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Ur. 279 Erstes Blati

178. Jahrgang

Dienstag, 27. November 1928

Eriche,nl rügUch.autzei Sonntag« and Frierlag«

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Gletzener Jamilienblättei Heimat im Bild Die Scholle.

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GWner Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hivmann. sämtlich in (Bieben

Dem Sieger vom Skagerrak.

Weimar. 26.Roo. (I1L) wie schon In einem Teil der gestrigen Anfiage gemeldel. ist Admiral Reinhard Scheer in der Rächt znm Sonntag einem Herzschlag erlegen.

Wieder ist einer oon denen abberufen, bereit Name für immer mit den glänzendsten Heldentaten des Weltkrieges verbunden bleiben wird. Adrni» r a r Scheer, der Sieger vom Skagerrak, ist im Alter oon 65 Jahren einem Herzschlag erlegen. Er ist in den letzten Jahren ein stiller Mann gewesen, hat in Weimar als Privatier gelebt, ein schwerer Schicksalsschlag brach in seine Familie ein. Unsere Zeit, die so schnell vergißt, war auch über ihn hin- weggegangen und drohte ihn um seine Verdienste zu betrügen. Aber die Geschichte wird dafür sorgen, daß ihm doch sein Recht wird. Sein Name bleibt für immer verknüpft mit der Erinnerung an die größte Seeschlacht aller Zeiten, an den Kampf der jungen aufstrebenden deutschen Flotte gegen die sieggewohnte englische Armada, die mit schweren Verlusten den Deutschen das Schlachtfeld und den Ruhm überlassen mußte.

CGNer erinnert sich nicht noch jenes 1. 3uni 1916, da die Meldungen von dem Tags zuvor begon­nenen Ringen einliefen, jener atemlosen Span­nung, die über der ganzen Erden lagerte, bis die weiteren Einzelheiten bekannt wurden. Unb dann war kein Zweifel mehr: die weit über­legene englische Flotte war von Admiral Scheer angegriffen, der kühn, im Vertrauen auf die Tüchtigkeit seiner Mannschaften und auf die äleberwgenheit des Materials dem Feinde ent­gegenfuhr, der nacheinander die Kreuzer, die Schlachtilotte, die Torpedoboote einsehte, mitten im feindlichen Feuer drehte und die Breitseiten seiner schweren Geschütze auf die englischen Dreadnoughts regnen ließ. Lind der Ausgang hat ihm Recht gegeben. Ein Großkampf schiff, drei Schlachtkreuzer, vier Panzerkreuzer, zwei kleine Kreuzer und dreizehn Zerstörer, insgesamt fast 1 700 000 Tonnen waren auf englischer Seite vernichtet, währeird der deutsche Verlust wenig mehr als ein Drittel betrug, wovon dieLützow noch von uns selbst auf dem Heimweg versenkt wurde. Ein Sieg, wie ihn die kühnsten Träume nicht zu erhoffen gewagt hatten. Das Prestige der englischen Flotte, das schon durch EoronÄ schwer erschüttert und durch die Vernichtung des deutschen Panzergeschwaders auf den Falklands­inseln mühsam wiederhergestellt war, sank mit den stolzen Schiffen ins Meer. Die Tradition von dem meerbehrrrschenden England, die in Trafalgar geschaffen war, hat am Skagerrak ihr Ende gefunden.

Es ist nicht Scheers Schuld gewesen, wenn er seinen Sieg nicht voll ausnutzen konnte. Vielleicht war es nicht nur seine Tragik, war es die Tragik des deutschen Volkes, daß er viel zu spät den Oberbefehl über die deutsche Flotte erhielt, um den großen Schlag zu wagen. Schon bei Skagerrak hatte sich das Kräfteverhältnis gegenüber dem Kriegsbeginn zu ungunften Deutschlands verschoben. Trotzdem war der Erfolg unser gewesen. Und wenn Scheer feinen Plan auszuführen vermocht hätte, im Oktober 1918 noch einmal oorzustoßen, um die Flanke der deutschen Armee in Belgien zu ent­lasten, wer weiß, ob bei dieser zweiten Begegnung nicht die englische Flotte einen neuen Stoß erhalten hätte, der uns unter anderen Bedingungen in die Waffenstillstandsverhandlungen hineinbrachte. Aber die Matrosen wollten nicht mehr, und von diesem verunglückten Vorstoß nahm die deutsche Revolu­tion ihren Ausgang, die alle Dämme des Wider­standes niederriß, um uns zuletzt einem Frieden auf Gnade und Ungnade auszuliefern. Sie hat auch Scheer die Waffe aus der Hand geschlagen und es zugelassen, daß die siegreiche deutsche Flotte den Engländern ausgeliesert werden mußte: zum Glück um, bevor das Schlimmste geschah, in Seapa Flow von der eigenen Besatzung versenkt zu werden. Die deutsche Sehnsucht zur See ist damit nicht für immer erstickt, der Traum von der deutschen Ma­nne, die ja nie eine Angriffs-, sondern nur eine Verteidigungswaffe fein sollte, nicht auegeträumt. Für künftige Generationen wird Scheer, wenn auch die Gegenwart ihn zu vergessen scheint, weiter leben als der Mann, der uns die Freiheit der Meere er­obern wollte, als der deutsche Nelson.

Reichspräsident und Reichs- regierungzumTodedesAdinirals Auch die britische Admiralität kondoliert.

Berlin, 26. Rov. (WB.) Der Re ichs- prä, ident hat an die Tochter des in der vergangenen Rächt verstorbenen Admirals Scheer folgendes BeUeidstelegramm gerichtet:

Die Rachricht von dem so unerwarteten Tode Ihres Vaters, des Admirals Scheer, den ich erst vor wenigen Tagen in voller Gesundheit bei mir gesehen habe, hat mich tief erschüttert. Ich bitte Sie und die Ihren, den Ausdruck meiner herzlichen Anteilnahme an Ihrem großen Schmerz entgegenzunehmen und versichert zu sein, daß ich dem ruhmreichen Füh­rer der deutschen Flotte, dessen Rame mit der Seeschlacht im Skagerrak in der Geschichte Deutsch­lands weiterleben wird, stets ein ehrendes kameradschaftliches Gedächtnis be­wahren werde.

gez. v. Hindenburg, Reichspräsident."

Reichskanzler Müller hat ebenfalls der Tochter des Verstorbenen, zugleich im Ramen der Reichsregierung, seine aufrichtige Teilnahme­telegraphisch ausgesprochen. Auch die bri­tische Admiralität hat an die deutsche Marineleitung zum Tode des Admirals Scheer eine Beileidskundgebung gerichtet.

Rückfall in Versailler Methoden?

Oie Reparationskommission soll die Finanzsachverständigen ernennen.

pari«, 26. Rov. (111.) Wie aus dem amtlichen Bericht des Minifterrales vom ITlontaguormlttag hervorgeht, wird nicht die französische Re­gierung ihre Sachverständigen für den Sachver- ständigenausschuh zur Revision des Dawesplanes ernennen, sondern die (Ernennung der Repara­tionskommission überlassen. Rach wie vor werden der Gouverneur der Bank von Frank­reich, Moreau, und der Professor an der pa­riser juristischen Fakultät, A 11 i x, als die voraus­sichtlichen Vertreter Frankreichs genannt. Die aus englischer Quelle stammende Rachricht, die Sach­verständigenkonferenz werde in Berlin zusam­mentreten, wurde vom Innenminister Tardieu de­mentiert. In Pariser Kreisen glaubt man, daß die Dahl voraussichtlich auf Brüssel fallen werde. Der Temps" weist in diesem Zusammenhang auf die Artikel 232 und folgende des Versailler Ver­trages hin, die die Befugnisse der Reparations­kommission regeln und insbesondere § 5 Anhang 2 zu Teil Vffl des Vertrages, der die Reparations- kommission ermächtigt, alle notwendigen Maß­nahmen für die Erfüllung ihrer Aufgaben zu er­greifen, Zugeständnisse und Vollmachten an ihre Beamten, Agenten und Ausschüsse zu delegieren ufro. Die in Anwendung dieser Bestimmungen die Rcparationskommission Ende 1923 dem Sachvec- ständigenausschuß zur Ausarbeitung des Dawes­planes einsehte, so sei es auch jetzt seine Auf­gabe, die alliierten Mitglieder des neuen Aus­schusses der finanziellen Sachverständigen sowie die amerikanischen Delegierten zu ernennen. Dährend aber Deutschland im Jahre 1923 nach den Be- stimmungen des Vertrages zugelassen wurde, von dem Daweskomiteeangehörl" zu werden, sei es heute im neuen Ausschuß vertreten. Die Frage scheine noch nicht gelöst, ob die deutschen Sachverständigen wie diejenigen der Alli­ierten und Assoziierten von der Repko, einem inter­alliierten Organ oder von der Reichsregierung er­nannt würden.

Ein verhängnisvoller Schritt.

Unmögliches für Deutschland.

Berlin, 26. Rov. (TU.) Die Mitteilung aus Paris, daß es nicht Sache der Regierung, sondern der Reparalionskommission sei, die Er­nennung der französischen Sachverständigen für die in Aussicht genommenen Reparattonsbespre- chungen auszusprcchen, hat in Berlin stark über­rascht. Man weist darauf hin, daß die fran­zösische Auffassung den Genfer Verein­barungen vom 16. September vollkommen widerspricht, in denen man sich ausdrück­lich darüber geeinigt hatte, daß die Finanz­sachverständigen von den beteiligten Re­gierungen ernannt werden sollen. Die Germania" spricht von einem verhängnisvollen Schritt und schreibt, bleibe die französische Re­gierung bei ihrer Auffassung, so sei keine Möglichkeit abzusehen, wie sich die deutsche Regierung an den Arbeiten unter Wahrung ihrer Würde und ihrer Rechte beteiligen könne. Die Hervorholung der Reparationskommission aus einem verstaubten Winiel des Versailler Vertra­ges stehe in einem unlösbaren Wider­spruch mit der Haltung Frankreichs in Genf. Es scheine, daß die deutsche Regierung eine sehr deutliche Haltung einnehmen müsse, um eine so grundsätzliche Verkehrung des Gedankens eines Ausschu ses unabhängiger Sach­verständiger zu verhindern. DieBerliner Börsenzeitung" spricht von einer neuen D e r - schleppungstak ik. DasD.T." erinnert an die Genfer Vereinbarung und schreibt, wenn es die französische Regierung für gut finde, das

Ernennungsrecht an die Reparationskommission abzutreten, so sei dies Beispiel für keine andere Regierung, am wenigstens für die deutsche maßgebend. DerVorwärts" sagt, die deutsche Regierung hätte diese Frage in ihrer Demarche vom 30. Oktober offengelassen, weil sie selbst keinerlei Inittattve hatte ergreifen wollen. An sich könnten gegen die Ernennung durch die Reparationskommission grundsätz­liche Bedenken schon deshalb k a um er­hoben werden, weil ihr im Friedensvertrag die Mission zugeschrieben werde, von Zeit zu Zeit die Zahlungsfähigkeit und die Hilfsquellen Deutschlands zu prüfen.

England wittert Konkurrenzgefahren.

Für Beibehaltung des Dawesplanes.

London, 26. Nov. (TU.) In dem Pressefeldzug um die Einsetzung des Sachverständigenkomitees für die Endregelung der deutschen Reparationsoer- pflichtungen ist eine neue Note hineingetragen worden. Die von französischer Seite ausgestellte These, daß die gegenwärtige Regelung jeder Neuabmachuna vorzuziehen sein dürfte, ist auch auf englischer Seite aufgegriffen worden. Der diplomatische Korrespondent der hoch- konservativenMorningpost" erklärt, daß, während unter dem gegenwärtigen Abkommen ein direk­ter Kontakt zwischen der deutschen Regierung

Von unserer Berliner Redaktton.

Berlin, 24. Nov. Die feit längerer Zeit ange­kündigte Maßnahme der Reichsregierung zur Durchführung der Empfehlungen der Weltwirtschaftskonferenz ist nunmehr in das Stadium der Verwirklichung getreten. Der Gesetzentwurf, der nach längeren Vorarbeiten des Reichswirtschaftsrates bzw. einer besonderen Prü­fungskommission zustande gekommen ist, hat die Zustimmung des Reichsrates erhalten und wird dem Reichstage oorgelegt werden.

In seinem ersten Teil stellt er eine Ratifikation der in Genf auf der Konferenz für die Abschaffung von Ein- und Ausfuhrverboten abgegebenen deut­schen Erklärungen dar, wonach grundsätzlich alle Ein- und Ausfuhrverbote aufge- hoben und nur einige Beschränkungen für be­stimmte Fälle zugelassen bleiben. Dabei werden von deutscher Seite sechs Einfuhr- und drei Ausfuhr­verbote aufgehoben; bestehen bleibt die B e - schränkung für Kohlenein- und Aus­fuhr und für S ch r o t t a u s f u h r. Wichtiger ist der zweite Teil des Gesetzes, nämlich die auto­nome Zollsenkung, von der nach Untcr- suchunA von etwa 500 Tarifpositionen nunmehr 141 zur Senkung oder Aufhebung vorgeschla­gen werden. Die einzelnen in Betracht kommenden Sätze sind bereits amtlich veröffentlicht worden. Der Gesichtspunkt, unter dem vornehmlich bei dieser Aktion vorgegangen wurde, ist zunächst ein fis­kalischer: es sind solche Positionen ausgesucht wor­den, von deren Veränderung keine wesent- liche Minderung der Solleinnahmen zu erwarten ist. Der zweite Gesichtspunkt ergibt sich aus der Bedarfsfrage. Gewisse Erzeugnisse, die in Deutschland nicht ober in ungenügender Menge vorhanden sind, wo also der Import not­wendig ist und einer rationellen Verwertung der gleichartigen deutschen Produktion keine ernst­

und den Regierungen der Alliierten bestehe, jede Neuregelung dazu führen würde, daß die Repara­tionsbonds über b i e ganze Welt ver­streut würden und mit Ausnahme vielleicht eini­ger großer amerikanischer und europäischer Anteil­besitzer jeder Einfluß auf den Schuldnerstaat ver­lorengehen würde. Die größte Bedeutung aber mißt der Korrespondent dem Umstande bei, daß Deutsch­land unter jeder Neuregelung dazu gezwungen wäre, seine Exporte zu erhöhen. Das natürliche Interesse der Anteilbesitzer der Repara­tionsobligationen würde darin liegen, einer m ö g - lichst großen Ausdehnung des deut­schen Exportes die Wege zu ebnen, mit ande­ren Worten, die deutsche Industrie würde i n stärkerem Maße als bisher an den inter­nationalen Märkten in die Erscheinung treten und würde dabei in erster Linie bie englische In­dustrie treffen. Im Zusammenhang damit wird bereits das Beispiel Südafrikas angeführt, wo es der deutschen Industrie gelungen sei, wichtige Aufträge zu bekommen.

Aehnliche Bedenken vertreten dieEvening News" in einem Leitartikel, der mit der Fest­stellung schließt, daß es nur zu wahrscheinlich sei. daß Deutschland durch Neuregelung der Ne- parationsftrnge auf Ko st en der bereits sehr betroffenen britischen In­dustrie gewinnen würde. Der Leitgedanke aller dieser Ausführungen ist offenbar der, zunächst den Dawesplon in seiner gegenwär­tigen Form weiter bestehen zu lassen.

lichen Nachteile bereiten kann, sollen durch die Sen­kung der Zollsätze für die deutsche Produktion ver­billigt werden.

Das ist ein durchaus moderner Gedankengang, der vom Gemeininteresse, vom Gesichtspunkt der Produkttonsverbilligung und damit -steigerung ausgeht. Noch vor nicht allzu langer Zeit war der vorwiegend in England auch von prinzipiell freihändlerischer Seite vertretene Gedankengang vorherrschend, daß man gerade diejenigen Ein­fuhrwaren allein oder am höchsten belasten müßte, die im Inlande nicht erzeugt werden: denn diese würden ja auf alle Fälle eingeführt werden müssen, so daß ihre Zollbelastung einen rein fiskalischen, sinanziellen und nicht einen protek­tionistischen, prohibittven Charakter tragen würde. Es ist erfreulich, festzustellen, daß in dem deut­schen Gesetzesvorschlag dieser kurzsichtige und un­soziale Gesichtspunkt verlassen wurde. Daß also die Erkenntnis Platz gegriffen hat, das Gemein­wohl, das Interesse von Millionen Konsumenten gehe über das engere und nur bei einer kurz­sichtigen Bettachtungsweise wirklich beeinträch­tigte Interesse einer geringen Zahl von Inter­essenten. Denn auch diese haben natürlich mit­telbar Vorteile von einer Verbilligung und Anregung der Produltion, wie sie durch die Er­leichterung der Einfuhr fehlender Erzeugnisse, also besonders Rohstoffe, hervorgeruserr wird.

Die jüngste gesetzgeberische Maßnahme soll je­doch vor allem einen moralischen und politischen Wert haben, sie soll beispielgebend auf andere Völker einwirken und kann vielleicht dazu beitragen, der protekttonistifchen Welle Einhalt zu gebieten, die feit einiger Zeit im Gegensatz zu allen platonischen Kundgebungen in Gens an vielen Stellen des Auslandes um sich gegrif­fen hat.

Deutschland und die Beschlüsse der Weltwärtschastskonserenz.

Aufhebung der Ein« und Ausfuhrverbote. Oie Zollsen-ungsaktion.

Englische Nachrufe für Scheer.

London, 27. Nov. (WTD. Funkspruch.) Zum Tode des Admirals Scheer erklärt Lord Be - a 11 h, der in der Schlacht von Iükland die bri­tischen Panzerkreuzer befehligte, im »Daily Ex­preß": Ich bedauere die Nachricht vom Tode des Admirals Scheer außerordentlich. E r w a r ein großer Seemann und ein kühner und geschickter Taktiker. In dem Nachruf der ^Ti­mes" heißt es u. a.: In seinen Büchern und Vorlesungen hat Scheer viele Ansichten ausge­drückt, die uns eigensinnig und ttrrzsichttg er­scheinen, aber Ton und Absicht seiner Aeuße- rungen zeugen von Verantwortungsgefühl, Ehren- hasttgkeit und Bescheidenheit. Er hatte ein Recht, zu behaupten, daß trotz derCndkatastrophe die deut­sche Flotte sich um das Deutsche Reich große Verdienste erworben hat. älnd es gereicht chm zur Ehre, daß er niemals darauf aus war, den Beifall einzuheimsen, auf den er Anspruch gehabt hätte. »Daily News" sagt: Scheer war ein tapferer und unternehmender Seemann und rettete seine Streitkräfte mit kaltblütiger Geschicklichkeit vor der Gefahr der Vernichtung.Daily Tele­graph" erklärt: Mit Admiral Scheer verliert Deutschland den verdienstvollsten seiner Seeleute. Wir dürfen ihm bei seinem Hinscheiden unsere Achtung erweisen. Der englische Geschichts­schreiber wird der Geschicklichkeit, mit der Admiral Scheer die Schlacht von Iütland durchgefochten

hat und seinem kaltblütigen Verhalten im Augen­blick der höchsten Gefahr hohes Lob zollen.

Verlegung der Ratstagung?

Das Genfer Klima.

Ein wenig intercffantcs Programm.

Berlin, 27. Nvo. (Eigene Meldung.) Es ge­winnt den Anschein, als ob bie fommenbe Tagung bcs Völkerbunbsrates nicht in Genf, sondern an einem anderen Orte stattfinden soll. Genannt wer­den in erster Linie Lugano und Cannes. Hierbei spielen, wie wir erfahren, natürlich kli­matische Gesichtspunkte die Hauptrolle. Es ist bekannt, daß das rauhe Klima Genfs besonders im Winter einen nachteiligen Einfluß auf bie Arbeits­fähigkeit ber Staatsmänner ausübt. Dr. Streje- mann hat bisher noch jebesmal in Genf einen schweren Katarrh bekommen, ohne baß biefe Vcr- schnupfung durchaus politischer Natur gewesen wäre. Diesmal walten insofern besondere Umstände ob, als zwei Rekonvaleszenten daran teilnehmen, Dr. Stresemann und Chamberlain, die beide soeben nach längerer schwerer Krankheit ihre Aemter wie­der übernommen haben. Es wäre also durchaus verständlich, wenn man schon mit Rücksicht darauf, in diesem so unberechenbaren Herbst einen etwas günstigeren Ort für die Tagung des Dölkerbunds- rates aussuchte, als bas burch feine Rauheit be- tannte Genf, . '

Die Tagung selbst bietet, was den programma­tischen Teil anlangt, nicht allzuviel des In­teressanten. Die politische Hauptattraktion wird der polnisch-litauische Konflikt fein, der, wenn man den polnischen Drohungen glau­ben darf, diesmal zu einer hochpolitischen Affäre aufgebauscht werden wird. Ansonsten wird man sich über die weltbewegende Frage unterhalten, ob der Völkerbundsrat einen einstimmigen Beschluß fassen muh, wenn er in einer Streit­frage das Gutachten eines inter­nationalen Gerichtshofes einholen will. Hierüber sind sich die Iuristen noch nicht einig. Cs steht nämlich zur Debatte, ob es sich hierbei um eine sogenannte Verfahrensfrage han­delt, wofür nur ein Mehrheitsbeschluß notwendig wäre, oder ob ein politischer Entschluß vorliegt, für den Einstimmigkeit erforderlich wäre. Wir leben also in dem glücklichen Zeitalter, in dem das Dersassungsrecht des Völkerbundes bis in alle Einzelheiten durchgearbeitet wird, wobei allerdings die praktische Wirksamkeit dieser Insttttition heute mehr denn je in Frage gestellt ist. Der ungarisch-rumänische Optantenstrett, neben den berechtigten Beschwer­den über die Vergewaltigung der Minderheiten in Polen, einer der ständigen Programmpunkte aller Sitzungen des Völkerbundsrates, wird dies­mal nicht auftauchen, da die beiden Kontohenten sich am 5. Dezember zusammensetzen wollen, um Viesen alten Streit aus der Welt zu schaffen.