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Ur. 25^ Drittes Blatt Eiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) 8am§tag, 27. Dttober (928
Wie die Briefe der Kaiserin Friedrich nach England kamen.
Eine sensationelle Enthüllung.
Di« D«röff«ntlichung der „Briefe der Kaiserin Friedrich" in London hat auch bei uns großes Austchen erregt. Besonders sensationell ist die Erzählung des Herausgebers Sir Frederick P o n- s o n b y über die romantischen Almstände, unter denen dies« Dri«fe in seinen Besitz gelangten. Er erzählt davon ausführlich in der Borred« und schildert zunächst seinen Besuch auf Schloß Frieorichshof in der Bähe von Dronberg im März 1901; er begleitete König Eduard, der bei seiner todkranken Schlvester eine Woche zu Besuch weilt«. „Nachdem ich drei Tage auf Friedrichshos gewesen war," schreibt er, wurde mir mitgeteilt, daß di« Kaiserin mich abends um sechs Uhr zu sehen wünschte. Zur angegebenen Stunde ging ich hinauf und wurde im ihr Empfangszimmer geführt, wo ich sie in Kissen eingebettet fand. Sie sah aus, als wenn sie nach großen Qualen bereits ihr Ende erwartete. ®:« Pflegerin machte mir ein Zeichen, mich hinguscyen, und flüsterte, es werde der Kaiserin bald besser gehen, da sie eben eine Morphium-Einspritzung erhalten habe. Ich setzte mich, fassungslos gegenüber so viel Leid, und wartete. Plötzlich öffnete di« Kaiserin ihr« Augen und begann zu sprechen. Der Eindruck, daß ich mich einer sterbenden Frau gegenüber befände, verschwand, und ich merkte sofort, daß sie noch sehr lebendig und interessiert war. Wir sprachen über den südafrikanischen Krieg, über di« politische Lage in England, und nach einem wahren Sturm von Fragen schien di« Kaiserin nach einer Viertelstunde ermüdet und schloß die Augen.
Ich schwieg, ungewiß, ob ich das Zimmer verlass-on sollte. Gerade kam die Pflegerin und sagte, ich müßte nun gehen, aber die Kaiserin bat: „Noch ein paar Minuten," und sie verließ den Raum. Nach einer Pausie öffnete die Kaiserin die Augen und sagte: „Ich möchte Sie um etwas bitten. Sie sollen meine Briefe in Ihre Obhut nehmen und nach England zu - rüclbringe n." Als ich mein« Bereitwilligkeit erklärt hatte, schien sie zufrieden und sagte wie träumend: „Ich werde sie Ihnen um 1 Ubr nachts schicken. Ich weih, daß ich mich auf Iyre De» fchwiegenyeit verlassen kann: ich wünsche, daß keine Seele davon erfährt, daß Sie sie mitgenommen haben, und vor allem darf sie Willy (Kaiser Wilhelm II.) nicht haben und niemals wissen, daß ich sie Ihnen gegeben habe."
„Unsere Unterhaltung wurde durch das Wiedereintreten der Pflegerin unterbrochen, und ich verabschiedete mich." Ponsonby speist« dann mit König Eduard, den» die Kaiserin augenscheinlich nichts von den Driesen gesagt hatte, und arbeitete dann bis 1 Uhr nachts. „Die Schloß- uhr schlug eins," berichtet er weiter, „und i ch wartete gespannt. Aber es herrschte Totenstill«, ich glaubte schon, daß ich nicht richtig verstanden oder daß ein unvorherges^enes Hindernis die Sendung der Brief« unmöglich gemacht hätte. Da klopfte es leise an meine Tür. Ich rief „Herein", und vier Männe r brachten zwei Kisten in der Gröhe von Koffern, die mit schwarzem Wachstuch bespannt waren. Die Stricke rund herum waren ganz neu und an jeder Kiste war eine weihe Karte angebracht ohne Namen oder Adresse. Da di« Männer blaue Reithosen und Reitstiefel trugen, so schloh ich, dah es Stallburschen waren, die nichts von dem Inhalt der Kisten wußten. Sie setzten sie nieder und entfernten sich, ohne etwas zu sagen.
Nun dämmerte mir, daß ich da ein« nicht leichte Aufgabe erhalten hatte, und ich fragte mich, wie ich diese großen Kisten nach England bringen sollte, ohne Aufsehen zu erregen. Ich hatte natürlich ein Paket mit Briefen erwartet, daß ich leicht in »reinen Koffern hätte verbergen können. Aber dies« großen verschnürten Kisten waren sehr auffällig, und da das ganz« Schloß voller Geheimpolizisten war, so war es schwierig, ein« Erklärung für diese Kisten zu finden, die
augenscheinlich vom Himmel gefallen waren. Ich schrieb auf die Karte der «inen „Bücher, Dorsicht!" und auf die andere „Porzellan, Vorsicht!" mit meiner Privatadresse und beschloß, sie mit meinen Koffern verladen zu lassen, ofjne einen Versuch der Verheimlichung zu machen." Ponsonby hatte am nächsten Morgen den Fragen des Kuriers König Eduards standzuhalten, erweckte aber in ihm den Eindruck, oah es sich um Dachen handle, die er in Homburg gekauft und die er vor dem Zoll verheimlichen wolle.
Am Tage der Abreise kam noch eine aufregend« Szene. Ein« Abteilung Soldaten war abkommandi«rt. um all unser Gepäck her- unterzuschafsen," schreibt Sir Frederick. „Ich stand mit dem Kaiser im Gespräch in der Halle und konnte die Soldaten sehen, die alles möglich« Gepäck herunterschleppten. Als die beiden schwarzen Kisten kamen, sahen sie s o verschiedenartig von allen übrigen Stücken aus, dah ich nervös wurde und eine Entdeckung fürchtete, aber niemand achtete darauf und der Kaiser sprach ruhig weiter." Als Kaiserin Frie- dvich sechs Monate später starb, wurde das ganz« Gelände von Friedrichshos mit Kavallerie umstellt, das Schloß von Geheimpolizisten umzingelt und jeder Winkel nach den Driesen der Kaiserin durchsucht. Später evhiell Ponsonby die Anfrage, ob sich die Driefe nicht in den Archiven von Windsor befänden, und er schrieb auch an den Archivverwalter Lord Esher, der verneinend antwortete. Sir Frederick hatte die Driefe in e i g - ner Verwahrung, sie werden jetzt Don ihm veröffentlicht, „um auf die grausamen und ge- häsfigen Anklagen zu antworten, unter denen chr Andenken zu leiden hatte."
Der,,SerechiiMMjmmel"
Don unserer Derliner Redaktion.
In einer Pressebesprechung gab der preußische Kultusminister Dr. Decker mit verschiedenen seiner Mitarbeiter Einblick« in die an sich erfreuliche, aber In den Begleitumständen teilweise recht unerfreuliche Entwicklung des höheren Schulwesens. -Unö was er für Preußen in letzterer Hinsicht feststellen konnte, das gilt offenbar mit geringen Abweichungen für das ganze Rerch. Ein einheitliches Symptom hat zur Ueberstet- gerung und zu einer teilweisen Verfälschung des an sich so sympathischen D i l - dungsdranges unserer Jugend geführt: die Ziffern, die ein Anfchwellen der Abiturientenzahl in Preußen auf mehr a l s das Dreifache im letzten Vierteljahrhundert und nach der Ent- wicklungskurv« deirmächst vermutlich daS Fünffache aufweison, sprech n hier eine beredte Sprache.
Denn nicht so sehr den Zugang zur Universität wollen sich die Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten erkämpfen oder auf Betreiben ihrer Eltern erlangen, als vielmehr bestimmte „De r echt i g u n g en", lind wie bei der Reifeprüfung, so wird auch bei dem liebergang zu den Oberklassen, dein Erstreben der Primareife usw. ein materielles Ziel verfolgt, das außerhalb der Aufgaben und der Einwirkungsmöglichkeilen der Unterrichtsverwaltung liegt. Das zeigt sich ganz deutlich, wenn man feststellt, dah 44 Prozent der Abiturienten nicht mehr auf Hochschulen übergehen (übrigens relatiD noch erheblich mehr Mädchen als Jünglinge) und dah immer mehr Standesorganifa- t tonen bei ihren Behörden, z. D. der Post, der Dahn usw. darauf dringen, daß selbst der Zugang zur mittleren Deamtenlaufbahn vom Reifezeugnis einer höheren Lehranstalt abhängig gemacht wird. Diesem Beispiel find Private Körperschaften und Industrieunter- nehmungen in großer Zahl gefolgt: was soll man z. B. dazu sagen, dah einer der Aufsehen
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
28. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Der kleine brünette Herr war also am Werk gewesen. Jetzt stand er an der Zeitungsbude. Grotteck 0 lachend an ihm vorüber. Dachte dieser Naiver würde in der Handtasche, die jedes Kind öffnen konnte, Belastendes verbergen? Er hätte ihn gern für seine Dummheit geohrfeigt.
Der Wunsch noch einer Tasse Kaffee lenkte seine Schritte in den Wartesaal, wo es nach Schweiß und schlechtem Tabak roch. Der Rauch hing in grauen Schichten in der Luft.
Er setzte sich an einen Tisch, wo schon ein junges Paar saß, sie blaß, übernächtig, an seiner Schulter lehnend, er die schiefbrennende Zigarre im Mundwinkel, einen Arm um die Taille des Mädchens.
Grotteck kaufte einem Zeitungsjungen alle Morgenblätter ab und durchflog sie, während er den heißen Trank schlürfte. Nach seiner Gewohnheit überflog er die Jnseratenseiten zuerft. Mehrere Male stieß er auf die aufpeitschenden Worte: „Hohe Belohnung!" Aber es handelte sich um Eisenbahnattentate, um den Einbruch in ein Juwelengeschäft der Tauentzienstraße, um einen frechen Fassadenkletterer, der einen ausländischen Hotelgast erleichtert hatte.
Er wollte die Zeitungen schon weglegen, als er auf der ersten Seite des Lokalanzeigers auf einen gesperrt gesetzten Artikel stieß: Banknoten- sälschungen großen Stils in Rumänien. In Bukarest war man genial angelegten Fälschungen auf die Spur gekommen. In Andeutungen wurde non der Mitwisserschaft bekannter and führender Politiker gesprochen und von Spuren, die in eine fremde Botschaft führten. Es handelte sich in der Hauptsache um die Nachmachung holländischer Guldennoten und deutscher Reichsbankscheine. Die Untersuchung sei im Gange und würde ohne jede Rücksicht durchgeführt werden. Der holländische Gesandte habe noch in der Nacht eine Audienz 6ei dem Ministerpräsidenten erhalten.
Grotteck steckte das Blatt ein und überflog die andern Blätter, die noch nichts brachten. Sein Atem ging schwer.
Hier konnte eine Lösung seines Rätsels sein: Das Geld, das man ihm damals zugesteckt hatte, war falsch und darum wagte der Besitzer nicht, eine öffentliche Anzeige au machen. Unruhig trommelten seine Finger auf der Tischplatte.
Das Mädchen erwachte, wischte sich den Schlaf aus den Augen und gähnte, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Grotteck stellte Zahnlücken fest. Sie erschien ihm mit einemmal abstoßend und widerlich, und das Grinsen ihres Begleiters war nicht geeignet, ihm den Aufenthalt hier angenehmer zu machen.
Als er den Kellner heranwinkte, sah er seinen Verfolger einige Tische hinter sich in der Nähe der Tur sitzen. Auch er war in eine Zeitung ver- tieft, aber er hielt das Blatt so, daß er ihn gut im Auge behalten konnte.
Grotteck mußte an ihm vorbei. Und diesmal lachte er nicht. Etwas saß in der Kehle und preßte sie zusammen. Er fühlte, wie sich sein Gesicht verzerrte. Dieser Mensch konnte gut aus dem großen Hexenkessel am Balkan stammen. Es lief hier ja genug von diesem Pack umher, das ihm bisher nichts zuleide getan hatte, das er jetzt aber inbrünstig zu hassen begann.
Nachdem er die Handtasche als Handgepäck auf- gegeben hatte, verlieh er den Bahnhof und überschritt zwischen Zeitungs- und Blumenstände-, den Platz. Er sprang In das erste Auto, das zum Halleschen Tor fuhr. Unter dem Bogen der Hoch, bahn stieg er wieder aus, um die Trepp« empor- zueilen. Während er die grüne Karte in Empfang nahm, stellte er mit Befriedigung fest, daß der andere ihm nicht folgte. Wahrscheinlich strich er beim Handaepäck umher, um seine Wiederkehr zu belauern. Aber da konnte er lange warten. —
Am Untergrundbahnhof Friedrichstraße stieg er aus. Der Menschenstrom trug ihn nach oben. Zu- erst ging er in ein Lokal und trank — ganz gegen seine Gewohnheit -r- mehrere Kognaks nacheinander. Sie schmeckten etwas nach Seife, aber sie strafften die erschlafften Nerven wunderbar.
Leichtern Schrittes ging er zur Wechselstube. Der untersetzte alte Herr darin ordnete gerade einige Depeschen, als er eintrat.
erregendsten Schülerselbstmorde der jüngsten Zeit daraus zurückzuführen war, daß der Vater des Jungen ihm eine Lehrstelle In einem großen Betrieb ausgemacht hatte, deren Gewährung von der Primareife abhängig gemacht wurde: weil der Jung« nicht verseht wurde, also die Stelle nicht bekommen sollte, ging er in den Tod!
21n_ diesem „Berechtigungsfimmel" scheitern fortwährend wertvolle Existenzen, die wahrscheinlich eine richtige und vernunftgemäße Eignungsprüfung für ihren künftigen Beruf, wie sie zweckmäßig durch solche anspruchsvollcn Betriebe anstelle einer für ihre Zwecke überflüssigen Derech- iigung zu irgendeinem anderen Bildungsgang einführen würden, mit Glanz bestehen tonnten. Derbste an Zeit, Geld und wertvollen Kräften sind die Folge, und das ileberangebot an Arbeitskräften jeder Art gestattet leider die immer weitere Ausdehnung dieser sinnlosen Ansprüche
an bestimnrte schulmäßige Berechtigungsscheine. Die Unterrichtsverwaltung selbst oefiagt diese Entwicklung bitter und es scheint -bringen!) geboten, daß in der Oeffentlichkeit durch ausgiebige Behandlung dieses Themas Klarheit darüber geschaffen wird, wie her Abhilfe möglich ist. Andere Völker, und gerade die wirtschaftlich erfolgreichsten, kennen eine derartige Ueberschät- zuna rein schulmäßiger Bildung nicht. Freilich wird bei ihnen meistens die Einschlagung eines Berufs von der Feststellung der spezifischen Eignung hierfür, und nicht für di« Gelehrien- laufbahn abhängig gemacht. Dah die No Wendigkeit einer Revision dieser falschen Methoden vom preußischen Unterrichtsm'nisterium erkannt und ernstlich beachtet wird, ist das einzig Erfreuliche an den vorerwähnten, im übrigen bedauerlichen Feststellungen.
Geschichten aus aller Well.
Nachdruck verboten.
Demosthenes in Schanghai.
(f) London.
Einem englischen Blatte wird folgendes hübsche Stimmungsbild aus Schanghai beichtet: Kürzlich wurde hier in ei 'em mit mindestens hundert neugierigen g.lbcn Ku is gefüll en d>i e fischen Gerichtssaal ein einsamer weißer Mann in die Anklagebank geführt. Er war in einer Opiumhöhle verhaltet worden, und halte sich mit vier dort gleichtzeilig aufgegriffenen gelten Hafenarbeitern zusammen vor dem Gesetz zu verantworten.
Der erste an geplagte Kuli entschuldigte sich damit, et sei nur deshalb in das verpönte Lokal hineingegangen, um dort einen Freund zu suchen. Nr. 2 war cingetrcten, um b im Wirt eine Geldforderung einzukas ierest. ilnb Nr. 3 und 4 hatten lediglich Unterschlupf vor dem Regen gesucht.
Nun kam der Fremdling an die Reihe, und ein Dolmetscher erhob sich bereits, um in Tätigkeit zu treten. Doch der Weiße winkte lächelnd ab und begann in wundervollem Chi.resi ch, in der einwandfreiesten Man)arinensprache, tr.il prächlig moduliertem Ton feine Verteidigungsrede. (Sine Woge der Verblüffung ging durch den ganzen Saal, alle Hälse reckten ich, und dann trat Mäuschenstille ein, eine tiefe, bewundernde Stille, In die nur die klangvollen chinesischen Ausführungen des Beschuldigten tönten.
Er sprach zuerst von seiner Verehrung für den Richter, den hochgelehrten „Vater des Volkes", von seiner Hochachtung vor dessen Kindern, Kindeskindern, Freunden, Ellern und Großeltern. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dah sein ganzes Leben ein einziger Blumengarten sei und dah der Herr Richter heute daheim, wie stets, eine reich gedeckte, leckere Tafel vorfinden möge. Hieran knüpfte der beredte Weiß« die sichere Erwartung, daß die bösen Geister das Haus des Richters und seine Umgebung verschonen möchten, und erging sich so .zehn Minuten lang in den blumenreichsten Versicherungen seiner Hochachtung. Richter und Publikum hörten begeistert zu. Sie vergaßen völlig, dah da vor ihnen ein Angeklagter stand, ein Vertreter einer fremden Rasse, ein in Lumpen gehüllter Kohlentrimmer. Sie horten nur die von seinen Lippen fließende M e i st e r r « d e, die geradezu faszinierend gewählten Worte in herrlichstem Mandarinen-Chinesisch: sie wußten nur, daß hier Geist vom besten chinesischen Geist zu ihnen sprach
Der Angeklagte rief schließlich den Schatten des Confucius, den Geist Dr. ©un-^at» Sens und anderer großen Chinesen als Zeugen dafür an, daß er noch nie in seinem Leben das höllische Produkt der Mohnblüte geraucht habe. Machte eine tiefe, ebrcrbie.lge Verbeugung und setzte sich. — Richter Liang-Lon beantwortete die Rede des weißen Demosthenes, des früheren Studenten an verschiedenen orientalischen Seminaren und jetzigen Schiffsarbeiters Dirgll Verna ll (eines Amerikaners), und
„Sie wünschen?"
Grotteck holte mehrere Hundertmarkscheine hervor, und er bemerkte ärgerlich, daß seine Hand ein wenig zitterte. Um so stärker zwang er seinen Ton zu hochmütiger Gleichgültigkeit. „Habe von Fälschungen gelesen. Sehen Sie doch mal nach, mein ßieberr
Der Bankbeamte nahm einen Schein nach dem andern vorsichtig auf, hielt sie gegen das Licht und prüft« sogar mit einer Lupe den Rand auf die Fasern. Endlich sagte er lächelnd: „Ich wollte, alle Scheine, die ich bekomme, wären so echt wie diese."
„Also ein kalter Blitz", sagte Grotteck nachlässig. „Aber wissen Sie, Verehrtester, seit Europa eine Räuberhöhle geworden ist, müssen anständige Leute auf der Hut fein."
„Gewiß. Die Anständigen trifft solch Pech ja erfahrungsgemäß nm liebsten. Uebrigens sind wir auf der Hut. Die Kriminalpolizei hat uns neue Warnungen zugehen lassen."
„Fabelhafte Einrichtung", näselte Grotteck und verabschiedete sich jovial.
Beim Weitergehen siel ihm ein, daß die Anspielung auf die anständigen ßeute eigentlich im Grund eine Beleidigung enthielt. War sie auf ihn gemünzt? Wie kam er übrigens auf dies Wort „gemünzt"? Er braucht« es sonst gar nicht. War das ein Diktat des Unterbewußtseins? Nun, jedenfalls war fein Geld echt.
In einem Reisebureau am Friedrichsbahnhof bestellt« er eine Fahrkarte nach Danzig für ein Flugzeug der ßufthansa. Es blieb noch genügend Zeit, in einer Badeanstalt ein heißes Bad zu nehmen und fein bescheidenes Frühstück zu ergänzen.
Er war glänzender ßaune, als er um zwölf Uhr den Flugplatz betrat. Interessiert betrachtete er die Piloten in ihren unförmigen Anzügen, und die lautest« von allen, eine Pilotin mit einem roten Wuschelkopf. Das Kostüm war ihr wohl wichtiger als die Fahrt. Eifrig stolzierte sie in ihren ledernen Hosen umher, ihr« kecken Augen blitzten Grotteck herausfordernd an.
Da er kein Gepäck bei sich hatte, — fein Koffer fuhr mit der Bahn — war er bald fertig. Beim Einsteigen dachte er vergnügt an den brünetten Herrn, der jetzt das Handgepäck am Anhalter Bahnhof bewachte. Viel Vergnügen.
sprach ihn frei. Und mit zufrieb« «m Lache'n verlieh der heruntergekommene Weiße den Ge- richlssaal.
Krcuzrittcrnachfahrcn in Sowjetrußland?
(u) Riga.
In Sowjelrußland werden in der letzten Z it Diele Landschaften, Gebirgsstreäen und <3een. Den denen man bisher ttxnig wußte, wißen schall ich erforscht. Unlängst ist eine Expedition ins Pam.r- Hochland ausgebrochen, um dieses noch un.e- fannte Gebiet zu erschließen. Eine Wei ere Expedition befindet sich auf dem Weg nach Swa- netien. Diese an der Küste des Schwaben Meeres gelegene Landschaft hat schon immer auf Fo'schungsr:i ende seltsame Anl,i:h ng.kmft aus- geübt.
Di« Devöllerung dieses Gebittes behauptet, in direlter Linie noch von Kreuzrittern ab u- stammen. Von den Muselmannen verfolgt, hötb.n diese in dem fruchtbaren, von den Schnee.e gen des Kaukasus eingeschlossenen Tal eine Zuf u ,t gefunden. Während der Iahrh.na:rte sind if'.e Nachfahren nicht allein ihrem ch i Glichen Glauben treu geblieben, sondern haben zum Teil, insbesondere die Frauen, auch noch die Bekleidung der Kreuzfahre.zcit bei behalten. Frille, e Besucher des Landes berichteten bereils. dah man in Swanetien noch deutliche Reste der französifchen Keeuzsahrer prache. mittelaller ich« Sitten und Gebräuche vor inden Finne.
Hoffentlich machen die Gewalthaber in Moskau diesem kulturhistori.chen Idyll kein gewaltsames Endel
Nm den Namen APponhiS.
(v) Bu d a pe st. ’
Der Patriotismus eines Volkes, das den Satz geprägt, außerhalb seines Landes sei kein Leoen — extra Hungariam non est vita — ist schwerlich zu überbieten. Diese Eigenschaft des Madjaren ist für ihn bezeichnend, gibt di« Grundlage für das Verständnis so mancher politischer Vorgänge! ab und erklärt nicht zuletzt auch die Entrüstung, die ganz Ungarn jetzt ergriffen hat, Entrüstung über die Tatsache nämlich, dah auf einem Budapester Reklameschild, auf dem der Boulevard Ap- ponyi verzeichnet war, der Name des Seniors der europäischen Diplomatie mit — nur einem p geschrieben stand. Die Zeitungen werden mit Protesten gegen diese „Schamlofigkeit", di« Ungarn in der ganzen Welt blohstellt, überschüttet. Niemand weiß, was die Folge sein wird, obwohl das betreffende Plakat bereits längst angesichts einer bevorstehenden „Lynchjustiz" entfernt und durch ein anderes, richtiges, ersetzt worden ist.
„Witte Stucken."
(r) Amsterdam.
Mit dem Sammelnamen „Witte Stucken" (eigentlich: weihe Stücke) werden alle die Drucksachen bezeichnet, die den auf das Wohl Des niederländischen Volkes bedachten Mitgliedern des Parlaments zu jeder Sitzung, — wie es ja auch im Deutschen Reichstag und überall der Fall ist. wo die erleuchteten Vertreter eines Volkes über
KTinr —i u
Die Propeller surrten. Grotteck fühlte die Erde unter sich versinken, und er betrachtete zufrieden den sehnigen Führer des Flugzeugs: Du trägst Cäsar und sein Glück. —
Der Zug hielt in Niederstein, der Station von Grotthausen. Er hatte auf seiner Fahrt durch den Freistaat, von Danzig bis hier, fast die Hälfte der Zeit beansprucht, die sein kleiner Bruder in den Lüften von Berlin bis Danzig gebraucht hatte.
Grotteck fah auf dem kleinen Bahnsteig kein bekanntes Gesicyt. Wurde er nicht erwartet?
Als er am Zuge entlangging, glaubte er plötzlich seinen Verfolger wieder^usehen. Er saß In einem Wagen vierter Klasse und las die Prawda.
Grotteck sprang in den Wagen, trat auf den Fremden zu, schob rücksichtslos die Zeitung beiseite und blickte in ein fremdes Gesicht, das ein schmutzig-rötlicher Bart umrahmte.
Er entschuldigte sich und eilte hinaus. Der Zug rollte schon wieder. Fast wäre er also mitgefahren, über die Grenze womöglich — hier stieß man ja immerfort auf Grenzen —, und nur, weil seine Nerven versagt hatten. Aergerlich ging er zur Bahnschranke. Der Mann an der Sperre nahm ihm di« Fahrkarte mit einem flüchtigen Gruß ab. Er war hier neu, sonst hätte er den Erben von Grott- Hausen schon anders begrüßt. Er mußte ein auf- steigendes Gefühl von Enttäuschung bekämpfen, als er den leeren Warteraum durchschritt und auf die Straße trat.
Da klang Lärm an sein Ohr, der alle Gespenster verscheuchte: rasendes Bellen stieg auf. Ein großer Wolfshund jagte in wilden Sätzen heran, fuhr heulend auf ihn los, an ihm empor, zwei Pfoten legten sich auf seine Schultern, und um ein Haar wäre eine mächtige rote Zunge über sein Gesicht gefahren.
„Pluto, du Höllenhund! Friß mich nicht auf! Wo ist Frauchen?"
Der Hund ließ augenblicklich von ihm ab, raste auf einen kleinen offenen Wagen los, der auf der andern Straßenseite stand, und sein Herr lief ihm nach, als wäre keine Zeit zu verlieren.
Drinnen, eng an die Lederpolster gepreßt, saß Karola Grotteck. Sie hockte fast ängstlich darin. Nun richtete sie sich auf.
(Fortsetzung folgt.)
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