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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 27. Oktober 1928
Gießener Gtadtiheater.
Presber und Licin:
„Die Ballerina des Königs".
Pvesbern zu seinem Sechzigsten — wenn mid) nachträglich — zu ehren, setzte man die „Ballerina des Königs" aufs Programm, „Lustspiel in vier 2llten", das er, wie die „Liselott" neulich, gemeinsam mit Leo Walther Stein geschrieben hat.
3n Nekrologen und zu Geburtstagen soll man gemeinhin den Menschen nichts Böses nachsagen. aber das nicht immer beneidenswerte Amt deS kritischen Berichterstatters verlangt andererseits von dem. der es bekleidet, dah er sich nicht völlig von so liebenswerten menschlichen Regungen und taktvollen Gepflogenheiten beschwichtigen lasse.
Er hat also In Kürze und mit möglichster Schonung folgendes festzustellen: man hat hier eine Pantomime vor sich, vier lebende Bilder vor historischen Kulissen, viel Kostüm, viel Unt- fvrm. sehr viel Ausstattung; Theater als Schau-Stück und Wort-Spiel, Theater als Idyll und Episode, erzählendes Theater ohne Drama.
Wenn man die Ausstattung wegnimmt und die Kostüme, die perlenden Läufe des Flöten- konzertes und die Anekdoten und die Aphorismen der friderizianischen Altersweisheit von Sanssouci —: was bleibt dann übrig? Nichts. Ein sllbernes Nichtschen. älnü das ist, mit Derlaub, etwas wenig für vier Akte und zwei Autoren, älnd das kann selbst an hohen Gedenktagen unmöglich verschwiegen werden.
Erster Akt: erste Begegnung. 1743 in Berlin; der junge König und die junge Barbara Cam- panini, die PeSne so verführerisch gemalt hat, und von der man sich allerlei nette Gefchicht- chen zu erzählen weih. (Wen's gelüstet, kann z. B. m Ostwalds „Galantem Berlin" einiges darüber nachlesen.) Hier ist die Pointe, dah die Ballerina den König mit der Flöte für einen Militärkapellmeister hält. Aber sie verstehen sich sofort, und der König musiziert und regiert mit einer Unbekümmertheit, als ob der zweite schlesische Krieg gar nicht so bedrohlich vor der Tür stünde.
Zweiter Akt: Große Oper. Das letzte Souper in der Loge. Melodie: nun adjöh, Gotoife,
Die Schlinge um den Hals.
Dw £)r. Paul Rohrbach.
Wir freuen uns, unseren Lesern mitteilen zu können, daß es der Gießener Ortsgruppe desVereinsfürdasDeutschtum t m Ausland gelungen ist, unseren langjähn- gen, vielbeachteten außenpolltiscken Mitarbeiter zu einem Vortrag in Gießen für den 30. November zu gewinnen.
In den Verhandlungen, die auf das deutsche WaffenstiUstandsgesuch vom Oktober 1918 folgten, stellte Deutschland die Frage, ob die 1 4 Punkte Wilsons von den Alliierten als Grundlage des zu schließenden Friedens anerkannt werden würden? Darauf erfolgte am 5. November die vom amerikanischen Staatssekretär Lansing im Namen aller vereinigten Gegner Deutschlands unterzeichnete Antwort: Ja — mit zwei Vorbehal - t e n. Der erste Vorbehalt bezog sich auf d i e Freiheit der Meere, der zweite darauf, daß Deutschland verpflichtet fein würde, d i e Z e r- ftörungen In den Kriegs gebieten wieder gutzumachen. Das ist der Ursprung der sog. Reparationen. Ausdrücklich war in Wilsons Kundgebungen gesagt, es müsse ein Friede ohne Kriegsentschädigungen und Kontributionen werden, wie solche früher den Besiegten vom Sieger auferlegt wurden.
Man weiß, welchen Gang die Dinge danach nahmen. In die „Wiedergutmachung" wurden nicht nur die Kriegspensionen der Alliierten hineinge- rechnet, also Ausgaben, die schlechthin nichts mit den Zerstörungen zu tun hatten, die durch den Krieg in Nordfrankreich, Belgien usw. angerichtet waren, sondern es wurde durch das Londoner Ultimatum von 1921 öle Gesamtleistung Deutschlands auf die phantastische Summe von 132 Milliarden festgesetzt. Bei dem Wortbruch gegenüber dem Vorfriedensvertrag, der durch den Empfang und die Annahme der Note vom 5. November 1918 eingegangen wurde, halten wir uns nicht weiter auf, denn im Vergleich hierzu ist das ganze Versailler Friedensdiktat von Anfang bis zu Ende ein Wortbruch. Dagegen wird es gut fein, wenn wir uns darauf besinnen, welche Werte Deutschland bis jetzt schon auf das Konto der Reparationen — Kontributionen unter einem anderen Titel hat es, wie gesagt, nicht zu leisten — bezahlt hat.
Bis Ende 1922, unmittelbar bevor die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten, wurden gezahlt 2 Milliarden Mark in bar. Außerdem wurde das deutsche Privateigentum im Aus - lande liquidiert, es wurden d i e Gruben im Saargebiet und zahlreiches Eigentum des Reichs und der Länder ausgeliefert, ferner die deutschen Privatkabel, viel Eisenbahn- material, fast die gamje deutsche Handelsflotte, endlich Kohlen, chemische Produkte, Vieh, landwirtschaftliche Maschinen und eine lange Reihe sog. Wiederaufbaulieferungen. . Dazu kommen die Erpressungen Frankreichs während des Ruhrkampfes mit rund 2 Milliarden und die Zahlungen nach dem Daroesplan vom 1. September 1924 bis zum 31. August 1928 mit über 5 Milliarden. Zusammengerechnet ergibt das eine bisherige Gesamtleistung Deutsch- lands im Betrage von mehr als 48 Milliarden, wobei für die Sachwerte, wie Bergwerk und andere öffentliche Güter, Aufbauliefe- rungen usw die seinerzeit von Lujo Brentano in München angestellte Berechnung zugrunde gelegt ist.
Darüber hinaus existiert noch ein gewaltiger Posten, der von dem englischen Kolonialfachmann More höher im Werte veranschlagt worden ist, als die Gesamtheit der Aufwendungen, die die Alliierten für ihre Kriegführung gemacht haben, näm- lich die deutschen Kolonien. Auch in bezug auf diese findet sich in den Wilsonschen Friedensbedingungen der Satz, alle Kolonialfragen sollten eine gerechte und unparteiische Entscheidung erfahren. Statt dessen wurde Wilson durch die der Wahrheit ins Gesicht schlagende und wider besseres Wissen aufgestellte Behauptung, Deutschland sei wegen feiner Eingeborenen-Mitzhandlung unwürdig, Kolonien zu besitzen, dahin gebracht, daß er dem Raub und der Verteilung des ganzen deutschen
wisch ab dein Gesicht . . . Der Krieg ist da. älnd die Preußen marschieren. And der König reitet nach Schlesien, bei Nacht, indes die Bal- terina in Tränen zurückbleibt.
Dritter Akt: Die Affäre mit dem Hofrat Evcceji. Berlin 1746. Die Ballerina hat es satt. Macht eine Szene, gibt eine Vorstellung unter freundlicher Mitwirkung ihrer südlich-lebhaften.- Mama und des Garderobeinspektors Nepomuk Cori. Zuletzt erscheint das rauhe preußische Schicksal in Gestalt des Rittmeisters von Al- vensleben, der den Cocceji auf Befehl des Königs nach Glogau verbannt. Die Ballerina, aus Trotz und Wut, geht gleich mit. And heiratet ihn sogar. (Draußen schneit's: so hat man wenigstens ein hübsches, stimmungsvolles Bild; aber aus lauter Stimmung, lauter Aufmachung, lauter Anekdoten und geflügelten Worten schreibt man noch kein Lustspiel.)
Vierter Akt: dreißig Jahre später. Sanssouci 1776. Letzte Begegnung des alten Königs mit der aus Glogau zurückgekehrten geschiedenen Hofrätin Cocceji. Der König spielt ihr (diesmal wohl nicht ganz historisch) noch einmal aus seinem Flöten- konzert vor. Und sie tanzt dazu und weint ein bischen. Aus der Jugendzeit ... aus der Jugendzeit klingt ein Lied ihr immerdar. Und sie hat dem alten kranken Windspiel des Königs, der geliebten Biche, ein paar schöne Knochen mitgebracht. Und der gute Fredersdorfs, die treue Seele, ist auch noch da, und der Aloensieben kommt aus Rußland zurück, erzählt von der Katharina und kriegt den Schwarzen Adler. Ein rührendes Mosaik, ein Bilderbogen mit gefühlvollen Wasserfarben. Dünn wie das ganze Stück.
Aber es wurde reizend gespielt. Auf der ganzen Linie. Goll inszenierte verschwenderisch und stilvoll und war bemüht, mit großem szenischen Aufwand über Gebrechlichkeit und Leerlauf der vier Auszüge hinwegzutäuschen. Der dritte Akt geriet aber mit seinem aufgepulverten Durcheinander und mehrstimmigen Diskant etwas zu geräuschvoll, der letzte schleppte dagegen empfindlich.
Maria Koch war die Ballerina: entzückend. Das Rokoko liegt ihr ungemein. Auch das quecksilberne parmesische Temperament, die naive Schalkheit der großen Dame, die tänzerisch beschwingte, tändelnde und stets etwas oberflächliche Grazie eines galanten Jahrhunderts: das spielt sie brillant; tausend
Kolonialgebiets unter dem Mandatstitel zustimmte. Wenn jetzt Frankreich, England, Belgien, Austra- lien und Japan die alten deutschen Kolonien, worum sie schon lange bemüht sind, sich faktisch einverleiben wollen, so entsteht dadurch eine deutsche Gegenforderung, die höher ist als alle Reparationen. Wir sind aber keineswegs der Meinung, daß Deutschland es jetzt darauf anlegen sollte, den Wert der Kolonien gegen die Reparationen auszuspielen und gegen Herabsetzung der Reparationsleistungen einen bindenden Kolomalverzicht nach Art des Verzichts auf Elsaß- Lothringen auszusprechen. Vielmehr bildet der Kolonialanspruch für uns ein großes moralisches Aktivum, dem eines Tages unversehens auch eine aktuelle Geltung zuwachsen könnte, so daß es verkehrt wäre, den jetzigen Mandatsin- Habern ein solches Zugeständnis in den Schoß zu werfen.
Diese Klarstellung dessen, was Deutschland in bezug auf die Reparationen bereits zugute hat, ist nötig, wenn man die „einigende Formel", die jetzt in der französischen Presse für die Festsetzung der deutschen Schuldsumme auftaucht, richtig bewerten will. Sie lautet:
1. Der ©eqenroartsroert der Schuld Deutschlands soll auf 30 Milliarden Goldmark festgesetzt werden.
2. Die deutsche Jahreszahlung.für Zinsen und Amortisation wird von 2,5 auf 2 Milliarden Goldmark herabgesetzt.
3. Für Den Fall, daß Amerika einen Nachlaß seiner Forderungen an die Alliierten gewährt, soll Deutschland im gleichen Verhältnis entlastet werden.
4. Deutschland verzichtet auf den Schutz, den die Transferklausel feiner Währung bietet und er- hält dafür die Räumung der besetzten Gebiete.
Auf diese Vorschläge sollen sich angeblich der ! Repcuationsagent Parker Gilbert, die englische und die französische Regierung grundsätzlich geeinigt haben. Angenommen, das entspräche den Tatsachen, so wären diese vier Punkte in ihrer Gesamtheit für Deutschland unannehmbar. Erstens gilt das schon für die Höhe der Gesamtschuld, die völlig ungerechtfertigt ist, nachdem, was Deutschland schon geleistet hat, und die außerdem das Zahlungsver- mögen Deutschlands übersteigt. Ganz unmöglich ist die Preisgabe des Transfer- schütz es, selbst wenn dafür — was die Franzosen sicher nicht zugestehen werden — die sofortige und bedingungslose Räumung des Rheinlandes stattfinden sollte. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, daß uns die Zahlungen nach dem Dawesplan nur mit geborgtem ©elbe möolich waren. Es ist nicht daran zu denken, sie aus dem deutschen Vermögen und aus Ueberschüssen der deutschen Wirtschaft zu leisten, weil die deutsche Zahlungsbilanz passiv ist und auf keine Weise in absehbarer Zeit aktiv gemacht werden kann. Sobald durch irgendwelche Umstände Deutschland keine Kredite im Ausland mehr erhält, und trotzdem verpflichtet ist, jährlich 2 Milliarden an die Alliierten zu zahlen, bedeutet dies das Ende der deutschen Währung und die wirtschaftliche Katastrophe. Um in diese, zum Wmf bereite Schlinge den Hals zu stecken, müßte Deutschland törichter fein als töricht.
Worte italienisch, wie Wasser, der Rest ein tauber- welsches, radebrechendes Deutsch; ein Bomben- erfolg.
Die heikle Ausgabe des Fridericus wurde von T a n n e rt mit einer verblüffenden Leichtigkeit und Treffsicherheit bewältigt. Eine vorzügliche Masi^e hatte er für den jungen, siegreichen, liebenden, auch für den alten, müden und wehmütigen König im letzten Akt (wie Presber ihn sich so vorstellt) —; die dürftigen volkstümlichen Brocken, aus denen die Rolle zusammengesetzt ist, hatte er entschlossen in eigene Regie genommen und zu einer selbständigen Gestaltung zusammengerafft. Es war aller Anerkennung wert.
Das übrige Personal hat nicht viel zu tun, es hat da zu sein, auszusehen und sehr unverbindliche Worte zu sprechen: Staffage und bunte Statisterie im Königsidyll.
Wir nennen: Arzdorf (Aloensieben), Knur (Cocceji), V o l ck (Knobelsdorfs), ßinfmann (Fredersdorfs). Für die hübsche Ausstattung sind Löffler und Keim zu loben. —
Der Besuch war gut, das Publikum dankbar und beifallsfreudig. Dr. Th.
Oberhessischer Kunstverein.
In der am 14. Oktober eröffneten Ausstellung, über die wir bereits ausführlich berichtet haben, sind inzwischen einige Veränderungen vorgenommen worden, die hier kurz angezeigt werden sollen.
Die Kollektion Böckstiegel ist umgruppiert und durch zwei nachträglich eingereichte große Del- gemälbe erweitert worden. Der „Sensendengler mit Kind" ist eine breit hingespachtelte Figurengrupoe, die nicht nur in ihrer Farbenfülle und ihrer bei allem Ungestüm der Pinselführung sehr abgewogenen Komposition, sondern vor allem auch vermöge ihrer einfachen menschlichen Motive, durch die Gegenüberstellung von Alt und Jung, Greis und Kind, ungefüger Kraft und unbeholfener Zartheit, von großer und liebenswürdiger Wirkung ist.
Ferner muß ein stattliches Stilleben genannt wer- den, „Glockenblumen", welches stilistifch etwa auf einer mittleren Linie zwischen Corinth und Chri- fftan Rohlfs unterzubringen wäre und übrigens dem, was wir bisher von Böckstiegssl sahen, leicht einzugliedern und unschwer an die Seite zu stellen ist.
deutschen Blättern findet. Dor allem drängt sich aber die Empfindung auf, daß der Engländer den Wert der „Kleinen Anzeigen" viel besser erkannt hat und mit allen seinen Sorgen, Plänen, Vorschlägen in den Inseratenteil der Zeitungen, flüchtet, mag es sich nun um Stellungsgesuche, Geschäftsverkäufe oder irgend etwas anderes handeln.
Aber auch in den großen Inseraten ist ein erheblicher Unterschied zur kontinentalen Presse fest- zustellen. Schon unter den „Kleinen Anzeigen" s.n- bet man täglich einige, die ungefähr folgendermaßen lauten: „Australien. Zur baldigen Abfahrt 100 Burschen zwischen 15 und 19 Jahren gesucht, kräftig, für Farmschule. Rcaierung garantiert Beschäftigung. Hervorragende Aussichten für brauchbare Burschen." — „Kanada. Zur Abreise im März 500 Männer gesucht, die an Handarbeit gewöhnt sind, für landwirtschaftliche Beschäftigung, gute Löhne und Aussichten; ermäßigte Ueberreise, garantiert von der Regierung." Man merkt, daß man in einem Weltreich lebt, dessen Besitzungen über den ganzen Erdball verstreut liegen. In welcher europäischen Zeitschrift würde man aber sonst noch ein teures, ganzseitiges Inserat suchen dürfen, das unter der Ueberschrift „Südafrika. Winter im Sonnenland" eine kleine Erholungsreise nach dem Süden unseres Erdballs anpreist und dabei einen solchen „trip to Africa" als etwas ganz Alltägliches hinstellt. In den englischen Zeitungen findet man eben Anzeigen aus der ganzen Welt. Da ist ein Aufruf der Stadt Mexiko, die die Erben eines gewissen Mr. Joss Buch y Escandon sucht, und unmittelbar darunter lieft man dieselbe Anzeige noch einmal in spanischer Sprache.
Schon bei einem flüchtigen Durchblättern eng« Uscher Zeitungen findet man bestätigt, daß das Klima des Jnsellandes äußerst ungesund ist. Riesenhaft sind die Inserate gegen Rheumatismus, Erkältung, Schnupfen. Jeder Reklamekünstler muß sich aber dabei über die Geschicklichkeit der Inserenten freuen. In allen Zeitungen erscheint eine Anzeige, die jeder lieft, weil sie mit den Worten beginnt: „Dieses Inserat wurde von (nun folgen die Namen von sieben bekannten Schrift- fteUern) geschrieben". Der Wortlaut des Textes ist dann aus Anerkennungsschreiben dieser Roman- dichter außerordentlich wirkungsvoll zusammengesetzt und beweist, daß das angepriesene Medikament in jedem Haushalt unentbehrlich ist. Eine andere pharmazeutische Firma jagt die Zeitunasleser durch ein ganzseitiges Inserat in Schrecken, Das mit den fettgedruckten Worten beginnt: „Große Epidemie tödlicher Katarrhe." Vertraulicher klingt die Anrede eines anderen Inserenten, der durch die Autorität der Familienerziehung überzeugen will, wenn er schreibt: „Mutier kennt den Wert non M." und dann ein Mittel gegen Rheumatismus anbietet. Der Reklamcchef dieses Unternehmens weiß zweifellos, wie fest der autoritative Glaube an die gute Mutter im englischen Charakter verankert ist. Unmöglich kann es der Zeitungsleser auch versäumen, ein Inserat zu lesen, das mit den Worten beginnt: „Laß mich dein Vater fein!" Daneben sieht man das Bild eines würdigen älteren Herrn, der zunächst verspricht, kostenlos Rat zu erteilen, und dabei mit« teilt, daß er vielen Tausenden Menschen mit Rat zur Seite gestanden hat. Dann frellich empfiehlt er die von ihm verfaßten Bücher zum Selbstunterricht, die wöchentlich einen Schilling kosten. Aber auch kostenlos erhält man Belehrung angeboten. Ein Inserat, das in vielen Zeitungen erscheint, kündigt an: „Eine Zeituna für Rheumatiker! Sie erzählt alles über dieses schrecklichste und so außerordentlich schwer zu behandelnde Leiden".
Auf die Freude des Engländers beim Anblick autcr Karikaturen rechnet eine große Schokoladenfabrik, die ein vorzügliches, äußerst wirksames Inserat veröffentlicht. Bei allen Gelegenheiten, bas wird im Bild gezeigt, ertönt die Frage: »Haben Sie schon diese Schokoladenmarke versucht?" Der Schüler will damit seinen erzürnten Lehrer, der Verbrecher den Schutzmann beruhigen. Aufregender ist eine Annonce mit der Ueberschrift: „Mord an einer Heimindustrie!" In ihr wird die Forderung erhoben, den schottischen Whisky von einer lästigen Steuer zu befreien. Das geschieht aber nicht mit dürren Worten, sondern mit dem schlagkräftigen Satz: „Die Regierung, die die Whiskysteucr vermindert, wird eine volkstümliche Regierung fein".
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Malerisck feiner, koloristisch einheitlicher erscheint uns aber bas jetzt vom Treppenhaus in den Saal hereingenommene Stilleben mit rotem Mohn, an der gleichen Wand.
Auf das nun leider ungünstig hängende, sehr schöne und auf eine besondere Art von den übrigen Gemälden sich abhebende Kinderbild fei auch heute nochmals hingewiesen.
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Die ungemeine Farbeneleganz und koloristische Empfindsamkeit des jungen Malers Kiehl, mit dessen Arbeiten wir uns schon ausführlicher beschäftigt haben, spiegelt sich auch in einigen neu- aufgenommenen Bildern von bestechendem Reiz.
Der Farbenakkord im Stilleben mit der blauen Vase (Mittelraum) z. B. ist mit einem ganz über« zeugenden Gefühl für die Gruppierung koloristischer Werte zum harmonischen Klingen gebracht.
Auch die „Herbstliche Chaussee" (an der gleichen Wand, rechts), auf die wir neulich wohl nicht ausdrücklich aufmerksam gemacht haben, sei hiermit liebevoller Beachtung empfohlen: ein sehr gutes Bild! Bei aller Anspruchslosigkeit des Motivs Der« mittelt es Stimmung und Wesen einer einsachen Landschaft in der farblichen und dinglichen Der- bunbenljeit von Baum, Hüael und Himmel. (Auch ein gutes Beispiel für die früher angebeutete fortschrittliche Gesamthaltung bet hier zusammengefaßten Bilder.)
Em interessantes Stück ist endlich der „Morgen am Bahndamm", neu ausgenommen, leider aber in unvorteilhafter Beleuchtung hängend und infolgedessen nur unvollkommen zur Geltung gebracht.
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Hochschulnachrichten.
Zur Wiedrrbefetzung des durch den Weggang des Prof. M. Heidegger nach Freiburg erledigten Lehrstuhls der Pyilofopl'ie an der Universität Marburg ist ein Ruf an den a. o. Professor Dr. Erich Frank in Heidelberg ergangen. — Der durch die Emeritierung des Geh. DergratS St Dusch an der ünibet ität Münster erledigte Lehrstuhl der Mineralogie ist dem Privatdozenten Dr. Emil Ern st in Heidelberg angeboten worden. — Der Lehrstuhl der theorettschen Phvsi? an der Universität Halle ist dem a. o. Professor Dr. Adolf S m e k a I an der Llniversität Wien angeboten worden.
SasGehrimis drseM-WMMa-srchlges.
Japanische und britische Zeitungsinserate. — Das Inserat verrät den Volkscharakter. — Oie erfolgreiche „Kleine Anzeige". — Ein Weltreich im Spiegel des Inseratenteils einer Tageszeitung.
Von George Croppen.
Nichts ist aufschlußreicher, macht besser mit dem Charalter unb Den Gewohnheiten eines Volkes bekannt als ein eingehendes Studium seiner Zeitungen. Aber nicht nur der redaktionelle Teil der Blätter gewährt einen Einblick in bas Leben der Nation, auch die Inserate verraten, was den Zeitungslesern, also dem ganzen Volk Vergnügen bereitet ober sorgenvolle Stunden schafft. Die Japaner befleißigen sich z. B. in ihren Annoncen einer gehobenen, bilderreichen Sprache, die dem sentimentalen Volk besonders zu Herzen geht. Da schreibt eine Firma in ihrem Inserat: „Unsere Waren werden mit der Schnelligkeit einer Kanonenkugel expediert. Unser wundervolles Papier ist unverwüstlich wie eine Elefantenhaut. Unsere Pakete werben mit der liebevollen Feinfühligkeit behandelt, bje ein Bräutigam seiner entzückenden Braut gegenüber an den Tag legt". Ein anderer, scherzhaft gestimmter Fabrikant des östlichen Jnselvolkes teilt seinen Kunden mitt „Unser erstklassiger Essig übertrifft an Schärfe die gallige Laune der giftigsten Schwiegermutter". Ein Ver- lagsduchhändler preist leine Erzeugnisse dagegen weit poesievoller an: „Alles, was wir drucken," so lieft man in seinem Inserat, „ist klarer als Berg- krillaU, und bie von uns ausgewählten Autoren finb lieblicher und berückender als der Gesang eines zwanzigjährigen Mädchens. Kommt in unseren Laden, ihr seid willkommen und der besten Aufnahme sicher; denn unsere Angestellten übertreffen an liebenswürdigem Entgegenkommen einen Vater, der seine mitgiftlose Tochter an den Mann bringen will".
Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz als die Seele des östlichen und den Charakter bes westlichen Jnselvolks denken. Englische Inserate sind klar, nüchtern, sachlich. Man braucht nur einen Blick auf die erste Seite der „Times" zu werfen, um das bestätigt zu finden. Eng gedruckt erblich man da eine ungeheure Zahl kleinster Anzeigen, beginnend mit den Nachrichten über Ge- burt unb Tod, die niemals schmückende Beiworte enthalten. Schlicht wird mitgeteilt, daß hier ein Sohn, dort eine Tochter angekommen ist: niemals
m ».m li ul irm I l'T.TI
wird betont, daß das Kind zur Freude der Eltern groß und stramm ist, und ebenso versteht es sich von selbst, daß bei einem Todesfall die Hinterbliebenen den Verlust sehr beklagen, auch wenn es in der Anzeige nicht zu lesen ist. Man vermeidet auch, die Verdienste des Toten aufzuzählen; schmerzerfüllte Nachrufe findet man erst in der nächsten Rubrik, die die Ueberschrift „5 n M e m o r i a m" trägt, und in der man etwa folgendes lesen kann. „Dem geheiligten Andenken meines Freundes Smith, gestorben am 31. Januar 1908." — „Dem glorreichen Andenken des Kapitäns Scott, des Dr. Wilson, bes Kapitäns Dates, des Leutnants Bovers und des Unteroffiziers Evans, die, vom Südpol kommend, an der großen Eisgrenze ungefähr um diese Zeit vor fünfzehn Jahren ftarben. Meist fehlt die Unterschrift — selbst an solchen Kleinigkeiten erkennt man ben zurückhaltenden Charakter des Engländers.
Am merkwürdigsten ist zweifellos eine Rubrik der kleinen Anzeigen, die man regelmäßig in der „Times", aber auch in anderen großen englischen Zeitungen findet, unb bie bie Ueberschrift „Per- f o n a I" trägt. Da lieft man „21. M. — Sinb Sie böse mit mir?" — „Barty. — Telephoniere mich Dienstag ober Freitag um 10 Uhr an, aber bestimmt! Ich bin fertig!" Oder eine andere Anzeige: „29. — Angaben sind zu unbestimmt. — Bezeichnen Sie den Ort genauer und nennen Sie etwas, woran ich Sie erkennen kann." Rätsel über Rätsel werden dem neugierigen Zeitunasleser aufgegeben; es sind kurze Abschnitte aus Romanen, die das Leben selbst gedichtet hat, und von denen ein einziger Satz genügt, um unser Herz zu rühren. Da ist zum Beispiel ein Inserat, von einer Zeile: „Nellie. — Habe den Irrtum eingesehen. Möchte gern zurückkehren. — I." Daneben stehen dann Bitten um Unterstützung eines kranken Malers, Angebote von Händlern exotischer Tiere. — Aehn- liche Inserate gibt es natürlich auch in den Zeitungen anderer Länder; aber burch ihren unsenti- mentalen Ton, durch die Prägnanz ihres Ausdrucks unterscheiden sie sich doch wesentlich von Anzeigen, die man etwa in tschechischen, österreichischen oder


