Kt.279 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, 27. November <928
Wehrkraft und Technik.
Eine Buchbesprechung.
Haben wir den Ginfluh der Technik auf die Wehrkraft unseres Dol- kes im Weltkrieg richtig einae- schätzt und entsprechend gehandelt? Lutz en wir heute alle uns frei stehen- den Hilfsmittel zum Ausbau unserer Wehrkraft aus? Mancher Kriegsteil- nehmer wird sich diese Frage schon kritisch oder gefichlsmähig vorgelegt haben, ohne doch ein richtiges Urteil gewinnen zu können. Da erscheint soeben ein hochbedeutsomes neues Werk. O. Schwab. Ingenieur und Soldat lHassia-Derlag. Ridda), das blitzlichtartig die Sachlage beleuchtet. Dieses Werk greift die Geschichte eines technischen Svriderabschnittes aus dem Geschehen des großen Krieges heraus und halt uns gewissermaßen den Gegenspiegel zu der bis jetzt hcrausgelommenen taktischen und historisch-politischen Kriegsliteratur vor. Es gibt nur wenige Bücher in der deutschen Literatur des Weltkrieges, von denen man im voraus sagen kann, daß sie bei alten und sungen Sol. baten, bei Kriegsteilnehmern und bei solchen Lesern, die das mörderische Ringen nur aus Büchern kennen, ein gleich starkes Interesse finden werden. Schwabs flott geschriebenes, aber auf ernsten wissenschaftlichen Grundlagen ruhendes Werk ist zweifellos wie kein anderes geeignet. unser sachliches Denken über unsere Wehr- pol'itik zu fördern, uns zu zeigen, welche unendliche Mühe vor uns Hegt, um aus einem Haufen vaterlandsbegeisterter Iugeiid wirkliche S o l d a - ten zu machen, die den technisch-wissenschaftlichen Aufgaben der neuzeitlichen Kriegsführung gerecht werden können. Es kommt uns beim Lesen dieses Werkes immer deutlicher vor Augen, daß uns nicht nur Waffen fehlen, sondern auch die Menschen, die in der Lage sind, den heutigen Heeren unseres schwächsten Aachba^ irgendwie wirkungsvoll entgegentreten oder sich nur gegen deren Waffenwirkung schützen zu können. Linser Volk ist nicht nur materiell entwaffnet, sondern auch im Wehrwissen völlig mattgeseht. Der Verfasser, „ohne dessen weitgreifende, wissen- schaftliche Forschung und Organisationsarbeit die deutsche Artillerie im Weltkrieg nicht zu denken ist" (Mil. Wochenblatt), ist wie kein anderer berufen. aus der Fülle seiner Erfahrungen Richtlinien für den Reubau einer deutschen, wissen- schastlich begründeten Wehrtechnik aufzustellen.
Linserer studentischen Jugend aber bietet das Buch ein noch weit wertvolleres Vermächtnis und Beispiel. Der Verfasser war bei Kriegsbeginn selbst noch Student der Technischen Hochschule in Darmstadt und gehörte dann zum 26. Res.-Korps an der Vpernßront, dessen Truppen zum größten Teil aus jungen Studenten, den Lanaemark-Kämpfern. bestand. Hier auf den Schlachtfeldern zwischen Poelcapelle und Langemark, wo die Blüte der deutschen Jugend mit dem Gesang des Deutschlandliedes stürmte und verblutete, wo diese junge, kriegs- uncrfahrenc Truppe dann monatelang dem ungeheueren Waffcndruck der vereinigten Engländer, Franzosen und Belgier standhielt, hier schuf sich die Weiche Truppe unter Schwabs geistiger Führung in diesen Monaten dann die ariilleristii.chen Kampfmethoden, mit denen sie ihre geringen Kräfte, ihre wenigen Geschütze, ihre für jedes Ziel abgezähl^e Munition mit höchstem Wirkungsgrade dem Feind entgegensetzen konnte, jeden materiellen Vorsprung des Feindes durch geistige Lieberlegenheil ausgleichend. Llnsere deutschen Studenten von 1914 waren nicht nur unerschrockene Kämpfer und Stürmer mit der Manien Waffe, sondern ebenso kaltblütige Rechner und technische Führer im Gefecht: es war die sieghafte Jugend eines wehrhaft denkenden Volkes! Von den Schlachtfeldern um Langemark strahlte der geistige Einfluß dieser wehrhaften Jugend durch das ganze Heer, if>r aktives Sturmbeispiel zündete in
allen Herzen und als die Heere im Stellungskrieg tief im Erdboden und hinter Sichtdeckungen verschwunden waren, da gab ihre geistige Erfassung und Lösung der neuen Kampfprobleme der ganzen deutschen Frorlt auch bei zahlenmäßiger Llnterlegenheit eine gewaltige Widerstandskraft.
Die in dem unübersichtlichen flandrischen Hecken- gelände in unaufhörlichen Kämpfen entstandenen Schwabschen Meß-. Erkundungs- und Schießverfahren, die unter dem Ramen des Erfinders von der Obersten Heeresleitung als Geheimverfahren eingeführt wurden, bildeten bis zum Ende des Krieges die technisch sicherste Stühe unserer Waffenwrrkung an allen Fronten. Auf der Grundlage dieser Verfahren entstand eine Sondertruppe, die zum Schluß des Krieges 30 000 Soldaten, also ein volles kriegsstarkes Armeekorps, umfaßte deren Führer durchweg aus wissenschaftlichen Berufen flammten, an deren Waffenschule in Wahn allein mehr als 40 Dozenten aus wissenschaftlichen Kreisen der Technischen Hochschulen, LlniversitLten und aus freien akademischen Berufen tätig waren. Der Verfasser hat diese Entwickelung als unermüdlicher Vorkämpfer entscheidend beeinflußt und damit seinen Ramen für immer mit der Geschichte der deutschen Artillerie verbunden.
Dom Schicksal dieser Truppe, von ihrem Werden und Wachsen, ihrer oft wesentlichen Einflußnahme auf die Kampfhandlungen — aber auch von den großen Widerständen, die sich auch dieser neuen Waffe, wie jeder neuen Idee entgegenstellten, und von ihrer durch Feinddiktat erzwungenen Vernich- tung erzähll uns das Werk. Kein anderes Buch der
deutschen Kriegsliteratur kann uns den innersten geistigen Zusammenhang der technischen Waffen- leistung und der taktischen Kampferfolge so nahe bringen, wie dieses Werk, das sich voll auf die Ereignisse des Krieges aufbaut und durch viele amtliche Aktenauszüge den geschichtlichen Gang der technischen Entwicklung festhält. Aber auch kein anderes Buch zeigt deutlicher als dieses, daß dieser Krieg in höchstem Maße ein Krieg der Technik war, in dem der Sieg derjenigen Seite zufallen mußte, die sich am schnellsten den immer wechselnden technischen Kampfforderungen anzupassen wußte. War der Endkampf für uns ein Schießvroblem oder ein Erkundungsproblem? War es richtiger für uns, Tanks zu bauen oder Tankabschußwaffen? Warum taten wir fei ns von beiden? Auch diese technisch ent- scheidenden Fragen finden in dem Werk eine gründliche Darlegung und Klärung. In dem Abschnitt „Wehrtechnische Ausblicke" zeigt der Verfasser schließlich neuartige Wege zur Hebung der deutschen Wehrkraft im Rahmen des Zwangsdiktates.
EineFrage wird denLesern dieserZeilen auf dieLip- pen kommen: Warum Höft man e r st jetzt von diesen wichtigen Problemen? Die Antwort ist leicht: es handelt sich hier nicht um Allerweltsweisheiten, sondern um eine in unserem alten Heere streng geheim gehaltene Wissenschaft und um eine uns heule verbotene Waffe. Rur unsere hilflose wehrvolitische Lage ließ es zweckmäßiger erscheinen, diese Arbeiten jetzt zu veröffentlichen und die ganze wehrhafte Jugend daran zu interessieren, als weiter zurückzuhalten, nachdem unsere Feinde durch Beuteakten und Spionage doch von allen Einzelheiten Kenntnis haben.
An heißen Quellen und Geysiren Mnds.
Reisebrief aus Island.
Don Or. Hellmut Loh.
Daendaskolinn ä Hvannehri (Island), 28. Rov.
Schon auf einer meiner ersten Pferdereisen auf Island hatte ich Gelegenheit, eines der interessantesten Raturwunder zu sehen, von denen die vulkanische Insel so zahlreiche und mannigfache aufzuweisen hat. Obwohl die „heißen Quellen" mit einer Temperatur von 85 Grad Celsius in der Rühe der isländischen Volkshochschule Hvi- tabakka am Borgarfjord, mitten in einem weiten Wiesengelände, in dem friedliche Ponys und gehörnte, dichtwollige Schafe grasten, und die für die städtischen Waschanstalten Reykjavll's genutzten ..laugar", keineswegs zu den bedeutenden und seltsamen Phänomenen ihrer Art zählen, üben beide doch in ihrer Eigenheit und dem Reiz ihrer nordischen Llmgebung einen selten nachhaltigen Eindruck auf den Besucher vom Festlande aus.
Lleberall erblickt das Auge die seltsamen DraS- höcker von der Größe eines Maulwurfshaufens bis zur drei-, vierfachen Ausdehnung, die der isländischen Tallandschaft das Gepräge geben. Ringsum erheben sich charakteristische Tafelberge mit fast senkrecht erscheinenden, schwarzb.lau leuchtenden Felswänden, an denen vielfach breite, wagerecht gelagerte Bänke der sie aufbauenden Basalt- und Lavaschichten zu vielen übereinander zu erkennen sind, die auch an vielen Stellen durch steil abfallende Schuttkegel und Trümmerhalden von Abbrüchen, Steinschlagmassen, und ganzen Bergstürzen verdeckt sind. Häufig trifft man in der Rahe der berühmten Quellengebiete riesige Lavafelder mit geborstener und höckeriger Fladenoder Plattenlava und kompakteren Blocklavamassen. die kegelförmige Stratovulkane oder flache, kuppelförmige Vulkane umlagern oder sich weithin zu beiden Seiten der in der isländischen Vulkanlandschast vorherrschenden kilometerlangen Kraterreihen erstrecken.
Weit im Hintergrund blitzen und funkeln die größten europäischen Gletschergebiete, die dom
artigen Kuppeln der Schildgletscher und die vom ewigen Eis und Schnee überlagerten, noch heute tätigen Vulkane, deren unterirdische Wärme ein rasches Schmelzen der Eismassen und somit den beträchtlichen Wasserstand der relativ kurzen isländischen Flüsse bedingt. Treten dort plötzlich ..unterglaziale" Eruptionen auf, deren Dämpfe und Aschen die Gletscherdecken mit vielfacher Gewalt schmelzen und ganze Teile zertrümmern, so verursachen die reihenden, Treibeis führenden Ströme alles vernichtende Katastrophen, die der Isländer „Gletscherlauf" nennt.
Die zahlreichen interessanten Quellengebiete geben dem Besucher auch nicht alle das gleich harmlose Bild, viele weisen schon beim ersten Anblick auf die ungeheuren Mächte der vulkanischen Ratur hin. der die Eis- und Feuerinsel ihre Gestallung verdankt. Für viele solcher Teile Islands passende Worte schrieb der bekannte Iesuitenpater Baumgartner über den bekanntesten isländischen Vulkan, die Hella. „Die vulkanischen Erscheinungen der letzten Jahrhunderte zeigen zum wenigsten, daß es dem Schöpfer weder an Erfindungsgeist, noch an Macht gebricht, eine Hölle anzuzünden!" Lind wenn man an den großen Schwefelquellen, den Sol- fataren, Fumarolen und kochenden, schnaubenden und dampfenden Schlammpfühlen und Höllenschlünden steht, in deren vom Schwefeldampf geschwängerten Llmgebung sich die sonst so mutigen und vor nichts zurückschreckenden Ponys zitternd und pustend weigern, weiterzugehen, dort erhält man wirllich den Eindruck, daß Loki, der Feuergott, ununterbrochen, Tag und Rächt, in seiner unterirdischen Schmiede tätig ist.
Sehen wir uns auf den teilweise recht beschwerlichen Pferdereisen zu den zahlreichen, fast über das ganze Land verteilten Quellengebieten genauer nach den einzelnen Formen um, so beobachten wir, daß Island mehrere ganz verschiedene Quellthpen besitzt. Weit draußen an der Westküste, auf der äußerst wenig besuchten Halbinsel, am Fuße des mit einigem Eis bedeckten, zweigipfeligen Snaefellsjökull lie
Kleinigkeiten.
Don Sigismund von Radecki.
Bei Frau v. Soundso ist großer literarischer Abend.
Ein Dichter in wildem Haar — ein wenig häßlich — ja. ein wenig bucklig — rezitiert soeben mit ausfallenden Körperbewegungen Verse eigener Manufaktur. Vom Lärm angezogen, ist das Söhnchen vom Hause immer näher heran- gefommen und schmiegt sich endlich, dicht davor, an seine Mama. Mit offenem Munde verfolgt das Kind die grotesken Bewegungen und Grimassen des Zappelmannes. Welch eine Idee wohl in dem Neinen Kinderkopf entstehen mag?
Der Dichter hat geendet. Ergriffenes Schweigen.
Da wendet sich das Söhnchen zur Mutter, zeigt mit dem Finger auf den Dichter und sagt lüstern:
„Mama, bitte, kauf ihn mir doch!'
Sie sind bereits mehrere Monate verheiratet, und er hat, offen gestanden, zuweilen auch an andere Sachen zu denken.
Sie hingegen... fragt ihn eines Abends:
„Herzei. mein Süßes, ich habe eine entsetzliche Befürchtung: Du liebst mich nicht mehr, oh, du liebst mich gar nicht mehr...!"
„Was spricht das Heine, dumme Frauchen?... Welch eine Idee I... Ich bebe dich an.“
„Warum aber, Herzel, sagst du mir das gar nicht mehr so oft wie in den ersten Wochen, — nicht mehr so oft, ach, nicht mehr so zärtlich...?"
„Also hör' zu. meine Liebe, mein Herz, mein Teuerstes: Ich liebe dich, liebe dich, liebe dich leidenschaftlich! Lind immer leidenscha t sicher! Ich liebe dich bis zum Wahnsinn, ich werde dich immer bis zum Wahnsinn lieben, ich habe keinen anderen Gedanken, als dich ewig bis zum Wahnsinn zu lieben... Sv... Lind jetzt laß mich, bitte, die Zeitung zu Ende lesen."
3n den fünfziger Jahren gab es in Berlin einen Herrn v. Willamowitz, der etwas eitel war: auf sich, auf seine schöne Figur, auf seine Pferde usw. usw. Lind darum lieh er sich als stolzen Reiter malen. Das Bild trug die Linter- schrift: „Auf meinem Hektor" und wurde, gerade wegen dieser Linkerschrift, ein wenig belächelt. Beim nächsten großen Rennen ritt Herr v. Willa- mowitz mit, natürlich auf seinem Hektor. Bei dem vorletzten Hindernis wollte das Pferd auS- brechen und sprang darauf so unglücklich, daß
es stürzte, wobei der unverletzte Reiter direkt unter den Bauch des Pferdes zu liegen kam und längere Zeit in dieser Lage verharrte.
Am nächsten Tage sah man diese Situation in einem Schaufenster sehr wirkungsvoll abgebildet: oben das Pserd und unten der Reiter! Das Bild trug die Llnterschrist „Auf meinem Willamowitz!“
Reumann trifft seinen Bekannten Riemann auf der Straße. Riemann wird von einem Hunde begleitet, dessen Rasse schwer zu Minieren ist. Ein äußerst fragwürdiger Fall. Man begrüßt sich.
Halloh, Riemann, wie geht's? Was hast du da für ein Monstrum von einem Hund? Don welcher Rasse?
Riemann wird Oerlegen, zögert einen Moment und entschließt sich hastig, detaillierte Rachrichten über die eigene Gattin und die Kinder zu geben.
Schon gut! ruft Reumann weiter, aber ich spreche von deinem Hund — was ist das für ein Tier?
Reue Verlegenheit. Wiederum lenkt Riemann das Gespräch rasch auf ein anderes Gebiet ab.
Jetzt will ihn Reumann ungeduldig unterbrechen, als auf der anderen Straßenseite eine Spitzhündin auftaucht, eine Spihhündin in Be- gleitimg der dazugehörigen alten Dame. Worauf der fragwürdige Fall seinen Herrn stehen läßt und galant hinüberläuft.
Da wendet sich Riemann mit einem tiefen Seufzer zu seinem Bekannten und sagt leise:
Ich wollt' es dir bloß nicht laut sagen, hier vor seinen Ohren. Es würde ihn kränken. Die Sache ist nämlich die... er glaubt, er sei ein Foxterrier!
„Was gibst mo?'
Don Frih Müller, Partenkirchen.
Als ich klein war, wußte ich nicht, was Gewissen war. Ich war also gewissenlos. Oder wie soll man es sonst heißen? Ich weiß wohl, es gibt auch große Leute, die sind gewissenlos. Also wären sie wie die Kinder? Aber es ist doch ein Linterschied, ein großer Linterschied. Denn die großen Gewissenlosen haben das Gewissen gehabt, unb die kleinen Gewissenlosen kriegen's erst.
Ich habe es durch den Peter Munzinger bekommen. Er hat es mir durch „Was gibst ma?“ beigebracht. Lind ich habe es auch wieder durch „Was gibst ma?“ angebracht. Das Gewissen muh eine homöopathische Krankheit fein, well man sie durch sich selber toieber austreibt.
Der Peter Munzinger und ich sinb an bet grünen Wiese bei ben Heuschrecken gelegen unb hatten auf der Herrgottswelt nichts zu tun. Cs sei benn, bah sich bet Peter Munzinger mit einem Grashalm au8 Langeweile selber in bet Rase kitzelte, hoch hinauf unb niesen mußte. Llnb mit bem „Hazil" ist ihm eine Frage heraus- gefahren.
„Was gibst ma, wenn ich's beiner Mutter net sag?"
„Was sag?“ erwiderte ich erstaunt.
„Das wirst nacha schon sehn, wenn ich's ihr g'fagt hab," drohte er.
Ich war mir freilich feiner Schuld bewußt und hätte ruhig sagen können: „Sag's, sag's immerzu." Aber in jenem Atter begann ein Wald von vielerlei Verordnungen und Verboten um uns aufzuwachsen. Möglich war es immerhin, daß irgend etwas vorlag, beffen Schwere ich mir selber nicht bewußt war. Llnb ehe biefer Peter Munzinger meine Mutter betrübte —
„Da hast a neue Feder," sagte ich und hatte das Gefühl, als täfelten sich meine Schultern aus den Maschen eines Rehes.
Einen Tag lang blieben diese Maschen locker. Dann zogen sie sich wieder enger:
„‘IbaS gibst ma, wenn ich's deiner Mutter net fag?“
„Ich hab' dir doch erst gestern eine neue Feder geb'n“, sagte ich empört.
„Die ist schön verschrieb'n. Also, was gibst ma, wenn ich's deiner Mutter net sag?" Innerlich schrie es in mir: „Eine Watsch'n, bah b’n Himmel für a Daßgeig'n anschaust I" Aber nebenher lief die Erwägung: „Lind nach der Watsch'n? — Sagt er's doch der Mutter, und di« schöne Feder ist dazu verloren —
„Da hast einen neuen Federhalter", murkste ich heraus unb warf das neue Holz der alten Feder nach
Ratürlich war es damit nicht getan. Am dritten Tage knöpfte mir der Peter Munzinger den schönsten Bleistift ab. Am vierten Tage mußte ein Indianerbüchl baran glauben. Am fünften ging e m Weihnachtskreisel diesen Weg. Am sechsten Tage lief ich ihm wie ein Lichtscheuer aus dem Weg. Am siebten Tage war meine bis dahin so glatte Iungenseele ganz zerfetzt von Zorn unb Kummer. Da kam er schon bie Allee herab, der Peter Munzinger. Ich hatte ihm schon alles gegeben. Er hätte mir nur noch die Seele oder die Mutter nehmen können.
Was gibst mir, wenn —", fing er unerbittlich an.
gen Islands „Apollinaris“, die Oekuldur-Dier- quellen, 10 ober 11 kohlensäurehaltige Quellen mit niebrigcn Temperaturen, beten sprubelnbes, erfrischenbes Rah wegen allzu kostspieligen Transportes auf Pferberücken zum nächsten Hasen leiber nicht als Tafelgetränk auf ben Weltmarkt gebracht werben kann. Ganz in ihrer Rähe unb an vielen anberen Stellen bes West-, Süb- unb Rorblanbes beleben zahlreiche Dampfsäulen aus ewig tätigen heiße n Quellen bas Lanbschaftsbild. Auch biefe unterscheiden sich wieder in ihrem Wesen und in ihrer Größe voneinander. Wir finden ruhig kochende und dampfende Sprudel, bie kaum ihren Wasserspiegel beränbern unb nie über ihre mit Kieselinkrustationen umranbeten Becken hervor- treten, baneben wilb fullernbe, brobelnbe eruptive Springquellen, beten petiobische Tätigkeit vielerorts von übettoältigenber Schönheit ist. Die großartigsten unb mächtigsten biefer heißen Sptingquellen liegen im sog. Geysir- Gebiet im Süblanbe und werden von der Bevölkerung „Geysir und Strokkur“ genannt. Hier liegen etwa 100 dampfende, ewig kochende unb sich in ihrer Gestalt ftänbig ücränbernbe Thermen in einem Areal von etwa einem halben Kilometer Länge unb einem viertel Kilometer Breite. Rach bem „Großen Geysir" auf Islanb sind auch alle anberen petiobisch sptingenben • heißen Quellen, z. B. auf Reu-Seelanb unb beim Bellowstone-River (Rationalpark) in Rorb- Amerika, benannt. Der Stamm bet Bezeichnung Geysir, d. h. „bet stark Sptubelnbe, Hervot- stützenbe“, findet sich auch noch in bet beutschen Sprache. Bonifatius soll bie uralte Donar-Eiche in Hessen gefällt haben, bie an bem heiligen Opferquell „Geismar" (gifan- unb mari-Sprubel- quell) stanb.
Der große Geysir Islands, der früher alle 4—5 Tuge sprang, hat jetzt seine Eruptionen ganz eingestellt, so daß die heutigen Besucher nur noch das große, ständig siedende Becken mit den ausgeschiedenen großen Kieselsäuremassen und der Springtöhre bewundern können. Der S t r o t * für, nach seiner butterfaßähnlichen Quellöffnung „Butterfaß" benannt, besteht feit dem Erdbeben 1784. Er sprang noch vor drei Jahrzehnten auf Wunsch, wenn man ihn mit Rasenstücken fütterte, worauf er eine fugeiförmige Wassersäule von 40 Meter Höhe in die Luft schleuderte. Seit bem Erbbeben von 1896 aber hat er ebenfalls seine Tätigkeit völlig eingestellt. Heute springt unter all ben vielen dampfenben unb wallenden Sinterkesseln unb Höhlen nur noch bet Litli Gey - s i r. Gibt man ihm eine gehörige Menge schwatzet Seife in seinen Rachen, mit bet im benachbarten Hotel ein schwunghafter Hanbel betrieben wirb, so springt bie Quelle nach einigen Minuten 2—3 Meter hoch für längere Zeit.
Auch im Süblanbe, aber etwas vom großen Geysirgebiet entfernt, liegt eine andere kleine Sptingquelle, die Grila, in deren fast kreisrundem, etwa 1,5 Meter Durchmesser umfassenden Bassin klares blaues Wasser zunächst noch ruhig daliegt und seine hohe Temperatur von etwa 90 Grad Celsius nur durch leichten, hauch- artigen Dampf an seinen Rändern vermuten läßt. Langsam begann es zu sprudeln und puffen, als wir uns in ihrer Rähe zur Rast und Beobachtung gelagert hatten. Immer heftiger wallt und siedet und brodelt und faucht es in dem kleinen Becken vor unS, bis die dampfenden Wassermassen über seinen Rand hinwegfluten. Dann erhebt sich polternd und brausend e i n steil aufstrebender Wasserstrahl aus der kleinen Oeffnung und erweitert sich in 2-3 Meter Höhe wie ein Kegel, dessen fein zerstäubte Wasserteilchen in der hellen Nachmittagssonne glitzern und funkeln. Weithin wurde die mächtig anwachsende Dampffahne vom Rord- Ost über die Schottermassen des großen Talkessels den jenseitigen Berghängen entgegengetragen. Ein Vorgang, der sich hier alle zwei Stunden wiederholt. Drei andere Grupven heißer Springquellen liegen in der Rähe Oer Laxä
„Geh mit, geh mit, ich Zeig dir's", sagte ich kochend. Ich lief voraus. Zögernd kam er nach Auf einmal standen wir vor meiner Mutter.
„Mutter." schrie ich, „Mutter, der Peter Munzinger will mich verklag'n — aber ich sag's dir lieber selber — selber I"
„Was hast du angestellt?" fragte Mutter ernst.
„Ich hab — ich bin — ich weih nicht", stotterte ich erglühend. Es muh so ausgesehmr haben, als reue mich plötzlich das Geständnis. Lind ich selbst war so verwirrt. Etwas getan mußte ich wohl haben, schoß es mir dunkel durch ben Sinn. Für nichts und wieder nichts gibt man doch nicht Feder, Federhalter, Indianerbüchl und Weihnachtskreisel her.
„Dann sag's du, Peter", hörte ich Mutter wie aus einer Rebelfeme sagen.
„Er hat — er ist — er hat," horte ich den Peter in derselben Feme stottern. Es fiel ihm nicht gleich eine ordentliche Schlechtigkeit ein. Ha, hier klaffte eine Lücke für mein Schwert. Wehe, wenn der Schlechtigkeit die Phantasie ausgeht.
Peter Munzinger war davongerannt. Ich ihm nach. Wieder lagen wir auf der Wiese. Aber nicht nebeneinander, sondern ich oben und er unten. Meine Knie stemmten sich auf seine Arme. Er wollte brüllen. Ein dicker Heuschreck hüpfte ihm auf hen Mund. Wenn der jetzt aufging, muhte er ben Heuschreck schlucken. Darum hielt er die Lippen zugebissen. Lind ich sagte ganz ruhig:
„Was gibst ma, wenn ich —“
Er blinhelte hilflos gegen feine obere Rocktasche, aus der mein Federhalter heraussah. Ich hotte mir ihn mit ben Zähnen.
„Was gibst ma, wenn ich —"
Seine sinke Tasche zuckte. Ich ersetzte meinen sinken Kniedruck durch die sinke Hand und half dem Indianerbüchl.aus der Tasche.
„Was gibst ma, wenn ich —“
Seine rechte Tasche blähte sich. Der Weihnachtskreisel rollte heraus. Während dieser ganzen Zett sah der Heuschreck seelenruhig auf Peter Munzingers festgeschlossenem Mund und sondierte bedächtig mtt den Fühlern, ob es jetzt genug fei.
„Was gibst ma, wenn ich dir den Heuschreck vom Maul wisch?“ lacht« ich und lieh den Peter los. Brüllend trollte er sich fort.
Als er wett fort war, fiel mir noch die Feder ein. Ra, die mochte auf unserem Konto vorgetragen werden. Es dämmerte mir die Erkenntnis, bah Ls gut fei, wenn man einen letzten Rest nicht einkassiert. Per stopft« Peter Munzinger ein für allemal ben Mund.


