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Ur. 24 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 28. Januar 1928
Europa, die panamerikanische Konferenz und Rußland.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoetzsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X
In Havanna tagt seit dem 16.Ianuar die sechste panamerikanische Konferenz. Vegrisf und Name sind schon älter. 2a, sie sind eigentlich zugleich mit der Monroedoktrin entstanden, Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Was sie bedeuten, ist klar: Die Idee einer Zusammengehörigkeit des ganzen amerikanischen Kontinentes oder der amerikanischen Kontinente. Ob sie praktisch etwas bedeuten könnte, darüber ist eben auf diesen panamerikanischen Zusammenlünften immer wieder gesprochen worden, aber ist bis heute zweifelhaft geblieben. Es waren die Kolonien Spaniens und Portugals, die sich selbständig machten und auf deren Schutz vor europäischen Interventionen die Monroedoktrin Nordamerikas hinzielte. Aber sie enthielt zugleich auch und enthält im Grunde heute noch den Gedanken und Anspruch, daß der angelsächsische Norden, eben die Union, die gegebene Vormacht, der Herrscher über die Mitte und den Süden sei.
Im ganzen Iahrhundert hat sich ergeben, dah allerdings die Monrvedoktrin gegen Europa siegreich durchgeseht werden konnte, so weit, das) sie, wie bekannt, ja heute sogar ganz offiziell im Völkerbund anerkannt ist. Aber ebenso kann beobachtet werden, dah jener Anspruch und Gedanke Nordamerikas, den ganzen Kontinent als Vormacht zu beherrschen, nur an sehr wenigen Stellen wirklich durchgeseht werden konnte. Das ist der Fall in Panama und Nicaragua. Dies ist schon nicht mehr der Fall in Mexiko. Das ist er recht nicht der Fall gegenüber den Staaten Südamerikas, die sich immer selbständiger herausgebildet haben und für die gerade der Weltkrieg einen mächtigen Nuck vorwärts in der eigenen Entwicklung gebracht hat. Dieser Selbständigkeitswille geradezu in Form der Abneigung gegen den Norden tritt auch ganz deutlich bei dieser panamerikanischen Konferenz hervor. Die Vertreter Nordamerikas, unter denen am Anfang der Präsident selbst war, sind i n der Defensive und müssen immer vermittelnd und erklärend, geradezu entlchuldigend nachweifen, das; Nordamerika nur die friedliche Zusammenarbeit wolle.
Diese Vorgänge haben nach mancherlei Richtung für Europa und darum auch für Deutschland große Vedeutung. Insofern nämlich diese immer selbständiger werdenden Staaten Südamerikas sich gegen die Vereinigten Staaten so stellen, legen sie immer größeren Wert auf ihre Mitgliedschaft im europäischen Völkerbund. Wir haben so das merkwürdige, aber sehr erklärliche Schauspiel, daß die Vereinigten Staaten den Völkerbund noch durchaus a b l e h n e n, daß aber die südamerikanischen Staaten in ihm lebhaft unö eifrig mitarbei- 1 e n. Da Deutschland heute Reibungen und Gegensätze mit diesen südamerikanischen Staaten nicht hat, sondern im Gegenteil überall große wirtschaftliche, nationale und kulturelle Interessen, so ist selbstverständlich für die deutsche Völkerbundspolitik dieser Gesichtspunkt auch von Vedeutung. Wenn auf der Basis der Selbständigkeit die Staaten des ganzen amerikanisch«: Kontinentes in Havanna zusammenkommen, so sprechen sie über Möglichkeiten einer gemeinsamen Organisation in dieser Form, unter dem beherrschenden Gesichtspunkt, wie etwaige Streitigkeiten vor dem Ausbruch in kriegerischen Austrag bewahrt werden könnten. Das ist dann wieder an einer anderen Stelle der Gedanke, die Möglichkeit eines — amerikanischen Völkerbundes. Es liegt auf der Hand, was wiederum dieser Zusammenhang bedeutet. So sind also die Vorgänge in Havanna,
Gießener Konzeriverein.
Schubert-Feier.
Die Schubert-Feier des Konzertoereins gab einmal dem Symphoniker Schubert das Wort, zum andern aber kam der Schöpfer des neueren Kunstliedes durch die Mitwirkung von Hermann Schey (Bariton), Berlin, zur Geltung. Hermann Schey ist eine von den Sängerpersönlichkeiten, denen cs vergönnt ist, nach dem Höchsten zu greifen und mit Erfolg ihren Willen durchzusetzen. Seine stimmlichen und gesanglichen Fähigkeiten sind uns noch von seiner Mitwirkung gelegentlich der Requiem-Aufführung lebendig in Erinnerung. Diesmal war der Eindruck dem Hörer gegenüber noch unmittelbarer und darum noch eindringlicher. Sein quellendes Organ erklang rund und satt gefärbt in allen Lagen, und eine starke Gestaltungspotenz wie die seine vermochte darum selbst den größten Anforderungen vollends gerecht zu werden. Mit tiefer Verinnerlichung und Versunkenheit erklang der „Greisengesang" mit der in ihm liegenden Verklärung. Ebenso erstand die echte Schubertkantilene in „Memnon", jenem Werke aus der Frühzeit des Meisters, da er noch im Schulgehilfenjoche seufzte. Starke Gefühlsgebundenheit und Aufwallung und größte Kraft der Steigerung entwickelte der Sänger in „Dem Unendlichen", und als ein Meister der Interpretation erwies er sich mit der Durchführung vom „Prometheus". Da war jeder Gedankengang szenisch erlebt und mit starker plasti- scl)er Kraft geformt; besonders die Rezitative wirkten sich dramatisch aus.
Die Begleitungen dieser Gesänge, im Original für Klavier geschrieben, wurden in Instrumentationen von Max Reger und Felix Mottl geboten, die wiederum charakteristisch für ihre Urheber waren: bei Mottl die Freude am Klang, bei Reger der Wille zum Ausdruck.
Nicht jedem ist es gegeben, Schuberts symphonisches Werk voll auszuschöpfen, den lebendigen Strom der Erfindung in seiner einheitlich erwachsenen Organik zu erschließen. Der Reflek- tionsmusiker wird ihm gegenüber völlig versagen müssen; lebenswarmer musikalischer 3m- puls, eine echte Musikernatur, nicht Spielernatur, wird stets den Weg zu ihm finden und der Mitwelt die reichen Schätze, die dem Werte des Meisters innewohnen, offenbaren können. So war es bewunderirswürdig und erfreulich, zu hören, wie Universitäts-Musikdirektor Dr. Stefan Temesvarh jede Einzelheit in ihrer Natürlichkeit und gegebenen Berechtigung Klang werben ließ; jede Steigerung entwickelte sich orga-
auf die im einzelnen nicht eigegangen zu werben braucht, nicht bedeutungslos für Europa, und es war deshalb richtig berechnet, dah angesichts dieses Zusammenhanges gerade im jetzigen Augenblick Deutschland die Frage zur Reise brachte, seine Gesandtschaften in Argentinien, Chile und Brasilien zu Botschaften zu erheben. In dieser Aeuherlichkeit drücken sich Entwickelungen und wichtige Gesichtspunkte auch der deutschen Interessen aus!
Und schließlich muß man nun auch diese ganzen Fragen drüben zwischen den einzelnen Staaten des amerikanischen Kontinentes betrachten im Lichle der französisch-amerikanischen Auseinandersetzung. Sie ist insofern zu Ende, als die amerikanische Anregung nicht dem entspricht, was Briand wollte, unö so zunächst die Erörterung kaum fruchtbar weitergeführt werden kann. Das ist die eine Seite, die für Briand im besonderen unangenehme Seite des Mißerfolges und Fehlschlages. Die andere Seite ist, daß die Vereinigten Staaten dadurch gezwungen wurden und werden, über diese Frage zu diskutieren. Am liebsten, das merkt man wohl, diskutierten sie dergleichen überhaupt nicht, weil alle diese Fragen doch eben letzten Endes um den Völkerbund und seine Ideen kreisen. Aber sie können sich der Anregung schlechthin nicht entziehen, weil im eigenen Land die Bewegung stark ist gegen den Krieg, für Mittel, ihn zu verhindern, für seine „Verfemung". Dazu drängt die aktuelle Frage, wie sich die Union zu der Erneuerung der im Februar ablaufenden sogenannten Root-Verträge mit Frankreich, England und' 2apan stellt. Alles das ist ja nicht eigentlich konkret, greifbar, praktisch wirksam, aber bedeutungslos ist es ganz gewiß nicht bei der Wichtigkeit und der Stellung, die die Vereinigten Staaten gegenüber Europa einnehmen.
Andererseits Rußland, das, wenn im Februar das Sicherheitskomitee zusammentritt, wieder erscheinen wird. Inzwischen hat sich S t a * lin der Opposition vollständig entledigt. Er hat ihre Führer, mit Trotzki an der Spitze, „v e r- s ch i ck t“. Das bedeutet die Anweisung eines Zwangswohnsihes — ein Mittel der Strafe, das übrigens ebenso der spanische wie der italienische Diktator gern gegen ihre politischen Gegner verwenden. Es reiht den Betroffenen aus seiner Tätigkeit und natürlich auch Derdienstmöglichkeit. Es führt ihn in abgelegene Gegenden, wo der abgeschlossene Aufenthalt auf Geist und Nerven zermürbend wirken soll, und diese Strafe Hatz Stalin jetzt an seinen Gegnern vollzogen. Beste Kräfte, soweit Intelligenz in Frage kommt, sind aus diese Weise lahmgelegt und entfernt. Cs ist gar keine Frage, dah der Kreis mit Stalin an der Spitze, der jetzt gesiegt hat, nicht in derselben Weise über Intelligenz verfügt, namentlich nicht über Intelligenzen, die in Westeuropa so wurzeln, wie diese Trotzki, Radek usw. Dabei ist der seltsame Gegensatz, dah gerade die Europa ferner stehenden Elemente, wenn überhaupt der Kampf mit der Opposition eine praktische Folge haben soll, Eurvpapolitik treiben wollen und müssen, gegen die die Opposition war.
Die Diktatur des bolschewistischen Systems hat hier zu einer Unterdrückung der geistigen Freiheit innerhalb der eigenen Partei sogar geführt, die kaum Überboten werden kann. Das ist eine Angelegenheit dieser Partei, ihrer Anhänger, des Landes und Volkes, über das sie herrscht. Dagegen ist nun für die Welt von größter Bedeutung und Wichfigkeit, zu welchen praktischen Folgerungen der vollständige Sieg der Parteimehrheit und Stalins führt. Wird nun entschlossen die Bahn zu einer realen Friedenspolitik gegangen, in der das doppelte Konto der friedlichen Realpolifik auf dem einen Blatt, und der dritten weltrevolutionären Internationale auf dem anderen Brett nicht weitergeführt würde? Wird cs möglich sein, von hier aus im Sicherheitskomitee und auf der Abrüstungskonferenz gesamteuropäische Arbeit mit Rußland zusammen positiv, friedlich, schöpferisch zu leisten? Wird Rußland die Zugeständnisse
nisch; jeder Einschnitt erhielt den ihm zukommenden Wert; jede Stimmung fand den treffenden Ausdruck; die jenseitigen Klänge der „Unvollendeten" ebenso wie die romantische Welt der L-Dur-Shmphonie mit ihrer sonnigen Stimmung des ersten Satzes, mit dem Schwanken zwischen Verzagen und Hoffnung im Andante, der erd- geborenen Fröhlichkeit im Scherzo und dem sieghaften Drängen und dionysischen Taumel des Finales. Es war ein Schwelgen im Klang für den Hörer; ein Aufgehen in der breit dahinfließenden Melodik des Meisters. Iedes Instrument wußte der Dirigent zur Hergabe des Letzten mitzureihen. Vielleicht geschah bei den Posaunen gelegentlich des Guten zu viel, aber dennoch wußte man dem Instrument Weichheit der Linie und starke Ausdruckskraft abzuringen. Klangschön und in idealer Entrückung entfalteten sich die Holzbläser, zumal in den langsamen Sätzen. Die Hörner traten mit samtartiger Weichheit des Klanges hervor und die Celli nahmen regen Anteil durch edle Tonschönheit. Die Triolenstellen der Violinen im letzten Satz der S-Dur- Shmphonie dämpften leider durch zu spitze Tongabe den Klang der Bläser.
Dem Symphoniker Schubert ist so sein Recht geworden in allerwürdigstem Rahmen und allerwürdigster Art. Noch gilt es, des Kammermusikers und in ganz besonderem Ausmaße des Liedersängers Schubert zu gedenken. Das Iahr 1928 steht noch zu seinem längsten Teile vor uns; möge der Konzertverein uns noch ebensolche Schubertfeiern bescheren wie diese; des Dankes aller Hörer wird er versichert seini
Dr. H.
Wetter, dasWettgeschichtegemachthctt.
Von Heinrich Bechtolsheimer.
Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Ernst Kayser in Nr. 6 der „Giehener Familien- blätter" vom 21. Januar d. 2. einen interessanten Artikel, in dem er nachweist, dah das Wetter oft auf den Gang kriegerischer Ereignisse eingewirkt hat. Dah für die Geschichte der Stadt Gießen auch ein derartiger Fall zu verzeichnen ist, ist kaum bekannt. 2m 2ahrgang 1813 des „Giehener Anzeigers", der sich damals noch bescheiden ..Gieher Anzeigungs-Dlatt- chen" nannte, findet sich eine Chronik der Stadt
auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik machen, ohne die wirklich brauchbare Handelsverträge, Anleiheabschlüffe, Wirtschaftsbeziehungen int ganzen nicht möglich sind? Beziehungen, die Rußland doch unbedingt braucht, wenn es die jetzige Stagnation und wirtschaftlichen Schwierigkeiten überwinden will?
Das sind Fragen, die Europa am russischen Parteistreit interessieren. 2n ihm Partei zu nehmen, nun gar unter dem Gesichtspunkt der
Sentimentalität, hat man keine Veranlassung. Um so gespannter aber blickt man, wie gesagt, auf die praktischen Folgerungen, die Stalin daraus ziehen wird. Cs ist für die Gesamtarbeit Europas in der sogenannten „Organisation des Friedens", von der man in Genf so viel redet, natürlich von größter Bedeutung, wie hier die Vereinigten Staaten von Amerika und dort Rußland dazu stehen!
Die höheren Schulen in Hessen.
Von Dr. Karl Völsing, Äürgermeister der Stadt Alsfeld.
Zu den wichtigsten Problemen, die unsere hessischen Kommunalverwaltungen gegentoärtig beschäftigen, gehört die künftige Gestaltung des hessischen höheren Schulwesens, soweit dessen Schicksal mit der Finanzfrage zusammenhängt. Schon seit einer Reihe von Fahren kämpfen die hessischen Gemeinden um die Sicherstellung der Existenzgrundlagen ihrer höheren Schulen. Zur Zeit regelt sich die Kostentragung für die höheren Lehranstalten in Hessen noch nach dem Gesetz vom 21. März 1914, betreffend die Kosten der höheren Schulen, das die Grundlage für die Festsetzung des Anteilverhältnisses zwischen Staat und Gemeinden bildet, und zwar dergestalt, daß die sachlichen Kosten der höheren Schulen von den Gemeinden ganz zu tragen sind, von den durch Schulgeld und sonstige Einnahmen nicht gedeckten persönlichen Kosten haben die Gemeinden je nach dem Verhältnis der einheimischen Schüler zur Gesamtschülerzahl 20 bis 50 Prozent zu tragen.
Für die höheren Bürgerschulen gilt das Gesetz vom 11. Mai 1901, betreffend die höheren Bürgerschulen, in der Fassung des Ab- änderungsgesetzes vom 15. 2uli 1922. Danach tragen auch bei diesen Lehranstalten die sachlichen Kosten die Gemeinden ganz, während der Staat zu den persönlichen Kosten einen Zuschuß in Höhe der Hälfte der durch Schulgeld und sonstige Einnahmen nicht gedeckten persönlichen Ausgaben leistet. Obwohl die gesetzliche Grundlage für die Kostenverteilung nach diesen Gesetzen heute überholt und veraltet ist, da infolge der Reichsfinanzreform eine vollständige Verschiebung des Kräfteverhältnisses und der finanziellen Leistungsfähigkeit bei den Gemeinden gegenüber 1914 eingetreten ist, hat sie dennoch die Hessische Regierung trotz der mehrfachen dringenden Vorstellungen und Eingaben der beteiligten hessischen Kommunen bis jetzt nicht zu einer Abänderung des gegenwärtigen, für die Sihgemeinden, d. h. diejenigen Gemeinden, an deren Sih sich die höhere Schule befindet, ungerechten und nicht mehr tragbaren Systems der Kostenverteilung verstanden. Wenn hier von einer Aenderung des Kostenanteilverhältnisses gesprochen wird, so sei vorweg darauf hingewiesen, daß es sich dabei um die persönlichen Kosten, nicht um die sachlichen, handelt. _ Die letzteren wollen die Gemeinden unter Würdigung des Interesses, das sie naturgemäß an dem Bestehen einer höheren Schule an ihrem Orte in wirtschaftlicher Beziehung bis zu einem gewissen Grade haben, nach wie vor weiter tragen. Anders aber verhält es sich mit den persönlichen Kosten. Während die sachlichen Kosten in den letzten Iahren nicht Übermäßig gestiegen sind, sind die persönlichen Kosten dauernd in starkem Steigen begriffen. Die bevorstehende Besoldungserhöhung, an der wohl auch Hessen nicht wird borübergeben können, nachdem das neue Reichsbesoldungsgeseh zur Annahme gelangt ist, bringt aber den Städten und Landgemeinden eine weitere, wesentliche Erhöhung der persönlichen Kosten ihrer höheren Schulen, denen keine erhöhten Einnahmen gegenüberstehen,
da die Reichsregierung bekanntlich jede Aenderung des Finanzausgleichgesehes zugunsten der ßänoer unb Gemeinden strikte ablehnt, Länder und Gemeinden aber ihre eigene Steuerkraft unmöglich noch weiter anspannen können. Die- Folge wird sein, daß in einer ganzen Anzahl, namentlich kleinerer Städte, der Fortbestand ihrer höheren Lehranstalten ernstlich in Frage g e ft eJ 11 ist, da die Uebernahmc erhöhter Ausgaben für die Schulen schlechterdings für manche Gemeinden finanziell unmöglich sein wird, da man an der Grenze der finanziellen Leistungsfähigkeit und der Steuerkraft angelangt ist. Schließlich darf doch auch nicht der Zustand eintreten, dah um e i n Glied der Gemeindeverwaltung unter allen Umständen zu halten, nämlich die Höhere Lehranstalt der betreffenden Gemeinde, alle anderen Zweige der Gemeindeaufgaben verkümmern müssen.
Nun wird bei dieser Sachlage der bekannte Einwand erhoben, daß wir in Hessen zuviel höhere Schulen besähen, und daß ohne Schaden für die Allgemeinheit eine Anzahl Schulen aufgehoben werden könnten. Zu dieser vielfach verbreiteten Auffassung muß einmal auf Grund sachlicher Ermittlungen Stellung genommen werden. Cs läßt sich nämlich an Hand der Schülerzahlstatistik der Nachweis erbringen, dah durch eine Aufhebung von Schulen wesentliche Ersparnisseüberhauptnichtzu machen sind. Wie die Schülerzahl der nach dem Kriege ausgebauten Dollanstalten beweist, ist für diese Schulen überall ein unbestreitbares Bedürfnis vorhanden, alle oberen Klassen sind so stark besetzt, daß mehrfach bereits Parallelklassen eingerichtet werden mußten. Würde man derartige Anstalten aufheben, so würden deren Schüler nach anderen benachbarten Schulen abwandern und deren Erweiterung durch Einlegung von Parallelklassen und Anbau oder Vergrößerung der Schulräume notwendig machen, so daß tatsächlich ernstlich nichts eingespart würde. Bemerkenswert ist es übrigens, daß diese Auffassung auf einer vor kurzem in Frankfurt a. M. abgehaltenen Versammlung hessischer Städte und Landgemeinden mit höheren Schulen von dem Referenten für die hessischen höheren Schulen, Herrn Staatsrat Block, durch seine Ausführungen be- ftätigt wurde. Nun hört man oft auch die Behauptung, die Gemeinden, welche sich über die unerschwinglichen Kosten für ihre höheren Schulen beschwerten, feien selbst schuld, da sogar noch nach dem Kriege auf Betreiben der Gemeinden eine Anzahl Realschulen zu Ober-Realschulen ausgebaut worden feien. Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß diese Maßnahmen für die betreffenden Städte eine unbedingte Notwendigkeit waren, hervorgerufen durch die Tatsache, daß nach dem Kriege fast für alle Berufe, für welche früher die mittlere Reife verlangt wurde, heute das Maturitätsexamen gefordert wird, ob mit Recht, darüber kann man verschiedener Ansicht sein. Auf diese Weise ist e8 gekommen, dah heute die Ober- Realschule die Schulform geworden ist, welche früher die Realschule war. Die Gemeinden waren
für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Darin ist für das Fahr 1646 folgendes verzeichnet:
„Die Schweden forderten von dem Landgrafen, daß er ihnen Gießen einräumen und die kaiserlichen Regimenter wegschicken sollte. Beides wurde verweigert. General Cberstein zog sein Heer unter den Wällen von Gießen zusammen. Da wegen anhaltender Dürre der Wallgraben ziemlich seicht war, gedachten die Schweden den 12. Fuli in der Morgendämmerung die Stadt zu überrumpeln und kamen mit Faschinen und anderen Werkzeugen, um Graben und Wälle zu übersteigen. Sie fanden aber die Garnison und Bürgerschaft auf dem Wall zu ihrem Empfang bereit und zogen daher ab. Sie machten hierauf Anstalten, Bomben in die Stadt zu werfen. Federmann bangte vor dem Schrecken einer Belagerung und Beschießung, als Gottes Güte auch dieses Unglück von der Stadt abwendete. Nämlich es entstand am 14. Fuli ein so starkes Gewitter mit Hagel und Platzregen, daß das Waffer tief in allen Feldlagern stand und die angebundenen Pferde sich losrissen und teils in der Lahn umkamen, teils sonst zerstreut wurden, so daß die Soldaten selbst bekannten, Gott streite für diese Stadt. Die Feinde hielten sich daraus wegen des andauernden Regens und Morastes ziemlich ruhig. Den 29. schickte der Landgraf den Superintendenten D. Feuerborn als Abgesandten in das schwedische Lager nach Heuchelheim, welcher von dem schwedischen Generalfeldsuperintendenten Michael Ludovici freundlich ausgenommen wurde. Am nächsten Morgen wurde er zu dem Generalfeldmarschall Wrangel gebracht. Hier sprach er mit solcher männlichen, eindringenden Beredsamkeit dem Landesfürsten und der Stadt zum Besten und stellte die allgemeine Rot so dringend vor, daß der schwedische Assistenzrat Alexander Erskine mit ihm in die Stadt geschickt wurde zum Landgrasen. Worauf Sonntags, den 2. August, die ganze schwedische Kriegsarmada ausbrach und wegzog."
Der Verfasser dieser Kriegschronik ist nicht genannt, ich vermute, daß es der Professor der Medizin Dr. Emst Ludwig Wilhelm Nebel (1772—1854) ist, da dieser als Forscher auf dem Gebiete der Gießener Lokalgeschichte bekannt ist. Fch habe allerdings die Mitteilung über die wunderbare Errettung der Stadt Gießen aus der Umklammerung durch die Schweden anderwärts nicht bestätigt gefunden, doch liegt fein Grund vor, sie in Zweifel zu ziehen.
Srefcerif Lamond.
Man kennt ihn eigentlich nur a l s Beethovenspieler. Selten vereinigt et sich in der Kammermusik, wenn es gilt, im Sonatenoder Triospiele das klingende Instrument nutzbar zu machen. Dann einigt er sich mit seinem Beethoven, wenn die Klangfantasie eines Strauß ober eines Rachmaninow bas Klavier mit dem Cello zu stärkster Einheit zusammenkettet. Das Unproblematische seiner zeitgenössischen Beethoveninterpretation ist nicht in der Virtuosität, die bei Lamond besonders stark geprägt ist, sondern in dem Klanglich-Derfeinerten seines Pianistentums gegründet. Richt Technik oder Gut-Klingendes braucht der Pianist Lamond, sondern seine Fähigkeit in dem materiellen Erschöpfen des Werkes. Seine Außerordentlichkeit ist der untrügliche Beweis für den metaphysischen, schicksalhaft wirkenden Geist diesesKünstler- profiles. Kein Wunder, daß dieser Künstler seine reine Empfindung in reinem Stil ausströrnen läßt; moderner Geist, der an der Kunst und dem Reichtum jener Titanenerscheinung eines Beethoven erstarkt. In frühester Fugend hatte der Künstler den Schauplatz der Musik betreten, mit seinem wundervollen Anschlagtone befruchtet und gleichsam erobert. Sein Musikantentum war von der Gesamtheit des Musikschaffens erfüllt. Er spielte die Orgel, erlernte das Figurale und Kontrapunktische aus dem Wesen Bachschen Geistes, ndhm auch die Geige zur Hand, bis er in den Schülerkreis Franz Liszts gerät, der feine hohe Begabung aus dem seelischen Gehalt seiner Genialität entwickelt. Beethoven gibt dem jungen Lamond die Lebensform, er baut mit monumentalem Gepräge ein symphonisches Gebilde, nährt sich von dem Geiste der Sonate, und nimmt aus ihr den eigenen einzigartigen Aufstieg. Kommt in das Ausland, wird Professor am Konservatorium im Haag, übernimmt eine Meisterklasse, kommt aber nach Deutschland zurück, um nunmehr in seinen großen Beethovenabenden das Lebenswerk zu überleuchten. Seine Gemeinde, dankbar und beharrlich zugleich, erfühlt das Ungewöhnliche seiner Gestaltungskraft. Denn sie befähigt ihn in systematischer. typologischer Vertiefung die letzten Deet- hovensonaten mit dem Instrumente zur Einheit zu verschmelzen. Startum ist dem Meisterpianisten Lamond fremd. Denn -in der Tiefe feiner Seele ist die Gröhe seiner Kunst zu finden. Rur in Dankbarkeit wird man an seinem heutigen 6 0. Geburtstage seiner gedenken! K.V.


