Anlage seines Adoptivvaters vollendete. An dieser Stelle liegen jetzt zwei Kuppelkirchen der Renaissance- und Barockzeit, S. Rome di Maria und S. Maria di Loreto.
In den Jahren 1812 bis 1814 haben die Franzosen den größeren Teil der Basilica Lllpia und der beiden Bibliotheken freigelegt. 2n dem aufgegrabenen Teile von 110 Meter Läng« und
45 Meter Breite bezeichnen vier Reihen von Säulenstümpfen die Lage der fünfschiffigeii Dasilica Lllpia, deren Mittelschiff 25 Meter und deren Gesamtbreite 59 Meter betrug. Der Boden war mit feinem Marmor getäfelt. Die auf den Fundamenten aufgestellten Granitsäulen gehörten vielleicht zur Llmfassungshalle des Forums: die ursprünglichen Säulen waren von gelbem Marmor und kanelliert. Bisher ausgegraben ist also der größte Teil der Basilica und der beiden Bibliotheken mit der Säule im Mittelhof, auf der das eherne Standbild des Kaisers 1587 durch eine Bronzesigur des 2lpostels Petrus ersetzt wurde. Im Jahre 1925 hat man auch die Freilegung der Reste der riesigen Nordostapsis hinter den Häusern in Angriff genommen. Der ursprüngliche Plan Corrado Riccis, diese Häuser niederzulegen, mußte mit Rücksicht auf die in Rom herrschende Wohnungsnot vorläufig aufgegeben werden, so dah zunächst auf dem Gelände der Gärten und Höfe, die sich dort erstrecken, der Spaten angesetzt wurde. So ist wenigstens ein Teil dessen, was Corrado Ricci plante, zur Ausführung gebracht worden. Beabsichtigt wird, die östlich von Dia Alessandrina liegenden Teile des Trajansforums ganz, bis zu den sogenannten Bagni di Paolo Emilio freizulegen. Dort, in Via Campo Carleo 6, sieht man zwei Stockwerke der östlichen 2lbschluhmauer des Forums, ge- toaltige Lieberreste des vollkommensten römischen Ziegelbaues.
Diese mächtige östliche Exedra ist nunmehr völlig freigelegt worden. Bevor diese Frellegm^ beginnen konnte, war die Kaserne MagnanapoD^ die sich in den Gebäuden des früheren Klosters der heiligen Katharina eingenistet hatte, abzutragen. Danach sanden sich in einer Tiefe von sieben Meter unter dem heutigen Straßenpflaster Fußböden von kostbarstem Marmor, Bruchstücke prachtvoller Säulenbasen, Kapitelle und Ornamente aller Art. Die weite Exedra selbst mit ihren Nischen und Fenstern brachte noch eine große Lleberraschung: es stellte sich heraus, dah sich hier das Hauptgebäude der großen trojanischen Märkte befand mit zahllosen Geschäftsund Lagerräumen mit kleinen Äbfluhkanälen zum Waschen von Gemüse und Fischen, mit Fensteröffnungen zur Lüftung und anderen Einrichtungen ähnlicher Art. Zwei groß« innere Treppen fühven
auf eine Terrasse, die das Markthallengebäude von einem anderen jetzt ausgegrabenen Gebäude am Abhange des Quirinalshügels trennt. Lieber diese terrassenartige Ebene lief die unter Trajan erbaute Derbindungsstrahe von der dicht bewohnten Suburra, wo die Handwerker Roms hausten, hinauf zum Quirinal.
Das Verdienst, diese Arbeiten angeregt und begonnen zu haben, gebührt dem früheren Generaldirektor der Schönen Künste, Senator Corrado Ricci, die Leitung der Ausgrabungen hatte Professor G i g l i o l i von der Universität Rom, ein bedeutender archäologischer Fachmann. Eine reiche Ausbeute hat die Mühe und den Aufwand an Kosten gelohnt, und die ewige Stadt ist um ein neu an das Licht gebrachtes Prachtgebäude der römischen Kaiserzeit reicher geworden.
Sillens Aleerschaumspitze und Syrons Gewehr unter dem Sammer.
Eine große Ar^ahl literarischer Kuriositäten wird demnächst bei Sothebys in London versteigert, darunter die Meerschaumspihe von Dickens, aus Ser er rauchte, als er einige seiner unsterblichen Werke schrieb. Die Meerschaumspitze ist ein prächtiges Stück, reich mit Silber beschlagen und mit einem Mundstück aus Bernstein: sie wird zusammen mit einem in blauer Tinte geschriebenen Brief des Dichters veraukfioniert, der an den Mann eines früheren Dienstmädchens von Dickens gerichtet und ein schöner Ausdruck des sozialen Empfindens des Dichters ist. Eine andere Reliquie ist ein Gewehr von Byron, ein Hinterlader, der auf einer silbernen Platte den Buchstaben „B“ eingraviert zeigt. Auch ein Testament Lord Byrons kommt zum Ausgebot, das von ihm in aller Eile nach dem Tode seiner Mutter aufgesetzt wurde, aus dem Jahre 1811 stammt und zahlreiche Verbesserungen und Zusätze von feiner Hand zeigt. Außerdem wird eine Seite auS einem Logbuch Nelsons versteigert, sowie Briefe von Thackeray, Carlyle, Wagner, dem Entdecker der Pockenimpfung Jenner und der großen Menschenfreundin Florence Nightingale.


