Aus der Provinzialhauptsiadt.
Gießen, den 27. Februar 1928.
Vie Kultur des Schaufensters.
Da- Schaufenster ist Riveauspiegel und Re- Lamemagnet des Geschäfts zugleich. Das moderne Schaufenster ist nicht mehr wie zur Die- Lermeierzeit zugeschnitten auf den bedächtig schrei- Itenben Bürger, sondern auf den hastenden 2ler* venmenschen von heute. Ueberwunden ist glüd- Stcherweise zum Teil auch bereits die Epoche mner Dekorationskunst des Dielzuviclen und Olli* gubunten, die sich auf das Goethewort berief: ..Wer vieles bringt, wird manchem etwas dringen.“ Diese Art Rellamepsychologie hat sich überlebt. Um den schnellebigen Augenblicksmen- ichen unserer Tage, auf den ununterbrochen eine Unzahl der verschiedensten Sinnesreize ein- silürmt, zu faszinieren und den vorübereilenden rfiufo an die Stelle zu bannen, bedarf es einer xanz anderen Taktik, als die Auslösung chao- Vischer Massenwirkung. Das abgestunrpfte Stadt- xuge und Stadthirn zu fesseln und mit Beschlag cfu belegen, vermag nur eine vergeistigte Schau- |?nfterfunft, die bei größtmöglichster Klarheit und Uebersichtlichkcit in der Disposition eine packende Adee. ein frappierendes Motiv zu ästhetisch wohl- xcfälliger Ausdrucksform bringt und die jeweiligen Saisonbedürfnisse und a.tuell.n Tagesförderungen, mit einem Wort also: Das Ge- fi ch t der Zett schlagwortartig zufammenge'aßt widerspiegelt. Daß die suggestivcn Efsette mo- Lerner Echausensterkunst noch durch einen weiteren yaktor begünstigt werden, sei nur nebenher erwähnt. Dieser Bundesgenosse ist die heutige, Doch entwickelte abendliche Beleuchtungstechnik, die auf die große Masse noch immer nach dem alten Raturgesetz wirkt, das len Falter zum Licht hinzieht.
ES ist nur als erfreulich zu begrüben, daß die schreiendsten Auswüchse des „Sensations- schaufensters um jeden Preis" einer gewissen vornehmen Zurückhaltung in bezug auf szenischen Phantasiereichtum und Farbengebung Hlah gemacht haben. So steht die heutige Schau- fmflcrtultur im Begriff, neben rein geschäftlicher Oigenreflame als Selbstzweck sich auh der Auf- klärungs- und Erziehungsarbeit breitester Schichten der Bevölkerung als Mittel Äiim Zweck zuzuwenden. Denn je mehr ter deutsche ynnenmarft gezwungen ist, hochwertige Qualiläts- orbeit aus allen Gebieten zu liefern, um dem lAusland gegenüber konkurrenzfähig zu bleiben, um so eher bietet sich natürlich auch die Gelegen- Ieit, aus dem Wege der Schaufensterkunst dem
Publikum nicht nur ein reiches Lern- und An- hauungsmaterial zu übermitteln, sondern auch Deinen Form- und Farbensinn zu kultivieren und Keinen Blick für Geschmack und Geschmacklosigkeit, für Schund und Qualitätsarbeit zu schärfen. In Vieser Beziehung hat das Schaufenster eine Sulturmiffion in des Wortes bester Be- Deutung zu erfüllen.
Unfer neuer Roman.
Als neuen Roman des „Gießener Anzeigers", mit dessen Veröffentlichung wir In der morgigen Ausgabe unsere- Blattes beginnen werden, haben tuir das letzte große, erst vor kurzem erschienene 'Werk von Clara Diebig erworben, die ja unseren Lesern seit langem wohlbekannt ist, und Deren früher von uns abgedruckte Romane vielen noch in lebendigster Erinnerung stehen dürften. Cs ist heute nicht mehr nötig, für die starke Crzäblerkunst der Viebig zu werben: sie ist des Erfolges und einer ständig wachsenden, großen ■mb treuen Lesergemeinde gewiß. Auch dieses jüngste Werk,
„Die goldenen Berge", wird nicht wenig dazu beitragen, ihr zahlreiche neue Freunde zu gewinnen. Es ist ein Roman »on Weinbauern und Weinbergen an der Mosel. Cin Roman, der nicht am Schreibtisch, fern vom Böllerschuß der Traubenlese im Herbst, ersonnen Rind erklügelt ist, sondern aus der herben Wirklichkeit des täglichen Lebens heraus nieder- geschrieben wurde, in heißer Liebe zur Heimat, in überquellender Freude an der Schönheit deut- ßcher Landschaft und in tiefem Mitfühlen und Mitleiden mit der schweren Rot deutscher Men- ßhen. So entstand mit den „Goldenen Bergen"
ein IDttt, da- uns alle angeht, und besten unmittelbarer starker Wirkung sich niemand wird entziehen können.
Das Verhalten bei Notlandungen von Flugzeugen.
Unzweckmäßiges Verhalten der Bevölkerung bei Rotlandungen von Flugzeugen außerhalb von Flughäfen hat wiederholt die Beteiligten gefährdet: Es empfiehlt sich daher die Beachtung folgender Richtlinien:
1. Wenn ein Flugzeug landen will, muß das In der Landerichtung liegende Gelände frei- gemacht werden. Ein zur Landung ansehendes Flugzeug schwebt und rollt in der Regel mehrere hundert Meter, ehe es zum Stillstand kommt. Erscheint es unmöglich, einem landenden Flugzeug auszuweichen, so werfe man sich zu Boden.
2. Kinder sollten grundsätzlich ferngehalten, Tiere entfernt oder festgelegt werden.
3. Solange die Propeller laufen, ist die Annäherung an das Flugzeug mit Lebensgefahr verbunden und zu vermeiden.
4. In unmittelbarer Rähe gelandeter Flugzeuge ist wegen der Benzindämpfe der Motoren das Rauchen gefährlich und daher unbedingt zu unterlassen.
5. Unterftütjung der Flugzeuginsassen ist auf deren Verlangen oder soweit es die Umstände erfordern (z. D. bei Verletzung der Insassenerwünscht: den Anordnungen des Flugzeugführers ist im Interesse der Sicherheit von Leben und Eigentum Folge zu leisten.
6. Flurschaden ist zu vermeiden. Menschenansammlungen bei Rotlandungen verursachen häufig mehr Flurschaden als das Flugzeug selbst. Wegen der Schäden, die das Flugzeug verursacht Hot. ist der Grundeigentümer zur Feststellung des Flugzeughalters und Führers berechtigt: nach Feststellung der Persönlichkeiten darf der Weiterflug oder die Abbeförderung des Flugzeugs nicht verhindert werden.
Abendfeier der Volkshochschule.
Am 6am£t gabcnd versammelten sich Mitglieder und Freunde der Volkshochschule Gießen im großen Hörsaal der Unüxrfität zu einer Abendfeier. Das große Interesse an dieser Veranstaltung wurde in dem außerordentlich starten Besuch überzeugend sichtbar: der große Hörsaal war nahezu vollständig besetzt.
Der Vorsitzende des Vereins Volkshochschule, Prof. D r. Messer, eröffnete den Abend mit einer Ansprache, in der er in programmatischer Weise die Ziele der Dolkshochichularbeit und die Wege zur Erreichung dieser Ziele schilderte. Dieser bemerkenswerten Kundgebung wer- den wir morgen in einem besonderen Artikel Raum geben.
Anschließend sprach der Leiter der Volkshochschule, W. He gar, in fesselnder Weise über das Thema: „Volkshochschule und Dolkstu m". Um zu zeigen, daß die Volkshochschule von den ideologischen Wolkenhöhen ihrer Anfänge auf festen Boden gelangt sei, ging der Vortragende aus von der Frage: Warum brauchen wir Erwachsenenbildung? Diese ist notwendig, erstens weil die anderen Lehranstalten eine Reihe von pädagogischen Antizipationen (Vorwegnahmen) begehen oder auch vermeiden: für Religion, Geschichte, Familienpädagogik u. a. hat der Jugendliche bestenfalls verstandesmäßige, aber keine erlebensmäßigen Voraussetzungen: diese Dinge gehören daher in eine Schule für Erwachsenenbildung. Zweitens ist Erwachsenenbildung zu fordern, weil vielen Menschen in unserer Zeit ein Sinn ihres Lebens oder auch einzelner Lebensgebiete zweifelhaft geworden ist. Mit der bloßen Existenz, dem stumpfen Dahinleben, der reinen Erwerbsarbeit und dem Rausch können sich viele nicht begnügen. Diesen bietet die Volkshochschule eine geistige Lebenshilfe Dem von der Berufsarbeit seelisch Entleerten weist sie zum Ausgleich sinnvolle Freizeitgestaltung: wo der spezialisierten Berufsarbeit nicht ohne weiteres ein Sinn abgewonnen wird, sucht sie diese wenigstens als Tor zur Erkenntnis allgemeinerer Zusammenhänge schätzenswerter zu machen: in Schwierigkeiten des Familienlebens sucht die Gießener Volkshochschule u. a. durch eine Erziehungsberatungsstelle Hilfe zu leisten. Was hat das alles mit dem Thema „Volkshochschule und Volkstum“ zu tun? Sehr viel, wenn man bedenkt, daß damit die Wissenschaft im Denken des Laien fruchtbar werden soll: der Laie
verdankt so der Wissenschaft Einstchten, die er unmittelbar im Leben anwenden kann. So erwirbt sich die Wissenschaft auf einem neuen Wege Ehrfurcht, die etwas ganz anderes ist als abergläubische Scheu Ihre Beziehungslosigkeit gegenüber den anderen Gc bieten des Lebens wird damit in einem neuen Punkt aufgehoben, und das ist gleichbedeutend mit der Schaffung von Volkstum. Die Aufgabe der Volks Hochschule ist, die Enge des Werterlebens des heutigen Menschen zu überwinden, diese Enge läßt ihn die schwersten Widersprüche übersehen. Wir kommen so lange nicht zu Volkstum, als der Theoretiker nur der Wissenschaft, der Politiker nur der Politik, der Wirtschafter nur der Wirtschaft sich ernsthaft verpflichtet fühlt Recht entwicklungshemmend für das Volkstum ist, daß wir alle auf den verschiedensten Gebieten aus einem Gegensatzempfinden heraus Stellung nehmen. Die Volkshochschule hat echtes Werterleben, gleichviel welchen Inhalts, zu bejahen und zu wecken. Das und die Erweiterung des Werterlebens ist das Wesen ihrer Neutralität, das gegen jeden Fanatismus ebenso unduldsam ist, wie gegen das stumpfe Dahinlebcn, in dem auch noch nicht als Frage ein Sinn aufgegangen ist.
Anschließend las der Gießener Dichter und Träger des Büchnerpreises Dr. Alfred Bock den bekannten Abschnitt „Der Napoleon" aus „Schicksal und Schelme" vor, und bot damit den vielen Besuchern noch ein besonders wertvolles Erlebnis des Abends. Reicher Beifall dankte dem Dichter für seine schöne Gabe. Frau Heermann, am Flügel in feinsinniger Weise von ihrem Gatten Victor Heer- mann begleitet, bereitete schließlich den dankbaren Zuhörern noch eine Freude durch den seinen Gesang mehrerer Lieder von Schubert und Brahms. In verdientem Maße wurden auch diese beiden Künstler mit reichem Beifall belohnt.
Daten für Dienstag, den 28. Februar.
Sonnenaufgang 6.50 Uhr, Sonnenuntergang 17.36 Uhr. — Mondaufgang 10.15 Uhr, Monduntergang 1.45 Uhr.
1683: der französische Physiker Rsaumur in La Rochelle geboren (gestorben 1757): — 1833: der preußische General Alfred von Schliessen in Berlin geboren (gestorben 1913); — 1908: die Sängerin Pauline Lucca in Wien gestorben (geboren 1841).
Bornotizen.
— Tageskalender für Montag. Ra- turhcilvercin: 8 Uhr. Katholisches Vercinshaus. Gedächtnisfeier für Oberst Spohr. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Die schönsten Beine von Berlin". — Astoria-Lichtspiele: „Sühne".
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*• Don der Garnison. Unser Bataillon verläßt am morgigen Dienstag unsere Stabt, um sich nach dem Truppenübungsplatz Ohrdruf zur Erledigung des üblichen Winter-Gefechtsschießens zu begeben. Die Kompagnien marschieren gegen 7.45 Uhr von den Kasernen ab, die Abfahrt des Transportzuges vom oberhessischen Bahnhos aus erfolgt um 9.02 Uhr. Am 8. März kehrt das Bataillon hierher zurück.
" Straßensperrung. Die Landstraße Bellnhausen-Rähbrücke im Zuge der Straße Gießen — Marburg ist vom 25. Februar bis 3. März für sämtliche Fahrzeuge gesperrt. Umleitung: Bellnhausen— Fronhausen—Riederweimar—Gisselberg.
•* Plötzlicher Tod auf der Straße. Der Rachtwächter Heinrich Weber. Lahnstraße 3 wohnhaft, wurde heute früh auf der Straße von einem plötzlichen Tode ereilt. Der in der Mitte der 70er Jahre stehende Mann tat in der Gummifabrik von Poppe Dienst als Rachtwächter. Auch in der letzten Rächt war er seinem Berufe nachgegangen. Er befand sich heute früh in der sechsten Stunde aus dem Heimweg nach seiner Wohnung. Bei der Bahnüberführung an der Westanlage. Ecke Gabels- berger-Stratze. wurde er von einem Schlaganfall betroffen, wodurch er auf der Stelle verstarb. Passanten sanden gegen 7 Uhr den bedauernswerten Mann auf der Straße tot vor. Rach Feststellung der Personalien wurde die Leiche zur Bestattung freigegeben.
** Giftmord an Hunden Am Freitag wurden in der Gegend des Riegelpfades und der Ludwigstraße drei wertvolle Hunde mit Strychnin vergiftet, von denen zwei an den Folgen eingegangen sind, während ein deutscher Schäferhund noch zu retten sein wird. Man hat wegen des Täters Verdacht.
•* Abfindung von U nfallrenteit In Nr. 4 der ,,Reichsgesetzblattes " ist unter dem 10. Februar eine Verordnung über die Abfindung von Unfallrenten erlassen. Die Verordnung ermächtigt die Träger der Unfallversicherung, Verletzte zwecks Erwerbs von Grundbesitz oder zur wirtschaftlichen Stärkung ihres bereits vorhandenen Grundbesitzes durch Kapital abzufinden. Anträge sind an die Berufsgenossenschaft, ober an die Aus- sührungsbehörde zu richten, von der der Verletzte seine Rente erhält. Hinterbliebenenrenten sind zur Abfindung noch nicht zugelassen.
•• Auftrieb auf dem heutigen Frank f u r t e r Schlachtviehmarkt: 277 Ochsen, 79 Bullen, 575 Kühe, 327 Färsen, 549 Kälber, 79 Schafe, 6032 Schweine.
Berliner Börse.
B e r l i n, 27. Febr. (WTB. Funkspruch.) Im heutigen Frühverkehr herrscht Montagsstimmung. E? ist wenig zu hören. Die Spekulation bleibt zurück haltend und abwartend. Man taxiert die Kurse etwa behauptet, I.-G.-Farben etwa 256 bis 256,5. Am Devisenmarkt hört man Paris gegen London 124,02, Mailand 92,10 bis 92,175, Madrid 28,80 bis 28,83. London gegen Kabel 4,8780 bis 4,8790
Buntes Allerlei.
Die Kuh im ultravioletten Licht.
Je mehr man die Bedeutung der Vitamine für die Ernährung erkennt, desto eifriger ist man beflre'-t, diese wichtigen Stof e den Rah- rungSmitteln zu sichern. Run wfih man aber bisher über die Entstehung und den chemischen Aufbau der Vitamine noch wenig. Wahrscheinlich ist nur die Pflanze unter dem Einfluß deS Sonnenlichts in der Lage, diese Stoffe zu bilden: vielleicht entnimmt sie sie sogar dem Ackerboden. in f"m sie unter dem Einfluß der Bakterien entstehen. Ja die grünen Pslan .en die wichtigsten Vitaminlieseranten sind, so ist die Frage für die Landwirtschaft von großer Bedeutung, denn man wünscht natürlich, durch Derftitterung vitaminreicher Stoffe die Produkte des Ruhviehs und besonders des Milchviehs zu verbessern. Ueber Versuche, die zu diesem Zwecke unternommen worden sind und einen großen volkswirtschaftlichen Wert haben, berichtet F. Hon- camp in einem Aussatz der „Raturwis'enschaften". der sich mit agrikulturchemischen Problemen beschäftigt. Die Tatsache, daß durch Bestrahlung mit der Quarzquecksilberlampe das gegen die „englische Krankheit" so wirksame Vitamin D erzeugt werden kann, mußte zu der Prüfung der Frage führen, ob künstliches ultraviolettes Licht den O-Vitamingehalt der Milch beeinflußt. Daß die Fütterung brr Milchtiere dafür wichtig ist, ergab sich aus der Tatsache daß bei der Ver- füttcrung von frischem grünen Gras ein Ansteigen der heilsamen Wirkung erzielt wurde. Roch günstiger waren die Erfolge, wenn die Kuh gleichzeitig auf die Weide ging, also der Sonnenbestrahlung ausgesetzt war. Man hat dann weiter versucht, die Kühe mit Quecksilberlampen zu bestrahlen und längere Zeit unter ultraviolettes Licht zu bringen. Dabei konnte festgestellt werden, dah die Milch einer solchen ultraviolett beleuchteten Kuh im Rattenversuch stark anfirachitisch wirkte, also besonders hohe gesundheitliche Werte enthielt, während die Milch einer im Stall gehaltenen und nicht bestrahlten Kuh unwirksam war. Als man aber nun die Milch direkt bestrahlte, zerstörte man damit zwei andere lebenswich fige Crgänzungsstof'e, nämlich die Vitamine A und C. Es kommt also für die Anreicherung der Milch mit dem Ö-Vitamin nur die Bestrahlung der Milchtiere in Betracht; diese aber wird für die künftige Milcherzeugung von außerordentlichem Ruhen fein.
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Xlns a5cr verpflichtet dieser Narne/mnnor aufs neue das vertrauen zu recsttfer- figen, welches unzästttge Rauester uns entgegenbringen. - Unsere
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