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H, 505 Zweit« Blatt Liebeltet Anzeiger tSeneral-Anzeiger für Vbechchent Donnerstaa, 21. vijembet 1928

Tas ernste SaMdeW."

(Berlin, 22. Dezenrber 1928.

5>ie Berichte ber Reparationskommissare uni) Treuhänder, die regelmäßig kurz vor Wci-nach­ten her auskommen, standen bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, immer im Schatten des Hauptberichts. den Parker Gilbert yir gleichen Zeit ablegen muß. Da sre daS Dustzeug -um Hauptbericht darstellen, begnügte sich die deutsche öffentliche Meinung in dm vergangenen wahren im allgemeinen damit, diesen kritisch un­ter die Lupe zu nehmen und sich nur mit dem Generalageiiten auseinanberzusetzen. Acht aber liegen die Dinge doch etwas anders. In einer Zeit, in der die Einigung über die Sachverständr- qenkvmmission zur Prüfung der gesamten Repa- rationsfrage unmittelbar bevorsteht, kommt dm Auslassungen aller Reparationsbeamten er­höhte Bedeutung zu, namentlich tocnn sie sich nicht nur auf ein Referat an sich bekannter Zohlen beschränken, sondern auch allgemeine Fest­stellungen über Deutschlands wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu treffen suchen, soweit das ihr Aufgabengebiet zuläßt.

Mit einem gewissen Erstaunen muß nun fcft« gesteift werden, daß die Berichte aller Kommissare und Treuhänder einen Optimismus hinsicht­lich. der wirtschaftlichen Gesamtlage Deutschlanbs zur Schau tragen, der teilweise in direktem Widerspruch zu den Auffassungen führender deutscher Wirtschaftskenner steht. Besonders klar kommt das zum Ausdruck in der sehr eingehenden Darstellung des Treuhänders für deut­sche Industrieobligationen. Hier wird nämlich davon gesprochen, daß die deutsche In­dustrie vom Gesichtspunkt der Produktion aus einen zufriedenstellenden Geschäfts- gang während dZ abgelaufenen Iahres zu ver­zeichnen habe und daß es ihr gelungen sei, den bereits erreichten hohen Stand des Borjahres zu halten. Soweit nur die Produklionsseite in Frage kommt, mag das richtig sein. Tatsächlich steht ja fest, daß in einigen Zweigen der Llr- Produktion und der Halbzeugfabrikation die Erzeugungsziffern des letzten Borkriegsjahres überschritten sind. Es ist aber doch reich­lich oberflächlich, von der verstärkten Produk­tion auf die Rentabilität dieser Zweige der Bolkswirtschaft schließen zu wollen. Unbe­rücksichtigt bleiben die Schwierigkeiten des Ab­satzes. die gegenüber der Borkriegszeit teilweise außerordentlich gestiegen sind und die in zahl­reichen Fällen zu Berlustverkäufen an das Aus­land geführt haben, wobei wir nur an dm Kampf der deutschen Steinkohle mit der britischen Konkurrenz in den bestrittenen Gebieten zu erin­nern brauchen. Hier hat sich die gesteigerte Produktion ohne Zweifel direkt als Substanz­verlust ausgewirkt. über dessen Größe man sich keine zu geringen Vorstellungen machen darf. Aber aüch das Mißverhältnis zwischen Ab­satzerlös und der durch die zur Rationali­sierung notwendigen Kapitalaufnahme entstan­denen Zinsbelastung kommt in der Dar­stellung des Treuhänders für die Industrieobli­gationen viel zu kurz. Aehnlich steht es mit den steuerlichen und sozialen La st en. deren mangelnde Berücksichtigung gerade in die­sem Bericht etwas sonderbar anmutet.

Am nächsten der Wahrheit kommt von allen Berichten zweifellos der des Reichsbank­kommissars. Zwar gibt auch er in einigen Punkten einem Optimismus Raum, der mit dem tatsächlichen Sachverhalt nicht wohl in Einklang zu bringen ist. so beispielsweise, wenn er der .Lieberzeugung Ausdruck gibt, daß die Wider­standskraft der deutschen Bolkswirtschaft allmäh­lich schon so stark geworden sei, daß sie auch stärkere D.»prc sionen auffangen könne. Immerhin läßt seine Gesamtbeurteilung doch erkennen, daß er sich dem Ernst der wirtschaftlichen Situa­tion Deutschlands nicht verschließt. Der Reichs­bankkommissar gibt zu. daßdie Gegenwart noch gänzlich unter dem Druck des augen­blicklichen em st en Kapitaldefizrts steht" und daß das Kapitalbedürfnis der deut­schen Wirtschaft noch lange nicht befriedigt sei. Der Bericht ist auch insofern akzeptabler, als er

wenigstens in einem kurzen Passus auf die Rot - läge der deutschen Landwirtschaft hinweist, wenn er auch der ganzen Bedeutung dieses Zweiges der Bolkswirtschaft. in dem etwa zwei Fünftel des gesamten Rationalver- mögens investiert sind, nicht voll gerecht wird.

Gerade auf diesen Punkt sollte aber von deut­scher Seite der allergrößte Rachdruck gelegt wer­den. Es besteht nämlich unzweifelhaft gerade tm gegenwärtigen Zeitpunkt die große Gefahr, daß die wirtschaftliche Gesamtlage Deutschlands auf Grund der Cinzelberichte. von denen wir als bemerkenswert noch den desEi.en- bahnkommissars und des Kommissars für die verpfändeten Einnahmen hrrvorhebcn. im repara- tionspo'.ift ch interessierten Ausland günstiger beurteilt wird, a l s sie es tatsächlich ist. Da die Landwirtschaft infolge ihrer Vorbe­lastung durch das Rentenbankgeseh aus dem eigentlichen Dawesregime ausgesch'e en ist. kommt ihre trostlose Lage ciftweber gar nicht oder doch nur in knappen Rebenbemerkungen wie im Bericht des Reichsbankkommissars zum Ausdruck. Dre Weltöffentlichkeit gewinnt also kein Bild von den riesigen Vermögenswerten, die in der deut­schen Landwirtschaft infolge Mangels an billigem Betriebskapital vollständig brach liegen. Hier wirkt sich das .ernste Kapitaldefizit", das der Reichsbankkommissar zugibt, am krassesten aus. und hier sehen wir auch eine der bedenk­lichsten Lücken, die das ganze Dawesregnne mit seinem Wohlstandsindex aufweist. Dieser_Ge- sichtspunkt bedarf von feiten der deutschen sach­verständigen bei den bevorstehenden Experten­beratungen nachdrücklichster Llnterstrerchung. So­lange nahezu die Hälfte der ganzen deutschen Volkswirtschaft nicht nur von jederKapital- bildung ausgeschlossen ist, sondern sehr wahrscheinlich auch noch Jahr für Iahr einen be­trächtlichen Substanzverlust aufweist, wäh­rend die andere Hülste infolge stärkster repara- tionspolitifcher. steuerlicher und sozialer Be­lastung nicht zu ausreichender Kapitalbildung ge­langt. ist die deutsche Wirtschaft krank. Und es kann keine Rede davoii sein, daß he der Repara- tionsbelastung gewachsen wäre, weil es bisher gelungen ist, die fälligen Leistungen durchAus- landanleihen aufzubringen.

Korruption.

Bon unserem ll-Korresponbenten.

(Pariser Brief.)

Paris. 20. Dezember 1928.

Frankreich gehört zu den Ländern, in denen sich die Wahrheit des Wortes bestätigt, das der verstorbene Friedrich Ql a um a nn einmal sprach, daß nämlich bie K v r r up t i o n sehr leicht eine Schwester der Demokratie werde. In Paris hat sich eine eigene politische Moral her­ausgebildet. die nach unseren deutschen Dorstel- Iimgen nur noch als Unmoral charakterisiert wer­den kann. Ienes Geschlecht von Geschäftspoli­tikern, die ihre ganze Karriere aufdieparlo- mentarische Laufbahn anlegen und da- bei nicht nur gut leben, sondern auch reich werden tootlen. aber als Entgelt auf alte Hemmungen beS Gewissens und der Ethik verzichten, hat sich seine besonderen Gesetze geschaffen, die allgemein bekannt sind und stillschweigend anerkannt werden, solange nicht der Skandal zu groß wird. Sie benutzeii ihr Mandat, um in Aufsichtsräte hinein­zukommen, um anrüchige, aber lukrative Geschäfte zu betreiben, und niemand findet etwas daran, falls sie dabei auf der Grenzschftde zwischen Gut und Döse Seiltänzerkunststückchen verüben. Rur wenn einmal ein öffentlicher Skandal daraus wird, regt sich alle Welt darüber auf. aber sobald das Opfer gefallen ist, beruhigen sich die Wogen der Empörung und e£ bleibt alles beim alten.

Ieht ist wieder einmal so ein Opfer gefallen: Herr Klotz. Senator und des öfteren Finanz- minifter, einer der angesehensten aus dem Kreise der Großen, ist verhaftet, hat sämtliche Ehrend ämter nieder legen müssen und kann nur noch dar­auf hoffen, daß ihm vom Gericht eine schwere Rervenzerrüttung bescheinigt wird, sonst ist er wegen Betruges dem Gefängnis verfallen. Der

Mann ist typisch. Richt nur wegen feines Auf­stieges. sondern auch wegen seines Riederganges. Ein Cebemann, der bei Pferderennen und beim Spiel Millionen verlor, der aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb es zu allerlei brachte, bis ihm di: Schulden über den Kopf wuchsen und er keine Rettung mehr wußte, als das Irrenhaus in Malmaison, das für solche gescheiterten Größen die letzte Zuflucht bildet. Dort ist der verunglückte Präsident D e s ch a n e l gelandet, dort hat Biviani, der Minister­präsident des Kriegsausbruchs, fein politisches Ende gefunden, dort strandete Pichon. der unter Clemenceau Außenminister war und zu

den Llntcrzeichnern des Dersaillcr Vertrages ge­hörte. Reben Pichon steht auch der Rame des damaligen Finanzministers Klotz, der zweite allo aus der Reihe der französischen Siegesver­treter. der von der politischen Bühne abtreten muß. Die grimmigste Ironie bedeutet es viel­leicht. daß dieser Mann, der Frankreich in die Inflation hineinhetzte, der mit dem Wort Deutschland zahlt allc§!" den französischen Fi­nanzruin als Finanzminister plaiimäßig vorbe- reftete. jetzt gestolpert ist. weil er nicht mehr das Geld aufbrtngcn konnte, um ein kümmer­liches Auto zu bezahlen.

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Ö66 Geheimnis um das Pergament van Mangalia

Bon unterem

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Bukarest. Dezember 1928.

Im Sommer dieses Iahres fand der Galaher Advokat R. Leng utzeanu gelegentlich eines Spaziergaiiges durch die römischen Ausgrabun- gen von QRangaHa am Schwarzen Meer eine von Staub und Schmutz mit einer dicken Kruste überzogene Metallröhre, die sich bei näherer Llntersuchung als der Behälter eines Briefes entpuppte, der vor rund 2000 Iahten geschrie­ben wurde, also aus der Zeit um Ehristus stammt. Lltsptünglich hatte man die Rachricht von diesem Funde als eine Sommerente be­trachtet imd ihr nicht allzu große Bedeutung beigelegt. Run wird aber der genaue Wortlaut des (Briefes in der Bukarester ZeitungReamul Romanesc" veröffentlicht, was von ptin^pieilet Bedeutung ist. da als Herausgeber dieses Blattes der bekannte Politiker, Parteiführer (Ratwnal- demokrat). Erzieher des Kronprinzen Carol, Pro­fessor Rikolaus Iorga fungiert, der als Histo­riker und gründlicher Kenner römischer Kolonial­geschichte internationalen Ruf genießt.

Wenn also Rikolaus Iorga nach der Einsicht­nahme die Echtheit des Briefes nicht bezweifelt, so dürfte sich die wissenschaftliche Welt mit der Angelegenheit noch näher befassen. Denn Funde dieser Art sind äußerst selten.

Es handelt sich um ein angeblich wundervoll erhaltenes, ziemlich deutlich lesbares, in lateini­scher Sprache abgefaßtes Driefpergament. als desseii (Absender sich ein Mann namens Sub- rius Flavins Massala erweist (der an- scheinend einen hohen, inllitärischen Rang in Gallati bekleidete). Gerichtet ist der Bries an Lucius Piso in Rom, einen Freund des Dichters Horaz, dem dieser die berühmtears poetica gewidmet hatte.

Warum der 'Brief niemals seinen Bestimmungs­ort erreicht hatte, und in QHangalia zweitausend Iahre verborgen liegen muhte das wird wohl keiner ergründen können.

(Aber geben wir einmal den Wortlaut des Briefes in deutscher Liebersetzuim wieder. (Die Liebertragung erfolgt aus dem Rumänischen, da der lateinisch« Originaltext bisher nicht im Wort­laut veröffentlicht wurde.)

Rach einer Reise von über zwei Monaten durch Moesien, wo ich zusammen mit dem Le­gaten Augustulus die wichtigsten 6tanMager un­serer 5. mazedonischen Legion in den Festun­gen Qlpollonia, Drobetae, Thoesmis und Tomis besichtigte, bin ich nach Callaris zurückgekehrt. Ich sand hier Deinen Dries vor sowie eine Ab­schrift jener herrlichen Schrift, welche der gött­liche Horatius Flaccus für Dich versaßt hat itnb in welcher er die Regeln der Dichtkunst und die Qualitäten des schaffenden Künstlers be­handelt.

Tränen unsäglicher 'Wehmut entströmten meinen (Augen, die noch so lange Zeit dein Glanze des heiligen Roms fernbleiben müssen.

Heil Dir, glücklicher Lucius, Du hervorragender Abkömmling aus dem Geschlechte der Piso, dem in der göttlichen Stadt zu leben vergönnt ist.

81c.-Berichterstatter.

In der Tat siehst Du in Deiner herrlichen. rofenumranEten Villa am Palatin oder im Palast des Maccenas täglich den kaustischen, bissigen Horatius, den immer heiteren Marro, den schwer­mütigen Tibull und Propertius. (Bei den Mahl­zeiten des göttlichen (Augustus kommst 5ht mit den Leuchten der Kunst und Philosophie in (Be­rührung. Lind wie schön mag das Weihemai ge­wesen sein, das Ihr alle als intime Freunde des Horatius in jenem Hause im Sabinerlande eingenommen habt, welches Maecenas zusammen mit einem kleinen Landgut Flaccus (Horatius) geschentt hat. Dann begabt Ihr Euch in die vornehmen Badeorte Cumae und Batae. wo Ihr den ganzen Sommer in Gesellschaft der bezau­bernden, jungen Schönheiten Roms verbrachtet.

Stehe ich an meinem Fenster, das gegen Son­nenuntergang zu liegt, so sehe ich das Qlteer. dessen ruhiger 'Wellenschlag den Rand meines Gartens erreicht. Von der See her kommt ein Lüftchen und spielt mit meiner Stirnlocke. In Kiellinie zieht eine Reihe von Triremen gegen Süden. Vielleicht wer kann es wissen ziehen sie nach Rom, wo ständig meine Gedanken weilen.

Wenn die grausame Tochter des Attilius Hister, deren Schönheit, wie Du weißt, im vergangenen Winter mein Herz bluten lieh, mich nicht völlig vergaß, so sage Cesonnia, daß ihr Rame als ein leil^nschaftlicher Ruf ständig auf meinen Lippen schwebt und als ein heißer Gruß aus dem fernen Osten des Imperiums auf Flügeln des Gedankens zu ihr eilt.

Du sollst auch wissen, Lucius, daß hier alles gut geht.

Verschiedene Barbarenstämme, wie die Bastar­ner, Sarmaten, Skythen und Messageten haben die Festung Tomis angegriffen, wurden aber bis auf den letzten Mann von den von mir be­fehligten Kohorten nieder gemetzelt. Rach dem Kampfe speiste ich dort mit dem we­gen der bewußten Vorfälle verbann- tenDichterRaso. (Es ist der Dichter Obi-* dius Raso gemeint, bet 43 v. Ehr. geboren und im 50. Lebensjahre nach Tomis verbannt wurde, wo er seine letzten neun Lebensjahre an den Alfern des Schwarzen (Meeres verbrachte. Der Brief müßte demnach aus den Iahren 7 bis 16 tl Chr. stammen.) Er war sehr nieder­gedrückt und las mir feine eigene, von ihnr verfaßte Grabschrift vor, in der er beklagt, daß er, der Sänger der Iugend und der Liebe, an feinem Talent zugrunde gehen müsse

Lucius, der Du ein Schüler und Anhänger des Poeten bist, magst daraus ersehen, daß Dichter nicht einmal im Angesicht des Todes die Wahrheit sagen.

Meine Gesundheit ist gut Die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen, sich feindlich gegen- überstehenden Lagern der Barbaren sind mein Zeitvertreib. Sie haben die Latifundien in kleine Wirtschaften zerstückelt. Die Bauern haben weder Geld noch Vieh, weder Samen noch Gerät, wer­den von den Wucherern ausgesogen und können nichts erwirtschaften, b!a ihnen zu allem auch noch die notwendigen Kenntnisse fehlen. Die Landbevölkerung ist ferner eine Deute von Dema-

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Unvergeßliche Weihnachtsgeschenke.

Von Hans Siemsen.

Weihnachten? Geschenke!

GS gibt Leute, die schimpfen darauf.Ach , sagen sie.Geschenke! Rochmal wieder Brief - papier und verschiedenfarbiger Siegellack und Bücher, die man sich nicht gewünscht hat und Bilder, die man nicht ausstehen kann. Gehen Sie mir mit Weihnachten!"

Was mich betrifft, ich ftnde Geschenke eine herrliche Erfindung! Lind ich weih noch heute nicht was schöner ist: Schenken ober beschenkt zu werden. Geld? Das spielt zwar leider eine große Rolle. Aber nicht die größte. Als Kinder machten wirFidibusse" für Vater. Brau­chen konnte er sie gewiß nicht: denn imt W- buffen zündet man die Pfeife an und Vater hatte gar keine Pfeife. 2lber wenn er sich nicht baruber gefreut hätte, wo wir uns doch so schrecklich dar­über freuten, ihm was schenken zu fönnen. da wäre er ja wohl schön dumm und griesgrämig gewesen! .,

So leicht wie damals haben wir es nun nicht mehr mit dem Schenken. Wir niüssen's uns nun schon ein bißchen überlegen, können der Dame unseres Hauses ober Herzens nicht gut FM- buffe schenken. Deswegen braucht es aber nicht gleich eine Perlenkette zu sein. Perlenketten sind was Wunderbares. Glücklich, wer sie schenken oder sich schenken lassen kann! Aber wenn die Dame, von der wir eben sprachen, für gar nichts anderes Sinn hat als für Perlenketten, sich über weniger" nicht freuen kann, bann taffen Sie sie laufen! Das muß eine langweilige Person fein! Anspruchsvoll, verwöhnt, ein bißchen eitel das ist alles gar nicht schlimm. Aber lang­weilig unb phantasielos? Das ist tödlich!

Wieviele Weihnachten haben wir mitgemacht? Was haben wir nicht alles geschenkt bekommen! Qlber wenn ich mich erinnern will, bann merke ich ich habe fast alles vergessen. Lind was nur Eindruck gemacht hat, das waren keine Perlen­ketten, war alles nicht sehrwertvoll", wertvoll nur für mich.

Am herrlichsten touren natürlich die Geschenke der Kinderzeit. Eine Gurke ans Marzipan! Richt so eine kleine, nachgemachte Miniaturgurke. Rein,

so groß wie eine richtige, große Gurke. Lind I auch so grün und krumm und höckerig. Sie war zu schön, um gegessen zu werben. Ostern tag_ sie | noch im Schrank. Pfingsten waren die Mäuse dabei gewesen. Lind nun war sie so hart wie Stein. Llnvergehliche, nie gegessene, herrlich echte Marzipangurke!

Im Sommer war Manöver gewesen. Da hatte ich die ersten lebendigen Soldaten gesehen: Rote Husaren! Dorneweg die Kapelle, zu Pferde mit sillierblaicken Hörnern unb Trompeten.Mein Herz, bas ist ein Bienenhaus", bliesen sie die Chaussee entlang. Lind zu Weihnachten bekam ich eine Husarenuniform. Richt so ein falsches, kleines Vorhemd aus Pappe mit auf gemalten Knöpfen unb Litzen, nein, eine richtige Uniform, aus roter Wolle, mit weihen Schnüren und blanke, kleine schwarze Stiesel. Sie war so schön, die Uniform man konnte sie nicht brau­chen. Bisher war ich der Räuberhauptmann bei den Iungens im Dorf gewesen. Run konnte ich bloß dastehen und mich begucken lassen. Eine Kluft tat sich zwischen uns auf. Ich war zu elegant. Lind erst nachdem sie jeder angehabt hatte, war ein bißchen Kameradschaft wiederhergestellt. -- Die Uniform blieb bann im Schrank, sie war eben z u schön. Richt zu brauchen! Aber untrer» geßlich.

Später war ich selbst Solbat, aber kein roter Husar, bloß ein feldgrauer. Da war auch Weih­nachten. Ein Spatenstiel war der Weihnachts­baum. Ginstergestrüpp drum herumgebunben. Post? Ach Gott, wo war die Post! Läuse gab es und Flöhe. Die Ratten huschten im Unter­stand umher. Wasser zmn Waschen hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Unb die Hände waren aufgeriffen vom Frost. Und da kam doch noch ein Paket? Ein kleines, einzelnes, ans richtige Ziel verirrtes Päckchen. In Watte gepackt was war darin? Ein kleines Fläsch­chen Parfüm.

Parfüm für ben Soldaten in bet speckigen Felduniform? Parfüm im kaften Unterftanb zwi­schen Ratten, Läusen und Flöhen? Ein bißchen deplaciert, meinen Sie? Deplaciert mag sein. Aber sie können sich gar nicht vorstellen: was für ein Genuß! Ein bißchen auf die Haird ge­träufelt und die Augen zugemacht I Da wurde ja alles lebendig, genau alles bas, was uns fehlte: ein bißchen Komfort, ein bißchen Luxus, ein bißchen Eleganz, ein bißchen Sreube. Alles

bas, was unserem schmutzigen, verlausten. ver­frorenen. hungrigen Schützengrabenleben fehlte. Alles das, wonach wir uns, viel mehr als je* mate, als wirs hatten ober haben konnten sehn­ten. Parfüm? Das war gexabe das Richtige! (Beim ich die Augen zumachte, war ich ganz wo anders, nicht mehr im Unterstand, nicht mehr Soldat. Das war ja beinahe wie ein warmes Bad! Und als ich einschlief, lag ich in einem warmen, weichen, luxuriösen Hotelbett erster Klaffe.

Dies bihcheir Parfüm im kaften Unterstand, diefes scheinbar so deplacierte Weihnachtsgefchenk war das genialste Geschenk, das ich je erlebt habe. Sehen Sie, toie leicht (und wie schwer) es ist, zu schenken? Unb was für eine geringe Rolle bas Geld dabei spielte?

Äon der deutschen Aogelwarte in Soffitten.

In (Ro Hüten, an der kurischen Rehrung unterhält bekanntlich die Kaiser-Wilhelm - Gesellschaft eine Vogelwarte, die im Dienste der Vogelzugforschung steht und die auch für eine Reihe anderer Wissenschaftsgebiete von großer Bedeiftung ist. Lieber ihre 2lrbeiten unb chre Tätigkeit lieh sich dieser Tage ihr Leiter, Prof. Dr. Thiene mann in einem inter­essanten Vortrage aus, in dem er u.a. folgendes ausführte:

Der Schauplatz der Tätigkeit der Vogelwarte Rossitten ist die kurische Rehrung mit ihren Wanderdünen. Die Dünen sind die höchsten der 'Welt: in jedem Iahr rücken sie 4 bis 7 Meter vor, alles unter sich begrabend. Die Hantierungen der Rehrungsbewohner sind Fischerei und Krähen­fang zu Speisezwecken. Eigenartig die Tötungs­art: das Krähen-Totbeihen. eigenartig ferner die Tierwelt der Rehrung: Elche und reiches Vogel­leben. Dieser merkwürdige Landstreifen, die ku­rische Rehrung stellt die besuchteste Dogelzug- straße Deutschlands bar. Daher wurde hier im Iahre 1901 eine o tnrthologisch-biolo gische Sta­tion gegründet, die, aus ganz kleinen Anfängen hervorgegangen, jetzt eine Anstatt der Kaifet- Wllhe Im-Gesellschaft zur Förderung der Wissen­schaften ist. Das Gebäude der Vogelwarte in Rossitten enthält Arberts- und Sammlungsräume, nicht weit davon ein Anlage, wo besondere Ver­suche mit lebenden Zugvögeln unternommen wer­den, und schließlich die ganz einsam draußen in

den Dünen mitten in der Vogelzugs!raße gelegene Deobachtungshütte Lllmenhorst. Hier, wo sich die Zugvögel zusammendrängen unb bei der Lieber- sichtlich leit des Geländes bequem beobachtet wer­den können, toerben u.a. Untersuchungen über Höhe und Schnelligkeit des Vogelzuges an gestellt. Der Voge^ug spreit sich bei Lllmenhorst zum größten Teil in Höhen zwischen 5 und 300 Meter, also in schönster Suhthöhe ab. Da die Zugvögel auf der Rehrung genau geradeaus fliegen, bietet sich der Vogelwarte Gelegenheit, mittels Feld- telephon, Windrichtungs- unb Windstärkemesser die Eigengeschwindigkeit der geheberten Wanderer zu ermitteln. Die Vögel fliegen bei weitem nicht so schnell, wie man früher annahm, die Krähe z.D. 50 Kilometer in der Stunde. Die schnellsten der beobachteten Vögel sind die Stare mit 75 Kilometer Stundenfluggeschwrndigkeit. Lieber die Rehrung hinaus wird der Vogelzug bis m die zuweilen über 10 000 Kilometer entfernten Win­ter herber gen durch das Vogelberingungsexperi- ment verfolgt, das die Vogelwarte Rossrtten feit dem Iahre 1903 durchzusühren sucht. Den Zug- vögeln werden abgestcmpefte Fußringe aus Alu­minium um gelegt; aus dem Fundort solcher Vögel kann man dann Schlüsse über Richtung des Zuges u. bgl. ziehen. Prof. Thienemann hat bei seinem über 30jährigen Llufenthalt auf der Rehrung mit­ten in der Vogelzugstraße die Lieberzeugung ge­wonnen, daß vor allem Versuche unter Anwen­dung aller technischen Errungenschaften der Reu­zeit, wie Telephon, Auto, Radio, Luftschiff die Vogelzugsforschung vorwärtsbringen können. In neuester Zeit hat die Vogelwarte einen Versuch über ben Orientierungssinn ber Zugvögel an- gestellt. Wie findet der Zugvogel seinen Weg? Iunge Störche, die in demselben Iahre erbrütet waren, wurden auf der Vogelwarte aufgezogen und im Spätherbst erst losgelassen, nachdem alle Störche aus Ostpreußen bereits nach dem Süden abgewandert waren. Die Versuchsstörche blieben ganz auf sich selbst angewiesen, und trotzdem sind sie ohne jede Führung auf bet üblichen Zug- straße nach Süden gezogen. Das Gefühl für die Südrichtung muß ihnen also innewohnen.

Die Forschungsergebnisse der Rossittener Ver­suchsanstalt hüben für die übrigen Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft manche wichtige Un­terlagen, so baß an einen weiteren Ausbau ber Vogelforschungswarte in der nächsten Zukunft! gedacht ist.